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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Brauchen hyperaktive Hunde Ritalin? Neue Studien über den besten Freund des Menschen

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Auch Hunde können unter ADHS leiden. Ein Tierarzt beschreibt nun einen spannenden Fall in einem Fachmagazin. Auch andere neue Studien geben Einblick in das Zusammenleben von Hund und Halter.

Auch wenn es für viele Nicht-Hundehalter gewöhnungsbedürftig klingt: Brandneu ist die Frage, wie man das Verhalten von hyperaktiven Hunden beeinflussen kann, in der Veterinärmedizin nicht. Das räumt auch Pasquale Piturru ein, der jetzt in der Fachzeitschrift „Tierärztliche Praxis Kleintiere/Heimtiere“ einen Artikel mit dem Titel „Anwendung von Methylphenidat bei Hunden mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ veröffentlicht hat. Schon in den siebziger Jahren, schreibt Piturru, ein Tierarzt aus Pinneberg, sei ADHS beim Hund beschrieben worden. Schon bald habe man dann eine Behandlung mit Amphetaminen in Betracht gezogen. „Der Begriff ADHS beim Tier wurde besonders Anfang der 1990er Jahre durch die Untersuchungen an Ratten geprägt“, führt Piturru aus und erinnert damit an eine Publikation über ein Ratten-Modell für Hyperaktivität, die 1993 im Journal „Physiology & Behavior“ erschienen ist. Piturru nun stellt in seinem aktuellen Artikel die Frage, ob Methylphenidat, das Arzneimittel, das besser unter dem Handelsnamen „Ritalin“ bekannt ist und viel für Kinder mit ADHS verwendet wird, bei hyperaktiven Hunden sinnvoll einsetzbar ist. Er diskutiert dafür den Fall einer Patientin, einer zehn Monate alten Weimaraner-Hündin mit „extremer Hyperaktivität und Unruhe, begleitet von Konzentrations- und Lernstörungen“. Das Antidepressivum Fluoxetin half dem Hund nicht, daraufhin wurde Ritalin verabreicht. „Mit dieser Medikation wurde das Tier ruhig und zeigte erstmals ein normales Verhalten“, bilanziert der Veterinärmediziner Piturru, der allerdings begleitend eine Verhaltenstherapie verordnete. „Sie wurde konzentrations- und aufnahmefähig und konnte weiter am Training in einer Hundeschule teilnehmen.“

Mops mit Wolfshund (Foto dpa)

Also alles gut dank Ritalin – auch bei Hunden? Das ist keineswegs das grundsätzliche Fazit des Tierarztes aus Pinneberg, auch wenn er einräumt, dass das Mittel bei der Hündin anschlug. Er beschreibt aber auch, wie er das Ritalin langsam absetzte – und die Hündin trotzdem weiter normales Verhalten zeigte. Offenbar entwickelte sie sich nicht nur aufgrund des Medikamentes positiv, sondern auch aufgrund eines speziellen Pheromon-Halsbandes, das bei Ängsten gut wirkt. Piturrus Fazit ist: „Im Fall einer Verhaltensstörung sollte eine medikamentöse Therapie nur als Begleitbehandlung einer Verhaltenstherapie dienen, um diese zu erleichtern, zu verkürzen und zu verbessern.“

Auch andere Fachzeitschriften befassen sich in diesen Tagen mit Hunden, ihren Haltern und deren komplexem Zusammenleben. Besonders häufig vertreten sind Fragen rund um Parasiten und Zoonosen, also übertragbare Krankheiten, die möglicherweise auch dem Menschen gefährlich werden können. 0,78 Zecken pro Monat befallen einen Hund, ergab etwa eine Studie im Raum Berlin/Brandenburg, die im Journal „Ticks and Tick-Borne Diseases“ erschienen ist. Mehr als 400 Hunde wurden in die Studie aufgenommen. Am meisten von Zecken befallen wurden sie im Oktober, am seltensten gebissen im Dezember. Zwei Drittel der Zecken hatte man von Hunden abgesammelt, die nicht korrekt mit antiparasitären Mitteln behandelt worden waren. Aber ein Drittel stammte auch von Hunden, die man eigentlich ausreichend präpariert hatte.

Ein anderes parasitäres Problem behandeln Wissenschaftler im Magazin „Parasites & Vectors“: die Herzwurmerkrankung des Hundes, ein gerade in Deutschland drängendes Problem. Die Autoren befragten Tierärzte in Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Italien. Vertreten waren viele Gegenden, in denen der Parasit Dirofilaria immitis noch nicht regelmäßig auftritt, aber auch Regionen, in denen er als „endemisch“ gilt; letztere lagen in Frankreich, Spanien und Italien. Die meisten Fälle träten in endemisch betroffenen Regionen auf, erstaunlicherweise hätten allerdings 20 Prozent der deutschen Tierärzte Fälle zu Protokoll gegeben. Das ist mehr als in den endemisch betroffenen Regionen. Bisher hat man Deutschland hier nicht eingeordnet. Allerdings gab es in der jüngeren Vergangenheit schon mehrfach Warnungen, der Parasit könne hierzulande zunehmen. Er wird über Stechmücken übertragen und siedelt sich im Erwachsenenstadium im Herzen oder den großen Blutgefäßen des Herzens an. Es können sich einige andere Tierarten anstecken – in seltenen Fällen auch der Mensch.

Positiver sind da die Nachrichten, die aus „Anthrozoös“ stammen, einem der bekanntesten Journals zur Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung. Ein Team um Erika Friedmann von der University of Maryland beobachtete 63 Probanden zwischen 50 und 83 Jahren, die Medikamente zur Blutdrucksenkung nahmen. 32 hielten ein Tier, 31 nicht. Die Teilnehmer wurden mit einem Gerät ausgestattet, das über den Tag verteilt alle 20 Minuten den Blutdruck maß. Es wurde auch registriert, welchen Aktivitäten die Teilnehmer jeweils nachgingen. Die Anwesenheit eines Hundes senkte den Blutdruck deutlich. „Unsere Befunde legen nahe, dass Haustiere, besonders Hunde, ein effektives Hilfmittel sein könnten, um die Entwicklung oder das Fortschreiten von Bluthochdruck bei ältere Menschen einzudämmen“, ist das Fazit der Autoren.

Ein Allheilmittel ist der Hund aber nicht, oder anders gesagt: Er ist nicht das einzig in Frage kommende Heilmittel. Das zeigte ein Team von der Universität Erfurt in „Anthrozöos“. Die Autoren David Buttelmann und Anne-Kristin Römpke setzten Studenten unter Stress; die Probanden mussten einen Vortrag halten. Danach wurden sie fünf Minuten in Ruhe gelassen – entweder allein in einem Raum oder mit einem Hund, einem Fisch oder eine Pflanze. Entspannter waren nur die Probanden, die mit einem Lebewesen Zeit verbracht hatten. Es war dabei aber egal, ob mit Hund, Fisch oder Pflanze.

 

 

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2 Lesermeinungen

  1. Darauf hab ich nur gewartet, weder Hund noch Kind
    Sie brauchen (sinnvolle) Beschäftigung, also so etwas wie eine Aufgabe (mit positiver Zuwendung natürlich).

  2. Konnte man den Artikel...
    …nicht zum 1. April online stellen?

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