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Der Schuss am Todesstreifen

21.07.2013, 15:51 Uhr  ·  Bis zu 600 Menschen kamen an der innerdeutschen Grenze ums Leben. Hatten die Grenzsoldaten in der DDR wirklich nur die Wahl zwischen dem Todesschuss und der Folter im Gefängnis?

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In Bezug auf die DDR gibt es kaum ein bedrückenderes Thema, als die Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer. Bis zu 600 Todesopfer werden als Dunkelziffer vermutet. Der im Prozess gegen Erich Honecker ausgeschiedene “Vorsitzende Richter” Hansgeorg Bräutigam spricht in einer „Bestandsaufnahme“ von 270 nachweislichen Todesfällen an der innerdeutschen Grenze infolge eines Gewaltaktes.  An der Berliner Mauer ließen „nachweislich“ 86 Menschen auf der Flucht aus der DDR ihr Leben. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2004, unter Bezugnahme auf die Staatsanwaltschaft.

Fünf Jahre später erschien, herausgegeben von Maria Nooke und Hans-Hermann Hertle, das Buch „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989“. Ein Werk, das auf einem Forschungsprojekt basiert, in dem 136 Todesopfer, darunter acht Frauen, allein für die Berliner Mauer festgestellt wurden. Erstmals bekommen alle diese Opfer ein Gesicht und es wird ihre Geschichte öffentlich. Durch eine autobiographische Darstellung jeder einzelnen Person wird über die Motive der Flucht berichtet, von der Herkunft und dem Leben der Menschen erzählt. Dem entgegen wird das Handeln der Staatsorgane aufgezeigt, die die Todesschützen ideologiekonform beschützten und belobigten. Zum Beispiel mit der „Medaille für vorbildlichen Grenzdienst“.

Es ist eigentlich kaum zu glauben, wie genau die Akten in der DDR geführt wurden. So dokumentierte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) selbst das Fluchtverhalten der Ermordeten oftmals bis ins kleinste Detail. Parallel dazu wurde ein hoher Aufwand betrieben, um die Morde an der Grenze zu vertuschen. Das MfS plante regelrechte „Legendierungen“ der „Leichensachen“, in der die Opfer in ihrem Umfeld diskreditiert wurden. Auch übernahm die Staatskasse ihre Schulden, damit Gläubiger nicht mit Nachforschungen begannen. Sofern die Verwandten überhaupt vom Ableben ihrer Angehörigen erfahren haben, bekamen sie die „Weisung“, Trauerfeiern nur im kleinsten Kreis abzuhalten. Anschließend wurden sie überwacht, um sicherzustellen, dass sie in der Öffentlichkeit nicht über das Thema redeten.

Die DDR hat sehr viel getan, damit die Toten an der Grenze im Volk nicht thematisiert wurden. Dadurch erfuhren viele Familien erst mit den Archivöffnungen in den 1990ern vom „wahren Verbleib“ ihrer Angehörigen. Maria Nooke und Hans-Hermann Hertle reihen 136 Geschichten aneinander und geben nicht nur den Opfern ein Gesicht, sie zeigen auch die tiefsten Abgründe des staatlichen Handelns der DDR auf.

Vermutlich existiert keine angemessene Art und Weise, sich diesem Thema zu nähern. Die konzentrierte und intensive Darstellung der Abgründe drohen das Vorstellungsvermögen des geneigten Lesers zu überfordern. Das muss kein Nachteil sein, denn dadurch bleibt das Thema präsent und wird über einen längeren Zeitpunkt hinweg verarbeitet. Vor allem aber formuliert sich dadurch die Frage: „Warum?“ Hatten die Soldaten wirklich keine Wahl?

Auf der Suche nach Antworten stieß ich auf eine DVD. Der Film „An die Grenze“ verspricht, sich mit den Grenzsoldaten zu beschäftigen. Dieses Versprechen beinhaltete auch die Möglichkeit, zu verstehen, was in diesen Menschen vor sich ging.

Moedlareuth Museum 2002

By Photo: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [GFDL or CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons

„An die Grenze“

Der 19-jährige Alexander Karow möchte sich von seinem in der DDR berühmten Vater, einem Wissenschaftler, emanzipieren. Für diesen Akt der Selbstermächtigung fällt ihm nichts Besseres ein, als beim Musterungsgespräch für die Nationale Volksarmee (NVA) zu sagen, dass er bereit wäre, an der innerdeutschen Grenze einen Feind des Sozialismus zu erschießen. Wie es bei dieser Entschlusskraft zu erwarten war, wird Alexander daraufhin eingezogen und muss nach einer Grundausbildung an die Grenze.

Auf Basis dieses Szenarios entspinnt sich eine schablonenhafte Handlung, die am ehesten einer Beziehungserzählung entspricht. Alexander verliebt sich in die systemkritische Traktorfahrerin Christine, zu der er nach kurzem Geplänkel immer wieder flüchtet. Dafür muss er sich unerlaubt von der Truppe entfernen. Trotz Kaserne kein großes Problem für ihn. Es ist ein Kommen und Gehen.

Alexander hat bei all dem niemals eine eigene Meinung. Er scheint ein von allen zu befüllendes Gefäß, das mit wechselnd leidender oder verkniffener Miene die Situation erfährt, ohne sich zu ihr zu verhalten. Jeder darf sein Scherflein zu Alexander beitragen. Und wenn nicht gerade etwas in ihn hineingefüllt wird, dann schlägt der Gegenpart eben auf das Gefäß drauf. Zum Finale erst scheint noch ein Bruch möglich. Nach dem gefassten Entschluss, mit Christine über den Grenzzaun zu klettern und in den Westen zu flüchten, lässt sich das willenlose Gefäß von seiner Geliebten mit der Empfehlung stoppen, dass es doch bitte in der DDR bleiben möge. Das sei besser für Alexander. Eigentlich wollte er doch gar nicht in den Westen. Nicht wirklich. Natürlich bleibt er in der DDR.

„An die Grenze“ spielt im Jahr 1974. Über 20 Jahre nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR und 18 Jahre nach dem Volksaufstand von 1956 in Ungarn. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Folgen der blutigen Niederschlagung der Proteste bereits ihre Wirkung entfaltet. Die SED hatte den Wirkungskreis des Ministeriums für Staatssicherheit (Schild und Schwert der Partei) ausgebaut und die Bevölkerung verschob ihren Protest hin zum „Widerstand einer Nicht-Bewegung“. Es gab einen starken Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Handeln. Das wehrlos zu befüllende Gefäß kann dadurch nur als Metapher für das öffentliche Auftreten von Personen dienen. Dadurch versagt sich der Film der Komplexität des realen Lebens in der DDR, dessen wichtigere Komponente das geduldete und für die Öffentlichkeit (versucht) unsichtbare Private war.[1] Alexanders Eigenschaften definieren eine Art von Bürger, der bestenfalls ein Westklischee ist.

Schieß!

Wir haben Ihnen in unserem Blog bereits Martin Fischer und seinen Podcast Staatsbürgerkunde vorgestellt. Sein Vater, Lutz Fischer, wurde während seiner Zeit in der NAV bei den Grenzsoldaten eingesetzt, hatte aber das große Glück nicht direkt die Grenze bewachen zu müssen. Er wurde hauptsächlich für die Bewachung der Kaserne eingesetzt. [2] Ausführlich und bewegend hat er über seine Erfahrungen in der NVA gesprochen. Er spricht dem Film auch eine gewisse Authentizität in der Darstellung zu. Nachvollziehbar wird das an Filmszenen wie jenen, in denen Alexander gesagt bekommt, dass in der Realität die Grenzverteidigung eben nach innen erfolgt. Oder in denen der Kompaniechef seinen Mannen mitteilt, dass an seinem Grenzabschnitt niemand durchkommt. Niemals. Der Schießbefehl wurde nicht direkt thematisiert, nur indirekt verdeutlicht. Denn wie, wenn nicht per Schuss und Niederstreckung, ist von einem Soldaten mit einem Feind der Deutschen Demokratischen Republik zu verfahren?

Darüber darf sich jeder Mensch selbst seine Gedanken machen. Und viele tun es. Dabei dominiert oftmals die Frage: „Hätte ich geschossen oder nicht?“ Lutz Fischer berichtete, dass er eine Art wirres Zwinkern bei denen beobachten konnte, die direkt an der Grenze eingesetzt wurden. Die Jungs waren fertig. Und zweifelsohne, die Bewachung der Grenze, in der steten Erwartung eines Vorfalls, wird ihre Spuren hinterlassen haben. Nur hätten diese Menschen geschossen? Der Film gibt darauf eine simple Antwort. Zwei Soldaten, die bei einem Fluchtversuch eines ihnen unbekannten „Kameraden“ nicht schossen und ihn auch nicht meldeten, als er an ihnen vorbei rannte, wurden bei einer Vorgangsanalyse als fehlerhaftes Glied in der Kette identifiziert und abgeführt. Bei der offenbarten Genauigkeit der Fluchtweganalyse, in den Stasiakten, kann der Szene eine tatsächliche Realität zugesprochen werden.

Doch es geht auch anders. Meine Mutter hatte einen Bekannten, der bei den Grenzsoldaten in der DDR war. Er hat sich mit seinen Kameraden auf der Stube zu Thema „Todesschuss“ besprochen. Es waren wohl acht Mann, die in einer ganz normalen und somit auch offenen Kommunikation ihr künftiges Verhalten besprachen. Am Ende vereinbarten sie ein gemeinsames Handeln, das dem entspricht, was mir selbst auch naheliegend scheint. Sie alle hätten geschossen.

In den Boden. In die Luft oder sonst wohin. In jedem Fall daneben!

Ein Bürger in der DDR hatte immer die Wahl zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten. Wollte er eigene Repressionen vermeiden, musste er seine Angelegenheiten, die oftmals auch Pflichten waren, jedoch in einer Art und Weise erledigen, die den Ansprüchen einer Umwelt genügte, die alles und jeden ständig beobachte.[3] Dieser Beobachtung lag eine Erwartungshaltung an das Handeln zugrunde. In diesem Fall: Auf Menschen schießen. Die Freiräume des Handelns waren in diesen harten Situationen, wie an der Grenze, nicht sonderlich groß. Aber sie bestanden. Der Entschluss des handelnden Individuums entschied über Leben und Tod, nicht der Befehl.[4]

 

—————————-


[1] Es herrscht ein wenig Streit darüber, ob die DDR eine totalitäre oder ein autoritäre Diktator war. Meiner Meinung nach kann man auf der Basis der These des „Widerstands einer Nicht-Bewegung“ den Wandel von der totalitären zur autoritären Diktatur nachvollziehen.

[2] Lutz Fischer scheint sich heute noch zu wundern, warum er so oft zur Bewachung der Kaserne eingesetzt wurde. Da er sich ein paar „Schoten“ erlaubte, tippe ich auf Bestrafung. Das war ein Verhalten der Vorgesetzten, das ich bei der Bundeswehr genauer kennenlernen durfte. Da ich jedoch nie meine Schießprüfung bestanden habe (ich traf mit der Pistole ernsthaft nichts, trotz aller Anstrengungen), wurden mir ungewöhnlich viele Einteilungen als „Gefreiter vom Dienst“ (GvD) zu Teil.

[3] Sie kennen das von unseren amerikanischen Freunden.

[4] Für Interessierte möchte ich anregen, dass diese Form der persönlichen Entscheidung als freiheitlicher Aspekt angesehen wird, der einem Menschen nicht genommen werden kann. Nicht als Recht des Menschen sondern als Sein des Menschen. Damit wird auch ermöglicht eine Form von Menschenrechtsminimalismus zu denken, der nicht nur in den westlich geprägten Sphären Anerkennung erlangt.

 

Veröffentlicht unter: ddr, wostkinder, grenze, folter, todesstreifen, grenzsoldaten

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (18)
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3 Gerhard Dünnhaupt 22.07.2013, 16:11 Uhr

Das eigentliche Großverbrechen der DDR gegen die Menschheitsrechte ...

... war die jahrzehntelange Gefangensetzung eines ganzen Volkes hinter Stacheldraht und Minenfeldern.

5 Karsten Krug 22.07.2013, 15:05 Uhr

Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Schießbefehl und der Kalaschnikow

vorab es war nicht an der Grenze, sondern Wache für ein wichtiges Muni-Lager. Der Wachoffizier sagte wie ein gedrillter Pitbull "Flüchtende erschießen" und auf meine Nachfrage ob nicht doch nur auf Beine (wie es in der Wachvorschrift steht), etwas zerknirscht "na dann möglichst auf die Beine".

Mein Fazit ist, das der Schießbefehl noch ideologisch zum tödlichen Schuß aufgebauscht wurde, und so fehlerhaft und verzerrt angeordnet wurde. Einem flüchtenden mit einer ausgeleierte Kalaschnikow aus 50 - 100 Metern in die Beine zu treffen, das ist lächerlich. Die Soldaten waren wegen Munitionsmangels schlecht im Schießen und hatten selbst bei Übungsschießen auf Pappziele ihre Probleme. Was dann auf laufende Flüchtende und unter der realen Streßsituation passierte, ist nochmal schwieriger.

6 Carsten Berg 22.07.2013, 14:43 Uhr

Hauptmann Rudi Arnstadt, erschossen an der Staatsgrenze!

Nachdem der bedauernswerte Offizier längst tot war, lernte ich durch einen seltenen Zufall seine Schwester Anfangs der 70er kennen. Sie geisterte als Reinemachfrau abends durch bereits verlassene Büros. Wir kamen ins Gespräch und sie fasste Vertrauen: Ihr Rudi sollte ein durch Fahnenflucht auf das Westgebiet (!) geratenes Fahrzeug zurückbringen, so der Auftrag. Um der Feindpropaganda keinen Raum zugeben. Er soll dabei vom BGS überrascht worden sein und wollte sich nicht ergeben. Nach kurzem Feuergefecht wurde A. verletzt und starb. Der Vorgang selbst wurde in der DDR umgelogen und ein "Staatsbegräbnis" unter der Parole "gefallen für die Verteidigung des Sozialismus"inszeniert . A's. sterblichen Überreste sollen in einem Ehrenhain von Antifa-Kämpfern und verstorbenen Funktionären liegen. Die Wahrheit und der Umgang damit, das Nichttrauern-Dürfen, hatten der Frau zugesetzt. Den wirklichen Hergang erfuhr sie erst durch einen Kameraden ihres Bruders. Sie schien mir unerschrocken und auch naiv. Sie ist mir äußerlich als armer Mensch in einfacher Haltung entgegengetreten. Sie hatte offenbar wenig zu verlieren. Das DDR-Grenzregime konnte zwar Körper bedrohen, wegsperren und sterben lassen, menschliche Seelen nicht. Die Frau und ihr Bruder sind eined der Beispiele der Minimalisierung von Menschenrecht. Gegen solche Schicksale stehen m.E. Demokratie und Rechtsstaat. Auch, wenn sie beileibe nicht vollkommen sind. Es ist mir ein Rätsel, wie man der DDR "nachtrauern" kann, deren Führung moralisch kaputt war und materiell und politisch bankrott. Lange vor der Wende 1989 (siehe Gerhard Schürer, Vors.der StaPlaK in "Gewagt und verloren"). Das kleine Büchlein setzt Kompetenz und Potenz der DDR-Führung nebst Korruptheit gut ins Bild. Es würde mich wundern, wenn auch hier nicht nach Veröffentlichung Druck ausgeübt worden wäre, um den Kern des Scheiterns der DDR weiter verschleiern zu können. Schließlich war Schürer eine Art
Wirtschafts-Pabst und Kenner aller Facetten.

8 Michael Posthoff 22.07.2013, 14:15 Uhr

Es gibt viel zu relativieren..

Im Staatsbürgerkundeunterricht wurde gelegentlich die Frage gestellt, ob man auf Westdeutsche oder weiter zugespitzt auf Westverwandte in Nato - Uniform, die die DDR angreifen, schießen würde, es wurde natürlich ein Ja erwartet.
Gab es ähnliche Fragen auch in den Bundeswehrkasernen? Und hätten Bundeswehrsoldaten auf DDR-Wehrpflichtige oder Polizisten geschoßen, wenn diese einen Republikflüchtling verfolgten? Auch wenn der Flüchtling ein herkömmlicher Krimineller, Wirtschaftsflüchtling oder fahnenflüchtiger Russe gewesen wäre?
Und muß die Berliner Polizei heutzutage einen Verwirrten, der nackt im Neptunbrunnen steht, erschießen?
Letztendlich muß das jeder mit sich selbst ausmachen und jeder sollte dankbar sein, wenn er nicht in so eine Situation geraten ist.

6 thomas vogel 22.07.2013, 14:11 Uhr

statistik

Ok, wenn man wirklich das Todestreifen - Spezifische herausarbeiten will muss man theoretisch die "statistical confounders" herausarbeiten; sprich, was waere passiert, wenn man einfach ein paar bewaffnete 18 Jaehrige auf Streife schickt (auch ohne harten Schiessbefehl).
Aus meinem eigenen Wehrdienst (West) weiss ich, dass sich ausgerechnet die scharf bewaffneten am meisten bedroht fuehlten. Diese Angst der Streife endete fuer ein Kuh am Kasernenzaun toedlich.
Ebenso koennte man schauen, wieviele Fluchtversuche ohne Verletzungen ausgingen, etc etc.
Aber damit moechte ich das Thema nicht relativisieren:
vielen im Westen bleibt das leichtere Gewissen, dank des Gluecks auf der "einfacheren" Seite eine Waffe getragen zu haben.

3 Roland Magiera 22.07.2013, 13:00 Uhr

Wer von den Grenzern einen Flüchtling traf, der wollte treffen!

Diese Grenzer waren nach ihrer Eignung handverlesen. Quasi das beste was die kommunistischen Theologenseminare zustande bringen konnten. "GaarrrllMaargggsPeng!"

Allein dass ein Mensch die Waffe führt, macht jeden Fehlschuss erklärbar, bei einem derart unpräzisen Schießprügel wie der AK47 ist jeder Treffer über 100 Meter ein Glückstreffer oder der Schütze überaus erfahren, was in der DDR aufgrund des Schusswaffenverbotes für Zivilisten eher unwahrscheinlich war. Also Ausreden gab es genügend.

Wenn Grenzer getroffen haben, dann nur weil sie einem hilf- und wehrlosen Zivilisten ins Herz gezielt haben, dieser feige Abschaum. Und ebenso war denen klar, dass es sich niemals um feindliche Agenten handelt, weil diese wesentlich cleverer vorgehen würden.

Und das waren Deutsche, nicht lang nach dem Krieg, von Linken dazu gemacht. Wer den Spruch mit den linken und der rechten Hand des Teufels nun immer noch nicht kapiert hat, der lebt eben ganz normal und unbeeindruckt weiter.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

31 Carsten Berg 22.07.2013, 12:13 Uhr

Die Wahrheit

kann Ihnen jeder Soldat oder Mannschaftsdienstgrad sagen, der an der DDR-Grenze eingesetzt war. Vom Zaun, mit all seinen Tötungsmechanismen, bis zur Polizei und, natürlich, dem StaSi-Mitarbeiter in der Etappe. Das Thema ist gefährlich, weil Mord nicht verjährt und viele Beteiligte erst knapp über 40 sind. Richtig ist: Es wurde im Erstfall bei Fluchten von den Besonneren daneben geballert, weil die AK 47 nicht ruhig in der Hand liegt. Es wurde von den Beknackten oder Feigen oder Furchsamen getroffen. Weil es bis 100 m Distanz kaum möglich ist, nicht zu treffen. Die Kampfentfernung liegt bei max. 500 m. Bekannte gerieten in schwere Gewissensnöte. Die Verweigerung eines Unrechts-Befehls war schwer möglich. Die Berichte waren damals schon absolut irritierend. Besonders, wenn Soldaten Verwandte im Westen hatten und die Abscheu der ganzen Familie riskierten. Noch schlimmer kam es für die Posten bei Grenzdurchbruchs-Versuchen von Soldaten der Westgruppe der Roten Arme. Diese armen Teufel kamen auch mit Panzerfahrzeugen, nach wilder Jagd mit eigenen Nah-Bekäm-pfern, über dutzende Kilometer. Weil sie kaum Chance hatten ihr Freiheitsstreben zu über- leben, kämpften sie bis zum bitteren Ende. Wenn sie es denn bis zur Grenze schafften! Diese Verhaltensweise führte bei der NVA-Grenztruppe, zu blankem Entsetzen: Parole, nur nicht in unserem Grenzstreifen! Auch solche Vorgänge müssten zur Todes-Statistik hinzugefügt werden. Die entsprechenden Posten wissen Bescheid. Das Tragische dürfte sein, dass das "Grenzregime" dem DDR-Volk viele Millionen kostete, und es hat den im Prinzip schwachen Staat nie erhalten können. Alles mündete in ein Schreckens-Dilemma, das Leute "aus der westlichen Demokratie niemals erfahren haben.

58 Bert Lindstedt 22.07.2013, 12:01 Uhr

Ich erlebte es anders

Dem hier stimme ich nicht zu:

"Er hat sich mit seinen Kameraden auf der Stube zu Thema „Todesschuss“ besprochen. Es waren wohl acht Mann, die in einer ganz normalen und somit auch offenen Kommunikation ihr künftiges Verhalten besprachen. Am Ende vereinbarten sie ein gemeinsames Handeln, das dem entspricht, was mir selbst auch naheliegend scheint. Sie alle hätten geschossen.

In den Boden. In die Luft oder sonst wohin. In jedem Fall daneben!"

Diese Geschichte ist schön, geht aber an der Realität an der Grenze vorbei. Ich war selbst an der Grenze und habe nie Diskussionen darüber erlebt, ob man schießen würde, oder nicht. Schon als gelernter DDR-Bürger, noch mehr als DDR-Grenzer war einem klar, dass auf jeder Stube einer Grenzkompanie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Informant anwesend ist. Es wäre viel zu gefährlich gewesen, seine Meinung offenzulegen. Direkt im Grenzdienst war man immer zu zweit und auch da habe ich nie Gespräche über den Schießbefehl erlebt. Ich kann natürlich nicht ausschliessen, dass es so eine Absprache wirklich irgendwo an der Grenze gegeben hat, aber die wäre auch nichts wert gewesen, weil sie auf das tatsächliche Verhalten des Einzelnen keinen Einfluss gehabt hätte. Die Soldaten wurden täglich neu eingeteilt, erst am Postenplatz erfuhr man, mit wem man den Grenzdienst versah. So wurde effektiv verhindert, dass Freundschaften entstanden, die offenere Gespräche ermöglicht hätten. Ich hatte das Glück, nie in eine Situation zu geraten, bei der ich hätte schießen müssen und weiß bis heute nicht, wie ich mich verhalten hätte. An der Berliner Mauer war die Situation eindeutiger und eine Entscheidung leichter, an der "grünen Grenze" sahen wir die Grenze selten, sondern lagen irgendwo im Wald und das fast ausschließlich Nachts. Wir hatten Angst vor jedem Geräusch und unsere Nerven waren so angespannt, dass schon aus diesem Grund geschossen wurde. Bei uns wurde versehentlich ein Offizier angeschossen und in der Nachbarkompanie eine Kuh - beide kannten die Parole nicht…
In unserer Kompanie gab es einen schüchternen sensiblen Soldaten, der sich um nichts kümmerte und offensichtlich nur möglichst konfliktlos seine Zeit hinter sich bringen wollte. Gerade der schoss einen Flüchtling an und stand verlegen mit rotem Kopf vor der Kompanie, als er für seine Tat belobigt wurde.
Schlimme Zeiten, die glücklicherweise hinter uns liegen. Und schöne Zeiten, in denen "wir" einfach so Urteile abgeben können und wissen, was gut und was schlecht ist und wie wir uns verhalten hätten.

9 Edelbert Hackenberg 22.07.2013, 11:31 Uhr

Wenn ich das lese, muss ich immer an die Bundeswehr ....

denken.
Wieviel Soldaten/Zivilisten wurden seit 1956 "beim Verlassen oder Betreten des Kasernengelaendes auf unerlaubten Wegen" erschossen bzw. angeschossen?
Wieviele der Opfer waren "Zapfenstreich-Ueberstreiter" bzw waren "alkoholbenebelt"?
Der "reale" Unterschied zwischen Ost und West war nach meiner Einschaetzung:

Ost schoss aus Ueberzeugung wg zB Grenzverletzung oder Angst vor Bestrafung/Denunziation und die Motive der Opfer waren wohl idR Flucht in ein andere Lebensumstaende.

West* schoss aus Angst vor einem vermeintlichen Dieb, Saboteur, Spion oder im Machtbewusssein einer Schusswaffe und die Motive der Opfer waren wohl idR Angst vor Disziplinarstrafen oder Uebermut etc.

) = es ist zZt offensichtlich unmoeglich ueber toedliche Schuesse, in Zusammenhang mit BW-Einrichtungen und/oder sich noch oder ehemals auf BRD-Gebiet befindlichen auslaendischen Militaereinrichtungen, Informationen zu erhalten. Kann mir ggf jemand dazu Tips geben?

Der Redlichkeit halber muessen die Schuesse in "beiden Systemen" gegenuebergestellt werden.
Problematische Gewalttaten nicht sind deshalb zu vernachlaessigen weil sie in einem sogenannten "richtigen" Rechsstaat passieren und idR oeffentlich vor Gerichten "ausgewertet" werden!?

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