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Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Uralte Katze, dementer Hund

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Svenja Joswig war Anfang zwanzig und studierte in Hannover, als ihr zum ersten Mal auffiel, wie sehr ein Haustier, das in die Jahre kommt, das Leben seiner Halter verändern kann. Damals löste sich Joswigs Wohngemeinschaft nach drei Jahren auf, weil ihre Mitbewohnerin in eine ebenerdige Wohnung umziehen musste: Ihr alter Hund hatte so große Gelenksprobleme, dass tägliches Treppensteigen nicht mehr zumutbar erschien.

Wenige Jahre später erlebte Joswig selbst, wie schwierig das Leben werden kann, wenn man ein alterndes Haustier hat. Als Joswig zehn war, hatte sich die Familie den Labrador-Schäferhund-Mischling Momo zugelegt. Mit dem Älterwerden bekam die Hündin chronische gesundheitliche Probleme. „Man konnte unsere Hündin nach einiger Zeit nur noch an ebenerdige Orte mitnehmen und teilweise musste sie nachts rausgelassen werden, weil sie Harn und Kot nicht mehr lange halten konnte“, erinnert sich Joswig. Damals begannen nicht nur pflegeintensive Jahre für die Hundehalterin. Auch die Diskussionen mit Freunden und Verwandten waren konfliktreich. „Von außen hörte man oft: Der Hund ist alt, der kann doch nicht mehr!“, sagt Joswig. Die Tierärzte waren unterschiedlicher Meinung: Einer riet zur Einschläferung, eine andere reagierte kritisch, als Joswig sich schließlich für die Einschläferung entschied, als der Hund fünfzehn Jahre alt war und trotz Operationen immer wieder Tumoren und schwere Gelenksprobleme hatte. „Man ist teilweise allein mit der Entscheidung und muss sie immer verteidigen“, sagt Joswig.

Wie sich das Tier im Alter verändert, wissen viele Halter nicht© dpaWie sich das Tier im Alter verändert, wissen viele Halter nicht

Was bei anderen Hundehaltern nur Stoff für persönliche Erinnerungen und Erzählungen im Freundeskreis gewesen wäre, wurde für Svenja Joswig ein Thema, das sie bis heute, drei Jahre nach Momos Tod, begleitet. Das hat vor allem mit ihrem Beruf zu tun: Joswig ist Tierärztin. Vor zwei Jahren machte sie in Hannover Examen, Ende 2014 legte sie dann ihre Dissertation vor. Ihre Studie „Die Zukunft liegt im Alter“ ist eine umfassende Forschungsarbeit über die tiermedizinische Geriatrie (Altersheilkunde) und ihre Chancen in einer Gesellschaft, in der die meisten Haustiere – von Hund und Katze bis zum Pferd – immer älter und die Beziehungen der Halter zu ihren Tieren gleichzeitig immer enger werden. Vor wenigen Tagen schließlich ging Joswigs Facebookseite „Tiermedizinische Geriatrie“ online. Sofort meldete sich eine Unternehmensberatung bei der 28-Jährigen. Bisher hat zwar kaum jemand anderes neben Joswig in Deutschland die Entwicklung der Tier-Geriatrie so umfassend erforscht. Aber auch andere Branchenexperten haben offenbar ein Gespür dafür, dass die Altersmedizin für Tiere ein zukunftsträchtiges Feld sein könnte: lukrativ und irgendwann nicht mehr wegzudenken aus tiermedizinischen Praxen oder den Sortimenten der Futter- und Zubehörindustrie.

Kein Wunder: Seit den siebziger Jahren hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Katzen auf etwa fünfzehn Jahre verdreifacht, bei Hunden hat sie sich innerhalb weniger Jahre fast verdoppelt. In einer Studie von 1996 wurden Hunde bereits im Schnitt zehn Jahre alt. Das maximale Alter lag bei 21 Jahren, fast acht Prozent wurden 15 Jahre alt. Auch die Lebenserwartung von Pferden ist gestiegen.

In den Vereinigten Staaten, auch das zeigt Joswig in ihrer Arbeit auf, entwickelte sich schon in den achtziger Jahren eine Tier-Hospizbewegung, in der man versucht, das Konzept des „End of life care“ für alte, chronisch kranke Haustiere auf eine wissenschaftlich basierte Grundlage zu stellen. Das erste „Tier-Hospiz-Symposium“ fand im Jahr 2008 statt, ein Jahr später gründete sich die „International Association for Animal Hospice and Palliative Care“. Die Protagonisten der amerikanischen Tier-Hospizbewegung sind vielfach Tierärzte, sie propagieren unterschiedliche Modelle – von palliativer Betreuung, die der Halter unter tierärztlicher Supervision bei sich zu Hause durchführen kann, bis zu einer Rundumbetreeung nach stationärer Aufnahme, die große tiermedizinische Zentren anbieten. Derartige „Hospice Care“ ist in der Tiermedizin nicht nur für die unmittelbar letzten Tage und Wochen vor dem Tod vorgesehen. Es geht eher darum, es dem Besitzer zu ermöglichen, ein chronisch krankes Tier auch während längerer Zeiträume zu betreuen und ihm dabei physischen Schmerz und Unwohlsein möglichst zu ersparen. Er muss also lernen, wie er Juckreiz, Übelkeit oder Verstopfung bei seinem Tier „managen“ kann; es geht in den Fällen sterbenskranker Tiere nicht um die Heilung an sich. Bis zur Entwicklung der Hospiz-Angebote habe es nur die aggressive „Behandlung-um-jeden-Preis“ für schwer kranke Tiere gegeben – oder die direkte Einschläferung, „mit praktisch nichts dazwischen“, schrieb Kathryn Marocchino von der California Maritime Academy im kalifornischen Vallejo in einem Aufsatz über die Geschichte der Tier-Hospizbewegung.

Die Katze: bei den einen Gast im Garten, bei den anderen Familienmitglied© dpaDie Katze: bei den einen Gast im Garten, bei den anderen Familienmitglied

Diese beiden Pole reichen nicht mehr, seitdem die Beziehung zwischen Tier und Halter so eng und vielschichtig geworden ist. Die amerikanischen Hospizexperten empfehlen deshalb auch, ein dichtes Netz aus Helfern und Experten um den Halter und sein palliativ versorgtes Tier zu weben: Für den Notfall sollen Adressen von Psychotherapeuten oder Geistlichen vorrätig gehalten werden; ist der Besitzer berufstätig, sollen qualifizierte Tier-Sitter in der Region rekrutiert werden, die sich auf die besonderen Bedürfnissen alter und kranker Tiere einstellen können. Vor allem muss der Besitzer selbst geschult werden, etwa darin, Medikamente zu verabreichen oder die gelähmte Harnblase des Tieres auszudrücken. Er soll außerdem Hilfsmittel an die Hand bekommen, zum Beispiel Unterstützungsgeschirre für das Treppensteigen.

„Dass es solche Hilfsmittel wie diese Geschirre gibt, müssen Tierhalter überhaupt erst einmal wissen“, sagt Joswig. Sie glaubt, dass vor allem Tierärzten in Zukunft eine wichtige Beratungsfunktion zukommt, wenn immer mehr Menschen von den Herausforderungen eines Lebens mit uraltem Tier überrascht werden und dann versuchen, den Alltag neu zu organisieren. „Es schränkt einen schon ein, wenn der Hund keine Treppe mehr steigen kann“, sagt Joswig. „Ich persönlich habe, als der Hund jung war, auch mit vielem gar nicht gerechnet, was auf einen dann später zukommt.“

Zu dem, was auf Halter zukommt, gehören auch kognitive Defizite: Der kanadische Veterinärmediziner Gary Landsberg hat sich auf dieses Feld spezialisiert und stellte in mehreren Studien fest, dass alte Hunde oft in der Nacht aufwachen, exzessiv bellen, oder unsauber werden. Alte Katzen schreien viel oder werden ruhelos. Manche Verhaltensänderungen können allerdings auch ganz andere Ursachen haben – und würden vielleicht sogar eher auf Behandlung ansprechen, als es bei Senilität der Fall ist. „Kognitiven Abbau muss man klar abgrenzen von schmerzbedingten Veränderungen“, sagt Joswig. „Wenn ein Tier etwa wegen Arthritis chronische Schmerzen hat und deshalb aggressiv wirkt, wird das oft verwechselt mit einer  altersbedingten Eigensinnigkeit. Ich glaube, dass gerade chronische Schmerzen oft nicht erkannt werden. Tierbesitzer sind in dieser Hinsicht auch oft überfordert.“

Große Hunde gelten früher als "geriatrisch" als kleine© dpaGroße Hunde gelten früher als „geriatrisch“ als kleine

Noch lassen sich offenbar nur wenige gezielt helfen. Joswig schreibt, dass Halter mit alternden Tieren sogar seltener zum Tierarzt gehen als mit jungen. Und noch seien die Zeiten auch im Umbruch, in der Sprechstunde habe man es mit zum Teil völlig konträren Einstellungen zu tun, sagt Joswig, die in einer Tierarztpraxis im Raum Osnabrück arbeitet. „Bei einem Halter lebt die Katze ausschließlich draußen und ist ihr Leben lang größtenteils auf sich allein gestellt, bei dem anderen ist sie ein Familienmitglied, wird optimal gefüttert und regelmäßig zum Tierarzt gebracht.“

Doch da die Beziehung insgesamt enger werde, könne man davon ausgehen, dass die Tier-Geriatrie in Deutschland in den kommenden Jahren massiv Einzug halten werde. „Irgendwann wird es geriatrische Schwerpunktpraxen für Haustiere geben“, ist sich Svenja Joswig sicher. “ Und ich glaube, dass in Deutschland auch eine Hospizdebatte entstehen wird.“

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8 Lesermeinungen

  1. Da kann keine schnelle Antwort gegeben werden
    Es gibt nämlich Menschen mit schmalen Geldbeuteln,die sich eine OP am Tier vom Mund absparen, oder sich schlicht nicht leisten können. Wie müssen die sich fühlen,wenn der Tierarzt das leidende alte Tierchen nicht einschläfern will und sie statt dessen teure Medikamente kaufen muss. Aber doch genau weiß,dass ihr Tierchen eigentlich auch mit der Versorgung sterben muss….

  2. Herr Wittig
    Besten Dank für Ihren Beitrag, der sagt alles.
    Wir haben auch einen Hund (Malinnoire-ein Zweig des Schäferhundes),
    ist jetzt im Oktober dann 11 Jahre alt (jung?). Unser Hund kann den ganzen Tag im Freien rumrennen, schläft auch Draußen auf der überdachten Terasse. Hat seit einiger Zeit als Polster ein Sitzkissen für Klappstühle. Rennt jetzt nicht mehr ganz soviel rum, ist aber immer noch auf Zack. Erledigt mal so nebenbei andere Tierchen, die sich in den Innenhof wagen (war auch schon eine Katze dabei) und verteibt so manchen zu neugierigen Nachtwanderer durch das laute Bellen direkt am Hoftor. Unser Hund wird uns eines Tages sehr fehlen, das ist jetzt schon sicher. Aber Dahinsiechen lassen wir unseren Hund dann bestimmt nicht.

  3. Aber die Natur verlangt ihr Recht, ...
    mit Recht.
    Geriatrie für die Heimtiere soll sein, muss sein. Aber nur soweit, wie es einem echten Gesundheitsbedürfnis des Tieres gerecht wird.
    Merke auf: pekuniäre Interessen der Tierärzte und gewisser Unternehmen sind eine Macht: Nimm, solange die Träne rinnt!
    Ethischer Gradmesser des Tierhalters sollte sein, welches Schicksal seinem Tier in der freien Natur bereitet werden würde…
    Diese Betrachtung ist schon deshalb gerechtfertigt, weil der Mensch sein Haustier dem Wirken der Natur entzieht. Vielleicht wäre es dort nicht so krank, aber würde mit Sicherheit nicht so alt werden. Es liegt eben in der Natur der Tiere, dass die Fehe Omas zahnlos gewordene Miezi eines Tages für die Ernährung ihrer Jungen …
    In der städtischen Heimtierhaltung ist die biologische Regulierung nicht gegeben, aber um so deutlicher die Hygiene im Zusammenleben von Tier und Mensch. Wie in der Hegejagd sollte sich der Tierhalter verantwortungsbewusst diesem Problem stellen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Bernard del Monaco

  4. Aber die Natur verlangt ihr Recht, ...
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  5. Mir scheint, die Tiere werden besser behandelt als die Mehrzahl der Menschen
    auf dieser Erde!

  6. Prediger 3:19
    „Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel.“ – Die beste Betreuung für alte Haustiere ist die gleiche wie für alte Menschen: Viel Zeit, viel Liebe und gute ärztliche Unterstützung. Mehr braucht es nicht, mit weniger geht es nicht.

  7. Ein Tier muss ein Tier bleiben!
    Der aufgeklärte Mensch in Deutschland im Jahre 2015 sollte eine „gesunde“ Einstellung gegenüber dem Haustier haben.Ein Tier muss ein Tier bleiben,kann aber selbstverständlich ein vollwertiges Mitglied der Familie sein.

    Wenn der Zeitpunkt gekommen ist Abschied zu nehmen,sei es aus Altersgründen oder aufgrund schwerer Erkrankungen sollte man auch keine menschlichen Richtlinien zum Ableben des Tieres anlegen.Es fällt natürlich schwer einen treuen Freund gehen zu lassen,aber dem Tier steht auch ein artgerechtes Ende zu. Der Hund oder die Katze können uns ihr Leid nicht direkt mitteilen, daher ist eine künstlich aufoktroyierte Lebensverlängerung nicht erstrebenswert.Die durchschnittliche Lebenserwartung der geliebten Vierbeiner ist eben kürzer,als ein Menschendasein. Das sollte jeder Mensch im Voraus bedenken.

    Die Autorin schreibt selber,dass eine ganze Armada von Individuen und Industrien nur darauf warten,aus der „Altersmedizin“ und deren Anhängen ein weiteres riesiges Geschäft zu machen.Der wahre Tierfreund sollte hier gegensteuern und diese Entwicklung schon im Kein ersticken.

    Überhaupt hat vieles,was heute unter dem Deckmantel der Tierliebe läuft,eher mit den sozialen Problemen der Halter in unserer Gesellschaft zu tun.Einsamkeit und Langeweile sowie Kommunikationsschwierigkeiten lassen viele Betroffene in ihrer Not auf das hilflose und widerstandslose Tier zurückgreifen.

    In urbanen Bereich sieht man heute fast an jeder Ecke eine ältere Dame in Begleitung eines rattenähnlichen Zitterhundes, der als Dauerbelohnung Pralinen aus einer vergoldeten Messingdose erhält,dadurch aber Probleme hat, überhaupt zwanzig Meter am Stück zu Laufen.Andere „Putzi-Putzi-Hunde“ leiden unter Atemnot durch Kurzschnäuzigkeit und Glupschaugen mit stark erhöhten Innendruck und dürfen niemals über eine schöne große Frühlingswiese rennen, mit all ihren Düften und Gerüchen.

    Wenn schon der Alltag für viele Hund und Katzen nichts mit einer artgerechten Haltung zu tun hat, sollte man wenigstens auf den allerletzten Abschnitt der Tiere Rücksicht nehmen und dem Leben seinen Lauf lassen.

    Es muss jetzt nicht auch noch „Siechenheime“ für Tiere geben. Die Belastungen und Nöte der menschlichen Bewohner in diesen Institutionen sind hinlänglich bekannt,man sollte es den Tieren nicht auch noch antun.

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