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Nelken für die Toten

23.06.2013, 09:38 Uhr  ·  Wieder ist in Istanbul die Polizei mit Wasserwerfern gegen Demonstranten auf dem Taksim-Platz vorgegangen. In einem Krankenhaus nur einige Straßen entfernt, erwachte die in Berlin lebende Türkin Lobna Al Lamii derweil aus dem Koma.

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Gestern Nacht hat die Polizei in Istanbul wieder Wasserwerfer zum Einsatz gebracht, etwa 50 Menschen wurden dabei verletzt. In den Stunden zuvor sah man überall Leute in der Stadt, die sich mit roten Nelken in der Hand auf den Weg zum Takism-Platz machten. Die Aktivistengruppe „Taksim-Plattform“ hatte dazu aufgerufen, sich dort zu versammeln. Es sollte den Toten gedacht werden, die bei den Protesten bisher ums Leben gekommen sind. Als die Veranstaltung begann, waren mehrere Tausend Istanbuler da, die roten Nelken wurden an einer extra dafür vorgesehenen Stelle niedergelegt.

 

Der Governeur von Istanbul, Avni Hüseyin Mutlu, rechtfertige die abermalige Polizeigewalt damit, dass die Demonstranten den Verkehr auf dem Taksim-Platz gestört hätten. Die um ihn herumführende Straße sei mehr als eine Stunde blockiert gewesen, und die Demonstranten hätten der Aufforderung, sich zu zerstreuen, nicht Folge geleistet. Andere sagen, die Veranstaltung sei eskaliert, weil die Polizisten sich durch Sprechgesänge der Demonstranten provoziert gefühlt hätten, und wieder andere behaupten, dass einige Demonstranten versucht hätten, in den Gezi-Park einzudringen. Der ist ja noch immer abgesperrt. Die Stadtverwaltung lässt dort nämlich jetzt neue Bäume, Büsche und Blume pflanzen, und wenn man das eifrige Herumwerkeln der Gärtner von draußen von der Straße aus beobachtet,  dann könnte man meinen, sie legten dort jetzt einen hübschen Botanischen Garten an. Wahrscheinlich ist es so, dass die Regierung die Leute mit dieser Aktion erstmal ruhig stellen möchte. Doch niemand glaubt mehr daran, dass der Gezi-Park der Stadt tatsächlich auf Dauer erhalten bleibt.

 

Die gute Nachricht des Wochenendes war: Lobna Al Lamii ist aus dem Koma aufgewacht. Die in Berlin lebende, 34 Jahre alte Türkin arabischer Abstammung war am 31. Mai auf dem Taksim-Platz von einer Tränengaspatrone am Kopf getroffen worden. Mehrnals wurde sie seitdem operiert, und auch jetzt noch soll ihr Zustand kritisch sein. Als das Foto von der am Boden liegenden, blutenden Frau in den sozialen Medien verbreitet worden war, hatte es zunächst geheißen, sie sei eine ägyptische Touristin. Dann stellte sich heraus, dass Lobna Al Lamii Türkin ist, als Eventmanagerin in Berlin arbeitet und nur nach Istanbul gekommen war, um Visa-Angelegenheiten für Deutschland zu regeln. Offenbar war sie am Taksim-Platz, um den Demonstranten ihre Solidarität zu zeigen. Der letzte Eintrag  auf ihrer Facebook-Seite stammt vom 30. Mai. Eine tiefe Enttäuschung über die Verhältnisse in der Türkei ist darin zu spüren. Lobna Al Lamii schreibt: „Ich habe kein Vertrauen mehr in dieses Land… ihr alle schlaft noch. Gute Besserung, Taksim-Gezi-Park. Alles Gute für euer neues Einkaufszentrum und auch alles Gute für eure neue Brücke.“

Es existiert eine Vorschrift, dass man Tränengaspatronen nur in einem Winkel von 45 Grad abfeuern darf. Welcher der Polizisten seine so abfeuerte, dass Lobna Al Lamii am Kopf getroffen werden konnte, ist noch immer nicht geklärt. Und bisher sieht es auch nicht so aus, als bemühten sich die türkische Regierung oder die Polizei um Aufklärung. Sie hält ihre Hand nur schützend über ihre eigenen Leute.

 

 

 

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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