What’s left

Links waren immer die anderen

Dresden -Tübingen, von der „Blauen Narzisse“ zur roten Nelke.

Von Stefan Kleie, gewidmet meinen Eltern Hannelore und Peter Kleie

Stefan Kleie

Die Lektion in Antikapitalismus saß. Nirgendwo hatte die ideologische Früherziehung der DDR so leichtes Spiel wie hier. Noch in den späten 80iger Jahren – ich kam 1986 in die Schule –, als keiner mehr an den Sozialismus glaubte, leuchtete mir sofort ein, dass die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen keine Zukunft hat. Besser: keine Zukunft haben darf. Sonst bleiben mir von der Grundschule in Dresden nur die unnützen bunten Plastikuntersetzer, die wir im Schulhort zum Internationalen Frauentag am 8. März bastelten und die Picasso-Friedenstauben in Erinnerung, die am 13. Februar, dem Tag der Zerstörung meiner Heimatstadt durch „anglo-amerikanische Bomber“ (ein Goebbels-Zitat und fester Phrasenbestandteil der DDR-Erinnerungsrhetorik) an der Ruine der Frauenkirche massenhaft zu kurzen Friedensflügen starteten.

Dächer und Ruinen: Dresden in den 80er Jahren

Leider habe ich keine Erinnerung an selbst getragene rote Nelken – ebenfalls aus Plastik –, da mein Vater am 1. Mai Geburtstag hatte und ich zu meinem Leidwesen deswegen nie an einer 1.-Mai-Demo mitmarschieren durfte. Überhaupt die Familie: staatsfern und in der Kirche aktiv, ohne die tiefe Gläubigkeit des protestantischen Pfarrhauses. Ich mochte die etwas konspirative Atmosphäre des Ehepaarkreises, das gemeinsame Singen am Lagerfeuer im Erzgebirge, aber mitmarschiert beim großen Auflauf am Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse wäre ich trotzdem gern. Eigentlich haben alle über die DDR – besonders meine fest im Rassismus der Nazizeit stecken gebliebene Oma – geschimpft; das fand ich schade und ungerecht. Der Westen versprach dagegen Konsum: Der fand sich im Quelle-Katalog, in den Intershops und bei den fleißig gesammelten Matchboxautos.

Auf den Umschwung hat mich keiner vorbereitet

Dann 1989/90 auf einmal der große Umschwung, doch mich hatte keiner vorbereitet. Immer noch Gänsehaut auslösend ein aus Empörung, Idealismus und Angst gespeistes Gefühl, das ich auf den zwei, drei Montagsdemos erlebte, bei denen ich dabei war. Da hatte es also doch noch geklappt mit dem Mitmarschieren, allerdings ganz anders als es im Lied „Soldaten sind vorbeimarschiert, in gleichem Schritt und Tritt. Wir Pioniere kennen sie und laufen fröhlich mit“ gedacht war. Zwei bekannte Dresdner Politikerinnen, beide Jahrgang 1978, haben das wohl alles so ähnlich wie ich erlebt: Katja Kipping, die derzeitige Vorsitzende der Linkspartei und Kathrin Oertel, am Anfang des Jahres für ein paar Wochen Kopf von Pegida.

Schnitt. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße und in Gestalt erster Einkaufszentren. Die aus dem Boden schießenden, in provisorischen Zelten untergebrachten Supermärkte verunsicherten mich zutiefst. Überall Schlamm und hysterische Erwachsene, die unbedingt Pappwein, Bananen oder kleine Kassettenrekorder erstehen wollten. Auf den von Trabi- und Wartburg- – wir fuhren Lada – Reifenspuren zerfurchten Feldern zerbrach mein Vertrauen in die Elterngeneration. In der Schule war es auch nicht besser. Die meisten Lehrer schwiegen, nur wenige bekannten sich zur taumelnden DDR. Ich war noch nicht einmal in der Pubertät, doch der Staat, gegen den ich hätte rebellieren können, ging ganz von selbst und ohne mein Zutun unter.

Ästhetischer Fundamentalismus

Mein Widerstand gegen die grellen Wendejahre mit ihrem frühen Enthusiasmus und der Ernüchterung auf dem Fuße, fand in Gestalt der Lektüre zweier Thomas Mann-Romane statt: Buddenbrooks und Zauberberg. Die Bände befanden sich in einem verschlossenen Schrank, in dem mein Vater seine Pfeifenutensilien aufzubewahren pflegte: Entsprechend rochen die in Vollleinen gebundenen und in schmucken Buchumschlägen steckenden Bände nach der heilen Welt des Bürgertums der Jahrhundertwende. Hier formte sich jener „ästhetische Fundamentalismus“ (Stefan Breuer), den ich erst viel später überdenken und zu Gunsten einer entspannteren linken Haltung abstreifen sollte. Während ich es mir nach dem Vorbild Hans Castorps gewissermaßen auf der geräumigen Veranda des Zauberbergs gemütlich machte, suchten und fanden meine Eltern mit Ende 40 eine berufliche Neuorientierung unter völlig geänderten Bedingungen: meine Mutter als Versicherungsfachfrau und mein Vater als selbständiger Handelsvertreter. Bis heute ist mir nicht klar, wann und wie sie sich elementare Kenntnisse des geltenden Steuer-, Renten- und Sozialsystems aneigneten. Wir haben nie darüber gesprochen.

1993 kam Botho Strauß‘ Anschwellender Bocksgesang heraus und alle – d.h. zumindest das westliche Feuilleton – waren mächtig empört. Mir imponierte aber diese kompromisslose Geh-aufs-Ganze-Haltung und allein in einem Satz steckte meine ganze bisherige Lebenserfahrung. Ich war jener „[j]emand, der beinahe fassungslos vor Respekt mitansieht, wie die Menschen bei all ihrer Schlechtigkeit au fond so schwerelos aneinander vorbeikommen […].“

Hier hatte jemand der Moderne, die – so nahm ich es wahr – als Gangsterkapitalismus gerade meine Heimat kaputtmachte, etwas entgegenzusetzen. Neben Strauß entdeckte ich diese Haltung noch bei Stefan George, Ernst Jünger und Gottfried Benn. Der Terminus „konservative Revolution“ war für mich mit 15 kein Geheimnis mehr, sondern eine Art Universalschlüssel für eine merkwürdig gegensätzliche, aber auch heroische Welt. Politische Fragen interessierten mich nicht, ich studierte schließlich ab 1999 Germanistik, der Elfenbeinturm war zum Dauerquartier geworden. Vielleicht war ich ja weltweit der einzige Georgianer, der im Rhythmus von George-Gedichten durch Wald, Flur, Bibliotheken und Mensen schritt?

„Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.“

Aus Eberhard-Karl soll Ernst Bloch werden

In Tübingen, meiner ersten Station außerhalb Dresdens, lernte ich dann echte „linke“ Kommilitonen kennen. Ich mochte sie, ihren Einsatz für die gute Sache und gegen Studiengebühren. Man konnte mit ihnen endlos lange reden und ebenso viel Bier trinken. Neben dem Kampf gegen Studiengebühren schien ihr größtes Anliegen die Umbenennung der ehrwürdigen Eberhard-Karls-Universität in Ernst-Bloch-Universität zu sein, weil Bloch seit seiner Emigration aus der DDR bis zu seinem Tod im Jahr 1977 in Tübingen lebte und lehrte. Zudem wollten sie unbedingt eine sich unter dem Tübinger Grünen Boris Palmer abzeichnende schwarz-grüne Koalition auf Landesebene verhindern. Als mehrheitlich zur SPD und den Grünen neigende Jungpolitiker erschienen sie mir aber bald als zu wenig radikal, dafür schlicht als „normal“, wenn man den westdeutschen Durchschnitt als Maßstab anlegt. Ihre Rebellion und ihr Protest richteten sich lediglich gegen den Mehltau der späten Kohlära. Zu dieser Einschätzung kam ich, obwohl ja eigentlich ich der „Konservative“ war. Als 2005 die große Koalition anstand, war Rot-Grün zur Fußnote geschrumpft und „grüne“ Freunde warfen „roten“ Freunden Verrat vor. Damit hatte ich nichts am Hut.

Idyll am Neckar mit Blick auf den Hölderlinturm

Mir gefielen aber die Lieder der alten Arbeiterbewegung oder „Bella Ciao“, die gelegentlich im linken Tübinger Club Zatopek angestimmt wurden. Irgendetwas passierte dann immer mit den doch eher linksliberalen Freunden; ihre Augen begannen zu glänzen. Ich hielt mit Schubert („Die Winterreise“, „Die schöne Müllerin“) und Hölderlin dagegen, bündische Lieder kannte ich natürlich keine.

Kleinbürgerlich, mit Schrullen, aber nie konservativ

Seltsam waren die Professoren. Konservativ wollte keiner mehr genannt werden, doch irgendwie kleinbürgerlich mit skurrilen Schrullen waren sie alle. Aber sie verwalteten das große Theorieerbe von Marx über Freud und Adorno bis zu den aktuellsten Varianten der Dekonstruktion und der Cultural Studies. Kurz vor meinem Studienbeginn 1999 war aber auch da irgendwie die Luft raus – Philipp Felsch lässt sein faszinierendes Buch Der lange Sommer der Theorie daher auch an der Epochenschwelle 1990 enden (vgl. den Blog-Eintrag von Niklas Barth, Linke Melancholie – Bekenntnisse eines Lesers, vom 22.04.2015). Je mehr mein Respekt vor den Professoren sank, desto größer wurde er gegenüber den alten Theorieheroen, an die ich mich nur zaghaft herantraute. Einer von ihnen, der Germanist Klaus Theweleit, löste bei mir mit seinen stilistisch und auch graphisch herausragendenden Männerphantasien (1977/78) einen echten Schock aus, denn er zeigte am Beispiel Ernst Jüngers die aus Angst vor der Transgression bis zur Spitze getriebene Ich-Verpanzerung als typischen Abwehrmechanismus auf. Selbstredend findet sich auch bei Theweleit und mehr noch bei seinem kongenialen Fortsetzer und Nachfolger Helmut Lethen (Verhaltenslehren der Kälte, 1994) eine versteckte Faszination für den Gegenstand.George, Jünger, Benn: Das ist auch die Geschichte dreier Melancholiker an der Grenze zur Dauerdepression. Politik war damit nicht zu machen.

In Basel, fünf Jahre später, kam dann zur Dissertation – hier blieb ich mit der Entscheidung für den Rosenkavalier meinen ästhetizistischen Tendenzen treu – eine Theorieformation mit dem Schwerpunkt auf der Dekonstruktion. Hofmannsthal trifft Derrida: ausgerechnet. Ich führte plötzlich interessante Diskussionen mit Medien-, Gender- und Theaterwissenschaftlern. Mich interessierte die Popkultur, die Spex und das geniale Jugendradio Zündfunk auf Bayern 2. Doch meine akademischen Freunde machten es sich oft allzu leicht mit ihren simulierten Formen sozialen Protests, während sie die aktuelle Politik oder auch die harte Wirtschaft völlig kalt ließ. Hier erwog ich zum ersten Mal, dass ich womöglich das Falsche studiert hatte. Soziologen, Historiker oder Politikwissenschaftler sind zwar keineswegs schlauer als Philosophen oder Germanisten, aber sie reden mehr miteinander und sie kennen sich besser in der Gegenwart aus.

Die Leere und das gezeichnete Ich

Manche meiner Freunde hatten eine primäre linke Prägung, waren mal Punks oder wenigstens „Emos“ gewesen. Richtig rechts war jedenfalls keiner von ihnen und von meinem Dreigestirn George. Jünger. Benn hatten die Performanztheoretiker_innen auch absolut keine Ahnung. Meistens hatten sie eben auch nur drauf, was ich ohnehin schon wußte: „[E]s gibt nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich.“ Achtung flößten mir jedoch die „Kreativen“ ein, etwa meine beiden Mitbewohnerinnen. Die Modedesignstudentin mit dem Faible für das Berliner Berghain und die Graphikerin mit der Vorliebe für Roland Barthes.

Die in diesen Fächern an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) gelehrten Theorien waren mir sehr wohl vertraut, doch überforderte mich der für diese Branchen typische beschleunigte Lebensrhythmus, die als selbstverständlich hingenommene Verbindung von Exzess und Selbstausbeutung. Eine ganz andere Welt verkörperte mein Mitbewohner, der „Zahlendreher“, Controller in einem Basler Spital. Schön waren sie trotzdem, die WG-Gespräche und hochfliegenden Pläne.

Basel liegt in der Schweiz. Es findet dort alljährlich die größte Kunstmesse der Welt, die Art Basel, und die noch luxuriösere Uhren- und Schmuckmesse „Baselworld“ statt. Basel ist Hort eines reichen und zugleich äußerst liberalen Bürgertums, dessen reichste und liberalste Vertreter den „Basler Daig“ bilden, der mit einer gewissen Mäzenatenfreizügigkeit über den Geschicken der Stadt wacht. Das „Bedingungslose Grundeinkommen“ stößt in einem solchen Klima auf große Resonanz, denn Geld ist da wie Heu und die Anthroposophie als heimliche Background-Ideologie in Dornach gleich um die Ecke. Mit dem Basler Bürgertum hätte ich es schön haben können: den bildungsbürgerlichen Habitus als Hofmannsthal-Forscher pflegend, dazu ein wenig Gesellschaftskritik, vielleicht gendertheoretisch aufgerüstet?

Doch allein, mir fehlte das Geld. Zum ersten Mal wurde ich auf so eine elementare Sache wie soziale Ungleichheit aufmerksam. Ganz ohne Neid fiel ich wieder auf meine elementaren Überzeugungen aus der Schule zurück: Es musste auch beim Schweizer Modell des liberalen Kapitalismus irgendeinen Haken geben. Die Gleichförmigkeit der Denk- und Lebensgewohnheiten erinnerte mich an die DDR, der Eames-Chair als Stilikone für alle seltsamerweise an die DDR-Massenproduktion von billigen Resopal- und Plastikmöbeln. Aber wie soll man sich in eine Gesellschaft integrieren, die einem aufgrund der enormen Vermögensunterschiede leise suggeriert, dass man ohnehin nie dazugehören wird? Von nun an begann ich, sogenannte integrationsunwillige Ausländer in Deutschland ein wenig besser zu verstehen.

Antikapitalismus und rechter Aktivismus

Zurück in Dresden verfasste ich einen merkwürdigen Text, der bis heute online abrufbar ist. Darin gehen Antikapitalismus, linke Theorie und rechter Aktivismus eine seltsame Allianz ein, die sich als innerrechte Strategie („Von Linken lernen“) tarnt. Der Text erschien in der Blauen Narzisse, einer sogenannten „rechten Postille“; die Zusammenarbeit mit der Redaktion war korrekt und sehr angenehm. Obwohl ich in diesem Text Kritik an rechtem Populismus und rechter Intellektuellenfeindlichkeit übe, möchte ich mich allein für die Erwähnung von „Gender Mainstreaming“ und „Islamisierung“ ganz förmlich entschuldigen. Das entsprach nicht meiner Haltung und schon gar nicht meinen gesellschaftstheoretischen Überzeugungen. Ich hielt wohl die Erwähnung dieser angeblichen Methoden zur Umerziehung der gesamten Gesellschaft für notwendig, um überhaupt an die rechte Debatte anknüpfen zu können. Das hätte ich mal lieber gelassen, doch dann wäre mir klar geworden, dass ich schon längst ein Linker geworden war.

Wie Pegida mir die Augen öffnete

Es brauchte nur noch ein paar Monate, bis Pegida in Dresden mir die Augen öffnete. Hier gab es kein Abwägen, sondern das Bauchgefühl entschied. Auch wenn „Buntheit“ oft als bloße Floskel gebraucht wird, hier passte sie in Abgrenzung zum farblich und auch gedanklich tristen Auftreten der Pegida-Leute. Auf einmal durfte ich ohne Gewissensbisse oder ideologische Zweifel bei den Linken mitdemonstrieren, zu Reggaemusik tanzen und es war das Normalste der Welt. „Lügen-press-e“ schallt es von der anderen, durch die St. Petersburger Straße getrennten Seite des Pirnaischen Platzes und es ließ mich vollkommen kalt, denn auf „meine“ FAZ, den Freitag oder die Süddeutsche lasse ich nichts kommen.

Inzwischen ist mir die linke Debatte vertraut. Vorsicht muss man z.B. beim Antikapitalismus walten lassen, denn der führt nicht selten das böse Zwillingspaar aus Antiamerikanismus und als Israelkritik getarntem Anizionismus bzw. sogar Antisemitismus im Schlepptau. Der Marxismus hatte nicht nur in der DDR „autoritäre“ Züge, sondern kann auch einem Fatalismus Vorschub leisten, der dem der Rechten in vielem ähnlich ist. Schaut man jedoch zur jungle world und den „Antideutschen“, dem innerlinken Gegensatz zu junge welt, Gewerkschaftskampf und Marxismus, finden sich für einen mit der deutschen Kulturtradition vertrauten Bildungsbürger und Geisteswissenschaftler nur wenig Anknüpfungspunkte.

Eigentlich ändert sich nicht allzuviel, doch mit mehr Lebensmut und dem guten Gefühl, im Kampf gegen Ungerechtigkeit und für emanzipatorische Ideale nicht allein zu stehen, kann so etwas wie ein gelungenes Leben entstehen. Dazu eine rote Nelke im Knopfloch und ein melancholischer Blick zurück: „Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift.“

Stefan Kleie (35), Germanist und Publizist aus Dresden

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