Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Wozu Journalismus?

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Was nützt Journalismus in einer Welt, in der jeder zum Sender werden kann? Die Antwort geben die Krisen und blinden Flecke unserer Zeit: Die Berichterstattung muss raus aus der Filterblase.

Was bringt der Journalismus noch in einer Welt, in der jeder Hoschi mit seinem Smartphone Videoaufnahmen inmitten der Revolutionen aufnehmen und auf Youtube stellen kann? In der man alle Jahre wieder proklamiert, dass Blogs ja genauso wichtig, genauso gut seien, wie die Artikel in renommierten Zeitungen – ach besser sogar. Wohin geht die Reise, wenn die Printmedien an Auflage einbüßen, wenn sie scheinbar langsam und fast unmerklich wie der sprichwörtliche Frosch im Wasserglas, bei dem das Wasser sehr sehr langsam erhitzt wird, zugrunde gehen. Braucht die Welt den Journalismus überhaupt noch? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Natürlich – aber er muss aufpassen, dass er seine Verantwortung nicht auf dem Basar der sozialen Medien für ein paar Klicks verschärbelt.

Social Media – Alltagswerkzeug für Journalisten
In Breslau stellten auf der Konferenz „Politics & Society in Central and Eastern Europe” drei junge Mitarbeiterinnen an einer Studie mit dem Titel Journalism in Change – Professional Journalistic Cultures in Poland, Russia and Sweden in aller Kürze die Ergebnisse vor. Man hatte Journalistinnen in den drei Ländern befragt – und nicht die Leserschaft. Was zunächst nicht überrascht ist, dass in allen drei Ländern die Nutzung von Social Median mittlerweile zum journalistischen Alltag gehört – und sicher auch in den meisten anderen Ländern dieser Welt. Wobei Facebook an erster Stelle steht (63 Prozent nutzen es für professionelle Zwecke) und twitter noch recht wenig Beachtung findet (nur 29 Prozent nutzen es) – ganz hinten kommen die Blogs, die für die eigene Recherche gelesen werden (nur 15 Prozent nutzen sie als Quelle).[1] Das die sozialen Medien zum Alltagswerkzeug der Journalisten gehört, wundert nicht. Die Frage ist aber, was genau sich dadurch ändert. Eine Antwort gibt die Studie nur in Teilen.

© Fotograf: Conrad Poirier. Veröffentlicht unter Public Domain.Journalisten im Radio-Canada/CBC Newsroom in Montreal, Kanada. 1944.

Die Produktion von Inhalten und Informationen findet in Social Media gleichzeitig mit der Konsumption statt. Das Senden mit dem Empfangen. Auch wer Social Media nur zur Selbstdarstellung und Verbreitung nutzen möchte, sieht sich – ob er will oder nicht – mit einem direkten Feedback seiner Leser konfrontiert und deren Meinungen werden genauso wahrgenommen, wie deren Klicks und Likes und Verlinkungen. Es wird zum Wert an sich, möglichst viele Kommentare zu erheischen und möglichst viel durch Leute verbreitet zu werden: Geteilt, retweetet, repostet – wie man im Social-Media-Slang sagt. Dies ist eine neue Form des marktorientierten Journalismus – und sie betrifft Russland, Polen und Schweden nur in ihrer jeweiligen Ausprägung unterschiedlich, die grundlegende Änderung jedoch findet sich überall vor – und zwar mit Sicherheit auch über diese drei Länder hinaus.

Die meisten Befragten stimmten daher auch Fragen zu wie „Beeinflusst die größere Interaktion Ihre Auswahl der Nachrichten“ und „ist es wichtig, der Meinung des Publikums zuzuhören?“ oder „kann die größere Interaktivität die Qualität des Journalismus‘ verbessern“? – Ja, ja und nochmal ja – die befragten Journalistinnen sind allesamt Social Media-affin und dazu auch noch recht optimistisch.

Was ist das Selbstbild des Journalisten?
Eine weitere Fragestellung der Studie war: Was denken diese Menschen, wozu sie da sind? Die Aufgaben, die sie sich zuschreiben, sind wiederum fast allen Journalistinnen sehr wichtig: Die Mächtigen in der Gesellschaft kontrollieren, Informationen objektiv zur Verfügung stellen, frei von speziellen Interessen sein, unabhängig sein, Meinungsvielfalt voranbringen und Pluralismus abbilden, Dinge vereinfachen und erklären, Ungerechtigkeiten kritisieren – so antworten etwa die Schweden. Die Liste der Aufgaben der Journalisten ist hier recht klar strukturiert und die verschiedenen Werte weichen um so wenige Kommapunkte voneinander ab, dass man keine statistische Aussage treffen könnte, was wirklich an erster Stelle steht. In Polen sieht das ganz ähnlich aus, die kontrollierende, objektive, unabhängige und pluralistische Berichterstattung steht im Mittelpunkt. Aber in Russland ist der investigative Teil des Journalismus unter den Befragten weniger wichtig. Auch die öffentlichen Autoritäten zu kontrollieren, empfindet man hier  weniger als ein zentrales Anliegen des Journalismus‘, als in Polen – die Vortragenden erklärten dies vor allem mit der Geschichte: In Polen sei man viel misstrauischer gegen Politiker und Wirtschaftsbosse, dies habe eine lange Tradition und polnische Journalisten kritisieren eigentlich alle politischen Parteien. Zusammenfassend geht es also darum, eine vierte Macht zu sein  – mal mehr, mal weniger.

Neutralität in Zeiten des Netzes
Eine erste Denkblase eröffnet sich in meinem Kopf: wie neutral sind eigentlich Menschen, die in der gleichen Studie zugeben, dass sie die Meinung des Publikums für sehr wichtig halten und deren Berichterstattung sich auch daran orientiert?

© Bild: CC BY-SA 2.0 von Frank Paynter via Flickr.comWie die Filterblase den Pluralismus der Welt von den Individuen fernhalten kann

Meine Thesen dazu sind: In einer Zeit, in der es immer weniger Geld für journalistische Arbeit, aber immer mehr Kontakte und Austausch im Netz gibt, verschieben sich zwangläufig die Paradigma und damit auch die Prioritäten der Journalisten selbst – und zwar in eine fragwürdige Richtung. Schon bei der Erstellung eines Textes findet heute bei vielen Journalisten das früher so essenzielle Fakten-Prüfen nicht mehr wirklich in dem Umfang statt, wie man es idealer Weise erwartet würde: Die Zeit drängt, man sitzt auf seinem Bürostuhl und hat nicht die Kapazitäten, irgendwo hin zu fahren und mit den Leuten wirklich zu sprechen – der Redaktionsschluss ist in zwei Stunden und wenn man morgen die Nachricht nicht im Blatt hat, ist sie leider wertlos, weil alle anderen sie dann schon hatten und übermorgen ist sie von gestern.

Eine Schwedische Journalistin, die mich einmal interviewte und die gerade einige Wochen in einer deutschen Tageszeitung gearbeitet hatte, erzählte mir von ihrer Überraschung über die dortige Arbeitsweise: Man sitze an seinem Rechner. Man telefoniere viel – aber das Büro verlassen? Nur sehr selten. So entstehen Nachrichten heute in einer eigenen Filterblase: Man liest sich am Morgen durch die Texte der Konkurrenz, die auf einem Tisch ausgebreitet liegen. Man scrollt durch die Agenturmeldungen und dann durch die twitter-Timeline und die facebook-Startseite. Wenn man ein Thema gefunden hat – und man findet so immer ein Thema – dann ruft man jemanden an, der sich dazu auch auskennt. Jemanden, den man kennt. Oder man fragt twitter – „kennt ihr jemanden?“ und wartet auf Rücklauf.

These: Dieser (alte?) Journalismus ist wirklich bald überflüssig.

In einer Zeit, in der die Chancen rapide sinken, eine Nachricht schneller zu verbreiten, als etwa twitter dies kann, wird es  auf ganz andere Dinge ankommen. Zurück zur Unabhängigkeit einerseits – aber auch eine neue Sinnsuche, andererseits. Wer sich zu sehr mit dem Ohr an die Münder der sozial-medial aktiven Vögel und Teiler hängt, verliert auch schnell den Blick für die Welt jenseits dieser Welt. Eli Pariser nennt in seinem Buch „Filter Bubble“ das Problem, dass Algorithmen im Netz die für uns wahrnehmbare Welt einschränkt. Es entsteht eine Blase, die vielen nicht bewusst ist, und durch die automatischen Empfehlungen der Systeme – du folgst also @halligalli0815, dann folge doch auch @0815heititei – wird eine Realität konstruiert, die sich aus Ähnlichkeit herstellt. Nicht aus Vielfalt. Pluralismus ist etwas, das im Netz aktiv entwickelt werden muss – eine zeitaufwendige Aufgabe. Eine Aufgabe, die heute Journalisten zufällt. Auch, wenn das noch nicht überall angekommen ist.

Raus aus der Blase – Slow Journalism
Ja, ich behaupte, dass viele Journalisten in einer Filterblase hängen. Und ich sehe darin ein Problem. Doch es gibt viele, die hier neue Denkansätze zu entwickeln versuchen und das sind Journalisten, die sich bewusst aus Blasen entfernen. Serge Michel und Paolo Woods sind zwei von ihnen, die sich ganz bewusst in Gebiete wagen, die von anderen eher gemieden werden. Zwei, die zum Beispiel in die Banlieues von Paris gingen und dort monatelang lebten und schrieben, fotografierten und berichteten und damit das Bondy-Blog starteten, ein weltweit bekanntes Beispiel für Journalismus der raus geht. Auf der International Autums School in Florenz stellten sie ihre Arbeit vor – und ihre journalistischen Ideale. Aber ist das Bondy- Blog „objektiv“? In diesem Blog schreiben mittlerweile die Bewohner von Bondy selbst, nicht mehr die Journalisten, die einst das Projekt auf die Beine stellten. Journalistinnen der le Monde, die sich in ihrer Präsenz vor Ort radikal abwechselten, so dass alle Ressorts einmal dort waren, auch der Sport, und aus sehr vielen verschiedenen Perspektiven und Herangehensweisen berichtet wurde. Michel nennt diese Form des Journalismus „Slow Journalism“ oder auch narrativen Journalismus und er geht noch weiter: „Es ist notwendig für einen Journalisten, für ein Publikum zu schreiben, das dich als Journalisten braucht.“ unterstreicht er mit Blick auf seine gemeinsam mit Paolo Woods erstellte Reportage über den Iran. In der westlichen Welt ist diese als ein Fotobuch mit Texten herausgekommen und auch auf Deutsch erhältlich. Aber im Iran wurde es nicht verbreitet, die Zensoren schlugen zu. Was passierte war folgendes: Jemand übersetzte das Buch in Farsi und man produzierte ein PDF – das PDF ging durch den Iran, die Leute lasen es wie verrückt, in allen Schichten und Städten. Das Besondere an diesem Buch:  Es war der erste Spiegel, den die Menschen im Iran von ausländischen Journalisten auf diese Art vorgehalten bekommen hatten und diesen Spiegel hatten sie dringend nötig.

© Photo by Hilary LeeSerge Michel und Paolo Woods auf der Florence International Autumn School, November 2013

Hieraus ergibt sich aber ein kleiner Zielkonflikt: In Breslau beschwerte sich in der Debatte, die der Vorstellung der Studie folgte, eine junge Frau über die Haltung und Berichterstattung der westlichen Medien in Osteuropa. Da würden Korrespondenten, die irgendwo in der Nähe sitzen, also in 500 km Entfernung zum Ort der Geschehnisse, in eine Story hineingeschickt, in ein Land und eine Gesellschaft, die sie nicht kennen. Aber sie seien eben „die Osteuropa-Korrespondenten“. Die Berichterstattung sei dementsprechend manchmal hanebüchen – die große Distanz wird zum Problem. Faktencheck – Fehlanzeige, aber woher auch: Wer Fakten checken will, muss Quellen kennen, muss wissen, wo er suchen muss – kurz: muss entweder selbst Experte sein oder zumindest welche kennen. Um welche zu kennen, muss man aber eben doch wieder ein bisschen Expertin sein. Luccia Annunziata war ebenfalls zu Gast bei der Autumn School in Florenz. Sie ist Chef Editor der Huffington Post Italy und auch sie hat eine eigene Meinung über die Professionalitätsanforderungen an Journalisten: „es ist eine Wissenschaft: Man muss seine Quellen filtern können, man muss in der Lage sein, eine schlüssige Geschichte aus den Quellen zu erstellen und das Wichtige ist: Quellen zu finden, die nicht jedermann finden kann.“ Es geht um die Fähigkeit, vernetzt denken zu können. Zu wissen, wie ein Ereignis einzuordnen ist, weil man den Kontext kennt, weil man sich damit schon sehr intensiv befasst hat – und wenn man das nicht getan hat, dann eine dicke, groß angelegte Recherche beginnen. Sich nicht auf Sekundärliteratur verlassen, sondern primäre Quelle finden und konsultieren. Wir sehen: Auch das endet in einem sehr langsamen Journalismus, einem, der sich Zeit nimmt. Und es ist sehr weit weg von Blogs, die sich vor allem an den Meldungen anderer abarbeiten – an Sekundärquellen.

Zeit für Osteuropa
Dass man sich für eine Berichterstattung, die nicht Sklave der Zeit wird und auch nicht oberflächlich an Zahlen kleben bleibt, tief in die Materie begeben muss, zeigt insbesondere die derzeitige Debatte um die Geschehnisse in Osteuropa, allen voran die Ukraine mit ihrer Revolution, die sich gerade Bahn bricht. Dass hier eine besondere Verantwortung liegt, dass der Faktencheck eine zentrale Rolle bekommt, dass der Pluralismus der Perspektiven stimmen muss – und dass man nicht zuletzt Zeit investieren muss, um zu berichten – all diese Erkenntnisse setzen sich und zeigen eindrucksvoll, wozu Journalismus heute gebraucht wird. In dieser Zeitung hat man sich aktuell vier Stimmen aus diesem von politischen Kämpfen durchgeschüttelten Land geholt. Anderswo gründeten sich Netzwerke, wie das Netzwerk n-ost mit dem Ziel, bessere, gründlicher recherchierte Nachrichten aus Osteuropa zu liefern. All das kostet aber Geld und schnell geht es im Zweifel auch nicht – nicht schneller als twitter und Youtube. Ein Widerspruch, den wir momentan aushalten müssen. Eine Lösung wird jedoch gerade in finanzieller Hinsicht immer schwieriger werden. Serge Michel ist ein „Nudel-Hipster“, könnte man sagen: Da die Honorare für freie Journalisten rapide sinken, lebte er häufig von dieser italienischen Kost, denn mehr konnte er sich nicht mehr leisten – zumindest, bis der Ertrag seines „Slow Journalism“ kam. Sein Kollege Paolo Woods berichtet, dass die Fotohonorare in den vergangenen zehn Jahren um 3/4 zurückgegangen seien. Der Journalismus, den wir brauchen, hat vor allem ein finanzielles Problem.

Ich weiß nicht, ob es eine Option wäre, wie in Luxemburg, den Journalismus staatlich zu finanzieren. Einerseits ist damit seine Unabhängigkeit infrage gestellt, denn wer vom Staat abhängt, beißt ihm nicht ins Bein. Andererseits muss man sich fragen, wovon der Journalismus und seine Finanzierung derzeit abhängen, und was im Vergleich wohl das kleinere Übel ist. Dass ein staatlich organisierter Journalismus sich verbietet haben wir in den Sowjetzeiten hoffentlich gelernt. Und Zensur kann auch sehr sehr subtil ablaufen. Aber die Luxemburgische Wochenzeitung „Woxx“ macht auf mich eher nicht den Eindruck, unter Staates kontrollierender Fuchtel zu stehen, im Gegenteil. Jedoch macht sie auf mich den Eindruck einer Wochenzeitung, die es bei uns nicht (mehr) gäbe.

Update vom 15.05.2014: Das Projekt „Krautreporter“ probiert derzeit eine neue Form der Finanzierung. Ob sie es damit allerdings aus der Filterblase heraus schaffen, bleibt abzuwarten. 


[1] Die Nutzung dieser neuen Informationsquellen wäre noch einmal stärker zu differenzieren nach Land und Alter, hinzu kommt, dass die unterschiedlichen Altersgruppen die verschiedenen Social Media-Kanäle auch zu unterschiedlichen Zwecken einsetzen: Von „Ideen finden“, „Informationen beschaffen“, über „mit den Leserinnen kommunizieren“ und „Selbst-Marketing“ ist alles dabei.

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11 Lesermeinungen

  1. Die Meinung ist das Gleitmittel der Fakten
    Ich möchte all jenen widersprechen, die hier dem reinen Faktum das Wort zu reden scheinen. „Fakten, Fakten, Fakten“, war das nicht die Losung von Fokus; und was ist das heute für ein Käseblatt? Das einzig faktische darin – Werbung!
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    Schon mal Hegels „Phänomenologie des Geistes“ gelesen? Zugegeben, schwere Kost. Selbst noch, wenn man sie vom „Kopf auf die Füße“ stellt, wie das Marx in seinem „Kapital“ dann unternommen hat. Doch, wer sich da einmal durchgeackert hat, versteht vielleicht, warum es keine ideologiefreien Fakten geben kann. Und warum es dennoch „falsche Ideologie“ gibt, „notwendig falsche“, wie Marx dann hervorhebt. Auch Hegels Ideologie war falsch, vermutlich notwendig falsch. Mit seinem „Weltgeist“ kam er dem Wesen des Kapitals wohl sehr nahe, aber nicht auf die Schliche. Aber er inspirierte Marx dazu, das Wesenhafte am Kapital als etwas Nicht-Substantielles zu erfassen, als eine Art gesellschaftliche Übereinkunft, deren die Menschen sich nicht mal bewusst sind. Als der Geist einer gesellschaftlichen Bewegung, die material in den ökonomischen Beziehungen verankert ist. Beziehungen, die die Menschen eingehen, ohne auch nur eine Spur von Ahnung davon zu haben. Daher ist die falscheste aller Ideologien die Annahme, dass es so etwas wie Ideologiefreiheit gäbe; denn die Ideologie ist das, was die Menschen, mehr oder weniger spontan, vom Geist dieser Bewegung erfassen lässt. Doch unabhängig davon, scheint die Ideologie sowas zu sein, wie der Schatten von einer Bewegung – http://blog.herold-binsack.eu/2011/05/das-gerstenkorn-im-auge-des-betrachters/. Und wie beim Schatten, scheint er unter einem bestimmten Lichteinfall, dieser vorher zu gehen, wo er doch nichts als eine Projektion von derselbigen ist.
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    Diese Ideologie, die sich dann in der Meinung verkörpert, ist das „Gleitmittel“ für die Fakten. Vergleichbar vielleicht in ihrer Bedeutung mit den Gliazellen für die Neuronenbewegung. Ohne dieses Gleitmittel täten wir uns schwer. Ja mehr noch: ohne eine Meinung zu haben, sind wir Menschen an den Fakten gar nicht interessiert. Unser Interesse besteht grundsätzlich darin, die Fakten so zu verwerten, dass sie uns nützen. Und dieser Nutzen beinhaltet, wie gesagt, dann wieder die Ideologie! Und an der Meinung erkennen wir auch den Wert eines vorgetragenen Faktums.
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    Das Problem mit den Meinungen beginnt nämlich dort, wo diese den Fakten widersprechen, diese verfälschen, ignorieren. Nur Ideologie zum Besten geben. Die Meinung muss sich um die Fakten bemühen, selbst verstehen lernen und vermitteln helfen und dabei möglichst Ideologiekritik leisten. Der Ideologie auf die Spur kommen, die ein Interesse daran hat, die Fakten zu missbrauchen, zu fälschen, zu unterdrücken.
    So erweist sich dann zwangsläufig, welche Interessen historisch als fortschrittlich und welche als reaktionär einzustufen sind.
    In jedem Artikel sollte ein Funken hiervon enthalten sein, oder er ist wertlos.

  2. Die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Theorie und Praxis, zwischen Kopf- und Handarbeit
    Ich sagte es schon an anderer Stelle: Was die bürgerliche Welt nicht wahrnehmen will, ist der Prozess der Vergesellschaftung. Von der Vergesellschaftung der Produktion bis hin zur Vergesellschaftung der Produktionsmitteln – http://blog.herold-binsack.eu/2011/09/die-vergesellschaftung-der-produktionsmittel-steht-an/. Das ist der Metaprozess, allen Unkenrufen ob der Niederlage des Sozialismus zum Trotze. (Damit behaupte ich nicht, dass der Sozialismus, so wie wir ihn kennengelernt haben, noch eine Option ist. An der Frage arbeite ich noch!)
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    Die Klassenteilung der Gesellschaft besteht solange fort, wie die ihr zugrundeliegende Arbeitsteilung fortbesteht (der eigentliche Grund, woran vermutlich der bisherige Sozialismus gescheitert ist). Innerhalb der kapitalistischen Klassengesellschaft allerdings wird die Arbeitsteilung zunehmend obsolet. Die Aufhebung der Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit – die allgemeinste Grundlage für die Existenz von Klassengesellschaften – folgt dem Prozess der Überwindung der Dichotomie von Subjekt und Objekt. Darin eingebettet die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Theorie und Praxis. In der kapitalistischen Gesellschaft werden all diese Widersprüche noch einmal auf die Spitze getrieben. Die Überwindung dieser Widersprüche findet im Rahmen eines verschärften antagonistischen Kampfes statt.
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    Kein einziger dieser Widersprüche ist lösbar, ohne den Klassenwiderspruch aufzuheben.
    Journalisten sind Kopfarbeiter. Sie sind Teil des kulturellen Überbaus der Gesellschaft. Teil des Herrschaftsapparats. Doch als Lohnarbeiter werden sie zunehmend Proletarier. Daraus ergibt sich ein Widerspruch.
    Die Frage für das Kapital lautet: wie können wir die Geistesprodukte dieser Proletarier weiterhin vermarkten, gleichzeitig ihren Klassenstatus dennoch verschlechtern, ohne dabei das System zu gefährden?
    Die Verschlechterung des Klassenstatus‘ folgt dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate – http://blog.herold-binsack.eu/2014/01/die-quasi-naturgesetzlichkeit-der-kapitalistischen-gesetze/ -, was umgekehrt bedeutet, dass das Kapital immer mehr an Produktivkräften erzeugen muss, um nur „marginale Profite“ (Marx) abzuzweigen. Die Konzentration des Kapitals in nur wenigen Händen kann diese Entwicklung nur verzerren, aber nicht aufhalten. Auch Maximalprofite müssen von irgendjemandem erwirtschaftet werden, müssen aus dem „Mehrwert“ geschöpft werden.
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    Das sog. Informationszeitalter erscheint uns als die 1 zu 1-Übertragung dieses Prozesses, geradezu als „ideologiefrei“. Als Aufhebung des Klassenkonfliktes. Doch genau dahinter verbirgt sich die wahre Ideologie.
    Im gegenwärtigen Kampf um die Kontrolle des Internets, innerhalb dessen auch der Kampf um die Zukunft der Medien schlechthin geführt wird (Information versus Marketing), findet vor allem dieser ideologische Kampf statt. Ist das Internet zur Befreiung da, oder zur Unterdrückung?
    Weder das Eine, noch das Andere. Beides ist eine Frage des politischen Bewusstseins.
    Das politische Bewusstsein kommt aber nicht aus dem Internet, sondern aus der gesellschaftlichen Praxis. Aus der Sphäre des Klassenkampfes.
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    Das Internet setzt allerdings diesbezüglich Zeichen. Erkennen wir diese, oder nicht? Lesen und schreiben gehört zusammen, gehörte schon immer zusammen. Wir produzieren und konsumieren. Erst die kapitalistische Gesellschaft entwickelte daraus einen Widerspruch, der nunmehr seit fast 500 Jahren die Geschichte beherrscht. Keine Frage, vor dem Buchdruck gab es kaum jemand, der lesen konnte. Das lag aber an den Herrschaftsverhältnissen, an der Herrschaftssprache, an dem Elend der Massen, an deren Nöten. Mit dem Buchdruck wurde dieser Widerspruch nicht etwa aufgehoben, sondern noch einmal auf die Spitze getrieben. Es gab zu lesen, die Leute konnten lesen, doch sie hatten nichts zu melden, nichts zu vermelden. Die Einen erzählten und verdienten dadurch, sicherten so nebenbei das materiale wie geistige Eigentum der herrschenden Klasse und die Anderen hörten zu, konsumierten geistige wie materiale Produkte, die sie nicht mehr als die ihrigen erkannten. Ja, suchten Trost in dieser parallelen Welt des Geistes. Und gingen dabei weiter den Weg des Sklaven.

    Doch genau dieser Widerspruch lässt das System im Moment kollabieren. Die Zukunft der Menschen ist nur noch beherrschbar, wenn alle Arbeitsteilungen aufgehoben werden. Der „Menschencomputer“ – http://blog.herold-binsack.eu/2012/12/noch-nie-in-der-geschichte-hat-es-sinn-gemacht-sich-was-vor-zu-machen/ – ist das Stichwort der schon aktuell gewordenen Zukunft.
    Doch es gibt zwei Wege dorthin: den des Kapitals und den des Lohnarbeiters.
    Wie das Kapital diesen Weg zu gehen beabsichtigt, sehen wir anhand der sog. Spähaffäre. Die Lohnarbeit hingegen ist verunsichert, zögert. Doch alle Versuche die Produktionsmittel innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu vergesellschaften, sind so zum Scheitern verurteilt, wie es auch falsch ist, einfach anzunehmen, dass „Eigentum Diebstahl“ – http://blog.herold-binsack.eu/2012/05/die-notwendigkeit-des-sozialismus/ – sei. Nur eine gesellschaftliche Großtat, eine Tat, in der sich die überwiegende Mehrheit der Menschen wiederfindet, eine Tat, innerhalb derer sie ihre eigene Geschichte kritisch und selbstkritisch überwindet, wo sie also jede bisherige gesellschaftliche Übereinkunft – http://blog.herold-binsack.eu/2014/01/den-vertrag-mit-dem-kapital-kuendigen/ – aufkündigt, eine „Revolution“ also, kann diese Frage philosophisch, ethisch, politisch wie sozial-ökonomisch zufriedenstellend lösen.

  3. Problem erkannt, jedoch nicht die Lösung
    Die Aufgabe wurde hier gut umschrieben: Intensive Kontextstudien, professionelle Recherche – unabhängig und objektiv.
    Die Lösung, die hier angedacht wurde, enttäuscht jedoch, denn es läuft wieder einmal auf einen Sozialismus hinaus: Staatsfinanzierte Filme, staatsfinanzierte Musik, staatsfinanzierter Journalismus und und und.
    Das führt nur zu Mittelmaß, Unfreiheit und bisweilen Bequemlichkeit.

    Das Einzige, was gründlichen Journalismus hervorbringen kann, ist Passion, Passion, Passion!!!
    Dazu muss man allerdings nicht nur den Westen verlassen, sondern auch den Osten!

    • ich wollte das nicht als „Lösung“ gelesen wissen, eher als Dilemma, beschreibe ich doch selbst, welche Konsequenzen das möglicherweise mit sich bringt. das Dilemma ist eben: die wirtschaftlichkeit und marktorientierung sehe ich sehr kritisch – und die staatliche Lösung ist ebenso gefährlich.
      wobei ich zugeben muss: vom Luxemburgischen Modell wusste ich bis Dezember schlicht nichts – lernte dann dort eine Redakteurin der Woxx kennen und war etwas baff ob der Finanzierung, die sie genoss. weil der unabhängige Journalismus eben als vierte Macht installiert wurde. die Frage ist eben, ob man es irgendwie dekommodifizieren kann OHNE der staatlichen Kontrolle und damit der mehr kder wniger subtilen Zensur Tür und Tor zu öffnen.

  4. Guter Artikel
    weil er ein Dilemma aufzeigt das Journalisten zwingt faule Kompromisse zwischen seriöser Berichterstattung und der Befriedigung billiger Sensationsgier zwecks Auflagensteigerung einzugehen.
    Am deutlichsten wurde das wohl in den politischen Skandalen der letzten Jahre. Angefangen bei Guttenberg und den Plagiaten hin zur Causa Wulff, bei der seriöse Berichterstattung fast völlig auf der Strecke blieb um letztlich auf der Welle inquisitorischen auflagensteigernden Mob zu schwimmen. Gleiches gilt für steuerpolitische Debatten und der Steuerhinterziehung.
    Dabei soll nicht echtes Fehlverhalten der Betroffenen marginalisiert werden, wohl muss aber die Frage gestellt werden in wie weit die einseitige Verurteilung nicht nur die Verlogenheit unserer Gesellschaft widerspiegelt und sich mit dieser Hetze der unbequemen Widersprüche entledigt.
    Es war deutlich zu merken, das viele Journalisten nicht mehr in der Lage waren eine andere Perspektive einzunehmen, ebenso wie beim Fall Sarrazin. Guter Journalismus hätte niemals die Empörungskultur gepflegt sondern, sich bemüht Sarrazins Fehler und gleichzeitig die mögliche Berechtigung gewisser Unzufriedenheiten in einem logischen Einklang zu bringen und daraus erst diese ofder jene Position diskreditiert und Konsequenzen gefordert. So aber wurden Urteile schon aufgrund von Vorurteilen einer zunehmend abgeschlossenen poltischen Kaste getroffen, deren Fähigkeit sich in Frage zu stellen mit zunehmenden Abstand zum Kriege rapide abgenommen hat und besonders seit den Selbstmotivationskursen der 80-ziger, in denen Erfolg, aufgrund von Selbstbewusstsein und abweisen von Zweifeln propagiert wurde, gefördert wurde.
    Die Kehrseite der Medaille ist nun eine abgenommene Fähigkeit die eigene Meinung in Frage zu stellen, je erfolgreicher die soziale Stellung in der Gesellschaft ist.

  5. .
    Kommunzierende Blasen – war das nicht immer so? Der Hessische Landbote, der Schiller-Goethe-Briefwechsel etc., all dies: Neues aus der Blase.
    Slow-Journalismus: Schöne Sache, jedoch…
    Resonanz: Sie drückt sich nicht durch „Like“ aus, auch nicht durch die Anzahl der Kommentare. Sie vollzieht sich anders. So wie man ein gutes Buch zur Seite legt und still und nachdenklich einen Spaziergang macht oder lange da sitzt und siniert, träumt, fliegt.
    Blog: Kann das leisten, wenn es sich aus dem Alltäglichen, Banalen, Lauten – aus dem Gemeinplatz verabschiedet. Wenn es das möchte. Das wäre dann das Gegenteil von Pop.

    • ich glaube Sie haben Recht
      irgendwie war es immer so: Neues aus der Blase. Und bis heute hat auch jedes Medium irgendwie den Ruf einer bestimmten politischen Richtung – die eine Zeitung gilt als eher „links“, die andere als „konservativ“ und so weiter.
      Aber viele brechen das auf und wollen weder links, noch konservativ – also nicht einseitig – sein, sondern bemühen sich aktiv um Pluralismus. Das kann auch in Form von Debatten geschehen, bei denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Perspektive ihre Sicht darlegen.

      Die Problematik mit der Resonanz ist sicher die größte. Ein Like- und besser noch: hunderte davon – ist ein viel leckereres Schmankerl für unser Belohnungszentrum, als diese ausbleibende Resonanz, dieser langsame Gedankenprozess, den man in einem Kopf auslöst und von dem man scheinbar nichts mitbekommt. Das erfordert eine sehr sehr bewusst Überwindung von eigenen Bewertungs-Reflexen und heutzutage einen recht eigensinnigen Kopf.

    • @kinky
      und das Gegenteil von Auflage.
      Und solange Auflage jedes andere Argument schlägt wird Qualitätsjournalismus immer rarer werden. Weil Menschen hören wollen was ihren Glauben, ihre Vorstellung bestätigt und schlicht nicht zuhören, was diese Meinung in Frage stellt.

  6. Wozu Journalismus? Die Frage stelle ich mir schon seit knapp 20 Jahren mit zunehmender
    Intensität. Und für mich habe ich sie ausreichend klar beantwortet: Ich will Informationen und einordnende Überblicksartikel. Was ich nicht will, macht einen grossen Teil des heutigen Journalismus auch in den „Qualitätsmedien“ aus – Kommentare, Viertelwahrheiten, Bruchstücke, Skandalisierungen, wiedergekäute Pressemitteilungen, Faktenverdrehungen bis zur Faktenfälschung.

    Was ich will, lässt sich auch an einem einfachen Beispiel demonstrieren: Kennen Sie den britischen economist? Eines der ganz wenigen Printmedien mit seit vielen Jahren konstant steigenden Käuferzahlen. Und das völlig zu Recht – hervorragend geschriebene, informative, fakten- und kenntnisreiche Überblicksartikel über Weltwirtschaft und Weltpolitik.

    Etwas, das ist meine einzige Kritik an dem Blogeitrag, könnten Journalisten nur vor dem Rechner schon heute viel besser machen – sich ausreichend informieren. Wenn ich in knapp 10 Minuten nach dem Lesen eines Artikels, der eine Pressemitteilung wiederkäut, eine sensationelle Studie vorstellt oder eine Erhöhung von X um Y % herausbrüllt, durch pure Internetrecherche feststellen kann, dass die Informationen entweder falsch, grob unvollständig, absolut nicht repräsentativ oder durch entgegenstehende Fakten hoch umstritten ist, dann könnte das der Journalist besser als ich. Was ich statt dessen sofort bekomme, ist die oft vollständig faktenfreie Behauptung eines Politikers, „Experten“ oder Interessenvertreters, warum ihm die wiedergegebene Information nicht passt.

    Und das könnten Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, heute schon anders machen. Wäre nicht einmal allzu schwierig …

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Journalisten vorm Rechner
      Es könnte gegen gecheckt werden – wenn man selbst die notwendige Bildung hätte. Ich bin zum Beispiel häufig verwundert, dass viele Menschen, die studiert haben, von Wissenschaftstheorie keinen blassen Schimmer haben. Popper ist denen ein Fremdwort. Besonders verbreitet in „zahlensüchtigen“ Fächern wie den Naturwissenschaften und auch den Wirtschaftswissenschaften. Denn angeblich sprechen die Zahlen ja für sich und lügen nicht.
      Ich glaube, dass dies mit eine Ursache sein könnte, unkritisch Studienergebnisse herunterzuleiern, ohne diese einer Kritik zu unterziehen.

      Eine zweite Ursache könnte sein, dass viele Menschen im Journalismus Quereinsteiger sind und von der Profession nicht viel wissen – dafür aber viel in ihrem Fach. Ein Problem, das ich zumindest bei vielen Lehramtsstudenten analog kenne. denn die wissen in der Regel wenig von Pädagogik. Man muss sich eben konkrete Gedanken über den eigenen Auftrag machen. Man muss sich anschauen, wie es eventuelle journalistische Idole so gehalten haben mit Recherche und wie man an Quellen kommt und so weiter… Das Netzwerken ist da ein zentraler Faktor und das liegt dann wieder nicht jedem.

    • "Economist"
      Zum Erfolg des „Economist“ trägt die wohltuende Anonymität der Autoren bei, die hinter ihre vorbildlich redigierten Texte zurücktreten. Selbst die Redaktionsleitung tritt namentlich nicht in Erscheinung. Eitelkeit, in hiesigen Medien immer penetranter, spielt beim „Economist“ keine erkennbare Rolle. Vielmehr werden dem Leser kompetente und manchmal hellsichtige Texte geboten, z.B. ein Titel über die Gefahren einer platzenden Immobilienblase, lange bevor sich das Szenario dann bewahrheitete.

      Ein anderer Grund für die steigende Auflage liegt schlichtweg in der gelungenen Expansion auf den US-Markt, die anderssprachigen Medien nicht möglich ist.

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