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Journalismus im Netz: Über die Entwirklichung unserer Kommunikation

18.08.2013, 10:45 Uhr  ·  Peer Steinbrück scheitert kläglich am Klartext und belustigt die Massen. Dabei lernen wir sehr viel über den neuen Journalismus im Netz und die narzistischen Abgründe unserer Gesellschaft.

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Die Ausgangslage für die Bundestagswahl war bestechend. Auf der einen Seite die unpolitisch wirkende Angela Merkel, ihres Zeichens amtierende Bundeskanzlerin, mit einer, wenn Sie so wollen, schwachen Neigung zur Klarheit. Auf der anderen Seite wurde im Oktober 2012 ein Mann gefunden, der für markige Sprüche und Angriff steht. Ein politischer Pitbull, dessen Naturzustand das Beißen ist und der sich nicht davor scheut, im Zweifel mit der Kavallerie zu drohen. „Peitschen-Peer“ wurde er in der Schweiz furchtsam gerufen. Nicht nur dort wird man es wohl als Drohung verstanden wissen, dass die Sozialdemokratische Partei Deutschlands mit mehr P.S., gemeint ist Peer Steinbrück, in den Wahlkampf zieht.

Von diesem Bild einer knallharten Persönlichkeit ist in der Gegenwart nicht viel geblieben. Heute dienen Worte wie „Problempeer“, „Vortrags-Millionär“, „Peerlusconi“ oder „Pannenpeer“ seiner Bezeichnung. Diese Zuschreibungen sind für einen Kanzlerkandidaten vernichtend. Unvergessen dürfte in der CDU zum Beispiel sein, wie sich der sicher geglaubte Wahlsieg von Angela Merkel im Jahr 2005 durch die Diffamierung Paul Kirchhoffs, als Sozialstaatsschändender „Professor aus Heidelberg“, verflüchtigte.

Es ist nicht schwer. Der Öffentlichkeit muss nur der Ansatz eines schiefen Weltbildes vermittelt werden und schon beißen sich Journalisten in den Waden des Betroffenen fest. Als Außenstehender könnte man daher vermuten, dass sich Menschen, die zur Wahl stehen, ganz besonders darum bemühen, nichts zu äußern, dass ihnen nachteilhaft ausgelegt wird. Steinbrück hat das gar nicht erst versucht. Er ist mit dem Versuch des Ausbruchs aus der Norm gescheitert. Entgegen der Idee, durch den Klartext die notwendigen gesellschaftlichen Debatten in Schwung bringen und sich durch sie zu profilieren, löste er nur Wortklaubereien aus.

Geplänkel

Momentan ist der Kanzlerkandidat in der Kritik, weil er sich zu Merkels Sozialisation im Osten Deutschlands äußerte. Diese solle es ihr nicht möglich machen, eine große pro-europäische Rede zu halten. Der Stein des Anstoßes ist in dem Buch „Zug um Zug“ auf Seite 87 zu finden. Steinbrück spricht hier mit Helmut Schmidt. Diese Niederschrift gilt als seine Bewerbung für die Kanzlerkandidatur:

Steinbrück: [..]Ich bin ziemlich entsetzt, dass ich von der Bundeskanzlerin in den letzten zwölf Monaten nicht eine einzige leidenschaftlich vorgetragene pro-europäische Rede gehört habe, nicht eine einzige. Nur abgelesene Regierungserklärungen, die sich verloren haben.

Schmidt: Diese Rede kann sie deswegen nicht halten, weil die Leidenschaft für Europa ihr nicht innewohnt.

Steinbrück: Richtig, und es ist eine spannende Frage, ob sie ihr deshalb nicht innewohnt, weil sie in der DDR sozialisiert worden ist und ihr das Projekt Europa von daher vielleicht fernersteht als einem westdeutschen Politiker, der das immer verfolgt und sogar aktiv betrieben hat.

Schmidt: Ich würde die Vermutung teilen, dass ihre Sozialisation eine wichtige Rolle spielt.

Auf einer Matinee des Tagesspiegels zitierte Chefredakteur Lorenz Maroldt diese Aussage und fragte, ob Peer Steinbrück inzwischen eine Antwort auf seine Frage habe. Sie lautete:

Steinbrück: Die hab’ ich ja damit gegeben. Entschuldigen Sie. Ich hab’ die damit gegeben. Exakt! So, das will ich nicht missverstanden haben als Vorwurf, denn sie konnte sich das ja nicht aussuchen, auf welcher Seite, so wie viele andere Menschen sich das auch nicht aussuchen kannten, ob sie nun auf der westlichen oder der östlichen Seite, dann nach der Spaltung Deutschlands und Europas, aufgewachsen ist. Aber ich halte daran fest: Die Tatsache, dass sie jedenfalls bis 1989/1990 eine ganz andere persönliche und politische Sozialisation erlebt hat, als diejenigen, die diese europäische Integration seit Anfang der 50er Jahre erlebt haben, beginnend mit den Montanverträgen, das spielt in meinen Augen schon eine Rolle. [..]

Diesen Klartext gibt es beim Tagesspiegel als Video. Die zu erwartenden Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Der aus Westdeutschland stammende CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sah sogleich “Millionen Menschen in der DDR und in ganz Mittel- und Osteuropa“ beleidigt. Wenigstens bei der CDU in Sachsen-Anhalt wusste man dann schon „von ehemaligen DDR-Bürgern“ zu sprechen.

Doch spricht Steinbrück hier wirklich Klartext? Mitnichten. „Spielt eine Rolle“, sagt nichts über die Stärke der Rolle aus. Eine Fragestellung ist keine exakte Antwort. Ebenso wenig klar ist, dass Merkel dem Projekt Europa „vielleicht fernsteht“. Das ist eine Vermutung. Das einzig Klare bleibt: Der Opponent will Merkel die Kompetenz zum Handeln für Europa absprechen. Hergeleitet aus einer Verpflichtung, die sich aus einer Historie ergibt, die Merkel selbst nicht erfahren konnte. Sie ist qua Geburt nicht dazu befähigt. Dafür kann sie nichts, aber er hat diese Kompetenz in die Wiege gelegt bekommen. Und man möge das bitte nicht falsch verstehen.

Selbstkasteiung

Diese Art des Denkens ist kein Einzelfall. Weder in der SPD noch in der CDU. Würden diese Westmenschen sich ernsthaft mit der Lebensrealität der Ostdeutschen beschäftigen, dann müssten sie sehr schnell erkennen, dass viele Ostdeutsche, gerade aus der Generation Merkel, flammende Europäer sind. Nicht zuletzt deswegen, weil sie die Art und Weise der Wiedervereinigung als so dermaßen düpierend empfanden, dass sie mit den Westdeutschen nichts zu tun haben wollen. Sie fühlen sich für Deutschland nicht zuständig und wenden sich lieber dem europäischen Gedanken zu. Die Erfahrungen nach der Einheit haben erheblich dazu beigetragen, denn die Kinder sind wegen der Ausbildungs- und Arbeitsplätze nicht nur nach Westdeutschland gegangen. Sie sind auch nach Spanien, Frankreich oder Großbritannien gewandert. Der Osten Deutschlands lebt mit diesem Bruch, er ist seine Sozialisation.

Ich bin es ernsthaft leid, mich fünf Wochen vor einer Bundestagswahl mit Kandidaten und Parteien auf solch einer banalen Diskursebene auseinandersetzen zu müssen. Es mag daran liegen, dass ich in einer Diktatur geboren wurde, die sich Deutsche Demokratische Republik (DDR) nannte. Dort gab es Wahlen, aber keine freien Wahlen. Aus dieser Historie heraus, die eine gesamtdeutsche Historie ist, ergibt sich eine Verantwortung. Aber nicht für die Demokratie und das Festhalten an Ritualen, sondern für den politischen Streit. Eine Gesellschaft kann nur dann prosperieren, wenn sie mit sich selbst im Wettbewerb um Ideen steht. Wie wollen wir leben? Welche Form und Höhe kultureller Teilhabe sollen Hartz IV-Empfängern ermöglicht werden? Soll Deutschland wirklich Krieg in Afghanistan führen? Und ist es tatsächlich richtig, Ländern wie Griechenland nur den Sparzwang zu verordnen aber keinen Aufbauplan? Der wichtigste Streitpunkt von allen wäre aber: Möchte sich Deutschland ein Europa zumuten, in dem es eine Führungsrolle einnimmt, die es durch bürokratische Strukturen ausübt die keiner demokratischen Legitimation unterliegen?

An fehlenden Themen kann es nicht liegen, wir befinden uns in einer ausgenommen bewegenden Zeit. Die wichtigen Entscheidungen ballen sich regelrecht vor uns auf. Nie war Wahlkampf leichter zu führen. Warum findet dieser politische Streit nicht statt?

Als Verdächtiger kommt der Zeitgeist infrage. Seit jeher habe ich ihn im Verdacht, totalitäre Tendenzen zu entwickeln. Ist er erst einmal in Fahrt, stoppt er meist erst dann, wenn er zumindest ein Bauernopfer erlegt hat. Dabei wird jedweder Widerspruch eingeebnet. Mir wird mulmig, wenn die Mehrheit „ihr Recht“ verlangt und die Medien meinen diesem „Recht“ Ausdruck verleihen zu müssen. Dieses mulmige Gefühl kommt auch daher, dass Medien niemals frei von sich selbst sind. So ist es in einer Zeitung ob der Platzbeschränkung nicht immer leicht, die Dinge differenziert zu betrachten. Da muss man verklaren und sich beschränken. Komplexitäten reduzieren. Schlimmer ist es in Kurznachrichtendiensten, die nur 140 Zeichen für die eigenen Ansichten bieten. Dort muss zugespitzt und marginalisiert werden. Und im Fernsehen oder Radio liegt es nicht zuletzt am Format und der Zielgruppe, wie tief die Darstellung sein darf.

Diesem durchs Format beschränkten Treiben liegt in der Beurteilung der politischen Außenwelt fast immer eine Aussage zugrunde, die eine Person in einer Stresssituation getroffen hat. Mal mehr mal weniger stark aus diesem Stress heraus, steht am Ende ein Zitat, das es zu interpretieren gilt. Und seien wir ehrlich, das Spiel mit den Zitaten ist eines, das oftmals nicht fair gespielt wird. Es fängt bei gezielten Heraushebungen von einzelnen Aussagen an, die Stimmungen bedienen, und endet manchmal auch in der direkten Falschzitation. Egal wie es zustande kam, das Zitat wird fast immer unabhängig vom Gesamtwerk einer Person interpretiert.

Egg Mountain

Dinosauriervergesellschaftung
Pavel.Riha.CB at the English language Wikipedia [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Der Untergang des Abendlandes

Gerade im Internet funktioniert so etwas wunderbar. Eine wilde Behauptung oder ein reißerischer Aufmacher, und schon hat man aller Menschen Aufmerksamkeit. Bis kurz darauf ein anderer lauter schreit. So wohlfeil sich eine Kritik an „den Medien“ nun auch lesen würde, so falsch käme sie daher und würde nur für einen Teil des gesamten Phänomens stehen. Journalisten sind schon länger keine Verkünder mehr, sie degenerieren zu einem Teil des Ganzen. Dabei bedienen sie, durch eine neue Dimension der Messbarkeit ihres Handelns, umso mehr eine klar definierte Nachfrage und unterwerfen sich zwangsläufig dem Zeitgeist. Nur ein hohes Maß an Aufmerksamkeit garantiert das Überleben in diesen harten Krisenzeiten. Alles liegt brach und ist im Sterben begriffen. Es bleibt da nur das Internet, steht im Internet.

Ganz falsch ist das nicht. Im Internet, also auch aus dem Internet heraus in die Realität hineinwirkend, findet zunehmend eine Art von Journalismus statt, der Bedenken in mir hervorruft. Entstehen kann er, weil ein generelles Finanzierungsmodell für Journalismus im Internet noch nicht gefunden wurde. Finanzierungsmodell bedeutet in diesem Kontext auch immer die Möglichkeit zur Mäßigung und Quersubventionierung. Es existiert bisher nur die Erkenntnis, dass ab einer kritischen Masse an Leserschaft die Werbeeinnahmen die Kosten mehr als decken. Die monetären Anreize wirken somit gen Massenpublikation. Das heißt hin zu einer inhaltlichen Darstellungsform für die Massen.

Diese Kategorie lässt nicht in Qualität oder Quantität bemessen. Sie wird vom Faktor Zeit dominiert, durch den der Wert einer Nachricht in der Geschwindigkeit ihres Erscheinens und ihrer Verbreitung definiert wird. So haben sich die großen Informationsportale darauf spezialisiert, Nachrichten so schnell wie möglich in alle erdenklichen Kanäle hinein zu verbreiten.  Die Informationskette wird in einem Sinne ausgeschlachtet, der beispielsweise Politikern die mögliche Reaktionszeit auf ein Minimum reduziert. Die gesetzte und verbreitete Nachricht muss umgehend kommentiert werden, wenn die dazugehörige Meinung öffentliches Gehör finden möchte.

Beim Leser erzeugt dieser Drang nach Schnelligkeit einen Mangel an Teilhabe, wenn er nicht umgehend die Reaktionen zu einer Neuigkeit vernehmen kann. Das heißt, es entsteht eine Nachfrage für eine schnelle politische Reaktion unabhängig davon, ob für das politische Handeln der Protagonisten diese Geschwindigkeit notwendig oder gar geboten ist. Hinzu kommt, dass die schnelle Verbreitung, dank schneller Reaktionen, nicht den Mangel der Konsumenten an schnellen Nachrichten befriedigt. Vielmehr wird der Mangel reproduziert, da sich aus der Abdeckung eines Reaktionsspektrums neue Fragen ergeben, die ihrer Antwort harren. Werden sie nicht beantwortet, wird spekuliert.

In der Realität liest sich das nahezu banal, ist aber der Grundstock vieler Artikel: A hat gesagt, B hat gesagt und C hat gesagt. B reagierte empört über A, worauf D wütend dies und jenes kundtat. AM sagt nichts. Journalisten wie auch Leser spekulieren darüber, was AM wohl dazu denkt. A und C kommentieren dies schockiert, B ist einfach nur beleidigt.

Das ist eine Art der Kommunikation, die auf gegenseitigen Abgleich und Selbstversicherung reduziert ist. Eine Demokratiesimulation, die mit dem Aufkommen des Web 2.0 begonnen hat, sich mit ihrer Leserin zu verbünden. Die Leserin möchte nicht mehr nur konsumieren und somit ihren Mangel beheben, sie möchte auch selbst ein Sender innerhalb ihrer Vergleichsgruppe sein. Konsumieren und senden. Eine Art Kuratorin und beste Kundin zugleich. Es besteht für sie ein Mangel an vertrauenswürdigen Informationen, die weiterverbreitet werden können. Und es wird ein weiterer Mangel erzeugt, denn den Lesern der Leserin dürstet es ebenfalls nach Abgleich im Wahrnehmungsspektrum. Der Kunde, ist zu einem Verstärker geworden der vom Ursprung, den Journalisten, bedacht werden will. Da es sich um ökonomische Interessen handelt ist der Leser somit zu einem Gut verkommen. Er wird nicht mehr des Konsums der Inhalte wegen umgarnt, sondern der Verteilung wegen. Es ist vollkommen irrelevant geworden, ob der Adressat einen Text liest. Der Qualitätsmoment ergibt sich für den Leser aus dem eigenen Erfolg mit der Verbreitung. Schnelligkeit ist nur das Rouletterad der Hoffnung des Individuums, sich auf den vorderen Plätzen der Entdeckung einer Nachricht wiederzufinden.

Die Entwirklichung der Kommunikation

Diese Nachrichtenökonomie ist ein in dieser Form neuer Markt. Das gab es so nicht. Und er wird auch nicht gebraucht, denn diese Geschwindigkeit ist für das reale politische Handeln nicht notwendig. Das Konstrukt erinnert sehr stark an den Derivatehandel, der technisch ebenfalls ohne Bezug zur Realität eine starke Auswirkung auf die Realität entfalten kann. Dieser derivative Journalismus tritt in Konkurrenz zum herkömmlichen Journalismus. Er erzeugt durch seine Schnelligkeit im permanenten Mangel ein Überangebot an Lesestoff.

Durch den Zwang zur Schnelligkeit, wird beim befragten Subjekt, wie auch der vierten Gewalt selbst, Stress erzeugt. Eine idealer Nährboden um genau die Ungenauigkeiten zu produzieren, die vom johlenden Mob dann gierig lesend aufgesaugt und per stiller Post mit in Kürze formulierten Urteilen an die eigene Vergleichsgruppe weiterverteilt wird. Schnellere Texte, härtere Sprache, gnadenlosere Urteile. Das gesamte Biotop lebt von der Rastlosigkeit aller Beteiligten, die Treibende und Getriebene zugleich sind. Es ist eine Entwirklichung der Kommunikation zwischen Menschen.

Die Auswirkungen dieses Eskalationsjournalismus sind tief greifend. Das gesellschaftliche Aushandeln komplexer Themen wird stark beschleunigt und verkümmert dadurch oftmals zur reinen Kenntnisnahme. Diese Kenntnisnahme geht immer mit einer Aufmerksamkeitswelle einher, die anschließend zu einer Refraktärzeit führt. Themen werden innerhalb kürzester Zeit für eine längere Zeit beerdigt.

Diese Entwicklung könnte man durchaus als schädlich empfinden. Etwas, dem man entgegenwirken muss, wenn man in einer Gesellschaft leben möchte, die Dinge aushandelt und nicht nur zur Kenntnis nimmt. Eine Gesellschaft, die nicht ganz pragmatisch den alternativlos einfachsten Weg geht. Denn es scheint, als wäre all das die Konsequenz aus einer Art zeitgeistigem Handeln, das wir in Deutschland seit Beginn der Kanzlerschaft Angela Merkels als politische Daseinsform kennen. Die Konsequenz aus einem steten Reagieren auf die Entwicklung. Eine Art treiben lassen im Fluss der Ereignisse und Marktentwicklungen. Unterbrochen von wenigen Einzelaktionen, die immer dann getätigt werden, wenn sich ein Zeitfenster für eigenes, ungehindertes und somit unwidersprochenes, Handeln öffnet. Hierin ist das Potenzial für die Selbstaufgabe des Menschen als handelndes und somit rahmensetzendes Objekt zu entdecken.[1]

Symbiotische Beziehungen

In dieser Form des Lebensinformationsflusses sind die Rollen klar definiert. Die Leser konsumieren, verurteilen und verteilen die Schriften. Die Journalisten berichten und verurteilen. Die Politiker stecken ein.

Es existiert nur niemand, der immer einstecken möchte. Als Abwehrmechanismus haben Politiker eine Sprache entwickelt, die Worte findet ohne Inhalte zu liefern. Angela Merkel bietet, „wenn Sie so wollen“, dem verhungernden Hartz IV-Empfänger bei entsprechender Gelegenheit an, eine „gemeinsame Lösung“ zu finden die „alternativlos“ ist. Dagegen kann niemand etwas sagen. In ihrer besten Zeit schweigt sie einfach. Wie jetzt, im Wahlkampf. Statt sich politisch zu äußern geht Angela Merkel zum Jahrestag des Mauerbaus einfach in ein Gymnasium und spricht mit Jugendlichen. Danach sehen wir Kinder mit strahlenden Augen in die Kamera grinsen und darüber berichten, wie menschlich die Kanzlerin ist. Sie hat sogar viel gelacht. Eine vollkommen neue Seite an ihr.

Diese Vorgehensweise ist der Luxus des Amtes. Peitschen-Peer kann sich das nicht leisten, denn er will Merkel vom Thron stoßen. Er versucht es mit einer Art von Klartext. Populistisch will er ja auch nicht sein. Nur kantig, ohne dabei Angriffsfläche zu bieten. Er verheddert sich im besten Politikersprech. Einem Wust aus irgendwie und vielleicht. Garniert mit ein paar knalligen Begriffen die zu einer Symbiose mit dem Eskalationsjournalismus führt, der sich auf die knalligen Begriffe stürzt und den angekündigten Klartext schafft. Eher selten im Sinne der Interpretation, die ein Kanzlerkandidat sich wünscht.

Peer Steinbrück hatte die an für sich gute Idee, einen Wahlkampf bei den Menschen zu führen. Als Mensch unter Menschen. Einer der zuhört, anhört und zumindest die Hoffnung spendiert, dann zu handeln. Dass er selbst keine fünf Millionen Haushalte besuchen kann, so viel plante die SPD, ist verständlich. Er absolvierte seine Besuche, doch die transportierten Bilder waren nur das Zeugnis einer Inszenierung, der jede Glaubwürdigkeit fehlt. Niemand glaubte, dass ein Politiker durch solches Vorgehen geläutert würde. Zuhören? Ja, aber doch kein Handeln. Und woher soll diese Glaubwürdigkeit auch kommen, bei einem Kandidaten der über die Folgen der Sozialisation der anderen philosophiert, statt den politischen Streit mit ihnen zu suchen.

 

———————————

[1] Dieser Entwirklichung unserer Kommunikation kann nur mit Verwirklichung der Kommunikation entgegengewirkt werden. Kommunikation muss von beiden Seiten als „Kommunikation unter Menschen“ neu gelernt werden. Das ist diesem Phänomen, im Sinne einer Konkurrenz unter Marktteilnehmern, entgegenzusetzen.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (10)
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[…] für Deutschland nicht zuständig...

[…] für Deutschland nicht zuständig und wenden sich lieber dem europäischen Gedanken zu.” Quelle, → Journalismus im Netz: Über die Entwirklichung unserer Kommunikation, 18.08.2013, Marco Herack, […]

0 Neufindung – bewusster digitalisieren 05.09.2013, 18:30 Uhr

[…] Zum Beispiel verzichte ich künftig...

[…] Zum Beispiel verzichte ich künftig auf meine Facebook-Seite und ihre 16 Likerinnen. Auch dieses Last.fm und blip.fm habe ich jetzt einfach mal gelöscht, ohne dadurch einen Nachteil zu haben. Das ist ganz wunderbar. Mir bleibt eigentlich nur noch Twitter und App.net. Letzteres ist ruhig und ersteres besuche ich so wenig wie möglich. Leider ist dieses Twitter auch sehr nützlich. Man kann sich beispielsweise ständig neu erfinden, in dem man das soziale Umfeld austauscht und einfach mal schaut was dadurch passiert. Besser ist aber, kaum noch Twitter zu nutzen und dann mit Menschen zu sprechen, die es noch intensiv nutzen. Erst wenn man das erlebt hat, versteht man was dieses Medium mit Menschen macht. Man kann es nur leider nicht abschalten. Das wäre zu verlustreich, auch ich unterliege ökonomischen Zwängen. […]

0 Thorsten Haupts 22.08.2013, 14:23 Uhr

Gibt es eine Mehrheit von Menschen, für die das folgende überhaupt eine Nachricht ist?

"In der Realität liest sich das nahezu banal, ist aber der Grundstock vieler Artikel: A hat gesagt, B hat gesagt und C hat gesagt. B reagierte empört über A, worauf D wütend dies und jenes kundtat. AM sagt nichts. Journalisten wie auch Leser spekulieren darüber, was AM wohl dazu denkt. A und C kommentieren dies schockiert, B ist einfach nur beleidigt."

Wenn wir diese Mehrheit haben, können wir uns jede weitere Überlegung zu Jornalismus, politischer Debatte und Politikerklartext sparen. Es gibt dann keine Grundlage dafür. Und ökonomische Interessen sind, wenn die Ausgangsthese wahr ist, völlig irrelevant. Spekulationen darüber, was AM sagen würde oder gesagt haben würde, sind celebritytauglich, nichts sonst.

Also bekommen die Menschen die Debatten, die sie haben wollen und verdient haben. Kein Grund zur Beschwerde. Nur zu leiser Trauer, über verschenkte Möglichkeiten. Des Menschseins.

Gruss,
Thorsten Haupts

0 Wolfgang Hennig 20.08.2013, 11:22 Uhr

Der Staus Quo der Kommunikation...

ist eine "SCH(r)EI(e)BE(ne)". Jeder lebt auf seiner "Geistscheibe", "Geistebene"
"Geist-Seite" und schreit, auch in Form von "Schrei-ben", die differenten "Seiten" an.
Der "Bezugspunkt", die Basis, die Motivation jedes Einzelnen ist aber die "Mitte" seiner
persönlichen "Geistscheibe"..."Seite". Es gibt also genau so viel versch..differente
Motivationen, die "näher" oder "weniger näher", voneinander entfernt sind.
Dieses "Seiten-Geschrei" nennen wir "sachliche"...d.h.emotionslose, herzlose...
Kommunikation...und wundern uns, das ständig "Krieg"..."Geistkrieg" herrscht.
Um vom "Geistscheibendenken", "Seitendenken" mit entsprechender Kommunikation
zu einem "...die Erde ist eine Kugel", "der gesunde Geist-RAUM ist ein "KUGELRAUM"...
denken zu gelangen, ist "TIEFE" notwendig. Geistige Tiefe bewirkt, das aus "Seitendenken"
"Raumdenken" wird....wir haben Tiefenbildungsmangel"...deswegen "Seitendenken"
und was genau so verheerend ist, "Seitenverhalten" mit entsprechender Wirkung.
Wenn dieser "Geistraum" rund, d.h. "Vernunft" sein soll, dann ist eine Hälfte
Intelligenz und die andere Hälfte Emotion...Herz und Verstand bilden "Vernunft-Raum"...
und es gibt keine Ebenen-Seiten mehr, sondern eine "Geist-Kugeloberfläche" für alle,
mit Basis herzlicher Verstand...herzliche Intelligenz...herzlicher Umgang...
VERNUNFT eben....runde VERNUNFT-EBENEN der Einzelnen und der Gesellschaft,
eine runde, vernünftige Gesellschaft, mit rundem "Gesellschaftsdenken"...
RUND bedeutet GESUND...wie schon der Volksmund sagt...
eine runde Sache ist eine gute Sache.
Das Scheibendenken, Seitendenken und Seitenhandeln kann nur mit
"Bildungstiefe" überwunden werden.
Wir haben "X-Achse"...Geist-waagrechte Bewegungsachse,
aber kaum "Y-Achse"...Geist-tiefen Bewegungsachse...deswegen
inhumanes "Seitenverhalten", "Seitenumgangskommunikation".
HUMAN sein heißt human, vernünftig sein....mit "RAUM-BEWUßT-SEIN".

:-)

Gruß
W.D.H.

1 H. Trickler 19.08.2013, 17:50 Uhr

@Marco Herack

Ich habe keine Ahnung wo in der Schweiz Sie sich rumgetrieben hatten, jedenfalls in meinem Umfeld wurde allgemein die lächerliche Drohgebärde dieses Möchte-Gerne-Generals belächelt.

Und auch die schweizerische Presse hat das überwiegend so gesehen!

1 Eberhard Höffken 19.08.2013, 11:50 Uhr

"... dass ich in einer Diktatur geboren wurde, ...

... die sich Deutsche Demokratische Republik (DDR) nannte. Dort gab es Wahlen, aber keine freien Wahlen. ..."

Heute gibt es auch Wahlen, aber in Wirklichkeit keinerlei (Aus-)Wahl, bzw. "Wahlen ändern nichts ...", sonst würden sie auch nicht so durchgeführt.

Der Einheitsparteienblock "CSDUFDPSPDGrün" stellt in jedem Fall die Regierung ... .

4 Konrad Betzl 19.08.2013, 09:42 Uhr

Entwirklichung der Kommunikation zwischen Menschen

Dieser Beitrag stellt die Probleme gut dar. Wenn wir Politiker wollen, die alles in 140 Zeichen sagen und wir nicht länger bereit sind zuzuhören, dann haben wir diese verdient. Und wenn uns ein (vermeintlicher) Skandal mehr interessiert (repräsentiert durch klicks, was wieder zu Werbeeinnahmen führt, weil keine andere Finanzierung der Recherche vorhanden ist) als die solide Aufarbeitung, dann geschieht dem gemeinen Publikum Recht, wenn es hinter die Fichte geführt wurde. Wir selber können das ändern, wenn wir bereit sind, dem Gegenüber auch länger als 1 Minute konzentriert zuzuhören, wenn umfassende Sachverhalte darzustellen sind. Bei unseren eigenen Erwartungen müssen wir beginnen - und uns über deren Konsequenzen im Klaren sein.

8 Tyler Durden Volland 19.08.2013, 01:38 Uhr

Ja, ein guter Ansatz, aber zu inkonsequent....

„Der Öffentlichkeit muss nur der Ansatz eines schiefen Weltbildes vermittelt werden und schon beißen sich Journalisten in den Waden des Betroffenen fest.“

Nun ja, es kann aber schon auch ganz banal nur die Wahrheit über die Kandidaten sein, oder?

Schliesslich schreiben Sie ja selber weiter unten:

„Ich bin es ernsthaft leid, mich fünf Wochen vor einer Bundestagswahl mit Kandidaten und Parteien auf solch einer banalen Diskursebene auseinandersetzen zu müssen.“

Ihre Liste der nicht-gestellten Fragen sagt doch schon alles. Und die traurige Wahrheit ist nun mal, dass dieser Zustand dem Geist des deutschen Volkes und der von ihm gewählten Regierung entspricht. Es herrscht Demokratie und das Volk hat seit 30 Jahren die Regierungen die es verdient.

„Schlimmer ist es in Kurznachrichtendiensten, die nur 140 Zeichen für die eigenen Ansichten bieten.“

Das ist nicht unbedingt schlimmer. Es ist schlicht und einfach die realistische Antwort auf eine Masse, die das Denken in grösseren Zusammenhängen nicht mehr kennt, und Phrasen für die einzig machbare Kommunikation hält.

Ein Markt der gross genug wäre um ein Geschäftsmodell für Qualitätsjournalimus zu bieten, existiert nicht mehr. Die Medien selber haben diesen Markt durch ihre politisch korrekte Mittelmässigkeit um des Marktanteils Willen, sprich Profit, selber zerstört. „Da es sich um ökonomische Interessen handelt ist der Leser somit zu einem Gut verkommen“, schreiben Sie völlig zu Recht!

„Hierin ist das Potenzial für die Selbstaufgabe des Menschen als handelndes und somit rahmensetzendes Objekt zu entdecken.“
Leider ist dies keineswegs mehr Potential, sondern Realität. So etwas ist auch nichts Neues, man kennt das seit Jahrzehnten aus den USA, dort ist das der Normalzustand!

„Als Abwehrmechanismus haben Politiker eine Sprache entwickelt, die Worte findet ohne Inhalte zu liefern“, ja, nur das ist eben NICHT das Problem. Zum Problem wird dies erst, weil das Volk diese Politiker trotzdem wählt. Auch hier sind die USA das Vorbild. Obama wurde wegen einiger leerer, nichts-sagender Phrasen wie „Change“ oder Yes, we can“ unter Begeisterungsgeheul gewählt. Fünf Jahre später ist der Lack an diesen Phrasen ab und man beginnt Obamas Wahrheit zu sehen.
In Deutschland ist man noch weit von solcher Einsicht zu den deutschen Politikern entfernt. Und damit sind wir wieder am Anfang, die Schuld liegt beim kollektiven Versagen der Presse. Aber das Volk hält es tatsächlich für eine „Wahl“ ein Kreuzchen entweder bei Merkel oder Steinbrück zu machen.

Aber die teure Rechnung dafür beginnt bereits sichtbar zu werden.

0 Herold Binsack 19.08.2013, 00:20 Uhr

Pragmatisch und „entgrenzt“ – die Borderline-Persönlichkeit

„Eine Gesellschaft, die nicht ganz pragmatisch den alternativlos einfachsten Weg geht.“ Aber doch genau in dieser Gesellschaft leben wir doch! Hören wir nicht beinahe täglich wie alternativlos mal der Kapitalismus, mal der Euro, mal die Unterstützung der Taliban, dann wiederum ihre Bekämpfung sei? Und wurde nicht noch bis gestern ein sog. gemäßigter Islam in Ägypten, dann wiederum ein weniger gemäßigter „Antiislamismus“ in Libyen, bzw. in Syrien gegenüber dem iranischen Mullahregime verteidigt, während das „gemäßigte Syrien“ beste politische Beziehungen eben zu diesem Mullahregime unterhält? Ich kenne persönlich keine einzige Tageszeitung – online oder nicht –, die da einer nicht pragmatischen Linie folgen würde. Heute so, morgen so, je nachdem man das Kapital pfeifen hört, schallt es diesem zurück. Das ist das politische Dilemma in Bezug zur Tageszeitung ganz generell. Die Online-Ausgabe macht da keinen Unterschied zu. Sie hat nur den Vorteil, dass ob der unbegrenzten Speicherzeit das endlich mal über längere Zeiträume hin verfolgt, also nicht so schnell vergessen werden kann.
.
Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass der Narzissmus noch das aktuelle Grundschema der gestörten Persönlichkeit ist, weder in individueller noch in gesellschaftlicher Hinsicht.
Der „entgrenzte Mensch“ (http://blog.herold-binsack.eu/das-benthamsche-panoptikum-verinnerlicht-habend/), die Borderline-Persönlichkeit (http://blog.herold-binsack.eu/der-kleinburgerliche-terrorismus-und-die-kopfe-der-hydra/), scheint mir typischer, ergänzt durch das „autistische Spektrum“ (http://blog.herold-binsack.eu/erkampft-ergaunert-erworben-ererbt%E2%80%A6/).

6 Baldur Jahn 18.08.2013, 13:53 Uhr

Was ist Journalismus, was Sozialisation, was Wahlkampf, wer Herr Steinbrück,

wer die Frau Bundeskanzlerin? Grosse Themen!
Möglicherweise ist Journalismus: nicht in die falschen oder überholten Sozialisationsschleifen zu fallen. Kritisch zu sein! Sonst wird er tatsächlich zum Tratschen in konventionellen Blasen. Was will Steinbrück von Merkel: eine große EU-Rede! Reicht ihm nicht: „Scheitert der Euro, scheitert Europa“? Will er noch mehr „Stalingrad“ – aber mit „Senf“ (Rede am offenen Grenzpfahl) dazu? Oder ärgert er sich, dass der Wahlkampf der Union, personifiziert in Angela Merkel, die scheinbar die Maggie Thatcher gibt und die Geldtaschen verschlossen hält aber tatsächlich keine Maggie ist, sondern die Angela, die am Ende trotzdem zahlt, so erfolgreich ist?
Auf alle Fälle ist es ein guter journalistischer Ansatz, sich vom „Table setting“ der Politiker nicht die Themen vorschreiben zu lassen. Dafür muss man sich weder entschuldigen noch rechtfertigen oder eine „falsche“ Wiedervereinigungspolitik in den Text einführen. Relevant ist immer „die Lage“ und nicht unbedingt eine Gefälligkeitsmeinung von Helmut Schmidt zu Steinbrück im PR-Buch. Schwall im All.
Übrigens, inzwischen sind nicht nur die Wirtschaftsteile der Zeitungen vom „20. Juli“ voll, selbst der Finanzberater von Schäuble wandelt aktuell auf den Spuren von Olaf Henkel (D müsste aus dem Euro aussteigen). Tja, selbst diese Wende ist nun Herrn Steinbrück versperrt. Nebenbei: „Stalingrad“ und „20. Juli“ dient mir zur Kenntlichmachung der hiesigen EU-Zeitgeistverzeichnung (psychologisch dazu Bettina Röhl im Handelsblatt-Blog). Gott sei Dank, sind wir eine Meinungsfreiheits-Demokratie, wo man lesen und im Zweifel schreiben kann, was man will. Und wählen kann, wem man will und – wenn man die politische Klasse auf dem falschen Dampfer sieht – sogar Parteien gründen kann. Ohne sich von der Ehefrau zu verabschieden. Nur vom konventionellen Getratsche bzw. was man für solches individuell hält.