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Ein Schulleben lang

12.05.2013, 20:18 Uhr  ·  Das Leben in der Schule kann ebenso grausam sein wie der Lerneffekt prägend: Wie es war, in der DDR nicht nur den Unterricht, sondern gleich das Kollektiv zu stören.

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Eine tiefe Skepsis gegenüber Menschen, Gruppen und Institutionen liegt meinem Blick auf die Welt zu Grunde. Im Lauf der Jahre habe ich eine sehr feine Sensorik dafür entwickelt, ob und wie Menschen sich verändern. Besonders dann, wenn sie nicht mehr nur sie selbst sind, sondern dem Einfluss anderer unterliegen zu Führungspersonen werden oder für Institutionen sprechen. Dieser Einfluss und die Entwicklung kann positiv wie auch negativ sein. Meist scheint er jedoch negativ. Es ist aber nicht nur diese Skepsis, die mich immer etwas weit weg von den Menschen sein lässt. Meine Disposition spielt ebenfalls eine Rolle. Sie wurde durch mein Erleben der Schule in der DDR zusätzlich geprägt.

Disposition

Nachdem ich 1980 in die Welt geworfen wurde, stellte meine Uroma Anna sehr schnell fest: “Der Junge kann nicht ruhig liegen.” Das sollte sich bis heute nicht ändern und war bis zu meiner Einschulung im Jahr 1986 auch kein Problem. Der Kindergarten bot Auslauf genug und lediglich in den Mittagsstunden, in denen alle Kinderlein schlafen sollten, wurde ich auffallend oft ermahnt, doch nun bitte endlich still zu sein und noch ruhiger zu liegen. Mit der Einschulung wurde dieses zappelige zu einem Problem. Statt still und ruhig dem Unterricht zu lauschen, drehte ich mich ständig um, saß nicht still und redete mit meinen Schulbank-Genossen. Bevorzugt mit denen, die hinter mir saßen.

Heute ist die Reaktion auf diese Erzählung meist dahingehend, dass man vermutet ich habe ADHS. Die Aussicht auf Medikamente ist entsprechend. Das wäre falsch, denn nach allem was ich mittlerweile weiß, betrifft mich das Asperger-Syndrom. Ich habe dafür bisher noch keine gute Erläuterung finden können, da die Ausprägungen sich in jedem einzelnen Fall sehr unterschiedlich darstellen und Forscher sich hauptsächlich mit Kindern beschäftigen. Kurz gefasst, befinde ich mich in einem Kokon, den ich ständig und für alles bewusst durchdringen muss um in der Welt sein. Nicht bei den Menschen zu sein, ist mein Naturzustand. Ich bin sehr ungeschickt und Verhaltensweisen sind bei mir bewusst antrainiert. Sie kommen nicht aus mir selbst heraus. Symmetrie ist wichtig, mir vor allem bei Verhaltensweisen anderer Menschen. Die Diagnose „Asperger“ geht in Richtung Autismus. Menschen mit dieser Diagnose wurden in der DDR in die Sonderschule gesteckt.

Aufgrund fehlender Diagnose blieb mir die Sonderschule erspart. Ich galt damals einfach nur als unangepasst. Man muss dazu sagen, dass ich in einem sehr liberalen Elternhaus groß geworden bin. Generell herrschte in unserer Familie eine offene Atmosphäre. Es wurde über Dinge gesprochen und der Zwang des Systems herrschte nicht vor. Auch herrschte in Berlin generell eine liberalere Atmosphäre als im Rest der vermeintlichen Republik. Für die Schule in Marzahn kann man das nicht behaupten. Als ob die Lehrer dieses grundsätzlich Liberale der Umgebung kompensieren wollten, herrschte der totale Frontalunterricht. Die Kinder hatten still zu sein, sich nicht zu bewegen und wer etwas sagen wollte, musste sich melden. Es gab keinen Spielraum für die Kinder und Strafen, die auf der Beschämung des Kindes beruhten. Bei meiner Klassenlehrerin Frau Vogel war ich dank meiner Wuseligkeit entsprechend beliebt. Mahnungen, Verwarnungen und Bestrafungen prägten in dieser Zeit mein Schulleben.

Schulanfang in der DDR (1980) von Vwpolonia75 (Jens K. Müller, Hamburg)
Creative Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported (CC BY 3.0)

Disziplinierungsmaßnahmen

Anfänglich war der Eintrag in das Hausaufgabenbuch besonders beliebt. Mit drohend roter Farbe wurde darin vermerkt, wenn der Junge mal wieder störte. Dieser hatte das Hausaufgabenheft dann seinen Eltern zu geben, die den Eintrag zur Kenntnis nehmen sollten. Damit sie das auch wirklich taten, mussten sie diese Kenntnisnahme per Unterschrift bekunden.

Meine Eltern mussten täglich unterschreiben. Dabei war meine Lehrerin so pedantisch, dass sie ihre Vermerke für jede aufgelistete Stunde in diesem Hausaufgabenheft hinterließ. Das ging zwei Wochen lang so, dann schrieb meine Mutter die Frage zurück, ob sie denn in die Schule kommen solle, um ihrem Sohn den Kopf zu halten. Das Heft sahen wir danach nie wieder. Frau Vogel zog es ein und die Vermutung liegt wohl nahe, dass sie es an die Stasi weiterreichte und das Heft der Akte meiner Mutter beigelegt wurde.

Einträge in das Hausaufgabenheft gab es danach nicht mehr. Frau Vogel gab diesbezüglich auf. Stattdessen, begann sie mich zu stigmatisieren und diverse Zwangsmaßnahmen einzuleiten. Zum Beispiel musste ich mich immer wieder mal mit dem Kopf zur Wand in eine Ecke stellen. Je nach Lust und Laune mal vor der Klasse oder hinter der Klasse. Generell versuchte sie mich als Kollektivstörer darzustellen, was gegenüber Kindern nicht schwer war. So wurde ich erst mit 6 Monaten Verspätung in die Jungpioniere (blaues Halstuch) aufgenommen. Ich wurde also von den Gruppenaktivitäten ausgeschlossen. Gerade die Jungpioniere waren damals sehr wichtig. Sie erzeugten den ersten sichtlichen Stolz kleiner Kinder. Diese fühlten sich geehrt, frönten der Gruppe und ihren Aktivitäten. Wer nicht dabei war, war ein Außenseiter. Ich wurde ein Kind, das man mied. Später hieß es, dass man mich in den Thälmann-Pionieren (rotes Halstuch) erst gar nicht sehen wolle, geschweige denn in der FDJ. Das bedeutete, dass ich auch bei guter Leistung keine Erweiterte Oberschule (EOS) hätte besuchen können. Diesem Ausschlussvorgang kam die Wende dazwischen.

Freunde fand ich trotzdem. Besonders prägend war Sascha. Es stellte sich schnell heraus, dass Sascha vor allem deswegen mein Freund war, damit er mich beklauen konnte. Er stahl mir unbemerkt verschiedene Dinge. Ich hatte keinen Blick für so etwas. Ich war froh einen Freund zu haben. Erst meine Mutter deckte dieses Treiben auf und natürlich mochte ich es zunächst nicht so recht glauben. Sascha beklaute nicht nur mich. Er trieb überall sein Unwesen, was die Schule mit einschloss. Dort klaute er eines Tages ein Stiftmäppchen. Der oder diejenige, der das Mäppchen entwendet wurde, merkte das Fehlen recht schnell und es begann die Suche danach. Sascha erwähnte dabei, dass er gesehen habe, wie jemand das Mäppchen genommen habe. Der Täter sollte ich gewesen sein. Die Beschuldigung verschaffte mir sehr schnell die Aufmerksamkeit des Kollektivs, das beim Durchwühlen meiner Sachen jedoch kein Mäppchen finden konnte. Damit war die Angelegenheit für mich erledigt.

Nach Beendigung des Unterrichts war ich noch etwas länger im Klassenraum. Als ich dann ging, war niemand da. Es war still und auch vor der Schultüre konnte ich niemandem entdecken. Das änderte sich, nachdem ich den Schulhof verlassen hatte und plötzlich von einer Horde KlassenkameradInnen umringt war. Wie ich zu hören bekam, hatte mein Freund Sascha die gesamte Klasse davon überzeugt, dass ich der Dieb des Stiftmäppchens bin. Nun müsse man mir eine Lektion erteilen. Der wütende Mob, wie ich ihn heute nennen würde, ließ sich das nicht zweimal sagen. Mir wurde eine kräftige körperliche Abreibung verpasst, die sich “Klassenkeile” nannte.

Gerechtigkeit

Die Einzelheiten dieses Vorgangs habe ich zum Glück verdrängt und irgendwann schritt eine Lehrerin ein. Ihr Handeln erstaunte mich, denn es war mir gegenüber fair. Sie erkundigte sich nach dem Geschehen und ließ dann alle Schränke und Schubladen durchsuchen. Man fand das Mäppchen bei Sascha. Die Stimmung drehte sich schlagartig. Sobald die Lehrerin wieder weg war, wollte der Kindermob sich diesem Sascha und einem weiteren Rädelsführer widmen. Beide entkamen, es passierte ihnen nichts. Und wenn mir von diesem Geschehen irgendwas geblieben ist, dann die Tatsache, dass die Angelegenheit vergessen war. Es gab nicht mal ein Verzeihen oder ein ähnliches Ritual. Sascha konnte einfach so in die Schule kommen. Alles war erledigt und wie zuvor. Natürlich war ich auch weiterhin der Außenseiter und das Kollektiv sucht die Schuld nicht bei sich selbst.

Als Kind in der DDR unterlag ich immer einer Mischung aus Schuldgefühl und Rebellion. Ich wusste, dass das nicht richtig ist und nicht richtig sein darf. Also rebellierte ich unbewusst dagegen und zugleich wurde mir vielfach vermittelt, dass der Fehler bei mir liegt. Ich befand mich also in einer Lage, in der mir meine Umwelt keine klare Richtung vorgeben konnte. Es gab keine Möglichkeit einer richtigen Handlung. Und so war der Konflikt nur fortführbar, aber nicht lösbar.

Niemand sollte nun glauben, dass es im Westen besser war. All das hätte mir dort genauso gut passieren können. Viele Lehrer, auf die ich nach der Wende in Baden-Württemberg stieß, waren keine Deut besser. Es ging ihnen darum, den funktionierenden Schüler zu erzwingen. Der Unterschied zu meiner Schulzeit im Osten war, dass ich bessere Freunde fand und daher meine Ruhe hatte. Auch war nicht jeder Lehrer so wie eingangs beschrieben. Es gab Lichtblicke, die halfen. Gerade diese Lichtblicke zeigen mir heute, wie wichtig auch der Umgang der Lehrer mit den Schülern ist. In dieser Hinsicht bleibt Gesamtdeutschland ein ewiges Entwicklungsland.

 

Veröffentlicht unter: ddr, schule, klassenkeile

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (11)
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1 Hans Meier 14.05.2013, 09:28 Uhr

Und das alles ganz ohne Datenkbanksysteme.

Wie die Stasi das nur schaffte, so viele unterdrückungsrelevante Informationen zu verwalten und auszuwerten.
.
Jeden zappelnden Erstklässler im Blick zu behalten, und das auch noch ganz ohne Software!

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Frank Passudetti 14.05.2013, 08:38 Uhr

Vielen Dank

für Ihren offenen Bericht, Marco. Haben sie denn noch andere Lehrer erlebt in der Marzahn-Schule? Und wie sind die mit Ihrer Lebhaftigkeit umgegangen? Vielleicht wäre ja Frau Vogel anders mit Ihnen umgegangen, wenn ihr bekannt gewesen wäre, dass ihr lebhaftes Verhalten sozusagen krankhaft bedingt sei, und nicht reine "Ungezogenheit"? Normalerweise wäre ja nach den vielen Vorfällen ein Elterngespräch an der Reihe gewesen. Ich finde eine Beschämung vor der Klasse nicht ok, besonders wenn man vielleicht der Einzigste aus der Klasse ist, der aus der Reihe tanzt.

Bezüglich des "totalen Frontalunterrichts" möchte ich diesen Ausdruck etwas hinterfragen. Erstens gab es ja noch andere Schulfächer, wie Werken, Sport, Schulgartenunterricht. Wie ist es Ihnen dabei gegangen? Zweitens sind sehr wohl die DDR-Lehrer dazu angehalten, gerade in der ersten Klasse dem natürlichen Bewegungsdrang des Kindes nachzukommen, da werden Lockerungsübungen, Spiele, Bewegung oder Singen in den Unterricht eingebaut. Das können sie in jeder DDR-Unterrichtshilfe für Klasse 1 nachlesen. Es hängt natürlich sehr von der Fähigkeit des jeweiligen Lehrers ab, inwiefern er dieses auch umsetzt oder mit Konfliktsituationen umgehen kann. Ferner möchte ich behaupten, dass auch heute noch in der Grundschule (bis auf einige experimentelle freie Schulen) der Unterricht zu 90% aus Frontal-Unterricht besteht. Soviel Alternativen gibt es da nicht.

Antworten (2) auf diese Lesermeinung

0 Hans Meier 14.05.2013, 06:03 Uhr

Asperger-Diagnose in der DDR?

Wurde in der DDR bereits "Asperger" diagnostiziert?

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2 Lea Karow 13.05.2013, 15:51 Uhr

Warum "vermeintliche Republik"?

Eine Monarchie war die DDR doch nicht, noch nicht mal im nordkoreanischen Sinne. "Angeblich demokratisch", das ja.

Antworten (3) auf diese Lesermeinung