What’s left

Adorno liest man nicht am Schwimmingpool

Ulrike Guérot erzählt, warum sie nicht mehr in der CDU ist, aber trotzdem nicht richtig links werden wollte.

© Foto privatUlrike Guérot

Bin ich links? Ich zucke noch immer, wenn ich das denke. Why did you leave the party? I think the party left me, trifft es eher. In seinem neuen Buch skizziert mich FAS-Autor Rainer Hank als ehemals „Rechte“ (CDU; Wendegeneration Kohl), und beschreibt meinen persönlichen und beruflichen Werdegang zur jetzt „Linken“, momentan Grünwählerin (sind die eigentlich noch links?) Ich war früher nie auf Gorleben-oder Startbahn-West Demos, selbst bei den Pershings stand ich auf der Seite von erst Helmut Schmidt, dann der CDU, meine Jungendfreunde waren alle Reservisten, Staatsräson war noch ein Begriff, in staatliche Strukturen hatte ich Vertrauen. Ich hab die Wabbelpullover-Front nie gemocht, stand schon damals auf Highheels und Lippenstift. Meine jugendlichen buzzwords waren Leistung, Wettbewerb, Anstrengung, mein Vater zeterte über „die Sozis“ und über die Gewerkschaften: als es noch links und rechts gab, war ich eindeutig rechts und habe mit dem RCDS am 17. Juni immer gegen die Mauer demonstriert.

Indes, die Zeiten von Karl-Dietrich Bracher, bei dem ich in Bonn noch „hören“ durfte, wie man damals sagte – im Gegensatz zum „Mitschreiben“ von heute – und sein „Zeitalter der Ideologien“, sind längst vorbei. Der Klassenkampf vollzog sich in Bracher’s Oberseminar noch darin, ob man BRD statt Bundesrepublik sagte. Wer aber die heutige Merkel’sche Mehltaudemokratie in ihrer europäischen Dimension unprickelnd findet, der gilt schon als links oder ideologisiert, nur weil er sich auf die Suche nach politischen Alternativen begibt.

Kapitalismus mag pragmatisch sein, sein größtes Problem ist indes, dass er gerade keine Ideologie ist, fehlt ihm doch jede normative Unterfütterung. Nur weil er funktioniert, macht ihn das noch nicht gut. Der Markt regelt alles? Naomi Klein und das Klima lassen grüßen. Wenn sie die Idee der Potenzialität verleugnet, sagte Adorno, verleugnet die Dialektik sich selbst, anders formuliert: das Recht auf Utopie ist ein Menschenrecht. Selten galt das wohl so sehr für Europa wie heute!

Einem alten Spruch zufolge habe ich als (neue) Linke keinen Verstand, denn bekanntlich geht der ja jedem verloren, der mit 40 noch Sozialist ist. Ich bin gerade 50 geworden, habe also offensichtlich auf meine mittleren Tage mein Herz entdeckt und bewege mich intellektuell derzeit irgendwo zwischen grüner Nachhaltigkeit, no-growth-Theorien, spannenden Relektüren von Adorno und Foucault und, man sollte es nicht für möglich halten, jenseits von Krugman, Stiglitz und Piketty (die ja fast noch salonfähig sind), bei neo-marxistischen Krisentheorien (sehr zu empfehlen: Benjamin Kunkel: Utopie oder Untergang. Ein Wegweiser für die gegenwärtige Krise), die ich derzeit für das spannendste halte, was über die Eurokrise geschrieben wurde und die die Frühstücks-TV-gehypten deutschen „Sparpolitik“-Ökonomen an Prägnanz, Tiefe und Intellektualität weit übertreffen.

Mein guter, alter Vater, CDU-Ratsherr in besten bundesrepublikanischen Zeiten, der viel dafür getan hat, mich auf den „rechten“ politischen Weg zu bringen (die Wahlkampfposter von Kurt Biedenkopf im Bundestagswahlkampf 1976, eine barbusige Frau mit Boxhandschuhen, darunter in großen Lettern CDU, hingen in meinem Mädchenzimmer) und die Adenauer-Stiftung, die generöserweise mein Studium finanziert hat, mögen jetzt trauern oder entsetzt ausrufen: wie konnte es soweit kommen? Wie kann jemand, der mit Gröhe, Pofalla, oder Hinze politisch groß geworden ist, der von 1992 bis 1994 in der Bundestagsfraktion der CDU gearbeitet hat, wie kann so jemand einer Art linken Versuchung erliegen? Waren es die Auslandsaufenthalte in Frankreich und den USA 1995-2000? War es die Abschaffung der Deutschland-AG zu Ende der 90er Jahre, die schleichende Metamorphose der alten Bundesrepublik zum neuen Deutschland? Seit meiner Rückkehr nach Berlin 2000 habe ich jedenfalls nicht mehr CDU gewählt, auch der tumbe Deutschland-hype der letzten Jahre hat mich, die ich wider den Zeitgeist noch fest auf dem Maastrichter Vertrag einer ever closer union stehe, eher ‚links’ gemacht.

„So old school“ – oder warum Leistung sich nicht mehr lohnt

Tischgespräche vermitteln heute recht schnell den Eindruck, dass sich einige Dinge in Deutschland sozial wie ökonomisch (aber auch vieles andere mehr) recht radikal verschoben haben. Das ist dieser Tage keine ketzerische Bemerkung mehr, nicht einmal mehr eine originelle. Am Anfang steht das befremdliche Empfinden, mit 50 irgendeiner „old school“ anzugehören, nämlich der Erzählung, dass Leistung sich lohnt.

Diese Erzählung ist das Hocharbeiten aus einem Elternhaus, das man heute höflich als „bildungsfern“ bezeichnen wurde (zwei Eltern ohne Abitur) bis hin zur Promotion, also eine Bildungsleistung (gedankt sei an dieser Stelle all meinen Woodstock-bewegten Lehrern der 70er, die mich nach Strich und Faden gefördert und gegen den Willen meiner Eltern an die Hochschule gebracht haben!); das soziale Überleben nach einer Scheidung und Jahren als alleinerziehender Mutter (80% der geschiedenen, alleinerziehenden Frauen landen in Deutschland in der Armutsfalle), ich nenne das hier mal eine „Genderleistung“ – und verstehe bis heute nicht, warum arbeitende, alleinerziehende Frauen steuerlich für ihre doppelte gesellschaftliche Leistung bestraft und nicht belohnt werden, die Ehe hingegen (eine Leistung?) belohnt wird.

Meine augenblickliche Irritation – Rainer Hank nennt das ‚links’ – ergibt sich aus der Tatsache, dass in einem Land, das der Leistung offiziell in seiner politischen Rhetorik nicht abgeschrieben hat, dies eine gleichsam atypische und damit nicht mehr tischgesprächstaugliche Erzählungen geworden ist. Und damit bin ich beim Thema: Deutschland und seine Erbengeneration.

Letztens in Berlin, auf einer Party in der Hipster Neubauwohnung (Waschbeton, Glas) im Friedrichhain eines 30-something Freundes hörte ich nämlich genau dies, als ich die Wohnung bewunderte: „Ja, mein Vater suchte eine Geldanlange“. Worauf ich erwähnte, ich würde noch einen Bausparvertrag haben und meine Kreditraten abbezahlen. „So old school“, schallte es mir entgegen. Noch mal letztens in Hamburg bei einem gesetzten Abendessen, in das ich durch irgendwelche Umstände geriet, es war im November, ging der talk los über das, was man so macht, (worunter ich dummerweise immer noch verstehe, was man denn beruflich so macht), woraufhin ein mir unbekanntes Ehepaar antwortete, „wir bereiten uns grade auf Weihnachten vor“. Es verschlug mir die Sprache. Genauer: ich musste mir das Kichern verkneifen. Von meinem an-diesem-Abend-Begleiter sollte ich später erfahren, dass sie millionenschwer sei und einige Reedereien geerbt habe und er irgendwelche andere Firmen. Sie hatten nicht einmal eine Stiftung.

Und schließlich treffe ich im Winterurlaub eine nette Frau aus Bayern, der elterliche Hof in der Gegend von München sei als Bauland ausgewiesen worden, das sei jetzt wirklich angenehm und entspannend, das Geld brauche man jetzt im wesentlichen für die jährlichen Asienurlaube, den Pool und das Motorrad. Leistung? Es muss ein Nest geben. Wo kommen die auf einmal alle her? Keine Sorge, ich hab’ meinen John Rawls gelesen, who has told you that the world is about justice, und ich möchte mich auch nicht 6 Wochen auf Weinachten vorbereiten müssen.

Gesellschaft ohne Aufsteiger?

Aber manchmal kommt man sich heute fast bemitleidenswert vor, wenn man noch arbeiten muss und Kredite hat, anstatt die Wohnung zu erben. Die Zahl meiner Freunde, die sich vom Erbe der Eltern (oder von Abfindungen: ist gekündigt-werden auch eine Leistung?) die zweite oder dritte Immobilie kaufen und durch Vermietung locker ein durchschnittliches Erwerbsgehalt beziehen, steigt – gefühlt – mit jedem Lebensjahr. You think you do it with work? fragte mich unlängst ein amerikanischer Freund. You are wrong!

Es nervt. Nun liegt das natürlich daran, dass ich selbst ein Aufstiegskind bin und dies überhaupt wahrnehme. Wäre ich in meiner niederrheinischen Kleinstadt bei meinen Cousins und Cousinen geblieben, auf der Kirmes, würde mich Nichtwissen davor schützen zu denken, dass es sich hier um eine möglicherweise problematische gesellschaftliche Entwicklung handelt. Und so sagt uns die Soziologie ja auch, dass der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung meistens von Sozialaufsteigern ausgeht. Denn ist man „oben“, hat man meistens nicht das Bedürfnis, groß was zu ändern, abgesehen davon, dass man das „unten“ gar nicht kennt. Wissenschaftlich ist belegt, dass die Bereitschaft, Steuern zu zahlen ebenso wie Steuerehrlichkeit abnehmen, je weniger man das Geld selbst verdient hat. Was ich bekomme, das gehört mir? Bonjour, die sublimierte Re-Feudalisierung der Gesellschaft!

Nur Leute mit sogenannter Aufstiegsscham können also den Raum vermessen, der in den Kampfbegriffen wie Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit liegt, um die damals in den 70er Jahren noch trefflich gestritten wurde, während heute kaum noch einer zu wissen scheint, wie man sie buchstabiert, geschweige denn eine politische Auseinandersetzung darüber anstrengt.

Die Soziologie sagt uns indes, dass in Deutschland derzeit alle sozialen Aufzüge klemmen, die Türen nach oben verriegelt sind, die Sortier- und Selektionsmechanismen setzen bereits im Kindergarten ein. Allen in NRW z.B. sind fast 90% aller Professoren Söhne und Töchter von Professoren, habe ich letztens in einer Studie der Kölner Zeitschrift für Soziologie gelesen. Indes kann man ja fast darüber nachdenken, ob ein Professor in Deutschland heute noch zur gesellschaftlichen Elite gerechnet werden kann; zur Geldelite sowieso nicht, aber das intellektuelle Proletariat an den heutigen Universitäten eignet sich auch nur schwer, als gesellschaftlicher Prestige-Job dazustehen.

Ich mag Staat

Zufällig war meine letzte Beziehung ein deutscher Juniorprofessor, der für ein doppeltes Lehrdeputat als in den 70er Jahren auf einem prekären, d.h. befristeten Vertrag, begleitet von unzähligen Evaluierungsprozessen, nur 1900,- Euro netto (also inflationsbereinigt etwa 30% weniger Reallohn) als vor 30 Jahren erhielt. Das ist die deutsche Investition in die brains der nachwachsenden Generation. Marktgerecht? Vernünftig? Wenn in Landesbanken oder Großunternehmen bei den Inhabern gutdotierter Jobs ebenso viel und gründlich evaluiert würde, dürften privatwirtschaftliche Investitionsfehler, bei den Milliarden versenkt werden, oder faule Casino-Kredite ja eigentlich gar nicht vorkommen. Von der Bankenkrise (funktionierender Finanzmarkt? Wirtschaftlichkeit?) will ich hier gar nicht reden, ertappe mich gerade bei verhohlener Häme, wenn ich höre, dass die Deutsche Bank – Herrhausen würde sich im Grab umdrehen – in den USA durch den Stresstest gefallen ist. Soviel zum Thema Markt und Wettbewerb und die Wirtschaft-kann-es-immer-besser.

Aber Denken wird in Deutschland – ähnlich wie Arbeit – ja immer weniger be- und entlohnt und eigentlich abgeschafft. Der MINT-Schlachtruf (Medizin, Ingenieur, Naturwissenschaften und Technologie) ist die Grundlage für die Wandlung Deutschlands vom Land der Dichter und Denker in eine Land der Handler und Banker, dem genau dadurch die Kapazität ausgeht, überhaupt darüber nachzudenken: sind wir nicht Hegel-county, das Land der Erfindung von wohlverstandener Staatlichkeit? Was etwas ganz anders ist als Verstaatlichung.

Buddenbrock-Deutschland?

Wollen wir uns die nächsten Jahren in der Bundesrepublik (so wie Deutschland früher hieß) wirklich alternativ- und utopielos ergeben in eine (dritte) Erbengenerations-Ära, die gerade, wie bei den Buddenbrocks, dabei ist, das Erbe zu verprassen? Und ist das eigentlich links, wenn man das denkt und hier auf einem Blog schreibt? Wo sind die Adorno‘s und Horkheimers hingekommen, die kritische Theorie, die doch eine deutsche Erfindung ist? Und wie kommt es, dass die herrschende Doxa vom Volk, den sogenannten „Menschen“ (es waren einmal „Bürger“) mitgetragen wird, obgleich die meisten nachweislich nicht davon profitieren?
77% der Deutschen sind z.B. gegen die Einführung einer Erbschaftssteuer, obgleich bei einem Freibetrag von 200.000 Euro knapp 90% der Deutschen gar nicht betroffen wären. (Die Asozialen, Wüllenweber) Wie kommt es, dass sich eine Krankenschwester mit 1600,- Euro Einkommen dem Mittelstand zugehörig fühlt? (Hurra, wir dürfen zahlen, Ulrike Herrmann) Welche Märchen werden in Deutschland noch erzählt?
Meine Rente aus eigenständiger – hochqualifizierter und überdurchschnittlich bezahlter – Erwerbstätigkeit liegt derzeit bei rund 800,- Euro nach 22 Jahren Arbeit, weil nebst stattfindender Rentenenteignung u.a. meine Flexibilität, ins Ausland zu gehen (USA, Frankreich), bestraft wird. Hätte ich statt meines Doktors als Arbeiterkind eine steile Drogen- und Prostitutionskarriere gemacht, würde ich heute wahrscheinlich Harz IV beziehen und ungefähr, gestellte Wohnung inklusive, über den gleichen Betrag verfügen. Der Mythos, dass man es mit Leistung und Arbeit zu etwas bringt, der gilt nur noch für wenige. Für die meisten gilt zunehmend: wer nur noch seine Hände oder gar seinen Kopf zur Arbeit zu tragen hat, hat schon verloren. Das zu sagen ist also heute links? Ein Trauerspiel an intellektueller Behäbigkeit und Utopielosigkeit!

Die Frage wäre, ob es uns reicht, dass die reichen Sprösslinge auf Boarding Schools in Großbritannien gehen und Mandarin lernen, damit Deutschland noch besser seine Maschinen und demnächst seine Seele an China verkaufen kann, oder ob wir noch ein gesamtgesellschaftliches Ziel der Chancengleichheit haben (Ludwig Ehrhard sprach von Sozialisierung der Produktivgewinne!), im Sinne seiner „geschlossenen Gesellschaft“, fast im Sinne von Ludwig Ehrhards „formierter Gesellschaft“ (war der eigentlich links?), in der niemand zurückgelassen wird und in der die klugen Köpfe des unteren Fünftels wieder entdeckt und gefördert werden – und nach „oben“ dürfen. Arbeit statt Vermögen, Leistung statt Erbe. Eine Gesellschaft, in der Arbeit kein Spottbegriff mehr ist bei bestimmten Tischgesellschaften. Aber am privaten Pool liest man eben kein Adorno!

Klar, ich hab ja meinen Verstand verloren. Aber ich fände so eine keimende alt-68-Stimmung einfach einen Trost angesichts der Wellen von ‚Weimarisierung’, die gerade auf Europa zurollen. Das historische Grundrauschen schwillt an, aber wir hören nicht hin. Wenn die Linke ihr Argument nicht im öffentlichen Raum hält, holen es sich die Populisten. Wer hat uns verraten? Ich wüsste jedenfalls nicht mehr richtig zu sagen, warum eine europäische Revolution eigentlich unwahrscheinlicher sein sollte, als die Einführung einer europäischen Vermögenssteuer durch den Europäischen Rat: Finanzkonzentration führt zu Machtkonzentration führt zu Krieg, schieb Hannah Arendt 1948. War die eigentlich eine linke Philosophin?

If you cease to take more than you need, you can see why you was born, sagen die Yogis. Ich mache jetzt jeden morgen 3 Minuten Kopfstand und bin ich eigentlich froh, nach herkömmlicher Lesart meinen Verstand verloren zu haben. Ich links? Doch im Leben nicht!

Ulrike Guérot ist Gründerin und Direktorin des European Democracy Lab an der European School of Governance, eusg, und sie forschte zuletzt in der Abteilung Demokratie und Demokratisierung beim Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).