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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

17. Mrz. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Der missverstandene Hund

Die meisten Hundehalter würden behaupten, ihren Hund genau zu kennen, viele denken auch, dass sie ihm seine Gefühle ansehen können. Der Klassiker ist dabei der “schuldbewusste Blick”. Wenn der Hund unter umwölkter Stirn von unten nach oben linst und dabei den Kopf zwischen die Schultern zieht, ist für viele Menschen der Fall klar: Da hat jemand Schuhe zerbissen, unerlaubt vom Tisch geklaut oder gar auf die Fußmatte gepinkelt.

Dass die meisten Halter damit völlig falsch liegen und der schräge Blick des Vierbeiners wohl rein gar nichts mit etwaigen vorangegangenen Missetaten zu tun hat, zeigen jetzt Wissenschaftler um Nicola Clayton von der Universität Cambridge im Fachmagazin “Behavioural Processes”. Die Forscher nahmen 96 Hunde und ihre Halter in ihre Studie auf; sie führten Hausbesuche durch. In der gewohnten Umgebung des Hundes, etwa dem Wohnzimmer, platzierten die Halter ein Leckerchen an einen bestimmten Ort und verboten dem Hund, es zu fressen. Dann verließen sie den Raum. Wenn sie zurückkehrten, hatte entweder der Hund verbotenerweise die Leckerei gefressen oder der Wissenschaftler hatte sie entfernt.

Was denkt er hinter verschleiertem Blick?© dpaWas denkt er hinter verschleiertem Blick?

Die Halter sollten anhand der Körpersprache des Hundes feststellen, ob der Hund sich regelkonform verhalten hatte oder nicht. Doch das gelang ihnen nicht – die Trefferquote war nur so gut, wie es bei einem Zufallsgenerator gewesen wäre. Die Autoren schließen, dass der “schuldbewusste Blick” von Hunden kein Eingeständnis von als solcher wahrgenommener Schuld ist – sondern wohl eher eine typische Reaktion auf Verärgerung, die der Halter zeigt.

Die Studie kann man wie eine knackige Einstimmung auf die übrigen Forschungsarbeiten lesen, die in diesen Wochen erschienen sind und die Hund-Mensch-Beziehung näher beleuchten. Ihr Ergebnis, kurz und knapp: Einiges liegt im Argen zwischen Haltern und ihren Hunden. Man versteht nicht nur Blicke falsch. Die Wissenschaftler liefern darüber hinaus einige Belege dafür, dass an dem alten Spruch “Das Problem ist am anderen Ende der Leine” einiges dran sein könnte. Mit ihrem Erziehungsstil oder ihrer Art der Bindung an ihren Hund verursachen viele Halter offenbar genau die Probleme, unter denen sie leiden und deretwegen sie einen Hundetrainer nach dem anderen konsultieren.

So zeigen etwa Wissenschaftler aus Freiburg und Ungarn aktuell im Fachmagazin “Plos One”, dass Halter wohl mehr als eine Mitschuld trifft, wenn sie ihre Hunde nicht in der Wohnung alleinlassen können, ohne dass die Tiere Panikattacken bekommen und die Nachbarschaft zusammenbellen. Die Autoren um die Budapester Ethologen Veronika Konok und Adam Miklósi befragten für ihre Arbeit 1200 deutsche und 320 ungarische Hundebesitzer.

Trennungsangst bei Hunden ist ein gängiges Problem, das viele Halter in Probleme stürzt; sie äußert sich in ständigem Bellen und Jaulen, wenn das Tier allein ist, in Unruhe oder Panik, sobald der Halter nicht mehr sichtbar ist, Zerstörungswut oder Unsauberkeit oder auch in Fluchtversuchen und selbstverletzendem Verhalten in Abwesenheit des Halters. Konok, Miklósi und ihre Mitautoren konzentrieren sich bei ihrem Interpretationsansatz auf die Herangehensweise der Bindungspsychologie, die verschiedene Bindungstypen beim Menschen unterscheidet: Sicher gebunden, unsicher-ambivalent oder unsicher-vermeidend gebunden, desorganisiert gebunden. Kinder, die nicht sicher gebunden sind, haben problematische Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit gemacht, etwa erfahren, dass ihre Bezugsperson nicht immer verfügbar ist oder dass sogar Bedrohungen von ihr ausgehen können. Unsicher-vermeidend gebunden bedeutet etwa, dass ein Kind Trennungen von der Bezugsperson nach außen hin ignoriert und scheinbar cool bleibt, während seine Stresslevel ansteigen. Es hat erfahren, dass die Bezugsperson nicht zuverlässig verfügbar ist, wenn es sie braucht, vermeidet nun Nähe in Beziehungen und drückt seinen Stress auch nicht aus. Die Klassifizierung der Bindungstypen geht auf die Arbeiten der amerikanischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth in den siebziger Jahren zurück. Mit dem “Strange Situation Test” entdeckte sie, dass Kleinkinder auf eine Trennung von ihrer Bezugsperson unterschiedlich reagieren; ihr Verhalten hängt offenbar mit den Bindungserfahrungen zusammen, die sie gemacht haben.

In der Deutung und Behandlung psychiatrischer Krankheiten beim Menschen auf die Bindungstheorie zurückzugreifen, ist hochmodern. Und inzwischen hat das Bindungsthema auch die Tier-Verhaltensmedizin erreicht. Die deutsch-ungarische Forschergruppe schreibt, dass Hunde üblicherweise in einem sehr jungen Alter in Haushalte aufgenommen werden und dass viele Befragungen zeigen, dass die Menschen sie als “Familienmitglied” ansehen. Der Schritt zum legitimen Vergleich mit der Eltern-Kind-Beziehung sei da nicht weit. Daher sei es gerechtfertigt, die Theorien der Bindungspsychologie auch auf das Hund-Halter-Verhältnis anzuwenden. Die Forscher fanden bei den deutschen Hunden, deren Halter an der Fragebogen-Studie teilnahmen, 18 Prozent Tiere mit Trennungsangst. Unter den ungarischen Hunden wies ein Drittel diese Problematik auf.

Unsicher, wenn der Halter geht?© dpaUnsicher, wenn der Halter geht?

“Es scheint sowohl bei Menschen als auch bei Hunden Individuen zu geben, die eine niedrigere Schwelle für die Aktivierung des Bindungssystems aufweisen und die eine Reaktion auf eine Trennung hin zeigen, die nicht ihrem Entwicklungsstand entspricht”, bilanziert das deutsch-ungarische Autorenteam. Aber die Fragebögen erfassten nicht nur Charakteristika des Hundeverhaltens, sondern auch Persönlichkeitsmerkmale der Halter. Erreichten die Hundehalter hohe Werte in einem Test, der auf einen “vermeidenden” Bindungsstil hinweist, so litten ihre Hunde mit größerer Wahrscheinlichkeit an Trennungsangst. Die Wissenschaftler folgern, dass dieses vermeidende Bindungsverhalten des Halters zumindest zum Teil für die Verhaltensprobleme des Tieres verantwortlich ist. “Halter mit unsicher-vermeidendem Bindungsstil vermeiden intime Kontakte, Nähe und das Zeigen von Gefühlen”, schreiben sie – und zwar nicht nur in Beziehungen mit Menschen, sondern auch mit Tieren. “Hunde, die Zurückweisungen erfahren oder erleben, dass ihre Bedürfnisse, etwa nach Kontakt, ignoriert werden, können nicht sicher sein, dass ihr Halter verfügbar ist.” Dieser inkonsistente Stil der Halter könnte Trennungsangst fördern. Die Autoren räumen aber auch ein, dass andere Faktoren zu Trennungsangst bei Hunden beitragen können: zu frühe Trennung von der Mutterhündin, die Genetik oder auch traumatische Erfahrungen.

Trivial ist das Problem der Trennungsangst nicht: Halter buchen ihre Hunde für viel Geld täglich in “Hutas” (Hunde-Tagesstätten) ein, bemühen Dogsitter oder lehnen Stellenangebote ab, weil sie ihren Hund während der Arbeit nicht allein lassen können. Erst in der vergangenen Woche musste sogar das Verwaltungsgericht Stuttgart über einen Fall entscheiden, in dem es um den Verbleib des Hundes während der Arbeitszeit ging. In dem Verfahren war ein Hundehalter dagegen vorgegangen,  dass man ihm untersagt hatte, seine Weimaraner-Hündin während seiner Arbeitszeit in einem Kraftfahrzeug zu halten. Die Klage des Halters wurde abgewiesen, weil das Halten der Hündin “Cosima” in einem Fahrzeug als nicht verhaltensgerecht eingestuft wurde.

Verboten: Hunde darf man nicht während der Arbeitszeit im Auto lassen© dpaVerboten: Hunde darf man nicht während der Arbeitszeit im Auto lassen

Die Verantwortung der Halter für Verhaltens- und Gesundheitsprobleme von Hunden entdeckt jetzt auch die Heimtierindustrie. Hier geht es nicht um “Bindungsstile”, sondern etwas weniger psychologisch um “Erziehungsstile”. Der Konzern Mars Petcare etwa hat gerade eine Broschüre herausgegeben, in der “Tierhalter-Typen” unterschieden werden. Je nachdem, welchem Typ ein Halter angehört, habe der Hund ein geringes oder größeres Risiko, Übergewicht zu entwickeln, heißt es hier. Übergewicht ist eins der größten Probleme der Veterinärmedizin, es zieht Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkprobleme oder Stoffwechselstörungen wie Diabetes nach sich. Mehr als die Hälfte der Hunde haben einer neueren deutschen Studie der LMU München zufolge Übergewicht. Die Mars-Broschüre nun überträgt Erziehungsstile, die in der Psychologie bei Eltern unterschieden werden, auf Hundehalter, und machen dort folgende vier Typen aus: konsequent, autoritär, nachsichtig und unbeteiligt. Der autoritäre Halter etwa reagiert verärgert, wenn der Hund bei Tisch bettelt. Das Tier wird auf seinenPlatz verwiesen: “Später gibt er etwas Futter in den Napf und besteht darauf, dass der Hund/die Katze wartet bis ihnen der Halter erlaubt zu essen. Das sorgt für Frust beim Tier – Futter vor sich zu haben, aber nicht essen zu dürfen.” Man kann sich leicht vorstellen, dass so Essstörungen gefördert werden. Doch den Industrieexperten ging es vor allem um Überfütterung. Sie befragten mehr als 120 Tierärzte nach Tierhalter-Typen und inwiefern der Typ eine Rolle spielt bei der Entwicklung von Übergewicht beim Haustier. Am häufigsten wird in den Praxen der “nachsichtige” Typ vorstellig: Er verwöhnt das Tier ohne Ende und füttert beispielsweise nach Lust und Laune vom Tisch. 98 Prozent der Tierärzte waren überzeugt, dass der Erziehungsstil des Halters sich auf das Übergewicht des Tieres auswirkt. Nun soll die Theorie der Erziehungsstile genutzt werden, um Halter entsprechend ihres Typus zu motivieren, Diätstrategien für das Tier umzusetzen.

Oft leben Hund und Mensch also aneinander vorbei – und beide erleiden dadurch Stress. Ein besonders trauriges Kapitel der Mensch-Hund-Beziehung schlägt nun Kimberley Lambert im Fachmagazin “Preventive Veterinary Medicine” auf. Hier trägt sie die Ergebnisse ihrer 2014 erschienenen Dissertation noch einmal knapper zusammen. Lambert hat eine Zusammenschau von Studien angefertigt, die untersuchen, warum Hunde in Tierheimen landen. Die Hauptgründe für die Abgabe von Hunden in Tierasylen, die Lambert identifizierte, waren Umzüge, Verhaltensprobleme des Hundes, die Kosten der Hundehaltung, gesundheitliche Probleme des Halters – oder schlicht die Erwartungen, die der Halter an die Haltung eines Hundes gehabt hatte und die sich offenbar nicht erfüllt hatten.

 

Der Testhund erkennt Gesichtsausdrücke© dpaEin Testhund erkennt Gesichtsausdrücke

Während all diese Ergebnisse darauf schließen lassen, dass noch immer viele Menschen ein falsches Verständnis vom Hund und seiner Haltung haben, schneiden die Hunde selbst in Sachen Menschenkenntnis gut ab: Hunde, die an Menschen gewöhnt sind, können offenbar genau zwischen verschiedenen menschlichen Gesichtsausdrücken unterscheiden – und da auch bei Menschen, die ihnen fremd sind. Das berichten österreichische Wissenschaftler im Fachmagazin “Current Biology”. Die Forscher von der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigten teilnehmenden Hunden entweder die obere oder die untere Hälfte des Gesichts einer wütend oder freudig schauenden Person auf einem Touchscreen. Einige der Hunde mussten dabei immer die gut gelaunten, andere die finsteren Porträts anstupsen und wurden dafür belohnt. “Unsere Studie belegt, dass Hunde zwischen wütenden und freudigen Gesichtsausdrücken bei Menschen unterscheiden können”, sagt Studienautor Ludwig Huber. Es spreche zudem einiges dafür, dass die Hunde ein lächelndes Gesicht als positiv, ein wütendes Gesicht hingegen als negativ empfinden. Denn die Hunde, die anfangs ärgerliche Gesichter erkennen sollten, lernten deutlich langsamer. Dass man sich von wütenden Menschen besser fernhält, war ihnen offenbar klar.

17. Mrz. 2015
von Christina Hucklenbroich
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30. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Mein Pferd ist mein Therapeut: Eine Studie erklärt, warum Frauen reiten

Es klingt erst mal wie ein Scherz oder zumindest wie ein selbstironischer Kommentar, den vielleicht einige wenige Reiter über ihr teures und zeitaufwändiges Hobby fallenlassen würden: T-Shirts mit dem Spruch “My Horse ist my Therapist” sind in diversen Reitsportshops zu haben, und auch eine Facebookgruppe nennt sich “Mein Pferd ist immer noch der beste Therapeut”.

Dass hinter diesen Slogans mehr steckt als Koketterie, wollen jetzt drei Anthropologinnen mit einer gemeinsamen Studie im Fachmagazin “Medical Anthropology Quarterly” belegen. Dona Lee Davis und Sarah Dean von der University of South Dakota und Anita Maurstad von der Universität Tromsø in Norwegen führten lange Tiefeninterviews mit 52 Frauen zwischen zwanzig und siebzig durch. Die Teilnehmerinnen ritten bereits lebenslang – in erster Linie freizeitmäßig; manche beteiligten sich auch auf Amateurniveau an Turnieren, etwa im Bereich des Distanzreitens, des Gangpferdereitens mit Islandpferden oder des Dressurreitens. Die Teilnehmerinnen, die aus Norwegen und dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten stammten, gaben sich selbst Pseudonyme und sprachen offen über die Bedeutung, die ihr Pferd in ihrem Leben hat.

###© dpaAuch hier geht es um Frauen und Pferde: Schauspielerin Almila Bagriacik  bei den Dreharbeiten zum Kinofilm “Hördur –  zwischen den Welten”

Erstaunlicherweise fielen immer wieder Sätze, die das Reiten und den Umgang mit dem Pferd verglichen mit einer Psychotherapie. Ganz ernsthaft, ohne jeden ironischen Unterton, stellten die Frauen diesen Zusammenhang her. Reiten sei eine Möglichkeit für einen “Reset” des Körpers, psychisch und physisch, sagt eine Frau namens Halla. Lynn erzählt: “Bei dem Stall, wo ich jetzt bin, gibt es einige gleichgesinnte Leute, die wie ich der Meinung sind, ihr Pferd sei für sie wie Psychotherapie.” JZ sagt, Reiten sei ihr Leben. “Es ist Freude. Es ist Therapie.” Viele andere Teilnehmerinnen veranschaulichen diese Wirkung, indem sie feststellen, Reiten würde ihren Kopf durchlüften, sie dächten nicht an den Stress bei der Arbeit oder an die Zukunft. Mehrere werden sehr explizit: Reiten sei ihre “Art, zum Psychiater oder Psychologen zu gehen”, sagt Bella. “Ich war ohne Pferd für einige Jahre und das Leben war schrecklich; es war keine Freude, mit mir zusammen zu sein.” Krusty meint über das Reiten: “Es hält mich psychisch gesund.” Isis fügt hinzu: “Wenn ich das Pferd nicht hätte, hätte ich wahrscheinlich schon einen psychischen Zusammenbruch gehabt.”

Die Autorinnen nennen ihre Studie deshalb kurzerhand “My Horse Is My Therapist” – wie die ironischen T-Shirts, die manche Onlineversandhäuser anbieten. Es geht ihnen dabei aber um mehr als nur darum, Reflexionen und Eindrücke einer Handvoll von Freizeitreiterinnen aufzuzeigen. Sie lokalisieren die Reitleidenschaft der Frauen “im Grenzbereich zwischen Vergnügen und gesundheitlicher Beeinträchtigung”. Im Reitsport sehen sie ein Beispiel dafür, wie ein Freizeitvergnügen “medikalisiert” wird, wie die klare Grenze zwischen Menschen, die als Psychiatriepatienten zum therapeutischen Reiten geschickt werden, und vermeintlich “Gesunden”, die sich privat ein Pferd halten, verschwimmt.

###Umgang mit dem Pferd – wirkt er wie eine Psychotherapie, die hilft, alltäglichen Stress zu bewältigen? (Foto dpa)

Wie zur Bestätigung räumen zwei Teilnehmerinnen der Studie psychiatrische Diagnosen ein; Bella leidet an einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), und JZ ist depressiv. Sie sprechen darüber, wie sie beim Umgang mit dem Pferd das Rasen ihrer Gedanken abschalten und Frustrationen beiseiteschieben können. “Bella und JZ medikalisieren die Beziehung mit ihren Pferden explizit”, bilanzieren die Autorinnen. Doch für sie ist eine andere Frage zentral: Könnten die vielen Aussagen der anderen darauf hinweisen, dass normaler Stress heute gesellschaftlich schon als psychische Krankheit wahrgenommen wird? Die Probandinnen vergessen auf dem Pferderücken den Alltag, bezeichnen diesen Effekt aber schon als “Psychotherapie” – sie brauchen also eine Psychotherapie für alltäglichen Stress. Probandin Lynn etwa betont, dass ihr Pferd während einer Lebenskrise, ausgelöst durch ihre Scheidung, noch deutlicher als zuvor ein Psychotherapie-Ersatz gewesen sei.

Die Studienautorinnen erinnern in diesem Zusammenhang an die Debatte um das amerikanische Klassifikationssystem psychischer Störungen, das DSM-5, das 2013 in neuer, überarbeiteter Auflage herauskam und dessen Kritiker der Meinung sind, normale Stress-, Unaufmerksamkeits- oder auch Traurigkeitssymptome würden hier in Form neu geschaffener Diagnosen “psychiatrisiert”.  Und die Anthropologinnen fragen auch (ohne eine endgültige Antwort zu finden), ob Freizeitvergnügungen heute vielleicht sogar zu einer “Medikation” hochstilisiert werden müssen, um überhaupt eine Daseinsberechtigung zu haben und ernstgenommen zu werden.

Generelle Erklärungen dafür, warum hauptsächlich Mädchen und Frauen heute reiten und Männer – bis auf einige im Spitzensport – die Reitställe meiden, sind noch immer rar gesät. Dona Lee Davis, Anita Maurstad und Sarah Dean  bewegen sich also in einer riesigen Forschungslücke. Auch in Deutschland sind wenig neue Erkenntnisse auf dem Feld hinzugekommen, seitdem Harald Euler und Helga Adolph von der Universität Kassel in den neunziger Jahren die Studie “Warum Mädchen und Frauen reiten” anfertigten. Sie interpretierten das Interesse der Mädchen an Pferden als Bindungsphänomen.

Frau und Pferd: Gibt es auch eine dunkle, pathologische Seite?Frau und Pferd: Gibt es auch eine dunkle, pathologische Seite? (Foto dpa)

Eine Bewertung fehlte in der alten deutschen Studie noch – ob die Beschäftigung mit dem Pferd der Entwicklung von Kindern dienlich ist, blieb damals offen. Die amerikanisch-norwegische Forschergruppe konzentriert sich zwar auf den therapeutischen Nutzen des Hobbys. Die Wissenschaftler – oder vielmehr ihre Probandinnen – lassen aber den Gedanken zu, dass es auch eine dunkle, pathologische Seite geben könnte. Emma, Edie und Isis sprechen im Hinblick auf ihre Pferdeleidenschaft auch von “Obsession”, “Zwang” und einem “Bazillus”. Niki sagt: “Es ist, als ob ich eine Süchtige wäre und meinen Reit-Kick bräuchte.” Mit diesen Zitaten endet aber auch schon die Erörterung der Frage, ob es auch krankhafte, schädigende Seiten der Pferdeleidenschaft gibt.

Und die Frage, warum Männer das Glück dieser Erde nicht auf dem Pferderücken suchen? Ungelöst. Die wenigen, die es doch tun, scheinen dort zumindest keine Therapieerfahrungen zu machen. Dona Lee Davis, Anita Maurstad und Sarah Dean hatten ursprünglich auch acht männliche Reiter interviewt. Sie schlossen sie aus ihrer Studie aus, weil die Männer in ihren Erzählungen über das Hobby mögliche therapeutische Effekte ihres Pferdes nie erwähnten.

30. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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05. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Veganer sind entspannter: Neue Studien über das fleisch-, ei- und milchfreie Leben

Zehn Jahre lang lebte die New Yorker Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Lena Dunham vegan. Was sie in dieser Zeit zu sich nahm, listet sie in ihrem in diesem Herbst erschienenen autobiographischen Buch “Not that Kind of Girl” seitenlang auf: Reismilch, Mandelbutter-Feigen-Smoothie, Wasserkressesalat mit Sojacrispies, Adzukibohnenpaste oder Cornflakes mit Mandelmilch. Sei mal ein vegetarischer Ausrutscher passiert, habe sie sich selbst dafür scharf verurteilt, so Dunham. Ihre Motivation war der Schutz der Kreatur, nicht die eigene Fitness oder der Glaube an mehr Gesundheit durch Verzicht auf tierische Produkte. Und sie bekannte sich früh offen zum Veganismus: “Mit siebzehn gab ich eine vegane Dinnerparty, die es sogar auf die Stil-Seite der New York Times schaffte”, erzählt die 1986 geborene Dunham in “Not that kind of girl”. Überschrift: “Knackiges Menü für jugendliche Gäste”. Das war 2003. (Die Zeitschrift “Newsweek” lässt das Fest, das sich damals zugetragen hat, hier noch einmal Revue passieren.) Heute, ein Jahrzehnt später, würden es ein paar mit Sojashakes und Sesammus feiernde Teenies nicht mehr derartig ins Scheinwerferlicht schaffen: Vegansein ist im Mainstream angekommen – vegane Dinnerpartys sind nichts Besonderes mehr.

Dass das gerade vergangene Jahr 2014 ein Jahr war, in dem der Veganismus auch in Deutschland richtig begann zu boomen, wird kaum jemand bestreiten: Zweitausend”V”ierzehn sozusagen, um mit jenen zu sprechen, die das V inzwischen wie ein Logo für den Veganismustrend verwenden – V in Veihnachten, in Vöner, in Visch usw. In den Buchläden türmten sich die Bücher über veganes Kochen und vegane Lebensphilosophie, in den ersten Dezemberwochen eröffneten etliche vegane Weihnachtsmärkte, vegane Magazine kamen neu in den Handel. Die Marktexperten der Heimtierindustrie halten veganes Hunde- und Katzenfutter für den nächsten großen Hype unter Tierhaltern. “Vegan ist sozusagen über Nacht richtig cool geworden”, schreibt der Vegan-Koch und Fitnessguru Attila Hildmann in seinem neuen Kochbuch “Vegan to go”, das vor einem Monat erschienen ist.

Vegan in Kassel: "Vöner" im Imbiss "Zum glücklichen Bergschweinchen"© dpaVegan in Kassel: “Vöner” im Imbiss “Zum glücklichen Bergschweinchen”

Was wird nun ZweitausendVünfzehn bringen? Einiges deutet darauf hin, dass die wissenschaftliche Begleitung des Phänomens Veganismus Fahrt aufnehmen wird. Viele Studien, die 2014 erschienen sind, beschrieben zunächst einmal den Ist-Zustand: Wer ernährt sich warum vegan? So untersuchten etwa Wissenschaftler um den Dermatologen Jonathan Silverberg von der Northwestern University in Chicago für das Fachjournal “Dermatitis”, was Eltern unternehmen, wenn ihre Kinder unter Neurodermitis leiden. Die Daten von 9500 Kindern und Jugendlichen wurden einbezogen. Zwar lagen erwartungsgemäß Homöopathie oder auch Ayurveda hoch im Kurs. Aber immerhin 2,5 Prozent der betroffenen Familien versuchen es auch mit rein veganer Lebensweise.

Zu diesen Studien, die sich dem Phänomen erst mal aus der beschreibenden Perspektive nähern, zählt auch die quantitative Untersuchung der Hamburger Soziologin Pamela Kerschke-Risch, die 2014 herausfand, dass Veganer in Deutschland durchschnittlich 32 Jahre alt sind. Für die Teilnehmer ihrer Studie galt außerdem, dass sie zu achtzig Prozent Frauen waren und meist höhere Bildungsabschlüsse hatten. Fast neunzig Prozent lebten erst seit weniger als fünf Jahren vegan. Die wichtigste Rolle spielen vegan lebende Freunde für die Entscheidung, fortan selbst vegan zu leben. Ein ansteckendes Phänomen also, das immer weiter um sich greift, das trendiger Lifestyle wird und immer akzeptierter. Oder?

Unlängst gab es auch ganz andere Untersuchungsergebnisse. Das Portal vegan.eu und die Kennenlern-Plattform Gleichklang befragten mehr als tausend Veganer. 92 Prozent der befragten Veganer berichteten, bereits Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren zu haben. Achtzehn Prozent von ihnen hatten schon einmal Ausladungen und Kontaktabbrüche erlebt. Aber besonders häufig beklagten die vegan lebenden Personen, dass sie verspottet wurden (92 Prozent) und dass ihnen der Vorwurf des Extremismus gemacht wurde (72 Prozent). Zudem sah sich fast die Hälfte der Befragten häufig mit der Forderung konfrontiert, ein nicht veganes Gericht zu essen. Massiv angefeindet wurden auch vegan lebende Eltern, denen offenbar häufig vorgeworfen wird, dass es unverantwortlich sei, Kinder milch-, ei- und fleischfrei zu ernähren.

Vegan in Berlin: Veganes Schweineohr im Bioladen in Schöneberg© huchVegan in Berlin: Veganes Schweineohr im Bioladen in Schöneberg

Trost spendet die Studie eines Wissenschaftlerteams um Julie DiMatteo von der School of Psychology der Fairleigh Dickinson University in New Jersey. Vier Forscherinnen untersuchten im Fachjournal “Nutritional Neuroscience”, wie sich eine vegane Diät auf die Stimmung von Menschen auswirkt. Dafür wurden 283 Veganer, 109 Vegetarier und 228 “Omnivoren” über soziale Netzwerke rekrutiert und mit einem Instrument aus der Psychologie, der Depression Anxiety Stress Scale, befragt. Insgesamt waren Veganer stimmungsstabiler als Omnivoren, die auch Fleisch, Milch und Ei aßen. Bei Männern zeigten sich unter den Veganern auch weniger Ängste. Bei den Frauen bestand ein deutlicher Unterschied im empfundenen Stress zwischen den Veganerinnen und den Omnivoren. Die Frauen, die vegan lebten, waren weniger gestresst. Es gab auch einen Zusammenhang zwischen geringerem Stress bei Frauen und einem geringeren täglichen Verzehr von Süßigkeiten.

Trotz solch ermutigender Nachrichten leben “nur” 900.000 Menschen in Deutschland vegan. Auch die Praktikabilität dieses Lebensstils mag dabei eine entscheidende Rolle spielen. In “Vegan to go” empfiehlt Attila Hildmann, im Restaurant lieber zu sagen, man sei Allergiker, sonst würden einem doch in Butter geschwenkte Nudeln untergejubelt. Auch der Spitzenkoch bemerkt also noch so manchen Fallstrick, bemüht sich aber, Ratschläge zu geben, die eine neue Lässigkeit erlauben. Selbst nachts an der Tankstelle könne man fündig werden und beispielsweise mit etwas Glück vegane Chips auftreiben, so Hildmann, der in “Vegan to go” schnelle Rezepte vorstellt, so dass auch die Argumente der Kochmuffel, die die durchaus aufwendigen veganen Gerichte vermeiden, abgeschwächt werden.

Vegan in Münster: Pilzburger im Restaurant "Krawummel"© huchVegan in Münster: Pilzburger im Restaurant “Krawummel”

Christian Vagedes, der 2010 die “Vegane Gesellschaft Deutschland” gründete und in diesem Jahr die ersten drei Ausgaben des “Vegan Magazins” herausgab, glaubt, dass die Akzeptanz des veganen Lebensstils vor allem durch die geschmackliche Qualität der veganen Produkte gesteigert werden kann. „Rein ideell sagen Ihnen achtzig Prozent der Bürger: Klar kann ich mir vorstellen, so zu leben, aber es muss halt schmecken“, so Vagedes. In der aktuellen Ausgabe seines “Vegan Magazins” stellt Vagedes deshalb neue vegane Lebensmittel vor, die er gemeinsam mit einem kleinen Lebensmittelwerk in Mecklenburg-Vorpommern entwickelt hat. „Frischkäse, der wie Frischkäse schmeckt“, sagt Vagedes. „Sylter Dressing. Mayonaise. Schokopudding. Fleischsalat, der wie Fleischsalat schmeckt.“ Monatelang hat Vagedes, der als Designer arbeitet, dafür mit Lebensmittelexperten an Rezepturen getüftelt. „Ein Quantensprung in der Annehmbarkeit“ seiner Lebensidee Veganismus sei jetzt geschafft. Vagedes ist zuversichtlich: Auf das Cover der letzten im Jahr 2014 erschienen Ausgabe seines “Vegan Magazins” stellte die Redaktion selbstbewusst ein Foto von einer gesichtslosen Frau im roten Blazer, davor zwei Hände, die Fingerspitzen sind charakteristisch aneinandergelegt. Daneben steht: “Berliner Gerüchteküche: Angela Merkel – isst sie wirklich schon vegan?”

05. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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07. Nov. 2014
von Christina Hucklenbroich
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Können Haustiere Ebola übertragen? Wissenschaftler diskutieren über Hunde und “Bushmeat” als Infektionsrisiko

Tierärzte fragen sich, ob Hunde Ebola übertragen können. Und ein neues Gutachten beleuchtet, ob illegal importiertes Bushmeat aus Afrika das Virusfieber in Europa ausbrechen lassen könnte. Weiterlesen →

07. Nov. 2014
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03. Sep. 2014
von Christina Hucklenbroich
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Hunde wollen keine Gespräche: Ergebnisse aus neuen Tier-Studien

Begeistert scheinen Hunde nicht zu sein, wenn Menschen mit ihnen sprechen. Sie sehnen sich nach etwas anderem, ergibt eine neue Studie. Forscher untersuchten auch IQ-Tests für Welpen und einiges mehr. Weiterlesen →

03. Sep. 2014
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21. Jan. 2014
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Junge Tierärzte protestieren gegen Gehälter und Arbeitsbedingungen an Universitäten

Junge Tierärzte machen die prekären Beschäftigungsverhältnisse an den Tierkliniken der Universitäten öffentlich. Um internationale Abschlüsse zu bekommen, soll man für 600 Euro arbeiten. Weiterlesen →

21. Jan. 2014
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27. Dez. 2013
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Warum Frauen Pferde lieben und woher die kleinen Kätzchen kommen: Die Tier-Studien des Jahres

Macht Meerschweinchenstreicheln klug? Und wie steht es um den plötzlichen Haustier-Boom in China? Die wissenschaftlichen Studien des Jahres 2013 erhellen diese und andere Fragen. Weiterlesen →

27. Dez. 2013
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10. Sep. 2013
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Sind deutsche Hunde ängstlicher als amerikanische? Eine Verhaltensexpertin im Interview

Die Tierärztin Alexandra Moesta ist Verhaltensexpertin. Im Interview berichtet sie über die Erfahrungen, die sie international sammelte, und die Vorliebe der Deutschen für Hundeschulen. Weiterlesen →

10. Sep. 2013
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