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Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Die Klugheit der Katzen

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600 Millionen Katzen leben als Haustiere bei den Menschen dieser Welt. Und das, obwohl die allermeisten Katzenartigen ein eher eigenständiges Leben führen und nicht sehr sozial sind. Wie es trotz dieser ungünstigen Ausgangslage dazu kam, dass Mensch und Katze zusammenfanden, sei noch sehr wenig erforscht, bedauern Monique Udell und Kristyn Vitale Shreve von der Oregon State University jetzt in einer Studie, mit der sie das ehrgeizige Ziel verfolgen, das weltweite Wissen über die kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Hauskatze zu versammeln. So wollen die Verhaltensbiologin und die Zoologin eine Antwort finden auf offene Fragen, etwa die, wie es Katzen vermochten, den Menschen zu binden, wie sich die Domestikation auf die Katze auswirkte und ob die Ko-Evolution mit dem Menschen dazu geführt hat, dass Katzen ähnlich wie Hunde Gesten des Menschen lesen können.

Was geht in ihr vor?© dpaWas geht in ihr vor?

Über Hunde, die anderen engen vierbeinigen Vertrauten des Menschen, weiß man vergleichsweise viel: Dass sie den Menschen mit ihrem Gesichtsausdruck manipulieren können zum Beispiel, dass sie Handbewegungen verstehen und dass sie als Welpen sogar die Gesellschaft des Menschen spontan der eines anderen Hundes vorziehen.

Udells und Shreves Publikation im Fachmagazin „Animal Cognition“ ist eine Übersichtsstudie, sie haben dafür Arbeiten zum Thema aus mehreren Jahrzehnten gesichtet. Auch viele neuere Studien sind dabei. Dennoch reicht das Wissen, das dadurch entstanden ist, nicht an das heran, was wir über Hunde haben – die Katze bleibt ein rätselhaftes Geschöpf. Die beiden Wissenschaftlerinnen befassen sich zunächst mit allgemeinen kognitiven Fähigkeiten von Katzen: mit ihrem Arbeitsgedächtnis etwa oder ihrer Fähigkeit zu verstehen, dass verschwundene Objekte noch da sind, dass sie etwa hinter einem Paravent versteckt wurden. Tests, die letzteres untersuchen, firmieren unter dem Oberbegriff „Object Permanence“. Die „Object Permanence“ zu begreifen, ist auch ein wichtiger Schritt in der Entwicklung menschlicher Kleinkinder. Katzen scheinen zu verstehen, dass Objekte nicht weg sind, sondern nur an andere Stellen verschoben wurden. Steckt man das Objekt – meist ein begehrtes Spielzeug, für das die Katzen sich interessieren – aber hinter einem Paravent in eine Box und zeigt der Katze dann die leere Box, erlischt das Interesse der Tiere. Sie suchen nicht noch extra hinter dem Paravent, wo das Objekt auf wundersame Weise verschwunden ist. Das heißt, sie können den sogenannten „Invisible Displacement Test“ nicht lösen. Außer, man verändert die Methode leicht, so dass sie besser an die Spezies angepasst ist. Dann können auch Katzen hier erfolgreich sein. Bei Hunden ist es ähnlich. Auch sie lösen diese Aufgabe nur unter bestimmten Bedingungen. Eine Patt-Situation. Anders sieht es aus bei der Merkfähigkeit: Das Arbeitsgedächtnis von Katzen, also die Zeit, in der sie im Kopf behalten können, wie eine Aufgabe aussieht, um sie dann zu lösen, beträgt etwa eine Minute. Hunde sollen sich Aufgaben bis zu vier Minuten merken können.

Heißt aber das schon, dass Hunde intelligenter sind? Wohl kaum. Ein solcher Schluss lässt sich vor allem nicht ziehen, weil die Studienlage hinsichtlich Katzen so dünn ist. „Wir werden wahrscheinlich in den kommenden Jahren viel mehr über Katzen erfahren“, hoffen die beiden Autorinnen in einem Fazit.

Bisher weiß man auch nur wenig über das, was viele Menschen wohl am meisten interessiert: Wie steht es um die Mensch-Katze-Kommunikation? Studien haben ergeben, dass Kätzchen, die früh von Menschen gehalten und betreut werden, später nicht nur zahmer und weniger ängstlich sind, sondern auch früher reifen. Sie öffnen beispielsweise ihre Augen einen Tag früher als Kätzchen, die keinen engen Kontakt zu Menschen haben.

Erster Kontakt in einem New Yorker Katzencafé© APErster Kontakt in einem New Yorker Katzencafé

Katzen können es auch deuten, wenn Menschen in eine bestimmte Richtung zeigen, um ihnen den Weg zu weisen, beispielsweise zu einem Leckerbissen. Eine Zeitlang glaubte man, dass sie, anders als Hunde, nicht besonders gut darin seien, über Blickaustausch mit Menschen zu kommunizieren. Eine Studie aus diesem Jahr im Fachmagazin „Animal Cognition“ widerlegt diese Annahme, sie zeigte, dass achtzig Prozent der getetsteten Katzen Blicke mit ihren Haltern tauschten, um sich in einer Situation zu orientieren. Sie nutzen den Blickaustausch aber nicht ständig und ununterbrochen als Hilfe, während sie eine Aufgabe lösen.

Katzen sind eben eigenständig. Ein Bindungsverhalten dem Menschen gegenüber zeigen sie trotzdem. Das bewies vor einigen Jahren eine mexikanische Studie, für die Katzen ähnlich wie beim „Ainsworth Strange Situation Test“, einem Test für das Bindungsverhalten von Kleinkindern, mit ihrem vertrauten Besitzer und einer fremden Person in einen unbekannten Raum gebracht wurden. Die Katzen suchten Körperkontakt zu ihrem Halter und spielten nur mit ihm, nicht mit der fremden Person. Eine Studie aus dem Jahr 2002 hatte schon zuvor gezeigt, dass Katzen auch Trennungsangst zeigen, wenn sie von einer Bindungsperson verlassen werden.

Und was bindet den Menschen an die Katze? So sehr, dass sie zum Beispiel in Deutschland mit fast zwölf Millionen Exemplaren das beliebteste Haustier ist? Es mag das Einfühlungsvermögen der Samtpfoten sein. Zum einen haben Studien gezeigt, dass Katzen die Nähe ihrer Halter seltener suchen, wenn die Menschen sich deprimiert und antriebslos fühlen. Gleichzeitig zeigen Katzen vermehrt das sogenannte „Allorubbing“, sobald ihr Halter traurig ist. Dabei stoßen oder reiben sie ihren Kopf aufmunternd gegen den Körper des Menschen. Auch das Entlangschlängeln, der Ganzkörpereinsatz, an den Beinen des Menschen soll aus diesem katzentypischen Verhalten entstanden sein. Telepathische Kräfte – die viele Katzenhalter ihren Vierbeinern bescheinigen – sind das noch lange nicht; die Katze ist eben sensibel für Stimmungen. Interessant ist vor allem ihre Reaktion auf negative Gefühle des Menschen: Abstand und zugleich äußerst diskretes Aufmuntern. Vielleicht liegt hier eins der Geheimnisse, warum Stubentiger sich eine so große Fangemeinde aufbauen konnten.

Lil Bub, eine Katze mit genetischen Krankheiten und auffälligem Äußeren, wurde zum Internetphänomen. © lamlilbub/dpaLil Bub, eine Katze mit genetischen Krankheiten und auffälligem Äußeren, wurde zum Internetphänomen.

Die Popularität der Katze ist enorm. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Wissenschaftlerinnen von der Oregon State University weisen auch darauf hin, dass sie sogar in den wissenschaftlichen Publikationen, die sie auswerteten, Ausdrücke wie „selbstsüchtig“ und „gefühllos“ fanden: Selbst manche Forscher haben also den Eindruck, die Katze lasse sich von niemandem beeinflussen und interessiere sich nur für sich selbst. Und auch das Wort „Manipulieren“ fiel in wissenschaftlichen Arbeiten. Die Katze – ein schlauer, nur seinen eigenen Interessen verbundener Eindringling? Solche Vorurteile könnten möglicherweise sogar dafür verantwortlich sein, dass unser Wissen über die kognitiven Fähigkeiten der Katzen bis heute so lückenhaft ist und so wenige Studien vorhanden sind, warnen die Autorinnen.

In einem aber ist die Katze tatsächlich, wenn man so will, ein wenig „manipulativ“: In ihr Schnurren, fanden britische und amerikanische Wissenschaftler erst im vergangenen Jahr heraus, kann sie einen hohen Ton mischen, der eine ähnliche Frequenz hat wie das Weinen menschlicher Babys. Er erklingt vorzugsweise, wenn sie von ihrem Halter Futter fordern.

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  2. Die Kiugheit der Katzen
    Unser Felix reagiert auf rufen. Wenn man ihm mit der Hand andeutet, wohin er gehen soll, tut er dies.
    Wenn er essen möchte, setzt er mehrere Methoden ein, damit man „endlich“ reagiert und ihm sein Essen gibt.

    Wenn er springen möchte, sieht er sich die Stelle an und wenn unser Kater, diesen Sprung schon oft getan hat, springt er sofort. Bei einer neuen Situation überlegt er wirklich einige Zeit, bevor er den Sprung ausführt.

  3. Schon verblüffend Anderes mit Katzen erlebt!
    („Die Katzen suchten Körperkontakt zu ihrem Halter und spielten nur mit ihm, nicht mit der fremden Person.“) Im Urlaub auf einem Bauernhof stellte ich überrascht fest, dass Katzen nicht nur bei den Menschen wie so oft „schmusend“ um die Beine strichen; das machten sie ganz genau so mit den Kühen im Stall. Und die Kühe reagierten sogar – positiv – auf die Annäherungen der Katze. Das Verhalten des „Haustiers“ Katze ist wohl doch komplizierter (oder einfacher, je nach Sichtweise) als man denkt!

  4. Hunde haben Herrchen…
    Katzen haben Personal… :)

  5. Katzen...
    … finde ich doof. :-p
    Und warum gibt es eigentlich keine Katzensteuer (siehe Hundesteuer)? Bei 12 mio. Tieren eine hervorragende Einnahmequelle für Staat und Komunen.

    Liebe Grüße
    ein Hundemensch

  6. Wann werden endlich mal...
    …die Halter untersucht?
    Ich mag Katzen und Hunde, und Hunde und Katzen (um auch ja keinen zu bevorzugen!). Aber ich sehe sie als reine Opportunisten, denen es lediglich um ihr Futter und Wohlergehen geht, und das auf zwei verschiedene Arten und Weisen. Während die Halter sich doch enorm unterscheiden.
    Die einen sehen in ihrem Haustier einen Kumpel und Kameraden, den sie füttern müssen mit dem man ab und an auch spielen kann, während die anderen das Tier geradezu vergöttern.
    Begeben Sie sich mal in richtige Hardcore-Kreise, so zB einige Tierschützer, die den Katzen geradezu magische Eigenschaften verleiht. Oder machen Sie eine Tour nach Lanzarote, wo es Katzen-Muttis gibt, die das Futter aus Deutschland einfliegen lassen, mit denen sie die Strassenkatzen füttern, und damit das Elend noch vergrössern. Letztere würden jederzeit und ohne auch nur einen Anflug von Gewissen, einen Menschen in der Gosse verhungern lassen, weil der Mensch ja so böse ist und nur das Tier etwas Gutes in sich hat. Merkwürdigerweise sind gerade DAS Menschen, die über nicht gerade wenige Leichen in ihrem Keller der Vergangenheit verfügen, und somit selber nicht wirklich so gut waren, wie sie gerne hätten. Das Selbe gilt natürlich auch für Hunde-Anhänger ;-)
    Fazit: Ich sehe bei den Haltern wesentlich größeren Untersuchungsbedarf!

  7. Katzen
    Sehr interessant.

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