Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Das Wanken von Gut und Böse

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Die Zerrissenheit zwischen westlichen Normen und sowjetischen Idealen ist präsenter denn je. Im Jahr 25 nach dem Mauerfall bleibt sie ein gesamteuropäisches Thema. Das zeigt eine Konferenz in Breslau.

Die Reise nach Breslau war eine sehr spontane Angelegenheit: Eigentlich ist da einfach diese große Neugierde auf alles um und über die Entwicklungen über und um Osteuropa in mir. Nach einem Jahr Wostkinder das Gefühl, dass die innerdeutsche Ambivalenz in einer viel größeren Ambivalenz zwischen Ost und West eingebettet zu sein scheint. Das Bedürfnis, weiter nach Osten zu schauen, weiter in Richtung Postkommunismus mit all seinen Sorgen und Nöten zu blicken. Im Netz stieß ich auf eine Ankündigung der Konferenz „Politics & Society in Central and Eastern Europe” – wie und warum ich dort landete könnte ich im Nachhinein nicht einmal rekonstruieren. Aber ich wusste sofort: Ja – das interessiert mich. Ich möchte wissen, was junge Studenten aus ganz Europa umtreibt, was sie gerade erforschen und lernen, was sie für einen Blick auf die Dinge haben – auf die Politik in den verschiedenen Ländern und auf die Gesellschaften nach der Sowjetunion. Mehr erwartete ich eigentlich nicht.

© Katrin RönickeInstytut Politologii Uniwersytet Wrocławski – das Institut der Politologie an der Universität Breslau

Die Teilnehmer waren fast ausnahmslos männlich. Junge Männer aus Estland, Georgien und mehrheitlich Polen – darunter auch Erasmus-Studenten – stellten in 15-minütigen Vorträgen einen Einblick in ihre aktuelle Arbeit vor. Diese Konferenz hat ein klein bisschen schon Tradition. Sie wird veranstaltet von New Eastern Europe und Zusammenarbeit mit der Universität Wroclaw, also Breslau, und findet im Januar und noch einmal im Mai statt. Ziel der Veranstaltung, die nur einen Tag lang geht, ist es, möglichst viele Facetten kurz anzureißen und die Teilnehmer miteinander ins Gespräch zu bringen. Für die Studenten ist es außerdem eine sehr gute Gelegenheit, ihre Vortrags-Kompetenz zu stärken – dass hier keine Profis am Werk sind, merke ich schnell. Manche studieren noch im Bachelor, andere sind PhD-Studenten, also Doktoranden.

© Katrin RönickeHenrik Nürnberger ist als Erasmus-Student in Breslau und erklärt hier gerade, was Entkommodifizierung ist.

Weil ich nicht vorhatte selbst etwas vorzutragen, weil ich nur zuhören wollte, versuchen zu lernen, setzte ich mich ganz hinten in den kleinen Raum, der einer überschaubaren Anzahl von Menschen Platz bot – etwa die Größe eines mittelgroßen Proseminars an meiner eigenen Universität. Den Anfang machte ein Vortrag über die Rolle und Lage der russischen Minderheit in Lettland und Estland. Schon hier fielen mir einige Dinge auf: Erstens hätte ich niemals sagen können, wie die derzeitigen Staatsoberhäupter in diesen beiden Ländern heißen. Zweitens hätte ich die beiden Ländern nicht voneinander auf der Karte unterscheiden können. Und drittens hatte ich keine Ahnung, dass es dort russische Minderheiten gab. Diese Gefühle würden sich über die erste Vortragsreihe nur noch immer weiter verstärken. Am Ende wusste ich – ich weiß nichts.

Der Anteil der russischen Bevölkerung in Estland – CC-By-SA via Wikimedia Commons

Aber zurück zu den Russen in Estland und Lettland: Wie man im Netz nachlesen kann, weist Amnesty International seit 2010 darauf hin, dass in Estland der Umgang mit Minderheiten sehr problematisch sei – betroffen seien vor allem sprachliche Minderheiten. Der erste Vortrag von Rain Soosaal von der Universität in Tartu (Estland) befasst sich mit genau diesem Problem und erklärt die Geschichte, die dahinter steht. Plötzlich wird es sehr viel schwerer, mit dem westlich-moralischen Zeigefinger auf Estland zu zeigen, denn in Zeiten der Sowjetunion war auch Estland (wie Lettland) einfach von dieser annektiert worden. Der Beginn der Abneigung gegen diese heutigen Minderheiten liegt also im Jahr 1940. Schon danach schlossen sich manche Esten lieber den Deutschen Truppen im zweiten Weltkrieg an – als den Sowjets, die man als feindliche Eroberer wahrnahm. In der Wikipedia lese ich heute – ergänzend zu dem Gelernten in Breslau: „In der Zeit von 1945 bis 1990 wurde durch gezielte Ansiedlung nichtestnischer Einwohner, insbesondere von Russen, die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Nationalitäten wesentlich zu Ungunsten der einheimischen estnischen Bevölkerung verändert.“ Mit der Unabhängigkeit 1991 waren somit sowohl in Estland wie auch in Lettland plötzlich Russische „Minderheiten“ von 29 (Estland) bis 37 (Lettland) Prozent vorhanden. War zuvor noch qua Anordnung aus Moskau Russisch eine anerkannte Landessprache gewesen – sie hatte sogar eine privilegierte Position gegenüber den anderen – schaffte man diesen Zustand schnell ab und die Russen waren nun Fremdsprachler.

Auch aus der Geschichte heraus, aus der Erfahrung der Okkupierung und Ohnmacht gegenüber der Sowjetmacht, entstand ein starkes Bestreben in beiden Ländern, die eigene Kultur und die eigene Sprache zu schützen und wieder zu stärken. Immer noch herrschte große Unsicherheit – die Russen wurden als Gefahr für die eigene Unabhängigkeit empfunden und deswegen sehr strenge Staatsbürgerschaftsregeln eingeführt, die man an sehr strenge Sprachgesetze knüpfte: Die Landessprachen wurden als einzige Sprachen beibehalten. Russisch wurde in allen Bereichen verdrängt. Die zu Sowjetzeiten immigrierten Russen hatten diese Landessprachen aber nie lernen müssen und verstanden nun gar nichts mehr – in einem Land, in dem sie seit vielen Jahren lebten, in ihrem Zuhause. Man verweigerte ihnen nun in ihrem Zuhause die Staatsbürgerschaft, weil sie die Sprache nicht sprachen. Sie durften nicht wählen und wurden stark auf einem sehr subtilen Level diskriminiert – nicht mit weiteren Gesetzen, denn Estland und Lettland mussten als EU-Anwärterländer natürlich diskriminierungsfreie Gesetze vorweisen – aber auf der indirekten Ebene: Russen sind nicht in der Politik, nicht in der Verwaltung, nicht in den gut bezahlten Jobs oder allgemein in der Wirtschaft vertreten. All das ging weitestgehend glimpflich aus – anderswo hatte man ähnliche Probleme und sehr starke ethnische Konflikte, etwa in Moldau. In Estland gab es nur einmal Krawalle, nämlich als man 2007 in Tallinn ein Sowjetdenkmal demontieren wollte (und die darunter liegenden Kriegsgefallenen Exhumieren).

© Katrin RönickeDer Juliusza Slowachiego-Park im winterlichen Breslau

Was also tun? Als Außenseiterin fühle ich mich schlicht unfähig zu entscheiden, wer hier wem Unrecht tut und erst sehe ich mich überhaupt nicht in der Lage, sinnvolle Ideen zu entwickeln, was man tun kann. Das ist übrigens auch der Hauptgrund, warum ich hier so lange davon berichte. Die Situation in Estland tritt zumindest in meiner Lese- und Hörrealität eigentlich nie zum Vorschein. Man muss sich schon sehr speziell einlesen und informieren, um damit konfrontiert zu werden. Entweder wissenschaftlich motiviert – oder aus einem ganz persönlichen Interesse. Als normalsterbliche West-Eu-Bürgerin jedenfalls gehören solche Geschichten nicht zu meinem täglichen Medienkonsum. Dabei kann man an ihnen so viel zeigen und sehr viel lernen. Zum Beispiel, dass Nationalismus eine sehr vielschichtige Angelegenheit sein kann. Eine, die man nicht immer so leicht als „böse“ abtun kann, wie wir das sonst gewohnt sind.

Man kann daran auch sehen, wie bis heute viele Konflikte davon geprägt sind, dass die Post-Sowjet-Ära in den Neunzigern irgendwie einerseits sehr plötzlich kam, und andererseits sehr chaotisch ablief. Was bis heute in vielen postsowjetischen Ländern anzutreffen ist, kann am besten mit der sogenannten „Cleavage-Theorie“ beschrieben werden (wobei, was man dazu in der Wikipedia findet jetzt ein bisschen nicht ganz so treffend ist, für mehr Informationen siehe Lesehinweise am Ende des Textes). Diese stellte Pawel Kaminski von der Jagiellonian University vor: Es geht um eine spezielle Art der politischen Spaltung innerhalb einer größeren politischen Einheit – und hier nehmen wir die Staaten, die wir betrachten – und müssen drei Elemente darin vorfinden: Ein sozio-strukturelles Element, wie zum Beispiel Klasse, Religion, Bildung. Ein Element der kollektiven Identität innerhalb der Abspaltungen und drittens eine organisatorische Manifestation in einer Form von kollektiver Aktionen oder in über längere Zeit bestehenden Organisationen. Kaminski zeigte diesen Zustand am Beispiel von Polen: Die politische geografische Karte des Landes zeigt im Jahr 2011 eine tiefe Gespaltenheit. Mitten durch das Land scheint ein Riss zu gehen – jenseits dieses Risses wählen die Menschen unterschiedlich. Eine Situation, die Menschen stark beschäftigt und zu einigen Analysen in der Politikwissenschaft Polens führt – mir allerdings war das bislang nicht bekannt. Und was in Zusammenhang mit den derzeitigen Debatte um die hundert Jahre Erster Weltkrieg auch interessant ist: Dieser Riss läuft entlang der alten Grenze des Deutschen Imperiums vor dem Ersten Weltkrieg – man darf nun fragen, ob all das nur Zufall ist.

Hier die politische Karte Polens aus dem Jahr 2011 – darüber gelegt die Grenzen des Deutschen Reichs vor dem 2. Weltkrieg. Quelle: Wikimedia Commons, unter GNU Free Documentation Lizenz

Ich könnte nun von einem weiteren spannenden Vortrag aus dieser sehr kurzen, knackigen und gehaltvollen Konferenz berichten, in dem es um die Rolle des historischen Gedächtnisses in der Entwicklung der Cleavages  in Georgien geht, alles unter dem Gesichtspunkt einer postkolonialen Perspektive, die man bislang kaum oder gar nicht auf die post-sowjetischen Länder eingenommen hat. Denn Georgien, das neben Abchasien liegt und zwar im Nordkaukasus, hat auch ein großes Problem mit der inneren politischen Spaltung und in den 90ern, nach dem Kollaps der Sowjetunion ging der Nationalismus dort durch die Decke – aber ich möchte erst einmal schließen und wieder die Position derjenigen einnehmen, die ganz hinten sitzt, zuhört, alles auf sich wirken lässt und versucht zu verarbeiten und zu verstehen.

In Breslau kamen am Donnerstag junge Menschen zusammen, teilweise jünger als ich, die über ihre Forschung berichteten und über die Lage in einzelnen Staaten Osteuropas, sowie das überall auftretende Problem der politischen Spaltung, also Cleavages, des Nationalismus, der inneren Zerissenheit und – was keinesfalls fehlen darf – über die schwierigen Beziehungen zu Russland referierten. Schwierig, das sich zumindest in „ambivalent und vorsichtig“ ausdrückt und schlimmstenfalls in totaler Konfrontation. Ich lasse am besten auch die kurzen Betrachtungen zur Ukraine weg, die ein weiterer Vortragender auf das Tableau brachte und zeigte, wie auch über 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion viele Länder im Osten bis heute straucheln und auf dem Weg zu autoritären Regimen sind. Ich möchte einfach nur festhalten: Da gibt es jenseits der Oder eine Menge junger Menschen, die sind gut gebildet und arbeiten eine ganze Menge zu Problemen, die wir aus der Ferne nicht nur nicht verstehen, sondern gar nicht wahrnehmen. Wir berichten tagtäglich über die Geschehnisse in der Ukraine – aber immer mehr Menschen merken, dass sie nicht fähig sind, zu entscheiden, wer in dem ganzen eigentlich „die Guten“ sind, und wer „die Bösen“ – denn in den Protest gegen die Regime mischen sich nicht selten antirussische Sentiments mit rein und ein großer Nationalismus. Und wir haben verinnerlicht, dass Nationalismus einfach schlecht, böse ist – und nennen diese Leute dann mit unserem deutschen Horizont auf twitter „Nazis“. Wir urteilen schneller, als wir mit irgend jemandem aus den Regionen geredet haben, die sich wirklich mit der Geschichte, mit der Politik, der regionalen sozilogischen Forschung befassen. Und das kann eigentlich nicht sein. Wenn wir über den NSA-Skandal reden, über die Entwicklungen des Netzes und seine Gefahren, dann karren wir schließlich auch einen US-amerikanischen Wissenschaftler nach dem anderen an und widmen ihnen Interviews ohne Ende.

© Katrin RönickeDie aktuelle Ausgabe des New Eastern Europe Journals neben dem Wostkinder-Notizbuch der Autorin

Im Sommer veranstalten New Eastern Europe und die Universität Wroclaw / Breslau eine zweitägige Konferenz mit Wissenschaftlern aus ganz Osteuropa und aus Russland – der Termin ist voraussichtlich 12.-14. Juni. Eine Gelegenheit, den eigenen Horizont zu erweitern. Das ist wichtig, denn die Zerrissenheit, die wir hier in den Wostkindern schon häufiger thematisiert haben – zwischen westlichen Normen und sowjetischen Idealen – die ist kein marginales Problem. Sie betrifft im Jahr 25 nach dem Mauerfall ganz Osteuropa – und damit ist sie ein gesamteuropäisches Problem.

In zwei Wochen berichte ich vom zweiten Teil der Konferenz, der in erster Linie eine Vorstellung von Ergebnissen der Studie „Journalism in Change – Russion, Poland and Sweden“ war.

Literatur:

 

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35 Lesermeinungen

  1. Haben Sie bitte auch künftig kein Verständnis für Nationalismus
    Schon gar nicht, wenn er mit historischen Ereignissen entschuldigt werden soll, die 70 Jahre zurückliegen.
    Ich kann mich gut an Zeiten erinnern, wo der Weltkrieg nicht halb so lange zurücklag und fast alle Deutschen der Meinung waren, dass man endlich einen Schlußstrich ziehen sollte.
    Die heute in Estland lebenden „Russen“ waren wohl zu 90 Prozent noch nicht mal geboren, als Stalin starb. Oder noch Kinder. Also was will man mit solchen Argumenten eigentlich erklären?
    Natürlich sollten im neuen Europa auch Esten und Bulgaren zu Wort kommen. Aber eben Russen, Juden und Zigeuner. Auch wenn das natürlich nicht die Europäer sind, die sich der Deutsche als Wohnungsnachbar wünscht.

  2. "Russen angesiedelt"
    Liebe Frau Rönicke,
    sind Sie sich sicher, dass man dort „gezielt Russen angesiedelt“ hat? Vielleicht handelte es sich um einen ganz normalen Migrationsprozess. Möglicherweise war es einfach so, dass die baltischen Großstädte prosperierten und aufgrund insgesamt überdurchschnittlich guter Lebensbedingungen eben viele Arbeitskräfte anlockten.
    Warum auch nicht? Oder betrachtet man es in Europa etwa als Unrecht, wenn francophone Franzosen nach Straßburg migrieren? Selbstverständlich hatte die estnische oder lettische Sprache dort zu jeder Zeit einen weitaus besseren Status als z.B. das Deutsche im Elsaß oder die Indianersprachen im Westen der USA. Noch um 1960 behauptete die französische Regierung, dass das „Mittelmeer durch Frankreich fliesst“. Man war ja bereit, kolonialisierten Arabern bürgerliche Rechte zuzugestenen — unter der Voraussetzung, dass sie französisch lernen sollten.

    • In einer Planwirtschaft von Stalins Gnaden
      mal eben im großen Stil rummigrieren, weils grad irgendwo mal prosperiert? Diese Vorstellung scheint mir doch ziemlich weltfremd, um es mal zurückhaltend zu formulieren. Wenn das vom System so vorgesehen gewesen wäre, hätten ja auch Millionen Ukrainer einfach ins Baltikum umsiedeln können, anstatt sich in ihrer Kornkammer zu Tode hungern zu lassen. Suchmaschinieren Sie mal das Stichwort „Holodomor“.

    • Vorsicht Fakten
      Zur Zeit der ukrainischen Hungersnot (1933) waren die baltischen Republiken noch unabhängige Staaten.
      Stalin starb 1953. Eine Zuwanderung von Russen nach Estland und Lettland gab es die ganze Zeit über, insbesondere auch während der Chruschtschow- und Breschnew-Zeit.
      Die Massendeportationen der Stalinzeit erfolgten wohl eher in die andere Richtung: Nach Sibiren.

    • Ja klar. Freie Arbeitsplatz- und Wohnungswahl waren ja ebenso prägende Merkmale des
      Sowjetstaates wie freie Arbeitsmigration. Ist ja allgemein bekannt. Verhält sich ähnlich wie die Sinisierung Tibets, schliesslich wollten immer schon Millionen Chinesen im bergigen Nirgendwo leben und arbeiten, in Europa sind deshalb alle Alpentäler auch völlig überfüllt.

      Haben Sie sonst noch einen interessanten Witz parat?

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Erstaunlich wie die Emotionen hochkochen
      Wenn man nur ein paar trockene Fakten anführt. Tallinn, Riga, Narva sind große Hafen- und Industriestädte und liegen nicht in Gebirgstälern.In der Sowjetunion gab es im 20. Jh. enorme Migrationsbewegungen, die nur zum Teil gesteuert werden konnte. Typisch war ein Städtewachstum, wie es in Europa schon im 19. Jh. stattgefunden hatte. Moskau z.B. wuchs von einer auf 10 Millionen Einwohner, mit anderen Städten war es ähnlich. AUch mit Riga. Da hätte der Sowjetstaat schon ganz besondere Anstrengungen unternehmen müssen, um den Zuzug von Russen zu verhindern. Aber warum hätte er?
      .
      Und das ist halt die Schwierigkeit so einer Debatte: Man kann die simpelsten Fakten nicht anführen ohne gleich wieder auf solche REaktionen zu stossen. Vielleicht bemühen Sie sich um einen zivilisierten Tonfall?

  3. Keine Ahnung von Georgien
    Ich lebe und arbeite zur Zeit in Georgien und muss hier berichtigen: Abkhasien ist Teil von Georgien, hat sich aber illegitim abgespalten und zur Zeit hat Georgien keine Kontrolle über diese Region, unter anderem weil die Russen sich dort breitgemacht haben, um Zugang zum Schwarzen Meer zu haben. Zweitens liegt Georgien im SÜDKAUKASUS. Bitte das nächste Mal besser recherchieren, bevor man einen Artikel schreibt, den man weltweit lesen kann.

  4. Sorry... wer das erst jetzt mitkriegt
    Nehmen sie es mir nicht übel, aber wer erst jetzt lernt, wie die SU sich in Estland, Lettland und Lithauen aufgeführt hat, der hat echte Wessi-Blütenträume oder Sozialistische Scheuklappen gehabt. Das konnte man sehr gut wissen, selbst vor 1990.

    Und wieso ist es diskriminierend wenn die Russen die eigentliche Landessprache lernen müssen? Es hindert sie niemand daran genau dies zu tun. Aber dazu müssen sie sich ja einpassen und nicht schon wieder nach dem Sammeln russischer Erde schielen. Ich finde die Blindheit mit der sie, und viele andere, diese Themen behandeln erschreckend. Hat eigentlich Amnesty International jemals den Mund aufgemacht wenn die Russen die Bevölkerung solcher Staaten zwangsumgesiedelt oder ins Gulag gesteckt haben?

    Befassen sie sich mal damit wie die Russen mit der Bevölkerung der baltischen Staaten so umgegangen sind zwischen 45 und 90. Mit der Blockade von Lithauen 90/91… nur mal so, als Beispiele. Diese Länder haben sehr hart für ihre Freiheit kämpfen müssen, darum ein freies und unabhängiges Land sein zu dürfen. Wenn man dann hört wie gerne aus Russland da von den „Eroberungen des großen Vaterlandischen Krieges“ getönt wird, da kann man die Haltung zum Russen schon verstehen.

    Und jetzt Anoo 2014 staunend festzustellen wie das mit den baltischen Staaten so war, Herr Blogger, zeugt von allergrößter Ingnoranz und Unwissenheit. Tja, Zeitungsniveau eben.

    • Aber was ist nun die "eigentliche Landesssprache"?
      500 Jahre lang hätte jeder gebildete Europäer darauf nur eine einzige Antwort gegeben: Deutsch. Und diese Deutschen fanden es dort extrem diskriminierend, als ihnen so gegen Ende des 19. Jh. zugemutet wurde, Russisch zu lernen. Obwohl sie es natürlich ganz gut konnten. Aber trotzdem : Es können zu müssen! Welche Umkehrung der göttlichen Ordnung.

  5. Sowjetische Ideale
    Sowjetische Ideale sind eine Mischung und Symbiose aus marxistischen und russischen Idealen. Höhepunkt dieser Symbiose ist der Antimerkantilismus.

    http://ernstwilhelm.wordpress.com/2012/04/17/russland-und-aserbaidschan-tagelohner-und-seilschaften-vereint-im-antimerkantilismus/

    Insofern freut es mich, dass ein Grossteil der Bevölkerung der baltischen Staaten, übrigens auch die dortigen Russen, diesem Antimerkantilimus abgeschworen haben. Anders sieht es im Rest des ehemaligen russischen Imperiums aus.

  6. Gut und Böse
    Ihr Interesse an der slawischen Seele wirkt auf mich aufrichtig und freut mich. Ihre Erkenntnis, dass die Welt überwiegend aus Grautönen besteht, irritiert mich aber auch ein wenig:

    Die Strategie, durch Veränderung der Anzahl der Beteiligten (um Menschen die dem eigenen Anliegen gewogen sind) die Machtverhältnisse zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen ist alt und weit verbreitet. Auch in der DDR war das Ansiedeln linientreuer Genossen in homogen besiedelten nicht sozialistischen Landstrichen nicht unbekannt. China macht das gleiche in Tibet. Cesar wählte diese Strategie in politischen Gremien …

    Nationalismus ist für Deutsche einer der Nachkriegsgeneration schwer nachvollziehbar – auch für mich. Aber das (deutscher) Nationalismus immer gleich Nationalsozialismus sein muss, scheint mir mittlerweile doch mit sehr sehr grobem Maß gemessen. Jeder Franzose kann ohne Gewissensbisse hinter seiner Nation stehen, jeder Spanier und jeder Italiener. Die US Amerikaner stehen selbstverständlich still und legen die Hand auf’s Herz, wenn die Nationalhymne erklingt und in Thailand ist es ebenso. Ich empfinde nach wie vor keinen Nationalstolz und weiß auch nicht, was die deutsche Nation überhaupt ausmacht. Mittlerweile erkenne ich aber auch positive Aspekte an einem Nationalbewusstsein. Es würde zu weit führen, die Gedanken dazu in Gänze auszubreiten, aber kurz gesagt, glaube ich, das Nationalbewusstsein die Menschen gut dazu bringen kann, auf das große Ganze zu schauen und die kleinen Egoismen für einen Moment zu vergessen. Es ist natürlich auch möglich, diesen Impuls zu nutzen, um die Menschen zu einer unbarmherzigen Abgrenzung gegen andere zu bewegen, ohne Frage. (Ein Messer kann auch Werkzeug und Waffe sein.)

    Mein Eindruck ist: Die „Nazis“ trifft man heute überall und es sind die Leute, die die Wahrheit bzw. die Deutungshoheit über die Wahrheit so stark gepachtet haben, dass sie sich anmaßen, anderen nicht mehr zuzuhöhren, sondern sie einfach zu verurteilen, sie niederzuschreien und danach zu trachten, sie (auf die eine oder andere Weise) zu vernichten. Don Alphonso hatte da zwei Beiträge über Gruppierungen, die ich in diese Richtung einsortieren würde, auch wenn diejenigen ihre Haare nicht kurzscheren und mit Nationalismus nun wirklich nichts am Hut haben.

    Die Welt ist, meiner Meinung nach, eine Ansammlung von Grautönen und die Mechanismen der Macht wirken heute genauso wie vor 100 oder vor 1000 Jahren (mit und ohne Internet). „Die Guten“ und „Die Bösen“, also „drinnen“ und „draußen“, das mögen Kategorien sein, die im politischen Geschäft unabdingbar sind, um Leute zu mobilisieren. Aber wirklich böse Menschen sind vermutlich genauso selten wie wirklich gute.

  7. "hundert Jahre Zweiter Weltkrieg"
    Hä? Der WKII liegt meines Wissens noch nicht ganz so weit zurück. Die Karte darunter zeigt auch die Grenzen des Dt. Reiches vor dem ersten WK.

    Was Estland angeht, so erstaunt die Unwissenheit mich auch etwas, aber ich bin ja auch keine „West-Eu-Bürgerin“. Als Westdeutscher im wahrsten Sinne des Wortes habe ich jedenfalls in den 90ern so einiges zu dem Thema gehört & gelesen, auch in der gedruckten FAZ, falls mich mein Gedächtnis nicht trügt.
    Entsprechende Dokumentationen werden, denke ich, auch jetzt noch ab & an in den ö-r. Spartenkanälen gezeigt.

    Gut & Böse sind übrigens sehr relative Konzepte. Sollte man aus der medialen Berichterstattung doch lieber heraushalten. Das wahre Leben ist nunmal kein Märchen.

    • guten abend
      Ja – da hatte ich einen Fehler in der Hirn-Schrift-Koordination. Ich *dachte* Erster Weltkrieg und schrub Zweiter. Was man auch daran sieht, dass ich von „Hundert Jahre Zweiter Weltkrieg“ schrieb. Was natürlich quatsch ist. Wie gesagt: Hirn und Schrift klafften da irgendwie auseinander. So etwas kommt (zum Glück nur ganz selten) bei mir vor.

      In den 90ern war ich quasi noch ein Kind und entschuldige mich hiermit, die FAZ damals nicht in die Hand genommen zu haben. Wost*kinder* – der Name deutet es an. Und ich entdecke das gerade erst noch alles – es ehrt Sie aber sehr, dass Sie schon viel klüger und weiter sind.

      Leider habe ich kein Fernsehen…

      nun – und Gut und Böse – ja: Ich halte das raus. Aber andere – auch wenn sie es nicht so nennen – schaffen das nicht. Da ist die Opposition in der Ukraine dann einfach mit „Nazis“ betitelt. Vielleicht schreibe ich das nicht deutlich genug, aber ich will ja genau hier zu einem Umdenken ermuntern. – und ja: im Blick habe ich die Um-die-30-Jährigen wie mich.

      Beste Grüße

  8. Ehre, wem Ehre gebührt - ZEIT, faz, SPIEGEL oder der britische economist
    Haben zeitweise schon intensiv und breit über die postsowjetische Situation in den baltischen Staaten berichtet. in Wellen, also mal kurz sehr intensiv, dann längere Zeit gar nicht.

    Nur aus Neugier: Sind Sie eigentlich sicher, Frau Rönicke, dass die Menschen wirklich zwischen westlichen und sowjetischen Idealen gespalten sind? Könnte da nicht eine viel ältere Spaltung drunter liegen, die Sie mit den Karten des deutschen Reiches von 1914 und der aktuellen politischen Landkarte Polens kurz aufscheinen lassen?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Polen
      Hallo Herr Haupts,

      wie meinen Sie das? Find ich – als Gespaltene – interessant. Meine Vorfahren kommen zu einer Hälfte aus Polen/Weißrussland, zur anderen aus Deutschland. Ich hab ja eigentlich als Aspekt für deutsche Vorurteile/Gespaltenheit die „Germanisierungen“ Friedrichs des Großen im Kopf. Aber 1914 wird ja was anderes meinen, oder?

      Schöne Grüße
      Seeliger

    • und Ehre Ihnen
      , dass Sie auch die Medien dahingehend besser im Blick hatten, als ich.

      Ich glaube, dass sich die post-kommunistische Krise in die alten Konflikte mischt. Geschichte ist im Fluss und nie ist nur eine einzige Ursache am Werk – es geht um Komplexitäten und auch ich bin noch dabei, mit den Muscheln am Strand des Meeres der Erkenntnis zu spielen – ach wenn ich es denn überhaupt schon über die Dünen geschafft habe (es fühlte sich eigentlich so an, als kletterte ich da grade drüber, zumindest was Osteuropa angeht).

      Vielleicht – nein bestimmt sogar – ist dieser beitrag für viele Leser_innen nicht viel Neues. Aber ich glaube, für Menschen in meinem Alter ist das alles nicht so selbstverständlich und klar. Im Gegenteil.

    • Ich bin alles andere als ein Osteuropaexperte. Aber klügere und einschlägig gebildetere Köpfe
      Als ich haben mehrfach darüber spekuliert, ob es eine mentale innereuropäische Spaltung gibt, die vordergründig entlang der russischen, genauer, der russisch-orthodoxen christlichen Grenzlinie in Europa verläuft.

      Und letztlich zurückzuführen ist darauf, dass Russland im Zuge der Mongolenherrschaft für einige Jahrhunderte den Anschluss an die europäische Geistesentwicklung verloren hat und diesen Rückstand nie vollständig abgebaut hat.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Interessante und richtige Gedanken..
      ..obwohl ich glaube, daß die Spaltung nicht nur mental ist. Jared Diamond, eigentlich Evolutionsbiologe, hat viel über die Bedeutung von Gebirgen, Wüsten, Wasser, Vegetation und Tierarten etc. für die Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen geschrieben, was ich in diesem Zusammenhang erhellend finde. Diese „alten“ Traditionslinien in der Geschichte scheinen eine große Kraft und ein erstaunliches Beharrungsvermögen jenseits von tagespolitischer Nützlichkeit zu haben. Ich erinnere mich noch gut an meine Verblüffung, als auf den späteren Montagsdemos plötzlich auch sächsische Fahnen neben bundesdeutschen wehten.

      Was Sie zum Mongolenreich sagen, nunja, jetzt bin ich selber überrascht, aber dessen Ausdehung deckt sich fast mit der Ausdehnung des Kommunismus in der Welt, China, Russland sowieso, aber auch Korea, Laos und Kambodscha, Nordvietnam aber nicht Südvietnam oder Thailand, Polen, Ungarn, Bulgarien etc. Nur Pakistan und Iran sind Ausreißer – aber wenigstens failed States.

      Für die russischstämmigen Einwohner der drei baltischen Staaten muß diese Teilung vom Vaterland doch schlimm sein: plötzlich wohnen die Verwandten im Ausland, vielleicht in Weiß-, Klein- oder Großrussland und in der eigenen Stadt ist man plötzlich nicht mehr gern gesehen – nur weil das Land vor 200 Jahren zu Schweden und vor 600 Jahren dem Deutschritterorden gehörte.

  9. Ehre, wem Ehre gebührt - ZEIt, faz oder DPIE
    Text eingeben

  10. Estland und das dortige Minderheitenthema
    wäre wahrscheinlich außerhalb meines Sichtfelds geblieben, wenn wir nicht vor ein paar Jahren dort Urlaub gemacht hätten. Im Vorfeld haben wir uns bisschen schlauer gemacht über unser Ziel, und selbst im Reiseführer war die Situation samt ihrer historischen Genese recht gut beschrieben. Vor Ort hatten wir nicht unbedingt Spannungen zwischen Mehrheit und Minderheit mitbekommen, aber durchaus den Eindruck, man gehe sich möglichst aus dem Weg. Hatte vorher mit meiner Frau rumgescherzt, ob wir aufgrund meines Real-Life-Nachnamens, der als russisch durchgehen könnte, wohl diskriminiert werden. Diese Sorge erwies sich indes als völlig unbegründet.

    Das von Ihnen beschriebene Gefühl der Unfähigkeit, zu entscheiden, wer hier wem Unrecht tut, und sinnvolle sinnvolle Ideen zu entwickeln, was zu tun sei, kenne ich sehr gut. Es macht etwas ratlos, wenn man nicht sofort entscheiden kann, das sind Nazis oder die bösen Sowjets kriegen in den befreiten Ländern, was sie verdienen. Hinfahren, sich selber ein Bild machen, mit Leuten sprechen und zu versuchen zu verstehen ist glaube ich immer eine gute Idee.

    Ich kann Sie da nur ermuntern, Estland ist definitiv eine Reise wert, und Litauen und Lettland stehen auch noch auf unserer Liste.

    • Merci
      Danke für die Anregungen- Ich habe sehr große Lust, weiter zu erkunden und kennen zu lernen und mir ein Bild zu machen. Osteuropa brennt mir gerade sehr auf der Seele. Mal ganz vorsichtig – ohne zu viel versprechen zu wollen – würde ich sagen, dass war erst ein kleiner Anfang.

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