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Twitter ist wie die DDR

21.02.2013, 18:27 Uhr  ·  Ein Rant über die totalitären Tendenzen einer Masse, die sich für besonders gerecht hält.

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Im August 2012 fasste ich den Entschluss, mich aus dem Kurznachrichtendienst twitter zurückzuziehen. Es war aus einer Erfahrung heraus: Der Erfahrung, dass twitter die Grenzen zwischen den Menschen aufzuheben schien. Jeder schaute zu was andere machten und wenn das, was die anderen machten „ungebührlich“ war, wurde sofort laut geschrien, gepetzt und denunziert. Das war nicht immer so. Immerhin hatte ich es mit kleineren Pausen fast vier Jahre dort ausgehalten. Es ist so geworden, zumindest für mich und ein paar andere. Twitter, so drückte ich es damals in meinem Abschiedsblogpost aus, holt aus uns (mich eingeschlossen) das Schlechteste heraus.

Kleiner blauer Vogel – bitterer Ernst. Bild: CC-BY 2.0 von Ian Sane via Flickr.com

Auf twitter fing ich selbst an Menschen nach dem Mund zu reden ohne es wirklich zu realisieren. Leuten, die ich nicht einmal persönlich kenne. Die mich aber beobachteten. Die Beobachtung ist die die Währung auf twitter: Je mehr Menschen zuschauen, desto besser. Ich fing ich an, mich selbst zu zensieren. Selbst wenn ich von einer Meinung oder Aussage überzeugt war, habe ich sie oft für mich behalten, weil mir klar war, dass es nicht nur Kritik geben würde, sondern moralische Entwertung. Auch in meinem Blog fing ich an, Blogtexte nicht mehr freizuschalten. Zudem formulierte ich meine Worte und Sätze möglichst twitter-Kompatibel. Das bedeutet vor allem: Verkürzung entdecken und möglichst knallige Buzzwords finden. Denn je mehr provozierendes Gehalt in einem Wort ist, desto weniger Platz nimmt es von den 140 Zeichen weg, die man ja insgesamt nur hat. Buzzwords drücken kurz und prägnant die „Linie“ aus, auf der man ist. Buzzwords wie #fail , „sexistische Kackscheiße“ oder „Kristina Schröder“ dienen der schnellen und harten Denunziation Einzelner oder andersdenkender Gruppen. Ziel bei all dem ist stets: Zu den Gerechten und Guten zu gehören.

Zur vorbeugenden Relativierung sei gesagt: Vermutlich ist das ein Verhalten, das vor allem in meiner „Filter Bubble“ auftrat und in anderen twitter-Milieus weniger zu beobachten sein wird. Meine „Bubble“, die ist eher links und feministisch. (Beschrieben hat das Phänomen auch Che).

Was das mit DDR zu tun hat

Bis hierhin habe ich nur Beobachtungen erzählt, die einen ganz schön nerven können und außer mir ziehen sich immer mehr andere Menschen auch Stück für Stück von twitter zurück. Aber ich habe oft das Gefühl, dass diese Mechanismen in mir eine besondere Abwehr aufrufen und ganz vielleicht, so denke ich oft, hat das damit zu tun, dass ich sie irgendwoher kenne. Dieses Zelebrieren der eigenen moralischen Überlegenheit zum Beispiel. Sich selbst durch größere Gerechtigkeit über die anderen erheben (im damaligen Fall die auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze). Buzzwords kreieren, wie „Antifaschistischer Schutzwall“ oder „Imperialistischer Westen“, gehörte genauso dazu, wie sich über kapitalistische Ausbeutung zu brüskieren und die eigene Weltanschauung unentwegt zu inszenieren. Ein wichtiges Moment in dieser Inszenierung waren die Rituale der DDR.

Diese begannen schon in der frühen Schulzeit, bei Festen und Feiern, durch Gesänge, Zugehörigkeiten in Gruppen wie die Jungpioniere oder die FDJ, Märsche mit Fähnchen schwenken und nicht zu vergessen die sehr Buzzword-haltigen Reden zu Gedenktagen. Wir gelobten jeden Keim des Faschismus‘ zu vernichten, wir gedachten den vielen tapferen Helden – auch Stalin! – wir waren „feierlichst in aller Öffentlichkeit“ von unserer Gerechtigkeit überzeugt. Die Ritualität war in der Sprache der DDR entscheidend. Rituelle Texte in Zeitungen waren zum Beispiel tonangebend. Sie definieren sich dadurch, dass sie nichts in Frage stellen, dass keine Meinungen gegeneinander abgewogen werden, keine Skepsis zum Tragen kommt: In sämtlichen Zeitungen der DDR standen solche Texte, deren einziger Zweck es war, das System, die Politik und die von ihr propagierten Werte zu bestätigen. Natürlich konnte ich als Kind noch nicht Zeitung lesen. Aber diese an Orwell erinnernde Facette des Rituellen, in den Medien der DDR, ist mittlerweile recht gut aufgearbeitet (eingehende Betrachtungen dazu finden sich in den Ausgaben 2006 (4) und 2010 (3) der Zeitschrift Horch und Guck) und somit zugänglich.

Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park: Symbol für die stark zelebrierte Befreiung von der “Geißel des Faschismus” durch die Rotarmisten. Bild: CC-BY-SA 2.0 von Matt Biddulph via Flick.com

Natürlich ist twitter kein Staat, aus dem man nicht fliehen kann. Aber mich auf twitter zu begeben kam in meinem Fall im Laufe der Zeit auf das Gleiche hinaus, wie mich selbst einzusperren. Nur, wer ziemlich resistent gegen Überraschungsangriffe ist oder gleich dem Dalai Lama jenseits aller ideologischen Gräben steht, führt dort dauerhaft ein ruhiges Leben. Alle anderen sind nie davor gefeit, dass aus einem „ich logg mich mal kurz ein“ die Offenbarung wird, dass wiedermal jemand  übergriffig oder extrem respektlos gewesen war. Für mich reichte es schon, tweets von empörender Dummheit in die Timeline gespült zu bekommen und der Tag war hin. Aussagen von Leuten, die ich freiwillig sonst nicht gelesen hätte.

Ich habe leider keine sehr dicke Haut und kann mich nur schwer abgrenzen. Also bin ich geflüchtet. Der Freiheit entgegen. Von twitter  ist man sehr schnell abgemeldet und hat fortan auch seine Ruhe. Oder? Nicht ganz: Die Buzzwording-Olympiade und die Denunziation und Abgrenzung gegen andere  beeinflussen die Debatten in den Massenmedien direkt: In Radio-Sendungen und TV-Debatten werden Meinungen aus twitter schon jetzt direkt vorgelesen. In Echtzeit. Was „trendet“ gilt als relevant, ohne dass die Mechanismen hinter dem „Trend“ hinterfragt würden. Wer hinterfragt schon viele Klicks? Vom Niveau her ist das eine Ausrichtung auf den Pfaden der BILD-Zeitung. Übrigens passender Weise die auf twitter am meisten gehasste Zeitung.

Hinterfragen nicht erwünscht

Keine dicke Haut haben, aber ständig Dinge an- und aussprechen müssen, die nicht unbedingt konfliktfrei sind. Das haben wir gern! Ja, ich gebe zu, ich habe richtig Lust dabei, Dingen auf den Grund zu gehen, auch – oder gerade – wenn sie weh tun. Dabei habe ich auch die Rituale und Normen derjenigen Hinterfragt, die meine Bezugsgruppe waren. Bei manchen von dieser wurde es nämlich sehr bald Mode, alle möglichen Äußerungen als rassistisch abzukanzeln. Sie sind gegen die Burka? – Rassistisch! Sie hinterfragen die Stellung der Frauen in Tunesien? – Rassistisch! Auch fragte ich nach dem Sinn, für alle möglichen Texte und Meinungen, die der eigenen gegen den Strich gingen, Triggerwarnungen zu benutzen. Mir ist dabei absolut bewusst, dass jede geäußerte öffentliche Meinung in der ihr folgenden Debatte kontingent ist. Ob das, was mir wichtig ist, auch verstanden wird, darauf habe ich keinen Einfluss. Ich kann es nur versuchen. Und natürlich: Eine, die nicht einstecken kann, sollte nicht öffentlich austeilen. Wer kritikunfähig ist, sollte keine steilen Thesen in den Raum stellen.

Was nämlich dabei verloren geht ist das Politische an sich: Pluralismus der Meinungen in einem öffentlichen Raum, natürlich auch Streit um Hegemonie, aber mit Respekt für die Andersdenkenden im Sinne Rosa Luxemburgs: Denn die Freiheit ist immer auch die Freiheit derer, denen ich widerspreche. Dazu gehören auch Kritikfähigkeit, Skepsis und Selbsthinterfragung – auch sie sind Kennzeichen des Politischen, wie wir es bei Hannah Arendt, Chantal Mouffe und auch Linda Zerilli finden. Das politische Streiten ist nicht selten ein kleiner Kampf um das bessere Argument. Und das sollte uns etwas wert sein! Umso schmerzlicher wird es, wenn Menschen, die dieses politische Streiten lieben und debattieren, an den Kopf geworfen wird, sie seien „zu dominant“. Wenn man ihnen den Mund verbietet mit der Begründung, sie sollten erst einmal ihre „Privilegien checken“ gehen. Für mich ist das Politische auch immer konfliktuell – aber das ist auf twitter nicht wirklich möglich. Dort befindet man sich schneller in den Kategorien von Moral und moralischer Abwertung: Eine andere Meinung ist dann nicht nur eine andere Meinung, sondern eine verwerfliche. Eine andere Ansicht kann neben der eigenen kaum ausgehalten werden, ohne ein #fail dahinter zu setzen. Wer abweicht wird so denunziert. Die Gerechten feiern sich hiernach selbst.

Es spricht nichts gegen Rituale. Es ist in Ordnung, wenn Gruppen sich nach innen verfestigen, indem sie sich nach außen abgrenzen. Doch auf twitter sind solche Prozesse öffentlich geworden. Menschen dort haben versucht sich durch weit verbreitete Rituale gegen Kritik immun zu machen. Sie haben das Politische verdrängt – zumindest für mich. Auf twitter bin ich eine Rassistin. Und ich habe ein paar Monate gebraucht, meine klare, kritische und skeptische politische Stimme wieder zu finden. Es ist die Sprachlosigkeit und das Ducken, das Witzemachen, das man sich aber nur in vertrauter Runde zugesteht, wenn man weiß, dass es nicht nach außen dringt – all das hat mich frappierend an eine andere Zeit erinnert.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (36)
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0 Gast 28.02.2013, 21:29 Uhr

[...] Warum bin ich unzufrieden mit den...

[...] Warum bin ich unzufrieden mit den bestehenden Netzwerken? Nun, auf Twitter befinde ich mich in der DDR und Facebook habe ich nie gemocht, nur leider befinden sich dort de facto alle Kontakte, die ich [...]

2 Gast 27.02.2013, 20:23 Uhr

[...] Die letzten beiden Absätze haben es...

[...] Die letzten beiden Absätze haben es bereits impliziert: ich bin ein wenig von Twitter ernüchtert. Das Medium wird auch für mich zunehmend lauer. Der Lack ist ab, heißt es so schön, aber auch ich möchte nicht gleich in das derzeit hippe Twitterbashing verfallen (z.B. hier und hier). [...]

2 Gast 26.02.2013, 20:40 Uhr

[...] Behauptung wird auch durch den Artikel...

[...] Behauptung wird auch durch den Artikel von Rönicke (FAZ-Blog “Wostkinder”: “Twitter ist wie die DDR”) voran gebracht. Da erzählt sie von ihrer Reaktion auf den aggressiven Gegenwind aus ihrer [...]

1 Frank Passudetti 26.02.2013, 14:21 Uhr

Rituale, Phrasen, Losungen - heute "Slogans"...

waren doch schon zu DDR-Zeiten so hohl, dass diese im Alltagsleben schon kaum noch wahr genommen wurden. Nur die ganz 110%prozentigen haben sowas im Sprachgebrauch benutzt, oder zu offiziellen Anlässen. Ansonsten wurde es auch gern mal verulkt. Beispiel: Rituale: der Gedenktag an die ermordeten Luxemburg und Liebknecht am 15. Januar wurde vom offiziellen "machtvollen Kampfdemonstration der Arbeiterklasse" zum "Marsch der kalten Füße" im Volksgebrauch. Übrigens machte sich bereits die "Wochenpost" zu DDR-Zeiten über manche übertriebene, im vorauseilenden Gehorsam überbietende Losung lustig. Und das in den Medien. Und so ging ebend alles seinen "sozialistischen Gang". ;-)

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

2 Olaf Teuerle 25.02.2013, 15:06 Uhr

Wer ist wir...

... frage ich mich beim Lesen ihrer Zeilen. Mit meinen 27 Jahren DDR-Erfahrung erinnere ich mich anders an "die DDR". Das Fähnchen schwenken und Helden verehren war nie das erlebte "wir", sondern fast immer nur die sozialistische Fassade, das Cover. "Wir" war anders, individueller und vielschichtiger, trotz Mangelwirtschaft.

Heute, hier und bei z.B. Twitter ist es nicht anders - wieder wird mit einem imaginären "wir" hausiert, dass es genausowenig gibt wie "die Netzgemeinde" oder anderen Firlefanz. Vielleicht ist es heute nicht mehr modern ein "ich" zu sein und gegen den Strom zu schwimmen, wenn dies nötig wird? Shitstorm?! Widerstand gab es früher auch schon. Aber die Widerständler waren auch eher greifbare "Ichs" als diese anonyme Wir-Masse, in der es sich so chick verstecken lässt beim Steine werfen aus der dritten Reihe... Ich bin auch bei Twitter und Facebook, habe meine Kreise, aber in diesen gibt es Toleranz und ausreichend Respekt. Ich suche aber ehrlicherweise auch nicht das ganz große Rampenlicht.

Wir sollten vll. wieder mehr an gesunden, selbstbewußten "Ichs" arbeiten und dies zelebrieren anstatt in abervielen gesichtslosen "Wirs" abzusaufen. Damit riskieren wir zwar Follower, Habitus, Kritik und vll auch mal einen Shitstorm aber was soll's. Das gehört zum Leben dazu und wenn mich ein Netzwerk nervt, dann gibt es ja immer noch mein reales Ich und mein reales Leben zum erden....

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Gast 24.02.2013, 22:49 Uhr

[...] Rönicke schreibt in ihrem Vergleich...

[...] Rönicke schreibt in ihrem Vergleich von Twitter mit der DDR: »Eine andere Meinung ist dann nicht nur eine andere Meinung, sondern eine verwerfliche.« [...]

0 Gast 24.02.2013, 18:28 Uhr

[...] manche ist Twitter dieser Tage wie die...

[...] manche ist Twitter dieser Tage wie die DDR oder gar “gestorben” – meine Filterbubble dort ist ein gemütlicher Gesprächs- [...]

0 Johanna Rath 24.02.2013, 00:53 Uhr

Ich finde den Beitrag gut,

trotz der schon erwähnten historischen Ungenauigkeit ( Stalinverehrung gab es in der DDR zu Lebzeiten von Katrin Rönicke nach meiner eigenen Erfahrung nicht mehr). Desweiteren hinkt die Parallele zwischen Twitter und der DDR. Bei Twitter schließen sich die Leute freiwillig zum Gutmenschen - Mob zusammen. In der DDR war es aufgezwungen, nach dem Motto: Du hast etwas zu meckern - bist du denn nicht für den Frieden? Bist du etwa für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen?
Interessant, daß Frau Rönicke diese Erfahrungen macht, und daß sie so offen darüber spricht. ich habe sie in der Freitag-Community als eine der schlimmeren Scharfmacherinnen kennengelernt. Wer zur Sprache brachte, daß nicht alle Kinder gleich begabt sind, war jemand, der gegen soziale Geerechtigkeit und Chancengleichheit im Bildungssystem ist, wer ihr nicht zustimmen wollte, daß Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht allein gesellschaftlich bedingt seien, war ein Befürworter der Unterdrückung der Frauen usw. Mich würde mal interessieren, wie sie das heute sieht. Aus der Freitag-"Community" habe ich mich wegen Leuten wie ihr schon lange verabschiedet.

3 Christian Boulanger 23.02.2013, 10:23 Uhr

Twitter ist, was man daraus macht...

Liebe Frau Rönicke,

ich kann Ihren Frust nachvollziehen, allerdings finde ich die Schlussfolgerung etwas überzogen. Ich würde mich weder bei Twitter noch sonstwo mit Leuten abgeben, die einen niederschreien. Das scheint mir eher eine allgemeine Eigenschaft von (Klein-)Gruppen, die auf ideologische Homogenität und Ausschluss von Gegenmeinung setzen, als die eines diktatorischen Staates oder von Twitter...

Ich nutze Twitter ausschließlich zur Informationsaggregation, d.h. ich stelle Einzelinformationen von Leuten zusammen, die interessante Veranstaltungen, Veröffentlichungen, Beobachtungen etc. selbst twittern oder von anderen weiterleiten, und leite sie selbst weiter, bzw. trage zu diesen thematisch fokussierten "Streams" selbst bei. Dadurch fühle ich mich über viele Dinge gezielter und schneller informiert als zuvor, als die Informationsverteilung diffuser und zufälliger war. Persönliche Befindlichkeiten von Twitter-SelbstdarstellerInnen interessieren mich dabei nicht.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

4 Andreas Dr. Böhmelt 23.02.2013, 07:50 Uhr

Hallo Frau Rönicke,

vielen Dank für diese, für mich sehr nachvollziehbaren Reflektionen über Gruppenphänomene in den digitalen Medien. Ich habe mich ab Ende der 90er Jahre an Email-Newsgroups beteiligt und schon dort, auch ohne Diktatur der 140 Zeichen und Buzzwords, solche Phänomene kennen gelernt. Das ist der Grund weshalb ich Twitter und Social Media meide. Die digitalen Medien bringen oftmals das Schlechteste in den Menschen hervor, Entwertung und Diffamierung anderer, das scheint durch die Anonymität in der Masse so begünstigt zu werden. Man sieht es ja an der "Diskussionskultur" der Piraten. Das ist ziemlich schrecklich. Man sieht es auch in den Foren der digitalen Zeitungen. In der SZ schreiben anonymisierte Nicknames und da wird richtig die Sau raus gelassen; hier im Forum der FAZ hilft es, das mit Vollnamen gepostet wird. Erschreckend ist, was das über die menschliche Natur verrät.

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Spricht, schreibt und denkt ins Netz und in die Welt. Freie Autorin und Podcasterin, Berlin