Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Wie mir der Schnabel gewachsen ist

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Bis heute wird Bertolt Brecht von Kritikern als Staatsdichter der DDR hingestellt. Werner Hecht widerspricht und zeigt Brecht als Mann, der sich lieber nicht zwischen Ost und West entscheiden wollte.

„Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Werner Hecht, der selbst ab 1959 am Berliner Ensemble arbeitete, unter Helene Weigel, die ihn als Mitarbeiter für Regie und Dramaturgie engagierte, ist ein Kenner der Werke Brechts. Er leitete von 1976 bis 1991 das Brech-Zentrum in Berlin und ist daher durchaus mit dem Werk und auch den persönlichen Schriften des Autors vertraut. In bislang unveröffentlichten Schriften macht er sich auf die Suche nach dem Mann, der Ende der 40er Jahre widerwillig in Ostberlin Fuß fasst, um ein eigenes Ensemble aufzubauen.

© CC-BY-SA 3.0 Schreibschaf at the German language WikipediaBrechthaus – ehemaliges Brecht-Zentrum, Berliner Allee 185, Berlin (2008)

„Der Pass ist der edelste Teil des Menschen“

Brecht wäre eigentlich gerne in der Schweiz geblieben, die bis heute für Neutralität steht. Doch die Schweiz will den Dichter nicht haben, der in der Nazizeit ins Exil gehen musste und da er von den Machthabern des Dritten Reiches wegen „niederer Gesinnung“ die Staatsbürgerschaft entzogen bekam, steht er ohne Rechte da. Überhaupt war es für den nun staatenlosen, passlosen Brecht fast eine Unmöglichkeit, einen Ort zu finden, an dem er willkommen war. Diese verbitternde Realität verarbeitete er in einer Passage seiner Flüchtlingsgespräche von 1939 über den Pass, wenn er schreibt „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen“. Es könnte angesichts der Grenzerfahrungen von Menschen an der Festung Europa nicht aktueller sein. „Dafür wird er [der Paß] auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ An diesem kurzen Stück zeigt sich Brecht in seiner typischen Art: Die Verhältnisse bissig-ironisierend ansprechen.

Sicher: Brecht, der ein großer Kritiker des Kapitalismus war, hat im Sozialismus als Gegenentwurf zum Nationalsozialismus eine echte und Hoffnung spendende Alternative gesehen. Zumindest anfangs. Das macht ihn für viele Kritiker zum strammen Sozialisten. Aber wenn man Werner Hechts Rekonstruktionen liest, dann entsteht ein ausgeglicheneres Bild. Gleich zu Beginn seines Wirkens in Ostberlin, wo er etwas widerwillig, dafür aber immerhin mit einigen Chancen ausgestattet landet, entfacht er einen Streit mit der FDJ. 1948 schreibt er das Aufbaulied der F.D.J., dessen Zeile „Und kein Führer führt uns aus dem Salat“ der FDJ gegen den Strich ging. Vielen ist heute nur bekannt, dass Brecht dieses Lied für die FDJ verfasste, kaum jemand aber weiß, wie zynisch er über die Reaktionen auf seine Strophen kommentierte: „Man sagt mir, zu euch muß man primitiv reden./ Will ich nicht./ Wie mir der Schnabel gewachsen ist – nicht wie euch die Ohren gewachsen sind./ Dialektik.“ Auch dass er den Namen „Honecker“ in einem Brief mit zwei g schrieb, statt mit ck, lässt den Dichter nicht gerade in der Gunst der Staatsführung aufsteigen. Hecht hat schon in seinem Vorgängerwerk über Brecht ausgearbeitet, wie schwierig das Verhältnis des unbequemen Dichters mit dem Regime war. Doch in diesem Werk geht es ihm scheinbar um mehr: Es geht um eine Art Rehabilitation des Mannes, der bis heute vielen als der „Staatsdichter der DDR“ und vielleicht zu links, zu systemkonform ein Dorn im Auge ist. So konzentriert er sich auf bislang unveröffentlichte, private Dokumente, die Hinweise auf die innere Haltung Brechts gegenüber des Systems geben können. Tagebücher, Notizen, Gesprächsmitschriften.

© Kolbe, Jörg / CC-BY-SA Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / ursprünglich aufgenommen für Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild (Bild 183)

„Der tägliche Jammer, der Mangel an allem, die kreisförmige Bewegung aller Prozesse, halten die Kritik beim Symptomatischen. Weitermachen ist die Parole. Es wird verschoben und es wird verdrängt.“

Ein Star mit Eigensinn

Die DDR hatte es demnach nicht gerade leicht mit Brecht: Er war bereits bei seiner Ankunft eine Art Star, weswegen es auch nicht weniger als ein eigenes Ensemble war, mit dem man ihn nach Ost-Berlin köderte und ihm damit den Drang nahm, unbedingt neutral zu bleiben. So schrieb der Schweizer Historiker und Nationalrat Valentin Gitermann am 08. April 1949 an den Bundesanwalt der Schweiz, Valentin Lüthi, nach einem Gespräch mit Brecht: „Er müsse sich dann in Deutschland in der westlichen oder östlichen Zone niederlassen, und dann würden seine Werke in der anderen Zone verboten werden. Er lege aber grössten Wert darauf, beiden Zonen gegenüber unabhängig zu bleiben.“ Diesen Star in der DDR hofieren zu können würde ein gutes Bild auf die Kulturpolitik des sozialistischen Staates werfen – immerhin hatte man Brechts Stücke schon auf den Bühnen in der ganzen Welt aufgeführt, er war längst kein „Noname“ mehr. Andererseits dachte er zu viel selbst, erkannte sinnlose Strukturen und tumbe Ideologien nur zu genau und konnte sich seine Kommentare häufig nicht verkneifen. Schlimmer noch, er ließ seine Kritik an den Zuständen, die in Hechts Werk nun auch wortwörtlich nachgelesen werden kann, durch Metaphern und Chiffren in seine Werke eingehen. Manchmal unbemerkt, manchmal nicht ganz so unbemerkt. Manchmal bishin zur Zensur.

Der 17. Juni 1953

Was Brecht nachhaltig im Westen diskreditiert hat, ist seine Reaktion auf die Geschehnisse am 17. Juni 1953 in Berlin. Die Massenproteste, die Gewaltsam niedergeschlagen wurden und bei denen Panzer gegen Menschen zum Einsatz kamen, quittierte er mit Solidaritätsbekundungen an Walter Ulbricht und mit dem Ausdruck seiner „Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Auch dieses Kapitel des Brechtschen Lebens bereitet Hecht auf, auch hier werden einige Ungereimtheiten erklärt. Bekannt sind vor allem seine drei Briefe, neben jenem an Ulbricht auch die beiden an Grotewohl und an Semjonow, dem Botschafter der UdSSR in der DDR. In allen dreien drückt er Vertrauen und Solidarität aus, in jenem an Grotewohl darüber hinaus die Idee, den Wunsch, das Berliner Ensemble könne und sollte nun zur Beruhigung der Massen im Rundfunk aktiv werden. Im Berliner Ensemble erklärt Brecht, dass er sich eine große Diskussion wünsche, dass man aber die Arbeiterregierung unterstützen solle und alle Mitglieder des Berliner Ensembles sind sich darin einig, dass man sich im Rundfunk einbringen will. Hecht schreibt „Brecht kennt die Wirkung seiner Texte und wiegt sich in der Hoffnung, die Lieder und Aufrufe könnten in dieser Situation tatsächlich zur Klärung und Stabilisierung der aktuellen Lage beitragen.“ Doch alle Medien und der Ostberliner Rundfunk verschließen sich gegenüber dieser Idee. Die Ereignisse auf den Straßen werden vom Rundfunk ignoriert – und das lag an einer Weisung durch Ulbricht. Aber davon konnte Brecht nichts wissen. Auch Grotewohl, der zweite Adressat der Briefe Brechts, gibt nur eine ungenügend erscheinende Erklärung ab: Er beschuldigt „faschistische und reaktionäre Elemente“ der „schweren Störung der Ordnung im demokratischen Sektor von Berlin“, die „das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus deutschen kapitalistischen Monopolen“ seien. Wie man sieht lernt man in Hechts Werk nicht nur viel über Brecht, sondern auch vieles über die Propaganda der DDR.

Ein Hin- und Hergerissensein

Vor allem aber arbeitet er die Zerrissenheit Brechts heraus, die er inmitten dieser Geschehnisse von Anfang an erlitt. Auch in den Folgen des 17. Juni wird dies deutlich. Im Neuen Deutschland erscheint ein einziger Satz aus Brechts Brief an Ulbricht, nämlich jener, in dem er seine „Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei“ ausdrückt. Dies führt zu einer Kehrtwende in der Wahrnehmung Brechts – gerade auch bei vielen Menschen, die Freunde oder zumindest freundlich gestimmt waren. Sie gehen zunehmend auf Distanz, sehen in ihm einen Parteitreuen. Brecht empört sich intern über das Verhalten des ND, wie Gustav Just in einem Brief an Walter Ulbricht schreibt. Doch auch im weiteren Verlauf inszeniert das ND Brecht als Unterstützer der harten Parteilinie, obwohl dieser, wie aus verschiedenen Schriften, die Werner Hecht vorlegt, den Protest für berechtigt hält und eine Aussprache mit den Massen für nötig. „Die Erbitterung hat ihre Gründe“, erklärt er in einer weiteren Betriebsversammlung des Berliner Ensembles, dessen Protokoll Hecht auszugsweise wiedergibt. „Wenn ich das ansehe, was zu sehen war, so hatte ich den Eindruck in der Frühe, daß es eine ernste und entsetzliche Angelegenheit war, daß gerade Arbeiter hier demonstrieren. Ich spreche ihnen auch hundertprozentig jede Berechtigung zu.“ Dennoch hält er auch die „restlichen Nazielemente“ in der Berliner Bevölkerung für einen der Mitauslöser der Eskalation. Was in seinem Fall nicht bedeutet, dass er sich täuschen ließe. Die kommenden Monate Juli und August widmet er der Arbeit an einem neuen Stück, es wird Turandot heißen Oder der Kongreß der Weißwäscher. Die Anspielungen sind aus heutiger Sicht kaum zu verkennen, es geht um das Verkaufen von Meinungen und um das Winden von Machthabern in politisch unsteten Zeiten. Er schreibt auch ein Gedicht, das ausschließlich mit dem 17. Juni befasst ist, sowie einige andere kürzere Texte – alles zusammen erhältlich in den Buckower Elegien, die in der DDR lange nicht veröffentlicht wurden – mit den Worten „Vorsicht und Skepsis haben Brecht davon abgehalten“, sie „der Öffentlichkeit zu überlassen“, beendet Hecht dieses geschichtsträchtige Kapitel.

Antikapitalist war Brecht, auch das geht aus dem Werk hervor. Doch seine ganze Leidenschaft galt der Kultur, dem Theater, mit dem er auch einen Auftrag verband – und mit diesem Auftrag eine große Verantwortung bei sich selbst verortete. Das zeigt diese Idee, angesichts der Eskalation am 16. Juni mit Texten im Rundfunk die Menschen zu beruhigen. Was er da vielleicht noch nicht ahnte, war die Treffsicherheit seiner Prognose der „Weißwäscherei“, denn ab 1953 zog ein neuer Wind in die DDR-Kulturpolitik ein und auch Brecht war immer häufiger Gegenstand von Auseinandersetzungen. Diese Auseinandersetzungen gibt Hecht so akribisch wieder, wie man es bislang noch nicht gesehen hat. Sie werfen ein neues Licht auf einen Geist, der in der üblichen Erzählung sehr in das System der DDR eingepasst war, der sich wie es schien ergeben hatte und mitgemacht. Zwar wurde ihm der Stalin-Preis zuerkannt, doch zugleich verzögerte man das Erscheinen seines Werks Die Kriegsfibel. Brecht lebt nach 1953 nicht mehr lange genug, um seine innere Haltung noch deutlicher nach außen zu kehren. Viele Fragen werden wohl für immer unbeantwortet bleiben. Doch es ist ein wichtiger und die Perspektive verrückender Beitrag Hechts, mehr Puzzleteile zur Verfügung zu stellen, damit sich die Leserinnen ein eigenes Bild machen können.

Was hängen bleibt ist eine gewisse Ratlosigkeit und immer diese eine Frage: Wie hätte man sich selbst verhalten? Hinterher sind wir alle klüger, und ein Wostkind, 1982 geboren wie ich, kann wohl kaum ermessen, welchen Druck und welche Ausschnitte der Realtität auf Brecht einwirkten, als er Anfang der 1950er Jahre in Berlin wirkte und inszenierte. Was aber im Herzen bleibt ist eine Art diffuses Verständnis für einen in der Rolle des integrierten Außenseiters, der sich anpasst so sehr es ihm nötig erscheint, und dennoch immer wieder in Konflikte gerät. Einer, der eigentlich keine der beiden Seiten sonderlich überzeugend findet und aus der Lage das Beste macht.

Zum Nachlesen: Werner Hecht: Die Mühen der Ebenen. Brecht und die DDR. Erschienen am 17. Februar 2014 beim Aufbau-Verlag Berlin.

Veranstaltungshinweis: Am 17. März stellt Werner Hecht sein Buch in Berlin vor: in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße 5, 10117 Berlin – anschließend gibt es ein Gespräch.

Weiteres zu diesem Thema: Walter Hincks Besprechung von „Brechts Leben in schwierigen Zeiten“ Geschichten. Suhrkamp Verlag, 2007.

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9 Lesermeinungen

  1. Den Ostbonzen den Ulenspiegel vorspiegelnd
    Zwei Dinge sollte man bei Brecht nicht übersehen: Er hatte seine besondere Geschichte mit dem Kommunismus – schon immer. Ich fühle ein wenig ähnlich: emotional eigentlich Anarchist, aber im Kopf zu 100% Marxist. Und zweitens, wenn er in den Westen gegangen wäre, wäre er im Westen verlegt worden, aber auch nur dort; und hier wäre er einer unter vielen gewesen. Sein Wirken bliebe beschränkt. Im Osten hätte er nicht nur gefehlt, hier wäre er verfemt worden. (Stalin mochte Brecht nicht, und sicher auch vice versa, doch in dieser Hinsicht dürften sie einer Meinung gewesen sein; Stalin wusste, ob der Gefahr der Teilung Deutschlands – für das gesamte sozialistische System.)
    .
    Der sozialistische Realismus war für ihn immer ein „realistischer Sozialismus“, ein Sozialismus der Arbeiter, nicht der Bonzen. Einer, der den kleinen Schiebern die Kartoffeln belässt, damit die großen Schieber nicht allein das Geschäft machen (so eine seiner Forderungen an das gnadenlose SED-Nachkriegsregime). Brecht schrieb nicht nur im dialektischen Sinne; er lebte seine Dialektik auch. Lebe im Osten und schreibe so als schriebest du für ihn, ausschließlich für ihn! Indem du aber so schreibst, wie du schreibst (als der Geist, der ewig verneint) schreibst du viel mehr auch für den Westen. Und du bleibst dem Osten erhalten, als der freundliche Mann, der auch „böses“ sagt, zum Bösen dort wie hier. Er spiegelt ja nur den Westen (dem Ostbonzen den Ulenspiegel dabei vorspiegelnd). Brecht war die einzige Garantie (von links) für die Erhaltung eines dialektisch gespaltenen Gesamtdeutschlands. Ja, er war das damals einzig mögliche Gesamtdeutschland. Er war vielleicht für die SED das, was ein Gauweiler für die CSU ist. Ein verflucht kluger Querulant. Wozu sollte er den Biermann spielen? Wem hätte das genutzt? – Und wo ist Biermann gelandet? Vielleicht war Brecht ein Opportunist, in ganz persönlicher Hinsicht. Wer weiß das schon? Sein politisches wie künstlerisches Wirken wirkte dem Opportunismus aber entgegen. Und wäre das nicht eines Brechts Botschaft? Es kommt nicht darauf an, wer oder was du bist, sondern was du schaffst, wofür du schaffst, wofür du was auch immer bist!
    .
    So blieb die Idee der deutschen Einheit – im Kopf des Linken – nicht nur ein „faschistisches“ Projekt. Aber Brecht wäre nicht Brecht, wenn er sich nicht auch Gedanken gemacht hätte, wie es im Kopf eines Rechten aussieht – eines „Faschisten“.

  2. Radwechsel
    „Ich sitze am Straßenhang.
    Der Fahrer wechselt das Rad.
    Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
    Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
    Warum sehe ich den Radwechsel
    Mit Ungeduld?“

    Was ist seiner Buckower Elegie [8] noch hinzuzufügen?

  3. Das ist mir denn doch ein bisschen zu gnädig.
    Wenn man überhaupt keine Wahl hat, wenn man zu hundert Prozent abgängig von genau einem Staat ist, dann ist Opportunismus eine Überlebensstrategie.

    Wenn man das nicht ist – und Brecht war das definitiv nicht – dann ist der Verbleib nach der militärischen Niederschlagung von Protesten und Streiks (es gab keinen Aufstand) ein klares Bekenntnis zum System. Vor allem, wenn man an privilegierter Position weitermacht.

    Ich will die Zwänge autoritärer Systeme gar nicht kleinreden. Sie trafen nur auf Brecht nicht zu. Er war im System der DDR Bonze, Elite. Reisefähig und -mächtig. Privilegiert in jeder Beziehung.

    Er ist geblieben. Mehr muss ich nicht wissen. Es gab auch zu seiner Zeit unbekanntere Leute, die in Schriften und Reden weit mutiger waren, als Brecht. Dabei hätte der sich den Mut zu einem klaren Protest wenigstens leisten können.

    Nein Frau Rönicke, wir haben eine Wahl. Brecht hat seine getroffen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Titel eingeben
      Ja, das ist grundsätzlich natürlich richtig: er hatte eine Wahl. Er hätte Sosein Berliner Ensemble hinschmeißen können und vielleicht auch „rübermachen“. Hätte können. Das meinte ich auch mit: es bleiben viele Fragen unbeantwortet.
      Dennoch wirft das Buch auch auf einige bisherige „Gewissheiten“ ein anderes Licht und für mich – die ich brecht nahezu immer gerne aufgeführt sah, hörte oder las – fand es ein bisschen geraderückend, denn man kann sich einen solchen Geist eben doch nur schwer als „Staatsdichter“ des SED-Regimes vorstellen.
      Und dann muss man eben auch die Zeit sehen: Brecht ist 1956 gestorben. Die meisten kritischen Autoren begannen da erst Ihre Arbeit.

    • die meisten kritischen autoren?
      unbedingt die tagebücher thomas manns von 1945-55 gegenlesen. beide waren ja in kalifornien im exil, nachbarn fast, und beide auch bei mccarthy vorgeladen.

      und immer auch, soweit erinnerlich, noch ein thema: brecht und die frauen. er war höchstwahrscheinlich viel festgelegter auch durch diese vielen beziehungen, als wir heutigen uns das alles im innenverhältnis so recht vorstellen wollten. und „rübermachen“ hätte vermutlich auch bedeutet, in diesem innenverhältnis als ein relativer versager gesehen zu werden (1) – nicht, dass ihm das viel ausgemacht hätte – er wollte es aber doch auch gut meinen! und das ging so, wie es ging, dann wohl doch nur in der ddr.

      und noch eines: hat er gewusst, dass er mit 70 zehn oder mehr jahre zu früh sterben werde? auch an zigarre, „kopflastigkeit“, überarbeitung und „harem“ (meint: er hätte sich evtl. besser „balancieren“ können, „mehr so goethisch“, also mit unabhängigem reisen, eben auch zu anderen, befreundeten männern – aber gab es die?) (und ja: auch in diesem punkte hat brecht gewählt – oder auf später verschoben.)

      wir meinen, er hat es nicht gewusst, vermutlich nicht einmal geahnt. evtl. auch von daher hätte er sich ja bis zu seinem überraschenden tode tatsächlich immer freigefühlt, gleich morgen zu gehen, „sobald es zeit würde, dies exemplum nun endlich wirklich zu statuieren“?

      über brechts absichten zgl. seiner ebensplanung zwichen lj.70 und 80 z.b. ist nichts bekannt. vel zu oft wird – evtl. gedanklich unscharf – sein tatsächliches (frühes) ende mit dem wahrscheinlichen ende seiner möglichen individuelle lebensplannung gleichgesetzt. darüber aber ist, soweit wir wissen, in der öffentlichkeit nichts oder wenig bekannt.

      und „wie mir der schnabel gewachsen ist“, natürlich ein schönes motto – und von brecht in dem zusammenhang sicher genau richtig gewählt. brechts heimat aber war die deutsche sprache – sie ist nicht zu vereinnahmen, durch nichts und niemanden nicht.

      … und man würde noch sagen der „deutsche geist“, wenn das nicht so mißdeutbar/mißdeutend wäre – aber er war in tiefster seele sicherlich vor allem das: eine europäischer aufklärer, humanist und freiheitskämpfer, er steht über der zeit. (2)

      (1- und anstrengend viel erklären zu müssen)
      (2 – auch wenn diese zeit sich eher bei thomas mann fände, und auch aus nachvollziebaren gründen – brecht aber ist ebenfalls unsterblich – am ende würden wir – oder nachfolgende generationen – ihn leider wieder entdecken müssen, so steht vermutlich sicher zu befürchten. aber auch da wäre dann der deutsche geist vermutlich immer noch und wieder und dauerhaft unbestechlich und universal: warum andere, jüngere stimmen ersatzweise bloß heranziehen wollen, dann, später?)

      und ja: bzgl. der absichten seiner politich mächtigen sollte sich ein künstler niemals irgendwelchen naivitäten hingeben. immerhin hat brecht stellung bezogen, so dass wir heute verwerfen können.

      ungefähr. (die tagebücher „fraktur gelesen“ machts, finden wir, finden viele.)

    • der Faktor Zeit
      ist vermutlich entscheidend.
      Wenn ich jemand bin, der davon lebt – also psychisch davon lebt – dass er schreibt, Stücke auf Bühnen bringt, Zuschauer zum beben und so weiter, dann denke ich immer an Kafka, der Beziehungen deswegen versemmelt hat, weil er dachte, sie würden ihm das Schreiben zerstören. Und weiß auch von mir selbst: Das Schreiben benötigt Ruhe, Zeit, den richtigen Moment und so weiter…
      Und dann stellt sich so einem Dichter und Schreiber eben die Frage: Will ich hier jetzt WIRKEN, oder will ich mich in die Kämpfe mit diesem System stürzen?
      Das ist eigentlich immer die Frage – zum Beispiel auch im Feminismus ;)

      und ich kann den Drang, lieber zu wirken, als seine Kräfte gegen diese Idiotie zu verausgaben, nachvollziehen. Wenn es denn so war – und das ist eben nur meine eigene Spekulation.

      Schönen Gruß
      KR

    • Nicht nur ihre Spekulation,
      sondern auch die meines Vaters:
      Der nahm an einem Frühlingsmorgen des Jahres 1953 sein Fahrrad und sein Saxophon, und ‚ist rübergemacht‘. „Die Jahrzehnte bis zur Ernennung des Jazz zu einem festen Bestandteil der DDR-Kulturpolitik hätte ich wohl nicht überlebt” spekulierte er später. Er war kein Kenner Brechts, doch er hat ihn verstanden.

  4. Weit aus dem Fenster lehnen.
    Respekt: Mit Brecht – der alten Ikone – sind Sie auf einem schlüpfrigen Terrain, was Ihre peer group angeht. Darf man heute überhaupt über Brecht schreiben, ohne die klugen Frauen hinter ihm zu erwähnen? Wäre er heute nicht ein furchtbarer Maskulinist und völlig untragbar? Dem Bösen von damals (Pakt mit dem Establishment) ließen sich viele neuzeitliche Sünden gegenüberstellen, die er begehen könnte.

    Schön finde ich Ihre Erläuterungen zum Verzerren von Inhalten durch Herausreißen aus dem Kontext. Gerade in unserer Zeit des emotionalisierenden Journalismus eine zur Perfektion getriebene Technik, die bei mir immer „schöne“ Erinnerungen an die gute alte Zeit wach werden lässt.

    Sie als Wostkind sollten Brechts Lage sehr gut nachvollziehen können: Gehört nicht gerade heute ein enormer Mut (oder wirtschaftliche Unabhängigkeit) dazu, sich gegen die herrschende Meinung zu stellen? Wird man nicht gerade heute medial vernichtet, wenn man Meinungen äußert, die sich zwar deutlich innerhalb der Grenzen des Grundgesetzes bewegen, aber nicht pc sind? (Beispiel: Zwei Professoren des BMWi sind in der falschen Partei und sofort beginnt eine (politische) Diskussion, sie von ihren Posten zu entfernen.)

    • Titel eingeben
      Leider bin ich immer zu wenig bewandert, was „man darf“ und was nicht. Also muss ich damit leben, eventuell in ein Fettnäpfchen getappt zu sein, weil ich Helene Weigel weitestgehend unterschlug. Ihr ist übrigens das Buch gewidmet :) das kann ich zu meiner hilflosen Ehrenrettung ja vielleicht noch anführen.

      Dass ich nicht PC genug bin werden Ihnen wohl viele Leute gern unterschreiben – daher grinse ich etwas ob Ihrer Bemerkungen.

      Für mich steckt wirklich viel in diesem Buch, viele Interessante Ansichten und Innenperspektiven, die Jenseits des üblichen schwarz-weiß-Malens eine Idee vermitteln, wie komplex die Verhältnisse waren und wie schwierig, sich zu verhalten und Haltung zu bewahren. Und Sie haben völlig Recht: in unserer heutigen Zeit können wir darauf bestimmt etwas mitnehmen.

      Mit den besten Grüßen
      KR

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