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Kaufen und Haben

18.04.2013, 15:19 Uhr  ·  Irgendwo zwischen Marxscher Kritik am Warenfetisch und neuer Freude am erworbenen Kulturgut muss doch eine Antwort auf die Konsumfrage zu finden sein. Oder?

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Ich habe keine feste Haltung oder Meinung zum Thema Konsum. Ich habe dazu nur ein Bauchgefühl. Wie ich bereits in meinem letzten Beitrag berichtete, wurde mir als Wostkind die Bedeutung von Konsum auf eine manchmal schwierige Art nähergebracht: In Form von Distinktion, bei der Sich-Auskennen, Geschmackswissen und Abgrenzung gegen Geschmackloses zentral sind. So nahm ich eine eher abstoßende Seite von Konsum mehr wahr, als viele andere Menschen. Was natürlich nicht heißt, dass ich selbst nicht gerne und viel konsumiert hätte. In meinem Kinderzimmer waren Gameboy, Barbie und viele andere Konsumgüter vertreten.

Bundesarchiv, Bild 183-73999-0002 / Weigelt / CC-BY-SA

Grün-linke Konsumkritik

Die frühe Bekanntschaft mit der Distinktion hat meine Einstellung zu Konsum  lange, im Grunde bis heute, beeinflusst. Mit 18 Jahren wurde ich Mitglied der Grünen Jugend, wo Konsumkritik bis heute gehegt und mit politischen Forderungen ausgestattet wird. Anfang der Nuller Jahre war ich Mitglied des Bundesvorstandes der  Grünen Jugend und in dieser Zeit starteten wir eine bundesweite Kampagne mit dem Titel „Project Lifestyle – selbst:bewusst leben“ – ich selbst war begeisterte Multiplikatorin für diese Kampagne und stand voll und ganz dahinter.  Ich liebte diese Kampagne. Wenn du lebst, so war meine grün-linke Überzeugung, hinterlässt du auf dieser Welt einen Fußabdruck – der kann ökologischer, sozialer und heute würde ich ergänzen: politischer Art sein. So war ich also kritische Konsumentin (und Vegetarierin). Ich erinnere mich an ein Gespräch aus den Anfängen meines grünen Engagements, das ich mit einem damaligen Freund geführt habe und das in etwa so verlaufen war:

Freund: Ökoessen und Bio-Kleidung kann man sich halt einfach net leisten.

Ich: Was haben denn deine Nike-Schuhe da gekostet? Oder dein Adidas-Shirt…?

Freund: Ja, aber das ist halt Qualität…

Ich: … die du auch gebraucht bekommen könntest. Dann hättest du mehr Geld für Bio-Essen und Ökokleidung übrig.  Wenn man Second Hand kauft, lebt man ressourcenschonend und außerdem…

Freund: Ist ja gut! Ich hab auch mal so gedacht, wie du… wird mal älter, dann merkste… dass net alles immer so einfach ist.

Das war vermessen, denn er war 22 und ich 19 Jahre alt. Außerdem war ich mit 22 Jahren noch genauso missionarisch.

Die Haltung meines Freundes war damals typisch: Er hatte stets den neuesten heißen Scheiß in Sachen Elektronik, Software und Hardware, immer coole Sport-Marken wie Adidas und Nike an, ein eigenes Auto, regelmäßige Kinobesuche und Abstecher in Fast-Food-Restaurants. In meinen Augen war er ein völlig unreflektierter Konsument, und zwar aus Faulheit und Bequemlichkeit. Solche Leute gab es damals zuhauf. Während sie aber als „cool“ galten, war ich eben ein „Freak“, „Öko“ und so weiter. Und darauf war ich stolz. Denn damit konnte ich mich besser und überlegen fühlen, ich war verantwortungsbewusst und vernünftig im Gegensatz zu den anderen. Ich war aus heutiger Sicht eine Art „Avantgarde“, denn heute ist verantwortungsbewusstes Konsumieren längst ein Trend.

Alles ethisch im Flacon

Heute wissen gewiefte Produktdesigner, dass ich kein Einzelfall bin. War ich damals noch ein Weirdo, ist mein Konsumverhalten heute schick. Wie der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich berichtet[1], hat der Parfum-Hersteller DKNY mit seinem Duft „pureDKNY“ die Ware Verantwortung in einen Flacon abgefüllt. pureDKNY sei aus Pflanzen hergestellt, die „von Frauen aus Togo angebaut“ wurden, deren Zukunft man „in finanzieller Hinsicht“ verbessern wolle. Der Flacon sei zu 100% aus recyclebarem Material, die Umverpackung aus Papier „aus zertifizierter Waldbewirtschaftung“, bedruckt mit einer Tinte, „die einen niedrigen Gehalt an flüchtig-organischen Verbindungen aufweist und in Fabriken produziert wird, die mit Windkraft arbeiten“. Die Folie außenrum sei aus „Nature-Flex ™“ – aus erneuerbarem Holzschliff aus kontrolliertem Anbau… spätestens bei der Tinte fing ich an, es lächerlich zu finden. Ich! Die Öko-Tante! Scheinbar bin ich nun so weit, wie mein damaliger Freund mir prophezeite. Oder finde ich es einfach lächerlich, weil ich es falsch finde, aus ethischen Ansprüchen einen neuen Warenfetisch zu konstruieren?

Die Ware als Fetisch

Wenn jetzt auch noch unser ethisches Gewissen monetarisiert wird, man mit unserem Verantwortungsgefühl spielt, um uns ein teures Parfum anzudrehen (mal ganz abgesehen von der generellen Überflüssigkeit von Parfums – oder?) – ist es dann nicht besser, es mit den Rainer Langhans‘ und Öff-Öffs zu halten, die sich aus dem Konsumirrsinn einfach komplett rausziehen?

Diese Idee ist alles andere als neu und kommt immer wieder auf. Der Philosoph Wolfgang Fritz Haug knüpft an eine gute alte marxistische und frühsozialistische Denktradition an. In seinem 1971 veröffentlichten Werk „Kritik der Warenästhetik“ stellt er fest, dass Produktinszenierungen manipulativ seien, Täuschung und Lüge darstellten und damit ein moralisches Problem seien. Haug ist mit seinen Ansichten in einem Vortrag nachzuhören, der recht deutlich macht, welche Ideologie da zugrunde liegt. Es ist Antikapitalismus, der suggeriert, alle Menschen, die mitmachten, seien Verblendete, Entmündigte und von sich selbst Entfremdete.

Ein bisschen differenzierter war Karl Marx, der in seiner Theorie vom Warenfetisch auch das Phänomen unter die Lupe nahm, dass Konsumgüter mehr als Gebrauchsgüter wurden und an sie quasi-fetischistische Erwartungen und Gefühle gehängt wurden. Nun waren Marx und Engels gerade in der DDR vielerorts Pflichtlektüre, ihnen war kaum zu entkommen. Sie konnten ja auch für so manche ideologische Begründung eingespannt werden: Sie begründeten den Sozialismus und seine Überlegenheit, da sie zu den klügsten Kritikern des Kapitalismus‘ gehörten (und gehören), und es war wirklich ein Glück, in einer ständigen Mangelwirtschaft jemanden zu haben, der einem erklären konnte, warum es politisch, philosophisch, moralisch und aus emanzipatorischer Perspektive viel besser sei, frei vom kapitalistischem Warenfetisch zu sein, als ein sportliches Auto zu fahren oder Südfrüchte verspeisen zu können. Die Erfahrung der Entbehrung war sicherlich nicht die schlechteste Erfahrung für uns DDR-Bürger, davon bin auch ich heute überzeugt. Aber es ist wohl nicht abzustreiten, dass sie eine beschleunigende Wirkung auf das Ende der Stabilität des Sozialismus‘ hatte – Entbehrung ist also zu begrenzen.

Entbehrung wird heute mancherorts aufwendig arrangiert und inszeniert: Etwa wenn ausgebrannte Manager ins buddhistische Kloster gehen oder moderne Kindertagesstätten spielzeugfreie Zeiten anberaumen.

„No Shopping“

Lernen aus der Erfahrung der Entbehrung – das war wohl auch eines der Anliegen von Judith Levine, die ein Jahr lang nichts kaufte, was über „das Nötigste“ hinausging. Sie dokumentierte diese Erfahrung in „No Shopping“[2], einem hochphilosophischen Buch, weit mehr als nur die Dokumentation eines kleinen Selbstversuches: Levine reflektiert angeregt durch ihre eigene Entbehrung über das Wirtschafts- und Sozialsystem der USA, über die massive Schere zwischen Arm und Reich. Mit ihren größeren und kleineren Problemchen und Gedanken zeigt sie eindrücklich, dass Konsum mehr als nur eine schöne, das Leben bereichernde Nebensache ist. Sie zeigt die ideologischen Facetten, die verschleiernden Effekte – ohne gleich in eine Totalverdammung zu geraten, wie Haug sie seinerzeit betrieb. Konsum hat Folgen, im eigenen Land und über die Ländergrenzen hinweg – das ist ihre Botschaft. Entbehrung wird damit politisch – weltpolitisch! Doch wer Konsumverzicht als Lösung präsentieren will, plädiert auch für einen Kulturverzicht.

CC BY-SA 2.0 von Daniel Stark via Flickr. com

Das wird in Levines Buch am Abend des 04. August deutlich. „Ich werde mehr Wein brauchen“ sagt ihr Partner Paul, als ein befreundetes Pärchen zum Abendessen zu Besuch ist und Paul gerade die letzte Flasche Wein aus dem Keller holt. Wein, so ist recht intuitiv einzusehen, ist nicht „unbedingt nötig“, es darf deshalb in Levines Selbstversuch kein Wein eingekauft werden. Aber dieser eine Abend stellt all das infrage: „Ich bin Italiener“, sagt Paul, „Wein ist für mich wie Wasser.“

Konsum ist Kultur

Wolfgang Ullrich findet, dass Konsumieren eine Kulturtechnik wie Lesen sei[3]. Längst seien Konsumgüter mehr als Gebrauchsgegenstände mit engem Sinn und Zweck. Fiktionen seien längst ein wichtiger Bestandteil – Produkte sollen dazu beitragen, unsere Phantasie zu beflügeln. Sie sollen Geschichten erzählen, Gefühle erzeugen, uns in andere Welten mitnehmen. Der Badezusatz namens Cleopatra, so Ullrich, bewirke bei Anwenderinnen das Gefühl einer kleinen Reise nach Ägypten – worüber in schwärmenden Produktbewertungen, derer es im Internet unzählige gibt, zu lesen sei. Die heimische Badewanne, die vielleicht alles andere als ein Tempel sei, könnte durch das richtige Badesalz zu einer Wellness-Oase werden. Konsum, so Ullrich, ist damit mehr als nur Distinktion. Kritik sei ja wichtig, Reflektion ohnehin, aber man solle es auch nicht, wie Haug, gleich so übertreiben. Ihn erinnert das alles an die frühe Kritik an Romanen. Auch Romanautoren habe man vorgeworfen, bloß manipulieren zu wollen. Calvinistische Theologen traten auf den Plan und beschimpften Romane als „Gauckelyen“ und sahen darin nichts als Lügen, die einzig dazu dienten die Menschen zu manipulieren und sie in ein „Schwitzbad der Passionen“ zu setzen.[4] Konsumieren ist das neue Lesen – soll es wirklich so einfach sein?

Natürlich nicht, das muss auch Ullrich zugeben. Was Marx als Warenfetisch zu denken begonnen hat, nennt Ullrich in seiner zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Situationsfaschismus“. Dieser trete zutage, wenn Menschen in verschiedenen Situationen nur allein deswegen als Sieger oder als Verlierer hervorgingen, weil sie ein bestimmtes angesagtes Ding teuer erworben hatten oder es ihnen eben fehlte und sie deswegen einem Gefühl der Mangelhaftigkeit ausgesetzt sind. Als PC-Benutzerin ist mir dieses Gefühl aus Mac-lastigen Runden bekannt. Dann versuche ich mit Selbstberuhigung drüberzustehen und sage mir: „Konsum ist nicht alles.“ Und erhebe mich, so wie damals mit 18, ein bisschen indem ich meine Entbehrung als ein kleines Märtyrertum empfinde und den anderen in guter Marxscher Tradition einen Apple-Warenfetisch andichte (den sie ganz offensichtlich auch haben!). Wie gesagt: Zum Thema Konsum habe ich auch nach so vielen Jahren und so viel Lektüre weniger eine feste Haltung, als vielmehr ein Bauchgefühl.

 


[1] Ullrich, Wolfgang: Alles nur Konsum. Kritik der Warenästhetischen Erziehung. Erschienen bei Wagenbach 2013.

[2] Levine, Judith: No Shopping! Ein Selbstversuch. Erschienen bei Kiepenheuer in der 2. Aufl. 2008.

[3] Ullrich S. 24

[4] Diese Zitate sind dem calvinistischen Theologen Gotthard Heidegger zuzuschreiben. Er schrieb dergleichen in Zürich 1698 nieder.

 

Veröffentlicht unter: ddr, Warenfetisch, No Shopping, Marx, Konsum

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (10)
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0 M. Woller 24.04.2013, 12:14 Uhr

Luxus und Knappheit und er Umgang damit

Wir leben in einer physikalischen Welt und sämtliche Naturgesetze funktionieren nur dank Endlichkeit und Balance. Extreme führen in der Natur zu Gegenkräfte und wenn dies nicht ausreicht, zur Zerstörung des Systems und als Teil dieser Realität können wir uns dem nicht entziehen.

Wie aber umgehen damit? Solange man eine endliche Menge hat, ist die Folge von "Mehr" auf der einen Seite immer die Folge von Weniger auf einer anderen. Solange sich das immer noch relativ verteilt, ist das kein Abbruch, nimmt es extreme Formen an, folgt daraus genau das oben beschriebene: Erst Gegenwehr und - wenn nicht ausreichend - Vernichtung. Die Geschichte bewies das kontinuierlich.

Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt ist, wenn man das eben weiß: Wie geht man damit um? (ja, noch einmal dieselbe Frage). Diese Entwicklung ist offensichtlich eine Bedrohung, erzeugt Kräfte und Gegenkräfte und wer immer diese kontrolliert, indem er Luxus und Mangel kontrollieren kann, z.B. indem man eben als "Kapitalist" ein Monopol besitzt, spielt sich zum Meister des Universums auf. Er kann das quasi Naturgesetz oben nicht aushebeln, das Ende wird so bleiben, aber er kann seine Kontrolle über den Zustand davor nutzen, um die Welt nach seinem Willen tanzen zu lassen - bis ihn die eigene Gier darüber hinaus und in die Zerstörung treibt.

Deswegen - und darum geht es beim Sozialismus im Kern - darf eine derartige Kontrolle dieser gefährlichen Entwicklung, von Mangel und Überfluss, einfach nicht in der Hand Einzelner oder Weniger sein. Mit der Endlichkeit muss jedes System umgehen. Sozialismus erzeugt keinen Mangel, genausowenig wie Kapitalismus Überfluss erzeugt. Beides existiert in direkter Relation zueinander und die Frage ist letztlich ob man es aneinander bedingen lässt oder es gegenseitig aufheben lässt.

Auch der Mangel in der DDR und anderen Ländern baute stark auf unserem Überfluss auf. Damit wir hier billig Wahren kaufen konnten, mussten diese dem DDR Bürger weggenommen werden und das wurde auch getan. Die DDR "Elite" hat den Sozialismus verraten und an uns verkauft. Und damit war er dann auch schlichtweg tot.

3 Christian Igel 21.04.2013, 10:33 Uhr

Der Artikel vermischt...

... zwei grundsätzlich verschiedene Fragen, wie mir scheint.

Die erste, was nämlich ein gutes Leben ist (platt gesagt: sollte ich persönlich viel oder wenig konsumieren), ist längst seit der Antike beantwortet. Es gibt immer mal ein paar neue Aspekte und Formulierungen (etwa heute die positive psychology), aber im Wesentlichen ist alles gesagt.

Die andere, wie wir nämlich unsere Gesellschaft organisieren sollten, beschäftigt uns auch schon immer, ist seit 2500 Jahren Gegenstand der verschiedenen Gesellschaftswissenschaften und ist wohl noch offen, obwohl wir immer mehr darüber lernen. Die Antworten auf diese komplexe Frage sind voller Fehler, Falschannahmen, Irrwege, Ideologien etc. Die Frage ist so komplex, dass nur eine wissenschaftliche Herangehensweise angemessen ist.

Mein Eindruck ist nun, dass der Artikel versucht, auf dem Umweg über komplexe politische und soziologische Theorien einen Zugang zum jeweils eigenen guten Leben (Wie soll ich leben, wie soll ich konsumieren?) zu finden. Das halte ich für so aussichtslos wie überflüssig und empfehle daher Seneca statt Marx. ;)

6 Herold Binsack 19.04.2013, 12:46 Uhr

Zweierlei Fetisch – eine Ursache

„Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“ (Kapital Bd. I., S. zitiert nach: http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_049.htm#Kap_1_4)
Und weiter:
„Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt, wie die vorhergehende Analyse bereits gezeigt hat, aus dem eigentümlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert.“
.
Dem Grunde nach hat Reinhard Lauterbach also Recht. Doch auch der andere Fetisch, der, welcher sich im „Konsumidioten“ erst offenbart, folgt dieser Logik. Die psychologisch aufgebauten Manipulationen der Werbeindustrie (im „Konkurrenzbetrieb“) können ja nur funktionieren, weil das Subjekt bereits ein verführtes ist, ein dementsprechend konditioniertes also, das nicht erst verführt werden muss. Das Geschäft würde so nie funktionieren. So baut das die Frau verführen helfende Deo für den Mann genau darauf auf, dass die sexuellen Beziehungen selbst, wie alle Beziehungen in der bürgerlichen, nämlich -Warengesellschaft, als „Verhältnisse von Dingen“ erscheinen. Als Warenverhältnis. Und zwar beiden Partnern. So gehört dazu, dass auch die zu verführende Frau an die Magie eines solches Deos glaubt. Und glauben tut sie dies, weil sie den Wert des Mannes nunmehr anhand des angereicherten Wertes, ob dessen „wertvollen“ Deos, misst. Und heiß macht sie das, weil sie just in diesem Moment ihre eigene Wertsteigerung erfährt. Nicht als „Gebrauchsgegenstand“, um das mal so salopp zu sagen, sondern als Tauschobjekt/Tauschsubjekt bietet sie sich an. (Liebe wird in diesen Momenten schon zum Geschäft, nicht erst im Rotlichtmilieu)
.
Das ganze Verhältnis von Macht und Liebe, bzw. der Liebe zur Macht, beruht darauf, dass dem Liebesverhältnis ein Warenverhältnis, das Verhältnis von Dingen, vorgelagert wird. Wir erwerben unser Sein, wir sind nicht. Wir sind das, was wir haben. So kann der Messi, der klassische Neurotiker, sich von den Dingen nicht trennen, weil in diesen Dingen sein ganzes Sein akkumuliert ist. Doch was unterscheidet diesen von jenem Superreichen, der sich seine Garagen mit Autos füllt, derer so viele sind, dass er sie selber nie gebrauchen kann. Es sind ihm „Kunstgegenstände“, also die Dinge, die ihm in dieser Form als sein persönlicher Wert gegenübertreten.

3 Thomas Gaugen 19.04.2013, 12:18 Uhr

Snobs und Gecks gab es immer

Aber nicht alle Menschen sind so.
Ich stimme mit der Autorin aber in etwas überein; einige Menschen werden als Snob, Schickimicki, Geck und viele anderen Varianten dieser Konsumeinstellungen (oder soll ich Lebenseinstellung sagen?) erzogen.

Es geht sogar so weit, dass manche von diesen Snobs o der Gecks, Menschen die nur nach dem reinen praktischen Nutzen suchen, für materialistische Schweine halten.
Was allerdings widersprüchlich und falsch ist. Da nur wer strikt nach den praktischen Nutzen einkauft oder erwirbt, Askese und Enthaltsamkeit für sich beanspruchen kann.

3 Herold Binsack 19.04.2013, 11:26 Uhr

Den Marxismus nicht mit einer Heilslehre verwechseln, ergo: auch nicht mit dem „Ökologismus“ de

Den Marxismus nicht mit einer Heilslehre verwechseln, ergo: auch nicht mit dem „Ökologismus“ der Grünen!
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Ein guter, nämlich nachdenklich machender Blogeintrag. Ich denke, und da folge ich eben ganz Marx, dass man dem Warenfetischismus der bürgerlichen Gesellschaft nicht entkommen kann. Auch in dieser Hinsicht gilt Marxens Hinweis auf das gewissermaßen „notwendige“ Phantasma des bürgerlichen Subjekts. Ein Subjekt, das er an anderer Stelle als „automatisches Subjekt“ denunzierte. Nur das Klassenbewusstsein der jeweils revolutionären Klasse, und dies meinte er insbesondere in Bezug auf ein kommunistisches Proletariat, kann aus dem automatischen ein revolutionäres Subjekt machen. Nicht mal der marxistische Kritiker kann allerdings individuell den Zwängen der bürgerlichen Klassengesellschaft entfliehen. Und genau an dieser Stelle kann man eben den Unterschied zwischen dem Marxismus als Wissenschaft und einer x-beliebigen Heilslehre ausmachen. Marx behandelte die Klasse des Proletariats als revolutionäres Subjekt, nicht den Einzelnen, gleich aus welcher Klasse. So stellt das für mich auch kein Problem dar, zu wissen – als Marxist –, dass auch die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus in ihrem persönlichen Habitus recht bürgerlichen, sprich: warenfetischistischen Gewohnheiten frönten. Gewohnheiten, die bürgerliche Kritiker gerne gegen den Marxismus verwenden. So soll Engels guten Wein, Zigarren und andere leckere Dinge der bürgerlichen Warengesellschaft genossen haben. Er sei gar ein ganz gewöhnlicher Bohème gewesen. Und Karl Marx soll sich von Engels allein schon deshalb unterhalten haben lassen, weil er die Finger nicht von den Frauen habe lassen können. Nun ja, auch die körperliche Liebe kann ein Fetisch sein. Aber selbst wenn: das Alles spricht nicht gegen den Marxismus. Mit Brecht wissen wir in Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft, dass das „Heilige“ nicht selten in den „Schlachthöfen“ zu suchen ist.
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Es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse eben, die es zu ändern gilt, um auch die davon geprägten individuellen dementsprechend anpassen zu können. Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Das ist nun mal die Kernaussage eben des dialektischen und historischen Materialismus. Und eine „sozialistische Mangelwirtschaft“ bewegt sich ebenso innerhalb der engen Grenzen der sog. „ökonomischen Gesellschaften“ (Marx), wie die bürgerliche „Überflussgesellschaft“. Von Letzterer wissen wir, dass sie nur den kleinsten Teil der bürgerlichen Welt umfasst. Der Rest ist ebenso - „Mangelwirtschaft“.
.
Die es eben nicht nur theoretisch, sondern historisch-praktisch – mit dem Begriff des Kommunismus versehen – zu überwinden gilt. Die Frage wer wen? bleibt bis zu diesem Kommunismus eine offene Frage. Kommunismus oder Barbarei – postulierten Marx und Engels im Manifest der kommunistischen Partei nicht von ungefähr. Der Sozialismus muss nicht siegen. Er kann, er sollte, denn (nur) durch dieses Nadelöhr geht es zum Kommunismus.
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Es kommt nicht darauf an, ob Sie ein T-Shirt von Hollister tragen, sondern ob Sie das daran hindert, sich mit denen zu solidarisieren, die unter dem Hollisterimperium extrem zu leiden haben. Ob Sie also unbewusst den sehr vielfältigen Manipulationen der Warengesellschaft folgen, oder eben nicht. Ob sie deren „Konsumidiot“ sind. Ob Sie also noch in der Lage sind, oder eben nicht, sich politisch mit den extrem ausgebeuteten Lohnsklaven Hollisters in der „3. Welt“ ebenso zu solidarisieren, wie mit den an der Ausübung ihrer gewerkschaftlichen Rechte Gehinderten hier in der „1. Welt“, oder eben nicht. Ob Sie ein bürgerlicher Chauvinist sind, oder zu Klassenbewusstsein noch befähigt.
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„Fair Trade“, um mal nur ein Beispiel zu nennen, ist für mich daher keine Alternative zum Klassenkampf, sondern im Gegenteil – links gewendeter Chauvinismus.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

3 Reinhard Lauterbach 19.04.2013, 11:19 Uhr

Missverständnis

Der Versuch, den Marxschen Warenfetischismus mit der Ideologie des Markenkonsums zu bebildern, ist ein Mißverständnis, bestenfalls eine grobe Verkürzung. Was Marx bildlich den Warenfetischismus nennt, ist der Umstand, dass in der Ware das gesellschaftliche Verhältnis, das die Produzenten zueinander eingehen, als eines von Sachen erscheint. Kornhändler : Tuchhändler wird zu Korn : Tuch, und heute reden wir von "den Märkten", die "Vertrauen verlieren", als wäre "der Markt" ein Subjekt "mit Lieb im Leibe"(Marx nach Goethe), anstelle eines Klassenverhältnisses der Aneignung von zuvor den Produzenten abgepresstem Mehrwert. Der Markenwahn hat zwar auch eine fetischistische Oberfläche, wenn er ein Gerät mit vier Rädern und einem Motor mit "Freude am Fahren" assoziiert oder ein Männerdeo mit drei Buchstaben mit dem Flachlegen von Frauen (pardon für den Ausdruck, aber die Werbung weckt genau dieses Bild). Trotzdem gehört das ganze Werbewesen in die Abteilung Konkurrenz um begrenzte zahlungskräftige Nachfrage und ist mit dem Marxschen Warenfetischismus nicht gemeint gewesen.

Antworten (2) auf diese Lesermeinung

5 Christian Igel 18.04.2013, 21:22 Uhr

Das Gute liegt...

... wie immer, in der Mitte, und, wie Aristoteles bemerkte, nie genau, sondern zu einer Seite hin verschoben, im Falle des Konsums natürlich zu der des möglichst totalen Verzichts.

Es ist gut das Extrem auf der "guten Seite" zu kennen, Thoreau etwa in "Walden". Das baut auf und macht Spass... Aber natürlich gehört zu einem guten Leben auch ein massvoller, geschmackvoller Verbrauch von Ressourcen. Neudeutsch vielleicht auch tatsächlich: nachhaltig, warum nicht.

Spricht, schreibt und denkt ins Netz und in die Welt. Freie Autorin und Podcasterin, Berlin