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Lechts und Rinks in West und Ost

06.03.2013, 11:25 Uhr  ·  Die DDR war ein antifaschistischer Windbeutel. Leere Worthülsen ersetzten eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte – ein Phänomen, das es so ähnlich auch im Westen gibt.

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Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Berlin war ein Ereignis, das viele Menschen freudig stimmte, doch manchen machten die zuströmenden Menschen aus aller Welt auch Sorgen: Würden sie in Deutschland angemessen empfangen werden? Der Bundestagsabgeordnete Uwe-Karsten Heye machte sich Gedanken über die Besucher_innen, die sich aus Berlin heraus aufs Land wagten: Ins vielbesungene Brandenburg. Er schlug vor, besonders rechte Gegenden als No-Go-Area auf einer Karte zu kennzeichnen. Diese Idee löste eine heftige Debatte aus: Wie umgehen mit Regionen, in denen die rechten Parteien NPD und DVU bei Wahlen zwischen 15 und 25 Prozent oder sogar mehr einfahren? Stigmatisiert man mit Bezeichnungen wie No-Go-Area nicht die vielen rechtschaffenen Bürger_innen vor Ort? Und hätten die Rechten nicht ihren Willen erreicht, wenn Menschen mit nicht-Deutscher-Herkunft oder nicht-weißer Hautfarbe sich von diesen Regionen fernhielten?

Trabbi vor Graffiti in Dresden. Bild: CC-BY-SA 2.0 von Felix O (sludgeulper) via Flickr.com

Eine ehemalige Wegbegleiterin von mir kam aus einer solchen Gegend. Sie war in veganen Springerstiefeln unterwegs, hatte stets kurz geschorene Haare und auf ihrer (vermutlich Kunst-)Lederjacke stand hinten drauf „Zecke“. Immer, wenn wir uns sahen, hatte sie ein paar Geschichten auf Lager, die einem die Nackenhaare aufstellten: Ihre Wege vom Bahnhof nach Hause waren häufig Spießroutenläufe; in der Schule wurde sie bedroht; ab bestimmten Uhrzeiten, spätestens aber nach Sonnenuntergang, ging sie nur noch in größeren Gruppen durch die Stadt. Freunde von ihr wurden regelmäßig verprügelt. Einrichtungen demoliert. Rechtsextremer Alltagsterror im Osten. Ihre Eindrücke sind keine Seltenheit, wie eine kurze Internetrecherche zeigt.

Es ist alltäglich

Auch in meiner eigenen alten Heimat, der Region zwischen Dessau, Wörlitz und Wittenberg, ist rechtsextremes Gedankengut in den Alltag vieler leise eingesickert. „Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ ist keine unübliche Aussage, ebenso wie „kommen hier her und lassen sich vom Staat fett bezahlen, ohne zu arbeiten“. Eine Region mit knapp 14 Prozent Arbeitslosenquote (Ende der Neunziger sogar über 22 Prozent) braucht einen Sündenbock. Ein Konzert der Böhsen Onkelz zu besuchen ist schick (über deren komplizierte Beziehung zur rechten Szene hat das Netz gegen Nazis geschrieben), auf Dorffesten laufen Schlägertypen mit „White Pride“-Emblemen herum. Alles das kommt niemandem seltsam vor, fällt nicht auf. Auffällt, wer sich einen Iro schneidet und zerschlissene Jeans trägt.

Solche Leute – mir fallen sie sehr wohl auf. Doch ich bin ihnen zuerst  im Westen begegnet. In meiner Jugend waren sie für kurze Zeit Teil meiner alltäglichen Realität. Meine Freundin S. kam aus einem Dorf ein paar Kilometer hinter Bad Mergentheim. Dieses Dorf war für seine Feiertauglichkeit berühmt und berüchtigt. Und für seine Nazis – aber das fand ich erst später heraus. Ich brauchte nämlich ein bis zwei Besuche, um in meiner Naivität zu begreifen, dass in der Clique, der auch meine Freundin lose angehörte, nicht wenige Nazis waren. Dass die Band Landser und ihre Musik, die da ständig so aggressiv während unserer Besäufnisse lief, rechtsextrem vom Feinsten war und expliziten Menschenhass verbreitete. Dass sich einige dieser Jungs bei größeren öffentlichen Feiern regelmäßig mit Punks prügelten (und auch Übergriffe auf Schwarze oder Migrant_innen vorkamen). Einen Vorteil hatte meine Naivität: Ich bekam dadurch die Gelegenheit, einen dieser Kerle auszufragen. Ich klopfte sein gesamtes Weltbild ab, das auf Hass und Angst gebaut war: „Arbeitspläze wegnehmen“ und „Sozialschmarotzer“ standen ganz oben; „Deutsche Überlegenheit“ kam direkt danach; „Stolz auf mein Vaterland!“ war er mit seinen 17 Jahren; „berechtigte Wut“ meinte er zu spüren und vieles mehr. Wir unterhielten uns eine gute Stunde darüber und ich fragte auch, wie es eigentlich dazu kam, dass er so dachte. „Ich hatte eine DEUTSCHE Erziehung!“ antwortete er stolz. Und so einfach war es: Vor mir saß nichts weiter, als die Fortsetzung einer ‚guten‘ alten Tradition. „Mein Vater war ein guter Deutscher. Und so bin ich auch ein guter Deutscher.“ Ab da mied ich diese Typen, bin aber im Nachhinein ganz froh, einmal so lange über die subjektiven Beweggründe dieses Jungen gesprochen zu haben.

In dieser Gegend war es in der Tat keine Seltenheit, dass die Alten noch über Hitlers Niederlage trauerten. Ein entfernter Verwandter von mir (mütterlicherseits lebten dort einige Äste der Familie), ansässig am Arsch der badisch-sibirischen Welt, beharrte bis zum Schluss darauf, dass es eine Schande sei, dass Hitler von den Russen geschlagen worden war. Rechtsextremismus ist mir persönlich also zuerst im Westen begegnet, nicht im Osten. Doch es gibt Unterschiede in der Ausprägung, das zeigen Statistiken klar und deutlich. Die Gründe liegen in der Geschichte der DDR.

Die antifaschistische Mär

Im Osten entledigte man sich der Schuld, die man sich während des Hitler-Faschismus‘ aufgeladen hatte, auf die denkbar einfachste Art: Durch Worte und Inszenierungen strich man heraus, qua Verfassung, Ideologie und politischer Richtung von nun an geschlossen als Nation antifaschistisch, also gut und über jeden Zweifel erhaben zu sein. Die alte Nazi-Propaganda wurde schlicht durch eine neue sozialistische ersetzt. Mit Bildung hatte das nicht viel zu tun. Man zog einfach einen Schluss-Strich unter das dunkle Gestern, feierte sich als geläutert und grenzte sich massiv gegen die Vergangenheit und den Westen ab (dem man Faschismus weiterhin unterstellte). Eine Aufarbeitung wurde so überflüssig.

Ernst Thälmann-Denkmal in Berlin. Bild: CC BY-SA 3.0 von SpreeTom via Wikimedia Commons

Die kirchliche Aktion Sühnezeichen versuchte nach ihrer Gründung Anfang der Sechziger auch Fahrten nach Auschwitz zu organisieren, was 1965 erstmals gelang und 1966 wiederholt werden konnte. Doch für die Folgejahre verweigerte die Regierung der DDR die notwendigen Ausreisevisa und erst mit der Einführung der Visa-freien Ausreise nach Polen und in die CSSR konnten diese Fahrten wieder aufgenommen werden. Wohlgemerkt: Organisiert durch eine kirchliche Organisation, nicht vom Staat. Konrad Weiß, der 1965 mit in Auschwitz war, erinnert sich daran, wie er davor über den Antifaschismus der DDR gedacht hatte:

„Für mich war aufgrund meiner Erziehung und meiner Erfahrung in der DDR Antifaschismus eigentlich zunächst mit dem Ruch kommunistischer Propaganda verbunden. Ich habe das zwar alles in der Schule gelernt und habe das auch zur Kenntnis genommen. Aber es hat mich nicht wirklich berührt.“

(Quelle: Horch und Guck Heft 44 2003. Das ganze Interview kann online nachgelesen werden)

In den achtziger Jahren wurden rechtsextreme Tendenzen in der DDR immer organisierter: Es bildeten sich Gruppen, es gab gehäuft antisemitische Vorfälle (über die gestörte Beziehung der DDR zu Israel und zu den Juden soll in diesem Blog ein andermal gesprochen werden) und so bildeten sich unter anderem in Berlin Zusammenschlüsse, die diese Phänomene anmahnten. In den Medien, in der Presse und in den Regierungsreden wurden all diese Vorgänge totgeschwiegen. Antifaschistisch ist antifaschistisch – und so konnte nicht sein, was nicht sein durfte: Neonazis wurden schlicht ignoriert. Daran änderte sich kurz etwas, als es einen Überfall von Neonazis auf ein Punk-Konzert in der Ost-Berliner Zionskirche gab. Thematisiert wurden diese Vorfälle aber stets nur von Kirchenblättern und im sogenannten Untergrund.

Pluralismus Fehlanzeige

Es gibt zwei grundlegende Gemeinsamkeiten des Rechtsextremismus in Ost wie West: Erstens geht nahezu immer ein geschichtliches Unwissen oder eine Verweigerung der Geschichte damit einher. Es werden stattdessen aufgeblasene, aber eigentlich inhaltsleere Parolen geschwungen. Propaganda eben. In der DDR war dies der Antifaschismus, der offensichtlich alles andere als davor schützte, faschistischen Ideen anzuhängen. Im Fall des Jungen West-Nazis waren es rechte Parolen und Hülsen, „Stolz“, „Vaterland“ und angstbesetzte Bedrohungsszenarien. Das zweite Merkmal ist, dass es in beiden Fällen nicht gelungen ist, Pluralismus als Wert oder Ideal zu vermitteln. Pluralismus, das ist Wahrheit als Verschiedenheit, oder wie Isaiah Berlin sagt: „Ich glaube, dass die Menschen nach einer Vielzahl von Werten streben und streben können, und dass diese Werte unterschiedlicher Art sind.“ Sein Pluralismus begründet und erschließt sich durch das grundsätzliche Verstehen können. Aus dem Verstehen können, aus der gegenseitigen Achtung ergeben sich Berlin zufolge „Toleranz und andere liberale Konsequenzen“. Dieses Ideal setzt eine Offenheit für andere Menschen und Ideen voraus. Doch das war in der DDR ebenso Fehlanzeige wie in der DEUTSCHEN Erziehung des Nazi-Jungen. Wie hätte Pluralismus in einem Staat, bei dem die SED zu den Volkskammerwahlen mit stets 98-über 99 Prozent holte Ja-Stimmen nichts als eine pseudodemokratische Veranstaltung waren, vermittelt werden können? (Zumal das Parlament neben der SED kaum Einfluss auf das politische Geschehen hatte, denn der seit 1968 in der Verfassung der DDR auch offiziell verankerte Führungsanspruch der SED verhinderte dies). In einem Staat, der seine Menschen einsperrte und sie davon abhielt, die Welt und ihre verschiedenen Kulturen auch jenseits von Karl May zu erfahren?

Frau auf dem Karneval der Kulturen in Berlin. Bild: CC BY-ND 2.0 von Axel Kuhlmann via flick.com

Auch in der baden-württembergischen Provinz kommen viele junge Leute aus ihren Dörfern nie raus. Es bereitet ihnen nahezu körperliche Schmerzen, wenn sie den heimischen Kirchturm eine längere Zeit nicht sehen. Hinzu kommt eine häufig noch sehr „alte“ Methode der Erziehung, eingebettet in ein ohnehin recht konservatives Umfeld. Offenheit ist vielen alten Sippen dort ein Fremdwort.

Hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde geschichtliche Bildung und die Defizite in der Eltern-Kind-Beziehung – die Motive und Umstände, in denen Rechtsradikalismus wächst, sind sich meistens recht ähnlich. In der DDR kommen geschichtlich-kulturelle Besonderheiten hinzu. Eine Kollektivverdrängung der Geschichte zugunsten einer neuen totalitären Propaganda, die in ihrer Intoleranz, ihrer Suche nach Sündenböcken und ihren hohlen Phrasen der alten Ideologie gar nicht so unähnlich war. So bot sie einen besonders guten Nährboden für den rechten Hass. Und daran haben wir bis heute zu knabbern.

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (31)
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0 Der ostdeutsche Amoklauf | 07.05.2013, 14:46 Uhr

[...] Nachtrag: Einige interessante Gedanken...

[...] Nachtrag: Einige interessante Gedanken auch hier und hier. [...]

0 Frank Passudetti 12.04.2013, 22:42 Uhr

DDR-Wirtschaft

Unter dem Aspekt der negativen Auswüchse des entfesselten und globalisierten Kapitalismus sollte man sich viell. das Wirtschaftssystem der DDR nochmals genauer ansehen. Entgegen der landläufigen Meinung ist es nämlich keineswegs bewiesen, das diese nicht funktioniert hätte! Als negativ hierbei muss erachtet werden, dass durch einige gravierende Fehlentscheidungen von einzelnen Personen das System sich in bestimmten Teilbereichen deutlich schlechter darstellte, als es hätte sein müssen, hierbei zu nennen die Zwangsverstaatlichung 1972 der Kleinprivatbetriebe, schlechte Bezahlung von Ingenieuren, Vernachlässigung von bestimmten Industriezweigen, riesige Subventionen für Grundnahrungsmittel usw.
Auf der anderen Seite haben wir viele Dinge, auch nicht materieller Art, die deutlich positiver erscheinen und auch damit die Enttäuschung vieler Ostdeutscher erklären, an allererster Stelle zu nennen die Garantie eines Arbeitsplatzes für jeden, ja es herrschte sogar latenter Arbeitskräftemangel, damit einhergehend weniger soziale Kälte, bessere Förderung und Weiterqualifizierung im Beruf, langfristigere Planung und Stabilität der Produktion, Bau von Fabriken in strukturschwachen Regionen.

Eine fortschrittlichere Variante, der DDR-Planwirtschaft, das NÖSPL, wurde nach einer kurzen Blütezeit in den Sechziger Jahren alsbald von den SED-Funktionären wieder zurückgefahren.

Wer hätte das gedacht, DDR-Haushaltgeräte waren per TGL langlebiger produziert worden als Westgeräte, hielten teilweise doppelt so lang. In der Planwirtschaft ein Segen, für die Marktwirtschaft ein Fluch. So hielten sie für den Quelle-Katalog teilweise zu lange, und wurden ausgelistet.

0 Frank Passudetti 12.03.2013, 15:32 Uhr

Verächtlichmachung der DDR

Die Sache mit dem „Märchen“ oder „Mythos“ vom Antifaschismus in der DDR ist eine von vielen Lügen, so auch von der maroden Wirtschaft oder angeblichen Pleite, welche über die DDR durch die Westmedien und auch einige konservativen Politiker mit recht großem Erfolg verbreitet werden, um in kinkelscher Manier die DDR im Nachhinein zu delegitimieren. Bitte fallt nicht darauf herein! Lest dazu einmal das Buch „Die DDR unterm Lügenberg“. Sehr aufschlussreich!

Ich habe dazu schon eine Menge historischer Fakten genannt, die nicht geleugnet werden können. Sehr bewegend hier ein Zeitzeugenbericht: http://www.scharf-links.de/46.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=33421&cHash=128e9cf41e

Etwas Licht ins Dunkel nach dem „Warum?“ der erhöhten Rechtsradikalen-Zahlen und Rechten in Ostdeutschland liefert dazu auch das neue Buch „Eisenkinder“. Die Rezension von einem Herrn Döring spricht Bände zu dem Thema:

http://www.amazon.de/review/R2NQA6GNSWW99I/ref=cm_cr_dp_title?ie=UTF8&ASIN=3630874053&channel=detail-glance&nodeID=299956&store=books

Ebenfalls, wenn man das Interview der Mutter von Uwe Böhnhardt einmal gesehen hat.

1 Herold Binsack 10.03.2013, 17:59 Uhr

Ein hart geprüftes Volk

Außer dem „antifaschistischen Schutzwall“ war in den letzten 20 bis 30 Jahren der DDR-Existenz dort nichts mehr antifaschistisch, ja nicht einmal mehr sozialistisch. Vielleicht auch erkannt habend, dass der Sozialismus nicht von oben verordnet werden kann - und natürlich unter der kapitalschweren Konkurrenz des kapitalistischen Westens leidend (was dann auch die sozialistische Ideologie als „Mangel“ per definitionem erscheinen lässt und damit Minderwertigkeitskomplexe fördernd, welche bekanntermaßen faschistischen Massenbewegungen als psychologisches Element anhaftet), brach mit Honecker eine neue deutschnationale Ära an. Diese ganze DDR war von Anfang an irgendwie zu klein geraten, „minderwertig“ eben. Und das wollte man nicht sein. Preußisch wollte man da lieber sein, ja gar die besseren Preußen. Irgendwie an der Größe der Deutschen teilnehmend.
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Und ich sehe genau darin eine wichtige Ursache für die ungebremste Deutschtümelei der DDR dann nach 89. Aber auch einem Kohls Versprechen da aufsitzend. Wo sind sie geblieben, die „grünen Landschaften“? In der Ökonomie jedenfalls nicht, es sei denn als neues Brachland auf vormals sozialistischen LPGs. Und so wie in Deutschland „grün sein“ schon immer eher konservativ besetzt war – das 68er Emblem war da von Anfang an ein fremdes -, so weckte nur eben dieses Versprechen so manchen Wächter eines Nibelungenhorts aus seinem 1000-jährigen Schlaf.
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Und so protestantisch-konservativ auch jene Revolution um 89 schon war, eigentlich setzte sie nur das konsequent um, was in der DDR zuvor schon eingeleitet war, also von wegen Revolution!, so blieb sie denn auch.
Und auch die Tatsache, dass dieses DDR-Volk unter den 40 Jahren sowjetisch-russischer Fremdherrschaft quasi heimatlos geworden ist (und wie gesagt: Sozialismus unter Fremdherrschaft, das ist ein Widerspruch in sich), macht die Sache nicht leicht und lässt daher diese ultrarechten Affekte nicht wundern.
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Hinzu kommt etwas, was gerne weggeblendet wird. Die DDR ist auch ob der mafiösen Strukturen, die sich da z.B. in Sachsen so offen zeigen (vgl. Jürgen Roths diesbezüglichen Veröffentlichungen, ich habe sie mehrfach erwähnt), auch ein Spielfeld für noch ganz andere obskure Aktivitäten. Dass diese NSU-Kader in Wahrheit vom Verfassungsschutz kontrollierte Akteure sind, wird immer deutlicher. Und gerade an diesen sinnlosen Morden lässt sich auch die Handschrift des „Gladio-Netzwerkes“ (auch darüber habe ich berichtet) leicht ablesen. Das Volk der DDR wird damit auch zum bevorzugten Objekt eines sog. „Staatsterrorismus“ (ein Begriff den Ex-Kanzler Helmut Schmidt übrigens, allerdings nicht weiter kommentierend, in den medialen Raum gestellt hat), welcher sich da mit dem Rechtsradikalismus und vermutlich auch mit der Mafia verbrüdert.
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Es ist schon ein hart geprüftes Volk. Das muss man bei aller Kritik immer wieder hervorheben.

32 Michael Koch 08.03.2013, 02:09 Uhr

Sprache und Ideologie

Nach "Besucher_innen" wollte ich schon fast aufhören zu lesen. Aber gut, jedem sein Spleen!

12 Frank Passudetti 07.03.2013, 16:53 Uhr

Ich glaube dieser Abschnitt ist eine grandiose Fehl-Leistung

"Die antifaschistische Mär

Im Osten entledigte man sich der Schuld, die man sich während des Hitler-Faschismus‘ aufgeladen hatte, auf die denkbar einfachste Art: Durch Worte und Inszenierungen strich man heraus, qua Verfassung, Ideologie und politischer Richtung von nun an geschlossen als Nation antifaschistisch, also gut und über jeden Zweifel erhaben zu sein. Die alte Nazi-Propaganda wurde schlicht durch eine neue sozialistische ersetzt. Mit Bildung hatte das nicht viel zu tun. Man zog einfach einen Schluss-Strich unter das dunkle Gestern, feierte sich als geläutert und grenzte sich massiv gegen die Vergangenheit und den Westen ab (dem man Faschismus weiterhin unterstellte). Eine Aufarbeitung wurde so überflüssig."

Ich glaube dieser Abschnitt ist eine grandiose Fehl-Leistung, von Ihnen Frau Rönicke, der einer Überarbeitung bedarf. Sehr verallgemeinernd und ohne gute, recherchierte Grundlage! Ein Schlag ins Gesicht derer, die hier nach dem Krieg mit Hilfe der Russen einen echten Bruch und Neuanfang geschaffen haben. Wo wurde denn über die Verbrechen der Nazis gesprochen, in der DDR oder in der BRD? Und wo wurden Widerstandskämpfer und Fahnenflüchtige nach dem Krieg als Vaterlandsverräter beschimpft? Wo wurden denn die ganzen Verbrechen bis in die Siebziger Jahre totgeschwiegen?

Antworten (6) auf diese Lesermeinung

1 Hartmut Albrecht 07.03.2013, 16:06 Uhr

Deja vu

"Die alte Nazi-Propaganda wurde schlicht durch eine neue sozialistische ersetzt." Genauso hat es der Nobelpreisträger Grass im Interview mit der FAZ (2006) ausgedrückt: Die Bewohner der Ostzone "hatten es gut. Die wurden gleich wieder mit einer neuen, glaubhaften Ideologie versorgt. Wir dagegen hatten Adenauer. Grauenhaft. All die Lügen, der ganze katholische Mief". Diese Äußerungen hatten damals außer mir wohl niemand weiter aufgeregt. Ja, wenn man mal so einen Preis gewinnt, darf man wohl jeden Sch.... erzählen.

7 Frank Passudetti 07.03.2013, 14:05 Uhr

Der Artikel unterschlägt die lange...

Der Artikel unterschlägt die lange antifaschistische Tradition der DDR, die nicht nur aus hohlen Phrasen bestand, sondern alle Lebensbereiche durchdrang. Im Prinzip war damit der Antifaschismus viel wirkungsvoller als heute, da das Problem Rechtsextremismus so gut wie nicht existent in der DDR war.

Beginnen sie einmal am Anfang: Welcher Staats hat die überzeugendere Entnazifizierung durchgeführt? Schauen sie sich einmal das Politbüro an, wie viele von denen haben im KZ gesessen oder waren echte Antifaschisten, als Mitglieder der KPD sowieso? Eine große Rolle spielte ebenfalls der Nazionalsozialismus, bzw. der Kampf gegen diesen in der Schulbildung, bereits ab Klasse 4! Beachten sie zahlreiche Werke aus Kunst und Kultur zum Thema "Antifaschimus", zB "Die Abenteuer des Werner Holt", Schullese-Pflichtstoff! Auch die KZ, wie Buchenwald waren zu DDR-Zeiten bereits Gedenkstätten, es gab Klassenfahrten dorthin. Beachten wie weiterhin, die umfangreiche Erziehung zu Toleranz und Solidarität, gegenüber anderen Ländern und Hautfarben, bereits ab dem Kindergartenalter! Außerdem denken sie an die vielen Gastarbeiter in der DDR aus Vietnam, Kuba, Ungarn. Gab es zu DDR Zeiten hier größere fremdenfeindliche Vorfälle? Nein. Der Antifaschismus in der DDR war also nicht hohl, er war zwar zum Teil staatlich verordnet, richtig. Eine Kollektivverdrängung kann es gar nicht gegeben haben.

Was freilich fehlte war eine, wie sie schreiben, pluralistische oder gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung, wie man sie heute zB im Internet oder in Talkshows führen kann. Das führt noch einmal dazu, das man sich selbst verortet, eine Meinung bildet, sich selbst mit dem Thema auseinandersetzt. Ob damit die höhere NPD-Anhängerschaft im Osten erklärt werden kann? Ich denke nein. Ich würde die Gründe eher in wirtschaftlichen Bedingungen suchen. Bedenken sie einmal, 1991 brachen von 4 Mio. Industriearbeitsplätzen 2,5 Mio. weg und das innerhalb eines Jahres. Und das zum Thema "Sündenbock".

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Focus Turnier 07.03.2013, 08:50 Uhr

Oha

"Katrin Rönicke [...]Feministische Initiative Frau Lila. "

Aha. Also ein feministischer Text. Naja, brauch ich nicht lesen. #vielspaßnoch

MfG
FT

3 Günther Werlau 06.03.2013, 20:40 Uhr

Ich hätte ein paar Fragen

Ich bin mir nicht sicher, was Sie mit einigen der verwendeten Begriffe und Ausdrücke meinen. Vielleicht können Sie mir auf die Sprünge helfen:

"... Hinzu kommt eine häufig noch sehr „alte“ Methode der Erziehung, eingebettet in ein ohnehin recht konservatives Umfeld. Offenheit ist vielen alten Sippen dort ein Fremdwort. ..."

Was ist "eine ... sehr 'alte' Methode der Erziehung"? Gibt es eine die typischer Weise einen Neonazi zur Folge hat?

Betrachten Sie ein konservatives Umfeld als förderlich für den Neonazismus?

"... Hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde geschichtliche Bildung und die Defizite in der Eltern-Kind-Beziehung – die Motive und Umstände, in denen Rechtsradikalismus wächst, sind sich meistens recht ähnlich. ..."

Ist die baden-württembergischen Provinz ebenfalls geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und Defiziten in der Eltern-Kind-Beziehung? Worin bestehen die typischen Defizite in der Eltern-Kind-Beziehung im Osten und in der baden-württembergischen Provinz?

Vielen Dank für die zusätzlichen Informationen.

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Spricht, schreibt und denkt ins Netz und in die Welt. Freie Autorin und Podcasterin, Berlin