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Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Post für dich!

Westpakete, Westbesuche und Westfernsehen – es gab deutsch-deutschen Kulturtransfer. So wurde in der DDR das andere Land, das so unerreichbar und ambivalent wirkte, wenigstens ein bisschen erfahrbar.

Meine Familie setzt sich aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands kommend zusammen. Da sind zum einen eher bäuerliche Einschläge aus der Region, die heute Sachsen-Anhalt ist. Dort wuchs auch ich die ersten Jahre auf. Zum anderen ist dort der Teil, der aus dem lieblichen Taubertal kommt – wo ich den zweiten Teil meiner Kindheit verbrachte. Und dann gibt es noch einen weiteren Teil: Meine Oma väterlicherseits lebte in Berlin, wuchs dort auf; eine Großtante (ihre Schwester) und ein Großonkel lebten in Travemünde.

Familienbande in Süd, Ost und Nord

Mein Opa mütterlicherseits kam eigentlich aus besagtem Taubertal. Im Krieg wurde er von den Russen gefangen genommen. Eine Zeit, von der er nie sprach und ich war bislang nicht reif genug, ihn danach zu fragen. Jetzt, wo ich mich dem gewachsen fühle, ist es zu spät. Erst 1949 entließ man ihn aus der Kriegsgefangenschaft und schickte ihn in den neuen deutschen Staat DDR. Sozialismus aufbauen statt Heimat und Familie. Er heiratete in den Fünfzigern meine Oma und relativ spät, meine Großeltern waren über 30 Jahre, kam 1958 meine Mutter auf die Welt. Mein aus dem lieblichen Taubertal stammender Opa wurde der Familienlegende nach auch deshalb ein DDR-Bürger, weil meine Oma angesichts zu großer Sehnsucht in jener Zeit, als die Grenzen noch nicht komplett dicht waren, als noch keine Mauer stand, nicht bereit war ihre eigene Heimat für ein Leben im Westen hinter sich zu lassen. Aber da war es ja auch nicht absehbar, dass die DDR ihre Bürger_innen bald einsperren würde. Jedenfalls war meine Familie zwar grundbodenständig und die meisten Zweige eher bäuerlicher Art, dennoch hatten wir nicht gerade wenig West-Verwandtschaft.  Und so bekamen wir Besuche aus dem Westen und auch Westpakete aus Travemünde und aus dem Taubertal.

© Katrin Rönicke 

Meine Mutter hatte im Westen fünf Cousins. Das waren die fünf Söhne der Schwester meines Opas. Allesamt sehr fröhliche und offene Menschen, zu den meisten von ihnen besteht noch heute ein guter, wenngleich sporadischer, so aber doch nie abreißender Kontakt. Und der bestand auch schon vor der Wende. Mein erstes West-Paket erhielt ich von einem dieser Cousins, eine eigene Erinnerung daran habe ich nicht, denn es war ein Geschenk zu meiner Geburt. Vielleicht war es auch ein Mitbringsel. Jedenfalls erhielt ich einen kleinen Plüschhund, der über viele Jahre hinweg mein unverzichtbarer treuer Begleiter sein sollte. Wie ein kleines Museums-Stück lebt er noch heute bei mir, wird aber tunlichst geschont, denn auf seine alten Tage kann er nur noch wenig vertragen. Es sind ihm schon mehrfach Ohren, Nase, Auge und Augenbraue oder Schwanz angenäht worden. Sein Fell war schon einmal wesentlich dichter und er selbst um einiges pummeliger. Man sieht ihm an, dass er wichtig war und benutzt wurde. Er wich tatsächlich in meinen Kindertagen nie von meiner Seite. Wir Pädagogen nennen solche Plüschtiere „Übergangsobjekte“, die vor allem dann unentbehrlich werden, wenn Kinder irgendwo ohne ihre Eltern bleiben. Was ich nicht selten tat.

Geschenke und Pakete aus dem Westen begleiteten meine Kindheit also von Anfang an. Ein anderer der Cousins meiner Mutter hatte Zwillinge, die waren ein paar Jahre älter als ich. Sie schickten Pakete mit ausgetragenen, zu klein gewordenen Anziehsachen, die ich auftrug. Oder sie brachten sie vorbei, wenn sie zu Besuch waren. Die Pakete und die Besuche waren stets etwas Besonderes. Sie hellten  mir den Alltag erheblich auf.

Die Dissidentin Maja

Ansonsten erinnere ich mich nur noch an ein paar Highlights: Da waren zum Beispiel jene Bücher, die meine frühe Kindheit prägten. Pinocchio, Bambi und die Biene Maja. Heute lese ich die Biene Maja meinen eigenen Kindern vor und muss oft schmunzeln. Diese kleine Biene, die aus ihrem durchorganisierten, klar strukturierten Staat ausbricht. Einem plötzlichen Freiheitsdrang folgend. „Ich will mehr, als nur arbeiten!“ ist ihr Credo und so stellt sie sich mit ihrer Verweigerung gegen die anderen Bienen, die stets fleißig arbeiten. Jede einzelne Biene wurde gebraucht, den Staat, die Versorgung (mit Honig) und die Gemeinschaft aufrecht zu erhalten. Keine der Bienen hinterfragte diese Ordnung – jede hatte das Gefühl, es sei nötig und davon profitierten schließlich alle Bienen. Die anderen Bienen fühlten sich dem großen Ganzen verpflichtet, das viel mehr war, als die Summe seiner Teile – nur Maja nicht. Sie wollte mehr, wollte Freiheit, wollte neugierig die Welt erforschen. Was für eine Geschichte, um sie einem Kind in der DDR vorzulesen!

Maja haut ab. Fliegt in die Freiheit. Auf ihren Reisen lernt sie andere Insekten und sogar die Spinne Thekla kennen. Sie ist so neugierig und weltenbummlerisch, dass es ihr gar nichts ausmacht, dafür Sicherheit und Ordnung aufzugeben. Dieses Buch liest sich für mich heute wie ein erster großer, verschriftlichter Widerspruch zum Leben in der DDR. Ich bekam es 1986 aus Travemünde geschenkt – 1987 sollte mein Vati zur Biene Maja werden.

© Katrin Rönicke 

Mit dem Weggang meines Vaters bekam das Westpaket auch eine ganz neue Bedeutung für mich. 1987 feierte mein Großonkels Willi im Taubertal einen runden Geburtstag, zu dem mein Vater reisen durfte. Er blieb und das war auch so geplant gewesen, mit meiner Mutter Abgesprochen. Mit mir aber nicht. Natürlich nicht. Ich war gerade vier Jahre alt. Ich durfte nicht wissen, dass die ganze Sache von meinen Eltern zusammen geplant worden war. Kinder plappern, vor allem wenn sie noch so klein sind. Und mein argloses Plappern hätte meine Mutter in ernste Gefahr bringen können (heute denke ich – jetzt wo ich viel mehr über die „Politik“ und den Umgang mit solchen Dissidenten-Familien weiß, als noch vor zehn Jahren – dass wir wirklich richtig Glück gehabt haben, dass alles so glimpflich ablief!). Meine Mutter musste so tun, als hätte mein Vater auch sie mit seinem Dortbleiben total überrumpelt und sie durfte auch zu mir nicht ehrlicher sein, denn sonst hätte ich vielleicht nicht mitgespielt. Sie musste die Ahnungslose spielen, die trauernde Frau (gut, das fiel ihr nicht so schwer, denn es war eine traurige Zeit ohne ihn). Vati war weg, aber über die Gründe wusste ich nichts.

Post aus Vatis neuem Land

Doch er schickte Pakete. Mit Essen (ich erinnere mich daran, dass es häufig Hanuta zum Frühstück gab. Es ist in meiner Erinnerung so präsent, als habe es das jeden Morgen gegeben – aber dem war vermutlich nicht so). Kaba-Kakao-Pulver und auch Spielzeug. Natürlich schickte er liebevolle Worte – nicht zu knapp. All das war Liebe und tat sehr gut. Die Konversation meiner Eltern in dieser Zeit füllt heute ein eigenes, etwas seltsames und graues Familienalbum. Und einiges dürfte auch Bestandteil ihrer Stasi-Akten sein, denn natürlich wurde der Postverkehr des Dissidenten mit seiner Familie geöffnet. Meine Eltern hatten auch eine Art „Geheimsprache“ – ein Aspekt, den ich nach der Wende, als man mir so langsam begann zu erzählen, was da eigentlich alles passiert war, unglaublich spannend fand. Es war ein bisschen wie bei James Bond, fand ich.

Mit den Westpaketen erlebte ich erstmals, dass Konsumgüter mehr werden können, als nur reine Gebrauchsgegenstände. Sie werden zu Kulturgütern (vgl. dazu meinen Beitrag zu Konsum). Die Hanutas und der Kaba, die Kuscheltiere und die Bücher – all das wurde zu einem Teil meines Lebens. Ein Teil, den ich nur sehr eingeschränkt wirklich verstand und nur sehr wenig einordnen konnte. Weswegen meine Phantasie ihr Übriges tat: Die Konsumgüter wurden Bestandteile von kleinen Fiktionen, die um sie herum entstanden. Durch all diese Gegenstände und Alltags-Erfahrungen wurde das andere Land, das so unerreichbar und ambivalent auf mich wirkte, wenigstens ein bisschen erfahrbar. Doch nicht nur um diese Produkte spann sich meine Phantasie, nein: Der ganze Westen war eine einzige Fiktion, Kinderidee und Phantasie für mich. Es basierte auf den Mosaikteilen, die ich davon zu sehen bekam: Bücher, Zeichentrickserien im geliebten Westfernsehen, Westpakete und West-Fernsehwerbung. Und natürlich die Geschichten der West-Verwandten, die uns besuchten. Kein Wunder, dass ich im Jahr 1989, dem Jahr, in dem unsere Ausreise endlich genehmigt wurde, von der Realität dann etwas erschlagen und überfordert war. Ein Phänomen, dass einige meiner Generation, der sogenannten dritten Generation Ost, beschreiben: Der Westen war irgendwie total fremd, ganz anders, als ausgemalt und irgendwie in nicht wenigen Dingen geradezu enttäuschend. Das beschreibt auch Sabine Rennefanz („Eisenkinder“), die bei einem Blick aus dem Berliner Fernsehturm kaum glauben konnte, dass der Westen Berlins ja genauso, oder zumindest frappierend ähnlich aussah, wie der Osten der Stadt.

Ein bisschen Nähe

Rückblickend betrachtet hat das Westpaket, als einer der „Boten aus dem Westen“, derer es ja mehrere gab, eine zwiespältige Rolle gehabt. Auf mich wirkte es spätestens seit dem Weggang meines Vaters seltsam beruhigend. Es vermittelte Nähe zu etwas, das  gleichzeitig unerreichbar war. Und wenn ein Elternteil für ein Kind unerreichbar ist, hat das immer etwas Verletzendes. Dieses Gefühl der Nähe, das sehr beruhigend war, wirkte für mich als Kind stärker, als die Sehnsucht, die es nach dem Westen weckte. Und bevor mein Vater weg war, und für all die anderen Empfänger_innen von Westpaketen (ich kenne erstaunlich viele Menschen, die auch in den Genuss dieser Alltagsaufheller kamen), brachte das Westpaket die Möglichkeit, an einer Fiktion teilzuhaben, die Phantasie ein bisschen zu beflügeln, etwas außergewöhnliches zu erhalten, ohne gleich das „Gesamtpaket Kapitalismus“ kaufen zu müssen – mit all seinen Risiken und Nebenwirkungen. Das hatte sicherlich ebenso stabilisierende Wirkung, wie das aus diesem Grund tolerierte Westfernsehen. Ein kleines bisschen Horizont im Ameisennest – oder sollte ich sagen Bienenstock? –  in dem ansonsten alles an seinem Platz war. Organisiert und manchmal trostlos. Auf eine seltsame Art Halt gebend und verbindend. Einen Zusammenhalt herstellend, der heute im Osten vielen sehr schmerzhaft zu fehlen scheint. Eine Lücke, die einen komischen Phantomschmerz hinterlassen hat. Über die Generationen hinweg.

(Übrigens: Heute hat das Westpaket einen eigenen Wikipedia-Eintrag).

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