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Hinterbliebene des Chaos

28.03.2013, 11:19 Uhr  ·  Sabine Rennefanzs „Eisenkinder“ ermöglicht einen anderen Blick auf den Westen Deutschlands, indem es von den Fehlern Ostdeutschlands berichtet.

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Am 12. März 2013 erhielten die Wostkinder eine Warnung:

„Die Sache mit dem „Märchen“ oder „Mythos“ vom Antifaschismus in der DDR ist eine von vielen Lügen, so auch von der maroden Wirtschaft oder angeblichen Pleite, welche über die DDR durch die Westmedien und auch einige konservativen Politiker mit recht großem Erfolg verbreitet werden, um in kinkelscher Manier die DDR im Nachhinein zu delegitimieren. Bitte fallt nicht darauf herein!“

Die Warnung bezog sich auf einen Beitrag von Katrin Rönicke, in dem sie sich mit der nicht vorhandenen Aufarbeitung der Naziverbrechen in der DDR auseinandersetzte. Abgrenzung und Verdammung sei keine Aufarbeitung. Der Warnende verwies auf eine „viel sagende“ Rezension zu einem Buch. Besagtes Buch lag zu diesem Zeitpunkt vor mir. Es nennt sich „Eisenkinder“ [1] und wurde von Sabine Rennefanz verfasst. 1974 in Beeskow geboren, war sie zum Fall der Mauer 15 Jahre alt. Den Mauerfall selbst nimmt sie als Ereignis zunächst nicht wahr. Sie sieht den Vorgang als solchen im Fernsehen, begreift es aber nicht so recht und schaltet aus. Zu diesem Zeitpunkt sitzt sie hinter den Mauern eines Elite-Internats der DDR in Eisenhüttenstadt. Der DDR-Vorzeigestadt. Die erste sozialistische Planstadt, die auch heute noch die jüngste Stadt Deutschlands ist und sich mit der Wende zu einem Ort der Trostlosigkeit wandelte.

Im Flow chaotischer Zustände

Eisenkinder ist der Versuch die Dinge zu betrachten ohne eine Wertung vorzunehmen. Es obliegt dem Leser, die Schlüsse aus dem Beschriebenen zu ziehen. Er muss es regelrecht. Zu stark ist der Sog, den der Werdegang von Sabine Rennefanz entfaltet. Aus den gesicherten Verhältnissen der DDR heraus, in denen sie wusste, wie sie zu sprechen und zu lügen hatte, wird sie durch die Wende in ein Chaos geworfen. Sie schaut zu, wie aus überzeugten Sozialisten über Nacht andere Menschen werden. Marktwirtschaft und Freiheit sind die neuen Parolen. Ein Glaubenswechsel, der gänzlich ohne Erklärung stattfindet, wodurch niemand wissen konnte, wie genau der neue Glaube zu Leben ist. Wie man sich als Westler zu verhalten hat, wie die neuen Regeln lauten oder wie sehr sich eine Umgebung über den Dress Code definiert. Ohne jedwede Betriebsanleitung ward jeder urplötzlich auf sich allein gestellt und kämpfte um das wirtschaftliche Überleben. In diesem sich ausbreitenden Chaos befindet sich Rennefanz merklich allein und man hat streckenweise den Eindruck, sie versucht sich in diesem Chaos vor der ihr drohenden Welt zu verstecken.

Das Leben rauscht in dieser Zeit unverstanden an ihr vorbei. Was soll sie auch verstehen, wenn alles was sie tut, von heute auf morgen vollkommen belanglos und falsch sein kann? Täglich ein neuer Glaube droht. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ hört man Adorno im Hintergrund poltern. Die Freiheit des Westens war keine Freiheit, wie sie von einem gefestigten Boden aus verstanden werden kann. Die Freiheit fühlte sich an wie Anarchie. Die DDR war weg und keiner wusste sich zu verhalten. Viele trauten sich gar nicht erst das Wort zu erheben, wenn etwas gefühlt schräg lief. Denn das ist geblieben: der Reflex des Mundlosmachens all jener, die dem vermeintlichen System oder der Annahme darüber widersprachen, die gerade en vogue war. Wie verworren diese Zeit war, zeichnet Rennefanz am Beispiel eines ihrer Lehrer nach, der innerhalb kürzester Zeit die neue Ideologie übernahm und vollkommen für sich adaptierte. Er verschwand eines Tages, weil er sich zu schnell anpasste und dadurch untragbar oder unerträglich wurde.

Das Gebaren westlicher Lebensart wurde versucht zu übernehmen und dabei in teilweise überspitzter Weise ausgelebt. Jeder durfte alles, alle waren überfordert, aber dagegen sein durfte niemand. Der Jugend wurden Bomberjacken gekauft, denn die waren haltbar und recht praktisch. Ebenjene Jugend beschäftigte sich nach der Wende mit den Symbolen und Gebräuchen, die in der DDR besonders stark abgelehnt wurden. Die Saat des Rechtsradikalismus konnte sich auf diese Weise sehr leicht ausbreiten. Es widersprach niemand, nicht einmal in den wenigen verbliebenen Jugendclubs. An dieser Stelle des Buches bringt Rennefanz etwas ganz bemerkenswertes zur Sprache, was bei der Diskussion des Themas gerne vergessen wird: Diese Kultur der Abgrenzung und des Frustes stieß auf eine bundesdeutsche Debatte, die ihr absolut nichts entgegensetze. Im Gegenteil: Manfred Kanther aber auch Roland Koch seien hier beispielhaft benannt, als jene, die das lodernde Feuer nur schürten und Ressentiments zu bedienen wussten. Schaurig lesen sich in der Retrospektive die Aussagen diverser Politiker. Und so mag sich bei einigen Menschen der Eindruck verfestigt haben, dass die Überwindung des „Antifaschistischen Schutzwalles“ nun auch ein Leben im Faschismus bedeutet.

© Marco Herack 

Sabine Rennefanz geht einen anderen Weg. Sie tritt einer Freikirche bei und wird zur fundamentalistischen Christin, die Bibeln verteilt, in Russland zumindest kurzzeitig zu missionieren versucht und erst durch die Liebe aus ihrem Wahn gerissen wird. Einen Wahn, der sich leicht darauf marginalisieren lässt, dass sie sich von leichten Antworten auf sehr komplexe Fragen verführen lässt. Im Gegenzug werden zwischenmenschlicher Halt und Glaubensfreundschaft geboten. Man gehört zusammen. Der wichtigste Satz des Buches steht auf Seite 219: „Die Welt hinter der Mauer bot ein Gefühl der Geborgenheit.“ Gemeint ist die Mauer einer Freikirche, der Rennefanz sich anschloss. Dieser Punkt erst lässt die Parallelen zu Uwe Mundlos und Co., dem NSU, entstehen. Man ahnt, wie ähnlich die grundsätzliche Problematik sein kann, die dann in den Irrweg führt, der je nach Glück oder Pech mal radikaler oder sanfter verläuft: feste Strukturen, starke Führung, das Gefühl wichtig zu sein und einem höheren Zweck zu dienen.

Dieser Weg ist kein Einzelfall. Geschichten wie diese werden selten erzählt, lassen sich aber oftmals an der schemenhaften Darstellung der Vergangenheit im Freundes- und Bekanntenkreis erahnen. Bei mir persönlich war es beispielsweise so, dass das Thema Drittes Reich für mich einfach nicht zugänglich war. Ich wusste, was da passiert ist, dass man so etwas nicht macht und dass ich es nicht gut finde. Nur fehlte das Verständnis für die sich daraus ergebende Konsequenz. Die Feier- und Trauertage haben mich immer genervt. Wozu das alles und was hat das mit mir zu tun? Das Problem ist und bleibt: Theorie. Es gibt kein Nacherleben und Empfinden. Der Blick von uns Nachfolgenden wird immer abstrakt bleiben. Das Dokumentieren hilft nur insofern, als dass die Informationen bewahrt bleiben. Die Verantwortung für die früheren Taten unserer Gesellschaft zu übernehmen, das müssen die Mütter und die Väter ihre Kinder lehren. Rituale sind nützlich, Blaupausen gibt es jedoch nicht.

Der Grund, warum das Thema für mich schwer zugänglich war, ist bedauernswert einfach. In der DDR waren die Erzählungen Propaganda, die mir in der Schule eingetrichtert werden sollten. Davon kann man sich nur abgrenzen, wenn man es, wie in meinem Fall, bewusst erlebte oder in der Retrospektive erkennt und dann die Dinge in einer neuen Welt neu zusammensetzen muss. Es nagt das Wissen um die Flexibilität des Glaubens an der vor einem liegenden Wahrheit. Befördert wurde dies durch meine Westschulen, in denen es ein leidiges Pflichtprogramm war. Man musste das halt besprechen. Man musste halt dieses KZ besuchen, auch wenn die Krankenquote der Klasse an diesen Tagen bemerkenswert hoch war. Man litt an der Verpflichtung, keinesfalls an dem was Geschah. Und wenn ich das schreibe, dann sind damit weniger die unbedarften Schüler gemeint. Gemeint ist das, was die Lehrer diesen Schülern vermittelten.

Für mich brauchte es erst Hannah Arendts Bericht über den Eichmann Prozess in Jerusalem [2], um den Zugang zu finden. Denn das war eine Ansprache, die ich verstehen konnte. Ohne mahnenden Zeigefinger, ohne Zusprechung einer Schuld oder sich echauffierende Abgrenzungsrhetorik. Hannah Arendt ging es um das Verstehen und dadurch konnte ich verstehen. Und zwar auch, dass nach der Wende niemand für den Osten da war, um den Menschen verstehen zu helfen. Bis heute nicht, denn der einzige Dialog der zwischen West und Ost möglich scheint, ist die verordnete und mit 100 Millionen Euro jährlich geförderte Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. So wichtig das sein mag, es ist kein Dialog auf Augenhöhe.

„Eisenkinder“ ist eines der wichtigeren Bücher. Es ermöglicht das Verstehen, wenn man in der Lage ist, sich darauf einzulassen und den Dialog mit sich selbst zu führen. Ein Anfang, der das Potenzial für mehr bietet. Der es ermöglicht, durch die Sicht auf die Fehler des Ostens die Verfehlungen des Westens zu erkennen und dadurch eine wechselseitige Verantwortung schafft. Eine real existierende Gemeinsamkeit.

Sabine Rennefanz: „Eisenkinder“. Erschienen im Luchterhand Literaturverlag. 256 Seiten. 16,99 Euro.

 

Hinweis: Melanie Mühl im Gespräch mit Sabine Rennefanz: Die Generation der tickenden Zeitbomben

[1] Mir ist erst gen Ende des Buches in den Sinn gekommen, dass die Begrifflichkeit „Eisen“ wohl mit Eisenhüttenstadt zusammenhängt. In einem Interview mit dem MDR erläutert Sabine Rennefanz dies noch weiter. Interessanterweise spielt der „Eiserne Vorhang“ dabei keine Rolle.

[2] Gemeint ist „Hannah Arendt – Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Man mag inhaltlich darüber streiten können, aber Arendt hat einen wesentlichen Beitrag zur Ausdifferenzierung des Themas geleistet. Was allerdings bis heute versäumt wurde, ist die weitere Ausarbeitung des „Verwaltungstäters“ unabhängig von Eichmann. In Zeiten der Supranationalisierung, in der „das Recht, Rechte zu haben“ eines der Wichtigsten wird, trifft man in den von staatlicher Kontrolle losgelösten Institutionen vermehrt auf diese Täterform.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (8)
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[...] erstes Gespräch ist am Mittwoch...

[...] erstes Gespräch ist am Mittwoch veröffentlicht worden. Wir sprachen mit Sabine Rennefanz, Autorin des Buches “Eisenkinder” über ihre Kindheit und Jugend in der DDR, ihre Erfahrungen auf einer DDR-Elite-Schule in [...]

1 Markus Schaedel 02.04.2013, 20:39 Uhr

Ich muss ehrlichgesagt gestehen, dass ich...

Ich muss ehrlichgesagt gestehen, dass ich sowohl die hier aufgeführten Abschnitte/ Erläuterungen des Buches "Eisenkinder", sowie den Beitrag ansich in seinem tieferen Sinn nicht ganz deuten kann.

Auf welche konkrete Problematik sollen die kontroversen Ost West Ansichten und evtl. fehlgeleiteten Handlungen denn im Endeffekt hinausgelaufen sein ? Darauf dass 3 Leute extrem Rechtsradikal und Mörder wurden ? Und was ist mit den "normalen Leuten" ?

Antworten (3) auf diese Lesermeinung

0 John Schäfer 01.04.2013, 14:14 Uhr

Lichterkette für Ossis

Danke, der Blog wird langsam gut.

Heute las ich erstmals etwas zu den Kernpunkten für mein eigenes Unverständnis für das "antifaschistische" Brimborium in diesem Land und dieser Form von Gesellschaft in der ich nun seit 1990 leben darf. Der Tip Hannah Arendt ist sehr gut.

In mir steigt regelmäßig Ekel und drollige Reminiszenz an Erlebtes in der DDR auf, wenn ich all die zivilreligiösen Rituale von albernen Lichterketten bis hin zur Talkshow mit Jauch (Stichwort: Unsere Mütter, Unsere Väter) sehe. Bekennermut als Spielszene ist öde. Das ist meine Erkenntnis aus der biografischen Gnade der Vergleichsmöglichkeit.

Allerdings ein Widerspruch zu den angedeuteten Sorge um das Abschweifen zu neuen Extremen: Der Glaube an Gott kann der inneren Freiheit förderlich sein. Ganz ohne Konfessionskrämerei.

2 Marco Vogt 29.03.2013, 07:48 Uhr

Wer arbeitet die Wende eigentlich mal aus...

Wer arbeitet die Wende eigentlich mal aus West-Sicht auf?

Antworten (1) auf diese Lesermeinung