Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Wir Obama-Versteher

| 28 Lesermeinungen

Die Putinversteher sind ein Mythos, denn die wenigsten von uns haben in der Schule russisch gelernt. Wir hangeln uns von einer Sekundärquelle zur nächsten. Obamas Reden aber schauen wir auf Youtube.

Meine Eltern haben in der Schule in der DDR beide Russisch gelernt. Das war vor über 40 Jahren und sie können nicht mehr sonderlich viel, ein paar Brocken noch, den Refrain des einen oder anderen russischen Liedes oder ein knackiges Sprichwort. Ich bin mir sicher, dass eines der Schimpfwörter, die man in der Regel in einer fremden Sprache als erstes lernt, auch noch dabei ist. Dann aber erschöpft sich das Gelernte, das Vergessene überwiegt.

© Katrin RönickeDämmerung in Irland – auch bei Sprachen gibt es eine Art Dämmerlicht

Als meine Eltern mit mir in Süddeutschland ein neues Leben aufbauten, war es für meinen Vater notwendig, sein mehr als miserables Englisch aufzubessern. Denn er sollte für seine Firma mit Menschen im globalen Ausland in Kontakt kommen – aber diese Beförderung verlangte von ihm, die Weltsprache fließend sprechen und auch verstehen zu können. Viele Nachmittage und Abende verbrachte er damit, die Sprache, die er in der DDR mehr schlecht als recht gelernt hatte, auf Vordermann zu bringen. Mit Erfolg. Bald reiste er nach Japan, Südafrika, England und in viele andere Länder.

Auch ich lernte Englisch – in der fünften Klasse fing ich damit an und ich belegte das Fach bis zum Abitur, machte sogar eine Prüfung darin und einen Eignungstest für englischsprachige Universitäten, weil das zu meiner Zeit ein überaus üblicher Weg geworden war: Studieren im Ausland, mit der Weltsprache im Gepäck. Ich verbrachte in meiner Jugend viele Wochen in Irland, zu Gast in einer irischen Familie, zu der Tochter des Hauses halte ich bis heute eine lockere Brieffreundschaft. Wenn ich dort war oder in einem anderen englischsprachigen Land, dann begann ich nach sehr kurzer Zeit, auf Englisch zu träumen. Ich las alle Harry Potter Bände in englischer Sprache und viele andere Bücher auch. Ich sah ganze Serienstaffeln in englischer Sprache und spreche die Weltsprache auch zwölf Jahre nach meinem Schulabschluss flüssig, genauso verstehe ich nahezu jedes gesprochene Wort. Wenn der US-Präsident eine Rede an seine Nation hält, dann kann ich zuhören. Ich verstehe diesen US-Präsidenten, genauso, wie ich jede Rede der EU-Politiker verstehe, die in der Weltsprache gehalten wird – und das sind nicht wenige.

© Katrin RönickeStraßenband in Irland, Galway, 2013.

Was ich nicht verstehe, sind Reden von Politikern aus Russland, oder aus China, auch Japanisch ist mir unverständlich. Und natürlich noch etliche andere Sprachen. Mit sehr viel Konzentration schaffe ich es, französische Reden einigermaßen nachzuvollziehen – einzelne Wörter muss ich mir dann aber schon zusammenreimen. Deswegen kann ich für mich nur festhalten: Ich verstehe Putin nicht und halte daher die Mär von den Putinverstehern für größtenteils konstruiert.

Ich verstehe etwas von Diskursanalyse – das habe ich in meinem Studium gelernt. Auch habe ich in jahrelanger Auseinandersetzung mit verschiedenen Phänomenen der Diskriminierung verstanden, wie diese entstehen und was die ihnen zugrunde liegenden Grundmechanismen sind (eine Ausgabe der APuZ widmete sich dem Phänomen, besonders empfehle ich den Text von Daniel Geschke (PDF)). Ich habe eine Idee von Intergruppenbeziehungen (Link ist ein PDF) und wie sie begünstigen, dass Vorurteile entstehen. Weil ich also Putin nicht sonderlich verstehen kann, habe ich mir in der Vergangenheit lieber das vorgenommen, was ich verstehe: Deutsche Medienberichterstattung über die Ukraine, die Krim-Krise und Putin – so wie andere das auch taten, etwa der Kollege Herack in diesem Blog. Dabei habe ich nie behauptet, dass Putin harmlos sei, oder etwa kein quasi-Diktator. Uns allen fiel nur auf, dass es kaum „neutrale“ oder „objektive“ Auseinandersetzung mit dem Thema gab. Warum das so ist, lässt sich vielleicht mit der integrierten Bedrohungstheorie erklären: Ihr zufolge entstehen signifikant höhere Vorurteile und geschieht mehr diskriminierendes Verhalten, wenn sich eine soziale Gruppe („die Deutschen“ oder „die Europäer“ oder auch „die westliche Welt mit all ihren hart erkämpften Werten“) subjektiv bedroht fühlt. Je stärker diese Bedrohung wahrgenommen wird, desto größer wird die negative Einstellung zu den „Anderen“, durch die man sich gerade so bedroht fühlt. Solche Bedrohungskulissen sind gefährlich, sie zu schüren ist etwas, das weitreichende Folgen haben kann – gerade dann, wenn die Kulisse unisono von den führenden Medien eines Landes gebaut wird.

© CC-By-SA 2.0 von Jedimentat via Flickr.comPutin mit Sonnenbrille

In Orwells „1984“ spielt diese ständige Bedrohungskulisse eine wichtige Rolle: Ozeanien ist immer im Krieg gegen die zwei anderen Großmächte, Eurasien und Ostasien. Dadurch kann man sehr viel rechtfertigen: Die Armut in der Bevölkerung, die Unterordnung unter den Willen der Ministerien und die Überwachung. Man kann immer wieder betonen, wie gut es ist, diesen Krieg zu führen – denn „Krieg ist Frieden“ und dieser rücke natürlich in immer greifbarere Nähe. Der Ausnahmezustand ist das, was alle Diktaturen eint. Der Krieg und das Bedrohungsszenarium sind ein innenpolitisches Mittel, eines, dessen sich vor allem Putin in den letzten Monaten bedient. Bei ihm fällt es den Medien natürlich ins Auge und sicherlich sind die Analysen nicht falsch, die genau diesen Schluss ziehen: Dass er die Aggressionen nach Außen nutzt, um sich und seine Politik nach Innen zu stabilisieren. Und wie es scheint, funktioniert das auch. Es funktioniert immer wieder. „Die sind böse, wir sind gut“ eint nach Innen.

Auch im Westen wird dieser Mechanismus genutzt. Ich verstehe Obama und ich kann aus seinen Reden heraushören, wie in seiner Rhetorik die Schaffung des Feindes Russland eine genauso große Rolle spielt, wie in vielen Zeitungs-Kommentaren und -Artikeln. Wenn vom „Neuen Kalten Krieg“ die Rede ist; wenn Putin mit Mussolini verglichen wird; wenn alles, was aus Russland kommt als „Propaganda“ abgetan wird. Dabei hängt unsere Medienberichterstattung an wenigen Fäden: an Übersetzern und Sekundärquellen. Wenn Nachrichten aus Russland kommen, können wir sie nicht lesen. Wir können nicht das russische Staatsfernsehen anschalten und uns ein eigenes Bild davon machen, was die dort eigentlich alles erzählen. Die russischen Zeitungen sind für uns so, wie die chinesischen Zeitungen – es sind ja nicht einmal die gleichen Schriftzeichen! Natürlich könnten wir die Texte durch online-Übersetzungs-Maschinen jagen, aber der Wortbrei, den wir da erhalten, ist nicht selten genauso kryptisch, wie es die kyrillischen Zeichen vorher auch schon waren. Wenn wir auf Youtube ein Video über die russische Politik ansehen – ob mit Putin oder nicht – verstehen wir kein Wort. Auf Gedeih und Verderb sind wir darauf angewiesen, dass uns die Übersetzung nicht verarscht. Wir können es oft nicht überprüfen. Deswegen müssen wir es eben schlucken, oder nicht. Und dann ist da noch der mit ‚lost in translation‘ bezeichnete Effekt, der selbst bei „korrekter“ Übersetzung große Missverständnisse verursachen kann – aber das ist schon unwesentlich, bei all den anderen Problemen. Wenn wir etwas über Russland und die russische Politik wissen wollen, hangeln wir uns von Sekundärquelle zu Sekundärquelle. Deswegen fällt es uns so schwer, dieses Land und sein Handeln, wirklich zu verstehen. Und was man nicht versteht, das ist unheimlich, ein wenig gruselig, das beobachtet man automatisch mit viel mehr Argwohn. Vom Dasein als Putinversteher sind wir allein deswegen schon sehr sehr weit entfernt.

© CC-BY-SA 2.0 von David HouseObama hält eine Rede, Bagram Airfield

Nein: Wir sind Obama-Versteher. Wenn dieser in einer Rede über Russland dieses Land als „Regionalmacht“ verspottet, können wir die Rede ansehen und uns unser eigenes Bild davon machen. Wir können uns im Netz die Nachrichten von CNN, BBC und auch Aljazeera ansehen und viele von uns verstehen und verarbeiten diese Primärquellen. Wir schreiben vor allem deswegen über die Diskurse in der westlichen Welt, weil wir einen direkten Zugang zu ihnen haben. Wir haben das Werkzeug an der Hand, mit kritischer Diskursanalyse zeigen zu können, wie Stigmata und Vorurteile erzeugt werden, wie Sprache ihre rhetorische und manipulative Kraft entfaltet. Und es ist wichtig, dass wir das tun. Man sollte diese Analysen und die Kritik, die in ihnen geäußert wird, nicht allesamt wegwischen mit der plakativen Zuordnung „Putinversteher“. In Wahrheit sind jene, die Putin wirklich verstehen im Westen nämlich rar gesät und Primärquellen aus Russland sind fast genauso selten.

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28 Lesermeinungen

  1. naja,
    in Moskau wimmelt es von ausländischen Journalisten und man könnte ohne Probleme fair berichten, wenn man denn wollte. Die Autorin sagt es doch selbst, die Berichterstattung ist, schwer leugbar, sehr einseitig u. auf Teufel komm raus diffamierend, auf Eskalation ausgerichtet. Die Russen halten uns den Spiegel vor, denn sehen können sie u. den nötigen Abstand haben sie auch. Die westl. Politik u. Medien sind voller Widersprüche und Fehlleistungen – diese Erkenntnis wird versucht uns vorzuenthalten – schlimmer noch, Putin soll/ muss weg u. daran wird „gearbeitet“.
    Es ist doch ein Witz, mit einer „Übergang/Putschsregierung“ eine EU-Zusammenarbeit festzumachen und obenauf ist diese Regierung durchsetzt mit übelsten Faschos.
    Schlimme ist, diese Symbiose aus Politik u. Medien (die wenigen Fäden) bei uns und anderen westl. „Demokratien“, man kommt sich tatsächlich wie in einer Gleichschaltung vor…ja, da muss ich auch an 1984 denken, nur eben nicht im Zusammenhang mit Putin. …an 1984 und noch mehr an Schilda.

  2. Schon mal was von Dolmetschern gehört?
    Dank Dolmetschern kann ich sogar die nützlichen Informationen aus Ansprachen und Interviews meiner bevorzugten Primärquellen Putin und Khamenei verstehen. Mich würden auch die chinesischen Standpunkte interessieren aber die Chinesen sind schlicht zu schlau als irgendetwas anderes zu tun als uns Honig ums Maul zu schmieren – egal welche Provokation wir aus der Tasche ziehen (CO2, Al-Weiwei,“Raubkopien“,DalaiLama).

    • Dolmetschen
      Dolmetscher sind meistens sehr kostspielig – alleine das erzeugt einen himmelweiten Unterschied zu den meisten Reden, die in englischer Sprache auf Youtube erhältlich sind. Wer bezahlt die Übersetzung? Aus welchem Interesse heraus?
      Natürlich gibt es Möglichkeiten, sich zu informieren und übersetzte Reden und andere Werke zu bekommen. Aber es ist eine größere Hürde und diese rührt unter anderem auch daher, dass man sich in Deutschlands Schulen entschieden hat, die eine – nicht die andere – Weltsprache (ja, russisch ist auch eine Weltsprache) an den Schulen zu lehren. Sprachbarrieren sind reale Barrieren, die man IMHO nicht gering achten sollte – gerade auch in ihrer politischen und medialen Wirkung.
      mehr wollte ich nicht sagen. Dolmetscher – ja. sicher. Es gibt Möglichkeiten. Aber gibt signifikante Unterschiede.

    • Russisch ist was?
      Es gibt nur eine einzige Weltsprache, weil es gleichzeitig Handelssprache ist. Das bekennen selbst usere chinesischen Geschäftspartner ganz offen und haben damit auch kein Problem – die Welt hat keinen Platz für mehrere „Welt“sprachen. Zumindest nicht bis zum endgültigen Durchbruch automatisierter Sprach- und Schriftübersetzungen.

      Das mit dem russich lehren … Es muss ein Grund haben, warum die grosse Mehrheit der Ostdeutschen, die ich kenne (nur eine Kleinstauswahl von einigen Dutzend), einen ausgesprochenen Widerwillen gegen diese Sprache hat, selbst wenn sie diese in der Schule gelernt haben. Woran das wohl liegen mag?

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • leider auf die schnelle keine andere Quelle zur Hand
      aber: laut Wikipedia ist auch Russisch eine Weltsprache – und ich las dies erst kürzlich auch anderswo: http://de.wikipedia.org/wiki/Weltsprache aber das war analog und ich weiß gerade nicht wo. deswegen eben doch die Wikipedia.

      Ja: Ich glaube russisch zu lernen ist so eine Mischung aus Latein und Deutsch als Fremdsprache lernen müssen. Die Deklination der Verben soll ein großer Spaß sein und dann noch die völlig andere Schrift… nun ja. im Moment ist dafür in meinem Leben ohnehin kein Raum. Aber in einem halben Jahr… wer weiß.

  3. Eine Chance vertan..
    ..mit dem Putin-Verstehen ist das so eine Sache: er kennt (Ost)Deutschland gut, hat die Oktoberrevolution anno ’89 aus der Nähe gesehen, den Sturm auf den Dresdner Hauptbahnhof, er spricht fließend deutsch, er versteht uns. Das kann man auch als Chance begreifen, ein Aufeinanderzugehen wie es immer passiert, wenn man eine Fremdsprache lernt. Auch ohne Brieffreundschaft.

    Noch etwas: russia today (rt) läuft in meinem Kabelprogramm, wie CNN und Aljazeera. Bringt die russische Variante der Nachrichten aus der Ukraine und meist etwas hölzern durchschaubare Meldungen aus aller Welt, etwa aufgebrachte Briten, die wegen Fracking enteignet werden sollen oder Berichte über Rassismus aus den USA. Auf englisch und präsentiert von Muttersprachlern, mit Londoner oder New Yorker Akzent. So sehr ich das Angebot schätze, es wirkt auf mich immer wieder befremdlich, plötzlich russlandfreundliche Sätze aus den USA zu hören: als ob CNN übergelaufen, fox news konvertiert oder die BBC gekapert worden wäre. Das liegt auch an der modernen Art der Präsentation aber vor allem an der Sprache. So tief verknüpfen sich Form und Inhalt.

    • interessant
      ich hörte davon, dass medienpolitisch (und global gesehen) die Chinesen und die Russen, ähnlich wie zuvor Al Jazeera, auf dem Vormarsch sind, sehr zum Ärger von CNN. vielleicht durchforste ich einmal mein Fernsehangebot – ansonsten ist da auch Youtube eine gute Idee, vermute ich.

      tatsächlich überlege ich, die Sprache zu lernen. Die Kolumne oben ist eine Art innerer Drang, der mir erst bewusst wurde, als ich es schrieb: Ich will so gerne verstehen.

    • Und ich dachte schon, Sie haben rt.com nicht erwähnt..
      ..damit Ihre Geschichte besser funktioniert. Sonst wirft das kein gutes Licht auf die ohnehin angeschlagene FAZ-Redaktion.

      Zu den Sprachen: ich überlege, arabisch oder suaheli hinzu zu nehmen, dereinst vielleicht noch Thai oder Khmer, um mich mit meinen Pflegekräften besser verständigen zu können.

  4. für die "Bewerter"
    z.B. hier in einer der Artikels heute in Forum eine offene Brief an unsere Bundeskanzlerin erschien, und nach halbe Stunde sehr viel Leserempfehlungen einsammelte wurde das Kommentar einfach entfernt. Ich weiß, dass DIES nicht von der Redaktion veröffentlicht wird, was auch den Beweis liefert, schreibe ich doch für den Zensoren, die mein Kommentar bewerten müssen – wonach zensieren Sie die Kommentaren der Leser? Ich hoffe nicht nach politischen Redaktionsbeschlüssen – was allerdings so aussieht.

  5. Ich empfehle die lektuere
    von RussiaToday, das es vollstaendig in englischer Sprache gibt. Ist natuerlich alles nur Propaganda. Ria Novosti gibt es sogar auf deutsch, franzoesisch und noch in zig anderen Sprachen. Ist aber auch alles nur Propaganda.
    Fazit
    Es gibt zugaengliche russische Primaerquellen in unseren Muttersprachen, man sollte auch dort mal ein blick reinwerfen.
    Man muss es eben nur wollen
    Gruss

  6. Obama spricht wie ein Schauspieler
     
    mit kräftiger, eher rauher Stimme, die Stärke signalsieren soll, die er letztlich nicht hat. Obama ist oberflächlich. Ein US-Präsident ist die Schaufensterpuppe der „Hintergrundinteressen“.
     
    Putin hingegen spricht mit sicherer und dennoch angenehmer, sanfter, fast zarter Stimme. Putin ist analytisch. Putin hat in Russland das Sagen.

  7. Profitieren von solch einer Kulisse nicht alle Gestalter der öffentlichen Meinung?
    Da Ostern gerade vorbei ist, bietet sich als einleitende Frage an: „Was ist Wahrheit?“

    Nur weil die Sprache verstanden wird und demzufolge die Originalquellen genutzt werden können, heißt das nicht, das dort Klartext gesprochen wird und man automatisch die (diplomatischen) Codes versteht. Und russische linientreue Mediendarstellungen gibt es auch auf Englisch.

    Eine mögliche Frage haben Sie gestellt: Warum berichten die westlichen Medien nur aus einem Blickwinkel?

    Eine andere Frage ist: Wenn wir uns in einem Informationskrieg befinden (und so sieht es ja aus), warum werden wir mit den Informationen versorgt, mit den wir versorgt werden? Welche Interessen werden damit verfolgt und sind es welche, die auch uns nützen?

    Cui bono?

    * Die Medien profitieren von Emotion und Skandal. (Eine zur vorherrschenden Meinung konträre Darstellung ist dabei sogar zusätzlich polarisierend, sprich „verkaufsfördernd“.)
    * Die Legeslative der EU muss sich, bis auf Zusammenhaltsplatitüden, nicht mit Wahlkampf beschäftigen und erreicht (ebenfalls) eine Stabilisierung nach Innen. Das ist in Anbetracht der drohenden Randgruppenzuwächse vielleicht gar nicht so schlecht (aus Sicht des Establishments).
    * Die USA scheinen sich, wie des Öfteren, mit „divide et impera“ eine bessere Verhandlungs- und Steuerungsposition zu verschaffen („Fuck the EU!“).
    * Russland erreicht eine Territorialerweiterung und ebenfalls eine Stabilisierung nach innen
    * Ukraine – gut, da profitieren sicher nur wenige (interessiert aber keinen – siehe Syrien)

    Alles in allem, haben wir, neben den üblichen Revolutionsgedanken, auch die Möglichkeit, anzunehmen, unsere Demokratie funktioniert und unsere Volksvertreter wissen was sie wollen und sie wollen das beste für uns. Vielleicht läuft die Bewältigung dieses Konflikts ja doch in eine Richtung, die uns allen nützt. Das fände ich schön. …

  8. Nicht Putin verstehen, sondern ihm die Nato erklären
    Vielleicht gibt es da inzwischen auch so eine Art Moral Hazard: Gerade weil die westlichen Leitmedien (FAZ, ZEIT, ARD, etc. pp.) realisiert haben, dass sie kein Informationsmonopol mehr besitzen und sich die Bürger auch alternativ über Al Jazeera, Ria Nowosti oder Russian Today direkt mit der Meinung des „Feindes“ auseinandersetzen können, fühlen sie sich ihrerseits zur hemmungslosen Parteinahme und Propaganda berechtigt.
    .
    Grade hier in der FAZ habe ich den ganz starken Eindruck, dass die Politredaktion ihre eigene Rolle und Funktion tatsächlich so definiert: Wir sind die halb-offizielle Stimme der deutschen Sektion der Vereinigten Staaten von Europa und die inofiziellen Pressesprecher der Bundesregierung. Wir verstehen nicht Putin, sondern erklären ihm die Nato.
    .
    Das größte Problem im Westen ist m.E. gar nicht das zu negative Russlandbild (obwohl die Berichterstattung zum Teil lächerlich ignorant und peinlich unfair ist), sondern das ungebrochen positive Selbstbild. Dabei hat man die eigenen Missetaten (Irak, Guantanamo, NSA, Oberst Klein, etc. pp.) durchaus realisiert. Nur dass das all diese Blamagen auch auf das Verhältnis gegenüber Russland oder China irgendwie Auswirkungen haben könnten, das hat man scheints immer noch verdrängt. Wenn es um Russland geht, fühlt man sich immer noch so moralisch überlegen wie anno 1990. Es ist diese Schizophrenie, die mir Angst macht.
    .
    Ihre Niederlage im Propagandakrieg gegen Putin haben sich unsere Medien selber zuzuschreiben. Übrigens habe ich glaubhafte Infos, dass auch in Russland selbst die jungen Leute sehr genau registrieren, wie im Westen über ihr Land berichtet wird, und dass die Empörung darüber erheblich zu Putins Popularität beiträgt.

  9. Wir ...-Versteher!?
    Ver(tikal)-stehen…geistiges Gleichgewicht?!…gehen = Begreifen;
    denn wer stehen bleibt kann nicht begreifen.
    Erst verstehen, denken lernen und dann im Gleichgewicht gehen,
    führt zum Gleich-Gewicht begreifen…
    zur Vernunft=Geist-Gleich-Gewicht.
    Vernunft erkennt einsichtig den weltweiten Vernunftmangel der Menschen.
    Wenn verstehen aber ohne erkennenbare Einsicht und damit auch ohne
    einsichtige Erkenntnis bleibt, dann stehen wir geistig blind…
    und können natürlich auch nicht geistig gehen…
    zur Vernunft kommen…gegenwärtiges Dilemma der Menschen.

  10. Beschreibt das Wort "Putinversteher" nicht ein Wirklichkeit einen viel banaleren Sachverhalt:
    Die deutliche Akzeptanz fuer Sonderansprueche einer diktatorisch gefuehrten Grossmacht an seine Nachbarschaft und die Verteidigung des „Rechtes“ dieser Grossmacht, seine Anspueche notfalls militaerisch unterfuettert durchzusetzen?

    Dazu muss man kein Wort russisch verstehen, das wuerde sogar eher behindern. Viele Deutsche moegen eben „starke“ Maenner, die erst schiessen und dann reden. Aeh, Moment, mit der Einschraenkung, dass diese Maenner nicht Bush heissen duerfen und aus den USA kommen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • dem würde ich mich nicht zugehörig fühlen
      ich finde schon, dass Putin ein Diktator ist und ich denke auch, dass die Einschränkungen der Meinungsfreiheit, Gesetze wie die gegen die „ausländischen Agenten“ und auch das Gebaren in Bezug auf imperiale Ansprüche ein Problem sind.

      von daher finde ich Ihren Einwurf ab vom Thema: Das Thema ist Diskursanalyse des Westens und warum wir Angst haben vor denen, die wir in Wahrheit nämlich nicht verstehen. Ihre These kann ich daher so nicht unterschreiben. Das mag für manche Menschen gelten, aber auch hier wittere ich einen Strohmann namens „dummer Deutscher Unterschichtler, der auf harte Männer mit Gewehr stehen“. nicht hilfreich.

      vielleicht kommen wir deswegen zurück zum Thema des Textes oben.

    • Wie Sie wollen, das ist Ihr Blog.
      Ich denke nur nicht, dass uns die Frage, ob wir die Sprache eines auslaendischen Machthabers sprechen, beim Verstaendnis auch nur einen Zentimeter weiter bringt.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ich muß Herrn Haupts recht geben...
      …meiner Meinung geht es bei der Floskel der „Putin-Versteher“ im gewöhnlichen Sinne nicht darum, daß man seine Worte versteht, sondern daß man sein Handeln und seinen Anspruch als legitim betrachtet. Insofern sind Sie wohl ab vom Thema, Frau Rönicke, bzw. Sie haben das Wort „Putinversteher“ bewußt falsch verstanden und darauf den Beitrag aufgebaut. Ist natürlich legitim, wie oben schon gesagt, es ist Ihr Blog. Aber irreführend ist es auch.

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