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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Die totale Überwachung ist kein Totalitarismus

| 18 Lesermeinungen

In die Debatte um „das Internet“ und seine Auswirkungen hat sich der Begriff des „technologischen Totalitarismus“ eingeschlichen. Streicht ihn! Und Hayek gleich mit.

Im Jahre 1944 veröffentlichte Friedrich August von Hayek sein viel beachtetes Werk „The Road to Serfdom“, das in Deutschland unter dem Titel „Der Weg zur Knechtschaft“ nicht nur stark diskutiert, sondern auch zu einer Art Bibel des Liberalismus wurde. Bis heute fördert die „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ die Verlegung des Werkes in Deutschland und versieht es mit immer neuen Vor- und Nachworten, die keinen Zweifel an der Wichtigkeit der Freiheit lassen sollen.

Um das Werk selbst ranken sich verschiedene Mythen, wie zum Beispiel die Annahme, dass Hayek diverse Grundlagen seines wirtschaftlichen Denkens dargelegt hätte. Oder, dass man nach dem Lesen des Buches zweifelsohne „Gold kaufen“ werde. Dem ist nicht so. Schon im Vorwort der Neuauflage von 1971 sieht sich Hayek genötigt, zu versichern, dass das Buch „aus einem bestimmten Anlaß und für einen bestimmten Leserkreis geschrieben wurde“. Genaugenommen war es an „jene Kreise der sozialistischen Intelligenz Englands gerichtet, die im Nationalsozialismus eine kapitalistische Reaktion gegen die sozialen Tendenzen der Weimarer Republik sahen, und sollte ihnen verständlich machen, daß es sich im Gegenteil um eine Fortentwicklung des Sozialismus handelte“.

War mal ein Symbol der Freiheit: das Kapitol in Washington
By Noclip (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons, public domain

 

Das Werk heute zu lesen, bedeutet, verschiedene Reflexreationen von FDP-Politikern verstehen zu lernen, die den ursprünglichen Kontext in die Gegenwart mittragen und daher in jeder staatlichen Ambition der Marktregulierung den Sozialismus wittern und somit auch den Totalitarismus vermuten. Es ist die grundsätzliche Logik Hayeks, dass der Sozialismus in sich den Automatismus zum Totalitarismus trägt. Um hierfür eine Herleitung zu schaffen, musste er zwei zusammengehörige Begriffe voneinander trennen. Die „Freiheit von und zu“ sowie die „Macht“. Er konnte nicht sehen, dass die Freiheit des einen im Kapitalismus immer auch zur Machtausübung über den anderen führt. Diese Ansicht ist merkwürdig naiv im Denken des Ökonomen, aber wohl auch der Ideologie geschuldet, der er unterlag. Hayek streitet ebenfalls ab, dass der Sozialist Marx mit seiner Kapitalakkumulationstheorie recht hatte. Er sieht nicht die Folgen des marktwirtschaftlichen Erfolges eines Unternehmens, der zu durch Kapitalakkumulation bedingter Marktmacht führt. In seiner Denkwelt führt dies dazu, dass der Kapitalismus selbst zur Demokratie wird.[1]

Hierin ist der Grund zu finden, warum Hayek bis heute nicht in die Riege der politischen Theoretiker aufzusteigen vermochte. Er reduziert die komplexen Zusammenhänge, typisch für einen Ökonomen, dadurch, dass er sie zunächst entbündelt und nur noch an Stellen, die ihm offensichtlich genehm sind, zusammenfügt. Dadurch reduziert sich die Weltsicht auf ein paar wenige Knotenpunkte. Dies erkannt zu haben, lag sicher nicht am zeitgeistigen Wandel der politischen Theorie, wie Professor Dr. Peter Steinbach im Nachwort beklagt.

Über die gedanklichen Fehlleistungen in Hayeks Werk zu sprechen hat in den letzten Wochen eine gewisse Wichtigkeit erlangt, denn nach den Enthüllungen von Edward Snowden stehen wir erneut an der Schwelle eines gesellschaftlichen Wandels. Zweifelsohne wird auch zu diesem Thema ein Werk kommen, das diesen Wandel auf populäre Art und Weise begleiten, sprich auch einen zivilgesellschaftlichen Diskurs auslösen wird. So wie seinerzeit „Der Weg zur Knechtschaft“.

Die Vorläufer dieses großen Diskurses kann die geneigte Leserin unter anderem im Feuilleton dieser Zeitung verfolgen. Mit einem Beitrag des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat diese Debatte einen neuen Dreh bekommen, der nachstehender Formulierung entstammt:

Noch haben wir es nur mit einer alles durchdringenden Technologie, aber noch nicht mit einem totalitären politischen Willen zu tun.

Auf den Beitrag, der unter der Headline „Technologischer Totalitarismus: Warum wir jetzt kämpfen müssen“ lief, haben Christian Lindner geantwortet und Frank Schirrmacher Bezug genommen. Beide waren redlich bemüht dieser Begrifflichkeit mit „Zuspitzung“ (Lindner) und „in Widerspruch zu dem“ (Schirrmacher) die Schärfe zu nehmen. Vergebens wie es scheint, denn in der Definition eines neuen Geschäftsfeldes für Gewerkschaften (siehe: Wer schützt die Clickworker) tauchte die Bezeichnung abermals als Feststellung auf:

„Dabei werden Wirtschaft und Gesellschaft nahezu totalitär von ihr erfasst.“

Auch Sascha Lobo ist natürlich nie weit, wenn es um zweifelhafte Zuspitzungen geht. Summa summarum zeichnet sich ab, dass die begriffliche Zuspitzung von Martin Schulz sich fortsetzen wird.

Dabei hat Martin Schulz richtig erkannt, dass die unternehmerisch ambitionierten Apologeten der Technologie im Zuge ihres Erfolges auch zum politischen Handeln befähigt werden und dieses immer weiter ausbauen. Den Unternehmen strebt es danach, über das Lobbying[2] ihnen genehme Gesetze zu befördern. Ziel ihrer Initiativen ist es, die Gesellschaft mit ihren Produkten „total“ zu durchdringen. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben das Internet zu erhalten und ihre Geräte zur Vermessung des menschlichen Tuns zu nutzen.[3]

Das dazugehörige Geschäftsmodell macht es den Menschen einfach, denn es fallen kaum Kosten an. Die Software ist oftmals umsonst und die Geräte werden vermehrt zu den Produktionskosten herausgegeben. Der Mensch zahlt mit seinen Daten. Ob und wie diese genutzt werden, das kann gesellschaftlich ausgehandelt werden und ist zunächst kein Problem. Durch die Enthüllungen von Edward Snowden ist uns nun gewahr geworden, dass die Kunden dabei ohne ihr Wissen auch ein Geschäft mit dem Staat abschließen, da dieser sich Zugang zu den Daten verschafft und diese Daten für seine eigenen Zwecke nutzt. Als Fazit steht hier, dass (auch) die westlichen Staaten jede erdenkliche Möglichkeit nutzen, ihre Bevölkerung zu Vermessen und dabei keiner demokratisch legitimierten Kontrolle unterliegen, sondern dies durch Geheimdienste erfolgen lassen.

Für die Gesetzgebung bedeutet dies, dass es eine unausgesprochene Einigkeit zwischen Politik und Staat gibt. Beide Protagonisten haben entgegen der Zivilgesellschaft ein Interesse daran, die Daten nicht nur allgegenwärtig zu messen, sondern auch in jedweder erdenklichen Form zu nutzen. Die totale Vermessung des Individuums droht ebenso wie die Abschaffung der Privatsphäre gegenüber dem Staat[4]. Diesem Anliegen liegt die Bedingung zugrunde, dass die Menschen kommunizieren und aufzeichnen. Ihre Meinungen und ihr Tun sollen nicht unterdrückt werden, denn dies würde nur das Sammeln der Daten behindern. Es wird also die Demokratie und die ihr zugrunde liegende gesellschaftliche Verhaltensweise als Geschäftsmodell aufgebaut, weswegen ein Unternehmen wie Google auch glaubt, es sei demokratisch.

INF3-78 pt5 Marshal Stalin

Es ging immer nur um ihn.
William Timym [Public domain], via Wikimedia Commons, public domain

Durch diese zugrunde liegende demokratische Ideologie ist das momentane staatliche und unternehmerische Treiben, trotz allem Streben nach totaler Durchdringung, eines nicht: Totalitarismus.

Es lassen sich, wie immer bei Vergleichen, einige verführerischer Parallelen ziehen. Ein Staat der seine Bürger überwacht, erinnert beispielsweise an die Aussage des NSDAP-Reichsleiters Robert Ley: „Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft.“ Da ist der gedankliche Sprung zur totalitären Bewegung nicht weit und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten können durchaus beängstigend wirken.

Doch weder die Internetunternehmen noch die westlichen Staaten stehen momentan unter dem Verdacht einer Vernichtungsabsicht. Diese Vernichtungsabsicht ist es aber, die eine totalitäre Bewegung von einer Diktatur unterscheidet[5]. Die totalitäre Bewegung strebt danach, alles zu vernichten, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Das gilt ebenso für Menschen wie auch für Realitäten. Hannah Arendt umschrieb dies am Beispiel Stalins mit der Metro in Moskau, von der behauptet wurde, sie sei die Einzige in der Welt. Natürlich wusste man auch in Moskau, dass es unter anderem in Paris ebenfalls eine Metro gab. In der Logik des Systems folgte daraus aber nicht, dass Stalin unrecht hatte, sondern dass die Metro in Paris zu vernichten war. Die Wahrheit galt als so zu schaffen, wie sie ausgesprochen wurde.

Auch die heutige Geheimdiensttätigkeit ist nach allem was wir wissen nur schwerlich mit der eines totalitären Regimes zu vergleichen. Diese bedienten sich mehrerer Geheimdienste gleichzeitig, die alle auf ein Ziel hinarbeiteten. Es oblag aber der Führung, und war für die ausführenden Protagonisten nicht vorhersehbar, welcher Dienst am Ende zur Tat schreiten durfte. Oftmals wurden die Dienste auch dafür benutzt sich gegenseitig zu überwachen und beim nur kleinsten Anzeichen eines Verdachts, den einen Protagonisten durch den anderen ausschalten zu lassen.

Totalitäre Bewegungen sind auf eine Person zugeschnitten. Am deutlichsten wird dies am Beispiel des „Großen Terrors“ unter Stalin. Er allein hatte eine Garantie zu überleben und seine Meinung war das Maß der Dinge.

Von all dem sind wir in Bezug auf das technologische Treiben noch sehr weit weg. Auch wenn Parallelen existieren, ist es im Angesicht der einstigen Realität nicht sonderlich angebracht, die technologische Entwicklung mit dem Totalitarismus gleichzusetzen. Auch sollten wir heute nicht den gleichen Fehler machen wie einst Hayek, der mit seiner Gleichsetzung von Sozialismus und Totalitarismus dem Liberalismus die Fähigkeit nahm, den Staat in einer die Wirtschaft regulierenden Form mitzudenken.

Der „Totalitarismus“ ist der ultimativen Vernichtungsabsicht des Menschen gegen sich selbst gewidmet. Den Begriff für das momentane Treiben von ein paar Internetkonzernen derart auszuhöhlen, wie es begonnen hat, könnte uns der Worte berauben, wenn wir sie dringend brauchen.

——————————–

[1] Hayeks Gedankengebäude würde meinem Dafürhalten nach in genau einem Fall funktioniern. Und zwar dann, wenn durch Geld kein Wettbewerbsvorteil erkauft werden könnte. Das ist ironischerweise ein eher dem Sozialismus zugeneigtes Prinzip.

[2] 2013: Google 16 Mio. Dollar, Microsoft 10,5 Mio. Dollar, Facebook 6,4 Mio. Dollar. Es ist erschreckend, mit wie wenig an Mitteleinsatz sich die Demokratien dieser Erde von Unternehmen beeinflussen lassen.

[3] Es ist etwas verwunderlich, wie wenigen Menschen auffällt, dass viele Gerätschaften nahezu nutzlos sind, wenn man ihren Gebrauch um „das Vermessen“ extrahiert. Es bleiben dann frappierend wenig Anwendungsfälle über, die alle nicht dazu taugen im Rhythmus von zwei Jahren ein neues Gerät zu verkaufen. Das Kultivieren der Selbstvermessung liegt demnach im ureigensten Selbstinteresse der Unternehmen. Egal ob die daraus gewonnen Daten einen Sinn ergeben oder auch nicht, es muss der Glaube an diesen Sinn gepflegt werden.

[4] Bei allem Alarmismus ist es wichtig, zwischen den Unternehmen und dem Staat zu unterscheiden. Noch gibt das Individuum seine Daten freiwillig an die Unternehmen. Der Staat war jedoch niemals Bestandteil des privatwirtschaftlichen Geschäftes.

[5] Ich benutze die Bezeichnung „totalitäre Bewegung“, da es dem Totalitarismus nie um den Nationalstaat ging. Im Gegenteil galt die Begrenzung des Nationalstaates immer selbst als zu vernichtendes Element. Wichtig war er für diese Bewegungen nur als Mittel zum Zweck.

 

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18 Lesermeinungen

  1. Alles Nazis ausser Papi ...
    Danke für die nüchterne Einordnung. Wenn alles totalitär wird, ist nichts mehr totalitär, wenn alles faschistisch ist, gibt es keine Möglichkeit mehr, die echten Faschisten zu identifizieren. Aber das ist in einer systematisch verrückten (und dem Menschen damit angemessenen) Öffentlichkeit Sand in den Wind …

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. "Die totale Überwachung ist kein Totalitarismus"
    Eine These, die auf mich seltsam gewirkt hat.
    Warum seltsam?
    Weil ich sie so erst gar nicht formuliert hätte. Überwachung kann muss aber nicht mit Totalitarismus Hand in Hand gehen.
    Aber der Reihe nach.

    Totalitarismus – so gebrauche ich diesen Begriff – ist ein Wertesystem, das den GANZEN Menschen will, das in diesem Sinne also total ist. Totalitäre Systeme gehen in der Regel aus von einem obersten Ziel, aus dem sich alle anderen Ziele als Teilziele ableiten lassen.

    Wir finden solche Systeme in Religionen. Hier ist das oberste Ziel – ich vereinfache – die Rettung der Seele. Wir finden sie auch in der Politik. „Wunderbares“ Beispiel: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Jegliches „Endziel“ eignet sich als Kristallisationskeim eines totalitären Systems. Der Sozialismus passt sich hier zwanglos ein.

    Ich halte es deshalb – pardon – für Unfug, dass es „in den totalitären bewegungen (…) um die vernichtung der menschen (ging)“. Die Vernichtung war nicht das eigentliche Ziel, sie wurde als – sagen wir „notwendiges“ Übel – billigend in Kauf genommen. Sie, jene Menschen, galten als Saboteure, Feinde etc., die dem Ziel im Wege standen.

    Totalitäre system sind deshalb vom ihrem „Design“ her das Gegenteil von liberal. Ein Mensch, der seinen Lebenssinn selbst definiert, findet dort keinen Platz. Auch ein Mensch, der – ein wenig tiefer gehängt – seine eigenen Bedürfnisse formuliert, findet dort keinen Platz. Denn das totalitäre System kennt die wahren Bedürfnisse des Menschen und formuliert sie für ihn, mehr oder weniger explizit in 5-Jahresplänen.

    Die DDR war ein totalitäres Regime.

    Kennzeichen totalitärer Staaten/Organisationen ist eine gleichgeschaltete Justiz. Sie ist nicht unabhängig. Die Urteile stehen quasi von vornherein fest:
    – bei der Inquisition
    – beim Volksgerichtshof oder um einmal konkreter zu werden:
    – bei der Verurteilung von Rudolf Bahro (Verfahren und Strafmaß hatten Honecker und Mielke mündlich abgesprochen).

    Inwiefern hat nun Überwachung etwas mit Totalitarismus zu tun? Überwachen kann ich ein Kleinkind im Sandkasten, einen Spähtrupp im Vorgelände, einen Strafgefangen in einer JVA oder auch die Meinungen der Bevölkerung durch Gestapo oder Stasi. Überwachung kann also vieles bedeuten. Wir merken aber, dass totalitäre Systeme ein bevorzugtes Interesse (auch) an Überwachung haben. Überwachung ist aber auch hier nur Mittel zum Zweck und hängt selbstverständlich ab von den technischen Möglichkeiten. Die waren im Inkareich selbstverständlich andere als in der DDR.

    Die Überwachung in einem demokratischen Staat ist von anderer Qualität als die Überwachung in einem totalitären.

    Der demokratische liberale Staat überlässt es dem Bürger, seine Bedürfnisse selbst zu definieren und zu artikulieren. Damit das funktioniert, hat sich der Staat aus dem Prozess der Bedürfnisbefriedigung – auch hier übertreibe ich ein klein wenig – tendenziell herauszuhalten. Er wäre viel zu träge, auf sich schnell ändernde Bedürnisse zu reagieren. (Auch große Firmen sind träge und versuchen, mit den Mitteln eines effizienten Marketing die Bedürfnisse so zu steuern – denn „ein bisserl was geht allweil“ – dass sie sich ihrer Trägheit weiter hingeben können.)

    Kurzum: Die „Bedürfnisbefriediger“ müssen in der Regel schnell reagieren und gehen stets das Risiko ein, an den sich artikulierenden Bedürfnissen vorbei anzubieten.

    So verstanden bedeutet „Kapitalismus“ nicht Akkumulation von Kapital sondern freies Unternehmertum.

    Und damit sind wir bei Hayek. Dass Hayek zunächst mal die englischen Sozialisten im Auge hatte, ist nichts neues. Und dennoch ist er insofern immer noch aktuell, als dass der „Sozialismus“ immer der Gefahr ausgesetzt ist, den ganzen Menschen zu vereinnahmen, eine volunte generale zu postulieren und sich somit mir nichts dir nichts auf eine schiefe Ebene in die „Knechtschaft“ zu begeben.

    Dass man ihn „streichen“ sollte? Das lässt vermuten, dass der Autor ein Problem mit ihm hat.

    Nicht mein Problem. :-)

  3. Schön wenn es so einfach wäre
    Totalitarismus = Vernichtungswille. Wenn das so wäre könnten wir voll Vertrauen sagen das demokratische Amerika wird eine Pervertierung der NSA ins Totalitaristische nach obiger Gleichung nicht zulassen. Ersparen wir uns doch solch naive Betrachtungen die zwar komplex verpackt getextet sind, die Realität jedoch nicht erfassen.

    Wer global arglose Menschen anderer Länder in Mißachtung der in den jeweiligen Ländern geltenden Rechte einer alle Kommunikations-, Datenverarbeitungs- und elektronischen Speichermöglichkeiten umfassenden Totalüberwachung unterzieht handelt kriminell und verbrecherisch. Gleich welche Ziele er verfolgt. Der Totalitarismus der USA besteht darin diese totale Überwachung der Welt aufzuzwingen und damit Rechtsstaatlichkeit zu negieren und die Bürger totalitär zu Objekten zu reduzieren deren freier Wille ohne Bedeutung ist.

    Das kommt der Auffassung Reichsleiter Ley sehr nahe – mit der Ausnahme das die Überwachung durch die NSA auch die Schlafzeit erfaßt. Vernichtungswille hat damit gar nichts zu tun.
    Wer Kollumnen schreibt könnte sich auch kritisch die Frage stellen warum machen die das? Das es eben nicht um den Kampf gegen den Terror geht, zeigt schon die NSA Prioritätenliste welche von der NY-Times publiziert wurde und welche auch durch die FAZ zugänglich gemacht wurde.

    Herr Herack so schön intelektuelle Beiträge anmuten, die sich mit älteren Publikationen beschäftigen deren Inhalt so richtig oder falsch er sein mag, sicher wert ist zur Kenntnis genommen zu werden – am Thema vorbei zu verharmlosen hilft genausowenig wie Panikmache niemand, außer den Tätern. Wir sehen uns dem bedeutensten Angriff auf Freiheit und Demokratie gegenüber, den selbst die Herren Ley, Hitler, Stalin und Mao mit Neid betrachten würden. Dabei geht es nicht im Vernichtung – sondern um Kontrolle zum Erhalt von Macht – auch dies kann totalitär sein.

    • unterscheidung
      in den totalitären bewegungen ging es um die vernichtung der menschen. vor allem aber um die vernichtung aller spuren, die von ihrer existenz zeugten. es war nicht einfach nur morden.

      heute geht es um die total erfassung des menschen. nichts was des menschen ist darf verschwunden sein. das ist so ziemlich das gegenteil dessen.

      mfg
      mh

    • Komplett falsch!
      Der Begriff „totalitär“ ist nicht zwangsläufig ein dynamischer. Er bezeichnet, wie stark invasiv Machtmanifestation in Individuen eindringt. Er ist ein gradueller Parameter. Am perfektesten kann aber Totalitarismus in statischen Systemen umgesetzt werden. Logischerweise. Denn er benötigt ein dichtes technologisches und sozialtechnisches System der Kompletterfassung der Individuen.

      Die faschische Bewegung jedoch schwämmt Menschen in eine Spirale sich steigernder Handlungen. Deshalb ist mit ihr auch kein Staat möglich. Die Nazis brauchten den Krieg, die Aktion, die Steigerung. Eben weil ihnen die totale Kontrolle nach Innen in der deutschen Zivilgesellschaft nicht statisch vollständig gelang, mussten die äußeren Gefahrensituationen, die sie selbst herbeiführten, intensiviert werden.

      Lesen sie mal im Vergleich Orlando Figges „Die Flüsterer“ und die Echolon-Sammlung von Walter Kempowski. Die Gleichschaltung der Menschen, die Homogenisierung ihres Innenlebens gelang in Hitlers 12jähriger Tour de force deutlich weniger als im Stalinismus und Maoismus. Das war die Schwäche des Nazismus. Gemessen aber vor allem an seiner Kürze war dieser freilich das Zerstörerischste und Vernichtendeste, was die Geschichte aufzubieten hat.

      Allerdings kann der totalitäre Staat auch in die eine Vernichtungsdynamik driften (abgesehen von angänglichen, aber Gesellschaft nur partiell betreffenden Zerstörungen bei seiner Errichtung, etwa der Vernichtung von Widerständen), wenn er sich der Bedrohung durch inneren Verfall entreißen will – durch Aggression nach außen.

      Diese Gefahr gibt es heute auch. Nur Ihr Problem, Herr Hayes, ist, dass sie die Gefahr nicht sehen WOLLEN. Die totalitäre Überwachung der NSA ist definitiv im Kern antidemokratisch – und birgt, wenn wir uns nicht wehren, die Gefahr einer diktatorischen Entwicklung. Diese wird angetrieben durch die in unserem entfesselten US-dominierten System, wie es sich seit dem Ende der Systemkonfrontation ausgerichtet hat, immanente Gefahr des inneren Widerspruchs zwischen der Freiheit der Bürger und der der Monopolisten. Das System der Synthese hieß einmal: soziale Marktwirtschaft. Diese wurde aber seit den 90ern beseite gefegt von den Hardlinern des Neo-‚liberalismus‘, die jetzt die Bürgerfreiheit kassieren. Da aber der neue Hardcore-Kapitalismus auch noch, wie der durch soziale Mechanismen eingegrenzte, ideologisch unter dem Deckmantel der Freiheit antrat, muss er so tun, als fördere er Freiheit, die er vernichtet. Es ist gut möglich, dass wir gerade auch sehen, wie der entfesselte Markt und sein politischer hochkarätigster Protagonist, der US-Machtapparat, gerade in die Destruktivität kippen. Seit den 90ern betreibt sein Militärapparat einen Angriffskrieg nach dem anderen. Und jetzt ist er gerade – mit seinen Vasallen – dabei, uns in Richtung eines dritten Weltkriegs zu treiben.

      Sie aber möchten gern der Illusion aufsitzen, eine totalitäre Überwachung, die so viele schöne bunte Icons auf den Überwachungsgeräten unterbringt, wolle doch bestimmt der Bürgerfreiheit dienen.

      Doch um konstruktiv in der Wirklichkeit agieren zu können, muss man sie leider ohne alle Illusionen zur Kenntnis nehmen.

    • nein
      „Sie aber möchten gern der Illusion aufsitzen, eine totalitäre Überwachung, die so viele schöne bunte Icons auf den Überwachungsgeräten unterbringt, wolle doch bestimmt der Bürgerfreiheit dienen.“

      nein. ich möchte nur verschiedene dinge nicht zu einem vermischen und dadurch wichtige begrifflichkeiten aushöhlen, da sich dadurch verschiedene anforderungen in den lösungsansätzen ergeben.

      mfg
      mh

    • Falsch!
      Komplett eliminatorisch war nur der Nazismus, vor allem in Bezug auf die Juden und alles, was er auch kulturell einfach als „verjudet“ behauptete. Er definierte sich auch ausschließlich als ‚endlose Bewegung‘, als ewiger sozialdarwinistischer Kampf. Das heißt: Im Nazismus war die dauernde zerstörerische Dynamik primär, die Totalität der Durchdringung der Individuen jedoch sekundär. (Ein heimlicher Sozialdemokrat, der die Sopade-Berichte fütterte, war weniger in Gefahr aufzufallen als etwa im Stalinismus, solange er in Hitlers Vernichtungskrieg als Soldat funktionierte.) Das Ergebnis solcher Dynamik ist aber zwangsläufig nicht nur der Tod der Anderen, sondern sui generis auch der Selbstmord. Damit ist der NS aber auch ein Unikum. In ihm war das Scheitern als Prinzip schon logisch angelegt; sein triumphaler Gestus betraf nur die apokalyptische Verkündigung, er nähme im Moment des Untergangs dann auch alle andern mit.

      Jeder Totalitarismus, der aber eine, wie freudlos auch immer ausgestattete, staatliche Statik garantieren will, muss ja in den Menschen, aus denen er sich sozial konstituiert, zwangsläufig zumindest diejenigen Eigenschaften bestehen lassen, die systemkonstituierend sind. Die Elimination ist also ’nur‘ eine partielle. Denn auch wenn Menschen nicht alles von sich einbringen können, wenn sie sich öffentlich nur mehr als ‚Werktätige‘ und ‚Genossen‘ präsentieren dürfen, sind sie ja nicht vollständig ‚eliminiert‘. Auch die Erinnerung an sie nicht. Sie ist zurechtgestutzt, reduziert, damit manipuliert, wurde aber nicht komplett ‚gelöscht‘.

      Die Gleichsetzung/Identifizierung von ‚Totalität‘ und ‚Fremdbestimmung‘ mit ‚Dynamik‘ und ‚Zerstörung‘ haut einfach nicht hin, begrifflich ebenso wenig wie empirisch.

      Kommen wir jetzt zum komplettüberwachten Individuum im entfesselten neoliberalen Kapitalismus: Ich bezweifel nicht, dass wir ganz viele, ganz heterogene Eigenschaften haben dürfen, deren Verfielfältigung sogar erwünscht ist, aber nur solange sie einen reinen Icon-Charakter haben, also an der Oberfläche bleiben und sich in Waren ummünzen lassen. Aber es zeigt sich zunehmend, dass das System doch repressiv wird, sobald die gewählten Eigenschaften der Individuen nicht systemisch integrierbar sind, sondern subversiv wirken können.

      Beispiel: Wir dürfen heute alle „Meinungen“ äußern, auch die schrillsten und absurdesten. Denn bloße Meinungen bleiben an der Oberfläche und stören niemand. Sie beleben nur das Geschäft. Aber wie ist das, falls diese sich zu Überzeugungen wandeln, die auch eine operative Auswirkung mit sich bringen können? So traut sich zum Beispiel kaum eine Zeitung mehr, wirklichen investigativen Journalismus zur Schädlichkeit eines Konsumguts zu betreiben, da sie die Schadensersatzforderungen,von potenten Anwaltskanzleien vorangetrieben, in den Ruin treiben könnte. Wie schwer ist es Umweltforschungsinstituten geworden, Ergebnisse kritischer Untersuchungen an die Öffentlichkeit zu bringen? Wie sehr häufen sich potente Hackerangriffe auf unabhängige Forschungsinstitute, deren Resultate stören? Wie wurde eine unbequeme Bewegung wie Occupy angegangen? Warum sind Ed Snowden, Jake Applebaum und Glenn Greenwald als Bürger des „land of the free“ im Exil? Wenn auch mit neuen Mitteln, geschieht hier schleichend Gleichschaltung der Medien, wird Überzeugungsvielfalt im Kern eliminiert, wovon uns aber viele bunte Bildchen gekonnt ablenken. (Wie es auch viele Leser der FAZ zur Medienberichterstattung bei der Krim-Krise beklagen. Die großen Kritiker derzeitiger Westpolitik – und wenn es einflussreiche Politiker der alten Bonner Republik sind, die niemand als Moskau-gesteuert diffamieren kann, ohne sich lächerlich zu machen – kommen in den Mainstream-Medien nicht mehr differenziert zu Wort. Warum? Wer hat den etwas von dieser Einschränkung wirklicher Pluralität? Wer setzt sie durch? Ich vermute: Das Wissen um permanente Überwachung schreckt einfach von der Publikation solcher Ausführungen ab, die einer Zeitung geschäftlich schaden könnten, etwa, indem einflussreiche Leute so viel deutlicher zu diesem Organ auf Distanz gingen, dass es das Geschäft erschweren und verteuern könnte.)

      Und wir stehen erst am Anfang einer neuen geschichtlichen Phase. Ich meine, wer will, kann erkennen, dass wir es mit einer zunehmend repressiven Entwicklung zu tun haben – und dass der totalitären Überwachung der zunehmend repressive Zugriff auf die Individuen folgen wird. Die Auffassung, totale Zugriffsmöglichkeiten auf die Subjekte würden geschaffen, um nicht genutzt zu werden, halte ich für naiv. Ich glaube keinem, der ein Gewehr auf mich richtet, er habe nichts weniger im Sinne, als zu schießen. Wozu braucht er denn dann das Gewehr?

      Sie gehen leider nicht differenziert auf meine Argumentation ein, sondern halten sich nur an eine terminologischen Verknüpfung, die ich für nicht tragbar halte. Und ich vermute, dies geschieht deshalb, da sie unsere derzeitige Realität gerne positiver sehen möchten, als sie ist, weil die Wirklichkeit doch etwas beunruhigend ist.

    • irrelevant
      es ist nicht relevant ob die medien gleichgeschaltet sind und es ist auch kein argument, dass ich die dinge positiv sehe, weil ich ihnen eine unterschiedliche ideologie zuordne.

      es geht im kern um die frage, ob wir hier vor etwas vollkommen neuem stehen (meine aussage) oder uns bereits im totalitarismus befinden (ihre aussage).

      sie werden mir nachsehen, dass ich davon ausgehe im recht zu sein (so wie sie das für sich auch in anspruch nehmen). nur werte ich dieses neue noch nicht, denn wenn es neu ist, ist es noch nicht geklärt wie es sich verhalten wird.

      mein kompromissvorschlag war, dass wir von einer totalen durchdringung sprechen, nicht aber vom totalitarismus. das wird beiden seiten gerecht, lässt uns verbal aber noch spielraum für den fall, dass wir diesen benötigen.
      man sieht ja u.a. an der sogenannten netzgemeinde, wie sprachlos diese seit den enthüllungen von edward snowden ist… weil sie ihre stasivergleiche und sonstigen bedrohungen schon beim thema vorratsdatenspeicherung verworfen hat. diesen fehler sollte man sehenden auges innert so kurzer zeit sicher kein zweites mal tun.

      mfg
      mh

    • Sie betrachten das an der Realität vorbei.
      Natürlich verschwinden die gespeicherten Daten der Menschen – sie verschwinden in den Speichern der NSA / Co. Auftauchen werden sie nur wenn diese Institution und ihre Partner dies wünschen – wenn sie also Informationen verwenden möchten. Für welches Ziel auch immer. Nicht einmal der Betroffene Datenemmittent hat darauf Zugriff. Das Sprichwort: „Wissen ist Macht“ it Ihnen sicher geläufig. Niemand würde Milliardenbeträge aufwenden um diese Datenmassen zu speichern und nicht zu nutzen. Fragen Sie sich nicht warum?
      Man kann diese Bedrohung von Freiheit und Demokratie natürlich schönreden – als nicht totalitär erklären weil das Wort so unangenehm klingt, daß man begreift keine Entschuldigung mehr zu haben sich nicht dagegen zu wehren – die Jahre 1933 bis 1945 quälen da noch das Bewußtsein mancher Bürger, gepart mit der Frage: „Warum habt Ihr Euch nicht dagegen gewehrt?!“
      Weil es doch unsere lieben Freunde waren – die Briten und Amerikaner?
      Weil die Kanzlerin so schöne, artige Fingerfiguren machte?
      Weil wir Pofalla gelglaubt haben?
      Weil wir nicht wußten wie sich das entwickeln wird.
      Legen wir eine Denkpause ein und gestehen wir uns ein
      wir wissen nicht ob die Fahnen in Zukunft diese oder jene Farbe tragen – aber wie diese Geschichte ausgeht ob der Weg zu mehr Freiheit und Demokratie führt oder zu weniger Freiheit und Demokratie – DAS wissen wir durchaus.

    • Nö Herr Schmitt, WISSEN tun wir erst mal nichts.
      Und ob die Demokratie in Gefahr ist, werden wir sehen. In den fünfziger und sechziger Jahren öffneten Geheimdienste jeden verdammten Brief, der zwischen dem Ostblock und einem Bundesbürger gewechselt wurde. Das wusste damals keiner, es kam erst später heraus, den Demokratisierungsschub der sechziger und siebziger hat das nicht aufgehalten.

      Es gibt gute Gründe, die Sammelwut der Geheimdienste drastisch zu beschneiden. Weshalb ich entschieden dafür bin. Aber die Demokratie oder die Freiheit sind längst weit stärker durch ihre Träger selbst, die Bürger freier Staaten, bedroht, als durch Geheimdienste.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  4. Ein Kolumne wie ein Versicherungsvertrag
    Das wichtige steht im Kleingedruckten. Artikel basiert auf einer Definition die aus dem stillen Kämmerlein des Autors kommt: Totalitarismus = Diktatur + Vernichtungswillen.

    Mich interessiert ehrlich gesagt nicht ob es eine schlimme Dikatur, eine schlimmere Diktatur oder die allerschlimmste Diktatur ist, die uns droht – ich möchte das alles nicht und interessiere mich mehr dafür wie wir das drohende Unheil VERHINDERN. Anstatt es zu relativieren.

  5. Wohlstandsabhängig
    Beim jetzigen Wohlstands- und Friedensniveau in Deutschland zeigt sich die Wissensmacht des staatl.-industriellen Komplexes für den Einzelnen nicht. Grundsätzlich ist Information über Menschen immer Macht, man könnte somit heute schon von einer noch nie dagewesenen Machtkonzentration sprechen. Der Einsatz einer solchen Macht wäre für den Einzelnen in seiner Auswirkung sicher gut als „kafkaesk“ charakterisiert, d.h. der Betroffene wird nicht wissen, wie ihm geschieht und die Mitmenschen werden völlig blind sein.

    Das Ganze entfaltet aber erst seine volle Wirkung, wenn für den Staat und die Konzerne eben nicht mehr alles „wie am Schnürchen“ läuft. Die Menschen werden deshalb auch erst dann anfangen, eine natürliche Resistenz gegen die informationelle Allmacht zu entwickeln, wenn der Wohlstand fällt oder sich neue, große Konflikte ergeben. In anderen Ländern ist dies ja schon zu beobachten.

    • Das wird diesmal zu spät sein
      Weil es in absehbarer Zeit genügend Drohnen gibt, wird es nicht mehr notwendig sein, (unberechenbare) Bürgerkriege vom Zaun zu brechen. Stattdessen kann die Protestbewegung, falls sie außer Kontrolle zu geraten droht, bequem von wertfrei tötenden Maschinen „befriedet“ werden.

      Wahrscheinlicher ist aber das gezielte Kompromittieren der Rädelsführer oder die gezielte Stimmungsbeeinflussung bevor die Empörung überkocht – mit big data sieht man ja alles schon kommen, bevor es tatsächlich geschieht: „Folgende Produkte könnten Sie interessieren.“ oder heute „Gönnen Sie sich etwas.“

  6. Hayek war einer der größten Denker der Menschheit. Sie, Herr Herack, sind das nicht.
    Und zwar meilenweit nicht.
    Ich empfehle Ihnen, lieber nichts zu veröffentlichen, statt dies zu tun und sich öffentlich zum geistigen Hanswurst zu machen.

    • Titel eingeben
      ihre argumente sind schlagend. beim nächsten mal vielleicht auch treffend?

      mfg
      mh

  7. Zweifelhafter Totalitarismusbegriff
    Wenn hier als Merkmal des Totalitarismus behauptet wird, er habe prinzipiell einen expansiven Bewegungscharakter und sei universell auf vollständige Zerstörung ausgerichtet, dann reduziert sich die Betrachtung alleine auf die Nazi-Ideologie. Diese war in der Tat entfesselt, absolut eliminatorisch – und das meint auch: sui generis suizidal. Das heißt: Mit Hitler war definitiv kein Staat zu machen, da seine Zerstörungswut auch das von ihm absolutierte Kollektivsubjekt der ‚Germanen‘ miteinschloss.

    Das gilt aber nicht für den Stalisnismus: Er war durchaus in der Lage ein starres Gefüge statisch aufrechtzuerhalten und nach außen zu verteidigen. Erfolgreicher darin war sogar noch Maos Volksrepublik China. Beide zerstörten gnadenlos, was sich nicht in das hegemoniale Gebilde einfügen ließ, nicht aber dessen Basis an sich.

    Aber ist der Begriff „totalitär“ überhaupt einer, der die Statik eines Machtgefüges beschreibt? Dieses leistet doch eher der Begriff „Diktatur“, der die Undurchlässigkeit der autokratisch legitimierten Macht bezeichnet. Die „Diktatur“ bildet den Gegenpol zur „Demokratie“; der Begriff „totalitär“ drückt dagegen den Willen der Macht aus, sich grenzenlos, eben total und dadurch invasiv in den unteworfenen Subjekten zu manifestieren. Macht setzt dann nicht nur mehr auf die (eventuell autokratisch erfolgende) Implementierung von Regeln (Gesetzen), sondern richtet die Subjekte so zu, dass sie im Denken, der Kommunikation und im Handeln gar nicht anders agieren können als im Sinne der Macht zu. (Ob die diktatorische und totalitäre Macht ganz auf ein Kollektiv- oder ein Einzelsubjekt ausgerichtet ist, halte ich dagegen für nebensächlich. Oft verkörpert das im Heldenkult verehrte Individuum nur sichtbar ein Kollektivsubjekt.)

    Um zur digitalen Überwachung zurückzukommen: Diese ist invasiv, sie zielt auf die Kontrolle des Denkens, Fühlens und der gesamten Kommunikation der Subjekte durch Verschmelzung mit staatlicher Exekutivmacht. Wer in der US-Politik das Zusammenspiel von staatlicher Exekutive, IT-Konzernen und Privatfirmen (wie Blackwater), die bereits jetzt zunehmend Exekutivaufgaben übernehmen, betrachtet, sieht bereits jetzt, dass das in gesetzlichen Regelwerken und dem öffentlichen Diskurs abgebildete und vermittelte Modell politischer Macht nicht mehr mit der Binnenstruktur der realen Machtbasis entspricht. Der Zugriff der Macht auf die ihr unterworfenen Subjekte hat sich in einer Weise ausgedehnt, die dem vertraglichen Regelwerk zwischen Bevölkerung und Regierung, der US-Verfassung, im Kern widerspricht. Dies gilt noch mehr für Europa: Obgleich die Folgen des Handelns der US-Exekutive uns nicht minder treffen als US-Bürger (eher mehr, sofern militärische Aktionen gemeint sind), behandelt uns die Machtzentrale des ‚Bündnis-‚ und ‚Vertragspartners‘ als lebten wir in einem rechtsfreien Raum. Die Totalüberwachung aller Bürger und ihrer Regierungsinstitutionen hat bewirkt, dass die fremde, von uns in keiner Weise beeinflussbare US-Machtbasis entscheidender für das exekutive Handeln unserer Regierung ist als die Überzeugungen ihrer Bürger.

    Inwiefern ist aber dann unsere Gesellschaft noch demokratisch? Das Denken all ihrer Bürger, ihr gesamtes geistiges Eigentum und die politische Kommunikation von Bürgern und Politikern liegen dem fremden Hegemon zum freien Zugriff vor. Nun soll aber Demokratie dadurch bewahrt werden, dass marktwirtschaftliche Prozesse im Kern auch demokratisch sind, weil ja der Bürger immer noch als Kunde entscheidet? Wie naiv ist das? Wendet sich der Spähapparat nicht gerade gegen unsere ökonomische Basis? Ist es nicht bezeichnend, dass der bis in die 90er Jahre verwendete Begriff der „Vokswirtschaft“ verschwunden ist und stattdessen eine „freie Marktwirtschaft“ nur mehr eine solche ist, die entfesselten Monopolen unbegrenzte Handlungsoptionen garantiert? Ist etwa eine freie Marktwirtschaft eine, in der der Kunde verdonnert wird, genveränderte Produkte und Chlorhühnchen zu essen, weil eine von den Bürgern gewünschte Etikettierung der Produkte gegen die ‚freie‘ Profitdurchsetzung der muskulärsten Monopolisten wäre? Auf welchen Hund ist denn unser Freiheitsbegriff gekommen?

    Fazit: Eine komplette Überwachung ist totalitär – es sei denn, man möchte diesen Begriff ebenso im Neusprech des Neo-‚Liberalismus‘ verkehren wie den der Freiheit. Und ja, totalitäre Steuerungsmechanismen sind nicht vereinbar mit einem demokratischen Staatswesen. Die Frage ist halt nur: Wie lange wird sich die Fiktion von Demokratie halten? Vermutlich, wenn man sich die derzeitige geopolitische Krisenentwicklung in Europa anschaut, nicht mehr lange. Im Krieg befindliche und staatlich zerfallene Gesellschaften bedürfen nur in der Phase der Aufrüstung der Propaganda, damit das Publikum nicht die Notbremse zieht. Selbst die Nazis brauchten die Propaganda nicht mehr, sobald der Krieg endlich ein totaler war (-auch wenn Goebbels sie aus lauter Gewohnheit bis zum bitteren Ende betrieb); die Gewalt, nach innen wie außen, war sichtbar an ihre Stelle getreten.

    Wir wollen da nicht wieder hin, nicht wahr? Aber wir haben zunehmend die Geschichte nur mehr rituell beschworen, statt wirklich studiert. Es ist kein Zufall, dass nach der Enthüllung der totalen Ausspähung durch die NSA sich die Konfrontation mit Russland so rasch zuspitzte. Ein Schelm, wer sich dabei Böses denkt. Wir sollten es aber. Noch können wir, die Bürger, die Notbremse ziehen, ehe es zu spät ist. Vielleicht ist es aber schon zu spät und die Katasptrophe wird sich unaufhaltsam über uns wälzen. Dann aber sollten wir erst recht in Massen auf die Straßen gehen und sichtbar zeigen, dass das, was auch immer geschieht, nicht in unserem Namen passiert, falls es in Richtung eines Krieges geht.

    Oder wollen wir wieder die nächsten drei Generationen psychisch und physisch mit Traumata, Verheerungen und Schuldkomplexen belasten, weil wir zu feige waren, die richtige Fla

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      eigentlich möchte ich ihren beitrag gerne unkommentiert lassen, da er recht gut die gegenseitige ansicht zu meinem darstellt. eine sache muss ich jedoch ergänzend hinzufügen:

      unter stalin wie auch hitler wurden die menschen nicht einfach nur getötet. es wurde ihre existenz vernichtet, im wahrsten sinne des wortes. da stand stalin im gegensatz zu hitler in nichts nach. alles, was auf einen menschen hinweisen konnte, wurde aus der welt genommen. die angehörigen konnten nicht einmal erfahren ob der/die inhaftierte noch lebte oder nicht. wenn informationen darüber nach außen (aus den lagern) drangen, hatte dies konsequenzen für die quellen.

      der ideologische knackpunkt ist hier recht deutlich, es ging um vernichtung in einer bis daher und bis dato nicht dagewesenen form. heute läuft ja nahezu das gegenteil dessen ab. es wird alles getan, damit der mensch in der welt ist. es gibt kein entkommen, vor dem in der welt sein. alles wird genauestens protokolliert und das schlimmste verbrechen ist das löschen.

      ich halte das alles ja nicht für harmlos, aber dafür brauchen wir ein neues wort. das ist kein totalitarismus.

      mfg
      mh

    • Habe ich oben drauf geantwortet.
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