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Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Kühe, Kälber und der Konsument

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Fast sechzig Jahre gibt es ihn schon: Den internationalen „Tag der Milch“, der meist am 1. Juni begangen wird. So auch heute. In den ersten Jahrzehnten, in denen die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und der Internationale Milchwirtschaftsverband IDF an diesem Tag für Milchverzehr warben, kursierten Slogans wie „Die Milch macht `s“ oder sogar noch der alte Fünfziger-Jahre-Werbespruch „Milch macht müde Männer munter“ unwidersprochen. Doch inzwischen wird allerorten am Image der Milch gekratzt. Nicht nur Tierrechtler äußern Kritik – wie etwa Animal Rights Watch mit der Kampagne „Sag Nein zu Milch“. Nein, Milchskepsis ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht erst, seit vor wenigen Monaten eine schwedische Studie aufsehenerregend nachwies, dass „drei Gläser Milch täglich zu verfrühtem Tod“ führen. Das hatten Wissenschaftler der Universität Uppsala aus Daten von mehr als 100.000 Probanden herausgelesen. Auch das Knochenbruchrisiko der Probanden, die viel Milch tranken, soll erhöht gewesen sein – Ergebnisse, die in vielen Medien aufgegriffen wurden.

Kuh und Kalb: So sollte es sein, fordern viele Konsumenten© dpaKuh und Kalb: So sollte es sein, fordern viele Konsumenten

Schwerer noch wiegt aber wohl die Sorge um das Wohlergehen der Tiere. Nach Masttieren und Legehennen sind nun auch Milchkühe in den Fokus von Konsumenten gerückt, die sich für Tierschutzfragen interessieren. Agrarexperten beschäftigen sich inzwischen mit dem „Marketingtrend Weidemilch“. Eine repräsentative Befragung in Deutschland zeigte 2014, dass mehr als die Hälfte der Konsumenten die Haltungsbedingungen von Kühen beim Milchkauf relevant finden. Schnell sollte sich die Molkereiwirtschaft auf Standards für „Weidemilch“ einigen, raten die Autoren dieser Untersuchung aus Göttingen. Ansonsten besteht sogar ein „unkalkulierbares Medienrisiko“. Dann etwa, wenn herauskommt, dass Kühe, die „Weidemilch“ geben, gar nicht den ganzen Tag oder das ganze Jahr auf der Weide stehen. Wer Weidemilch kauft, will sicher sein, dass es den Tieren wirklich gut geht. Konsumenten könnten sich sonst ähnlich betrogen fühlen wie in den Fällen in der Vergangenheit, wenn Eier aus Käfighaltung fälschlich als Freilandeier deklariert worden waren.

Auch Milch und Milchprodukte werden also zunehmend zu einem kritisch beäugten Lebensmittel. Selbst die Frauenzeitschrift „Brigitte“ brachte vor vier Wochen einen Artikel über Wasserbüffelhaltung, in dem Mozzarellakonsumenten aufgerufen wurden, den Käse nur zu kaufen, wenn er von kleinen Höfen stammt, wo die Büffel „artgerecht im Familienverband und mit Zugang zu Schlammkuhlen“ gehalten werden – statt zusammengepfercht im Stall leben zu müssen.

Zu einem der größten – und ungelösten – Imageprobleme scheint aber die Trennung von Kuh und Kalb avanciert zu sein. Während noch vor wenigen Jahren vielen Menschen gar nicht bewusst war, dass Kühe nur Milch geben, wenn sie ein Kalb bekommen, dass sie also jedes Jahr erneut ein Kalb zur Welt bringen müssen, ist das Bewusstsein hierfür im Zuge des Veganismus-Trends gewachsen. So sehr, dass die Welttierschutzgesellschaft hierauf einen Schwerpunkt ihrer aktuellen Kampagne „Kuh plus du“ setzt. Den kritischen Konsumenten reicht es nicht mehr, garantiert zu bekommen, dass die Milch aus kuhfreundlicher Haltung mit Weideauslauf, modernem Stall und Biofutter stammt. Zusätzlich ist eine Debatte darüber entstanden, ob es überhaupt noch vertretbar ist, dass Kuh und Kalb nach der Geburt getrennt werden. Das in jedem Bioladen ausliegende „Demeter Journal“ diskutierte diese Frage vor wenigen Wochen und stellte einen Betrieb vor, der muttergebundene Kälberaufzucht praktiziert. Und die Welttierschutzgesellschaft präsentiert auf ihrer Kampagnenwebsite gleich eine ganzer Liste solcher Betriebe.

Moderne Kälberhaltung: Vom Menschen gefüttert, nicht von der Mutterkuh© dpaModerne Kälberhaltung: Vom Menschen gefüttert, nicht von der Mutterkuh

Dass in der Kalb-Kuh-Trennung ein wunder Punkt der Milchwirtschaft liegt, zeigte schon vor anderthalb Jahren eine Studie im „Journal of Dairy Science“. Kanadische Wissenschaftlern stellten Probanden die Frage „Sollten Kälber aus Milchbetrieben in den ersten Stunden nach der Geburt von der Kuh getrennt werden?“ Alles in allem antworteten 48 Prozent und somit fast die Hälfte mit „nein“. Interessant war aber insbesondere die Zusammensetzung der Gesamtprobandengruppe: Darunter waren Tierärzte, Tierschutzaktivisten, Unbeteiligte, aber vor allem Mitarbeiter der Milchindustrie. Als noch einmal 30 Probanden bei einer Konferenz der Molkereiindustrie zusätzlich befragt wurden, lautete die Antwort tatsächlich in fast einem der Drittel der Fälle „nein“, ein gutes Fünftel war „neutral“, der Rest wollte Kälber und Kühe weiter trennen. Die Befürworter der Trennung begründeten ihre Haltung unter anderem damit, dass eine spätere Trennung zu belastend ist, weil sich dann schon ein stärkeres emotionales Band gebildet hat. Die Gegner der Trennung argumentierten, dass die Trennung emotionalen Stress für Kuh und Kalb bedeutet, dass die Gesundheit von beiden beeinträchtigt wird, dass es unnatürlich ist – und schlicht, dass die Industrie in der Lage wäre, die Haltung von Kuh-Kalb-Paaren zu ermöglichen.

 

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18 Lesermeinungen

  1. Abartige industrielle Milch- und Wiener Schnitzel Produktion
    Hatte kürzlich beim Spaziergang eine Kuh beobachtet, die pausenlos erbärmlich brüllte und den Bauern gefragt, was mit ihr los sei. Seine Antwort, sie ruft nach ihrem Kalb, das er ihr zuvor weggenommen hatte. Diese moderne Milchwirtschaft ist sowas von abartig: Kühe müssen stets aufs Neue besamt werden, damit sie massenhaft Milch produzieren und der Mensch ein Wiener Schnitzel bekommt.

    • Natur
      In der Natur ist die „Zwangsbesamung“ die Regel und wird vom Hormonhaushalt gesteuert. Zumindest habe ich es noch nicht erlebt, dass Bulle und Kuh sich zusammensetzen und einen gemeinsamen Familienplan aufstellen und ausdiskutieren, wann und wie viele Kälber im Laufe des Lebens gezeugt werden sollen. Aber ich weiß ja nicht, was Sie auf Ihren Spaziergängen so alles beobachten ;)

    • @Stefan Klein
      Ihren Beitrag habe ich nun wirklich nicht verstanden. Was hat „Zwangsbesamung“ mit Natur zu tun ? Das ist doch völlig unnatürlich – diese Milchkühe haben i.d.R. noch nie in ihrem Leben einen Bullen gesehen.

    • Unterschied
      Sie machen also einen expliziten Unterschied zwischen der Besamung durch einen (~ 1 Tonne schweren) Bullen und durch einen Tierarzt? Die obige Aussage „Kühe müssen stets aufs Neue besamt werden“ impliziert für mich, dass sie in der freien Natur eine Wahl hätten. Die haben sie aber nicht. Dafür sorgt zum einen der Bulle, zum anderen der Hormonhaushalt der Kühe selbst, was zu einem entsprechend Verhalten führt.

    • @Stefan Klein um 16:08 Uhr
      Sie wollen mich wohl nicht verstehen: „Kühe müssen stets aufs Neue besamt werden”, damit sie Milch produzieren und damit als Nebenprodukt Kälber für Wiener Schnitzel liefern.

  2. Pingback: proM.U.T. – Ausgewählte Nachrichten 29.05. bis 01.06. 2015 | proM.U.T. Verein für Menschen, Umwelt, Tiere e.V.

  3. Zahle gern mehr für artgerechte Tierhaltung
    Das Aufwachsen eines Tieres sollte möglichst natürlich, also z.B. auch mit Säugen bei der Mutter aufwachsen. Anstatt Veganer zu werden, könnte man dann mit einigermaßen Gewissen noch Tiere nutzen.

  4. Wie bereits ein Vorschreiber
    es getan hatte, möchte auch ich darauf
    aufmerksam machen, daß immerhin die-
    selben Leute mit dem ‚Bamby-Syndrom‘
    ihre eigenen Kinder in die Verwahranstalt,
    am effektivsten gleich nach der Geburt,
    abgeben möchten, um JA kein Wort ‚Bildung‘
    den Kleinen vorzuenthalten, und dies an
    Leuten, die überhaupt keine individuelle
    Empathie und Bindung an diese Kleinen
    Kinderchen haben…, finde dieses Thema
    eine gute Einstiegsvorlage für ein anschau-
    liches Beispiel zum Aufleben der Kindes-
    entzugsdebatte.

  5. "Kühe und Kälber nach der Geburt zu trennen, ist für viele Verbraucher nicht mehr akzeptabel"
    Aber was ist mit den paar Kindern, die sporadisch und gegen jeden Wunsch in Deutschland in die Welt gesetzt werden?

  6. . . .
    Eröffnet Kälbertagesstätten.

  7. Psychische Probleme
    Warum hat eigentlich „die Milchwirtschaft“ ein neues Problem, und nicht viel mehr „der Verbraucher“ mit seiner Psyche?

    Wie weit sich das Bambi-Syndrom verbreitet hat, merkt man zB daran, daß einem zunehmend Menschen begegnen, die der Ansicht sind, Mutterkuhhaltung sei die Bio-Version der Milchproduktion. Wer so denkt, bekommt „natürlich“ ein Problem.

    Wer sich sachkundig macht, dem wird schnell klar, daß es weder der Kuh noch dem Kalb bekommen kann, längere Zeit zusammenzubleiben: die Kälber bekommen von der übergroßen Menge Milch leicht Durchfall, und die Kühe in nahezu allen Versuchen zur muttergebundenen Aufzucht mußten zum melken mit Hormonen (Oxytocin) behandelt werden. Das Absetzen der Kälber ist ja nicht aus Spaß erfunden worden, oder weil man so gerne mehr Arbeit hat (und nein, auch nicht deshalb, weil man die Milch der Kälber lieber selber tränke: auch in Betrieben mit Vollmilchtränke wird selbstverständlich das Kalb abgesetzt)

    http://www.scilogs.de/vom-hai-gebissen/hochleistungskuehe-sozial-beschraenkt/

  8. Pingback: Kühe, Kälber und der Konsument - Tier...

  9. Kleiner Hinweis
    Ich möchte nur darauf hinweisen, dass auf dem ersten Bild keine Milchkühe zu sehen sind, sondern Fleischrinder, deren Zweck nicht die Milchproduktion, sondern die Fleischproduktion ist. Dort ist die Mutterkuhhaltung ohne Probleme möglich, da die Milch einzig und alleim dem Kalb vorbehalten ist und sie nicht gemolken werden.

    Die Umfrage ist auch sehr nett, aber mich würde vielmehr der angesprochene Betrieb interessieren. Vielen Dank.

  10. Deutsche Schizophrenie
    Auszug: „Kühe und Kälber nach der Geburt zu trennen, ist für viele Verbraucher nicht mehr akzeptabel“ Aber Kinder möglichst schnell nach der Geburt in der Kita abgeben, das wird akzeptiert und staatlich gefördert.

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