Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Thilo Sarrazin und die ökonomische Annexion der DDR

| 35 Lesermeinungen

Die DDR-Bürger wurden ohne Startkapital in ein System entlassen, in dem nur jene eine Chance haben, die besitzen. Die bundesdeutsche Politik hatte 1990 einen wirtschaftlichen Urknall heraufbeschwört.

“Markets are incredibly efficient when everybody is on the same level. Markets become really inefficient when you have a few people who have lots of money and many people who don’t.”

Zum Glück bin ich ein Wostkind: Noch vor der Wende 1989 konnten meine Mutter und ich in den Westen ausreisen, wo mein Vater schon zwei Jahre lang daran hatte arbeiten können, uns eine Existenz aufzubauen. Er arbeitete in einer gut laufenden Firma und daran, seinen Meister nachzuholen und auch meine Mutter fand schnell Arbeit und sollte die nächsten 13 Jahre, die wir dort verbringen würden, immer auch arbeiten. Wir lebten nicht in Saus und Braus, aber uns mangelte es auch nie an Geld. Als ich 16 Jahre alt war konnten wir sogar in ein Eigenheim, ein eigens für uns gebautes Häuschen, einziehen – wie man das in Baden-Württemberg eben so tut. So blieb mir lange, viel zu lange Zeit in meiner gutbehüteten neuen Heimat im Westen verborgen, was in den 90er Jahren, direkt nach der Wende in der DDR passierte. Zwar besuchte ich den Osten, die alte Heimat, regelmäßig, doch als Kind und später Jugendliche hat man einfach besseres zu tun, als einen Fokus auf die Probleme der dortigen Bevölkerung zu legen. Erstens, weil man in diesen Lebensphasen ohnehin eher selbstzentriert agiert und zweitens, weil auch dort die Leute ihren Stolz haben und nie vor uns Kindern die „Jammerossis“ raushängen lassen würden,  als die sie der Rest der Republik eh abstempelte. Zumal ich eben jetzt sozusagen ein „Besserwessi“ war. Ich wuchs also auf ohne ein Gespür und ohne ein Wissen für das, was damals ökonomisch mit der DDR passierte. Was die Wirtschaftsunion und die Währungsunion mit der ehemaligen DDR anrichteten. Erst als ich selbst anfing, politisch aktiver zu werden und mich etwa bei der Grünen Jugend oder Attac zu engagieren, öffneten sich langsam meine Augen für die Lage dort: für die hohe Arbeitslosigkeit, die teilweise stark ausgeprägte Perspektivlosigkeit, das Weggehen der jungen, gut ausgebildeten Menschen, das Fehlen von wirtschaftlicher Infrastruktur – gerade verglichen mit dem properen Baden-Württemberg, in dem ich lebte.

Wie das also klassisch mit den Privilegien ist, die man selbst hat, bleibt man oft eine lange Zeit blind für die Zumutungen, die andere ertragen müssen – selbst wenn es gleich nebenan, im neu vereinigten Deutschland passiert, oder gar in der eigenen Familie. Wenn man dann anfängt, sich mit der wirtschaftlichen Transformation, mit der Treuhand, mit den vielen Hunderttausenden Schicksalen der Arbeitslosigkeit und vor allem auch Langzeitarbeitslosigkeit zu befassen, ist man plötzlich unendlich dankbar, von all diesen Auswirkungen im Grunde verschont gewesen zu sein – man war schon drüben, man war in Sicherheit und baute sich etwas auf. Ich war von den Auswirkungen der damaligen Entscheidungen und Entwicklungen genauso wenig betroffen, wie andere Westdeutsche mit Ostverwandtschaft. Deswegen bleibt mir auch ein Privileg auf immer erhalten: das Privileg, nicht in Verbitterung und Wut erstarren zu müssen, weil etwas durch und durch Ungerechtes mein Leben durchfegte und meine Existenz entwertete, just in jenem Moment, als ich vor lauter Versprechungen und Hoffnung die Glöckchen im nahenden Paradies zu hören begann.

© CC-BY-SA 3.0 von Wknight94 Die Pforte zum Paradies – das Battistero di San Giovanni in Florenz.

Es dauerte eine Weile, ehe es eine Bestandsaufnahme der Rolle der Treuhand-Anstalt, die möglichen Komplikationen und Folgen der Wirtschafts- und Währungsunion – kurz: Eine Aufarbeitung des ökonomischen Anschlusses der DDR an die BRD gab. Die kompletten 1990er Jahre hinweg wurde dies vor allem von Ostdeutschen zu leisten versucht, die mit offenen Augen mitangesehen und auch weitestgehend verstanden hatten, was vor sich gegangen war. Es gab somit schon Berichte zu lesen, veröffentlich etwa im Aufbau-Verlag von Christa Luft (Treuhandreport. Werden Wachsen und Vergehen einer deutschen Behörde. 1992), oder von Wolfgang Seibel in der Politischen Vierteljahresschrift (Strategische Fehler oder erfolgreiches Scheitern? Zur Entwicklungslogik der Treuhandanstalt 1990–1993. 1994). Daniela Dahn griff in ihren Auseinandersetzungen mit den Entwicklungen nach der Wende die Machenschaften der Investoren und der Treuhand-Anstalt immer wieder auf. Und natürlich auch Menschen, die damals am Runden Tisch der DDR zugegen waren, Menschen, die eigene Vorstellungen und Ideen für eine Zukunft der DDR hatten – Ideen, die der Westen mit seiner Macht, seinen Versprechungen und seinem strategischen Kalkül hinwegfegte. Werner Schulz, damals Bündnis 90, heute für die Grünen im Europaparlament, ist einer von ihnen. Aber man hörte meist nicht so recht hin – die Jammerossis eben wieder. Die Undankbaren.

Im Jahr 2012 – also noch vor gar nicht allzu langer Zeit – legte Dirk Laabs ein umfassendes Werk vor, in dem er die Geschichte der Treuhand gründlich recherchiert hatte. Laabs ist 1973 in Hamburg geboren, also ein Wessi, und er hat an der Henry-Nannen-Schule sein journalistisches Handwerkszeug gelernt. Sein Dokumentarfilm „Die Fremden im Paradies – Warum Gotteskrieger töten“ staubte zwei Preise ab. Laabs nennt sich selbst einen investigativen Journalisten. Er arbeitet lange an seinen Projekten, viele Jahre gräbt er sich bisweilen in eine Thematik ein. Für sein Werk „Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand“ hat er mehr als 200 Interviews geführt und ehemalige Beteiligte befragt. Die Dokumentation gibt es als Film zu sehen – derzeit auch bei Youtube (Stand 10. April 2014) und Laabs hat mit den Unmengen an Material, das er gesammelt hatte und das man unmöglich in einem Film unterbringen konnte, ein Buch von 400 Seiten geschrieben, in dem die Geschichte chronologisch erzählt wird, beginnend bei einem Think Tank namens „Freie Forschungsgemeinschaft Selbstorganisation“, der sich noch im Oktober 1989 in einem Garten in Potsdam traf und Erstaunliches austüftelte: Hier entstand die Idee für eine Treuhand, hier wurden viele der späteren Probleme bei der Systemtransformation vorhergesehen. Es sind Leute, die den Widerstand gegen die SED-Diktatur aktiv vorantreiben. Diese Gruppe taucht in Laabs Buch immer wieder auf, sie sind die ersten, die erkennen: Wenn es eine Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus geben soll, dann ist es für die Menschen in der DDR unerlässlich, mit einem Startkapital in das neue System zu starten. Gerd Gebhardt, einer der Protagonisten dieser Runde, sagt im Februar 1990, als die Planungen der Wirtschafts- und Währungsunion schon in vollem Gange sind: „Wenn wir [die] Marktwirtschaft einführen wollen, dann muss natürlich das Volkseigentum zum Kapital gemacht werden, und wir alle müssen Besitzer werden.“ Denn sonst hätten sie in der Marktwirtschaft keine Chance.

© public Domain. Quelle: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002.Henri Rousseau malte in „Le Rêve“ einen Traum, der nur auf den ersten Blick das reinste Paradies zeigt. Bei genauem Hinschauen lauern Löwen und Schlangen.

Am 30. Januar 1990 sagt Michail Gorbatschow, der sowjetische Staatschef, bei einem Besuch des damaligen DDR Ministerpräsidenten Hans Modrow einen Satz von großer Tragweite: „Niemand stellt die deutsche Einheit prinzipiell in Frage.“ Der Satz geht durch die Medien. Was niemand weiß: Bundesfinanzminister Waigel hatte schon drei Wochen zuvor seinen Staatssekretär Horst Köhler damit beauftragt, mit den Planungen einer Währungsunion zu beginnen. Dieser wiederum beauftragte einen gewissen Thilo Sarrazin, dem er erklärt, ab jetzt eine Arbeitsgruppe zu leiten, die das Angebot einer Währungsunion so schnell es geht konkretisieren solle. Das alles solle aber streng geheim bleiben und „keine Papierspuren“ hinterlassen. Klar – dass schon zu so einem frühen Zeitpunkt an einer konkreten Umsetzung gearbeitet wurde, hinterlässt im Nachhinein ein „G’schmäckle“, wie der Schwabe sagt. Sarrazin scheint in seiner Aufgabe voll aufzugehen: Das „Experiment“ schätzt er als teuer ein und möchte natürlich alle nötigen Sicherheiten schaffen, damit es für die BRD nicht mehr Schaden als Nutzen bringt. Doch er ist optimistisch und stellt schon früh heraus, dass Bonn am längeren Hebel sitze und die Kontrolle darüber habe, denn die Einführung der D-Mark sei ein starkes Machtinstrument. Bereits im Januar 1990 hält er fest, dass die ganze Sache aber nur unter einer Bedingung stattfinden könnte: „Die D-Mark kann nur im Austausch gegen einen vollständigen Systemtransfer hingegeben werden.“

Während Sarrazin verdeckt in einem Hinterzimmer die Modalitäten des wirtschaftlichen Anschlusses austüftelt, beginnt im Februar auch das Kanzleramt in ordentliche Bewegung zu kommen. Zuvor noch hatte DDR-Ministerpräsident Modrow den Anschein erweckt, er wolle die Einheit aktiv gestalten. Er und sein Parlament legten Pläne vor und konkretisierten immer mehr ihre Erwartungen. Die Berater Kohls werden nervös davon und drängen ihren Chef, sich „an die Spitze der Bewegung“ zu setzen. Gesagt, getan: In einem Interview beim Wirtschaftsforum in Davos am 03. Februar 1990 erklärt Kohl: „Ich glaube, wir müssen jetzt an die DDR herantreten und einfach sagen, daß wir bereit sind, mit ihr unverzüglich in Verhandlungen über eine Währungs- und Wirtschaftsunion zu treten.“ – Bämm! Karl Otto Pöhl von der Bundesbank ist darüber nicht begeistert. Er hält eine Wirtschaftsunion schon damals für einen volkswirtschaftlichen Wahnsinn. Laabs hält an dieser Stelle fest: „Tatsächlich hat die Bundesregierung der DDR die D-Mark angeboten, bevor sie in Ostdeutschland nachdrücklich auf der Straße gefordert wurde.“ Lothar Späth wird wenig später in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung zugegeben, dass dieses Manöver auf eine „bedingungslose wirtschaftliche Kapitulation der DDR“ hinauslaufe. Laabs unterstreicht: „Die Festung der DDR wird über die Presse sturmreif geschossen.“

© CC-BY-SA 3.0 BundesarchivDuderstadt, Helmut Kohl und Rita Süssmuth auf CDU-Wahlkundgebung

In der DDR beginnt derweil ein Wahlkampf für die erste und letzte freie Volkskammerwahl am 18. März. Der Runde Tisch bittet zuvor noch eindringlich die BRD, sich in diese Wahl nicht einzumischen, doch Kohl ignoriert diese Leute ab jetzt einfach nur noch und macht eine Tournee durch das Land. „Bei Einheit Wohlstand“ skandieren er und seine Anhänger. Wo er hinkommt empfängt ihn frenetischer Jubel. Mit seiner Kampagne hat er Erfolg und die CDU stellt nach der Wahl mit Lothar de Maizère den Ministerpräsidenten. Unbemerkt arbeitet derweil im Auftrag des Finanzministeriums dieser Thilo Sarrazin an seinem Wirtschaftskonzept, das Ende April 1990 nun auch dem Minister der Finanzen der DDR-Regierung, Walter Romberg, vorgestellt wird. Der erinnert sich rückblickend in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung: „Nach der März-Wahl rechneten wir in der Regierung de Maizière noch mit etwa zwei Jahren bis zur deutschen Einheit. Das wäre ein Zeitrahmen gewesen, in dem man hätte vernünftig diskutieren und gestalten können.“ Und auf die Frage, warum man das dann nicht gemacht habe, antwortet er: „Zum Beispiel weil uns Herr Waigel unter Druck gesetzt hat. Alles oder nichts. Wir geben euch kein Geld, wenn ihr uns nicht die Souveränität über die Währung abtretet und unser Wirtschaftskonzept übernehmt.“

Dirk Laabs zeichnet auf den nun folgenden über 300 Seiten nach, wie ein Kampf um wirtschaftliche und politische Vormachtstellung in der DDR auf und hinter dem Rücken der Bevölkerung des Arbeitstaates ausgetragen wird. Noch immer versuchen zwar die Beteiligten des Thinks Tanks, der Runde Tisch und Volksvertreter der DDR, ihre Ansichten, ihre Visionen und ihre Bedenken in die Waagschale zu werfen und weisen darauf hin, dass man in einer Marktwirtschaft nur Bürger sein könne, wenn man auch Eigentum besitze und dass deswegen der Übergang eines Systems, in dem die Bürger nichts und gleichzeitig alles besäßen – denn es ist ja „Volkseigentum“ – unglaublich diffizil sei und mit sehr viel Bedacht geplant und vollzogen werden müsse. Doch es werden längst Tatsachen geschaffen, die all diese Anliegen unterwandern und beiseite fegen. Noch bevor ein Treuhandgesetz verabschiedet wird, und zwar natürlich nicht in der Form, wie es von DDR-Vertretern erarbeitet wurde, sondern eines, das man in Bonn erarbeitet hatte, begannen windige Geschäftsführer von DDR-Staatsunternehmen und damit Monopolen, ihre Geschäfte mit Westfirmen zu machen. Vorbei an der ab 1. Juli erst eingesetzten und ab Mitte Juli erst arbeitsfähigen Treuhand, vorbei an der Bevölkerung der DDR und zum großen Nutzen der West-Investoren und –Unternehmen. Die Deutsche Bank etwa konnte ein Spitzengeschäft mit der ehemaligen Staatsbank der DDR abschließen.

https://www.youtube.com/watch?v=4lqPEIXhBwc

Alles arbeitet währenddessen auf die kommende Währungsunion hin: Sarrazin fasst diese Phase später für sich selbst zusammen: „Ich war kein Getriebener, ich war Treibender. Und zwar deshalb, weil ich mit dem mir angeborenen Maß an Zynismus und Kälte plus Sachverstand plus intensiver Sachbeschäftigung ganz klar und ohne Wunschdenken gesagt habe, wie es weitergehen würde.“ Die Gene eben – typisch. Sarrazin ist der „Macher“, bis zur Unterschrift sei ohne ihn kein Schritt gelaufen. Sein kühler Sachverstand und sein Zynismus sahen daher in den Folgen der ab 01. Juli 1990 eintretenden Währungsunion keine weiteren Probleme. Bis heute gilt der Tag, an dem die D-Mark in die DDR kam, als ein reiner Tag der Freude – wer sich nicht darüber freuen mag, ist ein undankbarer Jammerossi (auch wenn diese Beschreibung für einen Bundesbank-Chef ungewöhnlich wirken könnte – aber der hat eben einfach etwas nicht richtig verstanden). Sarrazin will schnell sein: „Als das dann erledigt war, die Treuhand existierte und unsere Überlegungen aufgegangen waren, habe ich gesagt: Jetzt wickeln wir das ganze Zeug möglichst schnell ab.“ Ab 00:00 Uhr am 1. Juli ist die D-Mark in der DDR angekommen und die Treuhand nimmt offiziell aber nicht tatsächlich ihre Arbeit auf. Jedenfalls gehören alls Fabriken und Firmen des Landes nun ihr. Aber sie braucht noch etwas, ehe sie arbeitsfähig ist, eingerichtet, besetzt.

Neun Tage nach der Währungsunion hat die DDR doppelt so viele Arbeitslose, als vorher. Was ist da nun passiert? Es hilft zu verstehen, dass man vor der Einführung der D-Mark für 1.000 Mark Ost etwa 200 DM bekommen hat. Das wirkte sich nun vielfach auf die Lage der Wirtschaft in der DDR aus: Zum einen brachte die Währungsunion die DDR-Firmen in die missliche Lage, ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch die 1-zu1-Umstellung nun das vier- bis fünffache an Lohn und Gehalt zahlen zu müssen, als vorher. Zum anderen wurden auch die Herstellungskosten für Produkte 1-zu1 umgerechnet und stiegen um den gleichen Faktor. Man konnte aber den Verkaufswert nicht um diesen Faktor anheben – die ausländischen Abnehmer wollten ja gerade die Billigprodukte aus der DDR, die davor vor allem den Wettbewerbsvorteil hatte, ein Billiglohnland zu sein. Quelle kaufte hier Kühlschränke, die man als „Privileg“ vertrieb. IKEA ließ, wie jüngst bekannt wurde, hier Billy zusammenbasteln. All das fiel auf einen Schlag weg. Die Exporte brachen ein, das Personal wurde unbezahlbar. Und gleichzeitig verfünffachten sich die Schulden er Unternehmen. Denn es war so: In der DDR musste ein Unternehmen, das Investieren wollte, Schulden bei der Staatsbank machen. Die Umsätze aber waren an den Staat abzuführen, schließlich waren es ja „volkseigene Betriebe“. Eine zugegebener Maßen dämliche Konstruktion. Es gibt, wie es selbst die optimistischeren Analysten voraussagen, einen „wirtschaftlichen Urknall“ – er wird für die Wirtschaft der DDR verheerende Folgen haben.

© CC-By-SA 3.0 Bernd SettnikHelmut Kohl, Lothar de Maizière stoßen auf den Einigungsvertrag an

Im Grunde ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, als die Treuhand ihre Arbeit aufnimmt. Doch auch jetzt gibt es noch einige Betriebe zu privatisieren – oder abzuwickeln. Detlev Karsten Rohwedder wird zweiter Chef der Treuhand, nachdem sein Vorgänger wegen unreiner Weste bald abgesetzt war. Er ist ein erfahrener Manager und er ist an diese undankbare Aufgabe mit dem gutem Willen herangegangen und hat nach bestem Wissen und Gewissen versucht, sie auszuführen. Das Energiekombinant der DDR will sich ein Dreierkartell aus dem Westen krallen, Preussen-Elektra, RWE und Bayernwerk, die Hotelkette „Interhotel“ will der westdeutsche Investor Steigenberger sich schnappen und die DDR Fluglinie Interflug ist im Visier der Lufthansa. Doch Rohwedder will echten Wettbewerb in der DDR etablieren – er will aus den Staatsmonopolen des Sozialismus keine neuerlichen, diesmal halt kapitalistischen Monopole machen. Weil er gleichzeitig aber auch die undankbare Aufgabe hat, unrettbare Firmen und Betriebe abzuwickeln, ist seine Anstalt bald der Sündenbock für allen Unmut in der DDR, die wirtschaftlich bergab rast und gleichzeitig an der Treuhand vorbei ausgenommen wird. Die Leute demonstrieren gegen sie, laufen Sturm vor Rohwedders Büro und verstehen nicht, als dieser ihnen erklärt: „Nur die dümmsten Kälber wähl’n sich ihre Metzger selber.“ Sie wollen Geld sehen, sie wollen unbedingt weiter die Hoffnung haben können, den versprochenen Wohlstand zu erleben – und für diese Hoffnung steht der Westen, der bei ihnen nun in Person der Manager auftritt, die ihre Firmen kaufen wollen. Das Stromnetz geht an das westdeutsche Dreierkartell, Interhotel an Steigenberger, Interflug wäre beinahe an die Lufthansa gegangen, die gerne auch den Flughafen Schönefeld gehabt hätte, – die Verkehrsminister hatten sich hier eigens eingemischt, damit der Deal klappt – doch da schritt das Kartellamt ein. Interflug wurde schlicht aufgelöst. Der Metallurgiehandel geht an Thyssen, die IFA nach langen Verhandlungen, in denen der Preis stetig sinkt, an Mercedes Benz – die westdeutschen Unternehmen wissen, dass sie nur lange genug warten müssen, weil der Druck und die Erpressbarkeit der Ost-Firmen stetig steigen. Tengelmann macht aus dem Staatsmonopol der HO in Schwerin ein Tengelmann-Monopol und bestimmt in der ganzen Stadt die Preise. Daneben gibt es ein paar Skandale, weil nicht alle Treuhand-Mitarbeiter so gewissenhaft sind, wie Rohwedder, der bei einem Attentat 1991 ermordet wird. Da ist der Fall der VEB Wärmeanlagenbau (WBB), da ist der Fall um den Aufbau-Verlag, das Kombinat Schiffbau, die Sache mit der Elbo-Baugruppe und schließlich die Geschichte mit der Leuna-Affäre. Daneben gibt den großen Skandal in Halle an der Saale, in dem 70 westdeutsche Unternehmer sich bei der Sparkasse in Halle an der Saale vermittels einer Firma namens KFP Kredite von überforderten Mitarbeitern holen. Man plündert, was man kann – die DDR ist wie es scheint durch die Währungsunion und mit der Treuhandanstalt ein ökonomisch rechtsfreier Raum geworden.

All diese Geschehnisse sind in meiner Realität lange verborgen gewesen. Sicherlich nicht ohne Grund: Wenngleich die Leuna-Affäre ein Begriff ist, den ich ebenso wie den Begriff „Treuhand-Anstalt“ im Ohr klingen habe, da beide in den Nachrichten der 90er Jahre eine Zeit lang Dauerbrenner waren – mir war nie klar, welche Zusammenhänge diese „Anstalt“ und die „Affären“ mit der Geschichte unserer tollen Vereinigung hatten. Zwar ging mir schon früh auf, dass die Rolle Helmut Kohls im Jahr 1990 eine sehr ambivalente war, dass er sich eben gerne selbst rühmte und feierte und – wie schon gesagt: An die „Spitze der Bewegung“ setzte. Aber dass die bundesdeutsche Politik derart skrupellos und über die Interessen der DDR hinweg einfach nur ihr Ding gemacht hatte, in rasender Zeit etwas durchgezogen hatte, was bei genauerem Betrachten eine viel längere Vorbereitungszeit gebraucht hätte – all das habe ich sehr spät herausgefunden. Es mag auch daran liegen, dass man im Westen schlicht nicht betroffen war, dass die Privilegien nicht angerührt – nein, auf eine gewisse Art sogar erweitert wurden, in diesem innerdeutschen Goldrausch, der Anfang der 1990er im Osten des Landes stattfand.

 

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35 Lesermeinungen

  1. Der schwerste Fehler, den Frau Rönicke klar benennt, hat überhaupt nichts mit Masterplänen,
    Ausplünderung oder Sarrazin zu tun: Es war die 1:1 Umstellung der Währung der DDR, für die das reale Umtauschverhältnis (1:5) hier in seltener Klarheit benannt wurde.

    Interessanterweise, und das habe ich aus erster Hand, war gerade diese Umstellung auch die Handlung von Menschen, die sich getrieben fühlten. Im CDU Präsidium wie im kleinen Kreise der Einheitsgestalter war die vorherrschende Pberzeugung, dass ein anderes Umtauschverhältnis den Ostdeutschen nicht zumutbar sei und zur Massenflucht aus dem Gebiet der DDR führen würde.

    Keine Ahnung, ob das richtig war. Aber in einer Mediendemokratie kann man nur selten das machen, was vernünftig ist, selbst wenn es mittelfristig den Interessen der Menschen zuwiderläuft.

    Zum Rest des Artikels nur zwei Anmerkungen: Revolutionen bringen es mit sich, dass die Erwartungen der Revolutionäre fast immer enttäuscht werden, die in der DDR ist dafür eines der historisch glimpflichsten Beispiele. Und wenn man einem anderen Staat beitritt, der deutlich grösser, mächtiger und reicher ist, dann diktiert dieser die Bedingungen. Was Frau Rönicke vergessen hat, zu erwähnen, ist die Alternative.

    Die DDR hätte nicht beitreten müssen, es gab keinen Zwang ausser den Erwartungen der Bevölkerung! Und diese Erwartungshaltung alleine der „Einmischung“ von Kohl zuzuschreiben ist zum einen Unsinn. Und verkenntn zum anderen den Faktor Zeitdruck. Kohl, Teltschik und Schäuble waren alle der Überzeugung, ein verdammt schmales Zeitfenster zu haben, um die deutsche Einheit sicher in trockene Tücher zu bringen. Zu einem Zeitpunkt, als in der DDR noch ein Dutzend sowjetische Divisionen stand. Wie knapp es war bzw. Hätte werden können, demonstrierte der nur um Sackhaaresbreite schiefgegangene Putsch in der Sowjetunion, der diese in eine Militärdiktatur verwandelt hätte …

    Dass der gesamte Vereinigungsprozess für die Menschen der DDR ungewöhnlich schmerzhaft war, ist hoffentlich jedem klar. Die eigentliche Frage lautet, ob es unter den damaligen Rahmenbedingungen eine wirklich grundsätzlich andere Alternative gab. Meine Antwort darauf lautet nein.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Die DDR war eben NICHT "pleite"
    Staaten und Volkswirtschaften als Ganze gehen nicht „pleite“. Die Aussage, die DDR sei „pleite“ gewesen, hat nur polemischen Wert.
    .
    Richtig ist, dass sich die staatliche Zentralverwaltungswirtschaft der DDR als innovations- und wachstumsschwach erwiesen hatte und die bescheidenen Zuwächse an Lebenstandard zwischen 1965 und 1990 weitgehend über den Verbrauch der Substanz bzw. Auslandsschulden finanziert wurden.
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    Doch in absoluten Zahlen war die Verschuldung längst nicht so dramatisch, wie viele in Erinnerung haben. Da sind wir heute doch ganz andere Summen gewöhnt.
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    Richtig ist wohl, dass eine Umwandlung zur Marktwirtschaft so oder so hätte kommen müssen. Das hat offenbar auch die Potsdamer Gruppe im Oktober 1989 bereits so gesehen. Die Frage war aber nur, wie dieser Wandel stattfinden würde und vor allem WER dabei die Oberhoheit ausüben wurde.
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    In einer souveränen (oder auch nur wirtschafts-souveränen) DDR wäre die Durchsetzung des Grundsatzes „Rückgabe vor Entschädigung“ kaum mehrheitsfähig gewesen. Ob die Rückübereignungen historisch gerecht waren, darüber kann man streiten. Dass sie die wirtschaftliche Erholung behindert haben, steht jedoch fest.
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    Alles in allem kann man die ökonomische Wiedervereinigung wohl am ehesten als „feindliche Übernahme“ charakterisieren. Die nun einmal etwas anderes ist als eine gleichberechtigte Fusion. Ganz simpel: Wenn sich die Bundesregierung Kohl zwischen dem Profitinteresse westlicher Investoren einerseits und den Strukturerhaltungswünschen der welken Ost-Landschaften andererseits entscheiden musste, dann zogen die letzeren immer den kürzeren.

    • Meine Erinnerung an die Vereinigungszeit ist noch ziemlich gut und ich hatte damals einen
      „Logenplatz“. Wie hiess noch einmal die Partei, die damit Wahlkampf gemacht hat, der DDR die mindestens 10 Jahre für Anpassungsprozesse zu lassen und ihr währenddessen jährlich hohe zweistellge Milliardenbeträge zur Verfügung zu stellen, um zumindest einen Teil ihrer Bevölkerung im Land zu halten?

      Richtig – die gab es nicht. Die Vorwürfe an die Regierung Kohl sind ausserordentlich billig. Vom Kirchturm kommend und die zahllosen aussenpolitischen Gefahren vollständig ausblendend.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Natürlich können Staaten pleite gehen
      Staaten mit Auslandsverschuldung in fremder Währung sind pleite, wenn sie diese Schulden nicht bedienen können. Staaten, die auf Importe angewiesen sind, sind pleite, wenn sie diese Importe nicht bezahlen können. Staaten deren Infrastruktur altert, sind pleite, wenn diese Infrastruktur (Häuser, Straßen, Brücken, Kanäle, Kraftwerke, Eisenbahnen) ihren Geist aufgibt.

      Die DDR war pleite.

    • Staaten, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können
      Kriegen dann trotzdem wieder neue Kredite, man nennt es „Umschuldung“.
      Ggf. gibt es auch einen „Haircut“ und danach geht alles wieder von vorne los.
      Staaten haben immer Kredit, weiss der Teufel warum.
      Da gibt es in der Weltgeschichte weitaus drastischere Beispiele als die DDR.

    • Im Falle der DDR ging es nie um die Bedienung von Schulden.
      Die DDR war in dem Sinne pleite, dass sie in mindestens den letzten 10 Jahren ihres Bestehens in allen Bereichen, Betrieben, Haushalten etc. Nicht einma mehr den Bestand sichern konnte, sie lebte von der Substanz.

      Ohne die Einheit und die mit ihr erfolgenden Transfers von West nach Ost hätten sich die Einwohner der DDR für einige Jahre auf Drittweltniveau einrichten müssen, wie es u.a. die baltischen Staaten klaglos getan haben.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  3. Aber was wäre eine wirklich bessere Alternative gewesen?
    Der Artikel tut so, als sei die wirtschaftliche Pleite der (Ex-)DDR durch die Währungsunion verursacht worden. Falsch! Die DDR war schon Jahre vorher de facto pleite, das hätte auch eine andere Währung nicht geändert. Ebenso war die Umwelt ruiniert und viele Bausubstanz im absoluten Verfall, denn die DDR-Wirtschaft hatte zur Schönung der Ergebnisse Umwelt und Bausubstanz verfrühstücken müssen.

    Jetzt zur nicht-existenten Alternative: eine eigene Währung hätte die DDR wettbewerbsfähig gehalten, aber wegen der enormen Produktivitätsunterschiede *nur*, wenn innerhalb des wiedervereinigten Deutschlands über mindestens ein Jahrzehnt hohe *Real*-Lohnunterschiede hätten toleriert werden können. Die Löhne hätten nominal gleich hoch sein können, also mit gleichen absoluten Beträgen in D-Mark und Ost-Mark (etwa 1000 DM versus 1000 Ost-Mark), aber der Wechselkurs (1:5, 1:10?) hätte bedeutet, dass die Ostlöhne real nur ein Fünftel oder ein Zehntel wert gewesen wären. Denkt die Autorin, dass man das hätte tolerieren können? Wären die Menschen nicht ebenso abgewandert, außer man hätte die Mauer behalten?

    Fazit: Die Wiedervereinigung ist ohne eine riesige wirtschaftliche Demütigung der alten DDR und ihrer Bewohner gar nicht denkbar. Das haben nicht Herr Sarrazin zu verantworten und nicht Herr Kohl, sondern Lenin, Stalin, Ulbricht, Honnecker und Co. Es scheint, dass man auf Journalistenschulen schönes Schreiben lernen kann (der Artikel ist wirklich gut geschrieben), aber Wirtschaft scheint man dort wirklich nicht zu lernen.

    • Fünf mal höhere Reallöhne im Westen?
      Um solche Statistiken zu glauben, muss man wohl BWL studiert haben.
      .
      Tatsache ist doch, dass der Reallohn von Niedrigqualifizierten oder Industriearbeitern auch im Westen nie allzu weit über dem lag, was man für Miete, Nahrung, Kleidung etc. halt so brauchte. Und dass nicht nur die Löhne in Dessau oder Schwedt niedriger waren als in Stuttgart oder Nürnberg, sondern auch die Mieten und alles andere.
      .
      Zur Massenabwanderung wäre es schon darum nicht gekommen, weil längst nicht jeder Abwanderungswillige eine gut bezahlte Arbeit gefunden hätte.
      .
      Menschen sind auch keine Robots, die immer dem höchsten erreichbaren REallohn hinterherhecheln. Aller ERfahrung nach nehmen sie auch niedrigere Löhne in Kauf, solange sie a) ihre Existenz aufrecht erhalten können und b) auf künftige Lohnsteigerungen hoffen können. Beides wäre in einer wirtschafts-souveränen DDR womöglich der Fall gewesen.
      .
      Wovor Menschen sich am meisten fürchten, ist nicht der Konsumverzicht, sondern die Arbeitslosigkeit.

    • Alle transportierbaren Güter hätten den gleichen Preis gehabt
      „Und dass nicht nur die Löhne in Dessau oder Schwedt niedriger waren als in Stuttgart oder Nürnberg, sondern auch die Mieten und alles andere.“

      Die Mieten hätten ihr niedriges Niveau behalten. Aber „und alles andere“ hatte nur deshalb einen niedrigeren Preis, weil die DDR wirtschaftlich vom Westen abgeschottet war. „und alles andere“ hätte bei Handel zwischen DDR und Westdeutschland den gleichen Preis gehabt, sowohl Konsumgüter als auch Vorleistungen für die Wirtschaft – außer man hätte die Grenze mit Zollschranken und anderen Handelsbarrieren dicht gemacht. Nun, vielleicht nicht persönliche Dienstleistungen wie der Friseur, die lokal nicht zu transportieren sind, aber alle irgendwie handelbaren Güter. Preisdifferenzen zwischen Teilen Berlins sind kaum vorstellbar, außer Berlin wäre eine de facto geteilte Stadt geblieben.

      Wie eine Wiedervereinigung mit Zollschranken zwischen West- und Ostdeutschland hätte aussehen sollen, ist mir nicht klar. Ich weiß auch nicht, ob die Ostbevölkerung das toleriert hätte. Dann wären vielleicht auch die westlichen Verwaltungsstrukturen nicht eingeführt worden. Oder die Ostdeutschen hätten vielleicht gleich ihre Wirtschaftsstruktur behalten sollen!

      Ein hier impliziert vorgeschlagener schrittweiser Übergang zwischen Planwirtschaft und Marktwirtschaft ist schon wirtschaftlich kaum vorstellbar. Und politisch schon gar nicht.

  4. Danke
    Eine Rolle spielte natürlich auch das gehässige Lagerdenken.
    .
    Wer auf die erwartbaren Probleme hinwies, wurde als Nostalgiker, Jammerossi oder Altkader fertiggemacht.

  5. Herr Schraube, der Artikel stellt nicht "Geschichtsklitterung" ...
    oder ein Schönreden des „real existierenden Sozialismus“ dar, sondern spricht nüchtern ökonomische Wahrheiten aus, die zudem offenbar bereits 1989 / 1990 von Ökonomen in verantwortlichen Positionen (Sarrazin, Köhler) genau so erkannt wurden. Schafft man einen Währungsraum in Volkswirtschaften mit erheblichen Unterschieden in der Produktivität – schafft man also den die Produktivitätsunterschiede puffernden Wechselkursmechanismus ab – , gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man läßt über Jahre gewaltige Lohnunterschiede zu, war bei freiem Warenaustausch und ähnlichem Preisniveau quasi unmöglich ist, oder die Unternehmen sind von heute auf morgen vollständig wettbewerbsunfähig und innert kürzester Zeit bankrott. Daß Kohl genau dies mit dem Euro wiederholt hat, halte ich für eine der größten Sauereien überhaupt. Ein geradezu zynischer Witz der Geschichte ist, daß damals im Osten irgendwann skandiert wurde: „Kommt die D-Markt nicht zu uns, gehen wir zu ihr“: WEIL die D-Mark gekommen ist, blieb Millionen von DESWEGEN arbeitslos gewordenen Ostdeutschen nichts anderes übrig, sich „in den Westen zu machen“. Wie man als deutsche Politiker sehenden Auges derart mit Millionen von Menschen umgegangen ist, halte ich für ein Riesensauerei.

  6. Unsinn
    Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt einen ähnlich schlechten einschlägigen Artikel gelesen habe. Bedauerlicherweise reichen die zur Verfügung stehenden Zeichen auch nicht annähernd für eine sachgerechte Antwort.

    Typisch für die Vorurteile der Verfasserin ist, daß Sarrazin die Währungsunion in einem „Hinterzimmer“ ausgekungelt habe – aber was ist schon von jemandem zu erwarten, der sich bei der Grünen Jugend engagiert? Natürlich wird, um wenigstens auf einen Aspekt einzugehen, „vergessen“, daß die Bewohner der DDR und Ost-Berlins ein erhebliches Startkapital aufgrund des überaus großzügigen Umtauschkurses hatten. Die vielen Flüchtlinge hatten das nicht; gleichwohl haben es die meisten zu etwas gebracht. Nicht diejenigen haben in der Marktwirtschaft eine Chance, die etwas besitzen, sondern diejenigen, die Bildung, Engagement und Ideen haben. (Den Besitzenden geht es überall gut, die Sorge gilt den anderen.)

    Das entscheidende war und ist: Die Problematiken der Währungsunion waren den Kundigen durchaus bekannt. Die Alternative aber, nämlich die ziemlich lange Aufrechterhaltung zweier Wirtschaftszonen in einem einzigen Staat, wäre nicht durchzuhalten gewesen. Den Menschen in der ehemaligen DDR und in Ost-Berlin hätte nicht auf lange Dauer zugemutet werden können, daß es ihnen wirtschaftlich nachhaltig schlechter geht als den Menschen in der alten Bundesrepublik. Der abrupte Übergang war deshalb besser als der vermeintlich sanfte. Und wenn die Verfasserin die geforderte „bedingungslose wirtschaftliche Kapitulation“ geißelt, meint sie denn, daß wir Deutschland in Richtung staatskapitalistischer Planwirtschaft hätten bewegen sollen, in eine Richtung also, die gerade eindrucksvoll und für jeden sichtbar gescheitert war?

    • Unsinn? Unsinn!
      Der Artikel bezieht sich klar auf Buch und Film von Dirk Laabs, mithin ist klar, woher die Perspektive des Artikels kommt. Das heißt aber nicht, dass die Darstellung per se schelcht ist – sie beschränkt sich eben auf bestimmte Aspekte. Darüber hinaus sehe ich keinen schlüssige logische Erklärung, dass ein Engagement in der Grünen Jugend zwangsläufig zu Vorurteilen führt – manchmal mag dies vielleicht der Fall sein, die Diskussion dieser Thematik hat hier aber nichts verloren.
      Fakt ist, und hier stütze ich mich auf eigene Erfahrungen, dass die Wiedervereinigung in Ost und West sehr veschieden erlebt wurde. Weiterhin ist es Illusion, zu glauben, dass „die Bewohner der DDR […] ein erhebliches Startkapital aufgrund des überaus großzügigen Umtauschkurses hatten“. Ich glaube, jeder wäre während der Euro-Umstellung auf die Barrikaden gegangen, wenn die gleichen Konditionen geherrscht hätten: 4000 DM im Kurs 1:1, alles drüber hinaus im Kurs 1:2. Auch die Aussage zum Thema „Bildung, Engagement und Ideen“ sprechen für eine illusorische Sichtweise, denn ohne Kapital bringen die besten Ideen der gebildedsten Menschen nichts. In der Marktwirtschaft geht es denjenigen gut, die die Möglichkeit haben, andere für sich arbeiten zu lassen – also denen mit Kapital.
      Wie die Alternativen aussahen und was sie bedeutet hätten, lässt sich stundenlang resultatlos diskutieren – wir können es nicht mit Sicherheit wissen. Dass immer einzelne Akteure Rollen spielen, von denen hinterher besser keiner wissen sollte, das nennt sich Politik. Dass im Rahmen der Treuhand-Abwicklung viele Schweinerein passiert sind, lässt sich allerdings nicht leugnen (der Artikel nennt entsprechende Beispiele).
      Was eigentlich betroffen macht, ist der Fakt, dass selbst 24 Jahre nach der Wiedervereinigung offensichtlich immer noch ein Graben durch Deutschland verläuft, der verhindert, dass Menschen von da wie dort sich gegenseitig vesuchen, zu verstehen und zu akzeptieren.

  7. Besitzen tut nur, wer weniger ausgibt als er einnimmt
    Die DDR-Bürger wurden ohne Startkapital in ein System entlassen, in dem nur jene eine Chance haben, die besitzen. Die bundesdeutsche Politik hatte 1990 einen wirtschaftlichen Urknall heraufbeschwört.

    und Besitzen tut nur wer weniger ausgibt als er einnimmt

    und dies ist unglaublich schwer. Auch im Westen gelingt dies nur wenigen.

    Insbesonder der komplette Staat, Bund, alles Bundesländer, 99% aller Gemeinden, 99% aller staatlichen Unternehmen und Institutionen, 90% aller privatwirtschaftlich beschäftigten Menschen geben mehr aus als sie Einnehmen und leben damit von Schulden, Krediten und Steuern

    Das ist kein politisches System Problem, das ist ein menschliches Problem bis zum Zeitpunkt wenn die Schuldenmacher erkennen, dass sie überschuldet sind bei den Sparsamen.

    Dann wird es ein politisches Problem, weil die Schuldenmacher gewaltsam gegen die Sparsamen vorgehen.

    Sie Zypern, siehe Ende der DDR, Ende des Kommunismus, siehe nahezu alle Kriege in denletzten 250 Jahren.

  8. Geschichtsbetrachtung aus Sicht des Ampelmännchens
    Die DDR war doch schon seit Ende der 70er Jahre faktisch pleite und konnte ihre Zahlungsunfähigkeit nur durch subventionierte Zulieferungen der Sowjetunion, Kredite der westlichen Welt oder Sondereinnahmen, wie Häftlingsverkauf, verhindern. Dass schon seit Ende der 50er Jahre nur noch von der (Bau-) Substanz gelebt wurde, kann auch wirklich niemand leugnen: wer in der DDR lebte, hat’s hautnah erlebt. „Man plündert, was man kann“? Was gabt’s denn unter dem Strick zu plündern – außer leerer Ideologie und dem Ampelmännchen?

    „…nach der Währungsunion hat die DDR doppelt so viele Arbeitslose, als (richtig übrigens: „wie“) vorher“. Ach was, und das ist Belegt für die Niedertracht des Kapitalismus? Ein Drittel der „Beschäftigten“ (Arbeitslose durfte es ja aus ideologischen Gründen nicht geben) saß den Tag doch in den „Massenorganisation“, wie FDGB, Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, den sogenannten „Parteien“, bei der Stasi etc. ab. Die brauchte spätestens nach der Wende niemand mehr.

    25 Jahre nach Fall der Mauer brauchen wir keine Geschichtsklitterung, die im Nachhinein den „realen Sozialismus“ verklärt. Er ruhe sanft – auf dem Müllhaufen der Geschichte.

    • ... besser kann man das garnicht sagen ...
      … und die These, die DDR-Wirtschaft sei gesund und stabil gewesen und dann von Wessis geplündert, ist linke Legende, die durch Wiederholung nicht besser wird und mich an die Protokolle der Weisen von Zion erinnert.

      Jeder, der 1989/1990 ist der DDR war, kann nur bestätigen, dass dieses System durch und durch heruntergewirtschaftet war (außer vielleicht in Vorzeigebetrieben). Auch die Umweltschäden werden von der Verfasserin verschwiegen. Rückblickend erscheint der heutige Zustand wie ein Wunder.

      Der eigentliche Skandal – und da teile ich die Meinung nicht – ist, dass man den Profiteueren nicht nachgegangen ist und die den Raub behalten konnten. Ein Gregor Gysi witzelt immer noch in Talkshows, anstatt in einem Pflegeheim bedürftige Menschen zu pflegen. Die SED sitzt heute unter anderem Namen im Bundestag und ist sogar Oppositionsführerin. Das wird man einmal Enkeln und Urenkeln erklären müssen.

    • Völlig korrekt, nur diese Wahrheit wollen und wollten zu viele nicht hören.
      Denen man noch heute erzählen kann, die DDR hätte hunderte von Milliarden Volksvermögen in die Einheit eingebracht. Nichts ausser Grund und Boden und eine halbwegs gut ausgebildete Bevölkerung, ansonsten lebte die DDR seit spätestens Ende der siebziger Jahre von der eigenen Substanz.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  9. Wer die DM-Einführung in der DDR kritisiert, kann den Euro nicht behalten wollen
    Sind es die Gleichen, die die DM-Einführung in der DDR kritisieren, die uns jetzt drängen, den Euro zu erhalten? Das geht eigentlich nicht: denn der Euro tut das für (d.h. gegen) die europäischen Krisenländer, was die DM in der DDR getan hat (nur nicht ganz so plötzlich): er nimmt den Krisenländern die Wettbewerbsfähigkeit genauso wie die DM die Wettbewerbsfähigkeit der DDR genommen hat.

    Und in beiden Fällen wird es für den „Währungsgeber“ (erst Westdeutschland, jetzt ganz Deutschland, durch die folgenden notwendigen Transfers sehr, sehr teuer werden.

  10. Ach nee!
    Zitat: „Die D-Mark kann nur im Austausch gegen einen vollständigen Systemtransfer hingegeben werden.“

    Aber als es um den Euro und seine Einführung ging, da wurde die DM bedingungslos verschleudert und aufgegeben!

    Das zeigt wieder einmal die Amoralität und Skrupellosigkeit der Politik ihren wählern gegenüber! Nein, eigentlich zeigt es, dass den Politikern ihre „Wähler“ völlig schnurzegal sind!

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