What’s left

Linke Melancholie – Bekenntnisse eines Lesers

„Wenn wir die Welt schon nicht besser machen können, hängen wir wenigstens in den besseren Kneipen rum“: Niklas Barth (Jahrgang 1985) kennt den alten Sound der Kritik nur vom Hörensagen.

© Foto privatNiklas Barth

Zunächst ist da nur das nächtliche Glühen der Großstadt. Man sieht ein Auto, wie es durch die menschenleeren, in Neonfarben getauchten Straßen fährt. Mit diesen Bildern beginnt der Werbespot für den neuen Mercedes CLA Shooting Brake – „designed for urban hunting“. Nico Rosberg sitzt am Steuer, er ist der Jäger. Er will zu den Orten des echten Lebens. Oder zumindest zu solchen, die ihm das neue soziale Navigationssystem „Mercedes-Connect“ vorschlägt. Diese Orte sind, wie eine verheißungsvolle Stimme dann anhebt, „Orte des Vergnügens, verborgen im Beton. Die allerhöchsten Dachterrassen und Clubs versteckt im Untergrund. All‘ die Barkeeper und Hüter der geheimen Rezepte. Das Kurzfilmfestival tief in der Nacht. Die Boutique der Raritäten. Die Galerien, die Künstler, Tänzer und Sänger mit dem Soul von morgen. Egal, wo ihr Euch versteckt… – die Stimme stockt, Schnitt auf Nico Rosberg, der dann milde lächelnd den Satz vollendet: „Ich finde Euch sowieso.“ Als Linker muss man diese Bilder natürlich als Drohung lesen. Allein es geht nicht.

Man muss diese Bilder als Drohung lesen, weil sie eine alte Wahrheit ganz unverhohlen aussprechen: Das Kapital findet Dich. Du kannst nicht entkommen. In diesem Bild hat man sich natürlich hübsch eingerichtet. Es transportiert noch die alte Erzählung von der warmen authentischen Gemeinschaft und deren Kolonialisierung durch die kalten Imperative der kapitalistischen Gesellschaft. Geld korrumpiert nicht nur den Wert des Werts, sondern auch die Aufrichtigkeit des Gefühls, der Konsum die Echtheit der Kultur, ja die Intensität des Lebens selbst. Das Kapital trocknet unsere kommunikativen Ressourcen aus. Seitdem jagt das Kapital geradezu nach solchen Inseln sozialer Energie, um sie sich einzuverleiben und marktförmig verdaut wieder auszuspucken. In den 70er Jahren wurde diese Form linker Kulturkritik dann sogar zum Selbstverständnis der Bonner Republik. Und diesen kritischen Gestus atmen auch heute noch die Sätze staatlich alimentierter Kulturarbeiter, die sich TTIP anklagend zurück ans kuschelige Lagerfeuer der autochthonen Kultur sehnen.

Widerstand gegen die Professorenphilosophie

Stetig hat man sich als Linker bemüht, dem zu entkommen. Dem Kapital, wie diesem die Nestwärme des Authentischen beschwörenden Grundfehler des linken Denkens. Der Historiker Philipp Felsch hat solche und andere linke Absetzbewegungen gerade ausgesprochen elegant in seinem Buch „Der lange Sommer der Theorie“ als Geschichte des West-Berliner Merve Verlags erzählt. Die kollektiven Leseexperimente, die sich um die DIN B6 kleinen Merve Büchlein gruppierten, richteten sich in Form leichtfüßig tänzelnder Theorien vor allem gegen die Bleiwüsten der Professorenphilosophie und die Enge einer Suhrkamp-Kultur, auf deren Boden zwar alles entstand, die aber auch das Milieu muffig-marxistischer Ökonomiekritik waren. Die großen Kämpfe und der starre Ernst ihrer Stellvertreterrevolutionen wurden ersetzt durch die kleinen Kämpfe und die Lust am Text. Mit Rezeptionsästhetik, Poststrukturalismus und Cultural Studies wurde der Klassenkampf der Zeichen ausgerufen. 90s, Nacht, Pop hat dann die totale Affirmation zur angesagten Form der Kritik erklärt. Man sagte ‚Ja‘ zur modernen Welt. In dieser Haltung hat man gerade versucht, jeden politischen Satz zu vermeiden – natürlich als politische Geste. Daran war immer die Hoffnung daran geknüpft, zumindest ästhetisch wäre der Kapitalismus doch überlegen. Man hat Zitat, Oberfläche und Uneigentlichkeit gefeiert und einen Habitus der Kälte eingeübt. Erst einmal auf Distanz gehen. Wenn wir die Welt schon nicht mehr besser machen können, hängen wir wenigstens in den besseren Kneipen rum.

Das wilde Theorieleben als Leseerlebnis

Ich habe davon nur gelesen. Ich habe das wilde Theorieleben nie erlebt. Früher also, so lese ich, gingen die Situationisten des Nachts im Kreise und wurden vom Feuer verzehrt. Heute dreht irgend so ein glatter Nico Rosberg-Typ seine Runden und sucht das echte Leben. Und irgendwann fuhr er dann auch einmal vor meiner Bar vor. Ich wollte ihn fragen: Wo stehst Du eigentlich, Kollege? Ich hätte so gern mein symbolisches Klassenkampfmesser gezückt und diesem Typen in sein Gesicht hinein geschrien: Du bist falsch! Das alles hier ist falsch! Und konnte es natürlich nicht. Durch die Schule der second order hipness gegangen, hatte man bereits schon verinnerlicht, dass es kein Außen mehr gibt, von dem man das Falsche als Falsches benennen könnte. Dass auch das Dagegensein nur eine Form des Dabeiseins ist.

18. März. Das Glühen, das man in Frankfurt gegen 08.00 Uhr morgens sieht, ist nicht mehr das Glühen der Nacht. Hier brennen deutsche Polizeiautos – und damit Kapital, Staatsmacht und die deutsche Ingenieurstugend gleich mit. Vor dem neuen Sitz der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend wurde Stacheldraht verlegt. Das „Blockupy“ Bündnis hat zum Sturm auf eine neue Ikone der Unterdrückung gerufen. Das Falsche scheint hier überdeutlich erkennbar. Die Medien hyperventilieren die Bilder einer Stadt im Ausnahmezustand. Als Linker muss man diese Bilder natürlich als Versprechen lesen. Allein es geht nicht.

Man kennt das Skript, das diesen Revolutionsevent hier inszeniert, ja leider viel zu gut. Nein, natürlich bin ich nicht dort. Ich konsumiere diese Bilder nur. Facebook streamt sie mir als Riot Porn. Mit einem wohligen Schauer genießt man die Ästhetik proletarischer Gewalt und seine nostalgische Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Man phantasiert sich in die Entschlossenheit dieser Bilder hinein, die von den komplexen Zug- und Sachzwängen der Herrschenden einfach absehen und die man so gerne teilen möchte. Aber ich kann sie nur als ironisch-lustvolle Dantonperformance lesen, in der jeder seine Rolle spielt. Wart ihr denn nicht mehr im Theater? Wisst ihr denn nicht, dass das Kapital gar nicht die Scheiße ist? Die Liebe, das ist die Scheiße! Die ist die noch viel kältere Scheiße als Euer scheiß Kapital!

Seit Slavoj Žižeks Koketterie mit dem Stalinismus gilt es im linken Milieu ja nun bereits seit einigen Jahren wieder als schick, sich mit einem ‚Ja‘ zur Schusswaffe zu positionieren. Aber das ist ja nur eine weitere Salonvolte!, möchte man nach Frankfurt rufen. Eure Militanz richtet sich gegen den Finanzkapitalismus, doch bevor es so richtig los geht, kauft ihr euch noch eine Solidaritätsbratwurst – aber nur vom ehrbaren deutschen Kaufmann. Das ist, mit Wohlwollen gelesen, höchstens radikal zu kurz gedacht. Vielleicht aber auch einfach nur antisemitisch. Neben diesen folkloristischen Bildern des Aufstands zirkulierte in Frankfurt auch ein neues Manifest des „Unsichtbaren Komitees“, das nun Anfang April im Nautilus Verlag erschien. Als Literatur gingen die Bücher des Unsichtbaren Komitees ja immer gut runter. Aber als Analyse? Dort fordern sie: „Lasst uns verschwinden!“, denn die Revolution findet nicht mehr auf der Straße statt. „Der Krieg ist in uns“. Ihr aber zündet mit großer Geste Bushaltestellenwartehäuschen an.

Der alte Sound der Kritik

Im Sprachgewimmel auf der Straße hört man irgendwo den alten Sound der Kritik. Und man fühlt sich in seiner Sehnsucht bestätigt. Ja, genau! Das ist es, denkt man sich. Endlich prüft mal wieder jemand den Wahrheitsgehalt eines Satzes. Endlich hört man mal einen direkten Satz. Ja, Kritik steht in Hauptsätzen! Kommt her, ihr verwegenen Lederjackenmarxisten! Wie konnte es nur dazu kommen, dass wir die Ungleichheit lieben und die Ungerechtigkeit zu ignorieren gelernt haben? Der Sozialwissenschaftler und Publizist Wolfgang Pohrt, dessen nicht hoch genug zu schätzende Leistung wohl darin bestand, eine innerlinke Kritik an der Linken überhaupt stark gemacht zu haben, ging selbst schon wieder dazu über, auch die „soziale Frage“ zu stellen. Anstatt Profx-Gender-Politics und der ganzen anderen Nebenwiderspruchsscheiße fragt also endlich wieder einmal jemand danach, was am Ende des Monats bleibt. Vielleicht erleben wir ja heute wirklich einen neuen hard-boiled Marxismus? Hier kommt der neue Ernst direkt aus dem argumentativen Schützengraben. Als Männerphantasie vielleicht.

Ich teile diese Phantasien nicht. Ich finde es ja gut, dass mich heute auch Frauen ausbeuten können. Und an wen sollte sich diese Kritik schon wenden? Haben wir die Machtverhältnisse nicht selbst so gut verinnerlicht, dass wir nicht vielmehr unser eigenes Begehren abschaffen müssten. Raus aus der eigenen Agentur – du Ausbeuter_innensau, lass mich endlich wieder dein Knecht sein! Das wäre doch was. Da hätte man mal wieder so eine richtige Meinung. Aber ist die Welt nicht viel zu komplex geworden, um noch zu irgendetwas eine fundierte Meinung haben zu können? Und dann noch eine, die alles auf gerade nur einen Widerspruch zurück führt? Wir müssten die Widersprüche heute ja vielmehr vervielfältigen!

Und wer ist überhaupt dieses „Wir“ auf den Bildern aus Frankfurt? Ist das nicht dasselbe neu-bürgerliche Milieu, das so selbstgerecht in allen Lebensbereichen protestantische Selbstverleugnung und Disziplin einfordert, aber gerade hier gegen eine Politik der Austerität demonstriert? Das in einer Welt leben will, in der vom Essen über das Sprechen bis hin zum Sex alles nicht nur politisch reguliert ist, sondern immer auch mit dem moralischen Zeigefinger sanktioniert wird. Gegen Kinderarbeit, für Weltfrieden! Wenn politische Sätze aber keine Nein-Stellungsnahme provozieren können, sind sie einfach nur billig. Jeder EZB-Funktionär würde das ja auch sofort unterschreiben. Und womöglich glaubt er tatsächlich daran, mit seiner Politik genau das auch zu erreichen. Um solche heiklen Widersprüche kümmern sich diese Sätze aber gar nicht, weil sie eher die eigene Befindlichkeit vor sich hertragen, als für irgendetwas konkret einzutreten. Und damit sind die, die jetzt aus ihren Bürgerhäusern heraus auf die Straße kommen, doch selbst genau die Agenten dessen, was sie anklagen. Jetzt sprecht ihr mit paternalistischem Vereinnahmungsgestus für die, die ihr später wieder beherrschen werdet.

Was soll also diese etwas rührselige Selbstbespiegelung? Sie drückt nur die Zerrissenheit aus, was es heute heißt, links zu sein. Der Soziologe Armin Nassehi hat das gerade in seinem jüngsten Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“ auf eine prägnante Formel gebracht: „Wir reden links und handeln rechts.“ Was er damit anspricht, ist der Konflikt, sich einerseits recht schnell zu universalistischen moralischen Appellen bekennen zu können, andererseits die eigenen Kinder dann doch ganz partikularistisch auf das Gymnasium mit dem nicht ganz so hohen Anteil an Kindern mit „Migrationshintergrund“ (wie wir es links wieder rechtfertigen würden) zu schicken. Wie heute also links sein? Ich stilisiere das hier etwas überzogen als ein Leiden an dieser Zerrissenheit. Das macht es wahrscheinlich sehr deutsch und links zugleich. Vielleicht ist es auch nur ein eitler Phantomschmerz, der mit praktischer Politik nichts zu tun hat? Vielleicht. Aber es reagiert darauf, dass man weiß, dass die Kategorien links/rechts heute nicht mehr viel taugen, man sie aber doch für sein soziales Navigationssystem irgendwie braucht.

Links sein heißt heute immer seine eigene Unmöglichkeit mitzudenken. Und vielleicht muss man gerade heute als Linker immer eher rechts denken, um überhaupt auf den Anderen hin links handeln zu können. Auch das kann man in Felschs Geschichte des Merve Verlags nachlesen, die eben immer auch Mentalitätsgeschichte der BRD ist und vorführt, wie das linke Denken selbst allmählich rechts abbog. Dieses rechte Denken hat nichts mit Konservativismus oder unkritischer Affirmation zu tun. 1987 erscheint im Merve Verlag der Interviewband „Archimedes und wir“ von Niklas Luhmann und Dirk Baecker. Damit war der Blinker gesetzt. Ideologiekritik war spätestens jetzt nur noch als Selbstaufklärung möglich. Als Linker rechts zu denken konnte dann nur noch heißen, auf seine eigene Verstrickung hin zu denken. Felschs Erzählung endet im Jahr 1990. Aus dieser theoriegeschichtlichen Zäsur speist sich aber heute noch das Gefühl, irgendwie zwischen den Stühlen zu sitzen.
Wenn dieser Text etwas will, dann in seinen Windungen diese Zerrissenheit selbst vorzuführen. Er stellt seine Sehnsucht nach den starken Sätzen aus und landet am am Ende doch wieder nur bei den Anspielungen, den verschachtelten Nebensätzen und den sich selbst negierenden Aussagen.

Ich sehne mich nach Streit – und kann über diese Sehnsucht dann doch nur schmunzeln. Dieses Schmunzeln ist kein ironischer Überlegenheitsgestus und es ist kein auftrumpfendes philosophisches Lachen. Es ist eher das leise Ringen um Haltung. Links sein heißt deshalb heute wieder Melancholiker sein. Denn ich lege ein Bekenntnis ab, dem die beglaubigende Institution immer schon verloren gegangen ist. Als Leser jage nach einer klaren Position, nach der Intensität des ganz Anderen und finde immer wieder nur linke Theorieversatzstücke, rechte Denkfiguren und Pop-Zitate. Ich bin Nico Rosberg. Wir können nicht entkommen. Wir können nur milde lächelnd im Kreis fahren. Vielleicht ist das aber auch gar kein Problem.

Literatur

Felsch, Philipp (2015): Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. C.H. Beck. 24,59€.

Das Unsichtbare Komitee (2015): An unsere Freunde. Edition Nautilus. 16.00€.

Nassehi, Armin (2015): Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Murmann Verlag. 20,00€.

Niklas Barth ist Diplom-Soziologe und arbeitet beim DFG-Projekt „Öffentlichkeit und Privatheit im Web 2.0″in Hamburg und München.

Das Buch zum Blog von Rainer Hank gibt es hier: