Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

„Propaganda“ sind immer die anderen

| 23 Lesermeinungen

Es ist dieser Tage schwer, Verständnis und Empathie für Russland aufzubringen. Das muss auch nicht sein, derbe Wörter sind okay, wie Viktor Pelewin zeigt. Ein differenziertes Bild sollte es aber sein.

Es wäre übertrieben und falsch, zu behaupten, das Russlandbild, das die westlichen Medien verbreiten, sei nichts als Propaganda. Das Wort „Propaganda“ wird in der momentanen Situation ohnehin viel zu oft benutzt – von allen Seiten. Propaganda sind immer die anderen. So ist im Guardian zu lesen, russlandfreundliche Berichterstattung sei eben nichts als ein Erfolg der russischen Propaganda – gewissermaßen einer Krankheit, die um sich greift, und der immer mehr Menschen zum Opfer zu fallen scheinen. Die Gemüter erhitzen sich entsprechend wie im Fieber.
Nicht von Fieber, sondern von Krieg spricht der Autor Ralf Pauli in der ZEIT – denn das bringt sicherlich mehr Klicks. Ein „Medienkrieg“ sei das nämlich und man könne derzeit sehen, dass es den westlichen Weltsendern BBC und CNN so gar nicht schmecke, wenn aus Katar, Moskau und Peking Medienoffensiven entspringen, die weltweit nicht wenig Beachtung bekommen.

© The Presidential Press and Information Office; CC-BY-SA 3.0Dieses Foto stammt vom präsidialen Presseservice des russischen Präsidenten Putin und zeigt ihn von seiner besten Seite zur Eröffnung der Winterspiele in Sotschi 2014

Es ist sicherlich richtig, dass unsere Medienlandschaft sehr häufig unterkomplexe, einseitige Perspektiven einnehmen, wenn es darum geht, das Verhalten Russlands und die Krise in der Ukraine zu vermitteln, zu beurteilen und zu kontextualisieren. Nicht immer, aber häufig, hangeln sich die Berichte entlang eines altbekannten Gut-Böse-Schemas. Dass alle Seiten in diesem Fieberwahn ihren Dreck am Stecken haben, das wird nicht allzu oft thematisiert. Umso gewinnbringender ist es, den kultigen und bekanntesten zeitgenössischen Autor aus Russland zu Hand zu nehmen und Abstand zu den tickernden Nachrichten zu gewinnen. Sich einzulassen und auf gewöhnliche Fragen ungewöhnliche Antworten zu bekommen. Was ist das für ein Land, was sind das für Menschen? In Viktor Pelewins Büchern steckt eine einfache Botschaft: Dieses Russland ist mehr, als nur ein alter Gegner aus Kaltkriegsjahrzehnten, der heute so geschwächt und arm ist, dass ihm außer Selbstüberschätzung und Größenwahn nichts mehr bleibt. Und dieser Westen ist weniger überlegen, als er selbst von sich denkt.

Da wäre zum einen „Das heilige Buch der Werwölfe“, das bereits 2006 auf Deutsch erschien und in dem vordergründig eine etwas raue, dafür aber umso abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen einem Werfuchs und einem Werwolf dargestellt wird. Pelewin gelingt es meisterhaft, die alte Dichotomie zwischen gut und böse aufzulösen. Denn in dieser modernen Sage sind sie alle irgendwie böse, und alle irgendwie bestrebt, gut zu sein. Deswegen bekommen auch alle ihr Fett weg: Pädophile, Englische Aristokraten, Gewöhnliche, Nabokov-Verächter, der Apparat, Unternehmer und die Polizei; oder das Geld – das Schmiermittel des Kapitalismus – das Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. Über das Geld befindet A Huli, deren Name im Russischen der „Schimpfsprache“angehört, ein Ausdruck mit unaussprechlich tiefem Niveau[1]:

„Ein Bekannter von mir sagte einmal, das Böse lasse sich heutzutage nur mit Geld besiegen. Eine interessante Beobachtung, wenn auch aus metaphysischer Sicht nicht ganz korrekt: Nicht von einem Sieg über das Böse kann die Rede sein, sondern von der Möglichkeit, sich vorübergehend davon loszukaufen. Ohne Geld aber hat das Böse dich binnen zwei, drei Tagen fest im Griff, das ist eine verbürgte Tatsache.“[2]

Wenn jemand sich fragt, wie Russland sich im Kapitalismus so eingefunden hat: Ich glaube, dieser Satz könnte es gut auf einen Punkt bringen.

© Nikolai Alekseev, CC-BY-SA 3.0Pelewin hat auch eine sehr interessante Ansicht über die Ursachen der Homophobie in Russland, wie sie hier zutage tritt: Nikolai Alexejew beim Slavic Pride am 16. Mai 2009. Zwei Polizisten stoppen Nikolai Alexejew und seine Braut, einen transsexuellen Aktivisten aus Weissrussland, und fragen nach seinen Papieren.

Pelewin ist ein mit der politischen Ideengeschichte, der Philosophie und der Literatur überaus vertrauter Autor. Er hangelt sich in seinem Werk von Oswald Spengler zu Heidegger, über die Philosophen des Zen-Buddhismus wieder zu Nabokov. Es ist ein fröhliches Hin und Her und die Wertiere sprechen in ihrer Konversation untereinander so einige Schmankerl aus. So befindet A Hulis Schwester I Huli in Bezug auf die Privatisierung:

„Bei näherem Hingucken entpuppt sich die ganze Menschheitsgeschichte der letzten zehntausend Jahre als eine pausenlose Korrektur der Ergebnisse der Privatisierung.“

Die Werfüchse müssen es wissen, denn sie begleiteten diese Zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte. Sie sind uralt, auch wenn sie aussehen wie 17-Jährige Lolitas. Was an Pelewins Büchern außeralltäglich ist – zumindest wenn man sich ansonsten in den hiesigen Medienwelten und Talkshowdebatten informiert – ist die Treffsicherheit der Beschreibung bei maximaler Rotzigkeit. Sein Werk „Tolstois Alptraum“[3] ist ein Paradebeispiel für diese Kunst: Graf T., also Tolstoi, wird in einem Roman auferstehen, den ein typischer neuzeitlicher Russe verfasst, unter den Maximen der heutigen Prämissen für belletristische Millionen-Seller. Kapitalismus pur – also Blut und viel Sex, seltsame mystische Begebenheiten, noch mehr Sex, dramatische Kampfszenen und ausgefeilteste Waffen. Leider unterliegt die Arbeit an diesem Buch einigen kapitalistischen Turbolenzen, die allesamt der arme Tolstoi auszubaden hat. Unter anderem soll plötzlich kein Buch mehr daraus entstehen – denn der Buchmarkt liegt leider gerade im Sterben – sondern besser ein Computerspiel. Tolstoi wird also aus Marktlogik heraus auf Zombie-Jagd geschickt – Pelewin wählt drastische Mittel, um die Absurditäten kapitalistischer Logiken sichtbar zu machen. Die Metaphern sind oft alles andere als subtil – dafür aber einfallsreich und manchmal bombastisch. So befindet der Werwolf Alexander, ein russischer Agent des FSB, dass die heutige Wirklichkeit, die Realität nach dem Kalten Krieg, einer Darmflora gleiche. Und zwar wie folgt:

„Bei Ihnen im Westen neutralisieren die Mikroben sich gegenseitig, das hat sich über die Jahrhunderte so ausbalanciert. Jeder produziert fein still seinen Schwefelwasserstoff und hält den Mund. Alles reguliert wie ein Uhrwerk, der Stoffwechsel läuft rund. Obendrauf sitzen die Medienkonzerne und speicheln das Ganze ordentlich ein. So ein Organismus darf sich offene Gesellschaft nennen.“

Klingt prima. Also warum nicht diese funktionierende Form der offenen Gesellschaft, des funktionierenden Schwefelwasserstoffproduzierens auch für die anderen anbieten? Es ist doch so ein tolles Modell? Warum den Dünnschiss – Pardon, aber das ist Pelewins Ausdrucksweise – hinnehmen, wenn man selbst den Weg der ausgeglichenen Darmflora gefunden hat? Die Antwort soll gleich folgen, aber was Pelewin hier aufzeigt, ist die Denkweise des Westens, die darauf basiert, sich durch das Profitieren an einem System, das man über Jahrhunderte langsam entworfen hat, jenen überlegen zu fühlen, die in einem Umsturz und nach der Umstellung vor einigen Jahrzehnten immer noch nicht darauf klarkommen.

© Денис Бочкарев / Denis Bochkarev, CC-BY-SA 3.0Nadezhda Tolokonnikova von Pussy Riot wird vor Gericht geführt. Der Pussy Riot Prozess gilt als Verstoß gegen die Menschenrechte. Er ist ein typisches Beispiel für den Umgang Russlands mit Meinungsfreiheit.

Im Westen fühlt man sich wirklich gern überlegen. Man hat Detektoren entwickelt, um bei anderen Missverhalten zu diagnostizieren. Alles entlang der eigenen Werte, die man selbst definiert hat. Pauli empfindet im West-Medium ZEIT die westlichen Medien nicht als unabhängig, ihre Agenda bestehe aus „Freiheit und Aufklärung und Bildung und auch der Förderung von wirtschaftlichem Fortschritt“, die man gerne als universell vertreten würde.[4] Die Frage ist, welche Haltung man zu anderen Menschen hat, welche Mittel man anwenden will, um diese Rechte durchzusetzen und wie man jene behandelt, die genauso wie man selbst an der ein oder anderen Stelle nicht ganz so genau hinschauen oder eher altbackene Werte vertreten.

Ein Weg, sich mit jenen zu befassen, die nach dem eigenen Wertemaßstab noch nicht menschenfreundlich genug in ihrem Herrschaftsgebiet walten, ist der Krieg. In Afghanistan etwa hat man nicht zuletzt die Rechte der Frauen als dankbares Argument benutzt, um den Kreuzzug gegen die Taliban zu führen, den Rachefeldzug zur Vergeltung von 9/11. Schlussendlich muss man schauen, wie sehr man durch diese Intervention eigentlich wirklich zur Verbesserung der Lage der Frauen beigetragen hat. Neue Gesetze in dem Land, das seit Jahrzehnten ein Spielball im Armdrücken zwischen West und Ost ist, lassen nicht gerade darauf schließen, dass der unter anderem von Amerika auf der Petersburgkonferenz eingesetzte Präsident Karzai die Rechte der Frauen zu seinem Hauptanliegen machen wird. Wie also vermittelt der Westen seine Werte eigentlich? Am liebsten vermittelt er sie, indem er als moralischer Sieger aus einem Konflikt hervorgeht – das Ende des Kalten Krieges war in dieser Hinsicht kein Runterlaufen wie Öl, sondern ein ganzes Ölbad. Sonderlich nachhaltig ist das aber nicht – es hat sich in der Geschichte noch nie ergeben, dass auf diese Weise ein vermeintlicher Gegner zum vermeintlich Guten bekehrt worden wäre.

© V. Vizu, CC-BY-SA 3.0Russisches Grafiti angelehnt an den Pelewin-Roman „Buddhas Kleiner Finger“.

Manchmal versucht er es aber auch subtiler, indem er in Geschichten und Filmen die eigene Überlegenheit wie nebenbei miterzählt. Bereits Ende der Achtziger war es in Hollywood-Filmen überaus üblich, Amerika als Heilsbringer und die Sowjets als kaputte, arme, kriegerische Bande hinzustellen. Erst am Wochenende sah ich mit meinen Kindern den Film „Feivel der Mauswanderer“, der 1986 von Steven Spielberg produziert wurde und mir schlackerten die Ohren: Amerika galt hier den russischen Einwanderern als die Heile Welt, wo Freiheit und Glück warten. Wohingegen Russland von düster aussehenden Reitern in Brand gesteckt wird und einfach zum Davonlaufen ist, schlichtweg gruselig. In den 90er hat man diesem Überheblichkeitstrieb nicht abgeschworen – im Gegenteil: Man verlagerte ihn stattdessen in das Weltall und machte in „Armageddon“ die russischen Kosmonauten lächerlich, sowie ihre gesamte Ausrüstung auf der MIR. Alles ist kaputt, fällt ab, funktioniert nur mit Dagegenschlagen und Gewalt – typisch russisch halt. Das Kinopublikum im 140 Millionen-Dollar-Film hatte schön was zu Lachen. Der Russe darf dann erleben, wie mit einem Shuttle namens „Independence“  und einem Bohrfahrzeug namens „Freedom“ ein typischer amerikanischer Held (Bruce Willis) die Welt rettet. Is klar ne?

Es wird Zeit, dass diesem einseitigen Bild ein neuer Kultautor entgegengesetzt wird, der von der anderen Seite mit klugem Blick die Dinge in seine Fantasy-Romanen untersucht und auseinandernimmt. Es braucht gewissermaßen eine Art „Antidot“, damit wir alle nicht immer mit der gleichen Brille auf die Geschehnisse schauen, die uns gerade gleichermaßen überfordern, verwundern und empören. Schauen Sie sich den Film Generation P an. Lesen Sie Pelewin, der die Lage Russlands in seiner Darmparabel vielleicht so treffend wie sonst keiner beschrieben hat:

„Uns hingegen haben sie Stäbchenbakterien in die Gedärme gepflanzt – aus welchem Labor, darüber streiten noch die Gelehrten -, an denen hätte Robert Koch seine helle Freude gehabt, für die gab es weder Antikörper noch irgendwelche andere Mikroben, mit denen man hätte gegenhalten können. Und so fing der große Dünnschiss an, bei dem dreihundert Milliarden Dollar geflossen sind, bevor überhaupt einer begriffen hat, was los war.“



[1] Ich umschreibe das hier so, weil es weder im Buch aufgelöst wird, noch findet sich ein Mensch, der bereit wäre, es aus dem Russischen zu übersetzen, alles, was ich habe, ist diese Umschreibung.

[2] Aus: Pelewin, Viktor: Das heilige Buch der Werwölfe. Erschienen bei Luchterhand, Berlin: 2006.

[3] Pelewin, Viktor: Tolstois Alptraum. Erschienen bei Luchterhand, Berlin: 2009.

[4] Es ist neuerdings in Mode gekommen – im Westen versteht sich – diese Werte als nicht universell zu behaupten, kulturrelativistisch zu untergraben. Davon halte ich in vielen Punkten nichts, denn auch wenn der Westen sich die Menschenrechte ausgedacht hat, so finde ich an der unantastbaren Würde, an Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, am Schutz der Privatsphäre, an körperlicher Unversehrtheit, freie Entfaltung, Bildung und Gleichheit vor dem Gesetz nichts, was ich anderen Kulturen vorenthalten wollen würde – nur weil sie andere Kulturen sind. Ich denke schon, dass es ein legitimes Anliegen ist, dass man sich wünscht, die Menschenrechte gelten für alle Menschen, weltweit.

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23 Lesermeinungen

  1. Putin hat den Propagandakrieg gewonnen
    Unser Politisch-medialer Komplex scheint inzwischen begriffen zu haben, dass er den Propagandakrieg gegen Putin verloren hat — und zwar im eigenen Stadion.
    Die letzten Tage kamen gleich mehere Artikel, wo ziemlich deutlich ausgesprochen wurde, was in den Kommentarspalten seit Monaten spürbar ist, nämlich dass die Bevölkerung resp. „das Volk“ im Westen die Dinge ganz anders beurteilt als die Medien.
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    Es will mir kein Moment einfallen, wo ich schon mal so etwas erlebt hätte. Die Lager bilden sich diesmal tatsächlich nicht entlang bekannter politischer Grenzen.
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    Tatsächlich hat das wohl wenig mit Putin zu tun (schon gar nicht mit Sympathie für ihn), sondern läßt auf den schweren VErtrauensverlust schließen, den der politisch-mediale Komplex im letzten Jahrzehnt erlitten hat. Im „Ernstfall“, wo „Krieg in Sichtweite“ rückt, sprechen die Leute ganz deutlich aus, dass sie diese Art der Aussenpolitik nicht unterstützen.
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    Ja da muss das GrokoGrü jetzt ganz fest zusammenhalten, gegen den Russen da draussen und die Leute da unten.

  2. Sind die (derben) Wörter okay? Vielleicht könnten Frau Rönicke und Herr Pelewin mal aufklären -
    scheinen sich da ja auszukennen, was Putin und man in Rußland generell unter „Wahrheit“ versteht: Bekanntlich gibt es im Russischen zwei Worte für „Wahrheit“: иcтина (iztina) und und ра́вда (pravda). Das eine könnte man vielleicht mit „reale Wahrheit“, das andere mit „Wahrheit des Herzens“, „Wahrheit der Heimat“ oder so ähnlich übersetzen.

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      ich kann Ihnen leider nicht so ganz folgen.
      Und wohl auch nicht antworten.

      Vielleicht hilft folgende Klarstellung: ich bin keine Putin-Sympathisantin. Das wird einem heute gerne so ausgelegt, wenn man den Westen für sein Verhalten zu kritisieren wagt.

  3. Feivel der Mauswanderer...
    … ist eine Analogie auf die Auswanderung nicht irgendwelcher Russen, sondern der russischen Juden. Und daß die ein Land, in dem sie nicht ständige Verfolgung (= Pogrom) fürchten müssen, dem zaristischen Rußland gegenüber bevorzugen, sollte man nicht notwendigerweise als billigen Antirussismus sehen.

    • Dafür setzten sie dann große Hoffnungen in die Sowjetunion
      Die russische Revolution wurde von den Juden begrüßt und führte zu einer starken jüdischen Migration nach Moskau und Leningrad, usw. Und das obwohl sie dort ständige Verfolgung (= Säuberungen, Roter Terror) zu befürchten hatten.
      Auch das sollte man jetzt nicht als billige Propaganda gegen POlen, die Ukraine oder andere politische Systeme sehen, die das Eigentum beschützen wollten und von den westlichen Grossmächten unterstützt wurden.

    • richtig
      gut, dass Sie das noch einmal stärker kontextualisiert haben.
      Allerdings ist das eine Leistung, die Kinder nicht hinbekommen und der Film ist FSK0.
      anders ausgedrückt: ich sah den Film als Kind in den 90ern, er ist von 1986 – da war noch kalter Krieg – und ich kann mich nicht entsinnen, verstanden zu haben, um welchen Kontext es ging. Alles was da hängen bleibt, ist die Angst vor dem schlimmen Russland. Was auch nicht weiter erklärt wird. Und ehrlich gesagt – ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, dass Sie das hier noch einmal stärker kontextualisiert haben, denn ich war dazu am Wochenende aus dem Stand nicht in der Lage.
      es ist also eine gute Art, sich rauszureden. wenn man aber damals ohne weitere Erklärungen im Film selbst – kindergerechte Erklärungen wohlgemerkt – sowas in die Kinso gebracht hat und Kinder und nicht so geschichtsgebildete Erwachsene dies sahen, blieb wohl genau das hängen, was ich oben anspreche.

      Bei der Gelegenheit fällt mir auch auf, dass wir diesen Teil russischer Geschichte schlichtweg nicht in der Schule gelernt haben.

  4. Der Hinweis auf die Flüchtlingsschiffe ist richtig
    .. macht aber noch ein anderes Problem deutlich.
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    Wenn wir allen Menschen helfen könnten, würden wir das dann auch wollen? Auch wenn es sonst nicht „in unserem Inteesse ist“? K
    Und wenn immerhin ein Teil von „uns“ diese Fragen eindeutig bejaht, bleibt immer noch die Frage, ob er einen solchen Beschluß in der eigenen Bevölkrung auch durchsetzen und dann auch durchführen kann. Kann man für wirklich selbstlose, rein moralische Politik wirklich sowohl die politische Unterstützung erhalten und die nötigen Mittel finden?
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    Wer aber nur über begrenzte Macht verfügt, kann auch nur in diesen Grenzen so etwas wie „Schutzverantwortung“ ausüben.
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    Anders gesagt: Das geht sowieso nir im Konflikt mit Gegner, die uns haushoch unterlegen sind. Weil sonst die Kosten (Krieg) stets schlimmer wären als der Nutzen. Den starken Gegnern (N-Korea, Russland, China, USA) muss man im Zweifelsfall ja doch alles erlauben.
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    Da liegt es doch wirklich nahe, die Grenzen der eigenen „Schutzverantwortlichkeit“ ziemlich genau da zu erkennen, wo auch die Grenzen des eigenen souveränen Staates verlaufen. Jenseits der Grenzen sind dann die dortigen Regierungen bzw. Widerstandsgruppen für die „Schutzverantwortzung“ zuständig.

  5. ...
    Frau Rönicke, wir sind völlig beeinander.
    Die Meinungsgesellschaft, Meinungsmache, der Bauchladen der Meinung, darum ging es mir.
    Man sieht sich fast schon genötigt zu allem und jedem eine Meinung zu haben, sich zu Positionieren als King of the Hill. Mir fällt es aus genannten Gründen schwer. Der Weg der Erkenntnis ist mühsam und am Wegesrand wartet immer die Meinung mir ihrem Motel zur ewigen Einkehr.

  6. Apropos "universelle Werte" (Punkt [4])
    Liebe Frau Rönicke, das ist keine Modediskussion, sondern ein uraltes Problem, das seit der Entdeckung Amerikas ununterbrochen diskutiert wurde.
    DArf ich Ihnen den kurzen, aber brillanten Essay von Immanuel Wallerstein empfehlen, „Die Barbarei der Anderen“. Wallerstein erinnert an den spanischen Bischof Las Casas, der sich im 16. Jh. für die Rechte der amerikanischen Indios einsetzte, selbst wenn diese nicht getauft waren.
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    Aus Wallersteins Sicht erfüllen die „Menschenrechte“ heute etwa die Funktion wie das „Christentum“ im 16. Jh. — sie sind der stetsverfügbare Vorwand der militärisch und wirtschaftlich überlegenen Europäer, dem Rest der Welt seinen Willen aufzuzwingen. Aber auch in Europa gab es (beginnend mit Las Casas) Widerstand und Kritik daran.
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    Obwohl man das im damaligen Europa unglaublich schwer begründen konnte: Haben wie denn ein REcht, die armen INdianer von der Gnade der Taufe, der Sakramente, dem ewigen Seelenheil auszuschließen? Können wir das vor Gott verantworten, dass sie am Ende ewig in Hölle oder Fegefeuer braten müssen, nur weil wir unsere Missionsaufgabe vernachlässigt haben?

    • Titel eingeben
      Das ist wirklich interessant – ich kenne Wallersteins Einlassungen zu dem Thema gut, teile aber seine Radikalität nicht und ich finde dies Dilemma auch nicht einfach auflösbar. Es muss eigentlich immer der einzelne Fall angeschaut werden, so ganz universell im Sinne von „one value fits all“ geht es also nicht. Aber ich würde dennoch daran festhalten wollen, dass bestimmte Rechte für jeden Menschen gelten müssen.

      Kennen Sie Wolfgang Merkel? Der schlug einmal einen sogenannten „Menschenrechtsminimalismus“ vor, um dem Dilemma zu begegnen. Vom Gedanken her nicht uninteressant, eben auch der Versuch, den Spagat zu meistern: zwischen dem Zusprechen der Menschenrechte für grundsätzlich erst einmal alle. Aber gleichzeitig verhindern, dass im Namen dessen Schindluder getrieben wird – moralisierender, imperialistischer oder sonstiger Art.

      Ich weiß nicht, ob das unser Problem löst. Man hat ganz grundsätzlich einfach dieses Dilemma, dass man sich manches Mal besser nicht einmischt und schon gar nicht von oben herab alles besser weiß. Aber andererseits gibt es die Idee der Schutzverantwortung für menschliches Leben, menschliches Wohl, menschliche Rechte.

      In einem früheren Text ging es um die Flüchtlingsproblematik. Es ist sicher sehr blauäugig, aber manchmal frage ich mich, ob es nicht sinnvoller wäre, das Geld in die Flüchtlingsaufnahme zu stecken, als in die eigene militärische Intervention… Oh – ich will aber auch gar kein ZU großes Fass aufmachen. ist auch nur so ein Gedanke.

    • Der sophistische Umkehrschluss steckt im Wörtchen "vorenthalten"
      Liebe Frau Rönicke,
      im vorletzten Satz haben Sie diese Formulierung: „… nichts, was ich anderen Kulturen vorenthalten wollen würde…“
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      Da sind Sie wohl einem Sophismus auf den Leim gegangen, oder genauer zwei.
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      Der erste steckt im Wörtlein „ich“. Meinen Sie jetzt wirklich sich selbst, Katrin Rönicke? Schätzen Sie Ihre Möglichkeiten, Ihre Macht, Ihre Rolle wirklich so ein, dass von Ihnen da irgendetwas abhängt? Dass Sie, selbst wenn Sie es wollten, auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt was-auch-immer „vorenthalten“ könnten? Impliziert nicht schon allein diese Satz-Konstruktion, in der Sie eine Beziehung herstellen sich selbst, den Millionen Menschen in zig Ländern und den Rechten, die diesen vorenthalten werden, eine ungeheure Anmassung? Oder imaginieren Sie sich hier bereits als westlich-aufgeklärter Staat-und-Regierungschef? Steht das Wort „ich“ hier vielleicht stellvertrtend für die NATO, im Sinne von: „Wenn ich über die Politik der westlichen Staateun entscheiden und ihre Streitkräfte kommandieren dürfte, dann… “
      Ich vermute letzteres. Wenn westliche Intellektuelle solche Standpunkte vertreten, dann phantasieren sie sich dabei (implizit) immer in eine Entscheider-Position. Die sie aber gar nicht haben und auch nicht haben können. Genau wie die tatsächlichen Entscheidungsträger eben keine authentische Menschenrechtspolitik betreiben und, wie man ihnen zugute halten muss, auch nicht betreiben KÖNNNEN.
      .
      Der zweite Irrtum steckt im Wort „vorenthalten“. Das ist ein ziemlich dreister Umkehrschluss: Wenn wir auf Einmischung in andere Länder und Gesellschaften verzichten, dann heisst das, dass wir einer dortigen Gruppe „Rechte absprechen“ oder „Rechte vorenthalten“. Aber diese „Schlussfolgerung“ ist völlig absurd. Das eine folgt keineswegs aus dem anderen. Wenn ich darauf verzichte, Urwald-Bewohnern das „Recht auf Pressefreiheit“ zu erkämpfen, dann heisst das nicht, dass ich Ihnen dieses „REcht absprechen“ oder „vorenthalten“ würde. Nur halte ich es einfach für möglich, dass sie selbst dieses „Recht“ gar nicht vermissen, schon weil sie gar nicht wissen, was „Presse“ überhaupt ist, und so weiter.
      Wie aus diesem zugegebenermassen extremen Beispiel hoffentlich klar wird, können diese ganzen „Rechte“ eben doch nie ausserhalb ihres historischen und kulturellen KOntextes betrachtet werden. Sie sind eben keine Universalia und stehen nie einfach für sich selbst!
      Und diese einfache Feststellung impliziert (im Gegensatz zu dem, was einem die Conquistadoren-Missionare dann immer gleich vorwerfen) eben KEINEN „Relativismus“, keine „Gleichgültigkeit“ und ganz bestimmt keinen Versuch irgendwem irgendwelche Rechte „abzusprechen“ oder „vorzuenhalten“. Sondern im Gegenteil, es ist eine notwendige Voraussetzung, um die Situation überhaupt sinnvoll erfassen zu können. Statt eifrig Universalia zu behaupten, müsste man die Betroffenen erst einmal fragen, was sie wollen, welche Rechte oder Möglichkeiten sie vermissen und wie sie ihr Leben gerne gestaltet sehen wollen.
      Nur wird sich dann schnell herausstellen, dass „Einmischung zur Durchsetzung westlicher“ Werte schon darum keinen Sinn hat, weil auch „die unterdrückten Opfer“ mit westlichen Werten überhaupt nichts anfangen können. So z.B. in Palästina oder Libyen oder sonstwo im arabischen Raum: Wie will man da Araber-Männer gegen Unterdrückung (durch die Israelis, Assad, Gaddafi, Taliban etc.) verteidigen ohne gleichzeitig ihren jeweiligen Frauen „das Recht auf Gleichberechtigung abzusprechen /vorzuenthalten“? Wie will man gleichzeitig Georgien vor „russischer Einmischung“ und dabei Abchasen und Osseten vor dem georgischen Nationalismus verteidigen? Da könnte oder müsste man am Ende gegen jeden einzelnen Menschen auf der Welt so lange Krieg führen, bis er die westlichen Werte vollkommen verinnerlicht hat.
      .
      Das eigentliche Problem liegt bei einem selbst: Der narzißtischen Unfähigkeit, sich die Korruption und Ohnmacht der eigenen Moralität einzugestehen.

    • Die Nichteinmischung in andere Länder Angelegenheiten wird verabsolutiert unmenschlich.
      Denn sie enthält natürlich logisch auch die Nichteinmischung bei der Errichtung von Vernichtungslagern. Für mich ist sie damit als eiserner, nicht umgehbarer, Grundsatz einfach untauglich.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  7. Gut und böse und hier und jetzt und dies und das
    Die dualistische Sicht der Welt begann vielleicht in der Urzeit. Ein Organismus fragte sich, frisst es mich oder kann ich es fressen. Theosophisch betrachtet ist Fragmentierung böse, weil falsch. Aus der Sicht eines Geißeltierchen u. a. jedoch überlebenswichtig. Wer hat nun recht? Alle. Im Drama haben immer alle recht. Zu Ende gedacht sind Zustände der Erkenntnis jedoch nie dualistisch. Sie sind anders, unaussprechbar. Vielleicht.

    • Sie sind anders, unaussprechbar. Vielleicht.
      Sie sind aussprechbar. Der Aufbau ist dualistisch, jedoch graduiert, in 4 Quadranten.
      Daraus ergeben sich die Grundfunktionen, wie sin, cos, tan, cotan, sinhyperbolicus,
      u.s.w.; die ganze Palette der Mathemtik, bis hin zu Differentialgleichungen
      und allen mathem. Ableitungen. Am Ende steht ein Dual-komplexes Energieflußsystem,
      das evolutionär Gleichgewicht sucht und findet. Die Evolution bewegt, incl. Mensch.
      Vielleicht konnte ich helfen.

      Gruß
      P.S.

    • Ping Pong
      Zieht man die Mathematik innerhalb eines gedanklichen Fitnessraums für eine philosophische Konstruktion heran, so landet man nach einer Weile beim No-free-Lunch-Theorem, eines meiner Steckenpferde. Darauf näher einzugehen würde meinen Kommentar unnötig aufblähen, wäre unhöflich und entspräche zudem unzureichend dem Text, der von mir sehr geschätzen Autorin.
      Das Blog Wostkinder beschäftigt sich häufig mit Polarität und sieht darin eine Problematik. Mir geht es ähnlich. Ich glaube auch nicht an diese „Gewissheiten“, bin eher ratlos hinsichtlich weltlicher Verstrickung. Zudem Dualismus auch der Ast ist, auf dem das irdische Leben sitzt. Ticktack, Ping Pong, Mann – Frau, Tag – Nacht, gut – böse etc. Ich habe dazu keine Antworten, nur Zweifel und Fragen.

    • Titel eingeben
      so unaussprechlich finde ich das alles gar nicht. ehrlich.
      ich finde Ihre Gedanken dennoch sehr nützlich, weil es im Zweifel ja schon so ist: Lieber mal schweigen und nicht zu allem in Windeseile eine Meinung konfigurieren, die auf Fast Information (analog zum Fastfood) beruht. Das ist der sympathische Aspekt.
      Aber es kann auch schnell umschlagen, in resignatives Nichtbewegen. Dabei wäre es eigentlich nicht so schwer: Hingehen zu dem Objekt, das man nicht versteht, es anschauen, mit ihm Sprechen, sich anhören, was es erzählt. Die Welt ist komplex – also lernen wir sie kennen.

      Es ist wirklich sehr gut und hilfreich, dabei einen Schritt zurückzutreten, von Vorurteilen frei und offen zu bleiben. Das schon. Aber ich würde nicht davor zurückschrecken, Erkenntnisgewinn zu suchen und das Aussprechen zu wagen.

      Am liebsten dann in einem Blog wie diesem, wo man in den Dialog mit seinen klugen Kommentatoren treten und noch ein paar andere Perspektiven zusammentragen kann :)

    • ...
      Ein charmantes Kompliment, das nicht auf Unterwürfigkeit beruht, den Stolz ostdeutscher, Verzeihung, wostdeutscher Frauen veranschaulicht.
      Hans Meier sprach einmal vom intellektuellen Salon französischer Prägung. So weit würde ich nicht gehen, haben jene doch auch etwas Maniriertes an sich, ich kannte solche Zirkel; mon Dieu.
      Meine Erkenntnis, und da beharre ich darauf, ist, zunehmend keine Gewissheiten zu erlangen. Nicht einmal Aspekte einer Gewissheit. Man verfällt dann unweigerlich der Poesie, was nicht das Schlechteste ist. Vielleicht ist das auch die russische Seele, die der deutschen und auch französischen nicht unähnlich ist. Ich habe nie verstanden, warum diese Länder Krieg gegeneinander geführt haben. Vielleicht ist Krieg auch immer Krieg gegen sich selbst. Vielleicht. Aber warum etwas bekämpfen, das man so sehr sehnt. Man sollte öfter Tschechow lesen. Und Schlegel. Vielleicht auch Baudelaire. Und in die Welt hinausdenken und in sich hineinhören. Dann merkt man schnell, dass die anderen eigentlich man selbst ist und Satre komplett unrecht hatte und dass da kein Himmel und auch keine Hölle ist. Nur Sehnsucht. Da bin ich mir sicher.

    • Titel eingeben
      da stimme ich Ihnen zu – Gewissheiten kann es nicht geben. Aber doch – in einem sicherlich begrenzten Maße – Erkenntnis. davon sprach ich.

      und ebenso: danke für das Kompliment.

  8. Seit etwa zwei Wochen wird auch kaum noch aus Kiew berichtet
    Man würde doch gerne wissen, wie die neue Regierung so bei der Volksversammlung ankommt und so.
    Aber da gibt es offenbar überall nur noch einen einzigen Korrespondenten für die ganze Sowjetunion und der musste jetzt halt schnell nach Moskau oder auf die Krim abkommandiert werden.
    Und wer jetzt noch was über Kiew erfahren will, muss auf Ria Nowosti klicken.
    .
    Den Kapitalismus in seinem Lauf…

    • Titel eingeben
      es ist ein bisschen schwierig geworden, nachrichten aus Kiew zu erhalten, das stimmt. Seit der Krim ist das irgendwie nur noch zweitrangig.
      Ich kann übrigens sehr die texte von Herrn Lübberding empfehlen, ich finde seine Arbeit zu dem komplexen Thema sehr gut, differenziert und vor allem ruhig und überlegt.
      Und dann hörte ich gestern einen Podcast von Holger Klein, WRINT heißt der, in dem ein junger russischstämmiger Mann, der auf der Krim lebt, von der Lage berichtete. Ja – es ist wieder Krim, aber ich möchte vor allem auch einen Teil der Kommentare im Blog zu diesem Podcast empfehlen.

  9. Nicht die Russophobie ist das eigentliche Problem
    Sondern diese westliche Sucht nach Eigenlob.
    .
    Ja, jetzt hatten „wir“, die „westliche Staatengemeinschaft“ die globale Hegemonie ein knappes Vierteljahrundert für uns allein. Für uns, unsere Werte und unseren Optimismus.
    .
    Und was haben wir damit angefangen?

  10. Ursachen der Homophobie
    Ich wollte den Text nicht aufblähen, aber die Ursachen der Homophobie beim russischen Mann? – die Werfüchsin A Huli hat da eine eigene Auffassung:
    „Die russischen Männer in ihrer Mehrzahl sind deswegen so homophob, weil der russische Geist so stark von den Metastasen des kriminellen Ehrenkodex befallen ist. Jeder richtige Mann, gleich was er angestellt oder nicht angestellt hat, veranstaltet ein gedankliches Probeliegen auf den Lagerpritschen und sieht zu, dass sein Personalbogen keine maßgeblichen Brüche irgendwelcher Lagertabus enthält. Darum hat das Leben des russischen Machos etwas von einer spiritistischen Endlossitzung: Während der Körper im Luxus badet, sitzt der Geist immer irgendeine Strafe ab.“

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