Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

„Leere, Öde, Gleichgültigkeit“

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Am 08. Mai jährte sich die Befreiung durch die Alliierten. Zur Erinnerungskultur dieses Frühlings nach dem Krieg hat Hans Fallada „Der Alpdruck“ beigesteuert, das auch heute noch lesenswert ist.

Die Stadt Prenzlau war genommen, der Russe konnte jede Stunde kommen.

Hinter uns liegt ein Gedenktag: Alljährlich, am 08. Mai, feiert die Welt die Befreiung von den Deutschen. 1945 endete im Frühjahr eine Dekade des Totalitarismus, endete ein fürchterlicher Krieg, den Deutschland in Europa führte, endete eine Schreckensherrschaft, getragen von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung, die Millionen Menschen auf dem Gewissen hat und dessen schrecklichste Ausprägung sich im Gruppenbezogenen Hass auf Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte und „Asoziale“ zeigte. Ein Hass, der in einer nie dagewesenen Mordindustrie gipfelte, ein Machwerk von Menschenhand und Vernichtungswillen, das bis heute unsere Vorstellungskraft auf eine harte Probe stellt und lange noch nicht verarbeitet ist und sein darf.

© U.S. federal government, public domain.Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst. 8. Mai 1945

Der Aufbau Verlag hat vor kurzem ein Werk erneut veröffentlicht, das Leserinnen ermöglicht, sich in die Zeit nach der Befreiung zurück zu versetzen, in den Kopf eines Teils fiktiven Charakters zu setzen und mit seinen Augen zu betrachten, was das Ende der Schreckensdekade unter Hitler in seiner Umgebung mit Menschen und Infrastruktur machte: Hans Falladas „Der Alpdruck“. Es ist die Geschichte des Schriftstellers Doll, einer, der nicht wenige Gemeinsamkeiten mit seinem Schöpfer Hans Fallada haben dürfte, einer, der hadert, unter Depressionen leidet, einer mit einem sehr genauen Blick für die scheinbar nur kleinen Details menschlichen Verhaltens.

Doll lebt mit seiner jungen Frau zum Zeitpunkt des Kriegsendes in einer Kleinstadt zwischen Menschen, die noch wenige Tage und Wochen zuvor in großer Zahl hinter dem standen und sich aktiv an dem beteiligten, was der Nazismus in Deutschland ideologisch, programmatisch und kriegerisch vorantrieb. Als die Bomben mit ihrer Zerstörung und Angsteinflößung verklungen sind, findet sich Doll in einer Realität wieder, die alltäglich damit beginnt, aus einem immer gleichen Alptraum aufzuwachen, in dem er selbst am Boden eines riesigen Trichters liegt, an dessen Rand Stalin, Roosevelt und Churchill sitzen.

„Am Rande des Trichters saßen schweigend und still und ohne eine Bewegung die Großen Drei. Noch im Traume nannte er sie nur mit diesem Namen, den der Krieg unauslöschlich in sein Hirn gebrannt hatte.“

Was Fallada bietet ist aber weniger – als ich erwartet hätte – eine Beschreibung der Umstände, die herrschten, als die Rote Armee kam und wie damit umgegangen wurde in der Bevölkerung, wie es sich „anfühlte“, wie man sich damit arrangierte. Nein: Diese Dimension tritt seltsam zurück, beschränkt sich auf eine Begegnung unter vielen anderen, die aber nicht weniger eindrücklich ist: Doll und seine Frau begegnen den Soldaten der Roten Armee zuerst in der Stadt, in welche die junge Frau noch einmal gefahren ist, um ein Medikament zu holen. Diese Szene ist zutiefst von Hoffnung geprägt, denn alle Nachbarn raten der jungen Frau, so wie sie es selbst tun, das Weite zu suchen, ein Trupp mit Militärfahrzeugt der SS begegnet der Frau auf der Straße und warnt sie, die Russen seien gleich da, keine Deutsche Seele sei mehr sicher, der Tod sei gleichsam zum Greifen nah. Doch sie glaubt es nicht, denkt nicht, dass sie von den Russen als Feindin, als Täterin behandelt würde, in bedrückender Leichtigkeit ist sie ihrer eigenen Unschuld dermaßen sicher, dass sie später in der Stadt zwischen den Panzern der Russen im Slalom fährt und jugendlich Naiv die Hilfe der Soldaten in Anspruch nimmt, mit Händen und Füßen gestikulierend und ihr Anliegen verdeutlichend, so dass ihr Ziel, die Medikamente zu besorgen, tatsächlich erreicht wird. Die Russen halfen – zunächst.

© Wikimedia Commons - Library and Archives Canada - Public DomainBerlin, Potsdamer Platz 1945

Wenig später kommen drei von ihnen auch in das Doll‘sche Haus und sie erschüttern das Ehepaar bis ins Mark, denn es spürt, wie es angesehen wird: „wie ein kleines, böses, verächtliches Tier“, so empfindet sich Doll, so spiegelt er sich in den Augen dieser Befreier. Wie einer, der doch für sie nur ein Vertreter jener ist, die gemordet haben und alle diese Mörder, alle Menschen verhalten sich nun gleichsam grinsend so tun, als sei „all das auszulöschen, was der Welt in den letzten zwölf Jahren von den Deutschen angetan war -! […] Er war ein Deutscher, also gehörte er zu dem gehasstesten und verachtetsten Volke des Erdballs.“

Doll, einer der Wenigen mit Haltung, wurde wegen seiner Unverbiegbarkeit noch während der Nazi-Herrschaft zum Außenseiter seines Kleinstadtmilieus erklärt, wann immer möglich hing man ihm und seiner Frau Lügen an, interpretierte sein Verhalten als unmoralisch und schürte die Gerüchteküche. Als die Russen den Ort übernehmen, macht sich das Gerücht breit, die Dolls hätten einen SS-Offizier versteckt. Es zeigt sich im Verlaufe der Geschichte, die von Fallada in Teilen sicherlich so oder so ähnlich erlebt wurde, noch an vielen Stellen, dass hässliche Fratzen hässlich bleiben, sich aber oft am schnellsten umdrehen, um 180 Grad. Gleichzeitig reflektiert er stark das eigene Verhalten, wie er die Anfänge eben doch gesehen hatte, wie er oft davon gehört hatte, wie die russischen Kriegsgefangenen behandelt wurden, wie er sich immer im Inneren empört habe, aber nie gehandelt. Doch der Hass unterliegt der Verzagtheit in der Situation:

„In diesen Zeiten hatte kein Gefühl mehr Bestand, der Hass verging, es blieb Leere, Öde, Gleichgültigkeit, ferne waren alle Menschen.“

Nach dem Krieg ist vor den Krieg. Schon vorher war das Essen knapp, die Nazis enthielten der Bevölkerung viele Güter vor, man hamsterte, es wurde hart entbehrt. Danach geht die Knappheit weiter, sie muss organisiert werden. In der Kleinstadt werden noch letzte Nazibunker und Reichtümer an Essen, Weinen, und Schokoladen gehoben – es zeigt sich, in welchem Luxus die oberen Eliten der Nazis noch lebten, während die einfache Bevölkerung schon lange darbte. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg, denn nun muss eine neue ideologische Orientierung her: Die meisten Bewohner der Kleinstadt waren aktive oder passive Unterstützerinnen der Nazis, man war ja gern Oben dabei, man wollte seinen Teil abhaben und trug dadurch auch seinen Teil bei. Jetzt ist das aber plötzlich nicht mehr so schick im Lebenslauf, also muss man Flexibilität im Geiste zeigen; Doll, der während des Nazismus unter den Ideologien litt, der Oppositioneller blieb, der einen Juden versteckte, ereilt eine Übelkeit ob der Menschen und ihrer unreflektierten Angepasstheit. Er verrät einen ehemaligen Nazi-Oberst und erarbeitet sich das Vertrauen der Russen auf diese Weise – er soll eine Rede halten, und läutet damit die neue Zeit in dieser Kleinstadt ein. Die Russen geben ihm vorher ein sattes Pensum an Wodka zu trinken, aus Wassergläsern, gefüllt bis zum Rand – er redet und redet und hält mit seiner Bewertung der Fähnchen im Wind, die vor ihm stehen und zuhören, nicht hinterm Berg. Der Mensch ist dem Menschen Wolf.

© Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Bundesarchiv CC-BY-SA 3.0Das zerstörte Varieté „Wintergarten“ in Berlin, 1945.

Im Ort herrscht starke Orientierungslosigkeit; die Russen müssen politische Strukturen reinstallieren, sie ernennen nach dessen Rede den Dr. Doll zum Bürgermeister der Kleinstadt und wieder plötzlich dreht sich die Meinung in den Gerüchten, plötzlich wollen alle Einwohner immer schon an Doll geglaubt haben. Den aber plagen dunkle Erinnerungen. Selbsthass und Verachtung für seine Mitmenschen machen sich breit. Er hält eine Weile wacker seine Position und kann dann doch nicht allzu lange daran festhalten, verliert das Amt, verliert die privilegierte Position, denn Stabilität ist nicht möglich. Zudem wird seine Frau schwer verletzt, braucht professionelle medizinische Versorgung. Sie gehen zurück – zurück nach Berlin.

„Der endlose Rückmarsch begann, die Fahrten in den überfüllten U-Bahnzügen, in denen niemand daran dachte, der kranken Frau einen Platz anzubieten, das mühsame Hinauf- und Hinabsteigen von Treppen, gedrängt, gestoßen, wegen ihrer Langsamkeit gescholten.“

Und was ist mit den Russen? Wo bleibt eine Fortentwicklung der Einflüsse, wo die Schwierigkeiten mit der Roten Armee? Sie finden fortan kaum mehr statt. In den Vordergrund rückt der beschwerliche Alltag, das Schachern um Brot, Schokolade, Kaffee und Zigaretten, das pure Überleben, das Verteidigen von Wohnraum, das Vergessenwollen, um wieder anpacken zu können. Fallada beschreibt die Jahre 1945 und 1946 als eine Zeit des hilflosen Irrens – es gibt bald keine Auseinandersetzung mehr mit den Systemen, mit der Politik – der Nazismus und der Sozialismus der Russen, sie sind seltsam abwesend. An ihrer Statt tritt das Bedürfnis nach Betäubung, eines, das bei Fallada häufig in der Vordergrund tritt, am stärksten sicherlich im Trinker, aber auch in diesem Werk über die Nachkriegszeit, eines der letzten vor seinem frühen Tode 1947, Sucht tritt an die Stelle der ermüdenden Reflektionen, der erschreckenden Erinnerungen, ersetzt die Suche nach und die Arbeit für Zukunft, Neubeginnen, Aufraffen. Das ist sicher ein Spezifikum Falladas, aber man sollte es nicht alleine mit dem Hinweis darauf wegwischen. Sucht und Betäubung spielten, das zeigte der Film Am Ende Milchstraße, immer schon zum Bewältigungsrepertoire der Menschen, die an den Wendepunkten der Systeme straucheln. Aber diese Bemerkung nur am Rande.

Der Aufbau Verlag bringt mit Falladas „Alpdruck“ eine Erinnerung an jene Zeit auf den Tisch, eine Perspektive, die weniger über die politische Makroebene der Gesellschaft am Ende dieses schrecklichen Krieges darstellt, sondern viel mehr ein Psychogramm der Deutschen am Wendepunkt der Geschichte liefert. Eines, das ernüchternd ausfällt, das gnadenlos hinter Masken zu blicken vermag, das dem Sprichwort, der Mensch sei dem Menschen Wolf eine ganz alltägliche Bedeutung verleiht. Und zeigt: Es ist manchmal nicht so sehr entscheidend, welches System und welche Ideologie eine Gesellschaft im Griff hält, als vielmehr die Haltung der Menschen, die in ihr Leben.

 

Hans Fallada: Der Alpdruck. Aufbau Verlag, Berlin: 2014

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5 Lesermeinungen

  1. Das Muster und die Gegenwart
    Das Muster, das Sie aus dem Buch herauslesen, läßt sich meiner Meinung nach in jedem Systemwechsel finden.

    Kurz nach dem Untergang der DDR hatten auch alle Machtmenschen meines näheren Umfeldes schon immer im Widerstand gekämpft (mit Parteiabzeichen zwar, aber das hatte man bestimmt gebraucht, damit die Tarnung und das eigene Handeln wirkungsvoller ist).

    Die Farce, die sich in den Jahren 90-93 abspielte, konnte man kaum ertragen, aber nach diesen Jahren waren alle diese „Widerstandskämpfer“ wieder in Amt und Würden. Umgedreht, waren die allermeisten Personen aus der Bürgerbewegung entweder neutralisiert (wer mag schon Querulanten) oder assimiliert – auf jeden Fall wieder unsichtbar.

    Ich denke, in dieser Zeit wurde der Grundstein der Skepsis gelegt, mit der ich heute bohrend nachfrage, wenn wieder einmal der Schlüssel zum Heil der Welt verkündet wird. Wie will man diese Dynamik der Macht und damit den Keim ihres Missbrauchs neutralisieren? Dabei geht es gar nicht so sehr um individuelle Schuld, sondern um die kleinen Lässlichkeiten und Extras, die sich so ziemlich jeder gönnen würde, wenn er denn die Möglichkeit dazu hätte und um das, was in der Summe daraus entsteht.

    Wenn Sie kritisch in die heutige Zeit und auch in Ihr politsches Umfeld, hineinschauen, so werden Sie ähnliche Macht-Anpassung-Muster erkennen. Und da liegt meiner Meinung nach der Keim, der alle idealistisch nach vorn gekämpften Vorhaben auf dieselbe Bahn einschwenken lässt – wenn sie erst eine Breite gewonnen haben, die eine gewisse organisatorische Masse notwendig macht.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

  2. Zerstörungs-Vernichtungs-Unterdrückungs-Rettungs- und Befreiungsgeschichten...
    die konstante Wiederholungsgeschichte(n) der Menschheit.
    Die Erde ist ein Mahnmal im Universum für Vernunftmangel.
    Da nützt noch so viel Intelligenz und Liebe nichts, wenn dieses
    „Gut Both(Intelligenz und Emotion)“ nicht zur Vernunftbildung genutzt wird.
    Aus „Gut Both“ wird „Gut Böse“…both…böse…GUT-Mensch…
    Der „Gut-Mensch“?…Das „Gut“ im Mensch…both, böse?!
    Ich bin 1951 geboren. Soll ich jeden Trauer-Gedenktag der
    Menschen, insbesondere der Deutschen wahrnehmen und mich
    schuldig fühlen für „Unvernunft“-Geschichte die ich nicht
    zu verantworten habe? Wie sadistisch diese auch war.
    Solange wir trauern und nichts lernen, geschweige denn handeln
    auf Grund Unvernunft der deutschen Geschichte und den Welt-Geschichten
    und insbesondere der Gegenwart, wird das Mahnmal Erde immer größer.
    Nur Vernunfterkenntnis und Vernunfthandeln kann die traurigen, elenden
    Wiederholungstätergeschichten, „Mensch Krone der Schöpfung“, ändern…
    ein, von Dornenkrone der Schöpfung!, zur Corona der Vernunft?,Wandel!
    Ein Bildungsproblem das gelöst werden muß.
    Wie bildet Gesellschaft Vernunft-Handeln?!

    • Man muss erinnern, weil es Teil des Menschen ist, sich in solche Verhaltenweisen zu verlaufen. Immer wieder. Es ist ja gerade Falladas Stärke, auf das Allzumenschliche in der Situation abzustellen.
      MfG

    • MUß man erinnern?, die Gegenwart bietet Erinnerungs-"Life-Geschichten".
      Die Menge der zu betrauernden „Fälle“ braucht mehr als ein Leben tägliches trauern
      und hinweisen und überhaupt, warum MUß MAN?
      Vernunftbildung braucht der Mensch,
      die Verlaufens-Hinweise-Anzahl geht doch schon gegen unendlich.
      Wollen wir die alle sortieren nach…nach was denn, außer Unvernunft?
      Es wird Zeit zum Handeln, die Hinweis-Zeit ist verlorene Zeit.
      Wann fängt der Mensch an über Vernunft und Vernunfthandeln nachzudenken,
      besonders als Gesellschaft. Vor dem Vernunfthandeln steht Vernunftbildung.
      Diese Aufgabe dauert Generationen, bis sie in den Genen ist.
      Wie lange muß? noch hingewiesen werden?
      Die Gesellschaften vermischen sich immer schneller, aus den verschiedensten Gründen,
      damit auch die Hinweis-Geschichten. Der Weg des „Hinweisen müssen“ wirkt nicht.
      Die Bildungsdifferenz und der notwendige Ausgleich beanspruchen uns jetzt schon über
      die Maßen. Wie wird das erst wenn gezielt Vernunft gebildet werden soll?
      Auf welcher gemeinsamen Bildungsbasi? Probleme über Probleme die gelöst
      werden MÜSSEN, bei Bildungsziel Vernunft für alle.
      Vergangenheit-Hinweise verrinnen im Sand der Gegenwartgeschichte, die schon genug
      Hinweise enthält.
      Der Mensch denkt er ist vernünftig, das ist das Grund-Problem, Überheblichkeit.

    • Niemand muss etwas. das ist nichts, als eine Empfehlung. Der man folgen kann – oder es lässt.
      Schönen Gruß

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