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Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

„Wir hatten eine ganz große Chance als Deutsche“

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Der Film „Am Ende der Milchstraße“ zeigt den Alltag einer Dorfgemeinschaft im tiefen Mecklenburg, die aus Raum und Zeit zu fallen scheint. Ein Gespräch mit den drei Protagonisten Harry, Gaby und Maxe.

Drei Jahre lang drehte Leopold Grün zusammen mit Dirk Uhlig vor Ort. Sie filmten intime Szenen am frühen Morgen und beim Physiotherapeuten, die Schlachtung eines Schweins und die Hochzeit eines Arbeiters am örtlichen Milchhof. Der Film will einen Gegenentwurf zur modernen Individualisierung vorstellen – doch er beschönigt nichts. Die raue Realität in der die Protagonisten handeln ist stellenweise bedrückend.

© K. Rönicke, FAZDas Ortsschild weist den Weg in das Dorf. Der Bus hält hier nur wenige Male am Tag (wie oft genau, darüber ist man sich jedoch nicht ganz einig).

Was im Film immer wieder durchschimmert: Man hat das Gefühl, dass das Ende der DDR, der Umbruch, gerade auch hier im Dorf seine Spuren hinterlassen hat. Als wäre eine eingespielte Rhythmik aus dem Takt gekommen.

Harry: Na klar! Wir haben damals die soziale Marktwirtschaft gesehen. Aber die ist dann sofort umgeschlagen in Kapitalismus pur. Wir haben eigentlich damals ganz gezielt dagegen gearbeitet. Wir sind ja damals alle aus unseren Betrieben entlassen worden und haben uns dann verteilt – ich war beispielsweise in Bremen wegen der Arbeit und nur am Wochenende hier. Wir haben einen monatlichen Kegelabend veranstaltet, an dem wir wenigstens einmal im Monat alle zusammen waren. Der harte Kern hier im Dorf.

Gaby: Männerwirtschaft!

Hat der neunte November 1989 Sie überrascht?

Harry: Ich wusste schon lange, dass es so kommen würde. Ich war ein dreiviertel Jahr vorher im Westen gewesen. Da habe ich gesehen, wie lebendig der „sterbende Kapitalismus“ ist. Ich habe mich nach der Wende hier noch arbeitslos gemeldet. Alles brach weg. Es ist nicht so, dass heute alles schlecht ist und damals alles besser war. Es war damals auch schlecht – man hat nicht alles gekriegt. Man war mehr am Suchen, als am Machen. Jetzt kriegt man im Allgemeinen alles – aber in übelster Qualität. Aber man hat nicht mehr das Geld dazu, weil man keine Arbeit mehr hat. Es hat einfach alles seine Vor- und Nachteile.

Maxe: Auf jeden Fall war es damals trotzdem besser!

Harry: Nee…

Maxe: Na klar war es besser! Heute wird alles so gebaut, dass du es nach zwei drei Jahren neu kaufen musst.

Harry: Natürlich – die Sollbruchstelle ist eingebaut.

© K. Rönicke, FAZMaxe in seinem Schweinestall.

Wie hat sich Ihr Leben vor und nach der Wende unterschieden?

Maxe: Ich hab in der Landwirtschaft gelernt. Dann war ich 17 Jahre arbeitslos.

17 Jahre? Direkt nach der Wende?

Maxe: Ja. 17 Jahre. Aber irgendwie ging immer alles weiter. Jetzt arbeite ich im achten Jahr auf dem Milchhof. Meistens fange ich um halb vier morgens an. Dann geht das bis halb neun. Und dann nachmittags nochmal von halb drei bis abends um halb sieben. Man hat ja keine andere Wahl, auf Deutsch gesagt. Wenn du jetzt sagst, du machst das nicht mehr, dann kannst du nach Hause gehen. Dann bist du wieder arbeitslos.

Ihr Mann, Gaby, hat nach der Wende angefangen zu trinken.

Gaby: Ja, der hat’s nicht geschafft. Bei ihm ist das Ende der DDR eigentlich nie angekommen. Er hat zum Schluss in der Schweinemast gearbeitet – was jetzt Milchvieh ist. Und nach der Wende wurde er dann entlassen. Dann hat er eine ABM gemacht.

© Neue Visionen FilmverleihGaby im Film mit einer Gans.

Sie selbst sind Pferdewirtin. Arbeiten Sie in dem Beruf noch?

Gaby: Früher hieß das „Facharbeiter für Pferdezucht und –Leistungsprüfung“. Oder kurz „Gestütswärter“. Ich hab im Pferdestall in Wildberg gearbeitet. Nach der Wende sind die privatisiert worden – die LPG ging sowieso ein. Dann hatte sich das erledigt. Ich hab dann mal ne ABM gehabt. Mal ne Umschulung als Raumausstatter. Aber die habe ich abgebrochen, weil das zuhause gar nicht mehr ging. Mein Mann lag bloß noch auf der Couch. Die Kinder haben gemacht, was sie wollten. Da hab ich erst einmal wieder Ordnung reinbringen müssen. 1994 hab ich dann meinen Mann auch rausgeworfen und 1996 wurden wir geschieden.

Ihr Mann ist dann gestorben. Lag es am Alkohol?

Gaby: Ja, der ist 2000 gestorben. Alkohol war mit schuld – auf alle Fälle.

Im Film klingt an, dass der Alkoholismus und der Systemwechsel miteinander zusammenhängen. Ist das oft so gewesen?

Gaby: Bei meinem Mann ja.

Interessieren Sie sich für Politik?

Maxe: Nee – da hab ich gar kein Interesse für! Die ändern sowieso nichts, egal wer da dran ist. Das war vorher auch schon so.

Mit vorher meinen Sie zu DDR-Zeiten?

Maxe: Ja, genau. Mit der SED und dem Kram – das war auch nicht meins. Ich hab da nix am Hut mit.

Sind Sie alle nicht so politisch?

Harry: Oh doch! Doch, doch. Aber… Ich finde, dass alle großen Politiker Schaumschläger sind. Es macht einfach keinen Sinn, sich da großartig drum zu kümmern. Die beiden großen Parteien sind gar nicht meins. Und die Braunen natürlich auch nicht!

Ist das ein Problem hier, mit den „Braunen“?

Harry: Es eine Katastrophe, wie viele junge Leute diesen Leuten hinterher rennen!

Auch in Wischershausen?

Gaby: Na hier Gott sei Dank nicht!

Harry: Nee, hier nicht. Aber in einigen Orten ist es ganz schlimm. Da sind es teilweise ganze Dörfer, die sich mit denen identifizieren. Und die haben ja dann auch freien Lauf. Die haben Narrenfreiheit. Die Polizei ist auf dem rechten Auge blind. – Also von der Warte aus ist man manchmal traurig, dass man in den 80ern auf die Straße gegangen ist.

© Neue Visionen FilmverleihHarry im Film: Beim Angeln kann man gut nachdenken.

Angela Merkel kommt auch aus Mecklenburg-Vorpommern…

Harry: Ja, das ist das Eigenartige. Die Frau weiß ganz genau, was hier läuft. Die ist bestimmt nicht betriebsblind, und trotzdem zieht die ihr Ding durch. Da vermute ich, dass die auch nicht so frei in ihren Entscheidungen ist. Ich denke auch, dass wir von unserm Freund hinterm großen Teich zu stark beeinflusst werden.

Die USA meinen Sie. Interessant ist, wie wir gerade sehen, dass sie quasi die ganze Welt überwachen.

Harry: Ja, das ist erstaunlich. Die Stasi war dagegen ein Kaffeekränzchen!

Menschen aus dem Osten sind häufig früh dazu erzogen worden, selbstständig zu sein. Sie sprechen im Film davon, dass Ihnen das bei Ihren Kindern wichtig war, Gaby…

Gaby: Naja, das ging ja auch gar nicht anders. Man war ja den ganzen Tag arbeiten. Sie mussten ja früh selbstständig werden. Und zuhause mussten sie auch was machen.

Harry: Das war damals mit dem Bildungssystem auch anders in der DDR. Man wurde umfassend gebildet. Ich sage immer, man hat sich mit dieser guten Bildung selbst abgeschafft. Die Leute waren alle intelligent genug zu begreifen, dass es so nicht mehr geht. In der DDR hätte es auch nicht solche PISA-Ergebnisse gegeben.

Sie sind so politisch. Und gleichzeitig wirken Sie resigniert…

Harry: Man hat einfach aufgegeben.

Und wenn man sich die beste aller Welten machen könnte?

Gaby: Das wäre langweilig!

Gibt es eine Vorstellung, eine Idee davon, wie es sein könnte, wenn man das Beste von früher und das Beste von heute zusammenbringen könnte?

Harry: Die Chance haben wir verpasst. Wir hatten eine ganz große Chance als Deutsche. Die kommt nicht wieder, das ist vorbei.

© K. Rönicke, FAZDie Wischershausener und ihr Filmteam: (v.l.n.r.) Gaby, Leopold Grün, Maxe, Dirk Uhlig, Olli und Harry

Sie machen scheinbar das Beste draus. Wie kommt es, dass bei Ihnen im Dorf so eine andere Atmosphäre herrscht? Dass es so viel Miteinander gibt?

Harry: Ich denke, das klappt hier so gut, weil das Darf so übersichtlich ist. Wir sind teilweise auch voneinander abhängig.

Gaby: Wir wohnen ja auch schon alle ewig hier.

War es überraschend, dass Sie, Harry, nach Ihrem Zuzug 1983 so schnell integriert wurden?

Harry: Eigentlich ja. Einen Teil meiner Kindheit habe ich in Schwerin verbracht, daher kenne ich die Mecklenburger einigermaßen und ich weiß auch, wie stur die sind. Ich war damals einigermaßen überrascht, dass es relativ reibungslos ging mit der Immigration.

Der Film wird unter anderem damit beworben, dass hier der Gegenentwurf zur Individualisierung und Vereinzelung in der modernen Gesellschaft gelebt wird.

Harry: Ja, das kann man so sagen.

Was ist das Rezept dafür?

Gaby: Da gibt es kein Rezept!

Harry: Das ist so gewachsen. Da braucht man nichts für tun.

Gaby: Ja, das ist, wenn man sich über Jahrzehnte kennt.

Gab es in der DDR mehr Miteinander? Weil man eben so wenig hatte?

Harry: Ja, das kam eben aus der Not heraus. Und das muss man sich heute erhalten, denn die Not ist ja vorbei…

Gaby: … naja, also – vorbei ist die Not bei uns ja nicht wirklich…

Harry: Ja, nee. Bei uns nicht. Aber wir sind ja nicht das Maß aller Dinge.

Der Film „Am Ende der Milchstraße“ läuft seit 24. Oktober im Kino.

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2 Lesermeinungen

  1. Die Individualisierung ...
    … ist & bleibt ein Gerücht. Der Mensch ist ein soziales Tier & da wird sich so schnell nichts dran ändern. Die Art der Sozialisierung hat sich geändert, man ist freier in der Wahl des eigenen Umfeldes, aber die sozialen Strukturen haben sich höchstens verschoben, sie lösen sich nicht auf.

    Ansonsten könnte man ein ebensolches Gespräch auch im Westen führen. Da gibt es ähnliche (& auch viel schlimmere) Jammerlappen, & nicht zuwenige davon.
    „Damals war alles besser.“ & „Man hat ja keine Wahl.“ Klar doch … (Man denke sich hier einen mit den Augen rollenden Smiley.)

    • nun...
      erstmal würde ich das mit Jammerlappen deutlich zurückweisen.
      und die Frage, ob die Individualisierung kein Problem ist mit mehreren Fragezeichen versehen: ??? wie können Sie da so sicher sein? Ich erlebe das ehrlich gesagt deutlich anders und die Soziologie begleitet die Entwicklungen schon seit langem: Es ist deutlich ein Trend zu sehen. Natürlich: der Mensch bleibt ein Soziales Wesen. Aber was: Wenn das Soziale sich auf das Netz beschränkt, man dort zB 10.000 Follower irgendwo hat und zum Umzug kommt keiner Helfen? Nur so ein Beispiel

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