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What’s left

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Muss links sein, wer für eine gerechte und soziale Welt eintritt? Eine Debatte über neue Haltungen und alte Weltanschauungen.

02. Feb. 2016
von Rainer Hank
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Das linke Moral-Monopol

Oder: Warum es den Kapitalismus nicht wertfrei gibt.
Von Rainer Hank

###© Foto Archiv 

Vielleicht mögen Sie sich einmal diese beiden großartigen – und extrem unterschiedlichen 90-Sekunden-Videos – über den Kapitalismus anschauen. Da kann man idealtypisch und holzschnittartig das linke und das liberale Narrativ der Marktwirtschaft studieren. Während für die Linken der Kapitalismus bis heute „Ausbeutung“ und „Unterdrückung“ bedeutet, der, wenn es gut geht, durch starke Gewerkschaften und einen umfassenden Wohlfahrtsstaat mehr schlecht als recht gezähmt wird, um erträglich zu werden, ist für die Liberalen der Kapitalismus ein Weg der „Befreiung“, der die Menschen reich macht, sofern sie sich darauf einlassen, Eigentumsrechte und Vertragsfreiheit anerkennen und unternehmerischer Kreativität ihren Lauf lassen.

Beide Erzählungen sind in sich schlüssig. Beiden Erzählungen liegt ein moralisches Apriori zugrunde. Es ist eine Illusion zu meinen, es gäbe vorurteilsfreie Welterkenntnis. Zielführender wäre es, die zugrunde liegenden Weltanschauungen transparent zu machen und die Aprioris selbst zum Gegenstand des streitigen Diskurses zu machen, anstatt sie dezisionistisch als gegeben und vom Himmel gefallen zu behandeln. Die Linken müssten dann begründen, warum Ungleichheit überhaupt ein Problem ist statt immer gleich bei der Frage zu starten, wie man Unterschiede egalisieren könnte (beliebt ist vor allem die drastische Besteuerung) und die Ungleichheit zu beweinen. Viele Liberale indessen müssten sich vorhalten lassen, dass von der Marktwirtschaft generierte Effizienz- und Wohlfahrtsgewinne per se noch kein moralisches Argument für die Überlegenheit des Kapitalismus sind. Sie müssten zeigen, dass und wie der Kapitalismus für alle ein Freiheitsgewinn ist.

Erst so käme man auch der Frage auf den Grund, warum das linke Narrativ viel mehr Zustimmung findet als das liberale, obwohl zum Beweis der Überlegenheit des liberalen Narrativs ein kurzer Blick nach China seit Deng 1997 genügt (falls die Wohlstandsgeschichte Europas und Amerikas nicht schon Beweis genug ist): Marktwirtschaft schafft Armut ab. Jedenfalls rächt es sich, dass viele Ökonomen Fragen der Moral als „unwissenschaftlich“ suspendiert haben, um scheinbar „wertfrei“ dem Modell-Design zu frönen. So muss man sich nicht wundern, dass die Linken in Sachen politischer Ökonomie bis heute ein Monopol beanspruchen. Auch dieses Monopol muss, wie alle Monopole, dringend geschleift werden.

Das Buch zum Blog von Rainer Hank gibt es hier:

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02. Feb. 2016
von Rainer Hank
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29. Dez. 2015
von Rainer Hank
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Das Zeltlager

Antwortversuche auf die Frage „Wie wird man links?“
Von Rainer Hank

Wie wird man eigentlich links? Die meisten Menschen sind jung, wenn sie links werden. Und wenn sie älter sind, sind viele von ihnen nicht mehr links. Das hängt nicht nur mit dem viel zitierten und heimtückischen Satz zusammen, dass, wer mit zwanzig nicht links sei, kein Herz habe, wer es aber mit vierzig immer noch sei, keinen Verstand habe. Sondern es hängt auch an den prägenden Erfahrungen, die man als Jugendlicher macht.

Und abends brennt das Lagerfeuer© Foto ArchivUnd abends brennt das Lagerfeuer

Der Kollege Nikolaus Piper von der Süddeutschen Zeitung hat jüngst in einem Essay mit dem schönen Titel „Ich bin so frei“ über sein Linkssein berichtet: Es war eine Melange aus Lektüre der in den fünfziger und sechziger Jahren beliebten Halbstarken-Literatur (Jack Kerouac „On the road“) mit Che-Guevara-Romantik und dem Traum von einer langen Fahrt im Greyhound-Busse durch die Weiten der USA. Bemerkenswert daran ist, dass das Linkssein damals viel mehr mit einer diffusen Sehnsucht nach Freiheit und Befreiung zusammen ging als mit dem heute geläufigen Pathos von Gleichheit und Gerechtigkeit. Zwar, so berichtet Piper, sei er abstrakt damals, wie die meisten, für die Verstaatlichung der Wirtschaft gewesen. Er fügt allerdings hinzu: „Mir wollte von Anfang an nicht einleuchten, was gewonnen gewesen wäre, hätte man dem netten Herrn Kressin aus unserem Kirchenchor seine Maschinenfabrik weggenommen.“

Hans Werner Sinn war ein Falke

Auch der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts, hat sich jüngst als Ex-Linker geoutet. Anlässlich seiner Abschiedsvorlesung vor großem Auditorium in München, die nachzuhören nicht genug empfohlen werden kann, gab Sinn einen Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Zeitgenossenschaft und erwähnte als Urszene seines Linksseins die Zugehörigkeit zu den „Falken“ in einem kleinen Dorf bei Bielefeld in den frühen sechziger Jahren. Die Falken sind ein eigenständiger deutscher Kinder- und Jugendverband, der aus der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung hervorgegangen ist. Aber auch hier war es nicht irgendeine Theorie früher Marx-, Engels- oder Bebel-Lektüre, die den jungen Hans-Werner zum Linken hätte werden lassen, sondern die Erfahrung der Gemeinschaft, die man bei den Falken vor allem in den sommerlichen Zeltlagern machen konnte. Sinn, so erzählt er uns wenige Tage später am Rande eines Interviews, war nicht nur „Falke“, sondern als junger evangelischer Christ auch Mitglied des „Christlichen Vereins Junger Männer“ (CVJM) und auch hier waren es abermals die Zeltlager, von denen er heute noch schwärmt: „Die hatten ein Angebot, dem man sich gar nicht verschließen konnte.“

Die Bedeutung der Zeltlager für die Biographie junger Männer hat die Soziologie bisher sträflich übersehen (jedenfalls weist der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek keine einschlägige Monographie dazu aus). Bündische Erfahrungen der Jugendbewegung seit der Jahrhundertwende um 1900 vermischen sich dabei mit christlichen, sozialistischen, auch völkisch-nationalen Gemeinschaftsgefühlen. Das Stadtkind sollte die unverfälschte Natur kennen lernen, Freiheit in guter Luft und unter Gleichen gleichen Alters erfahren. Man trug „Kluft“, saß am Lagerfeuer und sang schmissige Lieder von Wildgänsen, die durch die Nacht rauschen und Treue zu Gott und den Menschen.

Was die Zeltlagererfahrung im Kern mit dem Sozialismus verbindet, kann man am besten in der letzten Schrift des großen marxistischen Philosophen Jerry Cohen nachlesen. „Sozialismus – warum nicht?“ ist das kleine Büchlein überschrieben. Der Essay beginnt mit einer schwärmenden Beschreibung eines Zeltlagers, wo es keine Hierarchien gibt, keine Herr-Knecht-Verhältnisse, wo alles allen gehört und jeder nach seinen Bedürfnissen das bekommt, was er braucht. Für Cohen ist das Zeltlager in der Tat die Urszene der sozialistischen Gesellschaft der Gleichen. Gemeinsam wird alles geteilt; jeder trägt seinen Teil zum Gelingen des Ganzen bei. Im kleinen Kreis ist dieses Leitbild nicht nur Gebot wechselseitiger Anteilnahme aneinander, sondern auch Ausdruck kluger und effizienter „betriebswirtschaftlicher“ Organisation. Es ist eine Welt, in der wir einander nie als Mittel zum Zweck benutzen, sondern uns stets um unserer selbst willen anerkennen. Die einen kochen eben, die anderen spülen.

Zeltlager und Urchristentum

Eine Ferienfreiheit oder das Zusammenleben in der Familie wie eine Marktwirtschaft zu organisieren, käme niemandem in den Sinn. Aber soll man daraus schließen, dass man umgekehrt die Gesellschaft als Ganze wie eine Ferienfreizeit einer egalitären Gemeinschaft organisieren kann? Das ist offenbar die Utopie des Sozialismus. Es ist auch die Utopie des Urchristentums, wo es in der Apostelgeschichte (Apg 2,44f) heißt: „Alle Gläubiggewordenen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie unter alle, je nachdem einer es nötig hatte.“

Nikolaus Piper, Hans Werner Sinn und auch der Autor dieses Blogs haben sich irgendwann und zu unterschiedlichen Zeiten vom Linkssein verabschiedet. Explizit oder implizit war es der Philosoph Friedrich A. Hayek, der dazu den philosophischen Anlass gab: Offenbar sind dezentrale spontane Ordnungen einer planwirtschaftlichen Ökonomie oder einer urchristlich-sozialistischen Utopie in der Praxis überlegen – jedenfalls dann, wenn es um eine Volks- oder gar die Weltwirtschaftsordnung geht. Das war die Offenbarung Hayeks. Hätte er Recht – wofür vieles spricht – dann wäre es der entscheidende Fehlschluss der Linken, ihre frühe Zeltlagererfahrung aus romantischer Nostalgie universalisieren zu wollen.

Jerry Cohen (1941 bis 2009), ein kanadischer Jude, hätte das vehement bestritten. Sozialismus ist nicht nur wünschbar, sondern auch machbar, meinte er. In seiner Kindheit hat er regelmäßig und gerne das zionistisch-sozialistische Sommercamp „Kinderland“ besucht. Später ist er Philosoph geworden und hat bis zu seinem frühen Tod im Sommer 2009 in Oxford gelehrt (übrigens als Nachfolger des berühmten liberalen Denkers Isaiah Berlin). Da war auch seine Neigung für das wilde Zeltlagerleben in der freien Natur längst der Sympathie für die bürgerlichen Annehmlichkeiten der intellektuellen Eliten in Oxford gewichen. Aber – anders als das Klischee von Herz und Verstand es will – hat Cohen auch nach dem Ende des Kommunismus an der sozialistischen Utopie festgehalten und, so erzählen seine Studenten, gerne, seine Vorlesungen mit dem Absingen von Arbeiterliedern begonnen. „Jeder Markt“, so schließt er seinen Essay mit einem Zitat Albert Einsteins, „ist der Versuch der Menschheit, die räuberische Phase menschlicher Entwicklung zu überwinden. Jeder Markt ist ein räuberisches System. Unser Versuch, die Räuberei zu überwinden, ist bis jetzt gescheitert. Ich glaube nicht, dass Aufgeben die richtige Lösung ist.“

Unser Blog „What’s left“ ist nun bald ein Jahr alt. Aber veraltet ist er noch lange nicht. Eine Weile machen wir noch weiter. Wie Jerry Cohen glaube auch ich, dass jetzt aufgeben nicht die richtige Lösung ist.

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29. Dez. 2015
von Rainer Hank
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16. Sep. 2015
von Rainer Hank
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Liberale sind nicht die besseren Menschen

Martin Rhonheimer hat Probleme mit dem Blog-Beitrag von Clemens Schneider.

Martin Rhonheimer© Foto privatMartin Rhonheimer

Hier sind Rhonheimers Argumente:

Die positiven Eigenschaften, die den Liberalen ausmachen, sind gemäß Ihrem Artikel, Herr Schneider, Eigenschaften wie „Offenheit, Respekt und Demut“. Der Liberale ist, wie Sie schreiben, gerecht, tapfer, maßvoll und weise. Er ist behutsam und respektvoll im Umgang mit anderen. Nun, wenn all das ausmacht, was man einen Liberalen nennt: Was charakterisiert dann jene, die keine Liberalen sind? Offenbar sind sie intolerante und tugendlose Unmenschen. In dieser Charakterisierung des Liberalismus steckt, so könnte man doch einwenden, implizit eine moralische Selbstüberhöhung des Liberalen und die moralische Disqualifizierung aller Nicht-Liberalen. Sich selber als „demütig“ zu charakterisieren, ist zumindest schlechter Stil. Demut ist eine Tugend, deren man sich nie selber rühmen sollte und schon gar nicht sollte man sie als eine Charakteristik der eigenen Position, in Ihrem Fall: der liberalen Position usurpieren; denn auch das führte implizit zur moralischen Disqualifizierung des Nichtliberalen. Will man aber vermeiden, dass Ihr Ansatz genau dazu führt, dann wird Ihre Definition von „liberal“ zu einer Leerformel bzw. einer Charakteristik, die eigentlich auf jeden anständigen Bürger zutreffen müsste und die ich als solche natürlich voll unterschreiben würde. Was aber ist damit für das Selbstverständnis des Liberalismus gewonnen?

Nicht jede Überzeugung verdient Respekt

Zweitens schreiben Sie: „Es gehört zur genetischen Struktur des Liberalismus, dass er nicht nur für die eigenen Überzeugungen Respekt einfordert, sondern für jede Überzeugung.“ Nein, nicht jede Überzeugung verdient Respekt. Das sollte doch gerade in Deutschland klar sein! Es gibt verachtenswerte, perverse und gefährliche Überzeugungen. Daneben gibt es auch solche, die einfach falsch sind. Respekt verdienen Menschen, unabhängig von ihren Überzeugungen, aber nicht unbedingt ihre Überzeugungen. Und es gibt auch Menschen, vor denen man wegen ihrer Überzeugungen durchaus den Respekt verlieren darf oder sogar sollte. Der Respekt vor dem Menschen zeigt sich beim Liberalen darin, dass er allen das Grundrecht auf Meinungsfreiheit gewährt. Aber sozialistische Überzeugungen sind ihm dennoch ein Gräuel! Dass jemand auch diese Überzeugung vertreten und für sie eintreten kann, ist aber ein politisches Grundrecht. Es zu verteidigen ist liberal. Niemandem kann aber deshalb verwehrt sein – im Rahmen des Rechts – gleichzeitig die Überzeugungen seiner Mitbürger als falsch und sogar verderblich zu bekämpfen. Wenn er dabei den Anstand verliert, hat er nicht gegen die Prinzipien des Liberalismus, sondern eben gegen jene des Anstandes verstoßen. Er wird dann anständige Menschen abstoßen und sie kaum für seine Überzeugungen gewinnen können. Das ist dann sein Problem, aber nicht ein solches des Liberalismus.

Kurz: Liberale sind nicht bessere Menschen, wie Sie, Herr Schneider – sicher ganz ohne Absicht, aber eben doch de facto – suggerieren, sondern Menschen mit bestimmten politischen Überzeugungen und Prinzipien. An diesen Prinzipien festzuhalten und andere als falsch und unter Umständen gefährlich zu betrachten, ist keine „Anmaßung von Wissen“. Hier missbrauchen Sie meiner Ansicht nach F. A. von Hayeks Kritik an staatlicher Planung und Zentralismus. Es ist keine Anmaßung von Wissen, an liberalen Prinzipien festzuhalten und andere Prinzipien und Überzeugungen für falsch zu halten und der Meinung zu sein, diese Überzeugungen – nicht die Menschen, die sie vertreten – verdienten keinen Respekt. Es gibt eben liberale Überzeugungen und Prinzipien, an die gerade große Liberale wie F. A. von Hayek unerschütterlich festhalten und auf deren Grundlage sie Sozialismus, Staatsgläubigkeit, Interventionismus, Wohlfahrtsstaat und so weiter für verfehlt und schädlich halten. Respekt ist diesen Irrtümern nur insofern zu zollen, als sie, obwohl sie intellektuell fehlgeleitet sind, oft an edle Gefühle appellieren, gerade deshalb so gefährlich sind, aber in vielen Fällen auch als ein Zeichen guter Absichten honoriert werden können. Auch das kann man von Hayek lernen (macht ihn aber nicht schon zum Liberalen).

Keine Diskussionsverbote und Tabus

Damit komme ich zum dritten Problem Ihres Artikels. Sie schreiben: „Wir können nicht beweisen, wie viel am Klimawandel menschengemacht ist (keine der beiden Seiten kann das!). Ebenso wenig können wir sagen, ob Kinder, die in (derzeit) unkonventionellen Verhältnissen aufwachsen, unglücklicher werden als solche aus vermeintlich ‚klassischen‘ Familien. Und erst recht steht es uns nicht zu, das Selbstverständnis von Menschen zu beurteilen, die sich nicht in eine gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrolle einfügen wollen.“ Wieso können – oder dürfen – wir das alles nicht? Es gibt doch Argumente und Gegenargumente für beide Positionen. Vielleicht ist die Diskussion noch nicht zu Ende. Aber Sie scheinen mir hier Diskussionsverbote und Tabus aufzustellen, was dem Liberalismus fremd ist. Liberal ist es, für sich das Recht zu reklamieren, nach dem besseren Argument zu suchen und solche Diskussionen zu führen. Niemand verstößt gegen die Prinzipien des Liberalismus, weil er den Klimawandel so oder anders beurteilt; oder weil er der Meinung ist, Kinder bräuchten Eltern verschiedenen Geschlechts, oder aber dies sei nicht der Fall; oder weil er der Meinung ist, es gebe von der Natur vorgegebene Geschlechterrollen, oder die „Natur“ sei in dieser Hinsicht irrelevant.

Man verstößt hingegen gegen die Prinzipien des Liberalismus, wenn man an den Staat appelliert, damit er mit dem Einsatz seiner Zwangsgewalt bestimmte moralische oder gesellschaftliche Vorstellungen (gerade z.B. im Bereich „Gender-Mainstreaming) durchsetzt oder wissenschaftliche Meinungen privilegiert oder zensuriert bzw. mit Steuergeldern fördert. Sie stellen hier aber Tabus auf, Regeln, worüber man diskutieren darf, und das gerade scheint mir nicht liberal zu sein.

Wider die Moralisierung der Debatte

Schließlich: „Behutsamkeit im Denken und Behutsamkeit im Umgang mit anderen Menschen – das ist jener feine und liebenswerte Wesenszug, der alle großen Denker der Freiheit von jeher ausgezeichnet hat: von Sokrates bis Hayek, von Kant bis Popper, von Hume bis Buchanan.“ Hier sehe ich noch einmal einen Schuss „Moralisierung“ der Debatte. Die Galerie der Namen ist gut ausgewählt. Doch wie steht es zum Beispiel mit dem großen Liberalen Ludwig von Mises? Er passt nicht zu Ihrer Charakterisierung. Auch Wilhelm Röpke passt da nicht ganz hinein. Sie waren aufbrausende Charaktere und Mises war dafür bekannt, dass er alle, die nicht seiner Meinung waren, beschimpfte. Mir ist das egal. Für mich ist Mises ein großer Liberaler, und Röpke verehrte ich schon in meiner Jugendzeit. Denn für mich ist das Kennzeichen von Liberalismus die Ideen und die Prinzipien und danach beurteile ich, ob jemand ein Liberaler ist oder nicht.
Mir scheint die Debatte, wie Sie sie führen, nicht sehr glücklich. Statt über Inhalte und Prinzipien zu diskutieren, könnte Ihr Ansatz leicht dazu führen, den Liberalismus zu einer Ideologie der Ausgrenzung missliebiger Positionen werden zu lassen, aufgrund ihres angeblich mangelnden „Respekts vor anderen Überzeugungen“ oder fehlenden Anstands, oder fehlender „Behutsamkeit“ oder „Demut“. Das könnt dann leicht zum Vehikel werden, nicht genehme Positionen und Argumente auf Grund solcher Mängel moralisch zu disqualifizieren und als nichtliberal zu ächten.

Oder habe ich etwas übersehen oder falsch verstanden? Dann hoffe ich darauf, korrigiert zu werden. Ich grüsse Sie herzlich.

Martin Rhonheimer lehrt seit 1990 an der Pontificia Università della Santa Crocein in Rom als Professor politische Ethik und Philosophie. Derzeit hält er sich in Wien auf, um sich der Gründung und dem Aufbau eines liberal ausgerichteten Instituts zu widmen, das den Namen „Austrian Institute of Economics and Social Philosophy“ trägt.

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16. Sep. 2015
von Rainer Hank
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05. Sep. 2015
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Liberale müssen behutsam sein

Linke und Rechte wissen überall schon Bescheid. Liberale sind bescheidener, findet Clemens Schneider

Demut© fotocommunity.deDemut

Der Liberalismus steht auf drei Säulen: Offenheit, Respekt und Demut. Friedrich A. von Hayek schreibt, dass „der liberale Standpunkt auf Mut und Zuversicht beruht, auf einer Bereitschaft, der Veränderung ihren Lauf zu lassen, auch wenn wir nicht voraussagen können, wohin sie führen wird.“ Offenheit für das Neue ist unabdingbar, wenn man sich verbessern und weiterentwickeln will. Dass die von der Freiheit ermöglichten und mit ihr einhergehenden Entwicklungen eine der besten Begründungen für die Forderung nach dieser Freiheit sind, hat Hayek in seinem Spätwerk ausführlich dargelegt, in dem er sich besonders dem Wesen kultureller Evolution widmete.

Aus der Offenheit ergibt sich die Haltung des Respekts. Der englische Historiker und Liberale Lord Acton hat in seiner Rede „The History of Freedom in Christianity“ darauf hingewiesen, dass wir einen ganz entscheidenden Schritt in der Entwicklung der Freiheit den protestantischen Sekten des 16. und 17. Jahrhunderts verdanken. Ihre Überzeugung war es, „die Freiheit der anderen zu hegen wie die eigene, sie zu verteidigen aus Liebe zu Rechtschaffenheit und Menschenfreundlichkeit und nicht nur als einen Anspruch.“ Es gehört zur genetischen Struktur des Liberalismus, dass er nicht nur für die eigenen Überzeugungen Respekt einfordert, sondern für jede Überzeugung. Auch der andere hat sich im Zweifel Gedanken gemacht über seine Überzeugungen oder hat sie zumindest aufgrund legitimer persönlicher Gefühle. Pauschal jemandem böse Absichten zu unterstellen, wird in den allermeisten Fällen nicht einmal entfernt die Realität treffen. Anstatt Urteile zu fällen, sollte man besser versuchen, den anderen zu überzeugen.

Demut ist besser als Hochmut

Und da kommt die Demut ins Spiel. Das berühmte sokratische Diktum vom Nichtwissen ist der Nucleus liberalen Denkens. Rechte und Linke wissen genau, wie die Welt auszusehen hat, wie eine Gesellschaft funktionieren muss und was gut für andere Menschen ist. Diesem Hochmut und dieser Anmaßung des Wissens setzt der Liberale die Demut entgegen. So wie wir unsere Vernunft nicht überschätzen sollten, ist es auch geboten, unseren persönlichen Geschmack nicht zum Maßstab für andere zu machen. Wir können nicht beweisen, wie viel am Klimawandel menschengemacht ist (keine der beiden Seiten kann das!). Ebenso wenig können wir sagen, ob Kinder, die in (derzeit) unkonventionellen Verhältnissen aufwachsen, unglücklicher werden als solche aus vermeintlich „klassischen“ Familien. Und erst recht steht es uns nicht zu, das Selbstverständnis von Menschen zu beurteilen, die sich nicht in eine gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrolle einfügen wollen.

Offenheit, Respekt und Demut unterscheiden den Liberalen von den Linken wie von den Rechten. Wer für sich in Anspruch nimmt, liberal zu sein, ein freiheitliches Menschenbild zu vertreten, kommt nicht darum herum, diese drei Säulen zu akzeptieren. Liberalismus ist nicht nur ein Set an Überzeugungen, die sich in einem Parteiprogramm zusammenfassen ließen. Liberalismus ist auch nicht nur ein Rahmen, der gewährleistet, dass Menschen nach ihrer jeweiligen Facon selig werden können. Liberalismus ist ein Ethos.

Die Haltung der Behutsamkeit

Die Antike kannte vier Kardinaltugenden, die den guten Menschen auszeichnen: Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit. Kombiniert man diese vier Tugenden, so entsteht daraus eine Haltung, die Liberalen gut zu Gesicht stünde: die Haltung der Behutsamkeit. Gerecht ist es, den anderen erst zu Wort kommen zu lassen, ihm zuzuhören und sein Anliegen ernst zu nehmen. Maßvoll ist es, andere Meinungen nicht von vornherein und im Bausch und Bogen zu verurteilen, sondern differenziert auf sie einzugehen. Tapfer ist es, auszuhalten, dass jemand eine andere Meinung, eine andere Sicht der Welt hat, als man selbst. Und weise ist es, die anderen Positionen und Einwände genau zu studieren und aus ihnen zu lernen.
Wer diese Regeln beachtet, der wird sich dem Gegenüber behutsam nähern. Er wird ihn weder beschimpfen, noch sich über ihn lustig machen. Er wird Arroganz und Süffisanz keinen Raum einräumen in seinem Denken, Tun und Reden. Und diese Behutsamkeit wird ihn in einen echten Dialog mit dem anderen führen, der im besten Fall für beide ein Gewinn ist. Ja, es mag sogar geschehen – und ich wünsche es! –, dass diese Behutsamkeit am Ende auch manch einen von denen zu gewinnen vermag, die jetzt noch wie waidwunde Tiere um sich schlagen und beißen, weil sie sich von einer gesellschaftlichen Mehrheit unterdrückt fühlen, verfolgt vom Dämon der political correctness.

Die eigentliche Herausforderung für den Liberalismus ist nicht die Abgrenzung zu Rechts (oder Links). Beides geschieht, wenn man den Liberalismus ernst nimmt, ohnehin implizit. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, denjenigen das Handwerk zu legen, die sich als Liberale ausgeben, aber dabei in ihrem Denken, Reden und Tun an dessen Grundfesten rütteln. Man muss ihnen nicht nur das Handwerk legen, weil sie dem Liberalismus einen schlechten Ruf geben. Sondern vor allem deswegen, weil ihre Grobheiten und ihre Unverschämtheiten, ihre Sticheleien und ihre Tiraden, ihre üblen Witze und ihr Schubladendenken, ihre Dialogunwilligkeit und ihre Selbstgerechtigkeit jener Behutsamkeit Hohn sprechen, die das Wesen des Liberalismus ist.

Behutsamkeit im Denken und Behutsamkeit im Umgang mit anderen Menschen – das ist jener feine und liebenswerte Wesenszug, der alle großen Denker der Freiheit von jeher ausgezeichnet hat: von Sokrates bis Hayek, von Kant bis Popper, von Hume bis Buchanan. Diese Behutsamkeit müssen Liberale wiedergewinnen, wenn sie die Sache der Freiheit wirklich voranbringen wollen. Aus den Tiefen der Vergangenheit ermahnt uns noch heute der Philosoph Seneca: „Die Philosophie ist ein guter Rat: einen guten Rat gibt niemand mit lauter Stimme. … Wo es darum geht, dass einer lerne, muss man auf Worte zurückgreifen, die leise gesprochen werden. Denn sie finden leichter Zugang und bleiben besser hängen; nicht viele von ihnen sind nötig, sondern wirksame.“

Clemens Schneider, geboren 1980 in Düsseldorf, ist Mitbegründer und Managing Director des klassisch-liberalen Think Tanks Prometheus – Das Freiheitsinstitut. Außerdem arbeitet er im Augenblick an einer Dissertation in Katholischer Theologie über den liberalen englischen Historiker Lord Acton.

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05. Sep. 2015
von Rainer Hank
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29. Aug. 2015
von Rainer Hank
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Warum soll Ungleichheit ein Übel sein?

Gleichheit wird maßlos überschätzt. Das meinen jetzt auch ein paar häretische Linke.

Hier kam auch ein Glücksvogel vorbei© Foto ArchivHier kam auch ein Glücksvogel vorbei

Stellen Sie sich vor, ein kleiner Glücksvogel macht Ihnen und allen anderen Lesern dieses Blogs ein Geschenk von einer Million Euro. Für die meisten von Ihnen käme das Millionengeschenk nach den vergangenen turbulenten Tagen an der Börse gerade recht. Aber es würde zweifellos auch die Ungleichheit in der Welt ein klein wenig vergrößern: Die Schere öffnet sich. Doch hätte irgend jemand dadurch Nachteile? Keinesfalls. Niemand verschlechtert seine Situation, einige verbessern sie. Wo ist das Problem? Die Tatsache, dass die vom Glücksvogel bewirkte Ungleichheit alle Nicht-Blog-Leser unglücklich oder neidisch macht, weil sie nicht beschenkt wurden, ist kein überzeugender Einwand: Ressentiment ist menschlich, aber nicht zugelassen vor dem Forum der Vernunft.

Die allermeisten Philosophen halten Ungleichheit gleichwohl für ein großes moralisches Problem. Kommt der Glücksvogel zum Beispiel in Gestalt eines schönen Erbes daher, sprechen sie von „unverdientem Vermögen“: Als ob das Geldgeschenk mit einem moralischen Makel behaftet wäre, weil der Beschenkte für seinen Vermögenszuwachs nichts geleistet hat. So sehr hat sich die Leistungsgesellschaft und das ihr zugrunde liegende Prinzip der absoluten Meritokratie inzwischen als einzige akzeptable Rechtfertigung von Vermögenszuwächsen bei uns eingenistet.

Macht Ungleichheit unglücklich?

Flankierend melden sich neuerdings auch Ökonomen zu Wort, die herausgefunden haben wollen, dass Ungleichheit die Menschen unglücklich macht. Weil immer mehr Volkswirte sich auch für das Glücksempfinden der Leute zuständig erklären, halten sie Ungleichheit für einen unerträglichen Zustand, den es, wenn schon nicht abzuschaffen, so zumindest zu lindern gilt. Als ob sie sich zusätzlich munitionieren müssten, wollen die Ökonomen auch noch den Beweis führen, dass größere Ungleichheit das Wachstum beschädigt. Dahinter steht der Gedanke, dass jene, die weniger Geld haben als andere, durch ihr Schicksal demotiviert werden. Sie würden mehr leisten, hätten sie Zugang zu ihren wahren Fertigkeiten, was ihnen mehr Einkommen und der Gesellschaft einen größeren Wohlstand bescheren würde.

Karrt man all die viele Unzufriedenheit mit der Ungleichheit zusammen, nimmt es nicht Wunder, dass Ungleichheit inzwischen als eine fürchterliche Ungerechtigkeit gilt, die bekämpft werden muss. Die Instrumente sind immer die gleichen: Nehmt den Reicheren und gebt den Ärmeren. Umverteilung soll nach Auffassung der Egalitaristen das wirksamste Mittel zur Herstellung von Gerechtigkeit sein. Darin sind sich alle einig. Sie unterscheiden sich allenfalls in der Einschätzung, wie konfiskatorisch der Zugriff auf das Eigentum der Reichen ausfallen darf. Aber sie treffen sich wieder in der Grundüberzeugung, dass der Zustand der Gleichheit nicht begründungspflichtig ist, jener der Ungleichheit indessen nicht begründungsfähig ist. Wo Ungleichheit war, muss Gleichheit werden, damit Gerechtigkeit herrscht.

Aufmarsch der humanitären Antiegalitaristen

Um so wohltuender ist es, dass sich da und dort subversiver Widerstand regt. Eine kleine, häretische Gruppe „humanitärer Antiegalitaristen“ – die sich mindestens so links verstehen wie die tonangebenden Egalitaristen – hat damit angefangen, die Beweispflicht umzudrehen. „Der fundamentale Irrtum des Egalitarismus liegt in der Annahme, es sei moralisch entscheidend, ob eine Person weniger ale eine andere hat, unabhängig davon, wie viel jeder von beiden hat“, schmettert der Philosoph Harry G. Frankfurt in einem demnächst erscheinenden Büchlein „On Equality“ („Über die Gleichheit“) dem Mainstream entgegen. Frankfurt, geboren 1929, war die meiste Zeit seines Lebens Professor an der Universität Princeton. Weil unscharfes Salbadern diesen Denker nervös zu machen pflegt, widmete er eines seiner bekanntesten Bücher dem Thema „Bullshit“. Vieles, was die Gebildeten heute über Gleichheit daher quasseln, würde Frankfurt gewiss auch Bullshit oder Humbug nennen.

Zwei von Frankfurts Einwänden gegen den Vorrang der Gleichheit sind besonders schlagend. Erstens entkräftet er die Meinung vieler, dass auch beim Geld das Gesetz das abnehmenden Grenznutzens gelte. Und er zeigt zweitens, dass die gute moralische Absicht der Egalitaristen am Ende moralisch unakzeptable Folgen in Kauf nehmen muss. Das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens ist die jedermann bekannte Erfahrung, dass das vierte Bier lange nicht mehr so gut schmeckt wie das erste. Somit ist der Nutzen des ersten Glases höher als jener des vierten Glases, woraus die Freunde der Gleichheit die Berechtigung zur Umverteilung ableiten, denn dadurch würde sich der Gesamtnutzen aller Biertrinker erhöhen. Immer schon musste dieses vermeintliche Naturgesetz dafür herhalten, progressive Steuern zu legitimieren. Denn trifft es zu, freuen sich die Reichen über zusätzliches Geld weniger als die Armen, und tut es den Reichen weniger weh, wenn man es ihnen wegnimmt, während die Armen um so mehr Lust empfinden, wenn sie etwas kriegen.

Bei Geld, Sex und Kunst gibt es keinen abnehmenden Grenznutzen

Doch was beim Biertrinken passiert, muss nicht für das Geld zutreffen. Geld ist schließlich unbegrenzt verwendbar zur Befriedigung vieler Wünsche der Menschen. Wer kein viertes Bier trinken mag, freut sich gleichwohl über mehr Geld, mit dem er sich andere Konsumwünsche erfüllen kann. Es könnte sogar sein, dass man sich an mehr Geld immer mehr gewöhnt, so dass der Nutzen zusätzlichen Einkommens sogar noch steigt. Geld gehört – wie Sex oder der Genuss von Kunst – zu einer Gruppe von Dingen, von denen man nie genug kriegen kann, während das den Nutzen steigernde Erleben dabei sogar noch anwächst. Selbst wenn man diese Überlegungen nicht teilt, muss man zumindest anerkennen, dass die Selbstverständlichkeit der Formel „Gleichheit gleich Gerechtigkeit“ morsch wird.

Nicht anders geht es der moralischen Grundüberzeugung, wonach man einen Kuchen am besten in so viele gleich große Stücke teilt, wie Esser am Kaffeetisch sitzen. Das Kuchenmodell ist nämlich irreführend. Dazu stelle man sich ein Medikament vor, von dem ein Schwerkranker mindestens fünf Einheiten einnehmen muss, um zu überleben. Angenommen es gibt nun aber aus Gründen der Knappheit nur vierzig Einheiten dieses Medikaments, aber zehn gleich schwer Kranke, die auf es angewiesen sind, führt die Gleichverteilung dazu, dass keiner überlebt, während acht von ihnen gerettet würden, lässt man Zweie leer ausgehen. Womöglich wollen die Egalitaristen sich nur vor dieser moralisch schwer erträglichen Wahl drücken, wenn sie stur das Gleichheitsziel verteidigen?

Nicht die Herstellung von Gleichheit, sondern die Bekämpfung der Armut auf der Welt wäre den Schweiß der Edlen wert. Dass beides gerne verwechselt wird, ist der eigentliche Skandal: Als ob die Armen etwas davon hätten, dass man die Reicheren ärmer macht. Offenkundig ist der Treiber der Ungleichheitsbekämpfung der Neid; der Treiber der Armutsbekämpfung hingegen ist das Mitleid. Lässt sich Mitleid in marktwirtschaftliches Wachstum übersetzen, weicht die Armut. Wer es nicht glaubt, soll sich in China umsehen.

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29. Aug. 2015
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13. Aug. 2015
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Kein Flirt mit links

Harald Oestreich findet: Links-liberal ist genauso schlimm wie national-liberal

Harald Oestreich© Foto privatHarald Oestreich

Rainer Hank schreibt: „Mit den Linken flirten die Liberalen vergleichsweise selten, viel seltener jedenfalls als mit den Rechten. Das ist sehr schade.“ Nein, wer den Liberalismus ernst nimmt, der flirtet nicht – weder mit Links noch mit Rechts. Denn flirten bedeutet „anbandeln“, was mit Zuneigung zu tun hat, und dann ist es zu links-liberal oder sozial-liberal nicht mehr weit. Ist links-liberal überhaupt eine Option oder handelt es sich dabei nicht um linke Politik in liberalem Outfit zwecks Stimmenmaximierung? Das gleiche gilt für rechts: Nationalkonservative mit liberalem Feigenblatt?

Was dem politischen Diskurs weiterhilft, sind klare Positionsbestimmungen. Was ist links, was ist rechts, was ist liberal?

Links und Rechts – zwei Seiten einer Medaille

Semantisch beschreiben Links und Rechts zwei entgegengesetzte Richtungen. So hat z.B. ein Balken ein rechtes und ein linkes Ende. Das linke Ende kann sich vom rechten Ende unterscheiden (indem es beispielsweise rot bzw. schwarz oder braun angestrichen ist), aber es handelt sich immer noch um denselben Balken. Üblicherweise sitzen links die Fortschrittlichen oder auch die Revolutionäre, die eine neue Gesellschaft konstruieren wollen, rechts die Konservativen oder auch Rückständigen oder Reaktionäre, die vorgeben, jenes zu bewahren, das die Linken mutwillig zerstören wollen.

Trotz dieses offensichtlichen Gegensatzes erkennt man bei näherer Betrachtung erstaunliche Gemeinsamkeiten. Denn bei aller sorgfältig gepflegten Feindschaft weisen beide eine starke Affinität zum Staat als Herrschaftsinstrument auf, der dem (unmündigen) Volk den Weg weisen soll – wahlweise in eine linke oder eine rechte Zukunft.

Herrschaft bedarf der Legitimation. In der guten alten Zeit wurde sie von der Religion geliefert („Wir von Gottes Gnaden…“), bis die Aufklärung damit Schluss machte. Im 20. Jh. waren es dann die Kollektive wie Volk, Rasse oder klassenlose Gesellschaft, in deren Namen eine rechte bzw. linke Herrschaft begründet wurde.

Bei aller Todfeindschaft bildete diese kollektivistische Grundeinstellung doch eine Gemeinsamkeit von Linken und Rechten, wenngleich sie unterschiedliche Kollektive im Fokus hatten (woraus sich der Konflikt entzündete). Und daraus erklärt sich auch beider Hang zu egalitärer Ideologie und zur Planwirtschaft. Kommunisten und Nationalsozialisten waren sich einig in der Ablehnung des Marktes und pflegten ihre jeweilige Art von Sozialismus. Und selbst Bismarck als National-Konservativer outete sich als Antikapitalist (als er beispielsweise von den „mitleidlosen Geldsäcken“ sprach).

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs scheiterte 1990 grandios der Sozialismus 1.0, womit der empirische Nachweis erbracht war, dass eine industrielle Produktion zusammen mit dem daraus generierten Wohlstand unter planwirtschaftlichen Bedingungen nicht möglich ist. Seither ist der Wohlfahrtsstaat als Sozialismus 2.0 auf dem Vormarsch, über den sich Linke wie Rechte (bis zur CSU) im Grundsatz einig sind und nur noch über die Geschwindigkeit und die Vokabeln (Mindestlohn oder Lohnuntergrenze…) diskutieren.

Der Wohlfahrtsstaat ist eine neue Form kollektivistischer Denkmuster, der allerdings auf die Arbeiterbrigaden und VEBs des Hurra-Kommunismus verzichten kann. Er überlässt die Produktion den Kapitalisten (die das besser können), behält sich aber das Recht vor, alles zu reglementieren (wofür ihm J.M. Keynes die ökonomische Absolution erteilte). Dafür verspricht er „Soziale Gerechtigkeit“, die der Bürger aber gegen seine Freiheit eintauschen muss.

Liberalismus als „tertium quid“

Dies eben ist der Unterschied. In einer Kollektiv-Gesellschaft definieren Staat und Politik den Freiraum der Bürger. Freiheit wird zum Residuum, zum Restposten aus dem, was die staatlichen Regularien offen lassen. Freiheit nach Gutsherrenart. Immerhin dürfen die Bürger alle 4 Jahre einen neuen Gutsherrn wählen.

Es grenzte an Verrat, wenn der Liberale sich an der Diskussion über linke und rechte Freiheits-Restposten beteiligte, denn seine Definition von Freiheit geht anders. Liberal kann weder links noch rechts sein, da liberal weder einen linken noch einen rechten Weg zum kollektiven Seelenheil kennt, dafür aber jeden „nach seiner Facon selig werden“ lässt – solange er andere damit nicht behelligt. Liberal ist weder rechts noch links, sondern die dritte politische Dimension, das „tertium quid“.

Der Liberalismus ist der entgegengesetzte Entwurf einer Gesellschaft, die nicht vom Staat her gedacht wird, sondern vom Individuum und seinen Grundrechten sowie dessen Interaktion mit allen anderen Individuen dieser Gesellschaft. Freiheit ist nicht das Residuum, sondern als Menschenrecht (wie die Würde und die Unversehrtheit) das Ziel der Gesellschaftsordnung.

Hier nun kommt die Gerechtigkeitsdebatte ins Spiel. Linke verkaufen ihre Politik als „Soziale Gerechtigkeit“, hinter der sich aber nicht mehr als die leere Phrase einer egalitären Verteilungspolitik („mehr Gleichheit an Einkommen und Vermögen“, wie es im Programm der SPD heißt) verbirgt, die im Ergebnis aber alle ärmer macht.

In einer freiheitlichen Gesellschaft dagegen bildet der kategorische Imperativ (nach Immanuel Kant) die ethische Handlungsnorm, wie er in Art. 2 GG eingeflossen ist: „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt…“. Diese Norm ist einerseits konstitutiv für die Freiheit, andererseits legt sie dem Handelnden Beschränkungen auf, indem sie ihm die Verantwortung für sein Handeln zuweist. Freiheit und Verantwortung sind untrennbar (so Hayek in der „Verfassung der Freiheit“). Freiheit ist immer auch die Freiheit der anderen. Rechte und Pflichten werden in ein selbstreferentielles Gleichgewicht gebracht.

Dies hat Konsequenzen für das Verhältnis von Bürger und Staat. Jedes Zusammenleben von Individuen in einer Gesellschaft bedarf der Ordnung, aber es ist hier nicht primär der Staat, der nach seinen Bedürfnissen über Gesetze Befehle erteilt. Es sind die Bürger selbst, die durch Verträge ihre Angelegenheiten in freier Entscheidung regeln. Jeder Bürger ist frei, einen Vertrag zu unterschreiben – oder auch nicht. Hat er aber unterschrieben, so hat er den Vertrag einzuhalten. Und diese Einhaltung hat der Staat zu garantieren – notfalls mit Gewalt, wozu er durch das Gewaltmonopol legitimiert ist.

Was der Staat tun soll – und was nicht

Nach diesem Verständnis ist es nicht Aufgabe des Staates, dem Bürger Befehle zu erteilen, indem er z.B. Preise, Leistungen oder Löhne vorschreibt, sondern mit einer Rechtsordnung dafür zu sorgen, dass vereinbarte Konditionen eingehalten werden. Dies unterscheidet sich fundamental von den konkreten Befehlen eines paternalistisch-sozialistischen Staates, indem es sich um eine abstrakte Ordnung handelt, während die eigentliche konkrete Ordnung durch das Geflecht von Milliarden privater Verträge gebildet wird, die aus freien Entscheidungen der Bürger hervorgegangen sind und jederzeit an sich ändernde Gegebenheiten angepasst werden können.

Der Staat wird damit zum Schiedsrichter, ohne selbst als Akteur ins Geschehen einzugreifen. Er wird nur dann zum Akteur, wenn es sich nachweislich um öffentliche Güter handelt (innere und äußere Sicherheit, Infrastruktur, Sozialhilfe…), die der Markt nicht bereitstellen kann. Dies hat nichts mit dem von Ferdinand Lasalle verspotteten Nachtwächterstaat zu tun, sondern ist die Blaupause einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, wie sie vom Grundgesetz versprochen wurde und die es nun einzufordern gilt. Freiheit entsteht erst durch eine Ordnung, die der Freiheit dient.

Die Idee der Freiheit als konstituierendes Element

Dass die Freiheit ungewohnt und manchem obsolet erscheint, liegt offenbar daran, dass diese Idee relativ neu in der Weltgeschichte ist. Außerdem ist sie tief verwurzelt in der westlichen Zivilisation, da ihre Ursprünge bis zu den antiken Griechen (Perikles: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit,
das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“) und Römern (Cicero: „Ich achte die Gesetze, weil ich frei sein will“) zurückreichen. Erst vor 300 Jahren gelang ihr mit der Aufklärung („Siècle de lumière“) der Durchbruch. René Descartes („cogito ergo sum“) definierte das Individuum über die Vernunft und entzog es damit dem religiösen Alleinvertretungsanspruch. Immanuel Kant versuchte es aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu befreien, indem er zeigte, dass das Individuum allein mit Erfahrung und Verstand zur Erkenntnis fähig ist – auch ohne Autoritäten.

Da immer mehr davon Gebrauch machten, erblühten Naturwissenschaften und Technik, der Markt entwickelte sich zur Marktwirtschaft und die industrielle Revolution besiegte Hunger und Krankheiten und führte zu einem ungeahnten, breiten Wohlstand wie nie zuvor in der Geschichte (Ian Morris). Karl Marx aber erzählte eine andere Geschichte und erfand den Kapitalismus als Kampfbegriff gegen Markt und Bourgeoisie. Dennoch handelte es sich bei der Aufklärung um das wohl erfolgreichste, gesamteuropäische Projekt (ganz ohne Brüsseler Zentralismus), das noch dazu in Amerika zum Exportschlager wurde.

Die Französische Revolution von 1789 schließlich transkribierte die Idee in die Praxis der politischen Freiheit und gab damit der „Gleichheit“ zwei Bedeutungen. Es war eine bürgerliche Revolution gegen Privilegien des Adels und des Klerus, die Égalité als Gleichheit vor dem Gesetz verstand. 1791 war sie mit der Verabschiedung der Verfassung eigentlich beendet. Danach aber folgte der zweite Teil, die proletarische Revolution der Sansculotten („La Terreur“), an deren Ende ein gewisser Gracchus Babeuf die Gesellschaft der Gleichen („Société des Égaux“) gründete, um damit der Égalité eine neue Bedeutung zu geben. Zwar landete auch er auf dem Schafott, aber damit war dem Sozialismus der „Urvater“ (so Lenin) geboren. La Terreur fand schließlich die Fortsetzung in Russland, China, Kambodscha etc.

Die zwei Gerechtigkeiten

Fortan gab es zwei Gerechtigkeiten: Die Gleichheit in den Chancen und die Gleichheit im Ergebnis wie Einkommen, Vermögen, Bildung etc. Im ersten Fall beschränkt sich der Staat darauf, für die Gleichheit vor dem Gesetz und die Beseitigung etwaiger Privilegien zu sorgen. Für die Nutzung von Chancen ist dagegen jeder selbst für sich zuständig und verantwortlich, was anstrengend und lästig ist, Ungleichheit erzeugt und den Neid (die Königs-Untugend) schürt.
All diese Unannehmlichkeiten bleiben den Bürgern bei der zweiten Art von Gerechtigkeit erspart, die der Staat als All-inclusive-Service anbietet. Aber dies fordert seinen Preis: einen totalitären Zwang, gegen den der Bürger seine Freiheit eintauscht. Der Staat muss alle Bereiche des Lebens reglementieren, um Gleichheit zu erzielen, wodurch jede Initiative und Individualität zunichte gemacht wird.
Zukunft ist immer eine persönliche Perspektive, die sich nur in Freiheit entwickeln kann. Ohne Freiheit, keine Zukunft. Die soziale Gerechtigkeit erweist sich als Illusion wie alle ideologischen Paradiese. Der schleichende Niedergang einer Gesellschaft.

Harald Oestreich hat Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Maschinenbau an der TU Darmstadt studiert und als Diplom-Wirtschaftsingenieur abgeschlossen. Danach war er über 30 Jahre in internationalen Firmen in leitenden Managementpositionen (procura) tätig, darunter in der Siemens AG. Er ist Mitglied im Vorstand des Hayek Clubs Frankfurt.

Das Buch zum Blog von Rainer Hank gibt es hier:

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13. Aug. 2015
von Rainer Hank
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24. Jul. 2015
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„Lechts und rinks kann man nicht velwechsern.“ werch ein illtum.

Eine Zwischenbilanz zum Blog nach fünf Monaten „Whatsleft“
Von Rainer Hank

Ein garstig breiter Graben zwischen liberal und linksEin garstig breiter Graben zwischen rechts und links

Vor fünf Monaten habe ich dieses Blog gestartet. Höchste Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

1. Mein Wunsch: Die Liberalen sollen sich von den Linken nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Vornehmer formuliert: Die Liberalen mögen doch bitte lustvoll den Linken ihr Monopol im Gerechtigkeitsdiskurs streitig machen. Die klassische Arbeitsteilung ist von Übel, wonach die Linke für die Gerechtigkeit und die Liberalen für die Effizienz zuständig sind. Wenn Liberale diese Voraussetzung akzeptieren, haben sie schon verloren: Dann stimmen sie der Einordung als kalte Ökonomisten zu, die die Beantwortung der normativen Frage nach einer guten Gesellschaft verweigern, weil sie in den Bereich vorrationaler Wertentscheidungen gehöre. Die Ideengeschichte des Liberalismus (im Vergleich zur praktischen Geschichte des politischen Liberalismus deutlich überzeugender) enthält genügend argumentative Munition, mit der zu beweisen wäre, dass die Gerechtigkeitsziele der Linken bei den Liberalen besser aufgehoben sind. Kurz und überspitzt: Der Liberalismus ist der bessere Sozialismus.

2. Neben dem diskursiven hat dieses Blog ein narratives Ziel. Menschen ändern im Lauf ihres Lebens ihre Haltungen und Wertentscheidungen. Geht es dabei heftig zu, spricht man von Konversion. Nach einem überkommenen Bonmot gilt: Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand. Dieser Gemeinspruch ist tricky: Denn er unterstellt, dass es der Preis des Verstandesgebrauches sein könnte, sein Herz dran zu geben. Wer will das schon! Kein Wunder, dass so viele meiner Generationsgenossen so hartnäckig (also herzenswarm) am Glauben ihrer jungen Jahre festhalten. Es ist offenbar nicht ganz leicht, den Linken verständlich zu machen, dass, wer zum Verstand greift, sein Herz aus Fleisch nicht gegen ein Herz aus Stein eintauschen muss wie weiland Peter Munk in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“. Mit welcher Seelenpein und/oder Aggression solche Konversionsprozesse verbunden sind, davon zeugen eine ganze Reihe lesenswerter Beiträge auf diesem Blog, für die ich mich hier bedanken möchte.

Warum flirten die Liberalen mit den Rechts?

Diese erste Zwischenbilanz zu „Whatsleft“ fällt paradox aus. Während die Linken nach wie vor den liberalen Geist fürchten wie der Teufel das Weihwasser und der „garstig breite Graben“ (Lessing) zwischen „links“ und „liberal“ so breit ist wie ehedem, verschwenden die Liberalen derzeit ihren Verstand (und Unverstand) und ihre emotionale Energie viel mehr auf den Flirt mit der Rechten (oder und der Warnung vor diesem Flirt) als der Auseinandersetzung mit den Linken. Fast sieht es so aus, als sei „der Konservative“ (der Reaktionär?) der geborene Nachbar des Liberalen und nicht der Linke. Wäre es so, müsste man sich nicht nur Sorgen um die Liberalen machen, sondern wäre auch einige Deutungsarbeit zu leisten, warum das so ist. Ein erster Versuch dazu soll hier gemacht werden:

1. Die Nähe der Liberalen zu den Rechten: Keiner beginnt ganz von vorne. Die Freiheit ist immer schon „geprägte Freiheit“. Dass kann ihr zur Fessel werden, kann sie aber zugleich entlasten. Mit dieser Ambivalenz muss der Liberale leben. Es sind die „Ligaturen“ (ein schöner, von Ralf Dahrendorf geprägter, Begriff), mit denen wir uns unserer Bindungen und Prägungen vergewissern: You never walk alone weiß auch der Liberale – Du hast Familie, Freunde, Beziehungen und kannst Dir gewiss sein, dass so, wie Du denkst, auch andere denken. Wer das sogleich als dogmatische Faulheit und Verweigerung der Freigeisterei denunziert, überfrachtet die Freiheit, wenn er ihr zumutet, ihr Weltverhältnis immer ganz von vorne an zu bestimmen. Das wäre unzumutbar und unrealistisch.

Offenbar ist die Balance zwischen „liberalem Liberalismus“, der die Freiheit möglichst unverschmutzt haben will, und „konservativem Liberalismus“, der die Freiheit in Traditionen und Institutionen grundieren will, konstitutiv für den Liberalismus. Freilich ist auch diese Balance, wie jedes prekäre, Gleichgewicht, fragil und volatil. Die „Verführung von rechts“ verspricht dem Liberalen, seine Einsamkeit erträglicher werden zu lassen und die Gefahr der Bindungslosigkeit zu bannen. Allemal haben Institutionen etwas Entlastendes. Konservative Institutionen (eine geordnete Familie, eine geordnete Gesellschaft) führen zudem das Versprechen mit sich, alles könne so bleiben wie es einmal gewesen ist. Dabei ist es meist nur noch die Beschwörung einer wohlgeordneten Welt, die Illusion des Ancien Régime, welche der konservativ Liberale krampfhaft festhält (kein Wunder, dass der Liberalismus hierzulande Ordo-Liberalismus genannt wird).

Umso lauter und krachender fallen die Beschwörungsformeln dann freilich aus. Umso mehr wird die Differenz zwischen Freund und Feind relevant, mit welcher man auch von den liberalen Freunden Gefolgschaft verlangt. Unmerklich gerät der konservative Liberalismus auf diese Weise in Gefahr, in einen reaktionären Antiliberalismus umzukippen. Das ist nicht zwingend, aber als verführerische Option präsent: Wer der Freiheit ihre Würde und ihren Ernst nimmt, sieht am Ende in ihr nur noch die feige Unentschiedenheit der „liberalen“ Beliebigkeit, verdächtigt sie der Anpassung an den – „linksliberalen“ – Zeitgeist und des Verrats konservativer Werte. Immer, wenn es so weit ist, zerbricht das Bündnis zwischen liberalem und konservativem Liberalismus, kommt es zur Sezession. Die aktuellen Aufwallungen in der Hayek-Gesellschaft, bei der AfD und anderswo zeugen davon. Ich habe mich dazu ausführlich in der FAS geäußert. Viele andere haben sich dazu auch geäußert.

2. Der Graben, der Liberale und Linke trennt: Mit den Linken flirten die Liberalen vergleichsweise selten, viel seltener jedenfalls als mit den Rechten. Das ist sehr schade. Ein Liberalismus nämlich, der sich nicht mehr von der Gerechtigkeitsfrage herausfordern lässt, um dem herrschenden Egalitarismus etwas entgegenzusetzen, wird träge, selbstgefällig und am Ende unglaubwürdig, wie schon der Linksliberale Karl Hermann Flach (1929 bis 1973) wusste: „eine Konserve, deren Inhalt zwar steril geworden ist, der aber immer noch ausreicht, wohlerworbene Rechte und heilige Besitzprivilegien bestimmter Schichte mit dem Aroma übergeordneter Ideale zu würzen“. Weil Liberale heute nicht mehr links sein wollen, haben sie den Gerechtigkeitsdiskurs verschlafen.

Keiner will „neoliberal“ sein

Tatsächlich müsste der Flirt nach links von den Liberalen ausgehen. Denn bei den Linken (darunter verstehe ich nicht nur die Wagenknechts oder Pikettys, sondern ganz generell den aufgeklärten Mainstream des sozialstaatlich gepamperten, großkoalitionören Juste Milieus, das man fälschlicherweise als „linksliberal“ labelt) möchte man auf keinen Fall als „neoliberal“ gelten. Das kann man interessanterweise daran erkennen, dass, wenn Linke gegen die Euro-Rettungspolitik sind, sie Brüssel „neoliberal“ nennen. Dann ist Kritik am Zentralismus und Paternalismus aus Brüssel erlaubt. Gebrauchen Liberale vergleichbare Argumente, werden sie als „nationalistisch“ gescholten. Dabei übersehen Linke wie Liberale, dass die Idee des Nationalstaates zugleich eine linke und eine liberale Wurzel hat, die beide der Tradition der Aufklärung entstammen. Die „linke“ Idee der Volkssouveränität gibt die Macht in die Hände der Mehrheitsentscheidung des Volkes, das selbst über sich, seine Gesellschaft und seine Wirtschaft, bestimmen soll. Das Volk aber definiert sich als Nation, welche sich ihrer Herkunft frei vergewissert, ihre Entscheidungen dezentral trifft und zugleich ihre Grenzen für den transnationalen Tausch ohne Zölle und Barrieren öffnet und sich am Wettbewerb untereinander erfreut.

Solche Überlappungen zwischen Links und Liberal zu tabuisieren, ja nicht einmal als solche zur Kenntnis zu nehmen, halte ich für ebenso folgenschwer wie die wechselseitige Sprachlosigkeit im sozialpolitischen Verteilungs- und Gerechtigkeitsdiskurs. Dass schließlich die Linken nicht nur das vermeintlich „kalte Herz“ der Liberalen schreckt, sondern auch die Kritik der Liberalen am „anmaßenden Wissen“, lässt sich auf besonders klare Weise in der anregenden Streitschrift des französischen Philosophen Jean-Claude Michéa „Das Reich des kleineren Übels“ nachlesen (auf die mich Ulrike Guérot dankenswerterweise aufmerksam gemacht hat). Michéa, ein origineller Linker, sagt, er störe sich am Pessimismus der Liberalen und ihrem Zweifel an der Fähigkeit der Menschen, aus eigener Kraft eine anständige Welt aufzubauen. Dann lässt Michéa die Katze aus dem Sack, wenn er die liberale Kritik des linken Moralismus als „Tyrannei des Guten“ geißelt und als das eigentliche Ärgernis des Liberalismus benennt: Wir lassen uns unser Engagement, die Welt zu verbessern nicht nehmen, wettert der Philosoph! Linke müssten wieder „allgemein verbindliche Werte“ einfordern und dem „politische korrekten Kampf für die negative Freiheit den Rücken kehren“.

Auch die Linke landet beim Wertkonservatismus

Es ist faszinierend zu sehen, wie die heutige Linke am Ende bei einem Wertekonservatismus landet, der jenem von recht auf merkwürdige Weise gleicht. Offenbar tun sich Linke wie Rechte schwer damit, die inhaltliche Unbestimmtheit der negativen Freiheit und die damit verbundene Offenheit auf die Zukunft auszuhalten. Sie setzen dem die vermeintliche Sicherheit der Tradition (die Rechten) oder nicht weniger vermeintliche Sicherheit einer gestaltbaren besseren Zukunft (die Linken) entgegen. Liberale lassen sich dabei offenkundig von den Rechten eher verführen als von den Linken.
Damit Ende der Zwischenbilanz. Gerne ermuntere ich die Leser dieses Blogs, sich engagiert an der Debatte zu beteiligen. Nach den eher biographisch-narrativen Beiträgen der ersten fünf Monate, wäre ich dankbar, es gingen jetzt Beiträge ein zur „Verführung von Rechts“, zur Neigung zum Sezessionismus und zum „Nicht-Diskurs mit Links“. Aber alles, was klug ist, ist hier willkommen.

Das Buch zum Blog von Rainer Hank gibt es hier:

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24. Jul. 2015
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02. Jun. 2015
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Mach Dein Ding, heul nicht rum

Irgendwann war das Bedürfnis, die Welt zu verändern, einfach verschwunden, erzählt Leander Steinkopf (29).

Leander Steinkopf (29)Leander Steinkopf (29)

Irgendwann als ich noch sehr klein war, hatte ich irgendwo das Wort Kommunist aufgeschnappt. Ich fragte meine Mutter: „Mama, was ist ein Kommunist?“, aber sie telefonierte gerade und sagte deshalb nur kurz: „Die wollen, dass alle gleich viel haben“. „Das ist gut“, sagte ich und meine Mutter erwiderte nichts mehr, weil sie ja telefonierte.

Ich war sehr klein damals und hatte immer das Gefühl, dass die anderen mehr hatten: Die anderen Kinder haben mehr Spielzeug und die Erwachsenen haben mehr Geld, mit dem man ja Spielzeug kauft. Ja, ich bin sehr jung Kommunist geworden.

Die Botschaft der „Ärzte“

Als ich dreizehn Jahre alt war, kaufte ich meine erste CD, ein Album von den „Ärzten“. Ein Lied auf dieser Platte hieß „Punk ist…“ und es handelte sich um eine Erörterung der Frage, was denn Punk eigentlich sei, wer sich Punk nennen dürfe. Die Definition die Bela B., Sänger dieses Liedes und Schlagzeuger der „Ärzte“, schließlich auf analytischem Wege erreichte, war zugleich der Refrain des Liedes: „Mach Dein Ding / Steh dazu / Heul nicht rum / Wenn andere lachen.“ Von da an wollte ich Punk sein, aber es sollte lange dauern, bis es tatsächlich dazu kam.

Ich hatte einen flüchtigen Freund, der ging an die teure Privatschule in der nächstgrößeren Stadt. Erst vor einem Monat hatte ihm seine Mutter eine teure Markenjeans gekauft, ohne die ihm das weitere Leben nicht mehr möglich schien. Schon kurz darauf nannte er sich Punk und schnitt sich Löcher in die teure Jeans. Er rasierte sich die Flanken seines Kopfes und ließ seine Schwester jeden Morgen eine Stunde vor der Badezimmertür warten, weil er sich die Haare aufstellen musste. Einmal wollte ich ihn zu einem Punkkonzert abholen. Ich klingelte an der Tür und platzte ins familiäre Abendessen. Ich nahm Platz, blickte in die offene Terrine und sagte: „Muscheln habe ich noch nie gegessen“. Und der formvollendete Punk antwortete: „Muscheln sind mein Lieblingsessen!“

Als wir kurz darauf in meinem Dorf eine Antifa-Ortsgruppe bildeten, um den Nazis auf die Fresse zu schlagen, verlief sich die Sache bald, weil wir in erreichbarer Nähe keine Nazis fanden. Als wir uns entschieden zumindest als Punks Präsenz zu zeigen, ließen wir uns den entsprechenden Versandkatalog kommen, um uns Schuhwerk und Kleidung auszusuchen, doch schon die Springerstiefel konnten wir uns einfach nicht leisten.

Bald darauf, in der neunten Klasse, begehrten wir gegen die Verhältnisse auf. Damals sahen wir alle Missstände in der Welt und wir sahen, die Politiker, die nichts dagegen taten. Entweder müssen die dumm sein, böse oder beides, dachten wir uns damals, konnten keine dieser Möglichkeiten akzeptieren und sahen nur die Lösung, dass wir die Welt verändern müssen, schließlich waren wir nicht dumm, nicht böse, sondern keines von beidem. Dass wir die Richtigen dafür seien, stand außer Frage, denn offenkundig tat es niemand sonst, wie das Anhalten der Missstände eindeutig bewies. Trotzdem stockte uns der Atem, als einer von uns im Gemeinschaftskundeunterricht, wo junge Menschen zu demokratischen Bürgern erzogen werden, die letzte Konsequenz unseres Denkens zog, den verbotenen Satz sagte: „Diktatur ist doch gar nicht so schlimm, solange ich der Diktator bin!“ Mein fragender Freund stammte aus Eritrea, er war der einzige schwarze Junge in meinem Heimatort. Das hatte den Nachteil, dass er ständig von der Polizei kontrolliert wurde, doch den Vorteil, dass er Nazi-Witze machen konnte ohne in ideologische Bedrängnis zu kommen. So war es auch, als er sich als Diktator anbot. Alle schwiegen und dachten sich: Naja, ein neuer Hitler kann der ja nicht werden. Auch die Lehrerin schwieg. Dann schellte es zur Pause.

Das Picknick im Grünen

Viel später, gerade nach Berlin gezogen, dachte ich mir, warum sollte das so schlecht sein, was sich über Generationen bewährt hat? Wieso meinte ich nicht nur cleverer zu sein als alle, die was zu sagen haben, wieso meinte ich sogar cleverer zu sein, als alle, die je etwas zu sagen hatten. Regelmäßige sexuelle Betätigung hatte mir eine innere Ruhe gebracht, die solche Bescheidenheit ermöglichte. Irgendwann, klammheimlich, so wie man die Grenze zwischen Grippe und gesund schwer ziehen kann, verschwand das Bedürfnis die Welt zu verändern aus meinem Leben. Mit dem Bedürfnis die Welt zu verändern, ist es dann doch wie mit dem Wohnungsputz. Man weiß nie in welcher Ecke man anfangen soll und muss damit rechnen, dass sowieso bald alles wieder schmutzig ist. Beides überließ ich fortan gerne meinen Mitbewohnern.

Bewusst wurde mir die Veränderung erst, als ich eine schöne Frau zu einem Picknick ins Grüne einlud. Wir tranken Wein und sie sagte mir, dass sie sich den Kommunismus wünsche, nur ohne Unterdrückung, einen Kommunismus also, in dem die Menschen frei sind. Und ich nickte. Dann schubste sie sich einen Käfer von der Hand und sagte, dass sie sich immer einen Garten gewünscht habe, aber einen sauberen Garten, in dem zwar Blumen blühen und Vögel singen, aber keine Insekten krabbeln. Und ich stutzte. Ich dachte an den Provinzrapper Danger Dan, der in „Ich werde mich isolieren“ sagte: „Ich denke ernsthaft darüber nach, der FDP beizutreten, damit man mich nicht mehr mit euch in Verbindung bringen kann“. Das Picknick war dann schnell vorbei.

Enttäuscht von der FDP

Die Sonne schien, als ich vor den Empfang der FDP-Bundeszentrale in Berlin-Mitte trat. „Ich will für die FDP arbeiten“, sagte ich: „für Geld natürlich“. Ich dachte sie warteten auf jemanden wie mich, Eigeninitiative und so, aber erst mal ließ man mich warten. Ich blätterte durch Broschüren, Grußwörter von Philipp Rösler. Dann trat ein junger Mann vor mich, das Haar akkurat gescheitelt, gebügelte Jeans, hellblaues Hemd und genschergelber Pollunder. Er sah aus wie die Menschen, die ich aus Juravorlesungen kannte. Ich nannte ihm mein Anliegen. Er beäugte mich kritisch von oben bis unten, die knittrigen Leinenhosen und die Griechensandalen. Er hatte wohl Angst ich sei hier um eine Bombe zu legen. Auf meine Bewerbung habe ich nie eine Antwort bekommen.

Das war auch der Tag, an dem ich meine Mutter anrief, um mich zu outen. Ich sagte einfach: „Mutter, ich bin konservativ“, und sie sagte lange nichts, hielt es dann für einen Scherz und war am Ende weit schwerer schockiert als mein Vater, wie er seinerzeit die Tür zu meinem Teenagerzimmer öffnete und ich zu einem Punkrocksong grölte: „Sprengt die Banken, sprengt die Schranken, jagt die Bonzen in die Flucht!“

Diese ganze Rückschau wäre nie so vor meinem inneren Auge abgelaufen, hätte sich nicht auf einer Party in Berlin eine unerhörte Begebenheit ereignet. Ich hatte ja schnell gemerkt, dass man hier wenig arbeitet, viel trinkt und kifft, ständig demonstriert und sich in eine linksalternative Bequemlichkeit fläzt, wie in die alten Sessel, die hier in jedem Club und Café zum guten Ton gehören. Das kann harter Tobak sein, nach Jahrzehnten süddeutscher Sozialisation, doch ich war ja hierher gekommen, um der Leichtigkeit im Leben mehr Gewicht zu geben. Auf dieser Party also fragte mich eine junge Dame, was ich denn so mache. Nicht wenig stolz auf die jüngsten Entwicklungen in meinem Leben antwortete ich ihr: „Ich promoviere über eine evolutionsbiologische Theorie in der Psychologie, außerdem schreibe ich für die FAZ“. Der Dame fiel fast die Selbstgedrehte in die Clubmateflasche: „Ein liberal-konservativer Biologist!“, murmelte sie, nur für ihre Notizen, nicht für meine Ohren bestimmt. Sie brach sofort das Gespräch ab, doch die Nachricht von meiner politischen Einstellung sprach sich so schnell rum wie die Einladung zu einer Hausdachparty. Proletarier aller Gender vereinigten sich, trugen mir ihre Thesen vor. Und wenn ich auch nicht zu allem eine Meinung habe, bin ich doch gerne dagegen. So war ich an diesem Abend Gentrifikationsbefürworter, Verteidiger des freien Marktes, Anhänger eines Tanzverbots an kirchlichen Feiertagen und Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens.

Als ich unsortierten Schrittes nach Hause ging, weil man mir trotz aller politischen Gegnerschaft doch reichlich Getränke spendiert hatte, summte ich das alte Lied: „Mach Dein Ding / Steh dazu / Heul nicht rum / wenn andere Lachen“. Ich erinnerte mich an die Schulzeit, als ich rebellieren wollte, aber selbst die linksradikalsten Aussagen bei den Lehrern nur offene Türen einrannten. In der Schule kann man Kommunist sein, aber in Berlin kein Liberaler. Nun, fast schon arriviert, als Doktorand am Lehrstuhl für evolutionäre Psychologie und Artikelschreiber für die FAZ, hatte ich es endlich geschafft: Ich war Punk.

Leander Steinkopf (29) promoviert an der Freien Universität Berlin über den Placeboeffekt und sucht dringend einen Verlag für seine Berlinflaneurerzählung.

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02. Jun. 2015
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Links waren immer die anderen

Dresden -Tübingen, von der „Blauen Narzisse“ zur roten Nelke.

Von Stefan Kleie, gewidmet meinen Eltern Hannelore und Peter Kleie

Stefan KleieStefan Kleie

Die Lektion in Antikapitalismus saß. Nirgendwo hatte die ideologische Früherziehung der DDR so leichtes Spiel wie hier. Noch in den späten 80iger Jahren – ich kam 1986 in die Schule –, als keiner mehr an den Sozialismus glaubte, leuchtete mir sofort ein, dass die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen keine Zukunft hat. Besser: keine Zukunft haben darf. Sonst bleiben mir von der Grundschule in Dresden nur die unnützen bunten Plastikuntersetzer, die wir im Schulhort zum Internationalen Frauentag am 8. März bastelten und die Picasso-Friedenstauben in Erinnerung, die am 13. Februar, dem Tag der Zerstörung meiner Heimatstadt durch „anglo-amerikanische Bomber“ (ein Goebbels-Zitat und fester Phrasenbestandteil der DDR-Erinnerungsrhetorik) an der Ruine der Frauenkirche massenhaft zu kurzen Friedensflügen starteten.

Dächer und Ruinen: Dresden in den 80er JahrenDächer und Ruinen: Dresden in den 80er Jahren

Leider habe ich keine Erinnerung an selbst getragene rote Nelken – ebenfalls aus Plastik –, da mein Vater am 1. Mai Geburtstag hatte und ich zu meinem Leidwesen deswegen nie an einer 1.-Mai-Demo mitmarschieren durfte. Überhaupt die Familie: staatsfern und in der Kirche aktiv, ohne die tiefe Gläubigkeit des protestantischen Pfarrhauses. Ich mochte die etwas konspirative Atmosphäre des Ehepaarkreises, das gemeinsame Singen am Lagerfeuer im Erzgebirge, aber mitmarschiert beim großen Auflauf am Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse wäre ich trotzdem gern. Eigentlich haben alle über die DDR – besonders meine fest im Rassismus der Nazizeit stecken gebliebene Oma – geschimpft; das fand ich schade und ungerecht. Der Westen versprach dagegen Konsum: Der fand sich im Quelle-Katalog, in den Intershops und bei den fleißig gesammelten Matchboxautos.

Auf den Umschwung hat mich keiner vorbereitet

Dann 1989/90 auf einmal der große Umschwung, doch mich hatte keiner vorbereitet. Immer noch Gänsehaut auslösend ein aus Empörung, Idealismus und Angst gespeistes Gefühl, das ich auf den zwei, drei Montagsdemos erlebte, bei denen ich dabei war. Da hatte es also doch noch geklappt mit dem Mitmarschieren, allerdings ganz anders als es im Lied „Soldaten sind vorbeimarschiert, in gleichem Schritt und Tritt. Wir Pioniere kennen sie und laufen fröhlich mit“ gedacht war. Zwei bekannte Dresdner Politikerinnen, beide Jahrgang 1978, haben das wohl alles so ähnlich wie ich erlebt: Katja Kipping, die derzeitige Vorsitzende der Linkspartei und Kathrin Oertel, am Anfang des Jahres für ein paar Wochen Kopf von Pegida.

Schnitt. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße und in Gestalt erster Einkaufszentren. Die aus dem Boden schießenden, in provisorischen Zelten untergebrachten Supermärkte verunsicherten mich zutiefst. Überall Schlamm und hysterische Erwachsene, die unbedingt Pappwein, Bananen oder kleine Kassettenrekorder erstehen wollten. Auf den von Trabi- und Wartburg- – wir fuhren Lada – Reifenspuren zerfurchten Feldern zerbrach mein Vertrauen in die Elterngeneration. In der Schule war es auch nicht besser. Die meisten Lehrer schwiegen, nur wenige bekannten sich zur taumelnden DDR. Ich war noch nicht einmal in der Pubertät, doch der Staat, gegen den ich hätte rebellieren können, ging ganz von selbst und ohne mein Zutun unter.

Ästhetischer Fundamentalismus

Mein Widerstand gegen die grellen Wendejahre mit ihrem frühen Enthusiasmus und der Ernüchterung auf dem Fuße, fand in Gestalt der Lektüre zweier Thomas Mann-Romane statt: Buddenbrooks und Zauberberg. Die Bände befanden sich in einem verschlossenen Schrank, in dem mein Vater seine Pfeifenutensilien aufzubewahren pflegte: Entsprechend rochen die in Vollleinen gebundenen und in schmucken Buchumschlägen steckenden Bände nach der heilen Welt des Bürgertums der Jahrhundertwende. Hier formte sich jener „ästhetische Fundamentalismus“ (Stefan Breuer), den ich erst viel später überdenken und zu Gunsten einer entspannteren linken Haltung abstreifen sollte. Während ich es mir nach dem Vorbild Hans Castorps gewissermaßen auf der geräumigen Veranda des Zauberbergs gemütlich machte, suchten und fanden meine Eltern mit Ende 40 eine berufliche Neuorientierung unter völlig geänderten Bedingungen: meine Mutter als Versicherungsfachfrau und mein Vater als selbständiger Handelsvertreter. Bis heute ist mir nicht klar, wann und wie sie sich elementare Kenntnisse des geltenden Steuer-, Renten- und Sozialsystems aneigneten. Wir haben nie darüber gesprochen.

1993 kam Botho Strauß‘ Anschwellender Bocksgesang heraus und alle – d.h. zumindest das westliche Feuilleton – waren mächtig empört. Mir imponierte aber diese kompromisslose Geh-aufs-Ganze-Haltung und allein in einem Satz steckte meine ganze bisherige Lebenserfahrung. Ich war jener „[j]emand, der beinahe fassungslos vor Respekt mitansieht, wie die Menschen bei all ihrer Schlechtigkeit au fond so schwerelos aneinander vorbeikommen […].“

Hier hatte jemand der Moderne, die – so nahm ich es wahr – als Gangsterkapitalismus gerade meine Heimat kaputtmachte, etwas entgegenzusetzen. Neben Strauß entdeckte ich diese Haltung noch bei Stefan George, Ernst Jünger und Gottfried Benn. Der Terminus „konservative Revolution“ war für mich mit 15 kein Geheimnis mehr, sondern eine Art Universalschlüssel für eine merkwürdig gegensätzliche, aber auch heroische Welt. Politische Fragen interessierten mich nicht, ich studierte schließlich ab 1999 Germanistik, der Elfenbeinturm war zum Dauerquartier geworden. Vielleicht war ich ja weltweit der einzige Georgianer, der im Rhythmus von George-Gedichten durch Wald, Flur, Bibliotheken und Mensen schritt?

„Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.“

Aus Eberhard-Karl soll Ernst Bloch werden

In Tübingen, meiner ersten Station außerhalb Dresdens, lernte ich dann echte „linke“ Kommilitonen kennen. Ich mochte sie, ihren Einsatz für die gute Sache und gegen Studiengebühren. Man konnte mit ihnen endlos lange reden und ebenso viel Bier trinken. Neben dem Kampf gegen Studiengebühren schien ihr größtes Anliegen die Umbenennung der ehrwürdigen Eberhard-Karls-Universität in Ernst-Bloch-Universität zu sein, weil Bloch seit seiner Emigration aus der DDR bis zu seinem Tod im Jahr 1977 in Tübingen lebte und lehrte. Zudem wollten sie unbedingt eine sich unter dem Tübinger Grünen Boris Palmer abzeichnende schwarz-grüne Koalition auf Landesebene verhindern. Als mehrheitlich zur SPD und den Grünen neigende Jungpolitiker erschienen sie mir aber bald als zu wenig radikal, dafür schlicht als „normal“, wenn man den westdeutschen Durchschnitt als Maßstab anlegt. Ihre Rebellion und ihr Protest richteten sich lediglich gegen den Mehltau der späten Kohlära. Zu dieser Einschätzung kam ich, obwohl ja eigentlich ich der „Konservative“ war. Als 2005 die große Koalition anstand, war Rot-Grün zur Fußnote geschrumpft und „grüne“ Freunde warfen „roten“ Freunden Verrat vor. Damit hatte ich nichts am Hut.

Idyll am Neckar mit Blick auf den HölderlinturmIdyll am Neckar mit Blick auf den Hölderlinturm

Mir gefielen aber die Lieder der alten Arbeiterbewegung oder „Bella Ciao“, die gelegentlich im linken Tübinger Club Zatopek angestimmt wurden. Irgendetwas passierte dann immer mit den doch eher linksliberalen Freunden; ihre Augen begannen zu glänzen. Ich hielt mit Schubert („Die Winterreise“, „Die schöne Müllerin“) und Hölderlin dagegen, bündische Lieder kannte ich natürlich keine.

Kleinbürgerlich, mit Schrullen, aber nie konservativ

Seltsam waren die Professoren. Konservativ wollte keiner mehr genannt werden, doch irgendwie kleinbürgerlich mit skurrilen Schrullen waren sie alle. Aber sie verwalteten das große Theorieerbe von Marx über Freud und Adorno bis zu den aktuellsten Varianten der Dekonstruktion und der Cultural Studies. Kurz vor meinem Studienbeginn 1999 war aber auch da irgendwie die Luft raus – Philipp Felsch lässt sein faszinierendes Buch Der lange Sommer der Theorie daher auch an der Epochenschwelle 1990 enden (vgl. den Blog-Eintrag von Niklas Barth, Linke Melancholie – Bekenntnisse eines Lesers, vom 22.04.2015). Je mehr mein Respekt vor den Professoren sank, desto größer wurde er gegenüber den alten Theorieheroen, an die ich mich nur zaghaft herantraute. Einer von ihnen, der Germanist Klaus Theweleit, löste bei mir mit seinen stilistisch und auch graphisch herausragendenden Männerphantasien (1977/78) einen echten Schock aus, denn er zeigte am Beispiel Ernst Jüngers die aus Angst vor der Transgression bis zur Spitze getriebene Ich-Verpanzerung als typischen Abwehrmechanismus auf. Selbstredend findet sich auch bei Theweleit und mehr noch bei seinem kongenialen Fortsetzer und Nachfolger Helmut Lethen (Verhaltenslehren der Kälte, 1994) eine versteckte Faszination für den Gegenstand.George, Jünger, Benn: Das ist auch die Geschichte dreier Melancholiker an der Grenze zur Dauerdepression. Politik war damit nicht zu machen.

In Basel, fünf Jahre später, kam dann zur Dissertation – hier blieb ich mit der Entscheidung für den Rosenkavalier meinen ästhetizistischen Tendenzen treu – eine Theorieformation mit dem Schwerpunkt auf der Dekonstruktion. Hofmannsthal trifft Derrida: ausgerechnet. Ich führte plötzlich interessante Diskussionen mit Medien-, Gender- und Theaterwissenschaftlern. Mich interessierte die Popkultur, die Spex und das geniale Jugendradio Zündfunk auf Bayern 2. Doch meine akademischen Freunde machten es sich oft allzu leicht mit ihren simulierten Formen sozialen Protests, während sie die aktuelle Politik oder auch die harte Wirtschaft völlig kalt ließ. Hier erwog ich zum ersten Mal, dass ich womöglich das Falsche studiert hatte. Soziologen, Historiker oder Politikwissenschaftler sind zwar keineswegs schlauer als Philosophen oder Germanisten, aber sie reden mehr miteinander und sie kennen sich besser in der Gegenwart aus.

Die Leere und das gezeichnete Ich

Manche meiner Freunde hatten eine primäre linke Prägung, waren mal Punks oder wenigstens „Emos“ gewesen. Richtig rechts war jedenfalls keiner von ihnen und von meinem Dreigestirn George. Jünger. Benn hatten die Performanztheoretiker_innen auch absolut keine Ahnung. Meistens hatten sie eben auch nur drauf, was ich ohnehin schon wußte: „[E]s gibt nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich.“ Achtung flößten mir jedoch die „Kreativen“ ein, etwa meine beiden Mitbewohnerinnen. Die Modedesignstudentin mit dem Faible für das Berliner Berghain und die Graphikerin mit der Vorliebe für Roland Barthes.

Die in diesen Fächern an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) gelehrten Theorien waren mir sehr wohl vertraut, doch überforderte mich der für diese Branchen typische beschleunigte Lebensrhythmus, die als selbstverständlich hingenommene Verbindung von Exzess und Selbstausbeutung. Eine ganz andere Welt verkörperte mein Mitbewohner, der „Zahlendreher“, Controller in einem Basler Spital. Schön waren sie trotzdem, die WG-Gespräche und hochfliegenden Pläne.

Basel liegt in der Schweiz. Es findet dort alljährlich die größte Kunstmesse der Welt, die Art Basel, und die noch luxuriösere Uhren- und Schmuckmesse „Baselworld“ statt. Basel ist Hort eines reichen und zugleich äußerst liberalen Bürgertums, dessen reichste und liberalste Vertreter den „Basler Daig“ bilden, der mit einer gewissen Mäzenatenfreizügigkeit über den Geschicken der Stadt wacht. Das „Bedingungslose Grundeinkommen“ stößt in einem solchen Klima auf große Resonanz, denn Geld ist da wie Heu und die Anthroposophie als heimliche Background-Ideologie in Dornach gleich um die Ecke. Mit dem Basler Bürgertum hätte ich es schön haben können: den bildungsbürgerlichen Habitus als Hofmannsthal-Forscher pflegend, dazu ein wenig Gesellschaftskritik, vielleicht gendertheoretisch aufgerüstet?

Doch allein, mir fehlte das Geld. Zum ersten Mal wurde ich auf so eine elementare Sache wie soziale Ungleichheit aufmerksam. Ganz ohne Neid fiel ich wieder auf meine elementaren Überzeugungen aus der Schule zurück: Es musste auch beim Schweizer Modell des liberalen Kapitalismus irgendeinen Haken geben. Die Gleichförmigkeit der Denk- und Lebensgewohnheiten erinnerte mich an die DDR, der Eames-Chair als Stilikone für alle seltsamerweise an die DDR-Massenproduktion von billigen Resopal- und Plastikmöbeln. Aber wie soll man sich in eine Gesellschaft integrieren, die einem aufgrund der enormen Vermögensunterschiede leise suggeriert, dass man ohnehin nie dazugehören wird? Von nun an begann ich, sogenannte integrationsunwillige Ausländer in Deutschland ein wenig besser zu verstehen.

Antikapitalismus und rechter Aktivismus

Zurück in Dresden verfasste ich einen merkwürdigen Text, der bis heute online abrufbar ist. Darin gehen Antikapitalismus, linke Theorie und rechter Aktivismus eine seltsame Allianz ein, die sich als innerrechte Strategie („Von Linken lernen“) tarnt. Der Text erschien in der Blauen Narzisse, einer sogenannten „rechten Postille“; die Zusammenarbeit mit der Redaktion war korrekt und sehr angenehm. Obwohl ich in diesem Text Kritik an rechtem Populismus und rechter Intellektuellenfeindlichkeit übe, möchte ich mich allein für die Erwähnung von „Gender Mainstreaming“ und „Islamisierung“ ganz förmlich entschuldigen. Das entsprach nicht meiner Haltung und schon gar nicht meinen gesellschaftstheoretischen Überzeugungen. Ich hielt wohl die Erwähnung dieser angeblichen Methoden zur Umerziehung der gesamten Gesellschaft für notwendig, um überhaupt an die rechte Debatte anknüpfen zu können. Das hätte ich mal lieber gelassen, doch dann wäre mir klar geworden, dass ich schon längst ein Linker geworden war.

Wie Pegida mir die Augen öffnete

Es brauchte nur noch ein paar Monate, bis Pegida in Dresden mir die Augen öffnete. Hier gab es kein Abwägen, sondern das Bauchgefühl entschied. Auch wenn „Buntheit“ oft als bloße Floskel gebraucht wird, hier passte sie in Abgrenzung zum farblich und auch gedanklich tristen Auftreten der Pegida-Leute. Auf einmal durfte ich ohne Gewissensbisse oder ideologische Zweifel bei den Linken mitdemonstrieren, zu Reggaemusik tanzen und es war das Normalste der Welt. „Lügen-press-e“ schallt es von der anderen, durch die St. Petersburger Straße getrennten Seite des Pirnaischen Platzes und es ließ mich vollkommen kalt, denn auf „meine“ FAZ, den Freitag oder die Süddeutsche lasse ich nichts kommen.

Inzwischen ist mir die linke Debatte vertraut. Vorsicht muss man z.B. beim Antikapitalismus walten lassen, denn der führt nicht selten das böse Zwillingspaar aus Antiamerikanismus und als Israelkritik getarntem Anizionismus bzw. sogar Antisemitismus im Schlepptau. Der Marxismus hatte nicht nur in der DDR „autoritäre“ Züge, sondern kann auch einem Fatalismus Vorschub leisten, der dem der Rechten in vielem ähnlich ist. Schaut man jedoch zur jungle world und den „Antideutschen“, dem innerlinken Gegensatz zu junge welt, Gewerkschaftskampf und Marxismus, finden sich für einen mit der deutschen Kulturtradition vertrauten Bildungsbürger und Geisteswissenschaftler nur wenig Anknüpfungspunkte.

Eigentlich ändert sich nicht allzuviel, doch mit mehr Lebensmut und dem guten Gefühl, im Kampf gegen Ungerechtigkeit und für emanzipatorische Ideale nicht allein zu stehen, kann so etwas wie ein gelungenes Leben entstehen. Dazu eine rote Nelke im Knopfloch und ein melancholischer Blick zurück: „Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift.“

Stefan Kleie (35), Germanist und Publizist aus Dresden

Das Buch zum Blog von Rainer Hank gibt es hier:

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27. Mai. 2015
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09. Mai. 2015
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Weltfremd, dogmatisch und tief pessimistisch

Bin ich noch links?, fragt Johannes Richardt: Na klar, findet er. Aber die meisten selbsternannten „Linken“ sind es nicht. Und liberal bin ich auch!

Johannes Richardt© Foto privatJohannes Richardt

1998, als Rot-Grün die Bundestagswahl gewann, war ich 17 und freute mich sehr über den Wahlsieg. Solange ich denken konnte, war immer Helmut Kohl an der Macht gewesen. Endlich war er weg! Leider durfte ich noch nicht wählen, aber wenn ich gedurft hätte, hätte ich der SPD meine Stimme gegeben. Beim internen Wettbewerb zwischen Schröder und Lafontaine für die Kanzlerkandidatur hatte ich letzterem die Daumen gedrückt. Ich fühlte mich irgendwie „links“ – war für Gerechtigkeit und gegen Krieg. Dann kam das Jahr 1999 mit Lafontaines Rücktritt und vor allem dem Kosovokrieg. Beides empörte mich. Mein Denken wurde radikaler.

So besorgte ich mir erstmals ein Schüler-Abo der taz, fing an, mich ziemlich wahllos mit linker Theorie zu beschäftigen und trat letztlich in die PDS ein – für das ländliche Nordhessen, wo ich aufwuchs, eine ziemlich außergewöhnliche politische Geste. Naomi Kleins Ratschlag aus dem globalisierungskritischen Megaseller No Logo! Folgend, entfernte ich als Zeichen meiner Konsumkritik sämtliche Markenetiketten aus meiner Kleidung. Durch die Lektüre des Schwarzbuch Kapitalismus lernte ich neben sehr vielen neuen Fremdwörtern, die ich geflissentlich in meinem Lexikon nachschlug (Akkumulation, Apologet etc.), dass der Kapitalismus oder besser die gesamte Moderne unter kapitalistischen Vorzeichen eine alles zerstörende Maschine sei und wir unwiederbringlich auf ein große Katastrophe zusteuern. Als einziger Ausweg bliebe nur radikale Systemverweigerung. Diese pessimistische Analyse hinterließ starken Eindruck bei mir, passte sie doch bestens zu meiner damals ohnehin sehr düsteren Grundstimmung.

War ich wirklich auf der guten Seite?

Nach dem Zivildienst begann ich im Jahr 2003 ein Studium der Soziologie, Politik und Literatur im „linken“ Marburg. Es war die Zeit der Proteste gegen die vom damaligen hessischen CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch geplanten Studiengebühren. In den Seminarräumen, WG-Küchen und Kneipen, auf Demos und Kundgebungen kam ich zum ersten Mal so richtig in Berührung mit der „real existierenden Linken“. Eine gewisse Desillusionierung ließ nicht lange auf sich warten.

Was war es, das mich damals störte? „Eine andere Welt ist möglich“, hieß es unter Bezugnahme auf den Slogan des ersten Weltsozialforums in Porto Alegre in meiner Marburger Zeit oft. Zweifelsohne. Nur wie sollte diese Welt aussehen? Und wie war sie zu erreichen? Bei meiner Suche nach Antworten merkte ich zunehmend, dass meine Ideen von einer besseren Welt mit dem, was die sogenannten Linken, mit denen ich in dieser Zeit in Kontakt kam, nicht zu vereinbaren waren. War ich wirklich auf der richtigen, der guten Seite? Zu weltfremd und dogmatisch erschienen mir die „Diskurse“, zu selbstbezogen der Protest, zu sinnentleert die Parolen und nicht zuletzt – zu wenig überzeugend die Protagonisten.

Ich fasste den Vorsatz, mich nicht mehr mit Politik zu beschäftigen (auch aus der PDS, in der ich ohnehin nie aktiv war, bin ich wieder ausgetreten…). Meine Interessen verlagerten sich vor allem auf Literatur und Philosophie. Allerdings nicht für lange. Mein politisches Bewusstsein ließ sich nicht so einfach wieder ausknipsen.

Zufällig stieß im Jahr 2006, während eines Besuchs der Frankfurter Buchmesse, auf den Stand des „Novo Magazins“, für das ich heute als festangestellter Redaktionsleiter arbeite. Ich schloss ein Studentenabo ab (meine erste Ausgabe trug den spannenden Titel „Angstindustrie“) und begann zu lesen. In den darauffolgenden Jahren zog ich für mich entscheidende Denkimpulse aus dieser Zeitschrift. Das freiheitlich-humanistische Magazin hatte auch eine linke Vergangenheit. Im Gegensatz zur Mainstreamlinken hatten sich die Macher aber den Glauben an Fortschritt, ein optimistisches Menschenbild, einen positiven Begriff von Freiheit und – sehr wichtig für mich – eine Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen und die Lust am konstruktiven Streit bewahrt. Die damals noch eher schmalen Hefte munitionierten mich mit Argumenten für politische Diskussionen mit meinen nach wie vor überwiegend „links“-tickenden Freunden und halfen mir, besser einzuordnen, was mich am Zustand der Welt, aber auch am gegenwärtigen linken Denken so störte.

Was mich an der Linken stört

Heute weiß ich, was mein Problem mit der Linken war und ist: Sie hat sich weitestgehend von ihren humanistischen Grundlagen verabschiedet. Sie ist misanthropisch, pessimistisch und relativistisch geworden. Was sich heute „links“ nennt, ist das Gegenteil von progressiv. Mit denjenigen, die in der ersten französischen Nationalversammlung auf der linken Seite Platz genommen hatten, hat es nichts mehr zu tun. Dort saßen die, die sich für Wandel und Veränderung einsetzten, die Experimentierfreude, Innovation und Fortschritt als etwas Positives begriffen und die Fahne von Vernunft, Freiheit, Wissenschaft und den säkularen Werten der Aufklärung hochhielten. Diese Progressiven – was gleichzusetzen war mit Linken – gingen davon aus, die Welt morgen zu einem besseren Ort machen zu können. Diese Haltung bestimmte linke Politik von der französischen Revolution bis ins frühe 20. Jahrhundert. In dieser Zeit waren es Konservative und Reaktionäre, die am stärksten linke Ideale wie Vernunft, Eigeninteresse, Individualrechte und Fortschritt in Zweifel zogen. Heute sind es Leute, die sich selbst als Linke bezeichnen.

Bei der Frage, wie wir sieben Milliarden satt bekommen sollen, stehen viele Linke heute fest in der Tradition des bereits von Karl Marx kritisierten Überbevölkerungstheoretikers Thomas Malthus. Wenn man ihnen erzählt, dass nicht nur Armutslinderung sondern mindestens ein westlicher Lebensstandard für alle das Ziel sein muss, halten sie einen für verrückt. Wo die klassische Arbeiterbewegung noch auf die Kraft der freiwilligen Selbstorganisation setzte, sehen heute gerade Sozialisten den Staat als einzigen nennenswerten Akteur für Veränderung. Wo frühere Linke noch von einer Welt des Überflusses für alle träumten (Marx‘ „Reich der Freiheit“), predigen sie heute Konsumverzicht und „degrowth“.

Mit ihrer romantischen Skepsis gegenüber Wissenschaft, Technologie, Wachstum, Fortschritt und letztlich auch Freiheit wendet sich die ergrünte Linke gegen alles, was die historische Linke wollte. Dabei muss der moderne Ökologismus fast schon notwendigerweise autoritär sein, weil er das menschliche Streben nach mehr (sei es nun mehr Freiheit, mehr Wohlstand, mehr Konsum) als destruktiv und gefährlich begreift. Ökolinke sehen im Menschen vor allem einen Schädling im planetaren Organismus, den man auf ein klimaverträgliches Maß eindämmen muss.

Es geht nicht mehr um eine bessere Zukunft für alle, sondern um die Feinjustierung des Status Quo durch Umverteilung, bei der das Geld meist nur von der rechten Tasche in die linke wandert und die Hauptsache ist, dass der Staat jeden Euro auch einmal in der Hand hatte. Das nennt sich dann soziale Gerechtigkeit und geht mit immer mehr paternalistischen Eingriffen in die Lebensführung der Bürger einher. Denn als Gegenleistung für seine „Geschenke“ möchte der Staat zunehmend mitbestimmen, was die Bürger essen, trinken oder rauchen, wie sie ihre Kinder erziehen, wieviel Energie sie verbrauchen usw. Vom progressiven Gedankengut scheinen lediglich progressive Steuersätze übriggeblieben sein.

Bin ich jetzt ein Liberaler, oder was?

Vor diesem Hintergrund meiner wenig freundlichen Sätze über die heutigen Linken, stellt sich die Frage, ob ich mich noch als solchen bezeichnen würde. Manche alte Freunde ziehen mich gerne damit auf, dass ich doch schon längst ein Liberaler sei und es mir nicht eingestehen wolle.

Klar bin ich noch links! Ich will eine bessere Welt und Wohlstand für alle. Leider sind es nur die meisten anderen „Linken“ nicht mehr. Vor allem, weil sie dem Mythos von den Grenzen des Wachstums auf den Leim gegangen sind. Und liberal bin ich auch, ich will mehr Freiheit für alle. Leider sind es die meisten Liberalen nicht wirklich. Sie knicken ein, wenn es um die kompromisslose Verteidigung der Meinungsfreiheit geht. Sie trauen sich nicht, für den Wert der Freizügigkeit einzustehen und offene Grenzen zu fordern. Sie versuchen zu oft, den Wert der Freiheit nur ökonomisch zu begründen, statt ihn absolut zu verteidigen.

Ich lehne die Staatsgläubigkeit vieler Linker ab, aber auch den Marktfetischismus vieler Liberaler. Um die Menschheit voran zu bringen, brauchen wir beides: die freie Entfaltung des Individuums und die kollektiven Handlungsmöglichkeiten souveränen, demokratischer Staaten. Bei Novo nennen wir uns Humanisten. Nicht weil in der Redaktion Latein gesprochen wird, sondern weil wir den Menschen als Gestalter seiner Umwelt wirklich ernst nehmen. Wir glauben, dass es besser ist das Menschenmögliche immer weiter auszuweiten, als es zu begrenzen. Aus dieser Position heraus sammeln und diskutieren wir Argumente für den Fortschritt.

Johannes Richardt ist Redaktionsleiter des Magazins NovoArgumente und Gründungsmitglied des humanistischen Think-Tanks Freiblickinsitut e.V.

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09. Mai. 2015
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Ich war nie ein Gläubiger, ein Nachbeter

Helmut Mörchen (Jahrgang 1945 und SPD-Mitglied) erzählt, warum er trotz Pfarrerseltern nicht richtig links wurde und wie er beim Bier-Trinken die Liberalen kennenlernte.

Helmut Mörchen (Jahrgang 1945)© Foto privatHelmut Mörchen (Jahrgang 1945)

Ich bin zwar acht Jahre älter als Sie, Herr Hank, teile aber viele Erfahrungen mit Ihnen. Allerdings mit einem ausgeprägt protestantischen Hintergrund – Pfarrerssohn, dann aber wieder eine erste Parallele: Villigster wie Sie Cusaner.

Während Sie ein Nach68er waren, war ich – politisiert durch das Elternhaus – ein Vor68er. Schon als 16jähriger Schüler gründete ich an meinem Neuwieder Gymnasium einen „Politischen Arbeitskreis“. Ein Thema unter anderen bereits 1961 die „dritte“ Welt. Die Erfahrung meines Vaters, Mitglied der Bekennenden Kirche, dass die NS-Diktatur vor allem durch den Politikverzicht des Bildungsbürgertums während der Weimarer Republik möglich wurde, trieb mich in die Politik, die ohne Parteimitgliedschaft nicht möglich war: an meinem 21. Geburtstag trat ich deshalb der SPD bei. Ein halbes Jahr vor der Großen Koalition, das ist mir wichtig. In Rheinland-Pfalz verlief das für mich im negativen Ausschlußverfahren. Die CDU Peter Altmeiers kam natürlich überhaupt nicht in Frage, die FDP war mir unbekannt, blieb also nur die auch wenig attraktive SPD. Links war ich nicht.

In den ersten Studiensemestern in Bonn 1964ff. , Germanistik und Philosophie, spielte die Politik darum auch erst mal keine Rolle, der Erwerb qualifizierter Scheine zur Hauptauswahl ins Evgl. Studienwerk stand im Vordergrund. Und bevor es dann losging mit 68, hatte ich mich aus persönlichen Gründen schon an die Universität Saarbrücken aufgemacht.

Marx‘ Pariser Manuskripte

Hier gab es ein erstaunliches Miteinander von liberaler Professorenschaft und gemäßigten Studenten. Der konservative Rektor Hermann Krings stand an der Spitze der Demonstration nach der Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967. Höhepunkt der Bewegung war dann die Begleitung Cohn-Bendits im Frühling 1968 zur Goldenen Bremm, dem Grenzübergang nach Frankreich, wo die Grande Nation Panzer auffahren ließ, um die Einreise Cohn-Bendits zu verhindern. Dass er dann 500 Meter weiter über die grüne Grenze nach Frankreich und nach Paris gelangen konnte, demonstriert die augenzwinkernde Souveränität des de Gaulleschen Frankreich.

Politisch eingebunden im Saarbrücker SPD-Ortsvereins St. Johann – dort traf ich einen als frisch eingestellten Mitarbeiter der Saarbrücker Stadtwerke völlig frustrierten Cusaner, den unser Ortsvereinsvorsitzender Günter Slotta gelegentlich angetrunken vom Rednerpult bugsieren musste: Oskar Lafontaine.

Die Ergänzung zu einer solchen SPD fand ich an der Uni nicht beim SHB, oder gar SDS, sondern beim LSD, dem liberalen Studentenbund. Ich habe sehr schnell die Freiheit als das für mich wichtigste Gut zu begreifen gelernt. Ich habe weder das Kapital gelesen, noch die vielen anderen Broschüren auf den Büchertischen, dafür aber im Philosophischen Seminar mit Karl-Heinz Ilting Marx’ Pariser Manuskripte. Mein wichtigster philosophischer Lehrer wurde aber Karl-Otto Apel, der uns mit Peirce vertraut machte.

Meine Dissertation über die politische Essayistik und Publizistik der Weimarer Republik schrieb ich bei Helmut Kreuzer, einem viel zu wenig gerühmten Germanisten, nach Saarbrücken dann in Bonn und Siegen. Er öffnete uns den Blick für die Trivialliteratur, das Leben jenseits des bigotten Bildungsbürgertums – sein Buch „Die Boheme“ haben sogar Katrin Passig und Sascha Lobo im Blick auf ihre „digitale B.“ gewürdigt – und dank seiner USA-Erfahrungen als Professor in Houston/Texas – redete er uns schon 1969 alle linken Träume aus und prophezeite auch für Deutschland die bevorstehende Wende, die Sie so überzeugend am Jahr 1972 festgemacht haben.

Mein Bier trank ich aber abends bedingt durch eine enge Freundschaft mit dem Studienstiftler Robert Leicht eher im Kreis der Saarbrücker Jura- und Wisostudenten. Und lernte dort Werner Maihofer und Arthur Kaufmann kennen. Herbert Giersch bin ich wohl nicht persönlich begegnet, aber er ist mir als einer der damaligen Saarbrücker Stars in der Erinnerung sehr präsent.

Karl Barths Römerbrief – unerträglich

Der liberale Impuls war eine gute Ergänzung meiner damaligen sozialdemokratischen Grundüberzeugung. Ich war nie ein Gläubiger, ein Nachbeter. Nach dem Verlust des Kinderglaubens am Ende der Pubertät wollte ich nie wieder etwas „bekennen“, niemandes „Schüler“ oder gar „Nachfolger“ sein. Um meinen Vater postum zu verstehen, las ich Karl Barths „Römerbrief“ und war erschrocken über den für mich unerträglichen Überredungsgestus dieses Buches. Der Satz „Überzeugen ist unfruchtbar“ aus der „Einbahnstraße“ Walter Benjamins wurde zu einem ein Motto meines Denkens.

Darum habe ich im Gegensatz zu Ihnen keine Konversion, in welche Richtung auch immer, durchmachen können. Sondern bin ein Fragender geworden und geblieben, einer der gern ins Unreine denkt, bevor er in Schönschrift entscheidet: klar formuliert und ethisch begründet. Und da sehe ich uns auf einem gemeinsamen Weg. Wohin der auch führen mag?

Nach diesem Fragezeichen ein weiterer Blick zurück. Wie Ihnen fehlten auch mir während des Studiums wegen des Schielens auf gute Noten der „Mut“ und auch die „Zeit“ zu ungewöhnlichen und mutigen Schritten. Wir waren doch sehr brav und leistungsorientiert, wollten zwar nicht in die üblichen Laufbahnen, aber mit der Promotion doch einen vorzeigbaren Studienabschluss vorlegen. Also nicht Oberstudiendirektor werden; nein, wir waren unbescheidener, wir wollten positiv auffallen, bei den Wichtigen und Richtigen, wer auch immer die sein mögen, Beachtung finden. Und waren dazu bereit, uns auch stilmäßig anzupassen, die richtigen Klamotten, wenn’s nottut Krawatte, anzuziehen und die geltenden Umgangsformen zu beachten.

Der Roman Antonia Baums (wie Sie ja auch bei der FAS!) „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ schildert eine Gegenwelt zu unseren Mainstream-Milieus. Theodor, ausgeflippter Arzt, Wettbürogründer, Drogenhändler, Autonarr und Kunstbetrüger, zu dem im Vergleich Harry Rowohlt ein gepflegter Beau ist, erklärt seinen Kindern nach einem Krisengespräch mit deren Schuldirektorin die entscheidende Differenz zu ihr:

„Ich bin aber in einem ganz anderen Sinne bürgerlich, das heißt: Ich bin für eine umfassende Bildung im humanistischen Sinne, und ich bin für Klarheit. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Klarheit darf man aber nicht mit Vorschriften-Religiosität verwechseln, und diese Schnepfe, das sieht man eben als einigermaßen geübter Beobachter, ist eine Vorschriften-Schnepfe. Steht in einer Vorschrift, dass Bach ein Genie war, geht sie ins Kaufhaus und kauft sich alles von Bach. Sie ist einfach eine dumme Bach-Gans, versteht ihr das?“

Antonia Baums Roman ist – auf eine ganz verquere Weise – auch ein Beitrag zur Diskussion zur Wertebildung. Für mich im Moment ein wichtiger Komplementärtext zum Buch von Rainer Hank.

Dr. Helmut Mörchen war Leiter der Kurt-Schumacher-Akademie in Bad Münstereifel

Das Buch zum Blog von Rainer Hank gibt es hier:

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03. Mai. 2015
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Linke Melancholie – Bekenntnisse eines Lesers

„Wenn wir die Welt schon nicht besser machen können, hängen wir wenigstens in den besseren Kneipen rum“: Niklas Barth (Jahrgang 1985) kennt den alten Sound der Kritik nur vom Hörensagen.

Niklas Barth© Foto privatNiklas Barth

Zunächst ist da nur das nächtliche Glühen der Großstadt. Man sieht ein Auto, wie es durch die menschenleeren, in Neonfarben getauchten Straßen fährt. Mit diesen Bildern beginnt der Werbespot für den neuen Mercedes CLA Shooting Brake – „designed for urban hunting“. Nico Rosberg sitzt am Steuer, er ist der Jäger. Er will zu den Orten des echten Lebens. Oder zumindest zu solchen, die ihm das neue soziale Navigationssystem „Mercedes-Connect“ vorschlägt. Diese Orte sind, wie eine verheißungsvolle Stimme dann anhebt, „Orte des Vergnügens, verborgen im Beton. Die allerhöchsten Dachterrassen und Clubs versteckt im Untergrund. All‘ die Barkeeper und Hüter der geheimen Rezepte. Das Kurzfilmfestival tief in der Nacht. Die Boutique der Raritäten. Die Galerien, die Künstler, Tänzer und Sänger mit dem Soul von morgen. Egal, wo ihr Euch versteckt… – die Stimme stockt, Schnitt auf Nico Rosberg, der dann milde lächelnd den Satz vollendet: „Ich finde Euch sowieso.“ Als Linker muss man diese Bilder natürlich als Drohung lesen. Allein es geht nicht.

Man muss diese Bilder als Drohung lesen, weil sie eine alte Wahrheit ganz unverhohlen aussprechen: Das Kapital findet Dich. Du kannst nicht entkommen. In diesem Bild hat man sich natürlich hübsch eingerichtet. Es transportiert noch die alte Erzählung von der warmen authentischen Gemeinschaft und deren Kolonialisierung durch die kalten Imperative der kapitalistischen Gesellschaft. Geld korrumpiert nicht nur den Wert des Werts, sondern auch die Aufrichtigkeit des Gefühls, der Konsum die Echtheit der Kultur, ja die Intensität des Lebens selbst. Das Kapital trocknet unsere kommunikativen Ressourcen aus. Seitdem jagt das Kapital geradezu nach solchen Inseln sozialer Energie, um sie sich einzuverleiben und marktförmig verdaut wieder auszuspucken. In den 70er Jahren wurde diese Form linker Kulturkritik dann sogar zum Selbstverständnis der Bonner Republik. Und diesen kritischen Gestus atmen auch heute noch die Sätze staatlich alimentierter Kulturarbeiter, die sich TTIP anklagend zurück ans kuschelige Lagerfeuer der autochthonen Kultur sehnen.

Widerstand gegen die Professorenphilosophie

Stetig hat man sich als Linker bemüht, dem zu entkommen. Dem Kapital, wie diesem die Nestwärme des Authentischen beschwörenden Grundfehler des linken Denkens. Der Historiker Philipp Felsch hat solche und andere linke Absetzbewegungen gerade ausgesprochen elegant in seinem Buch „Der lange Sommer der Theorie“ als Geschichte des West-Berliner Merve Verlags erzählt. Die kollektiven Leseexperimente, die sich um die DIN B6 kleinen Merve Büchlein gruppierten, richteten sich in Form leichtfüßig tänzelnder Theorien vor allem gegen die Bleiwüsten der Professorenphilosophie und die Enge einer Suhrkamp-Kultur, auf deren Boden zwar alles entstand, die aber auch das Milieu muffig-marxistischer Ökonomiekritik waren. Die großen Kämpfe und der starre Ernst ihrer Stellvertreterrevolutionen wurden ersetzt durch die kleinen Kämpfe und die Lust am Text. Mit Rezeptionsästhetik, Poststrukturalismus und Cultural Studies wurde der Klassenkampf der Zeichen ausgerufen. 90s, Nacht, Pop hat dann die totale Affirmation zur angesagten Form der Kritik erklärt. Man sagte ‚Ja‘ zur modernen Welt. In dieser Haltung hat man gerade versucht, jeden politischen Satz zu vermeiden – natürlich als politische Geste. Daran war immer die Hoffnung daran geknüpft, zumindest ästhetisch wäre der Kapitalismus doch überlegen. Man hat Zitat, Oberfläche und Uneigentlichkeit gefeiert und einen Habitus der Kälte eingeübt. Erst einmal auf Distanz gehen. Wenn wir die Welt schon nicht mehr besser machen können, hängen wir wenigstens in den besseren Kneipen rum.

Das wilde Theorieleben als Leseerlebnis

Ich habe davon nur gelesen. Ich habe das wilde Theorieleben nie erlebt. Früher also, so lese ich, gingen die Situationisten des Nachts im Kreise und wurden vom Feuer verzehrt. Heute dreht irgend so ein glatter Nico Rosberg-Typ seine Runden und sucht das echte Leben. Und irgendwann fuhr er dann auch einmal vor meiner Bar vor. Ich wollte ihn fragen: Wo stehst Du eigentlich, Kollege? Ich hätte so gern mein symbolisches Klassenkampfmesser gezückt und diesem Typen in sein Gesicht hinein geschrien: Du bist falsch! Das alles hier ist falsch! Und konnte es natürlich nicht. Durch die Schule der second order hipness gegangen, hatte man bereits schon verinnerlicht, dass es kein Außen mehr gibt, von dem man das Falsche als Falsches benennen könnte. Dass auch das Dagegensein nur eine Form des Dabeiseins ist.

18. März. Das Glühen, das man in Frankfurt gegen 08.00 Uhr morgens sieht, ist nicht mehr das Glühen der Nacht. Hier brennen deutsche Polizeiautos – und damit Kapital, Staatsmacht und die deutsche Ingenieurstugend gleich mit. Vor dem neuen Sitz der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend wurde Stacheldraht verlegt. Das „Blockupy“ Bündnis hat zum Sturm auf eine neue Ikone der Unterdrückung gerufen. Das Falsche scheint hier überdeutlich erkennbar. Die Medien hyperventilieren die Bilder einer Stadt im Ausnahmezustand. Als Linker muss man diese Bilder natürlich als Versprechen lesen. Allein es geht nicht.

Man kennt das Skript, das diesen Revolutionsevent hier inszeniert, ja leider viel zu gut. Nein, natürlich bin ich nicht dort. Ich konsumiere diese Bilder nur. Facebook streamt sie mir als Riot Porn. Mit einem wohligen Schauer genießt man die Ästhetik proletarischer Gewalt und seine nostalgische Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Man phantasiert sich in die Entschlossenheit dieser Bilder hinein, die von den komplexen Zug- und Sachzwängen der Herrschenden einfach absehen und die man so gerne teilen möchte. Aber ich kann sie nur als ironisch-lustvolle Dantonperformance lesen, in der jeder seine Rolle spielt. Wart ihr denn nicht mehr im Theater? Wisst ihr denn nicht, dass das Kapital gar nicht die Scheiße ist? Die Liebe, das ist die Scheiße! Die ist die noch viel kältere Scheiße als Euer scheiß Kapital!

Seit Slavoj Žižeks Koketterie mit dem Stalinismus gilt es im linken Milieu ja nun bereits seit einigen Jahren wieder als schick, sich mit einem ‚Ja‘ zur Schusswaffe zu positionieren. Aber das ist ja nur eine weitere Salonvolte!, möchte man nach Frankfurt rufen. Eure Militanz richtet sich gegen den Finanzkapitalismus, doch bevor es so richtig los geht, kauft ihr euch noch eine Solidaritätsbratwurst – aber nur vom ehrbaren deutschen Kaufmann. Das ist, mit Wohlwollen gelesen, höchstens radikal zu kurz gedacht. Vielleicht aber auch einfach nur antisemitisch. Neben diesen folkloristischen Bildern des Aufstands zirkulierte in Frankfurt auch ein neues Manifest des „Unsichtbaren Komitees“, das nun Anfang April im Nautilus Verlag erschien. Als Literatur gingen die Bücher des Unsichtbaren Komitees ja immer gut runter. Aber als Analyse? Dort fordern sie: „Lasst uns verschwinden!“, denn die Revolution findet nicht mehr auf der Straße statt. „Der Krieg ist in uns“. Ihr aber zündet mit großer Geste Bushaltestellenwartehäuschen an.

Der alte Sound der Kritik

Im Sprachgewimmel auf der Straße hört man irgendwo den alten Sound der Kritik. Und man fühlt sich in seiner Sehnsucht bestätigt. Ja, genau! Das ist es, denkt man sich. Endlich prüft mal wieder jemand den Wahrheitsgehalt eines Satzes. Endlich hört man mal einen direkten Satz. Ja, Kritik steht in Hauptsätzen! Kommt her, ihr verwegenen Lederjackenmarxisten! Wie konnte es nur dazu kommen, dass wir die Ungleichheit lieben und die Ungerechtigkeit zu ignorieren gelernt haben? Der Sozialwissenschaftler und Publizist Wolfgang Pohrt, dessen nicht hoch genug zu schätzende Leistung wohl darin bestand, eine innerlinke Kritik an der Linken überhaupt stark gemacht zu haben, ging selbst schon wieder dazu über, auch die „soziale Frage“ zu stellen. Anstatt Profx-Gender-Politics und der ganzen anderen Nebenwiderspruchsscheiße fragt also endlich wieder einmal jemand danach, was am Ende des Monats bleibt. Vielleicht erleben wir ja heute wirklich einen neuen hard-boiled Marxismus? Hier kommt der neue Ernst direkt aus dem argumentativen Schützengraben. Als Männerphantasie vielleicht.

Ich teile diese Phantasien nicht. Ich finde es ja gut, dass mich heute auch Frauen ausbeuten können. Und an wen sollte sich diese Kritik schon wenden? Haben wir die Machtverhältnisse nicht selbst so gut verinnerlicht, dass wir nicht vielmehr unser eigenes Begehren abschaffen müssten. Raus aus der eigenen Agentur – du Ausbeuter_innensau, lass mich endlich wieder dein Knecht sein! Das wäre doch was. Da hätte man mal wieder so eine richtige Meinung. Aber ist die Welt nicht viel zu komplex geworden, um noch zu irgendetwas eine fundierte Meinung haben zu können? Und dann noch eine, die alles auf gerade nur einen Widerspruch zurück führt? Wir müssten die Widersprüche heute ja vielmehr vervielfältigen!

Und wer ist überhaupt dieses „Wir“ auf den Bildern aus Frankfurt? Ist das nicht dasselbe neu-bürgerliche Milieu, das so selbstgerecht in allen Lebensbereichen protestantische Selbstverleugnung und Disziplin einfordert, aber gerade hier gegen eine Politik der Austerität demonstriert? Das in einer Welt leben will, in der vom Essen über das Sprechen bis hin zum Sex alles nicht nur politisch reguliert ist, sondern immer auch mit dem moralischen Zeigefinger sanktioniert wird. Gegen Kinderarbeit, für Weltfrieden! Wenn politische Sätze aber keine Nein-Stellungsnahme provozieren können, sind sie einfach nur billig. Jeder EZB-Funktionär würde das ja auch sofort unterschreiben. Und womöglich glaubt er tatsächlich daran, mit seiner Politik genau das auch zu erreichen. Um solche heiklen Widersprüche kümmern sich diese Sätze aber gar nicht, weil sie eher die eigene Befindlichkeit vor sich hertragen, als für irgendetwas konkret einzutreten. Und damit sind die, die jetzt aus ihren Bürgerhäusern heraus auf die Straße kommen, doch selbst genau die Agenten dessen, was sie anklagen. Jetzt sprecht ihr mit paternalistischem Vereinnahmungsgestus für die, die ihr später wieder beherrschen werdet.

Was soll also diese etwas rührselige Selbstbespiegelung? Sie drückt nur die Zerrissenheit aus, was es heute heißt, links zu sein. Der Soziologe Armin Nassehi hat das gerade in seinem jüngsten Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“ auf eine prägnante Formel gebracht: „Wir reden links und handeln rechts.“ Was er damit anspricht, ist der Konflikt, sich einerseits recht schnell zu universalistischen moralischen Appellen bekennen zu können, andererseits die eigenen Kinder dann doch ganz partikularistisch auf das Gymnasium mit dem nicht ganz so hohen Anteil an Kindern mit „Migrationshintergrund“ (wie wir es links wieder rechtfertigen würden) zu schicken. Wie heute also links sein? Ich stilisiere das hier etwas überzogen als ein Leiden an dieser Zerrissenheit. Das macht es wahrscheinlich sehr deutsch und links zugleich. Vielleicht ist es auch nur ein eitler Phantomschmerz, der mit praktischer Politik nichts zu tun hat? Vielleicht. Aber es reagiert darauf, dass man weiß, dass die Kategorien links/rechts heute nicht mehr viel taugen, man sie aber doch für sein soziales Navigationssystem irgendwie braucht.

Links sein heißt heute immer seine eigene Unmöglichkeit mitzudenken. Und vielleicht muss man gerade heute als Linker immer eher rechts denken, um überhaupt auf den Anderen hin links handeln zu können. Auch das kann man in Felschs Geschichte des Merve Verlags nachlesen, die eben immer auch Mentalitätsgeschichte der BRD ist und vorführt, wie das linke Denken selbst allmählich rechts abbog. Dieses rechte Denken hat nichts mit Konservativismus oder unkritischer Affirmation zu tun. 1987 erscheint im Merve Verlag der Interviewband „Archimedes und wir“ von Niklas Luhmann und Dirk Baecker. Damit war der Blinker gesetzt. Ideologiekritik war spätestens jetzt nur noch als Selbstaufklärung möglich. Als Linker rechts zu denken konnte dann nur noch heißen, auf seine eigene Verstrickung hin zu denken. Felschs Erzählung endet im Jahr 1990. Aus dieser theoriegeschichtlichen Zäsur speist sich aber heute noch das Gefühl, irgendwie zwischen den Stühlen zu sitzen.
Wenn dieser Text etwas will, dann in seinen Windungen diese Zerrissenheit selbst vorzuführen. Er stellt seine Sehnsucht nach den starken Sätzen aus und landet am am Ende doch wieder nur bei den Anspielungen, den verschachtelten Nebensätzen und den sich selbst negierenden Aussagen.

Ich sehne mich nach Streit – und kann über diese Sehnsucht dann doch nur schmunzeln. Dieses Schmunzeln ist kein ironischer Überlegenheitsgestus und es ist kein auftrumpfendes philosophisches Lachen. Es ist eher das leise Ringen um Haltung. Links sein heißt deshalb heute wieder Melancholiker sein. Denn ich lege ein Bekenntnis ab, dem die beglaubigende Institution immer schon verloren gegangen ist. Als Leser jage nach einer klaren Position, nach der Intensität des ganz Anderen und finde immer wieder nur linke Theorieversatzstücke, rechte Denkfiguren und Pop-Zitate. Ich bin Nico Rosberg. Wir können nicht entkommen. Wir können nur milde lächelnd im Kreis fahren. Vielleicht ist das aber auch gar kein Problem.

Literatur

Felsch, Philipp (2015): Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. C.H. Beck. 24,59€.

Das Unsichtbare Komitee (2015): An unsere Freunde. Edition Nautilus. 16.00€.

Nassehi, Armin (2015): Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Murmann Verlag. 20,00€.

Niklas Barth ist Diplom-Soziologe und arbeitet beim DFG-Projekt „Öffentlichkeit und Privatheit im Web 2.0″in Hamburg und München.

Das Buch zum Blog von Rainer Hank gibt es hier:

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22. Apr. 2015
von Rainer Hank
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16. Apr. 2015
von Rainer Hank
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Richtig links sein: Das Beispiel Google

oder: „Why the left should love liberalism“

Über vier Jahre nach dem Beginn der Ermittlungen gegen Google hat die Europäische Kommission am 15. April ein Kartellrechtsverfahren gegen Google eröffnet. Der wesentliche Vorwurf bezieht sich darauf, dass Google seine marktbeherrschende Stellung bei der allgemeinen Online-Suche missbrauche, um auch bei Online-Preisvergleichen eine marktbeherrschende Stellung zu erlangen. Google bevorzuge seinen eigenen Dienst „Google Shopping“ und benachteilige so andere Preisvergleichsportale in missbräuchlicher Weise.

Soll man Google bestrafen? Das Thema berührt zentral die Themen auf diesem Blog, was eigentlich heute links ist. Viele Linke (und mindestens so viele Konservative) würden die Frage bejahen, dass man Google bestrafen müsse. Manche – etwa der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel – gehen noch weiter und sagen, man müsse Google zerschlagen. Getreu dem Diktum von Lord Acton sind sie der Meinung: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.“ Und weil das so ist, sei der Staat gefordert, zusammen mit der Justiz dem gefährlichen Treiben von Google Einhalt zu gebieten.

Ich halte davon nichts und will hier begründen, dass es (1) fraglich ist, ob Google wirklich so gefährlich ist, wie viele behaupten (dabei macht es auch einen Unterschied, für wen Google gefährlich ist – für die Menschen oder bloß für die Wettbewerber?) und (2) argumentieren, dass, falls Google wirklich gefährlich ist, der Markt allemal sich als das bessere und dem Staat gegenüber gerechtere Entmachtungsverfahren erweisen wird. Das ist gemeint mit dem Titel dieses Zwischenrufs „Why the left should love liberalism“. Er stamm von dem Harvard-Ökonomen Alberto Alesina und behauptet auf gut deutsch: Die Liberalen sind die besseren Linken! Der Markt ist das effizienteste und gerechteste Entmachtungsverfahren ungerechtfertigter Monopole.

Eine merkwürdige Google-Phobie

In Europa, insbesondere in Deutschland, herrscht seit geraumer Zeit eine Google-Phobie. Merkwürdigerweise ist das Internet, das lange als cool und jung galt, in den letzten Jahren in Verruf geraten. Ein neuer, selbstverständlich böser Kapitalismus habe sich hier gebildet, heißt es: Der Informationskapitalismus. Und vor dem müsse man Angst haben. „Angst vor Google“, gesteht sogar der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner. War nicht der Axel Springer Verlag früher für die Linken die Inkarnation des Bösen? Der Monopolist schlechthin?

Google, ein böser Monopolist. In aller Kürze die Fakten: Google hat – in Deutschland, nicht weltweit – als Suchmaschine einen Marktanteil von gut 90 Prozent, in Amerika immerhin aber auch fast 70 Prozent. Seit 1998 ist ein Unternehmen entstanden, das etwa 50000 Leute beschäftigt, 2013 einen Umsatz von 60 Milliarden Dollar erwirtschaftete und eine Marktkapitalisierung von 350 Milliarden Dollar an die Börse bringt. Erfindung und Aufstieg von Google sind eine grandiose Leistung des unternehmerischen Kapitalismus, die auf ungeahnte Weise die Präferenzen der Menschen weltweit verändert hat. Vor 1998 wussten wir gar nicht, was uns gefehlt hat. Und jetzt können und mögen wir uns die Welt ohne Google auf keinen Fall mehr vorstellen.

Bei den Bürgern ist das angekommen: Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat am 16. April in der FAZ über eine kognitive Dissonanz der Bürger berichtet: Zwar sorgen sich viele über den Datenschutz im Netz. Das hindert sie aber nicht daran, in ständig steigendem Maße die Dienste des Internet (Online-Banking, Online-Shopping etc) in Anspruch zu nehmen und x-mal am Tag auf google sich zu orientieren. Offenkundig sind die Menschen mit Google zufrieden.

Der Erfolg von Google stützt sich vollständig auf eigene Kräfte. Es gab kein staatliches Anschub- oder Subventionsprogramm. Es gab auch keine Verträge, die die Vertragsfreiheit anderer aushebelten. Am Eigentumserwerb ist alles legitim, sogar meritokratisch. Die Marktwirtschaft hat funktioniert, wie sie funktionieren soll. Aus grandiosen Ideen werden marktfähige Produkte, von denen man hinterher denkt, dass sie trivial sind. Und die Menschheit hat einen Nutzen davon. Im Fall von Google, Amazon & Co. lässt sich sogar sagen, jedermann ziehe einen Nutzen daraus, denn um von Google zu profitieren, braucht man nur einen Internetanschluss. Der Zugang zu den Erfindungen des Internetzeitalters ist ziemlich egalitär.
Google ist gewiss dominant; sein Bekanntheitsgrad ist enorm. Was gibt es auszusetzen?

Ein Fall von „anmaßendem Wissen“

Wenig bleibt übrig. Zum unmittelbaren Vorwurf der EU-Kommission hat der Wettbewerbsökonom Justus Haucap das Entscheidende gesagt: Anders als bei der ganz allgemeinen Suche hat Google bei Shopping-Portalen keinen Marktanteil von 90 Prozent. Amazon und Ebay sind bedeutende Anbieter auf diesem Markt ebenso wie etwa idealo.de als Preisvergleichsseite in Deutschland. Die Frage, so Haucap, sei daher, wie viele Online-Waschmaschinenkäufe, Online-Turnschuhkäufe und Online-Lehrbuchkäufe wirklich durch Google kanalisiert werden. Dies dürften ganz deutlich unter 90 Prozent sein.

Fraglich sei auch, meint Haucap, ob die Verbraucher wirklich einen Schaden dadurch erleiden, dass die Ergebnisse von Google Shopping bei Google prominenter angezeigt werden als etwa die Ergebnisse von Amazon oder Idealo. Vor allem aber wird es schwierig sein zu definieren, was eine neutrale Listung in Zukunft sein soll. „Wird Google verpflichtet, demnächst wirklich jeden noch so schlechten Preisvergleichsdienst anzuzeigen und zwar in abwechselnder Reihenfolge, wie es der Kommission anscheinend vorschwebt, besteht die Gefahr, dass die Verbraucher regelmäßig sehr schlechte Preisvergleichsdienste zu sehen bekommen“, sagt Haucap. Sollen nur „gleichwertige“ Preisvergleichsdienste gezeigt werden, stellt sich die Frage, wer definiert was gleichwertig ist und wer das überprüft in einem Markt, in dem sich auch Preisvergleichsdienste von Tag zu Tag weiterentwickeln.

Daraus folgt: Kann es wirklich im Sinn der Verbraucher sein, durch staatliche Intervention die Dienstleistungen von Google zu verschlechtern, um eine ganz und gar nicht zweifelsfrei erwiesene gefährliche Marktmacht zu begrenzen? Das wäre doch ziemlich paradox. Kann es wirklich Behörden geben, die definieren, was gleichwertige Preisvergleichsdienste sind? Das ist ein typischer Fall bürokratischer Selbstüberschätzung; Friedrich A. von Hayek hätte von „anmaßendem Wissen“ gesprochen.

Eingewandt wird, Google agiere auf einem zweiseitigen Markt, habe als Kunden also nicht nur uns suchende Zeitgenossen, sondern auch die werbetreibende Wirtschaft und könne hier womöglich sein Monopol zu hoher Anzeigenpreise durchsetzen. Doch auch dies ist nicht mehr als eine empirisch nicht bewiesene Vermutung. Fragt man Werbeleute, hört man das Gegenteil: der Preisverfall bei Online-Werbung schreite weiter rapide fort.

Lassen wir den Markt es richten

Bei so viel Unsicherheit empfiehlt es sich, über Alternativen nachzudenken. Lassen wir doch den Markt entscheiden! Dass das mehr ist als eine Floskel, zeigt die Rückschau auf den „Fall Microsoft“. Heute längst vergessen, gab es um Microsoft um die Jahrtausendwende ein ähnlich großes Geschrei wie heute um Google. Ein Gigant des Internetzeitalters sei entstanden, dem niemand mehr Paroli bieten könne, hieß es. Heute haben (wahrscheinlich dieselben) Leute mit Microsoft Mitleid und beschwören die Verbraucher, die Suchmaschine „Bing“ von Bill Gates zu nutzen, damit Google seinen Alleinvertretungsanspruch verliert. So schnell kann es gehen. Die Wettbewerbsbehörden waren 1999 tatsächlich der Meinung, es gebe „keine Produkte, weder in der heutigen, noch in der künftigen Welt“, die Microsoft substituieren könnten. Das war damals das Argument für das gefährliche Monopol. Niemand hatte den raschen und unaufhaltsamen Aufstieg der Mobil-Geräte vorhergesehen, die Microsoft nachhaltiger und „gerechter“ ihr Monopol bestritten als alle Wettbewerbsregulierer dies könnten (siehe dazu Farhad Manjoo in der New York Times vom 16. April.

Soll man Google zerschlagen? Keinesfalls. Was soll das überhaupt heißen? Jeglicher staatliche Eingriff wäre ein Angriff auf das private Eigentum, Garant der Freiheit des Unternehmens und Ermöglichung der Freiheit für den Verbraucher. Den größten Schaden hätten die Kunden. Googles Monopolmacht ist von Wettbewerbern bestreitbar. In der schnellen Welt des Internet werden bald Nachahmer auf dem Markt sein. Früher musste man befürchten, der Markt brauche zur Entmachtung so lange, bis „in the long run we ware all dead“. Heute erleben wir das ständig. Wenn ausgerechnet Axel Springer jammert, dann ist dieser Protest leicht durchschaubar: Ein Konkurrent kommt unter Wettbewerbsdruck und sucht sein partikuläres Interesse als Dienst am Allgemeinwohl zu kaschieren. Springer kämpft für sich, aber nicht für die Menschheit. Das dürfen sie, aber nur und ausschließlich mit den Mitteln des Wettbewerbs und nicht, indem sie die Politik und andere Medien für sich einspannen – sie müssen einfach besser sein als Google.

Die Marktwirtschaft ist für den Kunden da. Wenn Wettbewerber sich im Gang des technologischen Fortschritts bedroht fühlen, muss man das hinnehmen. Marktwirtschaft hat nicht die Aufgabe, die Existenz von einmal existierenden Firmen auf immer zu konservieren. Politik hat die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Entstehung neuer Firmen nicht behindert wird. Niemandem ist es in Europa verboten, ein neues Google zu bauen.

16. Apr. 2015
von Rainer Hank
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13. Apr. 2015
von Rainer Hank
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Marx und Engels unterm Weihnachtsbaum

Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe erzählt von seiner linken Vergangenheit – und warum er heute kein Linker mehr ist.

Werner Plumpe, 30jährig© Foto privatWerner Plumpe, 30jährig

Es lag an der Langeweile. Lange, bevor ich Teil der linken Jugendbewegung wurde, habe ich mich gelangweilt. Degenhardts Lied war so etwas wie die eigene Verzweiflungshymne: „Wenn die Spinne Langeweile/Fäden spinnt und ohne Eile/Giftig-grau die Wand hochkriecht/wenn’s blank und frisch gescheuert riecht … “ Noch heute kann ich den Text weitgehend auswendig! Und die Sexualnot spielte eine Rolle. Und fehlende Vorbilder bzw. deshalb der ältere Bruder, der bereits an der Universität studierte und Teil der dortigen Bücherwelt war. Und schließlich der Zufall. Auf dem Marktplatz der kleinen Stadt im nördlichen Ruhrgebiet bzw. südlichen Münsterland, ganz wie man möchte, tat sich was. Ältere Schüler hatten im Gewerkschaftshaus einen Republikanischen Club gegründet; später so um 1970/71 kamen maoistische Studenten aus Bochum und verkauften den „Kampf der Arbeiterjugend“. Die hatten schon ein Auto und waren sehr streng.

In Bochum gab es aber auch Rote-Punkt-Demonstrationen und Wasserwerfereinsatz. Das war eindrucksvoll. Und auch die täglichen Fernsehbilder aus Vietnam spielten eine große, empörende Rolle. Das trug vor allem zum moralischen Ruin der Älteren bei, die sich davon nicht distanzieren konnten oder wollten. Also standen wir Primaner irgendwann bei den politischen Debatten auf dem Markt nicht mehr abseits, sondern mittendrin. Bei welcher der Gruppen man landete, war der reine Zufall. Viele gingen zu den Jusos, die sich revolutionär gaben, aber Spießer waren. Die kannte man von der Schule. Die Maoisten kannte man auch von der Schule, aber die Arbeiterjugendlichen nicht. Bei denen bin ich in der Unterprima gelandet, habe gleich ein Amt bekommen (Bildungsbeauftragter) und war schnell anerkannt, sozusagen als Intellektueller. Aber bei dieser SDAJ, die den Kommunisten nahestand, gab es auch Disziplin und alten kommunistischen Adel, aus dem man eigentlich kommen sollte. Das war für uns „bürgerliche Jungen“ – ich war beileibe nicht der Einzige – gerade spannend: Dieses vermeintlich unverklemmte, ehrliche, traditionsreiche proletarische Milieu der Bergarbeiterviertel unserer Stadt, die man zuvor aus Respekt vor der überlegenen Körperlichkeit der dortigen Jugend eher gemieden hatte.

Wir wollten die Gesellschaft begreifen

Und dann hatte die kommunistische Variante einen weiteren Zug, dessen Bedeutung mir heute klarer ist als damals. Im Milieu der KPD, die sich aus taktischen Gründen DKP nannte, ging es zu keinem Zeitpunkt um das, was seinerzeit als „Reformismus“ verschrien war: Sozialpädagogik hatte keinen guten Ruf. Es ging einerseits um Gesellschaftskritik, andererseits um wissenschaftlichen Sozialismus, also darum, die Gesellschaft zu begreifen und aus diesem und durch dieses Begreifen zu verändern. Meine Eltern, beileibe keine Marxisten, haben das unterstützt; zu Weihnachten während der letzten Schuljahre wünschte ich mir jeweils Bände der MEW – und bekam sie auch prompt unter den Tannenbaum! Vor diesem Hintergrund war die Arbeiterschaft des Bergbaus daher aber nicht nur spannend und fremd zugleich; sie verkörperte auch zumindest in der Theorie eine Art revolutionäres Subjekt, das so wichtig war, dass der kleinbürgerliche Alltag der meisten Bergarbeiterfamilien nicht weiter ins Gewicht fiel. Das ließ sich mit der Vorstellung von „falschem Bewusstsein“ leicht plausibilisieren, ja verlieh der eigenen Tätigkeit eine zusätzliche Weihe. Wir bürgerlichen Kinder waren dazu berufen – selbstverständlich unter Anleitung – die Arbeiterschaft von ihrer eigenen Mission zu überzeugen. Das gelang nicht – weder im Ruhrgebiet noch anderswo; doch mittlerweile war ich Student, und die ganze Frage daher ohnehin ein Problem der Texte und ihrer richtigen Interpretation geworden. Spätestens seit dem Beginn des Studiums war mein Linkssein etwas, das durch den Bezug zur Realität bestenfalls gestört worden wäre.

Die Welt der Bundesrepublik, wie sie in den 1970er Jahren war und in der wir ganz selbstverständlich weitgehend reibungslos lebten, nahmen wir politisch nur dann zur Kenntnis, wenn das nützlich war. Die Massenarbeitslosigkeit der Zeit etwa war daher eine willkommene Bestätigung unserer theoretisch ohnehin bewiesenen Überzeugung, der Kapitalismus sei instabil. Und die Krise des Keynesianismus in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bestärkte unsere Haltung zur Sozialdemokratie, die zwar Arzt am Krankenbett des Kapitalismus sein wollte, es aber wieder einmal nicht hinbekam. Über den „Weltökonomen“ Helmut Schmidt haben wir linken Wirtschaftsstudenten viel gelacht. Der Niedergang der eigenen kommunistischen Vorstellungen, die eben nie „die Massen ergriffen“, blieb dabei ausgespart, denn das theoretische Konzept war ja richtig. Was kann die Theorie dafür, wenn die Menschen sie nicht begreifen?!

Sex und Umweltschutz: Die moralistische Spielart des Linksseins

Aber das war nur eine Variante des Linksseins. Es war schnell klar, dass wir mit unserer Orientierung am realen Sozialismus auch unter den linken Studenten nicht in der Mehrheit waren. Die meisten linken Studenten waren weiterhin bei den Jusos, doch kam Ende der 1970er Jahren mit den „Spontis“ eine neue Gruppe auf, die ich damals grandios unterschätzte, eben weil sie theoretisch so anspruchslos schien. Diese Milieu, das mich ähnlich wie die Welt der Jusos nie angesprochen hat, erlebte zusammen mit den Grünen in den 1980er Jahren eine geradezu imposanten Aufschwung, weil sie, anders als wir marxistischen „Theoretiker“ alles wollten, und zwar sofort. Sie hatten geringe Barrieren (keine Kapitalschulungen!), machten gute Partys, hatten einfache, sofort begreifbare Themen (Umweltschutz, Sex) und ersetzten das, was wir mit Gesellschaftskritik betrieben, durch Moralisierung. Sie passten perfekt in das Milieu der 1980er Jahre. Sie wollten die Gesellschaft nicht wirklich ändern, sondern sie menschlicher machen, wobei sie einfach unterstellten, irgendwie seien die Verhältnisse unmenschlich. Dadurch wurde „Linkssein“ plötzlich offen für alle möglichen Strömungen, die sich, aus welchen Motiven auch immer, an der Gesellschaft rieben und ihr dieses Reiben als moralisches Makel ankreideten: Mir geht’s nicht gut, und Du bist daran schuld! Das hatte und hat den Vorteil, dass sich die „Linke“ als Gewissen einer Gesellschaft aufspielen kann, deren Produkt sie im Grunde ja selber ist. Sie ist heute die Betreuungs- und Therapieinstanz für die Fehler einer Gesellschaft, deren Existenz und Funktionieren aber gerade Bedingung dieser moralisch überlegenen Position (und ihrer Finanzierung) ist. Zugespitzt: Es soll nicht mehr wirklich etwas geändert werden, sondern es geht um die Betreuung der Opfer, die es ja – streng genommen –ohne die heutige Gesellschaft nicht gäbe.

Diese Tradition des „Linksseins“, die heute die Vorherrschende ist, hatte indes mit dem, wovon ich überzeugt war, nichts zu tun. Meine Abkehr, der Bruch mit meinem eigenen Linkssein erfolgte daher auch viel radikaler spätestens als mir klar wurde, dass weder der Marxismus noch seine zahlreichen Derivate praktisch und/oder theoretisch überzeugen, was ich ja lange Zeit angenommen hatte. Die Tatsache, dass kein einziges nichtkapitalistisches Experiment wirtschaftlich funktionierte, dass das sowjetische Lager an der eigenen Unfähigkeit, moderne Wirtschaftsstrukturen zu schaffen, zu Grunde ging, die Tatsache, dass China seinen wirtschaftlichen Sozialismus kurzerhand über Bord warf und damit grandiose Erfolge erzielte, sich gleichzeitig politisch aber als ziemlich rabiate Diktatur präsentierte, ließ sich irgendwann einfach nicht mehr verdrängen. Auch die Hoffnung auf Kuba war trügerisch, und von den vielen sozialistischen Experimenten in der sog. Dritten Welt war in den 1980er Jahren nicht mehr viel übrig, von Albanien und Kamdodscha zu schweigen. Das konnte nicht einfach mit dem US-Imperialismus erklärt werden oder auf eine ominöse Tendenz zum bürokratischen Staatssozialismus zurückgeführt werden, den man, wäre der Vorwurf zutreffend gewesen, marxistisch außerdem gar nicht hätte erklären können – oder nur mit Dutschkescher Unklarheit!

Der Wirtschaftshistoriker lernt, den Kapitalismus zu lieben

Werner Plumpe 60jähirg© Foto privatWerner Plumpe 60jähirg

Nein: mit offenen Augen war zudem für mich als Wirtschaftshistoriker nicht zu ignorieren, dass keine Planwirtschaft bislang das geleistet hatte, was sie auf der Basis der Kritik an der kapitalistischen Anarchie gerade versprochen hatte, eine krisenfreie, ausgeglichene Entwicklung der Produktivkräfte und eine dauernde Verbesserung des Lebensniveaus der Menschen. Nichts von diesen Versprechungen ist eingelöst worden, und das keineswegs allein aus ungünstigen Umständen, die es gegeben haben mag, sondern aus strukturellen Schwächen, die – das wurde mir klar – genau die relativen Stärken einer kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Ordnung spiegelten. Seither kann ich nicht mehr aus grundsätzlichen Überlegungen eine Wirtschaftsordnung kritisieren, zu der es zumindest bislang keine plausible Alternative gibt.

Die moralische Linke der 1980er Jahre hat den realen Sozialismus nicht gemocht. Sein Untergang war ihr kein Menetekel. Dass sie seinen Zusammenbruch daher mehr oder weniger kommentarlos hingenommen hat, liegt aber nicht nur an diesem Desinteresse. Es hat auch etwas damit zu tun, dass sich die heutige Linke ungern auf Fragen alternativer Entwürfe festlegen lässt, sondern sich lieber in der moralischen Kritik von Zuständen ergeht, deren Ende sie gar nicht wünschen kann, da sie von deren Bewirtschaftung auch finanziell profitiert. Man ist zugleich Kritiker und Nutznießer, könnte man zugespitzt sagen, ja kann dies beides nur sein, weil es sich gegenseitig erst möglich macht. Die Moralisierung macht die Position überdies hermetisch. Wenn die Energiewende moralisch sakrosankt ist, ist es ungehörig zu fragen, ob der gigantische Subventionszirkus wirtschaftlich überhaupt sinnvoll sein kann. Die SED/PDS/Linke hat hier sehr schnell gelernt, ihren Marxismus zu Wagenknechtscher Folklore geschrumpft und sich dem Moralisieren von Zuständen, die man nicht ändern kann und auch nicht ändern will, aber doch für schrecklich hält, angeschlossen. Daran zu erinnern, wie eine Welt aussieht, in der die Linke vierzig Jahre lang den Ton angegeben hat, ist dann geradezu ungehörig, denn sie ist ja selbstverständlich für das Gute zuständig, so dass das Nichtgute eben nicht links ist. Das geht gelegentlich in Erinnerung an die DDR nicht ohne eigenartige Pirouetten, aber das macht nichts. Dass es keineswegs das internationale Finanzkapital braucht, um Staaten in schwere Schuldenkrisen zu stürzen – war Ende der 1980er Jahre jedem Beobachter der DDR klar; heute erinnert man sich nicht mehr oder will sich nicht gern erinnern, ist aber um so überzeugter, dass das alles an den Banken liegt!

Warum ich heute kein Linker mehr bin

Ich bin kein Linker mehr; im Sinne des gegenwärtigen Linksseins war ich es, ehrlich gesagt, wahrscheinlich nie. Mitleid und Hilfe sind für mich keine linken Haltungen, sondern zumindest in der Tradition meiner Erziehung christliche Einstellungen, die keinen politischen Ort haben. Der Welt meiner Herkunft war ich in den 1970er Jahren aus einer Vielzahl von Gründen überdrüssig; ich habe es oben angedeutet. Die Alternative hierzu musste freilich theoretisch überzeugen. Anfänglich schien der Marxismus ein Lichtblick, doch war er es, je länger je mehr, immer weniger, zumal er von allen konzeptionellen Widersprüchen abgesehen auch ein falsches Bild vom Menschen protegiert. Irgendwann wurde mir klar, dass Bergarbeiter keine Opfer waren, sondern Menschen, die ihr Leben so führen wollten, wie sie es taten. Und für ihre Art zu leben, hatten sie zumindest so gute Gründe wie ich für meine. Wir aber hielten uns für souverän: Verführt sind immer die anderen!

Seit mir das klar ist, sympathisiere ich mit der Welt, in der ich lebe, nicht zuletzt weil sie gerade wegen ihrer marktwirtschaftlich-liberalen Verfassung ganz ordentlich funktioniert und für Änderungen offen ist, weil sie Gestaltungsspielräume schafft und nicht politisch schließt, und weil mir die Hybris fehlt zu unterstellen, andere Menschen hätten für ihr Tun und Handeln weniger gute Gründe, als ich sie mir selbst selbstverständlich zugestehe. Die Menschen sind insofern für sich selbst verantwortlich und daher eben auch frei. Sie sind keine hilflosen Opfer gesellschaftlicher Strukturen, oder zumindest nur in dem Maße, in dem ich es auch selbst bin. Andere betreuen oder anleiten zu wollen, hat etwas Bevormundendes, den Menschen das Verantwortungsgefühl und ihre Autonomie Bestreitendes, ihre Freiheit in Frage Stellendes.

Die Gesellschaft ist vielmehr, wie sie ist, weil eine große Zahl von Menschen in ihr selbstbestimmt leben kann und will. Das immunisiert die Gesellschaft nicht gegen Kritik, doch hat sich die Kritik jeweils nach Maßgabe des durch sie Möglichen selbst zu rechtfertigen. Diese Selbstkritik aber ist der gegenwärtigen Linken, die allein für das Gute Verantwortung übernehmen will, alles Schlechte anderen in die Schuhe schiebt und sehr viele Menschen für Betreuungsfälle, ja Opfer hält, vollständig fremd. Sie ist der allzuständige Betreuer, der stets aus großem Edelmut heraus handelt. Sie ist daher ähnlich selbstgefällig wie die Wiederaufbaugeneration, die uns seinerzeit so gelangweilt hat!

Werner Plumpe, geboren 1954 in Bielefeld und aufgewachsen in Recklinghausen, ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt

13. Apr. 2015
von Rainer Hank
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02. Apr. 2015
von Rainer Hank
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Wie links bin ich? Ein Test

 

Es gibt ja Leute, die sagen, rechts und links sei heute keine Alternative mehr: Diese Leute halten die Fragen, ob konservativ oder progressiv, liberal oder sozialdemokratisch für Gegensätze von gestern. Wer modern sein will, müsse pragmatisch und unideologisch handeln, heißt es. Ich halte das für Augenwischerei und meine: Selten war der politische Streit über die soziale Gerechtigkeit so relevant wie heute. Wer es ernst meint, muss Position beziehen. Wollen Sie wissen, wie links Sie sind? Dann folgen Sie dem Link zu unserem Test.

02. Apr. 2015
von Rainer Hank
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31. Mrz. 2015
von Rainer Hank
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Viel Theorie, viel Kopf, wenig Herz

Henning Lindhoff, Jahrgang 1982, erzählt von seinen linken Enttäuschungen

Henning Lindhoff© Foto privatHenning Lindhoff

Es war Sonntag, der 27. September 1998. Für mich begann damals die politische Erweckung. Gerhard Schröders SPD wurde stärkste Kraft im Bundestag und erfüllte damit einen lang gehegten Traum vieler meiner Angehörigen. Rot-Grün wurde Wirklichkeit und die Menschen in meiner Umgebung fingen wieder an zu hoffen. Nach den quälenden Jahren unter Kohl sollte nun wieder die altehrwürdige Arbeiterschicht am Zuge sein. So die Frohlockungen. Auch ich, als 16-jähriger Gymnasiast, war Feuer und Flamme. Lange schon hatte ich mit den Sozialdemokraten als Heimat des stolzen Proletariats geliebäugelt.

Nach Schröders Triumph machte also ich Nägel mit Köpfen und besorgte mir das rote Mitgliedsbuch. Wöchentliche Theoriedebatten in muffigen Räumen der Jusos wurden von da an genauso zu meinem Pflichtprogramm wie Wahlkampfstände am Wochenende. Die Ochsentour nahm ich zunächst in Kauf, putzte Klinken für gestriegelte Mitzwanziger auf ihrem Weg in den Stadtrat. Es war ja schließlich für die gute Sache. Ich hielt die Fahne der Arbeiterschaft hoch, nahm mich der Sache der Schwächsten und Ärmsten an. So dachte ich.

Immer auch wollte ich meinen Mitmenschen helfen, denen, den es nicht so gut erging wie mir. Neben dem SPD-Büchlein war also nach dem Abitur der Sozialberuf nur die logische Konsequenz. An der Universität, in der Pädagogischen Fakultät zu Köln tanzte wild der rote Bär, damals anno 2002. Ganz klassisch noch vollkommen analog: Mit handgemalten Flyern und Plakaten all überall, mit Demonstrationen, Trillerpfeifen und Sitzblockaden. Gegen Studiengebühren, gegen GATT, GATS, WTO und all das andere kryptische Kriegsgeheul der „Kapitalistenschweine“. Noam Chomsky und Naomi Klein waren zu dieser Zeit meine steten Begleiter. Die Schock-Strategie. Und Friedrich August von Hayek poppte damals zum ersten Mal vor meinen Augen auf. Von Fräulein Klein als Lehrmeister der berüchtigten „Chicago Boys“ verunglimpft. Den Blick schweifen lassen habe ich damals nicht. Scheuklappen hatte ich auf. Das Ziel, die „bessere Welt“, immer fest im Blick.

Wo ist die Freiheit zuhause?

Warum? Ein stolzes Arbeiterkind war ich damals. Und bin es heute noch. Die Freiheit war damals schon mein großes Anliegen. Ich glaubte, erst gleiche materielle Startbedingungen könnten Freiheit für alle ermöglichen. Den Markt sah ich dagegen als Werkzeug der Ausbeuter, das Leben der einfachen Menschen geprägt von Zwangslagen und schwindender Entscheidungsfreiheit.

Ein Individualist, ein Freisinniger war ich auch damals schon. Irgendwie. In meinem Herzen pochte die Freiheit. Nur gefunden habe ich sie nicht in den Konstruktionen linker Ideologie. Die Debatte blieb trotz all der angestrebten Nächstenliebe immer seltsam seelenlos. Gekämpft habe ich nach außen hin. Aber es blieb stets ein mich im Innersten unberührt lassender Kampf gegen einen Feind, der nicht fassbar war. Es war vor allem ein Kampf dagegen. Nach außen hin, fürs Profil. Viel Theorie, viel Kopf, wenig Herz. Am Ende war es fad und müde.

Erst einige Jahre später – die linke Ideologie plätscherte nur noch uninspiriert in meinem Kopf daher, das Engagement für die Mitmenschen war dem Alltagstrott des Sozialberufs gewichen, das SPD-Parteibuch war zurückgesandt, Chomsky und Klein verstaubten innovationslos im Regal – fand ein Büchlein seinen Weg zu mir: Roland Baaders „Die belogene Generation“. Ein Freund hatte es mir empfohlen mit dem Versprechen auf einen bislang ungeahnten Blickwinkel auf die Welt. Ich las.

Der Funke, der mein Herz erreichte

Und da war er: Der Funke, der mein Herz erreichte. Zum ersten Mal dachte ich nicht nur Freiheit, sondern fühlte sie auch. Im Gegensatz zu den linken Gallionsfiguren versprühte Roland Baader wahrlich Feuer. Er schrieb aus ganzem Herzen, nicht nur aus dem Kopf. Und nicht nur er. Ausgehend von Baader, über von Hayek, von Mises und Hazlitt bis hin zu Bastiat, Rothbard und vielen anderen glänzenden Autoren habe ich erkannt: Liberal ist das bessere sozial.
Konsequenter Liberalismus fördert Freiheit und fordert Eigenverantwortung. Leitern brauchen die Ärmsten und Schwächsten. Keine Almosen. Dies war auch die Botschaft des Manchesterliberalen Hermann Schulze-Delitzsch, der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die deutschen Arbeitervereine zog und für das genossenschaftliche Modell der Sozialversicherung warb. Im Zentrum seines Konzepts standen die Ablehnung jeder staatlichen Unterstützung und die Befürwortung von Selbsthilfe und Eigenverantwortung auf dem Boden der Marktgesetze.
Stark war der Liberalismus damals dank solcher Ideen. Und zu diesen Wurzeln muss er wieder zurückfinden, will er den Menschen eine wirkliche Alternative zum paternalistischen Sozialstaat der Gegenwart bieten. Den Einzelnen gewähren lassen, sein Eigentum und seine Entscheidungen respektieren: Als stolzes Arbeiterkind bedeutet für mich ein solcher Liberalismus die Interpretation von Nächstenliebe, die mir behagt. Von ganzem Herzen.

Henning Lindhoff, Jahrgang 1982, ist stellvertretender Chefredakteur des Monatsmagazins „eigentümlich frei“.

31. Mrz. 2015
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Was Attac mit dem Manchesterliberalismus verbindet

Clemens Schneider macht den Linken ihren Alleinvertretungsanspruch auf Weltverbesserung streitig.

Clemens Schneider© Foto privatClemens Schneider

Ein Pazifist auf einsamem Posten. Europa liegt im Kriegsfieber. Der Imperialismus nimmt gerade richtig Fahrt auf. Die europäischen Staaten sind damit beschäftigt, Kolonien unter einander aufzuteilen, und gleichzeitig nach Gründen Ausschau zu halten, um sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. In dieser Atmosphäre verliert einer der angesehensten Männer seiner Zeit – Richard Cobden – sehenden Auges seine ganze Beliebtheit, weil er sich für Abrüstung und eine Kultur der Gewaltlosigkeit einsetzt. Wenige Jahre zuvor hatten ihm in Großbritannien die Massen zugejubelt, war er in ganz Europa zu Vorträgen unterwegs gewesen. Jetzt plötzlich spottet das ganze Land über ihn. Oder hetzt.

Richard Cobden war der Begründer des Manchesterliberalismus. Dieser Begriff wird heute nur allzu gerne als Schimpfwort verwendet. Manchesterliberalismus – das war sogar für Rainer Brüderle ein Schreckgespenst. Ausbeutung durch gewissenlose Großkapitalisten! Man könnte den Manchesterliberalen allerdings kein größeres Unrecht tun, als sie derart misszuverstehen. Cobden und seine Mitstreiter kämpften in den späten 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gegen Schutzzölle, die eine mächtige Großgrundbesitzer-Lobby durchgesetzt hatte und die verheerende Hungersnöte hervorriefen. Der Freihandel, für den sie stritten, befreite Millionen von Arbeitern von Not und Elend. Daneben kümmerte sich Cobden aber auch um das Bildungswesen und – eben – um Pazifismus.

Mehr als hundert Jahre, ehe Martin Luther King mit seiner Rede „I have a dream“ die Welt erschütterte, berührte und begeisterte, hatte Cobden in einer Rede in Manchester seine Vision von einer besseren Welt entworfen:

„Ich richte meinen Blick weiter. Ich sehe, dass das Freihandelsprinzip die moralische Welt bestimmen wird wie das Gravitationsprinzip unser Universum: indem es Menschen einander nahe bringt; indem es den Gegensatz der Rassen, Bekenntnisse und Sprachen beseitigt; indem es uns in ewigem Frieden aneinander bindet. Und ich habe noch weiter geschaut. Ich habe spekuliert, ja wohl geträumt, von einer fernen Zukunft, vielleicht in tausend Jahren. Ich habe darüber spekuliert, was das Ergebnis davon sein mag, dass dieses Prinzip obsiegt. Ich glaube, dass es das Antlitz der Erde verändern wird, indem es ein Prinzip des Regierens hervorbringen wird, das sich vollständig vom derzeitigen unterscheidet. Ich glaube, dass das Streben nach großen und mächtigen Reichen absterben wird; das Streben nach gigantischen Heeren und bedeutenden Flotten; nach den Mitteln, die benutzt werden, um das Leben zu zerstören, und um die Früchte der Arbeit zu verwüsten. Ich glaube, dass all das nicht mehr nötig sein wird und auch nicht mehr angewandt wird, wenn die Menschheit erst eine Familie geworden ist und Mensch mit Mensch aus freien Stücken die Früchte seiner Arbeit brüderlich austauscht.“ (eigene Übersetzung)

Für eine Welt ohne Diskriminierung

Diese Sätze des prominentesten Manchesterliberalen könnten zu großen Teilen auch aus der Feder eines Attac-Aktivisten stammen. Die beiden haben viel mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Ganz offensichtlich teilen sie dieselben Ziele: Sie wollen eine Welt in Frieden, ohne Diskriminierung, in der alle teilhaben können am wachsenden Wohlstand. Womöglich würde sich Cobden heute auch für Umweltschutz einsetzen. Idealisten, Utopisten, Weltverbesserer sind beide: der Liberale wie der Linke.

Der Liberalismus ist aber in der Zeit nach Cobden zunehmend spießig geworden. Die 68er, die heute, mit stattlichen Pensionen ausgestattet, darauf achten, dass der Nachbar seine Hecke ordnungsgemäß zurückschneidet, sind kein singuläres Phänomen. Auch der Liberalismus ist nach seinen Blütezeiten in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Behäbigkeit und Lethargie gefallen. Etliche Schlachten waren siegreich geschlagen; das Feuer war erloschen. An die Stelle des anfänglichen Idealismus trat langweiliger Pragmatismus. An der einen oder anderen Schraube zu drehen, schien ausreichend. Neue Maschinen wollte keiner mehr bauen. Die Ziele, die Cobden noch gesetzt hatte, wollte keiner mehr ernsthaft verfolgen. Wer die Welt zu verändern suchte, fand im Liberalismus keine Heimat mehr.

Wie der Liberalismus verspießbürgerlichte

Mit der Verspießbürgerlichung des Liberalismus ging eine wachsende Abneigung, wenn nicht gar Abscheu gegenüber den Weltverbesserern einher, die sich heute noch im verächtlichen Terminus „Gutmensch“ wiederfindet. Kein Wunder, dass man in ihnen plötzlich Feinde sah, schließlich hatte man sie vorher dem politischen Gegner in die Arme getrieben. Das Beispiel von Cobden zeigt: die Träumer waren nicht per se Feinde des Liberalismus. Man hatte sie sich zu Feinden gemacht. Und darunter leidet der Liberalismus bis heute.

Dahinter steckt das Aufgeben der eigenen Überzeugungen, das fundamental und existenziell ist. Das deutlichste Wesensmerkmal des Liberalismus über die Zeiten hinweg ist der Mut. Freiheit fordert die Bereitschaft, die Kontrolle aufzugeben. Wie der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek in seinem bedeutenden Aufsatz „Warum ich kein Konservativer bin“ schrieb, beruht „der liberale Standpunkt auf Mut und Zuversicht …, auf einer Bereitschaft, der Veränderung ihren Lauf zu lassen, auch wenn wir nicht voraussagen können, wohin sie führen wird.“ Und der Philosoph Karl Popper sprach vom „Weg in die offene Gesellschaft. Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse und ins Unsichere weiterschreiten.“ Das sind klassische Aufgaben für Weltverbesserer, nicht für eingefleischte Pragmatiker.

Helmut Schmidt mochte noch so sehr über Leute spotten, die Visionen haben, und ihnen einen Arztbesuch empfehlen. Die Visionen seines Vorgängers und seines Nachfolgers haben wesentlich zur Zeitenwende von 1989 beigetragen. Ängstlichkeit, oft in das Gewand von Realismus und Pragmatismus gehüllt, hat noch nie den Lauf der Geschichte verändert. Wer sich freiwillig auf das „Machbare“ und „Durchsetzbare“ beschränkte, wurde früher oder später immer von fundamentalen Veränderungen überrollt. Pragmatiker sind die Verwaltungsbeamten im Lauf der Welt. Weltverbesserer aber sind die Unternehmer der Weltgeschichte. Sie gehen ein Risiko ein.

Gibt es eigentlich auch liberale Weltverbesserer

Ein Unternehmer in diesem Sinne war auch William Wilberforce. Diesem Mann verdankt die Welt entscheidende Schritte auf dem Weg zur Abschaffung der Sklaverei in den westlichen Ländern. Über Jahrzehnte führte er den Kampf gegen die Reichen und Mächtigen im Großbritannien der Wendejahre vom 18. zum 19. Jahrhundert. Oft genug schien er zu verlieren – nicht nur die Sache, sondern auch seine Freunde, seine Gesundheit, sich selbst. Aber er glaubte an seine Idee, dass alle Menschen frei sein sollten. Und am Ende hatte sein Unternehmen Erfolg. Dass er ein Risiko eingegangen war, zahlte sich aus, als er auf seinem Sterbebett von der endgültigen Abschaffung der Sklaverei in seiner Heimat erfuhr. Menschen wie Wilberforce verändern die Welt.

Die Weltverbesserer sind heute mehrheitlich auf der Linken zu finden, weil der Liberalismus versagt hat. Die Linken wollen Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlstand für alle, Gleichberechtigung, Umweltschutz. Welcher Liberale wollte das nicht auch? Dennoch stoßen sie die Linken brüsk zurück. Das hat nicht nur mit der Verspießbürgerlichung des Liberalismus zu tun, sondern wesentlich auch damit, dass Liberale allzu häufig nicht bereit sind, zu differenzieren. Weil sie – oft mit guten Gründen – die Mittel und Wege der Linken ablehnen, verwerfen sie zugleich auch deren Ziele. Das ist natürlich Unfug. Sie lehnen schließlich auch nicht den Gelderwerb ab, nur weil ein Dieb zu diesem Behufe stiehlt.

Die Vertreter des Liberalismus können nur dann hoffen, die Welt wieder wirksamer zu verändern – zu verbessern –, wenn sie sich auf die Zeiten von Wilberforce und Cobden zurückbesinnen. Wenn der Liberalismus für Weltverbesserer wieder attraktiv wird. Wenn sich die Liberalen wieder idealistische Ziele auf die Fahnen schreiben. Wenn sie sich überhaupt wieder einmal entschließen, die Welt verbessern zu wollen. Liberale dürfen keine Angst haben vor dem Träumen. Friedrich Schiller, einer jener freiheitsbesessenen Weltverbesserer, hat als Mittzwanziger das Drama „Don Karlos“ geschrieben. Nachdem dessen eigentlicher Held, der Marquis Posa, mit seinen Plänen für die Freiheit der Niederlande gescheitert ist, trägt er der spanischen Königin auf, seinem Freund Don Karlos eine Botschaft zu überbringen. Diese Botschaft sollten den heutigen Liberalen ins Stammbuch geschrieben werden:

Er mache –
O, sagen Sie es ihm! das Traumbild wahr,
Das kühne Traumbild eines neuen Staates,
Der Freundschaft göttliche Geburt. Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei! Er lege Hand an. Wenn
Jahrhunderte dahin geflohen, wird
Die Vorsicht einen Fürstensohn, wie er,
Auf einen Thron, wie seiner, wiederholen
Und ihren neuen Liebling mir derselben
Begeisterung entzünden. Sagen Sie
Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend
Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,
Nicht öffnen soll dem tödtenden Insekte
Gerühmter besserer Vernunft das Herz
Der zarten Götterblume – daß er nicht
Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit
Begeisterung, die Himmelstocher, lästert.

Clemens Schneider, geboren 1980 in Düsseldorf, ist Mitbegründer und Managing Director des klassisch-liberalen Think Tanks Prometheus – Das Freiheitsinstitut. Außerdem arbeitet er im Augenblick an einer Dissertation in Katholischer Theologie über den liberalen englischen Historiker Lord Acton.

22. Mrz. 2015
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Adorno liest man nicht am Schwimmingpool

Ulrike Guérot erzählt, warum sie nicht mehr in der CDU ist, aber trotzdem nicht richtig links werden wollte.

Ulrike Guérot© Foto privatUlrike Guérot

Bin ich links? Ich zucke noch immer, wenn ich das denke. Why did you leave the party? I think the party left me, trifft es eher. In seinem neuen Buch skizziert mich FAS-Autor Rainer Hank als ehemals „Rechte“ (CDU; Wendegeneration Kohl), und beschreibt meinen persönlichen und beruflichen Werdegang zur jetzt „Linken“, momentan Grünwählerin (sind die eigentlich noch links?) Ich war früher nie auf Gorleben-oder Startbahn-West Demos, selbst bei den Pershings stand ich auf der Seite von erst Helmut Schmidt, dann der CDU, meine Jungendfreunde waren alle Reservisten, Staatsräson war noch ein Begriff, in staatliche Strukturen hatte ich Vertrauen. Ich hab die Wabbelpullover-Front nie gemocht, stand schon damals auf Highheels und Lippenstift. Meine jugendlichen buzzwords waren Leistung, Wettbewerb, Anstrengung, mein Vater zeterte über „die Sozis“ und über die Gewerkschaften: als es noch links und rechts gab, war ich eindeutig rechts und habe mit dem RCDS am 17. Juni immer gegen die Mauer demonstriert.

Indes, die Zeiten von Karl-Dietrich Bracher, bei dem ich in Bonn noch „hören“ durfte, wie man damals sagte – im Gegensatz zum „Mitschreiben“ von heute – und sein „Zeitalter der Ideologien“, sind längst vorbei. Der Klassenkampf vollzog sich in Bracher’s Oberseminar noch darin, ob man BRD statt Bundesrepublik sagte. Wer aber die heutige Merkel’sche Mehltaudemokratie in ihrer europäischen Dimension unprickelnd findet, der gilt schon als links oder ideologisiert, nur weil er sich auf die Suche nach politischen Alternativen begibt.

Kapitalismus mag pragmatisch sein, sein größtes Problem ist indes, dass er gerade keine Ideologie ist, fehlt ihm doch jede normative Unterfütterung. Nur weil er funktioniert, macht ihn das noch nicht gut. Der Markt regelt alles? Naomi Klein und das Klima lassen grüßen. Wenn sie die Idee der Potenzialität verleugnet, sagte Adorno, verleugnet die Dialektik sich selbst, anders formuliert: das Recht auf Utopie ist ein Menschenrecht. Selten galt das wohl so sehr für Europa wie heute!

Einem alten Spruch zufolge habe ich als (neue) Linke keinen Verstand, denn bekanntlich geht der ja jedem verloren, der mit 40 noch Sozialist ist. Ich bin gerade 50 geworden, habe also offensichtlich auf meine mittleren Tage mein Herz entdeckt und bewege mich intellektuell derzeit irgendwo zwischen grüner Nachhaltigkeit, no-growth-Theorien, spannenden Relektüren von Adorno und Foucault und, man sollte es nicht für möglich halten, jenseits von Krugman, Stiglitz und Piketty (die ja fast noch salonfähig sind), bei neo-marxistischen Krisentheorien (sehr zu empfehlen: Benjamin Kunkel: Utopie oder Untergang. Ein Wegweiser für die gegenwärtige Krise), die ich derzeit für das spannendste halte, was über die Eurokrise geschrieben wurde und die die Frühstücks-TV-gehypten deutschen „Sparpolitik“-Ökonomen an Prägnanz, Tiefe und Intellektualität weit übertreffen.

Mein guter, alter Vater, CDU-Ratsherr in besten bundesrepublikanischen Zeiten, der viel dafür getan hat, mich auf den „rechten“ politischen Weg zu bringen (die Wahlkampfposter von Kurt Biedenkopf im Bundestagswahlkampf 1976, eine barbusige Frau mit Boxhandschuhen, darunter in großen Lettern CDU, hingen in meinem Mädchenzimmer) und die Adenauer-Stiftung, die generöserweise mein Studium finanziert hat, mögen jetzt trauern oder entsetzt ausrufen: wie konnte es soweit kommen? Wie kann jemand, der mit Gröhe, Pofalla, oder Hinze politisch groß geworden ist, der von 1992 bis 1994 in der Bundestagsfraktion der CDU gearbeitet hat, wie kann so jemand einer Art linken Versuchung erliegen? Waren es die Auslandsaufenthalte in Frankreich und den USA 1995-2000? War es die Abschaffung der Deutschland-AG zu Ende der 90er Jahre, die schleichende Metamorphose der alten Bundesrepublik zum neuen Deutschland? Seit meiner Rückkehr nach Berlin 2000 habe ich jedenfalls nicht mehr CDU gewählt, auch der tumbe Deutschland-hype der letzten Jahre hat mich, die ich wider den Zeitgeist noch fest auf dem Maastrichter Vertrag einer ever closer union stehe, eher ‚links’ gemacht.

„So old school“ – oder warum Leistung sich nicht mehr lohnt

Tischgespräche vermitteln heute recht schnell den Eindruck, dass sich einige Dinge in Deutschland sozial wie ökonomisch (aber auch vieles andere mehr) recht radikal verschoben haben. Das ist dieser Tage keine ketzerische Bemerkung mehr, nicht einmal mehr eine originelle. Am Anfang steht das befremdliche Empfinden, mit 50 irgendeiner „old school“ anzugehören, nämlich der Erzählung, dass Leistung sich lohnt.

Diese Erzählung ist das Hocharbeiten aus einem Elternhaus, das man heute höflich als „bildungsfern“ bezeichnen wurde (zwei Eltern ohne Abitur) bis hin zur Promotion, also eine Bildungsleistung (gedankt sei an dieser Stelle all meinen Woodstock-bewegten Lehrern der 70er, die mich nach Strich und Faden gefördert und gegen den Willen meiner Eltern an die Hochschule gebracht haben!); das soziale Überleben nach einer Scheidung und Jahren als alleinerziehender Mutter (80% der geschiedenen, alleinerziehenden Frauen landen in Deutschland in der Armutsfalle), ich nenne das hier mal eine „Genderleistung“ – und verstehe bis heute nicht, warum arbeitende, alleinerziehende Frauen steuerlich für ihre doppelte gesellschaftliche Leistung bestraft und nicht belohnt werden, die Ehe hingegen (eine Leistung?) belohnt wird.

Meine augenblickliche Irritation – Rainer Hank nennt das ‚links’ – ergibt sich aus der Tatsache, dass in einem Land, das der Leistung offiziell in seiner politischen Rhetorik nicht abgeschrieben hat, dies eine gleichsam atypische und damit nicht mehr tischgesprächstaugliche Erzählungen geworden ist. Und damit bin ich beim Thema: Deutschland und seine Erbengeneration.

Letztens in Berlin, auf einer Party in der Hipster Neubauwohnung (Waschbeton, Glas) im Friedrichhain eines 30-something Freundes hörte ich nämlich genau dies, als ich die Wohnung bewunderte: „Ja, mein Vater suchte eine Geldanlange“. Worauf ich erwähnte, ich würde noch einen Bausparvertrag haben und meine Kreditraten abbezahlen. „So old school“, schallte es mir entgegen. Noch mal letztens in Hamburg bei einem gesetzten Abendessen, in das ich durch irgendwelche Umstände geriet, es war im November, ging der talk los über das, was man so macht, (worunter ich dummerweise immer noch verstehe, was man denn beruflich so macht), woraufhin ein mir unbekanntes Ehepaar antwortete, „wir bereiten uns grade auf Weihnachten vor“. Es verschlug mir die Sprache. Genauer: ich musste mir das Kichern verkneifen. Von meinem an-diesem-Abend-Begleiter sollte ich später erfahren, dass sie millionenschwer sei und einige Reedereien geerbt habe und er irgendwelche andere Firmen. Sie hatten nicht einmal eine Stiftung.

Und schließlich treffe ich im Winterurlaub eine nette Frau aus Bayern, der elterliche Hof in der Gegend von München sei als Bauland ausgewiesen worden, das sei jetzt wirklich angenehm und entspannend, das Geld brauche man jetzt im wesentlichen für die jährlichen Asienurlaube, den Pool und das Motorrad. Leistung? Es muss ein Nest geben. Wo kommen die auf einmal alle her? Keine Sorge, ich hab’ meinen John Rawls gelesen, who has told you that the world is about justice, und ich möchte mich auch nicht 6 Wochen auf Weinachten vorbereiten müssen.

Gesellschaft ohne Aufsteiger?

Aber manchmal kommt man sich heute fast bemitleidenswert vor, wenn man noch arbeiten muss und Kredite hat, anstatt die Wohnung zu erben. Die Zahl meiner Freunde, die sich vom Erbe der Eltern (oder von Abfindungen: ist gekündigt-werden auch eine Leistung?) die zweite oder dritte Immobilie kaufen und durch Vermietung locker ein durchschnittliches Erwerbsgehalt beziehen, steigt – gefühlt – mit jedem Lebensjahr. You think you do it with work? fragte mich unlängst ein amerikanischer Freund. You are wrong!

Es nervt. Nun liegt das natürlich daran, dass ich selbst ein Aufstiegskind bin und dies überhaupt wahrnehme. Wäre ich in meiner niederrheinischen Kleinstadt bei meinen Cousins und Cousinen geblieben, auf der Kirmes, würde mich Nichtwissen davor schützen zu denken, dass es sich hier um eine möglicherweise problematische gesellschaftliche Entwicklung handelt. Und so sagt uns die Soziologie ja auch, dass der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung meistens von Sozialaufsteigern ausgeht. Denn ist man „oben“, hat man meistens nicht das Bedürfnis, groß was zu ändern, abgesehen davon, dass man das „unten“ gar nicht kennt. Wissenschaftlich ist belegt, dass die Bereitschaft, Steuern zu zahlen ebenso wie Steuerehrlichkeit abnehmen, je weniger man das Geld selbst verdient hat. Was ich bekomme, das gehört mir? Bonjour, die sublimierte Re-Feudalisierung der Gesellschaft!

Nur Leute mit sogenannter Aufstiegsscham können also den Raum vermessen, der in den Kampfbegriffen wie Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit liegt, um die damals in den 70er Jahren noch trefflich gestritten wurde, während heute kaum noch einer zu wissen scheint, wie man sie buchstabiert, geschweige denn eine politische Auseinandersetzung darüber anstrengt.

Die Soziologie sagt uns indes, dass in Deutschland derzeit alle sozialen Aufzüge klemmen, die Türen nach oben verriegelt sind, die Sortier- und Selektionsmechanismen setzen bereits im Kindergarten ein. Allen in NRW z.B. sind fast 90% aller Professoren Söhne und Töchter von Professoren, habe ich letztens in einer Studie der Kölner Zeitschrift für Soziologie gelesen. Indes kann man ja fast darüber nachdenken, ob ein Professor in Deutschland heute noch zur gesellschaftlichen Elite gerechnet werden kann; zur Geldelite sowieso nicht, aber das intellektuelle Proletariat an den heutigen Universitäten eignet sich auch nur schwer, als gesellschaftlicher Prestige-Job dazustehen.

Ich mag Staat

Zufällig war meine letzte Beziehung ein deutscher Juniorprofessor, der für ein doppeltes Lehrdeputat als in den 70er Jahren auf einem prekären, d.h. befristeten Vertrag, begleitet von unzähligen Evaluierungsprozessen, nur 1900,- Euro netto (also inflationsbereinigt etwa 30% weniger Reallohn) als vor 30 Jahren erhielt. Das ist die deutsche Investition in die brains der nachwachsenden Generation. Marktgerecht? Vernünftig? Wenn in Landesbanken oder Großunternehmen bei den Inhabern gutdotierter Jobs ebenso viel und gründlich evaluiert würde, dürften privatwirtschaftliche Investitionsfehler, bei den Milliarden versenkt werden, oder faule Casino-Kredite ja eigentlich gar nicht vorkommen. Von der Bankenkrise (funktionierender Finanzmarkt? Wirtschaftlichkeit?) will ich hier gar nicht reden, ertappe mich gerade bei verhohlener Häme, wenn ich höre, dass die Deutsche Bank – Herrhausen würde sich im Grab umdrehen – in den USA durch den Stresstest gefallen ist. Soviel zum Thema Markt und Wettbewerb und die Wirtschaft-kann-es-immer-besser.

Aber Denken wird in Deutschland – ähnlich wie Arbeit – ja immer weniger be- und entlohnt und eigentlich abgeschafft. Der MINT-Schlachtruf (Medizin, Ingenieur, Naturwissenschaften und Technologie) ist die Grundlage für die Wandlung Deutschlands vom Land der Dichter und Denker in eine Land der Handler und Banker, dem genau dadurch die Kapazität ausgeht, überhaupt darüber nachzudenken: sind wir nicht Hegel-county, das Land der Erfindung von wohlverstandener Staatlichkeit? Was etwas ganz anders ist als Verstaatlichung.

Buddenbrock-Deutschland?

Wollen wir uns die nächsten Jahren in der Bundesrepublik (so wie Deutschland früher hieß) wirklich alternativ- und utopielos ergeben in eine (dritte) Erbengenerations-Ära, die gerade, wie bei den Buddenbrocks, dabei ist, das Erbe zu verprassen? Und ist das eigentlich links, wenn man das denkt und hier auf einem Blog schreibt? Wo sind die Adorno‘s und Horkheimers hingekommen, die kritische Theorie, die doch eine deutsche Erfindung ist? Und wie kommt es, dass die herrschende Doxa vom Volk, den sogenannten „Menschen“ (es waren einmal „Bürger“) mitgetragen wird, obgleich die meisten nachweislich nicht davon profitieren?
77% der Deutschen sind z.B. gegen die Einführung einer Erbschaftssteuer, obgleich bei einem Freibetrag von 200.000 Euro knapp 90% der Deutschen gar nicht betroffen wären. (Die Asozialen, Wüllenweber) Wie kommt es, dass sich eine Krankenschwester mit 1600,- Euro Einkommen dem Mittelstand zugehörig fühlt? (Hurra, wir dürfen zahlen, Ulrike Herrmann) Welche Märchen werden in Deutschland noch erzählt?
Meine Rente aus eigenständiger – hochqualifizierter und überdurchschnittlich bezahlter – Erwerbstätigkeit liegt derzeit bei rund 800,- Euro nach 22 Jahren Arbeit, weil nebst stattfindender Rentenenteignung u.a. meine Flexibilität, ins Ausland zu gehen (USA, Frankreich), bestraft wird. Hätte ich statt meines Doktors als Arbeiterkind eine steile Drogen- und Prostitutionskarriere gemacht, würde ich heute wahrscheinlich Harz IV beziehen und ungefähr, gestellte Wohnung inklusive, über den gleichen Betrag verfügen. Der Mythos, dass man es mit Leistung und Arbeit zu etwas bringt, der gilt nur noch für wenige. Für die meisten gilt zunehmend: wer nur noch seine Hände oder gar seinen Kopf zur Arbeit zu tragen hat, hat schon verloren. Das zu sagen ist also heute links? Ein Trauerspiel an intellektueller Behäbigkeit und Utopielosigkeit!

Die Frage wäre, ob es uns reicht, dass die reichen Sprösslinge auf Boarding Schools in Großbritannien gehen und Mandarin lernen, damit Deutschland noch besser seine Maschinen und demnächst seine Seele an China verkaufen kann, oder ob wir noch ein gesamtgesellschaftliches Ziel der Chancengleichheit haben (Ludwig Ehrhard sprach von Sozialisierung der Produktivgewinne!), im Sinne seiner „geschlossenen Gesellschaft“, fast im Sinne von Ludwig Ehrhards „formierter Gesellschaft“ (war der eigentlich links?), in der niemand zurückgelassen wird und in der die klugen Köpfe des unteren Fünftels wieder entdeckt und gefördert werden – und nach „oben“ dürfen. Arbeit statt Vermögen, Leistung statt Erbe. Eine Gesellschaft, in der Arbeit kein Spottbegriff mehr ist bei bestimmten Tischgesellschaften. Aber am privaten Pool liest man eben kein Adorno!

Klar, ich hab ja meinen Verstand verloren. Aber ich fände so eine keimende alt-68-Stimmung einfach einen Trost angesichts der Wellen von ‚Weimarisierung’, die gerade auf Europa zurollen. Das historische Grundrauschen schwillt an, aber wir hören nicht hin. Wenn die Linke ihr Argument nicht im öffentlichen Raum hält, holen es sich die Populisten. Wer hat uns verraten? Ich wüsste jedenfalls nicht mehr richtig zu sagen, warum eine europäische Revolution eigentlich unwahrscheinlicher sein sollte, als die Einführung einer europäischen Vermögenssteuer durch den Europäischen Rat: Finanzkonzentration führt zu Machtkonzentration führt zu Krieg, schieb Hannah Arendt 1948. War die eigentlich eine linke Philosophin?

If you cease to take more than you need, you can see why you was born, sagen die Yogis. Ich mache jetzt jeden morgen 3 Minuten Kopfstand und bin ich eigentlich froh, nach herkömmlicher Lesart meinen Verstand verloren zu haben. Ich links? Doch im Leben nicht!

Ulrike Guérot ist Gründerin und Direktorin des European Democracy Lab an der European School of Governance, eusg, und sie forschte zuletzt in der Abteilung Demokratie und Demokratisierung beim Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

17. Mrz. 2015
von Rainer Hank
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