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Der Habitus, der an dir klebt

04.04.2013, 08:30 Uhr  ·  Rückblende in die Neunziger: Wie der eigene Habitus und Klischeedenken feine Unterschiede schaffen, die dazu führen, dass Inklusion von Ost nach West nicht gelingt.

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Erst vor einigen Jahren habe ich Worte für das gefunden, was mich eine lange Zeit in meiner Kindheit traurig gemacht hat. Doch ich hatte keine Bezeichnung für das, was geschah. Und es geschah auch nicht sehr viel – zumindest oberflächlich betrachtet. Was geschah, war fast nicht sichtbar – nur spürbar. Beinahe 20 Jahre lang fehlten mir Begriffe, bis ich in meinem Studium vor einigen Jahren Pierre Bourdieu begegnete. In einem Seminar las ich Textstellen aus „Die feinen Unterschiede“ (1). Darin hatte Bourdieu beschrieben, wie so etwas Subtiles wie Geschmack über soziale Inklusion oder Ausgrenzung entscheiden kann. Erst nach und nach begriff ich seitdem, dass ich einen ostdeutschen Habitus hatte. Wahrscheinlich bis heute habe.

Ich war sieben Jahre alt und die Leute sagen von kleinen Kindern, dass sie sehr flexibel und anpassungsfähig sind. Sicher. Aber vieles sitzt in diesem Alter auch schon fest, ist verinnerlicht ohne, dass man sich dessen unbedingt bewusst ist. Ein Teil unseres Wesens ist fertig, er entsteht durch die Kultur, die uns umgibt, durch die Sprache und die Musik, die wir hören, die Bilder, die wir sehen, das Essen, das wir essen und vieles mehr. All das, was uns vertraut ist, unsere Normalität, prägt wie wir „ticken“. Dies ist der sogenannte Habitus.

Kulturkonsum macht Leute

Bourdieu hat in „Die feinen Unterschiede“ das Soziologische und das Ökonomische im Raster der Kultur zusammengebracht. Er sagt (es ist sein erster Satz und er gibt die Richtung des Buches vielsagend vor):

„Auch kulturelle Güter unterliegen einer Ökonomie, doch verfügt diese über eine eigene Logik.“

Der Rest des Buches untersucht mit wissenschaftlichen Werkzeugen, was das für eine Logik ist. Die Bedingungen, die sich als eine Art unsichtbarer Spielregeln beschreiben lassen, können auch „Distinktion“ genannt werden. Sie besteht aus dem Schaffen von Unterschieden und die zugehörige Praxis ist ständige Abgrenzung. Distinktion gab es immer schon, sie scheint nahezu zum Menschen zu gehören, einprogrammiert zu sein in dessen Nervenbahnen. Sie trennt Klassen und Kulturen auf eine mal mehr, mal weniger subtile Art. So war französisch früher eine Adelssprache und wer gelehrt war, konnte noch bis in das 20. Jahrhundert hinein Latein – es verschwindet erst seit kurzem (und selbst das werden manche noch bestreiten). Manche Unterschiede sind weniger offensichtlich, eben feiner.

 

So fällt an der Frau im karierten Mantel in der U-Bahn auf den ersten Blick vielleicht niemandem der Wohlstand auf. Doch: Denjenigen, die einen Blick für die feinen Unterschiede haben, die Codes kennen, denen fällt er auf und sie werden sich vielleicht ein kleines bisschen mehr gemein mit der Frau machen, als mit jeder anderen. Denn wenngleich der Mantel auf den ersten Blick von der geschmähten „Stange“ einer schwedischen Klamottenkette sein könnte, bei genauerer Betrachtung schließen an den zusammengenähten Stellen die Karos auf eine stilvolle Art miteinander ab. Hier hat jemand nicht nur wahllos Stoff zerschnitten und im Akkord in Bangladesch aneinandergenäht. Nein, es wurde auf ein für Leute wie mich unsichtbares Detail geachtet – bei diesem Mantel gab es mehr Verschnitt. Dafür ist das Muster perfekt.

Destinktion unter Kindern

Wenn ich heute mit meiner Mutter über meine Kindheit und dieses Gefühl des Ausgegrenzt-seins spreche, dann ist sie verwundert und denkt an ein (aus ihren Augen) ganz normales Mädchen, das mal kurz Probleme hatte, weil es gehänselt wurde. Die feinen Unterschiede sind für uns wohl tatsächlich sehr schwer zu greifen, über Generationen hinweg kaum zu verstehen, aber als Kind habe ich sie gespürt, ohne einen Begriff dafür zu haben. Im Detail gab es viele kleine Unterschiede. Das fängt an bei Frisur, Kleidung und Schuhe. Mein Plüschtier-Bataillon sah anders aus, ostiger und daran konnte auch meine kleine ALF-Klemmfigur nichts ändern, die ich heiß und innig liebte (da ich ALF heiß und innig liebte, vielleicht, weil ich mich manchmal ähnlich deplatziert fühlte). Als es „in“ war, Stickeralben zu bestücken und die Sticker untereinander zu tauschen, hatte ich zwar welche. Aber aufgrund der preislichen Unterschiede (die dann gar nicht mehr so fein waren), waren darunter weniger Plüschige und weniger Glitzernde als bei anderen Kindern. Mit mir wollte man nicht so gerne tauschen.

Klar: Meine Eltern hatten auch einfach nicht so irre viel Geld – aber andere Eltern auch nicht. Viel mehr, denke ich, spielte hier eine Rolle, dass meinen Eltern nicht so ganz aufging, dass sich schon Kinder soziale Anerkennung über Statussymbole erkauften. Heute bin ich ihnen dankbar, dass sie da nicht mitgemacht haben. Wenngleich ich mich damals sicher manches Mal beschwerte und gern mehr gehabt hätte. Mehr Sticker, mehr Barbies und Anziehsachen für sie, mehr Spiele für den Gameboy (und vielleicht nicht nur den Gameboy, sondern NES oder Supernintendo wie andere Kinder… die Möglichkeiten waren ja schier unendlich und ich war alles andere als darin geübt, mit der riesigen Auswahl an Konsumgütern auf eine angemessene Weise umzugehen). In der Schule hatten alle Kinder einen Pelikan Tuschkasten, nur ich nicht, ich hatte einen Noname-Kasten. Erst, als im Gymnasium mein Kunstlehrer darauf bestand, dass es der von Pelikan sein müsse, besorgte man mir eben diesen. Erst, als mein Gymnasial-Musiklehrer mir in der Sechsten einen Vogel zeigte, als ich nach dem Kontakt zu einem Keyboard-Lehrer fragte, bekam ich ein Klavier. Und Klavierunterricht, den andere schon seit ihrem fünften Lebensjahr gehabt hatten. Was anderen völlig Selbstverständlich war (etwa die Mitgliedschaft im Sportverein), wurde bei mir häufig erst von außen angeregt.

Gewollt und nicht gekonnt

Bis ich etwa 14 Jahre alt war, hatte ich das dumpfe Gefühl, dass mit meiner Kleidung (verglichen mit der Kleidung der anderen) etwas nicht in Ordnung war. Erst mit 14 fand ich meinen Stil, wurde langsam sicherer in der Auswahl meiner Klamotten. Ich begann, aus der „Not“ eine Tugend zu machen und ausgetragene Klamotten (aus dem Second Hand oder von meinem Vater) anzuziehen. Denn jetzt war ich eben „alternativ“ und machte das zum persönlichen Stil und fühlte mich damit ganz wohl. Auch setzte ich in diesem Alter bewusst auf den Besitz einer Levis Jeans und eines Levis Sweatshirts (die ich beide solange trug, bis sie auseinanderfielen), um wenigstens ein kleines bisschen an die anderen anschließen zu können. Doch der eigentliche „Trick“ lag darin, es mit der Assimilation insgesamt eher aufzugeben. Mir wurde es zum ersten Mal egal, was andere über mich dachten und als ich in der Abizeitung den Titel „die mit den freakigsten Klamotten“ abstaubte, war ich stolz darauf. Ich war ich. Wie ich sein wollte und konnte. Die ersten sieben Jahre war ich nur gewollt, nicht gekonnt gewesen.

Aus der Distanz betrachtet wundert es mich heute nicht. Über die Mode in der DDR gibt es eine eigene Episode des Podcasts „Staatsbürgerkunde“. Und ich spare mir darauf verweisend einmal die Ausführlichkeit. Fest steht aber, dass die Mode der DDR anders war und auch vom Westen nicht selten belächelt. Die Kleidung war, wenn sie nicht gerade aus dem „Exquisit“ kam, wenig vielfältig oder gar glamourös. Nicht jede_r war so stilvoll wie Katharina Thalbach, als sie 1974 von Sibylle Bergemann fotografiert wurde (zu sehen in einem Youtube-Video). Aber: Dass wir im Vergleich mit dem Westen eher … unmodisch aussahen, das war gerade uns Kindern bewusst.

Vor der Wende, in meinem Fall vor unserer Ausreise, sah das noch anders aus: Unsere Mutti fanden wir hübsch (und das war sie natürlich auch!) und unsere Kleidung gefiel uns gut, so wie sie war (wenn sie nicht gerade kratzte oder juckte, wie so manche Strumpfhose – aber das dürfte ein sehr internationales Problem sein). Das, was ich als „normal“ kennengelernt hatte, war nun aber nicht gerade deckungsgleich mit westlichem Geschmack. Und so merkte ich nach dem Umzug in den Westen unterbewusst schon recht früh, dass ich nicht so ganz „reinpasste“. Dieses Gefühl wurde in den Anfangsjahren nach der Wende nur bestärkt: Jeder Besuch im Osten, bei den Verwandten, den Cousinen, den Freunden, machte es schlimmer. Wie „schlecht“ dort alle angezogen waren. Zumindest fand ich das plötzlich. Es war mir schrecklich peinlich. Dennoch hatte ich nie gelernt, wie das „richtig“ ging, wie man sich im Taubertal eigentlich anzuziehen hatte. Alle taten es ja, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt (alle Einheimischen zumindest). Bourdieu bringt das Problem mit dem Begriff Habitus auf den Punkt:

„Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist.“

Die Rönicke aus der DDR

So wie ich war, wollte ich viele Jahre lang nicht sein. Doch das lag nicht nur am Habitus. Hinzu kamen die Klischees und Stereotype über Ossis. Allen voran das legendäre Titelbild des Satiremagazins Titanic um die Wende, das mit der „Zonen-Gaby“. Vielleicht war dieses Titelbild gar nicht mehr nötig, um den Wessis einen Freifahrtsschein zum Lustig-machen über Ossis zu geben. Jedenfalls wurden Sprache, Klamotten, (fehlender) Geschmack, Filme und Serien, Musik und vieles mehr sehr ausgiebig durch den Kakao gezogen. Ossi zu sein war peinlich. Und es wurde von einigen Mitschülern geradezu zelebriert, sich darüber lustig zu machen. In der ersten Klasse wie auch nach dem Wechsel aufs Gymnasium in der fünften Klasse, fanden sich immer ein paar Kinder, die sich der kursierenden Witze dankend annahmen. „Die Rönicke aus der DDR“ – mehr musste man gar nicht sagen. Allein das reichte schon, um abzuqualifizieren.

Über wen ein solches Bild, stereotyp und voller Klischees, gezeichnet wird, der ist nur schwer ein freier Mensch. Immer wieder wird er auf solche Klischees zurückgeworfen sein, sich in Schubladen wiederfinden und dagegen angehen müssen. Angeheizt wurden die Klischees nicht zu knapp auch von Politikern. Zum Beispiel Harald Ringstorff, der von Kristina Schröder sogar lobpreisend und für die konservative Seele stehend zitiert wird: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit.“ Weshalb die Ostdeutschen, nach Ringstorff, lieber alle trockenes Brot äßen, anstatt hinzunehmen, dass alle Brot mit Margarine bekämen und einige wenige sich noch Kaviar drauf schmieren könnten. Schublade auf, Ossis rein, Schublade zu. Die Emanzipation der Ostdeutschen aus all diesen Schubladen ist, so scheint mir, noch lange nicht geschafft. Die Inklusion in ein gemeinsames Deutschland ist genauso misslungen, wie sich Deutschland mit der Inklusion diverser Kulturen immer schwer tut. Und gefühlt sind ja immer die anderen das Problem: Ihr Habitus klebt an ihnen.

 

(1) Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp 2012 (22. Aufl.)

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (25)
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4 Markus Schaedel 07.04.2013, 17:49 Uhr

sorry

Ich kann natürlich nur für mich selbst sprechen. Auch wollte ich niemend damit zu nah treten.Das ist einfach nur meine persönliche Meinung.
Ich bin in der DDR aufgewachsen, als die Mauer fiel war ich 14 J. , inzwischen bin ich 37 J. und wohne seit 8 Jahren bei Bremen.
Es ist interessant, was einem im Laufe der Jahre so durch den Kopf geht.Die Unterschiede zwischen ost und west sind einfach da. Anpassungsschwierigkeiten hatte ich genug. Meistens ging es eher darum, im Job, sagen wir mal „hart“ zu sein und sich durchzubeissen, mit Eigendynamik und auch ein bisschen Show. Diese ( für mich ) doch etwas oberflächliche Art der Selbstdarstellung habe ich im Laufe der Zeit allerdings einfach nur hassen gelernt. Erstens kann ich es gar nicht. Zweitens will ich es auch gar nicht.
Ich habe vor 2 Jahren für mich selbst ganz klar formuliert:Ich hab keine Lust, diesen West Habitus zu verkörpern ! Wer bin ich dann ? Ich arbeite mit Russen und Türken, alle die scheinen überhaupt keine Schwierigkeiten zu haben, ihren nationalen Habitus auszuleben. Warum habe also ich als Ossi das Gefühl, ich müsste mich überanpassen und einen Teil von mirselbst unterdrücken, der einfach zu mir gehört. Ich habe schlicht keine Lust mehr darauf !
Diese Erkenntnis war für mich so einschneident und wichtig, dass es mir fast die Tränen in die Augen treibt.Ohne das alles bin ich nichts. Ohne die Menschen im Osten, die mich geprägt haben, bin ich nichts.
Ohne die Erinnerungen an meine Freunde aus der Kindheit bin ich nichts. .u.s.w....
Ich bin ein Ossi im Westen. Und Angriffsfläche bietet doch jeder irgendwie.
Wenn ich das also so sehe, was soll ich hier sonst schreiben.?

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0 Oliver Remme 06.04.2013, 16:06 Uhr

der Keyboard-Lehrer

"Erst, als mein Gymnasial-Musiklehrer mir in der Sechsten einen Vogel zeigte, als ich nach dem Kontakt zu einem Keyboard-Lehrer fragte, bekam ich ein Klavier."
- Würden Sie, liebe Frau Rönicke, mir diesen Vorgang gedanklich näherbringen? Haben Sie, wenn ich so beginnen darf, wortwörtlich nach einem Keyboard-Lehrer gefragt?

6 Markus Schaedel 06.04.2013, 10:12 Uhr

Dein Habitus ist ein Teil deiner nationalen Seele

Ich finde den Beitrag auch sehr interessant. Was ich seltsam finde ist, dass bereits der Titel den eigenen Habitus ( in diesem Fall der DDR Habitus ) verumglimpft ! Warum eigentlich ??

Wie kann Authenzität, Zusammenwachsen ect. enstehen, wenn man sich seines eigenen Habitus schämt und versucht, alles zu verbergen ??

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1 Christian Igel 05.04.2013, 17:43 Uhr

In Frankreich...

... ist die Bedeutung des Habitus' sicherlich deutlich größer als z.B. in den USA. Deutschland dürfte etwa in der Mitte liegen. Bourdieu jedenfalls wurde von seinen amerikanischen Kollegen ja etwas belächelt, wenn er etwa berichtet, wie wichtig gegenseitige Geschenke in der französischen akademischen Welt sind für den Aufstieg. Das Wissen, was "man" wann schenkt, ist habituell und wird nicht ausdrücklich vermittelt...

Mir fällt z.B. immer wieder auf, wie extrem gepflegt Oberschichtsangehörige sind - passt zu ihrer Beobachtung mit den Karos... Vor meiner Bourdieu-Lektüre wäre mir sowas nie aufgefallen.

Auch dass Geschmack derart von Herkunft (via Habitus) bestimmt ist, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Mich hat wie Sie auch nur vieles verstört (bin auch Ossi), aber erst die Feinen Unterschiede haben mir die Augen gewissermassen geöffnet... :)

Heute kann ich fröhlich sage, dass man solche habituellen Irritationen am besten mit Gelassenheit und Vernunft aushält. Ich habe beruflich häufiger mit Oberschichtsleuten zu tun und komme ganz gut klar... Freundlich, vorurteilsfrei, rational, sorgfältig, ordentlich und gut riechend - damit kommen Sie schon recht weit... :)

Außerdem hilft es enorm, sich grundsätlich nie mit trivialen Dingen zu beschäftigen und von allem immer nur das Beste zu nehmen - jedenfalls betreffs Literatur, Musik, etc. Das war seit der Antike ein Merkmal der Oberschicht, und es macht ausserdem Spass, Heidegger und Wittgenstein zu lesen, statt, wie die Mittelschicht, Kant und Hegel, oder wie die Unterschicht, Precht und Yogeshwar im Regal zu haben... :)

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4 Wolfgang Schlage 05.04.2013, 11:11 Uhr

Was tun mit den Unterschieden?

Angesichts der subtilen oder nicht subtilen Unterschiede gibt es zwei Fragen: Erstens, was man tun kann, sich anzupassen und ob dies überhaupt möglich ist. Zweitens, wie eine Gesellschaft mit diesen Unterschieden umgeht.

Es ist die zweite Frage, die mich mehr interessiert. Beispiel: als ich als Student ein Praktikum in einem Unternehmen machte, bedeutete man mir, dass an der Universität ja alles "Theorie" sei (Naserümpfen), aber das sei hier völlig unbrauchbar, denn im Unternehmen sei schließlich alles "Praxis". Kurz, ich war ein unbrauchbarer Idiot. Warum nicht etwas Freundliches wie: willkommen, wir zeigen Ihnen gern, was wir hier machen; oder: wir freuen uns über Ihr Interesse; oder gar: uns interessiert auch Ihre Perspektive, vielleicht haben Sie eine Idee, die wir noch nicht hatten. Über einen fremden Dialekt kann man sich lustig machen, oder man kann sich dafür interessieren, woher der andere kommt. Auf eine fremde Kultur kann man entweder neugierig sein, oder man kann abwertende Bemerkungen machen. Man kann fragen, wie jemand mit weniger Geld sein Leben gestaltet, oder man kann sich überlegen vorkommen und ihm das iPhone vor die Nase halten. Und auch, wenn man nun kein riesengroßes Interesse am Verschiedenartigen hat (man muss sich ja nicht für jede andere Kultur interessieren, und man hat ja auch nicht immer die Zeit oder Kapazität dazu), anstatt mit Abfälligkeiten kann man doch jedenfalls mit freundlichem Desinteresse oder sogar desinteressierter Freundlichkeit reagieren.

Was treibt die Menschen nun dazu, die unterschiedlichen Habitusse mit so viel Bösartigkeit zu belegen? Und selbst wenn diese Bösartigkeit irgendwie "natürlich" sein sollte: was hindert sie daran, diese zu verbergen und mit der Freundlichkeit und Höflichkeit zu reagieren, die einer zivilisierten Gesellschaft zur Verfügung stehen?

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0 Heike Schneider 05.04.2013, 10:51 Uhr

Sie verwechseln hier im Wsten Einiges und betrügen sich selbst, auch mit wieviel Betrug ...

..sie sich gerade nach der bereichert haben, gerade weil sie sich dann über die Ossi lustig gemacht haben ohne zu merken wie doof sie selbst sind. Und vor allem haben sie nach der Wende nicht mal gemerkt, dass sie sich mit kriminellen eingelassen haben. Und die Westdeutschen haben enorme Wahrnehmungsstörungen, weil sie sich spiegeln aber das Echo nicht aushalten und ja keine Kritik. Und sie denken nur weil sie in der BRD geboren sind, sind sie von Haus aus besser. Darüber haben sie gar nicht gemerkt, was ihnen fehlt und wie krank sie selbst sind. Vor allem können sie alle nicht rechnen, weder die Banker, noch die Leute die weiter fröhlich von Subventionen leben. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sind gestört. Und sie haben die DDR idealisiert, einen Staat der Pleite ging, weil es für Kinder alles umsonst gab. Wohnungsvergabe nur wenn Kinder kamen, ect. haben sie in der BRD übernommen, statt erst Mal selbst zu arbeiten.

4 Fake Name 05.04.2013, 06:17 Uhr

Man kann den Zonie aus der Zone holen-

Aber man kann nicht die Zone aus dem Zonie holen.

5 Nils Ueno 05.04.2013, 01:10 Uhr

Wundervoll

Vielen Dank!
Ihr Beitrag erinnert mich an folgende Begenheit:
Ich (Student aus dem Osten) unterhielt mich vor kurzem mit einer "Westfrau" im Rahmen einer Wohnungsbesichtigung.

Diese war am Ende des Gesprächs äußerst verblüfft, als ich anmerkte aus Sachsen-Anhalt zu kommen.

Sie sagte verblüfft: "Das merkt man ja gar nicht!" - Die Frage ist nun: Wie sollte meine Reaktion ausfallen? Soll ich "danke" sagen? :)

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8 Thorsten Krach 05.04.2013, 00:35 Uhr

Abwärtskompatibilität vs. Aufwärtskompatibilität/ Freiheit von und zu

Ein sehr guter Artikel!

--

Man kann den ganzen beschriebenen Problemkomplex auch über die Perspektive von Wahlfreiheiten betrachten - als Freiheiten von oder zu etwas -, statt nur auf Klassenunterschiede, die sich durch Einkommensunterschiede etablieren können, abzustellen.
Fast jeder Akt, sei es nun ein Sprach- und/oder Handlungsakt, kann als ein Unterschied betrachtet, konstruiert oder rekonstruiert werden. Das wiederum ist von den Möglichkeiten des Akteurs und vor allen Dingen von den Möglichkeiten des Betrachters abhängig.
Der große Vorteil, den Menschen genießen, die "gebildet" und/oder wohlhabend sind, ist die Abwärtskompatibilität ihrer Handlungsmöglichkeiten, wohingegen die anderen Leute fast nicht spielerisch mit mit sich, anderen und komplexen Situationen umgehen können. Diesen Leuten steht eben keine Aufwärtskompatibilität zur Verfügung.
Betrachtet man die Sache also aus der Perspektive von Möglichkeiten zur Fähigkeit des Spielens verschiedener Sprach- und Handlungsspiele, dann wirkt das Einkommensniveau nicht mehr als absolut wirksames Regulativ - es ist aber als Medium, dennoch universell wirksam.
M.a.W.: Mehr Geld erweitert im ökonomischen Bereich die Wahlfreiheiten.
Um aber die unscharfe Unwichtigkeit des Geldes zu betrachten, betrachte man "Neureiche", die sich durch dumm-pöbelhaftes Verhalten in ihren Wahlfreiheiten selbst limitieren (-weil sie es nicht anders wissen/können), oder diejenigen, die schon seit vielen Generationen sehr wohlhabend sind und über der Zurschaustellung ihres Reichtums stehen, was man ihnen eben nicht ansieht und auch nicht ansehen soll.
--
Ein Habitus ist jedenfalls nicht unbedingt etwas, was einer Prägung entspricht, er lässt sich also beobachten, verschwindet also nicht im blinden Fleck. Gerade im Bereich der Kleidung lässt sich durch ein Copy&Paste-Verhalten der Habitus austricksen - in einen neuen, gewünschten Habitus würde man quasi hineinwachsen. Allerdings müsste man sehr sprachbegabt sein, um sein Idiom, was eher als "Prägung" betrachtet werden kann, willkürlich zu ändern. Meistens endet das in einer kleinen Sprachkatastophe.
--
Interessant wird hier auch die Aussage Elias´, dass die Gruppe der Aussenseiter nach den "schlechtesten" ihrer Mitglieder eingeschätzt wird. Und dass die Gruppe der Etablierten nach den "besten" ihrer Mitglieder eingeschätzt wird. Und das ist zutreffend für die Selbst- und Fremdeinschätzung der jeweiligen Gruppenmitglieder.

4 Peter Müller 04.04.2013, 23:31 Uhr

Erst dachte ich,...

nicht noch so ein Armer-Ossi-Besser-Wessi-Artikel. Aber dieser ist nicht so klischeehaft und hat die Situation gut beschrieben. Ich stamme aus dem tiefsten Westen, wohne im Norden und habe Freunde, die (auch) aus dem Osten stammen. Nach der Wende war es wie beschrieben, die "Ossis" waren erkennbar. Ich vom Lande war in der Großstadt genauso erkennbar. Heute, und das ist die gute Nachricht, erkennt man unsere Unterschiede allenfalls noch etwas im anklingenden Dialekt, heute bin ich für diejenigen, die ich neu kennen lerne, ein Großstadtkind und die neuen Attitüden im Umgang mit "gehobener" Gesellschaft ist in meinen Habitus übergegangen. Diese Veränderung macht mich nicht besser, aber flexibler als jene, die sich nie verändern mussten oder wollten. Und, mal ganz plastisch ausgedrückt, egal, woher man kommt, was man macht oder wer man ist: Beim Kacken machen alle die Beine krumm! ;-)

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Spricht, schreibt und denkt ins Netz und in die Welt. Freie Autorin und Podcasterin, Berlin