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Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

30. Jan. 2015
von Katrin Rönicke
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Berliner Schulschmutz Reloaded

Meine Tochter übernachtete neulich zum ersten Mal bei einer Freundin und als ich sie dort am nächsten Morgen abholen kam, da verwickelte K., die Mutter der Freundin, mich in ein längeres Gespräch über alles Mögliche. Wir hatten lange nicht so viel Zeit zum Reden gehabt und kamen so vom Hundertsten ins Tausendste. Von der frühen Einprägung bestimmter Körperbilder bei Mädchen, über den Umgang mit der Tatsache, dass unsere großen Kinder bald ihr eigenes Smartphone brauchen würden und wir damit einen Crashkurs in Medienkompetenz und Medienpädagogik! Bis hin zum aktuellen Putz- und Schmutz-Problem in der Friedrichshainer Grundschule, in die K.s ältere Tochter geht.

Reinigungs-AG Nr. Drölfhundert

Dort gründet sich nun die vielleicht hundertste Elterninitiative an einer Berliner Schule, die nichts anderes tun wird, als die Versäumnisse der Politik selbst zu bereinigen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Mit Wischmop und Lappen. Der Dreck sei so unerträglich, erzählte K., die Aussichten auf Besserung aber gleichzeitig so gering, dass den Eltern keine Wahl mehr blieb, wenn sie die Gesundheit der Kinder nicht gefährden wollten. Was K. nicht wusste: Ihre Schule ist kein Einzelfall. Der Fehler hat in Berlin System. Ich berichtete, dass Schulschmutz vor einem Jahr bereits ein großes, berlinweites Thema war.

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Mein Bericht trägt Früchte: K. wird jetzt Mitglied bei Facebook, was sie bislang tunlichst vermieden hatte – Medienkompetenz eben! – denn dort gibt es eine eigene Gruppe für das Thema „Schulschmutz Berlin“. Diese Gruppe existiert seit über einem Jahr schon und ihre Mitglieder haben im Januar 2014 einen kleinen Wirbelsturm ausgelöst. Durch die Medien hatten die Eltern so großen Druck auf den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aufbauen können, dass ein noch zuvor „nicht kündbarer“ Vertrag mit einer versagenden Putzfirma plötzlich schneller gekündigt war, als man „Unterrichts-Fehlzeiten“ sagen kann. Weiterlesen →

30. Jan. 2015
von Katrin Rönicke
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27. Jan. 2015
von Katrin Rönicke
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Ersponnenes und Reales: zurückkehren und leben im Osten

Der Osten, unendliche Weiten… – wirklich! Wenn ich bei meinen Eltern aus dem Fenster schaue, sehe ich eine große Wiese, darauf stehen mal Pferde, mal Kühe und grasen und wenn im Sommer das berühmte Festival im 15 km entfernten Städtchen stattfindet, hört man es bis zu den Eltern wummern, denn alles ist flach und weit. Meine Eltern zogen im Jahr 2002 da hin zurück, ein paar Käffer weiter, nur wenige Fahrradminuten von jenem Ort entfernt, von dem wir einst weggegangen waren – aus Gründen, wie man im Netz so schön sagt. Begrüßt wurden sie von der 2002er Elbflut, und erst einmal aus dem frisch gekauften Haus evakuiert. Im Dorf standen nicht wenige Wohnungen dermaßen unter Wasser, dass ganze Einrichtungen neu beschafft werden mussten. Meine Eltern bekamen eine neue Heizung, im Keller waren manche Kisten nass geworden, aber im Großen und Ganzen waren sie noch einmal glimpflich davongekommen. Bald werden es 13 Jahre, dass sie wieder dort sind. Und viele fragen sich, wie das so ist: Als Rückkehrer in einer Region, die wirtschaftlich nicht gerade wunderbar da steht, in der es ganz normal ist, wenn man auf Dorffesten Leute antrifft, die zu ihrem geschorenen Kopf einen Sweater mit der Aufschrift „White Pride“ oder eine Jacke der Marke „Thor Steinar“ tragen.

Unendliche Weiten. Kind und Oma radeln in das alte Heimatdorf der Autorin.Unendliche Weiten. Kind und Oma radeln in das alte Heimatdorf der Autorin.

Dass meine lieben Eltern wieder dort sind hat, da lehne ich mich glaube ich nicht zu sehr aus dem Fenster, wenn ich das hier so behaupte, auch zu einem Teil damit zu tun, dass sehr viele Erinnerungen und zwar jene von der schönen Sorte, an der Heimat, am wilden Osten und dem Lebensgefühl dort hängen. Und dann gab es eben diesen Job, den mein Vater bei der gleichen Firma nur eben von dort aus machen konnte. Das klang nach zwei Fliegen mit einer Klappe. Also nüscht wie raus in den Osten…! Weiterlesen →

27. Jan. 2015
von Katrin Rönicke
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07. Jan. 2015
von Katrin Rönicke
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Vom Sündenbock gezogener Hass

Hallo Pegida,

Sie schreiben:

„auch wenn der heutige feige Anschlag in Paris, ein Anschlag auf Meinungsfreiheit, Demokratie, auf Europa, letztlich auf uns alle, Wasser auf unsere Mühlen zu sein scheint, nehmen wir dies nicht zum Anlass, uns damit zu brüsten, wir hätten es ja schon immer gewusst. Nein, eben weil wir keine Schreihälse sind, als die wir verunglimpft werden, keine Claqueure sind wie diejenigen, die uns reflexartig mit „Nie-wieder-Deutschland – hindern wollen, uns mit unseren Abendspaziergängen meistens schweigend zu artikulieren […] Wir schweigen in Trauer und Demut und in Solidarität mit den Familien der französischen Redakteure, die jetzt erste Opfer wurden.“

Sie schweigen? Sie nehmen es nicht zum Anlass, sich zu brüsten? Das klingt einen Facebook-Post früher aber noch sehr anders:

„Die Islamisten, vor denen Pegida seit nunmehr 12 Wochen warnt, haben heute in Frankreich gezeigt, dass sie eben nicht demokratiefähig sind, sondern auf Gewalt und Tod als Lösung setzen!
Unsere Politiker wollen uns aber das Gegenteil glauben machen.“

Ich glaube, Sie sind schlicht bigott.

Sie gehen auf die Straße und haben ein Problem: Mit Ihnen laufen und brüllen jede Menge Nazis. Also versuchen Sie genau das, was Sie denen gegen die Sie demonstrieren absprechen: Sie versuchen sich von denen abzugrenzen, die Ihre Ziele „missbrauchen“, um Hass zu säen und um zu hetzen.

Sie nennen sich selber „gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Damit drücken Sie genau eine Sache aus: nämlich dass Sie glauben, Islamisten und der Islam seien ein und das selbe. Gleichzeitig wehren Sie sich mit Händen und Füßen dagegen, wenn andere behaupten dass sie und die Nazis ein und das selbe seien.

Aber das merken Sie natürlich nicht.

Der Unterschied ist: Der Islam ist eine Religion, die eine Tradition hat, die sich über Jahrtausende entwickelt hat und in deren Zentrum der Glaube an Gott steht und damit an eine Instanz, die für Güte und Liebe stehen sollte. Und eine Religion sucht man sich meines Wissens in der Regel nicht aus, man lebt sie.

Sie hingegen gibt es gerade einmal seit Oktober, wer bei Ihnen mitmacht, hat sich aus politischen Gründen dazu entschieden und Sie berufen sich auf sehr diffuse Ängste, um die Menschen zu mobilisieren. Sie benutzen Wörter wie „Lügenpresse“. Sagen Sie doch mal: Wie finden Sie eigentlich die Titanic so? Sie hetzen doch selbst permanent gegen die Presse – auch das ist bigott.

Wenn man Sie kritisiert, dann fangen Sie an, auf Ihr Positionspapier zu verweisen, das im Internet zu finden ist.

Ich habe mir Ihre Positionen einmal angeschaut. Und ich komme zu dem Schluss, dass Sie in den ersten Punkten natürlich versuchen, sich wie gute Menschen darzustellen, genauso wie in ihrem Facebook-Posting von heute zum Thema „Charlie Hebdo“. Und genau wie das vorherige Posting sagt allein schon Ihr Name und Ihre Unterstellung, es würden sich nun Parallelgesellschaften in Ihrem Abendland, in Form von „Scharia-Gerichten“ gründen, das genaue Gegenteil aus.

Das ist ein bisschen wie bei Orwell: War is Peace. Freedom is Slavery. Ignorance is Strength.

Heute wurden in Frankreich Menschen getötet weil andere Menschen in ihrem Herzen Hass empfanden und Rache üben wollten. Unzählige Muslime auf der ganzen Welt haben Wut und Trauer und große Ablehnung gezeigt und bekundet, dass sie die Satire von „Charlie Hebdo“ und die Comics der Zeitung nicht religiös verletzend finden, im Gegensatz zu Menschen, die im Namen Mohammeds töten.

Es ist nicht der Islam, Stupid! Es ist der Hass und die Angst in den Herzen der Menschen und genau die marschiert bei Ihnen, Pegida, ständig mit.

Islamisten suchen Sündenböcke, genau wie Sie.

Das allerdings kann man von der übergroßen Mehrheit der Muslime nicht sagen. Und die meisten schaffen es besser als Sie, sich von den Arschlöchern deutlich zu distanzieren.

07. Jan. 2015
von Katrin Rönicke
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29. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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Verteidigung gegen die dunklen Künste für Nullcheckerbunnys?

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Den Vortrag von Joscha Bach, zu dem wir pünktlich wieder auf den Beinen und in Saal 2 erschienen waren, werde ich mir sicher noch zwei weitere Male ansehen, denn ich habe großes Interesse, ihn wirklich zu verstehen. Worum ging es? Wie schon im vergangenen Jahr erzählte Joscha über seine Forschung zu künstlicher Intelligenz, nur zog er zwischenzeitlich dafür in die USA, arbeitet nun zwischen Harvard und MIT und man merkt, dass er seit dem letzten Mal viel gelernt hat, viel verstanden und vieles auch noch besser erklären kann. Sein Vortrag verknüpft die Felder Neurowissenschaft, Computertechnologie und Philosophie miteinander. Angelehnt an die vier kantischen Fragen fragt er:

  • Was ist die Natur der Realität?
  • Was können wir wissen?
  • Wer sind wir?
  • Was sollen wir tun?

Er begrüßt die Menschen im Saal mit den Worten „Good morning dear fellow conscious beings“ und es ist eine Freude, ihm dabei zuzuhören, wie er zeigt, dass man den Begriff des „Sinns“, der „Bedeutung“ ersetzen sollte und kann, durch einen neuen Begriff: Suitable Encoding, angemessene Kodierung. Was ist es, das wir Fellow Conscious Beings von den angemessenen Kodierungen erhalten, die wir benutzen, anstelle alles mit den bedeutungsschwangeren und althergebrachten Begriffen „Sinn“ und „Wahrheit“ zu belegen? Es ist schlussendlich eine Form der Orientierung und Einordnung der Welt, die wir wahrnehmen. Aber Joscha hat das natürlich besser erklärt:

Den Tag mit Joschas Vortrag zu beginnen war eine gute Wahl. Es ist einer dieser Vorträge, bei denen man nicht alles versteht, aber es macht Lust auf mehr, man will verstehen, man will ihn sich noch einmal und noch einmal ansehen und dann will man gemeinsam darüber philosophieren, wie man die Entropie bekämpfen, die Liebe stärken und schlussendlich Künstliche Intelligenz erschaffen kann.

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Vorträge, bei denen man nicht mit der Erwartung ankommen sollte, alles zu verstehen, gibt es hier sehr viele. Vielbesucht ist später der Vortrag „Krypto für die Zukunft“ von Rüdiger Weis. „Kryptographie kann das garantieren, was uns die Regierungen nicht mehr bieten: Nämlich Privatsphäre“, beginnt er. Auch hier wird ein Thema aufgegriffen, das auf den vergangenen Congressen immer wieder in Vorträgen behandelt wurde. Leider war dieser Vortrag etwas voll und auch etwas unverständlich, denn Weis hatte für seine Erklärungen nur eine halbe Stunde Zeit und setzte viel Vorwissen voraus, Vorwissen, das man sich durch das Ansehen seines Vortrags vom 30C3 draufschaffen kann. Was am Ende kleben bleibt, wenn man sich durch die Mathematik der Verschlüsselung und durch die Vor- und Nachteilte der Eliptischen Kurven (doch in der Formel sollte a bitteschön nicht null sein! Und wenn sich ein Wert wiederholt, dann knallt’s ganz gewaltig!) gequält hat: Kümmert euch um eine ordentliche Verschlüsselung, schaut genau hin, was ihr nutzt und informiert euch regelmäßig bei Experten wie Rüdiger Weis, welche Verfahren gerade sicher sind und welche nicht, um wenigstens ein kleines bisschen Privatsphäre zu erhalten, denn wie gesagt: Eure Regierungen garantieren sie längst nicht mehr.

Ganz ehrlich: Man muss das nicht alles verstehen und dass hier viele überhaupt nicht mitkommen, nicht einmal Menschen, die Mathematik als Leistungskurs hatten und vielleicht ein naturwissenschaftliches Fach an der Uni studierten, ist vielleicht eines der Hauptprobleme von Krypto. Wie soll man dafür sorgen, dass die Menschen ihr Recht auf Privatsphäre wahrnehmen, das ihnen die Regierungen nicht mehr bieten, wenn die Hürde, sich zu verschlüsseln, zu verstehen, was man tun muss, so hoch ist? Wie erklärt man es den Leuten, mit denen man Silvester feiern wird? Mit denen man sich per Whatsapp verabredet, die auf Facebook ihre Familienfotos teilen und die keinen blassen Schimmer davon haben, was Perfect Forward Secrecy ist und somit auch nicht ihren Mailprovider danach aussuchen werden, ob er diese anbietet. Eine Nachricht des 31C3 an „die Menschen da draußen“ lautet: Benutzt PGP-Verschlüsselung, sonst könnt ihr gleich Postkarten schreiben. Aber: Wie geht denn nun PGP-Verschlüsselung? Man muss sich einen Nachmittag frei nehmen, um sich einigermaßen darin einzuarbeiten und dann muss man in regelmäßigen Abständen weitere Zeit investieren, um sich zu informieren, was gerade noch sicher ist und dann dafür zu sorgen, dass das eigene System auf dem neuesten Stand ist.

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Das ist ein bisschen so wie damals in der DDR, als potentiell alle ausgespäht werden konnten, aber nur diejenigen wirklich dafür sorgten, dass Dinge sicher und geheim abliefen, die wirklich um ihre Sicherheit zu fürchten hatten. Das unterscheidet die Machenschaften der Stasi vielleicht am stärksten von den Auswirkungen der heutigen Massenüberwachung: Die Bedrohung ist nicht greifbar genug für die Bürger_innen, ihre Rechte einzuklagen fällt ihnen nicht unmittelbar ein, denn noch werden die meisten Daten nicht spürbar gegen sie verwendet, wie Constanze Kurz und Frank Rieger auch schon im Podcast mit den Wostkindern erklärten. Zu vermitteln, warum man seine E-Mails trotzdem mit PGP verschlüsseln sollte, auch wenn das Aufwand bedeutet, das ist die Herausforderung, vor der die Community rund um den CCC derzeit steht. Es geht um nichts weniger, als all jene Vorträge, in denen wir „n00bs“, wir „Nullcheckerbunnys“ und Anfänger_innen rein gar nichts verstehen, runterzubrechen. Im Umfeld des CCC beginnen Projekte zu wachsen, die als Schnittstelle zwischen der Avantgarde und der breiten Masse fungieren. Sei es der Podcast „n00bcore“, der die Welt der Computer für Normalsterbliche herunterbricht, das Projekt „Looking into Black Boxes“ und Buchprojekte wie „Arbeitsfrei“ erklären komplizierte Dinge auf Einsteigerniveau und sind nur eine kleine Auswahl (die darauf basiert, dass ich sie selbst verfolge/gelesen habe und daher guten Gewissens empfehlen kann). Gleichzeitig muss man schlicht aber auch dazu ermuntern, sich Dinge anzuschauen, bei denen man nicht sofort alles versteht. Und wie Erdgeist und Geraldine de Bastion in der Opening Session mahnten: Die Hacker müssen aufpassen, dass sie vor lauter Verstehen nicht arrogant werden und vor Wissen nur so triefend nicht selbst die Bullys werden, unter denen sie früher selbst einmal litten.

29. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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28. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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Hacke deinen Kapitalismus, hacke deine Politik

Zuhause sein. Wenn ich beschreiben müsste, wie es sich im Großen und Ganzen anfühlt, auf dem 31C3, dem 31. Chaos Communication Congress, herumzulaufen, das wäre meine Antwort. Leute bauen Rohrpostanlagen, stellen 3D-Drucker hin, lernen zusammen stricken, machen Star Trek Origami und produzieren eigene Lichtbildausweise. Wer etwas kann und versteht, der versucht, das Wissen und Können an andere weiter zu geben. Das Mindset der meisten hier, das ist es, was sich heimisch anfühlt. In Hamburg treffen sich einmal jährlich all jene, die ansonsten mit dem Stempel „Freak“ auf der Stirn herumlaufen. Auch wenn ich weder programmieren kann, noch irgendwie weiter in die Funktionalitäten von Linux oder Crypto bewandert bin, bin ich einer dieser Freaks. Im CCH sind wir nicht mehr alleine. Hier teilt man meine politischen Ideale nicht nur, man versucht, mit ihnen im Herzen die Gesellschaft zu hacken. Und hier stellen sich Leute in Schlangen, wie man sie aus den Erzählungen über die DDR kennt.

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In der Keynote der Herzen, dem Vortrag von Stefan Pelzer und Philipp Ruch, die im Rahmen des Zentrum für politische Schönheit „Mit Kunst die Gesellschaft hacken“, fühlte ich mich so zuhause wie selten. Es gibt Leute, die finden es nicht wirklich befriedigend, wie sich Menschenrechtsorganisationen für Menschenrechte einsetzen. Da bekam Amnesty International erst einmal ordentlich sein Fett weg: Mit Schiffchen falten für Flüchtlinge hilft man wie vielen Flüchtlingen genau? Ein wenig enttäuscht und ein wenig gehässig werden diese und andere Aktionen der größten Menschenrechtsorganisation Deutschlands aufgelistet und gezeigt, dass deren riesige Anzahl an Unterstützer nicht sonderlich viel für all jene zu bewirken scheint, deren Mandat man vertritt: Die Menschen, deren Rechte mit Füßen getreten werden.

Amnesty macht noch andere Aktionen, als nur Schiffchen zu falten, so viel sei hinzugefügt. Es werden in „Urgent-Action-Netzwerken“ auch innerhalb kurzer Zeit Menschen mobilisiert, die Faxe, Briefe und Mails schreiben. Amnesty stolz:

„Binnen weniger Stunden treten Tausende Menschen in über 85 Ländern in Aktion: Sie appellieren per Fax, E-Mail oder Luftpostbrief an die Behörden der Staaten, in denen Menschenrechte verletzt werden. Bei den Adressaten gehen Tausende von Appellschreiben aus aller Welt ein. Es ist dieser rasche und massive Protest, der immer wieder Menschenleben schützt.“

Wie genau Mails, Faxe und Luftpostbriefe diese Menschen schützen ist mir auch nach dem Erklärvideo nur mittelmäßig klar. Das Zentrum für Politische Schönheit findet diese Art der Arbeit für die Menschenrechte jedenfalls frustrierend und sucht andere Wege, Dinge konkret zu ändern. In ihrem Vortrag stellten Stefan Pelzer und Philipp Ruch drei ihrer bekannteren Aktionen vor. Darunter die berüchtigte 25.000-Euro-Kopfgeld-Jagd, die dafür sorgen sollte, die Mitglieder der sogenannten „Panzerfamilie“ durch Hinweise auf deren mögliche andere Delikte in den Knast zu schaffen.

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Schön fand ich die Aktion zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, in der sie darauf aufmerksam machten, wie zynisch es ist, angesichts der Mauer, die um Europa herum geschaffen wird, eine Mauer, die reale Menschenleben fordert, sich selbst zu feiern und dafür geil zu finden, dass man vor 25 Jahren einem Regime ein Ende machte, welches Flüchtlinge abknallte und ertrinken ließ. Um auf diesen Zynismus aufmerksam zu machen, ließ das Zentrum für Politische Schönheit die Mauerkreuze flüchten. Diese Aktion bestand einerseits darin, die Mauerkreuze zur neuen Mauer an die Außengrenzen der EU zu bringen und andererseits wurden Flüchtlingshelfer mit Bolzenschneider und Flex in Bussen genau dorthin geschafft, um den ersten Europäischen Mauerfall zu ermöglichen. All das ging nicht so glatt, wie vielleicht erhofft und am Ende wurde keinem Flüchtling wirklich zum Eintritt in die EU verholfen. Aber man hat es versucht, hat Busse gechartert, Menschen mit Bolzenschneidern transportiert, hat sich vielleicht auch strafbar gemacht und massiv gestört. Besser als Schiffchen falten und E-Mails schreiben allemal.

Hier gilt: Nicht nur meckern – machen! Wer macht, hat Recht – nimm die Dinge in die Hand, die du ändern willst. Gestalte. Gib dich nicht mit dem ab, das man dir als das Substrat dessen anpreist, das durch Tradition und Konvention als das beste und einzigmögliche herausgekommen sein soll. Hacke deine Gesellschaft, hacke deinen Kapitalismus, hacke deine Politik.

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Und hacke die Schlange, in der du anstehst, um dir einen Hoodie von diesem Event zu erjagen. „Wenn du eine Schlange siehst, dann stell dich in dem Moment an, in dem du sie siehst“ – das war die Erkenntnis des letzten Jahres, als wir die lange Merchandising-Schlange immer gemieden hatten und dachten, wir könnten ja darauf warten, dass sie kürzer würde – und so gingen wir leer aus. Also stellten wir uns diesmal sofort an, als wir an ihr vorbeiliefen, wie früher eben, in der DDR. „Oh“ Eine Schlange! Da stell ich mich doch besser mal an!“ Wir ließen den Talk sausen, den wir eigentlich hatten sehen wollen und besorgten ein paar Bier, um die Zeit des Wartens zu verkürzen. Es dauerte fast anderthalb Stunden, ehe wir unsere Beute ergatterten. Eine witzige Stunde, in der die Schlange durch Engel neu arrangiert wurde, damit sie überhaupt in das Foyer des CCH passte; in der man einander zuprostete, wenn man wieder an bekannten Gesichtern vorüber lief; und in der man beobachten konnte, wie Zeitgenoss_innen aus der Schweiz sich im Vorbeigehen einen Stehtisch eroberten, den sie fortan als mobile Bar mit sich führten. Um diesen standen sie lässig gelehnt im Kreis, prosteten sich zu und verkürzten die Wartezeit auf diese Weise enorm.

Hier wandeln Menschen herum, die sich für als unangenehm empfundene Tatsachen, von anderen als „Realität“ bezeichnet, gerne kreative „Hacks“ einfallen lassen. Resignation? Iwo! Dies hier ist ein neuer Sonnenaufgang.

28. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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27. Dez. 2014
von Marco Herack
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Das Ende der Wostkinder

Wann genau die Wostkinder eingestellt werden, weiß ich zwar auch nicht. Aber demnächst. Und zumindest für mich ist am 31.12.2014 Schluss. Also mit diesem Text. Im Sinne des Kalten Krieges könnte man nun „cui bono?“ fragen, doch scheinen mir meine letzten Zeilen mit dem Versuch eines Fazits sinnvoller verbracht.

In meinem ersten persönlichen Gespräch mit Frank Schirrmacher, bei dem auch die Planung dieses Blogs eine Rolle spielte, sagte er einen zentralen Satz, der für die gesamte Zeit unserer Zusammenarbeit gelten sollte:

Nutzen Sie diese Plattform als intellektuelle Spielwiese!

Dieser Satz findet sich in abgewandelter Form auch in dem Buch „Gesichter der Macht“ wieder. Nur wesentlich früher und in Bezug auf das gesamte Feuilleton dieser Zeitung. Diesem Denken kann somit eine gewisse Konstanz zugesprochen werden.

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27. Dez. 2014
von Marco Herack
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20. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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Zwischen Katzenbildern und Buchenwald

Wer sind die Menschen, die am Montag in Dresden mit PEGIDA beim gemeinsamen Weihnachtslieder-Singen Weihnachten feiern? Wer teilt so etwas mit seinen Freunden auf Facebook? Es sind Menschen wie René, Henry, Alxander, Christoph und Kevin.

Kevin spielt Fußball und interessiert sich sehr für Wissenschaft. In seiner Facebook-Historie finden sich viele interessante Artikel: Über den Sound eines Atoms, den Wissenschaftler gefunden haben; über die erste direkte Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation zwischen zwei Menschen! „wow“ sagt er dazu und man kann sich regelrecht vorstellen, wie der Junge, der ein bisschen aussieht wie Justin Bieber und sicherlich der Schwarm vieler Mädchen an seiner Schule ist, im Netz aufblüht, wenn seine Lieblingsmedien „Science Alert“ und „Science Channel“ Wundersames und Erstaunliches berichten. Seine Freunde heißen Ryan, John, James, Nathaniel und Dante und leben überall auf der Welt verstreut, manche in Harrington, manche in Boston – keiner von ihnen lebt in Dresden, keiner wird zum Weihnachtslieder-Singen kommen. Kevin, der in seinem Profil angibt, in Hogwarts zur Schule gegangen zu sein, hat die Einladung dafür mit dem Kommentar: „join to save Europe from destroying“ geteilt. Weiterlesen →

20. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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15. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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Sozial is‘ Muss

Im ausklingenden Jahr 2014 konnten die Menschen trotz Wendefeiern wieder beobachten, wie der Konflikt Ost vs. West eine Renaissance erlebte. Da war von einer „Neuauflage des Kalten Kriegs“ die Rede. Manche behaupten, dieser ginge vom Westen aus, andere sehen Putin als Verursacher. Ein Kalter Krieg ist das wohl kaum, aber Russland entwickelte sich im Verlauf des ausgehenden Jahres zu einem Player, der mehr und mehr als Antagonist gegen westliche Werte auftritt. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Frieden und die Souveränität anderer Staaten achten – auf all so etwas scheint man dort nicht mehr viel zu geben.

Betrachtet man andere Länder Ost- und Südosteuropas, kann man ähnliche Tendenzen an allen möglichen Ecken und Enden entdecken. Autokratische Regime erstarken und lassen westliche Politiker „Besorgnis“-Arien anstimmen. In Ungarn hängt ein Großteil der Medien direkt an staatlichen Finanzmitteln und wer nicht Fidesz-freundlich genug ist, fliegt. In Mazedonien sitzt ein Journalist als politischer Gefangener in Hausarrest. In der Türkei sprechen manche von einer „Putinisierung“ der Politik, denn eine echte Opposition gibt es nicht, Bürgerrechte werden massiv eingeschränkt, wie die Proteste im Gezi-Park 2013 zeigten und auch hier werden die Möglichkeiten der Meinungsfreiheit eingeschränkt, zum Beispiel mit der Befugnis, Internetseiten ohne richterliche Genehmigung zu sperren. Dies sind drei Beispiele, in denen eine Form der Politik angestimmt und ausgeübt wird, deren demokratische Legitimation hinüber ist. Die Abwendung von der Demokratie ist eine Abwendung vom westlich geprägten Wertekanon. Ein Rückzug auf eine sehr zynische Betrachtung von Realpolitik findet statt, die Interessen sind oft rein innenpolitisch geleitet, Korruption spielt nicht selten eine große Rolle und man fragt sich, worin jetzt genau die Verbesserung im Vergleich zum vorherigen, sowjetischen Regime bestand. Weiterlesen →

15. Dez. 2014
von Katrin Rönicke
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30. Nov. 2014
von Marco Herack
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In der Gendertröterei…

Eine der seltsamsten Ausprägungen westlicher Lebensart sind die „Gender Studies“. Im Kern geht es darum, die Festschreibung von Weiblichkeit und Männlichkeit überall da zu erforschen und zu hinterfragen, wo sie auftauchen. Also überall. Mittlerweile gibt es so viele Abwandlungen dieser Studienrichtung, dass sie sich gar nicht mehr in Absätze fassen lassen. Zweifelsohne aber haben Konstruktivisten sehr viel Freude an diesem Studienfach, denn der Mensch als Gesamtes erscheint oftmals als reine Konstruktion und regelrecht planbar.

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30. Nov. 2014
von Marco Herack
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26. Nov. 2014
von Katrin Rönicke
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Denken Sie noch in Ossis und Wessis?

Am 07.11. war ich zu Gast beim rbb Kulturradio, um im „Hörerstreit“ zu der Frage, ob man sich noch als „Ossis“ und „Wessis“ sehe, eine Art „Expertinnenmeinung“ einzubringen. Schon als die Anfrage dafür bei mir reinflatterte, bekam ich ein bisschen Schiss. Man möchte nichts Falsches sagen, die Frage ist brisant. Sagt man „Ja, ich sehe mich als Ossi“, dann impliziert man eine alte Grenze – die sogenannte Mauer im Kopf – und zeigt, wie sehr man in der Vergangenheit hängengeblieben ist. Beantwortet man die Frage mit „nein, ich empfinde mich als Deutsche/Europäerin oder gar Weltbürgerin! Alles andere ist doch Blödsinn!“, dann zeigt man eine gewisse Ignoranz, auch Arroganz gegenüber der Geschichte und fast schon eine Art kapitalistischen Opportunismus, zumindest, wenn man als Ostdeutsche so antwortet und so denkt. Oder nicht? Weiterlesen →

26. Nov. 2014
von Katrin Rönicke
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09. Nov. 2014
von Katrin Rönicke
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„Können wir jetzt bitte mal den Hitler-Stalin-Pakt machen?“

Constanze Kurz und Frank Rieger erzählen über ihre Erfahrungen vor, während und nach dem Mauerfall. Von den Parallelen der Überwachung der Stasi mit der Post-Snowden-Welt und was heute anders ist. Weiterlesen →

09. Nov. 2014
von Katrin Rönicke
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