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Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

„Ich habe den Westen entdeckt, wie man Märchenwelten entdeckt“

| 6 Lesermeinungen

Die Wostkinder treffen Alexandra Tobor zum Podcasten: Sie kam 1989 noch vor der Wende aus Polen nach Deutschland und hat über diese Vorher-Nachher-Begebenheit ein Kleinod von einem Buch geschrieben.

„Sitzen vier Polen im Auto“ – der Titel des Debüts der Schriftstellerin Alexandra Tobor klingt wie der Anfang eines abgedroschenen Witzes. Eines Witzes, wie man sie sich in den Neunzigern zuhauf erzählte. Auch, weil berühmte Entertainer wie Harald Schmidt sie über die Medien verbreiteten. Die klauenden Polen, die Kulturlosen und geistig Armen – dieses Polenbild hat das Ankommen und das Einleben unseres Podcast-Gastes nicht gerade erleichtert.

In dieser Folge sprechen wir nicht nur über das Polenbild der Deutschen, wir beleuchten ganz grundsätzlich die Rolle der feinen Unterschiede in der kapitalistischen Konsumgesellschaft und die Bedeutung von Konsum als Kulturtechnik, die man erlernen muss, um dazu zu gehören. Es tun sich etliche Parallelen zwischen beiden Migrationsgeschichten auf – abgesehen von Sprache und Religion. Die DDR-Kinder waren wie auch die Kinder aus Polen komplett anders vorgeprägt, lebten eine andere Kindheit, die so arm und grau gar nicht war. Oder kannten Sie als Kind den feinen geruchlichen Unterschied zwischen Minze und Melisse?

Und obwohl das sämtlich schwere und teils deprimierende Themen sind, ist das alles andere als ein Jammerpodcast: Alexandra Tobor hat die Macht des Humors und der Poesie genutzt, die eigenen Verletzungen und Demütungen, die großen und kleinen Dramen der Auswanderung und des Ankommens, so zu erzählen, dass sie nicht in der Daueropferrolle verharrt. Im Gegenteil: Durch das Aufschreiben der eigenen Geschichte, durch den humorvollen Blick auf Menschen und Gesellschaft, wurde eine Selbstermächtigung möglich, wie sie größer vielleicht nicht sein kann.


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Hintergründe und Links

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6 Lesermeinungen

  1. Ist der Beitrag nicht ein bischen überzogen?
    Persönliche Integrations-Leiden-Geschichten gibt es viele…die meisten unbekannt,
    weil nicht geschrieben, aber nicht weniger schmerzlich, schwierig…
    Kommerz-Zweck, Konsum-Zweck der Schreibenden?…oder welche Motivation?
    Gesellschaftsintegration mit allen Prolemen findet täglich statt, nicht nur für
    „Landes-Wechsler-Wanderer“, auch für Einheimische.
    Ob Konsumgesellschaft verdient, als „Kulturgesellschaft“ bezeichnet zu werden,
    hängt wohl von der Definition „Kultur“ ab und ob es „Lernwertvoll“ ist,
    dazu zu gehören, ist zu hinterfragen.
    Insgesamt ist wohl alles ein „vom Regen in die Traufe Wechsel“.
    Was bedeutet die Vokabel „Selbstermächtigung“ im Beitrag, das habe ich nicht
    verstanden?

    • selbstermächtigung bedeutet, es zu schaffen, sich aus einer unfreiheit und / oder Opferposition heraus zu befreien.

      Zu Ihren Anmerkungen: ich denke schon, dass dieses Aufschreiben der Geschichte, der kleinen Details und der Brüche wie auch Erfahrungen, eine sehr positive Wirkung haben kann. Auch auf alle jene, deren Geschichte eben nicht zum Erzählen gebracht wird. Nehmen wir zum Beispiel das Phänomen des kleinen twitter-Hashtags #Aufschrei, bei dem Tausende Frauen ihre Sexismus-Erfahrung bericheteten. Was erzählen die meisten Frauen, dass es ihnen gebracht hat? – es hat ihnen gebracht, dass sie sahen: Ich bin nicht allein. Es ist nicht mein persönliches Pech oder gar meine Schuld.

      Warum also dieses ganze Blog hier überhaupt: Weil wir auch nicht allein sind und weil es eine Geschichte zwischen Ost und West geht, die unsere Gegenwart immernoch berührt. Weil es viele kleine Geschichten zwischen Ost und West gibt, die – wenn sie erzählt werden – eine normative Kraft entfalten können. Ganz im Sinne von Hannah Arendts Gedanken des Erscheinungsraums. Es ist eine Form von Macht einer Perspektive, die sonst machtlos und unsichtbar ist. Und ich glaube daran, dass sie die Sicht von einigen Menschen auf die Dinge durchaus über die Zeit ändern kann.

    • Ich hätte lieber "Selbstbewußtsein" gelesen als "Selbstermächtigung", aber es ist Ihr Beitrag
      Das Prinzip, „Sich“ oder „Gruppen“ oder „Völker“…bemerkbar zu machen
      und auf Probleme hinzuweisen ist ja gut.
      Bei der Menge der Probleme und der Menge der vielfältigen Möglichkeiten
      dies zu tun, schwindet nach meiner Beobachtung die Chance gehört,
      wahrgenommen, ernst genommen zu werden und dann auch noch
      die gewünschte Wirkung zu bekommen.
      Sehen Sie meinen Beitrag, auf meine Motivationsfrage haben Sie nicht geantwortet.
      Ob Kommerz oder Problemlösung für die Schreiberin maßgebend ist oder war.
      Ganze Hilfeorganisationen haben „Korruptionsprobleme“, als Vorwurf oder berechtigt,
      schwer zu erkennen. Schnell eingerichtete „Hilfskonten“ ebenso.
      In der wachsenden Problemmenge und ihrer wachsenden Komplexität
      ist es schwer ein „Wichtigkeit-Maß“ zu finden, „Motivationerkennung“ ist schwer.
      Dazu kommen noch die „normalen“ Nachrichten, Alltag…
      Es wird langsam zu viel für den Einzelnen, wie auch für die Gesellschaft…denke ich.
      Globalisierungsvor-aber auch gravierende Nachteile, von mir hier speziell
      die „Überforderung“ angesprochen, Wahrnehmung, Maß, Wirkung…

    • in der Hoffnung, dass es nicht übergriffig ist, wenn ich stellvertretend für die Autorin antworte: Ich glaube eben schon, dass es mit dem Erscheinungsraum zu tun hat. Dass dies die vordringliche Motivation zum Schreiben war.
      Natürlich stellt sich bei allen Autoren die Frage; Kann ich vom Schreiben auch leben? Und was wäre daran so verwerflich? Bei Ihnen frage ich mich immer öfter: Der schöne Geist ist Ihr größtes Anliegen und das ist ja auch sehr ehrenhaft und Sie haben dafür auch meinen Respekt. Nur: Sollen all die schönen Geister in einer Tonne oder unter der Brücke wohnen? Wer bezahlt ihr Internet`? Ihre Nahrung? Und was ist daran schlimm, wenn man für Arbeit – so ein Buch schreibt sich nicht einfach so mal nebenher auf, schon gar nicht, wenn die Sprache so detailreich und poetisch ist – einen Lohn bekommt?

      Schauen Sie: Wer vor allem für das Geld schreibt, der schreibt ganz andere Bücher! Warum Frauen von der Venus und Männer vom Mars kommen – verkauft sich weltweit! Oder Bücher mit „SMS von letzter Nacht“ – das ist Kommerz! ich würde doch bitten, hier zu unterscheiden

    • Der schöne Geist ist Ihr größtes Anliegen und das ist ja auch sehr ehrenhaft...
      bitte keine Beurteilung meiner Person, oder „Anliegen raten“, incl. abwertende „Schöngeisttonnengeschichte“,
      „Kopfkino“, aus Ermangelung Leser-Gedanken zu verstehen.
      Geld für’s Schreiben zu bekommen war nicht mein Hauptthema, ist aber trotzdem
      im Zusammenhang mit „Problemaufschrei“ bedenkenswert.
      Mein Hauptthema ist die nicht mehr genügend geistig zu verarbeitende
      Problem-Menge/Zeit und die dadurch sinkende Chance, Wirkung zu erzielen.
      Sie lenken gekonnt von Ihrer „Interpretation“ meines Beitrages und wohl anderer
      „Interpretationen“ anderer Beiträge, auf meine Person und übertragen diese auf mich,
      hier im Forum.
      Das finde ich sehr bedenklich, um nicht zu sagen unseriös und diffamierend.
      Ihre, mehr oder weniger, versteckte Aggression ist Ausdruck von „Nichtverstehen“, Hilflosigkeit…mehr nicht.
      Eine Personenbeurteilung im Forum, in welcher Form auch immer, ist unwürdig.

      Gruß
      Wolfgang Hennig

    • entschuldigen Sie, wenn es so rüber kam, dass ich mir ein Urteil von Ihnen mache.
      aber ich glaube, Sie überinterpretieren jetzt meine Antwort und Nachfrage. Ich sage lediglich, dass ich den Eindruck habe, das geistige für Sie im Vordergrund steht – das ist wohl keine Diffamierung! zumal man da einfach mit: „Nein, da täuscht Sie ihr Eindruck.“ antworten kann. ich verstehe den Aufruhr jetzt nicht so ganz.
      mfG

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