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Schweigen in Ekümenopolis

18.06.2013, 19:13 Uhr  ·  Der Versuch des türkischen Ministerpräsidenten, den Protest zu einer Auseinandersetzung zwischen Religiösen und Säkularen zu stilisieren, scheint zu fruchten. Auch Leute, die anfangs vom neuen Wir-Gefühl der Demonstrationen schwärmten, treten offenbar in die gedankliche Falle, die Erdogan ihnen stellt.

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An dem Abend, an dem der Gezi-Park gestürmt worden ist, sollte dort eigentlich auf einer Leinwand um 22 Uhr  „Ekümenopolis“ gezeigt werden. Das ist ein Dokumentarfilm von 2011 über die katastrophale Stadtplanung in Istanbul, und man hatte mir gesagt, dass ich unbedingt in den Gezi-Park kommen und ihn anschauen solle. Dieser Film habe nämlich bei vielen Istanbulern erst das Bewusstsein dafür geweckt, dass ihnen immer mehr die Luft zum Atmen genommen wird und nach und nach alle Bäume in der Stadt verschwinden. Die Vorstellung im Gezi-Park fiel dann ja aus bekannten Gründen aus. Ich habe mir deshalb in einem Buchladen auf der Istiklal Caddesi die DVD gekauft und mir den Film auf dem Laptop angesehen: Er ist absolut zu empfehlen.

Der Titel ist eine Anspielung auf den griechischen Stadtplaner Constantinos Doxiadis, der 1967 das Wort Ecomenopolis erfand und damit eine Utopie beschrieb, in der sich die Megacities dieser Welt immer weiter ausdehnen und schließlich zu einem den Globus umschließenden Gewebe werden. Hat man den Film geschaut, glaubt man das sofort:  Er lässt einen erleben, wie Istanbul immer weiter wächst, immer mehr Autos in der 16-Millionen-Stadt herum fahren (es gibt 2 Millionen Autos in Istanbul, aber das Metronetz misst nur 16 Kilometer!), und wie Leute ihre Häuser räumen müssen, weil auf deren Grundstücken Wolkenkratzer entstehen sollen. Einen städteplanerischen Masterplan gibt es nicht für diese Stadt, und man hat den Eindruck, das alles, was dort städteplanerisch passiert, das Leben für die Menschen nur noch schwieriger macht. Kein Wunder, dass einige Istanbuler da verhindern wollten, dass man ihnen auch noch den Gezi-Park nimmt.

Aber um Bäume geht es ja schon lange nicht mehr. Das sagte auch eine Kollegin von Al-Jazeera, die ich auf dem Weg zur Buchhandlung in der Istiklal Caddesi kennengelernt habe. Sie ist Marokkanerin, gläubige Muslimin und trägt ein Kopftuch. Wir sprachen darüber, was wir in den vergangenen Tagen erlebt haben und noch vorhaben. Sie erzählte, dass es immer schwieriger für sie werde, Leute des Widerstands zu interviewen, da unter ihnen nur wenige Frauen mit Kopftuch sind – mitunter reagierten manche sogar aggressiv auf ihr Erscheinungsbild. Ich erzählte ihr, dass es mir hingegen ganz ähnlich geht, wenn ich in Jeans und T-Shirt mit Menschen sprechen will, die fromm und Anhänger von Erdogans AKP sind  und den Demonstrationen fern bleiben. Zu Beginn des Protests war das noch anders, da spürte man eine größere Offenheit zwischen den Leuten. Nun ist da vor allem Misstrauen. Offensichtlich fruchten Erdogans Versuche, mit seinen aufwieglerischen Reden den Protest von seiner Person abzulenken und zu einer Auseinandersetzung zwischen Religiösen und Säkularen zu stilisieren.

Auch Leute, die anfangs davon sprachen, dass das Großartige der Revolte dieses Wir-Gefühl sei, dass man so in der Türkei bisher nicht kannte, treten offenbar in die gedankliche Falle, die Erdogan ihnen stellt. Und so entdeckte ich später auf Facebook ein äußerst hässliches Video. Es zeigt Anhänger Erdogans, die sich lauthals über die vermeintliche Zerstörung Istanbuls durch die Demonstranten beschweren, und zwischendurch werden immer wieder blökende Schafe und meckernde Ziegen eingeblendet. Eine Widerstands-Gruppe hatte das Video online gestellt. Zum Glück lassen sich bisher nur einige wenige zu solchen Aktionen hinreißen.

Für heute Abend ist in der ganzen Stadt ein Schweige-Protest geplant. Die Leute werden sich schweigend irgendwo hinstellen, nachdem um 21 Uhr das Protestkonzert aus Kochtöpfen in den Straßen verklungen sein wird. Über Twitter haben Leute auf der ganzen Welt angekündigt, es ihnen aus Solidarität gleichzutun.

 

Veröffentlicht unter: Gezi-Park, Erdogan, Ekümenopolis

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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