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Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Unser Kompass im sterbenden Kapitalismus

| 18 Lesermeinungen

Wie man 1983 Jugendgeweihten erklärte, was der Sinn ihres Lebens ist, zeigt das gleichnamige Buch, das in der DDR zu dieser Zeit Jugendliche bei ihrer staatlichen Initiation überreicht bekamen.

Mit 14 Jahren war ich bereits über sieben Jahre lang im Westen gewesen, eine Hebtomade. Es stand eine Frage im Raum: Konfirmation oder nicht Konfirmation? Wie mir bekannt war ging es hierbei nicht nur um eine Glaubensfrage, sondern auch um die Frage: Willst du ein großes Fest, dir zu Ehren, mit all deinen Verwandten, mit vielen Geschenken und Geld, oder willst du das nicht. So dachte ich wirklich darüber nach, mich taufen zu lassen, mitzumachen in diesem Zirkus. Ich besprach mich auch mit meinen Eltern. Denn glauben – nein, nicht im Sinne der Protestanten. Ein solches Bekenntnis zu Gott wäre nicht ehrlich gewesen, nur pragmatisch. Außerdem ist ein Initiationsritus im Alter von 14 Jahren keine schlechte Sache – ein neuer Lebensabschnitt beginnt. In Deutschland darf man in diesem Alter Sex haben, man ist nun wirklich kein Kind mehr. Und doch: ich entschied mich dagegen, bat aber um einen Ersatz.

Bei der Konfirmation geht es um die Bibel. Bei der Jugendweihe war das gar nicht so unähnlich, aber das merkte ich erst später. Bild: CC-BY-ND 2.0 von Aalborg Stift via Flickr.com

Den Ersatz hatte ich bei meiner damals besten Freundin, meiner Brieffreundin und Großcousine, abgeguckt, die im Osten lebte, ein Jahr älter war als ich und deswegen ein Jahr davor ihre Jugendweihe gefeiert hatte. Die DDR gab es zwar seit sieben Jahren nicht mehr, aber ihre Jugendweihe hatte überlebt. Und das wollte ich nun auch haben: Ein Fest mit meinen Verwandten, ein Fest anlässlich des Endes meiner Kindheit, ein Fest, bei dem es ein bisschen Geld und ein paar Geschenke gibt – auch ohne ein Bekenntnis zu einem christlichen Gott. Eine kleine Initiation. Und sie kamen, es wurde ein schönes Fest. Wir verknüpften es auch mit dem Zehnjährigen Westjubiläum meines Vaters.

Die echte Jugendweihe in der DDR

Wie wenig Ahnung ich von Jugendweihe damals hatte, merke ich heute, wenn ich mich als Erwachsene mit der DDR-Geschichte, der Kultur, dem Alltag und der Politik auseinandersetze, und wie alles drei – Kultur, Alltag und Politik – mit einander verwoben worden war. „Vom Sinn unseres Lebens“ heißt eine riesige Schwarte, ein dickes rotes Buch, das im Bücherregal meines Vaters im heimischen Sachsen-Anhalt steht. Gedruckt vom Verlag Neues Leben im Jahre 1983. Es war also nicht das Buch, das mein Vater zu seiner Jugendweihe geschenkt bekommen hatte (das war „Der Sozialismus – deine Welt“), sondern ein Exemplar, das wohl aus anderen Gründen angeschafft worden war, aus Interesse an der Geschichte, das in meinem Elternhaus durchaus existiert. Erich selbst hat das Vorwort geschrieben. Zur Jugendweihe bekamen die Menschen in der DDR dieses Buch geschenkt. Und sie leisteten ein Gelöbnis. So war die Jugendweihe nicht wie meine ein privates, sondern ein durch und durch öffentliches Ereignis. Das Gelöbnis ging wie folgt:
„LIEBE JUNGE FREUNDE!

Seid ihr bereit, als junge Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik mit uns gemeinsam, getreu der Verfassung, für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten, so antwortet:

JA, DAS GELOBEN WIR!

Seid ihr bereit, als treue Söhne und Töchter unseres Arbeiter-und-Bauern-Staates nach hoher Bildung und Kultur zu streben, Meister eures Fachs zu werden, unentwegt zu lernen und all euer Wissen und Können für die Verwirklichung unserer großen humanistischen Ideale einzusetzen, so antwortet:

JA, DAS GELOBEN WIR!

Seid ihr bereit, als würdige Mitglieder der sozialistischen Gemeinschaft stets in kameradschaftlicher Zusammenarbeit, gegenseitiger Achtung und Hilfe zu handeln und euren Weg zum persönlichen Glück immer mit dem Kampf für das Glück des Volkes zu vereinen, so antwortet:

JA, DAS GELOBEN WIR!

Seid ihr bereit, als wahre Patrioten die feste Freundschaft mit der Sowjetunion weiter zu vertiefen, den Bruderbund mit den sozialistischen Ländern zu stärken, im Geiste des proletarischen Internationalismus zu kämpfen, den Frieden zu schützen und den Sozialismus gegen jeden imperialistischen Angriff zu verteidigen, so antwortet:

JA, DAS GELOBEN WIR!

Wir haben euer Gelöbnis vernommen. Ihr habt euch ein hohes und edles Ziel gesetzt. Feierlich nehmen wir euch auf in die große Gemeinschaft des werktätigen Volkes, das unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei, einig im Willen und im Handeln, die entwickelte sozialistische Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik errichtet.

Wir übertragen euch eine hohe Verantwortung. Jederzeit werden wir euch mit Rat und Tat helfen, die sozialistische Zukunft schöpferisch zu gestalten.“ (Quelle: ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Jugendweihe)

© Verlag Neues Leben Berlin (Foto: Katrin Rönicke)Vom Sinn unseres Lebens. Verlag Neues Leben, Berlin 1983

„Vom Sinn unseres Lebens“ ist ein sehr umfassendes Buch. Es soll Orientierung geben, eine Leitplanke sein für Menschen, die im Alter von ca. 14 Jahren nicht selten straucheln. Die vielleicht mehr denn je nach der Sinnfrage schielen. Die sich in einer Gesellschaft befinden, die sie natürlicherweise nun hinterfragen. All diese Fragen, weltanschauliche Unsicherheiten, Selbstzweifel oder Neugierde ist das Buch angetreten zu beantworten. Der Titel verspricht eine der ganz großen Menschenrätsel zu lösen – das große Warum – und  ist eigentlich eine ungeheure Anmaßung. Dennoch: „Vom Sinn unseres Lebens“ ist vollkommen ernst gemeint. Die fünf großen Abschnitte tragen folgende Titel:

  1. Die Zeit in der wir leben
  2. Naturerkenntnis und Weltanschauung
  3. Was treibt die Geschichte voran?
  4. Im Kampf für Frieden und sozialen Fortschritt
  5. Du und der Sozialismus

Prima, da ist eigentlich alles drin. Beginnen wir eine kleine Reise durch diese eigene, vergangene Weltanschauung:

Die Zeit, in der wir leben

Es ist völlig klar: Wir leben in einer großen Übergangszeit. Die Welt ist zutiefst gespalten: Die Kapitalistischen Mächte wähnen sich als Sieger, doch ein Drittel dieser Welt hat schon den richtigen Wege zum Kommunismus eingeschlagen (und der Sozialismus ist natürlich, so wie schon von Wilhelm Pieck in seiner Rede zum 35. Jahrestag der Großen Oktoberrevolution 1952 beschrieben, nur ein Übergangszustand, ein notwendiges Übel, eine Krücke sozusagen). Jetzt gilt es, die Jugend auszustatten um der Welt den kommunistischen Frieden zu bringen (darum schließlich auch dieses Buch!). „Viele Millionen in den kapitalistischen Ländern und in Entwicklungsländern vegetieren in Armut, erhalten keine oder nur eine geringe Bildung und gesundheitliche Betreuung.“ Sprich: Der Imperialismus hat die Unmenschlichkeit globalisiert. „In den sozialistischen Ländern, auch wenn wir nicht im Überfluß leben und uns manches immer wieder neu und schwer erarbeiten müssen, werden die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, wie das ganze materielle, kulturelle und geistige Potential zum Nutzen des Menschen eingesetzt. Für seine wirkliche Befreiung von Not und Mühsal, für seine Bildung und Kultur, damit er die Natur und Gesellschaft immer umfassender beherrscht und seine Kenntnisse und Fähigkeiten für das Wohl und das Glück aller zu gebrauchen imstande ist.“

Schon auf diesen ersten Seiten wird klar, dass das Buch im weiteren Verlauf eine Doppelstrategie ausbreiten wird, um bei seinen jungen, unbedarften Leser_innen möglichst viel zu bewegen. Erstens wird die sozialistische Politik sakralisiert, das heißt mit religiösen oder quasi-religiösen Komponenten und Funktionen aufgeladen. Zweitens findet eine Verwissenschaftlichung statt, die alle anderen Bereiche legitimieren wird. Diese Doppelstrategie wird sich im gesamten weiteren Buch fortsetzen.

Naturerkenntnis und Weltanschauung

Die Sozialisten haben das kosmische Zeitalter einläutet, sie waren die ersten, die in Person von Juri Alexejewitsch Gagarin am 12. April 1961 in Wostok den ersten Menschen ins All schickten. Der Sozialismus ist sehr interessiert an der Nutzung der Naturwissenschaften, von Chemie, über Physik, bis zur Astrophysik und natürlich auch der aufkommenden Informatik, ihm dienen diese Wissenschaften dazu, auch weltanschauliche Überlegungen zu untermauern. Es geht darum, sich die Wissenschaft und ihre Faktizität, ihre Geltung, ihre Überzeugungskraft zu nutzen, um vom Sozialismus zu überzeugen. Dazu werden Bilder der Milchstraße gezeigt, werden die faszinierenden Entdeckungen Kopernikus‘ und Newtons besprochen, wird Einstein vorgestellt, wird erklärt, wie Sterne werden und wieder vergehen, wird Kant bemüht, der in der „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ bahnbrechende, weit über seine Zeit hinaus reichende Einsichten niederschrieb, wird Kepler vorgestellt, der als „einer der Größten betrachtet zu werden“ verdient, wie schon Bailly im 18. Jahrhundert wusste. Schlussendlich wird gefragt, ob wir alleine im All sind oder entfernte Zivilisationen darauf warten von uns entdeckt zu werden und ob es sinnvoll sein kann, oder unter welchen Umständen es sinnvoll erscheint, das All eines Tages zu bevölkern. Wer die DDR für hinterwäldlerisch und naturwissenschaftlich unterentwickelt gehalten haben sollte, wird in diesem vor Wissenschaft und Philosophie strotzenden Kapitel Lügen gestraft! Was ist Leben? Wie entstand es und wer ist Alexander Iwanowitsch Oparin? „Vom Sinn unseres Lebens“ beantwortet alle diese Fragen detailgetreu und mit vielen bunten erklärenden Grafiken. Von Mitose bis Übertragung von Genen mit Hilfe eines Bakteriums – es ist alles drin, was das Laienbiologinnenherz begehrt. „Nicht hoch genug würdigen kann man die Erfolge der modernen Gentechnik in philosophischer und weltanschaulicher Hinsicht.“ Und in der Tat, wie Schuppen muss es den jungen Leuten von den Augen gefallen sein, wie alles miteinander zusammenhing und wie im Sozialismus alles plötzlich zu einem großen Ganzen orchestriert wurde – die Natur, das Leben, der Sinn, die Weltanschauung, das Dasein des Einzelnen darin.

21.10.1963
Festlicher Empfang für die sowjetischen Kosmonauten. (v.r.n.l.): Walter Ulbricht, Valentina Tereschkowa, Juri Gagarin, Prof. Dr. Dr. Correns.
Bild: Bundesarchiv, Bild 183-B1021-0001-013 / Kohls, Ulrich / CC-BY-SA

Der französische Soziologe Luc Boltanski beschreibt in „Soziologie und Sozialkritik (Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2008)“ wie heute die Wissenschaft der Politik den Rang abgelaufen zu haben scheint. Studien und Modelle, verwissenschaftlichte oder pseudowissenschaftliche „Fakten“ haben Vorrang in unserer Welt, prägen politische Richtungen, Entscheidungen und sind besser als jedes andere Argument in der Lage, politische Gegner_innen zu disqualifizieren. Wir sind zahlenhörig geworden. Und wie Nassim Nicholas Taleb im „Schwarzen Schwan“ zeigt, hat das nicht immer nur gute Folgen, kann es nach hinten losgehen, weil wir nicht in der Lage sind, Komplexitäten zu begreifen, weil wir uns selbst überschätzen und denken, wenn wir Zahlen und Naturgesetze, also eben „Fakten“ beherrschen, beherrschen wir die Natur… aber ich schweife ab.

Boltanski also hat dieses zeitgenössische Phänomen recht treffend beschrieben und dieses Phänomen findet sich im „Sinn unseres Lebens“ durchaus eindrücklich wieder. Fast schon exzessiv wird die Wissenschaftlichkeit des Sozialismus beschworen. Wird hier von der „Möglichkeit der „Konstruktion“ völlig neuartiger Lebewesen, zum Beispiel von insulinproduzierenden Bakterien“ geschwärmt, was den Menschen zum „“Schöpfer“werden“ lasse – man werde sich sicherlich bald auch von den schwersten Krankheiten befreien können, denn man hat eben die „Fähigkeit zur Naturerkenntnis“. Natürlich darf Darwin dann nicht fehlen (ich habe wirklich nichts gegen Darwin!), es wird eruiert, wie der Mensch aus dem Tierreich austritt (als ob!) und zu seiner Vervollkommnung heranstrebt, die darin besteht, die Natur so zu verändern, dass Frieden und Glück für alle darin möglich werden. „Der Mensch tritt aus dem Reich der Notwendigkeit und Unterordnung unter die Naturkräfte und die gesellschaftlichen Bedingungen, in das Reich der Freiheit, in dem er sich eine menschenfreundliche Umwelt gestaltet“ – ist so auch der Schlusssatz dieses sehr eindrucksvollen Kapitels „vom Sinn unseres Lebens“.

Wer treibt die Geschichte voran?

Wer es gen Ende des vorigen Kapitels gewagt haben sollte, es zu belächeln, wird nun lernen müssen: Alles ist durch naturwissenschaftliche Fakten, durch Historizität, durch Empirie und genaueste Studien belegt! Wir gehören ja nicht zu den utopischen Kommunisten  und auch nicht zu den utopischen Sozialisten, wie etwa Saint-Simon, Fourier oder Owen! Nein! „Um sich von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien, brauchte die Arbeiterklasse eine wissenschaftlich begründete Einsicht in das Wesen der kapitalistischen Ausbeuterordnung, in die Gesetze des Klassenkampfs, in die Notwendigkeit und Möglichkeit, die kapitalistischen Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse zu beseitigen“. Es folgt eine Doppelseite mit Bildern zweier ganz großer Männer. Zweier ganz großer Männer.

© Verlag Neues Leben, Berlin 1983 (Fotografiert: Katrin Rönicke)Links: Karl Marx; rechts: Friedrich Engels.

„Der Marxismus-Leninismus – unser Kompaß“ lautet denn auch diese Abhandlung und wir lernen, wie seit dem 19. Jahrhunder das Denken dieser und anderer herausragender Köpfe noch bis heute (also 1983) der „Wegweiser ins Morgen und Übermorgen“ sein wird. Ach ja richtig, ich bin es noch schuldig zu erklären, was es eigentlich mit der Sakralisierung der Politik auf sich hat.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich hier (ich befinde mich derzeit im Urlaubszustand) nicht den Zugang zum heimischen Bücherregal habe, in dem ich hätte nachschlagen können, wer zuerst die „Sakralisierung der Politik“ als ideengeschichtliches Phänomen benannt hatte und wie immer öfters ist google bei solchen Fragen keine Hilfe, ich werde es aber nachzuliefern versuchen. Doch inhaltlich bin ich firm: Sakralisierung der Politik kann sowohl im Faschismus, als auch im Kommunismus festgestellt werden – zumindest in jenem Übergangsstadium zum Kommunismus, der von der Großen Oktoberrevolution ausgehend zu uns nach „Drüben“ kam. Also dem Sozialismus. Es ist ein Prozess gemeint, während dem die Politik an viele der Stellen tritt und Funktionen übernimmt, die ehemals von Religion erfüllt wurden. Es muss natürlich viel geglaubt werden. Gott wird ersetzt durch quasi-heilige politische Führerfiguren. Und im Sozialismus wurde das Paradies, das noch kommen würde, wenn nur alle sich in ihrem Mühsal auch weiterhin verausgabten, durch den Kommunismus ersetzt. Er winkt, doch wann er kommt ist ungewiss. Selbst 1983 wurde diese Vision noch beschworen. Eine Vision, die bereits zur Rede Wilhelm Piecks bestand, die an Glanz verloren haben muss – aber auch nicht aufgegeben werden konnte.

Machiavelli hätte am real existierenden Sozialismus bestimmt seine Freude gehabt, denn schon er hatte erkannt, wozu die Religion dem Herrscher vor allem anderen dient: Dort, wo seine Kontrolle, sein Blick nicht hinreichen kann, ins Private, wird die Religion dringen und dazu führen, dass an seiner statt die Menschen sich selbst kontrollieren. Strenge religiöse Regeln führen so zu Gewissensbissen bei nicht-Beachtung. Moralisches Handeln wird auch dort garantiert, wo keiner zuschaut, denn einer schaut immer zu und das ist Gott.

Im Sozialismus ist Gott ebenfalls ersetzt. Einerseits durch einige charismatische Führungsfiguren, die man versucht mit Mythen aufzuladen (mal mehr, mal weniger geschickt), andererseits durch die Arbeit. Denn die Arbeit ist die Triebfeder der Entwicklung des Menschen, so lernen wir im „Sinn unseres Lebens“, sie ist es, die den Menschen „als das am höchsten entwickelte Lebewesen aus dem Tierreich heraus“ hebt (wenn sich hier nicht mal einer in der Art von Napoleon selbst die Krone aufsetzt, die der Schöpfung nämlich), „ohne Produktion  keine Geschichte“ und in einem Ritt durch die Gesellschaftsgeschichte, von der Antike bis zur Industrialisierung lernen wir, wie sich die Verhältnisse immer um Arbeit herum konstituieren und um nichts anderes als Arbeit und dass somit – natürlich! – der Schlüssel zur Befreiung auch in ihr liegen muss.

© Verlag Neues Leben, Berlin 1983 (Fotografiert: Katrin Rönicke)Für das Vaterland verrichtet die FDJ vielerorts schwere Arbeit.

Jetzt beginnt erst die richtig ernste sozialistisch-kommunistische Mythenschreibung im „Sinn unseres Lebens“. Lenin, Thälmann, die Entstehung des „sozialistischen Weltensystems“, die dicken Freundschaften rund um die Welt, die internationale Solidarität mit Revolutionen und Aufständen, Widerständen und Konterrevolutionen – jetzt fügt sich alles zusammen: „Mit dem Marxismus-Leninismus haben wir einen sicheren Kompaß für den Weg in die Zukunft der Menschheit. Aber auf diesem Weg ist noch vieles unerforscht. Erfahrungen müssen gesammelt werden; mühevolle Umwege, Irrtümer und Fehler lassen sich nicht immer vermeiden. Das wesentliche aber ist, daß die Menschheit den Weg vom Kapitalismus zum Sozialismus beschritten hat und daß sie keine Macht der Welt mehr aufhalten kann.“

Im Kampf für Frieden und sozialen Fortschritt

Die erste Hälfte des Buches ist geschafft. Die Weichen wurden gelegt. Allen sollte jetzt klar sein, worum es geht – in den letzten beiden Kapiteln geht es darum, wie die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands all das erkämpft, warum es also durchaus notwendig ist, ihr zu vertrauen, ihr zuzuarbeiten, nicht zu viel zu fragen und die historische Chance zu erkennen, die jede_r DDR-Bürger_in erhalten hat. Es wird die bürokratische wie auch politische Struktur des Arbeiter- und Bauernstaates erläutert, die Wirtschaftsstrategie der SED wird vorgestellt, der wissenschaftliche Fortschritt neuerlich beschworen, die Verbündeten in der Welt vorgestellt etc. pp. Ganz zentral ist natürlich, dass man erklären kann, bei allem Willen zum Frieden so militärisch aufzurüsten: „In Wirklichkeit waren es immer die USA, die als erste neue Waffensysteme entwickelt und in Dienst gestellt haben, von den Kernwaffen über Langstreckenbomber, Atom-U-Boote bis zu den Raketen verschiedener Reichweite. Immer hat die Sowjetunion gezwungenermaßen – weil ihre Abrüstungsvorschläge abgelehnt wurden – „nachgezogen“ und das annähernde militärische Gleichgewicht hergestellt und gesichert.“ Der Fahneneid der Nationalen Volksarmee wird abgedruckt. Von sozialer Sicherheit, Zuversicht und Optimismus gesprochen. Alles hängt miteinander zusammen. Auch die frohen Ferientage, die FDJler in Röbel an der Mecklenburger Seenplatte verbringen sind ein Teil des großen Ganzen.

© Verlag Neues Leben, Berlin 1983 (Fotografiert: Katrin Rönicke)Waffenbrüder

Wer nach der Lektüre dieses Buches wirklich immer noch nach dem Sinn seines Lebens zu fragen wagt, hat wohl nicht genau gelesen, oder er entbehrt nicht eines äußerst zynischen Geistes! So viel Mühe wurde sich hier gemacht, eine sozialistische Leitplanke, eine Art Fibel des guten Menschen zu entwerfen, die keine Frage unbeantwortet lässt. Selbst die Frage „hat das Kollektiv immer recht?“ wird nicht außen vorgelassen. Die Antwort ist entschieden: „Niemand im Kollektiv ist nur ein Rädchen, das nach einem geheimnisvollen Kollektivwillen funktioniert. Jeder kann und jeder muß in seinem Kollektiv aktiv mitwirken. Jeder hat die Möglichkeit, ja sogar die moralische Pflicht, die im Kollektiv geäußerten Meinungen kritisch zu prüfen…“ Jedoch ordnet sich auch das unter die gemeinsam zu leistende Arbeit, die Werte des marxistisch-leninistischen Kompaß und die Vision des Kommunismus unter. Einzelne können irren, auch Kollektive – aber das große Ganze ist kein Irrtum.

Initiation und Glaube

Die meisten Menschen, die ich kenne, schmunzeln heute über solche Bücher, über all den Ernst hinter uns heute eher komödiantisch vorkommenden Beschwörungen. Wie viele junge Menschen in der DDR in den 80ern noch an die Vision des Sozialismus glaubten bleibt vielleicht ebenso ein Rätsel, wie die Frage danach, wieviele Konfirmanden heute eigentlich wirklich an den christlichen Gott glauben (und wieviele nur wegen der schönen Kleider, des Tamtams um sie und wegen der Geschenke das Bekenntnis zu Gott ablegen). Auch zur Konfirmation (ich will immer „Konformation“ schreiben) gibt es Bücher, die einen Weg in das Leben weisen sollen, auch hier wird verlangt zu glauben. Es ist leicht, die sozialistischen Beschwörungen zu belächeln. Doch man sollte sie auch ernst nehmen: Nicht nur, weil viel Mühe und Arbeit in solchen umfassenden Werken steckt, sondern auch, weil sie Relikte des Versuches sind, eine Sehnsucht, die alle Menschen bis heute ergreift, zu befriedigen. Die Sehnsucht, ein sinnvolles Leben zu führen, zu einer Weltgesellschaft beizutragen, die gerechter ist, die nicht nur auf das eigene Wohl schielt. Der Mensch, so scheint es, ist für so eine Aufgabe häufig zu träge, macht sich nicht so viele Gedanken. Braucht Mahner, die daran erinnern, ein Großes Ganzes nicht aus den Augen zu verlieren. Ob das nun Gott ist, oder ob das eine kommunistische Vision ist – macht das am Ende wirklich einen großen Unterschied?

Was im sozialistischen Initiationsritus nicht vorkam war das eigene Denken, das Selbstdenken und die Idee des Pluralismus. Auch heute noch sind Bücher wichtig, die dazu ermuntern, sich wissbegierig und verantwortungsvoll daran zu machen, das eigene Leben sinnvoll einzusetzen – eines davon ist Harals Welzers „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ (von Thomas Thiel in dieser Zeitung bereits besprochen; beachten Sie auch Harald Welzers Kolumne „Wahre Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft“). Wichtig – nicht nur für 14-Jährige, sondern auch für die Großen Leute, die meinen alles zu verstehen und trotzdem derzeit in einem nicht wegzuignorierenden Jammertal stecken.

Literatur

  • Vom Sinn unseres Lebens. Herausgegeben vom Zentralen Ausschuß für Jugendweihe in der Deutschen Demokratischen Republik. Verlag Neues Leben, Berlin 1983
  • Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Harald Welzer, S. Fischer, 2013.
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18 Lesermeinungen

  1. Sakralisierung von Politik..
    ..damit ist es so eine Sache, denn Politik und Religion sind formal noch gar nicht so lange voneinander getrennt. Wir kennen eine lange Geschichte von Priesterkönigen, gottgleichen Cäsaren und Kirchenfürsten, später wurde gewählt, wie es der Pastor sagte, noch in der Weimarer Republik wimmelte es von „C“ – Parteien im Parlament mit klar definierten konfessionellen Grenzen. Selbst heute wagt kaum ein Politiker, sich öffentlich als gottlos zu bezeichnen. So gesehen war der Sozialismus vielleicht die am wenigsten sakrale Regierungsform.
    Das die Menschen trotzdem ein paar Mythen brauchen und etwas Hoffnung – das müssen Sie ihnen nachsehen, wenn Sie dazu nicht noch zu jung sind.

    PS. Das Buch hat meines Wissens kaum einer, selnbst nicht die gutwillig Interessierten gelesen, der Inhalt war deckungsgleich mit dem Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht. In Weltall, Erde Mensch waren wenigstens noch coole Saurier abgebildet.

    PPS. Heute halten sich die Freunde der AfD wieder viel auf ihre Wissenschaftlichkeit zugute. Die haben sogar einen Professor zum Chef.

  2. DDR- ja, das geloben wir - ja, das Klopapier
    Wenn man als Jugendlicher sein Leben nicht der SED weihen wollte, es zur gleichen Zeit schwer fiel, wieder in die evangelische Kirche bekenntnishaft zu gehen, um konfirmiert zu werden, die Eltern aber auf beiden (Jugendweihe und Konfirmation) bestanden, dann half kurzzeitig – beim Jugendweiheschwur – statt des “Ja, das geloben wir” ein saloppes „Ja, das Klopapier“! Mit solchen nach aussen lippenkonformen “Sprüchen”, wenn auch ohne richtiges Klopapier, mogelte man sich durch die Zeit.
    Den Sinn des Lebens suchte man zwischendurch bei König Alkohol und dem damaligen “Jugendweihebegleithit” aus dem Westradio und vom Tanzboden: My Baby Baby ballah ballah.

    Letztendlich entschied man sich gegen Marxismus/Leninismus, die DDR, die Eltern und die
    “Kirche im Sozialismus” und für den Ausreiseantrag und erklärte sich der DDR gegenüber zusätzlich als “Deutscher laut Grundgesetz”. Selbst die, die vom Vaterland DDR faseln – ich meine jetzt nicht die bis heute gedankenlos dort Sozialisierten – ließen sich über Bonzen-Rentenerhöhungsklagen in “Deutschland einig Vaterland” eingemeinden. War die DDR-Nationalhymne, die die DDR nach 1968ig, als sie sich als neue Nation erfand, nicht mehr sang, sondern nur noch textfrei intonierte, das heilige “Klopapier” der Bonzen mit dem man sich vor seinem Gewissen irgendwie doch in die Rentenkasse der Nation einmogeln konnte, so wir wir damals zur Jugendweihe mit dem “Ja, das Klopapier” statt dem “Ja, das geloben wir” durch die DDR? Täve Schur, der DDR-Radrenn-Friedensfahrer, gibt zu solchen Unterstellungen anlass, denn er unterfütterte das “Deutschland einig Vaterland” mit der der „Erneuer“ Modrow aus Moskau Anfang 1990 zurückkam und das “Neue Deutschland” aufmachte anschaulich: Täve erinnerte sich in der Zeitung noch des üppigen gesamtdeutschen Nationalismus der SED bis 1955 und er müsse überhaupt nicht umlernen, als ob er die Becher-Hymne immer mitgesungen hätte auch zu der Zeit als der Text verschwand. Ja, das Klopapier. Es war schon eine kindische Zeit trotz und wegen der totalitären M/L-Erziehungsdiktatur.

    – Selbst denken, Welzer. Ihre Buchempfehlung kann ich nur unterstützen. Sehr anregend. Widersprechen würde ich Harald Welzer – weiter las ich noch nicht – an der Stelle als er die
    westdeutschen Bewusstseinsverläufe in Sachen Atomkraft und Ausstieg aus der Atomkraft beschreibt, das ist zu einseitig, zu selbstdeutungsberauschend. Es bleibt freilich das Phänomen, wieso die CDU/CSU unter Merkel die Atomkraft so ratz-fatz und widerstandlos “schotterte”. Vielleicht sollte man dazu u.a. das neue Buch über Angela Merkel lesen (Lachmann/Reuth), das Ihr Blog-Kollege beim letzten Mal nicht besprechen wollte und auf die FAZ-Rezension von Minkmar hinwies. Was ich im Westen lernte, unabhängig von Gewichtungen von geschätzten FAZ-Autoren: Im Zweifel immer selber lesen, nie in die Rezensionsmeinungs-Übernahme-Falle laufen. Vor “Jahrzehnten” passierte mir das einmal mit “Wir sind die Wahnsinnigen” über den Untergrundkämpfer Joschka Fischer, das die “FAZ” glättete … Das neue Angela-Merkel-Buch gern von hinten anfangen, falls man nix mehr über Ihre FDJ-“Klopapier-Zeit” am Anfang lesen will. Man erfährt sehr viel über “Kirche im Sozialismus” (und über analoge Geheimdienststrategien) u.a. wenn auch nicht unmittelbar etwas zur „Atomfrage“.
    Genug für heute mit Jugendweihe und deren Aufarbeitungsgedöhns.
    Nun der mitternächtliche Schluß: Trotz allen “Klopapier-Widerstandes” ist man von der Weltall-Erde-Mensch-Sozialisation und dem “wissenschaftlichen Fortschritt” – oder doch den sächsischen Weltzugang? – vielleicht mehr geprägt als ich wahrnehmen will.

    • der innere widerstand einer nichtbewegung
      danke für Ihre Geschichte. das Klopapier kannte ich noch nicht.
      Es ist ein Beispiel für den inneren Widerstand vieler, der meist auch eine komische, ironische Komponente hatte. Ich wage wie gesagt zu bezweifeln, dass viele Jugendlichen den „Sozialismus – Deine Welt“ oder eben „Von Sinn unseres Lebens“ sehr ernst nahmen.
      dennoch zeigen diese Werke, wie die DDR als Konstrukt versuchte, in alle Lebensbereiche zu dringen.
      ich danke für dem Tipp mit dem merkel-Buch. ich mochte es in der Tat aufgrund des hypes drum herum nicht lesen, aber wenn es da eine strategie gibt, von hinten anfangen, dann werde ich es doch versuchen.

    • Moin Frau Rönnicke,
      – danke. Ein kleine interzonale Gedankenblase gern nachgereicht, damit Sie von meiner Buchempfehlung nicht enttäuscht sind, denn Dank der Gnade der späten Geburt sind Sie vermutlich identitätsschnellschußsicherer als ein durch die Jugendweihe/Konfirmation-Elternhaus-Aufspaltungen früh zum Suchen Gewordener. Das Zitat am Ende des Lachmann/Reuth-Merkel-Buches ist von Michael Stürmer und man fragt sich als Leser, was hat das alles mit “Kirche im Sozialismus” zu tun. Wenn man inzwischen “im Westen” nicht wüßte, dass “offene Gesellschaft” und “herrschaftsfreie Kommunikation” zwar hochzuhaltende regulative Ideen sind aber gelegentlich doch sehr weit oben im Wertehimmel baumeln und fern des realdemokratischen Lebens spielen (z. B. asymmetrische Demobilisierung im Wahlkampf). Also, hier und heute wird mehr durch die Blume und zwischen den Zeilen gesprochen (und über Personalpolitik geregelt) als ich Tor für möglich hielt. Gelegentlich bedient man sich verschwörungstheoretischer Denkbrücken (Lachmann/Reuth ?), um den Leser zu erreichen. Der Ausstieg der CDU/CSU unter Merkel und Seehofer aus der friedlichen Nutzung der Atomkraft ist für mich ein in seinen realpolitischen Folgen bisher nirgendwo diskutiert. Seit wann verzichtet “Macht” im hiesigen Leben auf Ihr durchsetzungsfähiges Teufelsspielzeug? Wie hat die Bundesrepublik um diesen – potentiellen – Teufelsspielzeugs-Zugang, seit Adenauer, gerungen! Der Iran scheint bereit sich um der “friedlichen Nutzung” willen in die Steinzeit zurückbomben zu lassen. Nun gibt hier Merkel, die Physikerin, alles auf. Müssen wir jetzt frz. Atomkraft besonders (und die EU-Träger-Raketen dafür) unterstützen oder führt uns Angela über die Freihandelszone bereits in die lichte Zukunft als US-Bundesstaat mit ein bißchen NSA während der Übergangszeit? Oder ist sie die Dame, wo gar kein Licht unter dem Scheffel steht, und wir Zonis rennen ihr immer noch hinterher? Nun aber lese ich Harald Welzer weiter, der ist herrlich soziologisch abgesätigt, jugendgeweiht-konfirmiert abgehangen und hilft beim Verdrängen und läßt an das Gute denken (und glauben).

  3. Es hat noch keiner verloren, der die Intelligenz des deutschen Michel unterschätzte
    Das die Deutschen kinderleicht manipulierbar sind, hat schon Goebbels erkannt, aber wir sehen es auch jetzt wieder bei der von den Medien dirigierten Snowdenhysterie.

    • Deutsche?
      Die Geldschöpfung funktioniert überall gleich, überall gleich simpel.

    • Wie lustig
      dass Sie es schaffen, Goebbels und Snowden in einem Satz unterzubringen, um dann zu suggerieren eine Verletzung der Bürgerrechte sei halb so wild.

  4. Kompass?
    da gibt es bekanntlich vier Himmelsrichtungen: Kapitalismus vs Kommunismus, und Individualismus vs Sozialismus. Die ersteren beiden eher auf internationaler Ebene, die letzteren eher auf nationaler Ebene. Ja, Selbst denken! Fuer mich ist klar, wo da die Freiheit anzusiedeln ist. Selbst denken…

  5. Unser Kompass im sterbenden Kapitalismus ...
    Es sieht so aus, daß jetzt aktuell auch der Kapitalismus so richtig „am Sterben“ ist … .
    Wie geht es denn nun weiter und was können und müssen wir für eine ordentliche Zukunft tun … … ?!!
    (“ …eine Sehnsucht, die alle Menschen bis heute ergreift, zu befriedigen. Die Sehnsucht, ein sinnvolles Leben zu führen, zu einer Weltgesellschaft beizutragen, die gerechter ist, die nicht nur auf das eigene Wohl schielt. Der Mensch, so scheint es, ist für so eine Aufgabe häufig zu träge, macht sich nicht so viele Gedanken. Braucht Mahner, die daran erinnern, ein Großes Ganzes nicht aus den Augen zu verlieren. …“)

  6. Hallelujah
    Sakralisierung der Politik ist ein universell einsetzbares Herrschaftsinstrument, und deswegen wirkt es sachlich unzutreffend und unlauter, dies nur vergangenen (und erledigten!) Ideologien wie Kommunismus und Faschismus zu attestieren – und dabei gleichzeitig die Gegenwart und die global herrschenden Ideologien und ihre Sakralisierungen zu übergehen und zu verschweigen. Ergänzend wären also auch die Sakralisierungen von Freihandel, Kapitalismus, Krieg (War on Drugs, War on Terrorism, War on Porn!), faktischer Verelendung und Ausbeutung sowohl in der sog. Dritten Welt, aber auch in G20-Staaten (Reagonomics, Thatcherism, Neoliberalism, Agenda 2010 usw.) zu nennen, Stichworte „marktkonforme Demokratie“, „alternativlos“…
    Die Diagnose an sich stimmt schon: „Es muss natürlich viel geglaubt werden. Gott wird ersetzt“: aber nicht mehr so sehr durch quasi-heilige politische Führerfiguren und große und edle Sachen, sondern durch das System. Das System ist das neue Goldene Kalb, das nicht nur nicht geschlachtet, sondern nicht einmal kritisiert werden darf, und die Angst vor einem Systemcrash, die hält das Ganze zusammen, so wie einst die Angst vorm Fegefeuer.

    • da stimme ich zu
      natürlich gibt es auch die Sakralisierung anderer Bereiche, anstelle der Politik in unserer derzeitigen Gesellschaft. nur, weil ich das im Zusammenhang mit dem obigen besprochenen Buch nicht noch weiter ausführe (irgendwann muss man einem Artikel auch einen Schlusspunkt setzen), würde ich das nicht abstreiten.
      ich sehe schon eine Art Sakralisierung des Kapitalismus, des Marktes und auch eine Sakralisierung von vermeintlicher Sicherheit (die es aber nicht geben kann).
      das ist aber stoff für einen eigenen Text.
      mfg

    • Es ginge noch einfacher
      Warum nennen Sie das Kind nicht beim richtigen Namen: Ideologisierung? Warum greifen wir nicht die Kritische Theorie, die marxistische Gesellschaftsanalyse, wieder auf?

  7. Weltall, Erde, Mensch...
    … hatte man in den 60ern bekommen. Astronomie, Physik, Evolution von Spitzenautoren (Beiträge von mehr als 20 Professoren) brillant und fesselnd erklärt. Hatte ich von meiner Tante und nach der Lektüre war Naturwissenschaft ein Spaziergang. Der Abschnitt „Mensch“ hat mich damals wenig interessiert, war aber immerhin auch eine korrekte Zusammenfassung der marxistischen Lehre, und ziemlich motivierend und positiv geschrieben.

    Als ich 1987 „Vom Sinn unseres Lebens“ bekam, war das nur ein weiteres Zeichen in welchem krassen Niedergang sich damals mein Land befand. Ich hab mich richtig geschämt dafür, wie billig und nichtssagend das war. Von Trotteln für Idioten. Mir egal ob Kommunist oder Bankier – Hauptsache man hat wirklich etwas zu sagen…

    Ach so, und ich musste ein Wort im Artikel googeln, was ich nur weiterempfehlen kann, wenn man sich nicht ganz sicher ist…

  8. "jede_r DDR-Bürger_in"
    Ist das ironisch gemeint?

    Oder wütet nun auch bei der FAZ die feministische Schreib- und Sprachpolizei?

    • wer ist die Polizei
      guten Tag,

      wenn ich hier so schreibe, wie ich das für richtig halte, ohne jemandem vorzuschreiben, wie es zu geschehen hat.
      und Sie sich darüber echauffieren, wie ich schreibe.
      wer von uns beiden ist dann eigentlich die Sprachpolizei?

      mit den besten Grüßen

    • Halleluja. Was alles so heilig und tabu sein kann.
      Anscheinend auch Netzfeminismus und seine Sprache. Naja, an irgendwas muss ja jeder Mensch glauben, es muss doch verflixt noch mal irgendwas wirklich Gutes auf der Welt geben, das man dann auch mal gegen Kritik verteidigen müssen darf, zumal wenn es sich um verletzte religiöse Gefühle handelt, wie dies nun mal bei ganz grundlegenden Überzeugungen halt so ist, und religiöse Gefühle anderer sollten wir voll tiefstem Respekt achten, was zwingend beinhaltet, da auf jedwede Kritik, Nachfrage und Nachdenken zu verzichten…

      Das konterkariert dann zwar die freiheitlich-kritikfreudige Pose des Artikels hier. Aber denk-, sprach- und umgangspolizeilich korrekt ist es jedenfalls, und letztlich kommt es doch nur darauf an, nicht wahr.

      Übrigens nutzen nicht nur Kommunismus und Faschismus die Sakralisierung der Politik, auch der Kapitalismus, der Neoliberalismus, und ja, natürlich auch manche Feministen. Ist ja auch so ein herrlich universell einsetzbares Macht- und Herrschaftsinstrument.

      Man muss es einfach hinnehmen und dran glauben. Gott wird nicht nur durch Führerpersonen ersetzt – das war einmal, das ist ja schon längst nicht mehr so. Personen werden heutzutage selber ersetzt, ob bei Siemens, der HSH Nordbank, dem IWF (Dominique Strauss-Kahn schon vergessen?), im Bundespräsidialamt und Bundesministerien – das sollten wir doch schon einmal feststellen und festhalten.

      Gott wird nunmehr durch das System, seine Sicherheit und Stabilität ersetzt – das ist die neue heilige Kuh dieser unserer Tage. Deswegen auch muss Demokratie im globalen Netz der nunmehr vorherrschenden schönen neuen Welt(ordnung) marktkonform und im Systemrelevanten stabil und ausfallsicher sein, das ist alternativlos, denn… schon allein der Gedanke an Labilitäten, Volatilitäten, an kleinere oder größere Crashs löst doch schon fast Panik und Verkaufsalgorithmen aus. Die Angst vor dem Systemcrash – die motiviert nun alles und alle. Man fürchtet nicht mehr wie einst das Fegefeuer oder den gerechten Zorn Gottes oder den Untergang der Welt – wohl aber den Untergang dieser Weltordnung.

    • Polizist_in
      Was erwarten sie denn Herr Seilberger? Zitat Wikipedia:

      „Katrin Rönicke (* 1982 in Wittenberg) ist eine deutsche Journalistin und Bloggerin. Ihre Schwerpunktthemen sind Geschlechterdemokratie und Emanzipation.“

      Eines Tages wird dieser K(r)ampf auch wieder vorbei sein. Wie jeder übertriebene Ideologie-Spuk. Auch wenn er zuvor noch so sakralisiert wird. Das zeigt ja auch der Artikel sehr schön.

      Schönen Abend.

    • "Der Individualismus ist eine schöne Idee, die nur schlecht verwirklicht wurde"
      „wenn ich hier so schreibe, wie ich das für richtig halte, ohne jemandem vorzuschreiben, wie es zu geschehen hat.
      und Sie sich darüber echauffieren, wie ich schreibe.
      wer von uns beiden ist dann eigentlich die Sprachpolizei?“

      Sind Sie sicher, dass Sie deshalb so schreiben, weil Sie es für richtig halten und können Sie wirklich ausschließen, dass Sie nicht deshalb die feministische Schreibweise benutzen, weil die jetzt Mode ist?
      Sie werden natürlich entrüstet verneinen, dass Sie sich einer politisch korrekten Mode unterwerfen, aber denken Sie daran, dass die Leute in der DDR auch dieser sozialen Ansteckung, der sozialen Versklavung, unterlagen. Viele merkten es nicht, sondern empfanden sich als selbstständig denkende Individuen.

      „Und nun alle gemeinsam: Wir sind selbstständig denkende und handelnde Individuen!“

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