Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Geld her, wir leben im Kapitalismus

| 21 Lesermeinungen

Das Netz zeigt große Kompetenz, Probleme zu erkennen und zu debattieren. Vom twittern über Kostenlos-Mentalität wird aber keine bessere Welt erschaffen. Im Kapitalismus geht es darum, zu überweisen.

Vor einigen Wochen erlebte das Soziale Bezahl-Netzwerk App.net sein quasi-Aus. Die Betreiber mussten ihre Mitarbeiter entlassen, da die Einnahmen ihre Kosten nicht mehr decken konnten. Der Service funktioniert noch, die Server laufen weiter, aber wer wird angesichts dieser Entwicklungen sein Jahres-Abo verlängern, wenn nicht absehbar ist, wie lange der Kahn sich oben halten kann? Noch vor einem guten Jahr hatte ich in dieser Zeitung über die Idee geschrieben. Sie hat nicht lange getragen. Die Nutzerinnen und Nutzer hatten nach anderthalb Jahren Experiment keine Lust mehr, für etwas zu bezahlen, das es so oder zumindest so ähnlich auch kostenlos gibt. Der Netzwerkeffekt tat sein Übriges – denn wieso irgendwo abhängen, wo die Stars keinen Piep von sich geben, wo nur die weißen, abgehalfterten, männlichen Nerds zwitschern? Wenn man etwas kostenlos haben kann, dann will man das auch so – erst recht im Netz. Außerdem sei App.net langweilig, so hörte man oft, auf twitter sei viel mehr los, die Leute wären wilder, lustiger, unterhaltsamer.

Warum also zahlen? Diese Frage stellt sich den meisten Netz-Nutzerinnen natürlich nicht nur bei der Wahl ihres bevorzugten sozialen Netzwerks – sie stellt sich bei allen Dingen, die sie im Netz erledigen, denn fast überall hat man die Wahl: Zahlt man den Versand für ein Produkt, oder nutzt man lieber Amazon Prime? Zahlt man für einen Film oder schaut man ihn auf den Nachfolgeangeboten von Kino.to? Wenn eine Netz-Exhibitionistin ihr Buch auf den Markt bringt, kaufen – oder das PDF aus der Dropbox laden? Kauft man für einen Artikel in einer Zeitung die Zeitung, die App oder sonst eine Form des digitalen Angebotes, oder wartet man, bis er kostenlos online ist?

Vor ein paar Tagen lud die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zusammen mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zu einer Tagung anlässlich „65 Jahre Grundgesetz – 65 Jahre Pressefreiheit“ in Berlin ein. Auch hier ging es in weiten Teilen um die finanziellen Sorgen der Branche, auch hier war die Kostenlos-Mentalität ein Thema. Aber nicht nur die machte den Diskutanten Sorgen. Ein zweites Problem sah Eröffnungsredner Norbert Lammert in drei Trends, die seiner Meinung nach in Zukunft auf den Journalismus, die einstmals vierte Gewalt im Lande, zukommen: Erstens: Bilder gingen vor Text ; zweitens: Personen gingen vor Sachverhalte; drittens: Schlagzeilen gingen vor Analysen. Drei Entwicklungen, die zeigen, wie ähnlich sich die Probleme letztlich sind, die bezahlte Produkte im Netz haben – ob nun ein Soziales Netzwerk um sein Bestehen bangen muss, oder ein qualitativ guter Journalismus. Abgesehen von der grundsätzlichen Uneinsicht, zu bezahlen.

Die Kostenlos-Mentalität im Netz ist schon häufig kritisiert worden, das ist kein Novum. Das war nicht immer so: Noch vor drei Jahren wehte ein etwas anderer Wind, damals erlebte man online in diversen Blogs und natürlich auf twitter eine große Häme gegen die Idee der Paywalls. Als erste traf es die New York Times, die 2011 eine Paywall errichtete, um ihr Bestehen in digitalen Zeiten zu ermöglichen. Die Nutzerrinnen reagierten psychologisch nachvollziehbar: Nach 15 Jahren kostenloser Netzinhalte hat die NYT ihnen gefühlt etwas weggenommen, die Reaktion war Aggression. In den ersten drei Monaten nach der Umstellung sei es online zu einem Nutzungsabfall gekommen, erklärt Florian Keisinger in The European, außerdem hätten viele versucht, die Paywall zu umgehen (und Wege wurden gefunden). Keisinger rät, dass wer anderen etwas „wegnimmt“, ihnen zum Ausgleich auch etwas geben müsse. Etwa wirklich exklusive Inhalte, weniger Werbung oder stärkere Interaktion. Kurz: Leserinnen und Leser müssen gebunden werden und scheinbar reicht dieser Logik zufolge die Qualität des Angebotes lange schon nicht mehr aus. Diese flatterhaften Wesen wissen ja heute noch nicht, was sie morgen lesen, hören und sehen wollen. Ines Pohl, Chefredakteurin der taz, sitzt an jenem Dienstag in Berlin auch einem Podium bei bpb und BDZV. Sie findet „der größte Feind der Pressefreiheit sitzt in den Köpfen der Kolleginnen und Kollegen,“ denn diese hätten große Angst, die Beziehung zur Leserinnenschaft zu zerstören oder gar ganze Leserschichten zu vergraulen.

Kurz zur Erinnerung: Seit die digitalen Medien zunehmend die Berichterstattung in diesem Lande dominieren zu scheinen, seit twitter schneller ist, als so mancher Newsticker oder Nachrichtenagenturen, geht das Gespenst des „Zeitungssterbens“ um – und alle betroffenen Medien haben noch nicht so recht den Königsweg gefunden, der ihrem Angebot das Überleben sichert. In einer Umfrage des Instituts Allensbach, die auf der Tagung ebenfalls vorgestellt wurde (diese Zeitung berichtete) geben 74 Prozent der Journalisten an, dass sie oft zu wenig Zeit für die Recherche und das Schreiben ihrer Artikel haben. Besonders betroffen sind mit 81 Prozent die Lokaljournalisten aber auch 64 Prozent der Politik-Ressort-Journalisten räumen dieses Defizit bei ihrer Arbeit ein. Dieser Mangel an Zeit gilt den Befragten als größte Gefahr für die Wahrung der Pressefreiheit in Deutschland – er liegt vor anderen Problemen, wie etwa Einflussnahme durch Unternehmen. An zweiter Stelle kommt die Aussage „dass Journalisten auf wirtschaftliche Interessen des eigenen Medienhauses Rücksicht nehmen müssen.“ „Slow Journalism“ ist offenbar in deutschen Redaktionen eine Ausnahme geworden. Was aber tun?

Die taz hat eine Pay-Wahl geschaffen, denn sie findet, dass man keine neuen Mauern errichten sollte. Sie setzt auf Freiwilligkeit und Liebe der Leser, die „JA, ich will freiwillig für die taz zahlen“ anklicken sollen. Die Idee scheint prima und die taz hat damit auch schon 231.067 Euro eingenommen – seit beginn der Pay-Wahl – seit drei Jahren also. Nicht einmal 100.000 Euro im Jahr kommen damit für die taz heraus. Reicht das? Ist das ein ausreichendes Gegengewicht zu den wegfallenden Abos? Als Ausgleich zu wegfallenden Abos sei die Paywahl nie gedacht gewesen, erklärt man im Hause taz. Und sonderlich erträglich seien die Einnahmen durch dieses Instrument auch nicht, es kann nichts ausgleichen. Die Kosten des Internetangebots taz.de lägen etwa doppelt so hoch, wie die Erlöse, die durch Anzeigenbanner, eKiosk, flattr-Button und eben die Pay-Wahl eingespielt würden.

© Katrin RönickeWerner Lauff, Ines Pohl, Prod. Dr. Renate Köcher, Boris Palmer und Friedrich Roeingh (v.l.n.r.) diskutieren über die „DNA der Demokratie“, vergangenen Dienstag in Berlin

Dass es bei der taz immer ein bisschen eng ist, dass sie in der Zeitungs- und Medienbranche nicht als bestzahlende Arbeitgeberin bekannt ist, sondern eher andere Werte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu binden vermag, das ist kein großes Geheimnis. Und irgendwie funktioniert es ja weiterhin – die taz muss zwar immer wieder Spendenkampagnen fahren, um mehr Abos zu verkaufen, immer wieder tritt an die Oberfläche, wie knapp es eigentlich ist, doch man beißt sich eben durch. Es geht schon. Die Wochenzeitung der Freitag hat hingegen am Ende des Jahres 2012 neun von 40 Angestellten entlassen müssen. Andere Zeitungen fusionieren oder machen dicht, wie die Financial Times Deutschland. Es gibt offensichtlich ein Problem. Ein finanzielles Problem – die Zeitungen brauchen Geld, Online-Angebote funktionieren nicht mehr nach der Logik, dass Menschen gerne bereit sind, für gute Qualität auch gut zu bezahlen. Netznutzerinnen und Netznutzer sind tendenziell bezahlmüde – ein Zustand, den zuletzt auch Sascha Lobo in seiner Brandrede auf der Konferenz re:publica in Berlin Ansprach:

„In der großen Masse tut ihr so, als sei euch Netzpolitik wichtig. Aber ihr handelt nicht danach. Ihr twittert das, aber ihr überweist nicht.“

 

Was Lobo in Hinblick auf die Netzpolitik anspricht, ist für die Wahrnehmer des Privilegs durch Artikel 5 Grundgesetz, die Journalisten, genauso richtig. Auch sie haben die Aufgabe, in einem demokratischen System über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Debatten zu informieren und Hintergründe zu den vordergründig genannten Argumenten zu recherchieren. Auf der Tagung „65 Jahre Pressefreiheit“ war es ausgerechnet ein Politiker, der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), der diese Kompetenz zumindest in Bezug auf so manche Lokalredaktion stark in Zweifel zog: „95 Prozent meiner Pressemitteilungen werden einfach abgedruckt“, wunderte er sich. Das mache die Zeitung für ihn eher langweilig, denn dadurch kenne er den Inhalt der Zeitungen ja schon. Die Leute im Publikum lachten – aber es sollte einem eher im Halse stecken bleiben. Palmer hat eine Idee, er will „die Keimzelle der Demokratie durch öffentliche Finanzierung schützen“. Auch Prof. Dr. Renate Köcher, die auf der Tagung die Studie von Allensbach vorstellte, hielt es in ihrer Rede für problematisch, dass nur der Rundfunk vom Staat alimentiert würde.

„Der Bedarf nach Alternativen wächst“, erklärte schon Lammert in seiner Eröffnungsrede. Er sieht in einer professionellen Redaktion vor allem eine unabdingliche und durch die Netz-Debatten so gut wie gar nicht abgebildete Ressource: Urteilsvermögen. „Das Internet kann vieles nicht, was Zeitungen können.“ Diese Ressource liegt in der Hintergrundrecherche und der Kreis zu den Allensbach-Ergebnissen schließt sich. In den Niederlanden hat gerade das Netz einen alten Finanzierungsweg neu definiert: Werbungsfinanzierung oder gar staatliche Finanzierung wie in Luxemburg braucht De Correspondent beides nicht, das digitale Magazin finanziert sich durch seine Leserschaft. Fünf Geschichten am Tag, gute Recherche und keine unnötigen Ablenkungen vom Wesentlichen: Dem Erstellen eigens recherchierter journalistischer Texte von „eigenwilligen Autoren, mit einer klaren und eigenen Sicht auf die Themen“, wie Gründer Wijnberg gegenüber der ZEIT angab. Und bislang sieht es so aus, als würde die Idee aufgehen, als hätte das Magazin mit seiner Herangehensweise die Lücke füllen können. Auch in Deutschland macht das Beispiel Schule: Das Wissenschafts-Magazin Substanz hat sich erfolgreich an den Start gefundet. Am Freitag läuft das Start-Crowdfunding der Krautreporter aus, die sich den von Lammert angesprochenen Logiken der Medien, der Entertainisierung und Entsachlichung entziehen wollen. Auch hier soll eine Community aus Abonnentinnen und Abonnenten entstehen („Mitglieder“ sagen die Macher), die durch ihre direkte Bezahlung das Angebot finanzieren. Und zwar nur sie. Keine Werbung.

„Vielen ist nicht klar, dass auch die großen Zeitungen wirtschaftliche Probleme haben und wichtige, bereits in Auftrag gegebene Geschichten abbestellen müssen, wenn es zuwenig Werbebuchungen gibt. Bei Krautreporter müssen wir unsere Inhalte nicht an die Anzeigenlage anpassen. Wir machen deshalb nicht besseren Journalismus, aber das Werbevolumen diktiert nicht, was wichtig ist.“

 

Nach einem fulminanten Start kam die Crowdfunding-Kampagne ins Stocken, es gab einige Kritik und Skepsis gegenüber der Redaktion und der Art und Weise, ja – auch die Frauenquote wurde bemängelt. Ob Gründer Sebastian Esser die Chance bekommen wird, die bisherigen Skeptiker zu überzeugen und die gemachten Fehler zu korrigieren, muss sich noch zeigen. Die Hälfte der angestrebten 15.000 Mitglieder hat das Projekt innerhalb von 3 Wochen überzeugen können.

In einem kleinen Segment der Internet-Informations-Branche funktioniert der Community-Gedanke übrigens schon bemerkenswert gut: die Podcasting-Szene. Es wäre zu viel behauptet, dass hier die große Masse von ihren Angeboten leben könnte, richtig ist, dass nur einzelne herausragende Persönlichkeiten mit ihren Webangeboten signifikante Einnahmen generieren können – etwa Tim Pritlove und Holger Klein. Dennoch spüren auch jene, die das Produzieren ihrer Podcasts eher als „Hobby“ verstehen (was nicht bedeutet, dass sie weniger Mühe hineinsteckten) in einer großen Mehrheit die Unterstützung ihrer Hörerinnenschaft: Durch Mikro-Spenden via flattr kann man die Serverkosten ausgleichen und neues Equipment anschaffen und Geschenke von der digitalen Wunschliste flattern ins Haus, die eine Wertschätzung ausdrücken, von der manche Journalisten vielleicht nur träumen können. Es steckt noch viel Musik in der Community-unterstützten Informations-Welt. Die Idee steht erst am Anfang. Doch De Correspondent und die Podcast-Freaks zeigen, dass die Kostenlos-Mentalität noch nicht gewonnen hat, dass es viele Menschen gibt, die Geld für Qualität geben.

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21 Lesermeinungen

  1. Wenn die Ideologie ihre Bindungskraft verliert
    Was wäre die bürgerliche Gesellschaft ohne die Presse? Vermutlich gäbe es sie gar nicht. Und jetzt liegt sie im Sterben, diese „alternativlose“ Gesellschaft. Das Pressesterben mag dem Ende des Kapitals zeitlich vorausgehen, doch das Ende des Kapitals ist dessen logische Ursache. Egal, wie man glaubt, es anpacken zu können: dieser Prozess ist unaufhaltsam. Und jeder Versuch, die Presse am Leben zu halten, wird diesen Prozess nur noch beschleunigen. Die Online-Ausgaben haben nur deshalb noch Zulauf – die kostenlosen –, da hier der Leser selber schreiben kann.
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    Die Arbeitsteilung wird in der kapitalistischen Gesellschaft noch einmal auf die Spitze getrieben, bevor sie obsolet geworden sein wird. Die wichtigste Arbeitsteilung, die zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, also die, die die Klassenteilung maßgeblich gefördert hat, zeigt sich auch als Arbeitsteilung zwischen Schreibenden und Lesenden, Textproduzierenden und Textkonsumierenden. Sie erledigt sich in dem Maß, wie sich die Arbeitsteilung zwischen Produzenten und Konsumenten erledigt. Und das ist der deutlichste Hinweis darauf, dass die kapitalistische Marktwirtschaft im Sterben liegt.
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    Wo der innere Markt stirbt, stirbt das bürgerliche Subjekt, prekarisiert der Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital. Der Kampf um die Neue Weltordnung macht deutlich, dass das Kapital verzweifelt nach einem Ausweg sucht. Der Weltbürger sucht sich kreieren. Eine Klasse über der Klasse. Doch so sehr das Kapital international ist, ist es doch an die nationale Form gebunden. Und darin unterscheidet es sich vom Lohnarbeiter. Der Versuch, diese Form aufzulösen, stürzt es in eine ultimative Krise. Die Massen der „Konsumenten“ spüren diese Krise; und sie „produzieren“ heftig dagegen. Man schaue sich nur den Riss zwischen den redaktionellen Artikeln und der Flut an Leserbriefen dagegen an – hier in der FAZ zum Beispiel. Die Kritik der politischen Ökonomie (des Kapitals), einst ein rein theoretisches Projekt, welches den Massen mit hohem Aufwand als politisches Bewusstsein vermittelt werden musste, beginnt sich im phänomenologischen Bewusstsein der Massen niederzuschlagen – http://blog.herold-binsack.eu/2014/06/es-ist-ein-missverstaendnis-wenn-das-kapital-sich-als-den-weltgeist-duenkt/. Nicht dass das ausreichte, das Kapital jetzt zu stürzen, doch es reicht um eine nie dagewesene politische Krise auszulösen. Die Finanzkrise mag der Auslöser gewesen sein, doch die Vertrauenskrise geht erheblich tiefer.
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    Wie auch immer das Bürgertum seine Ideologieprodukte unter die Massen zu bringen sucht, kostenlos, oder über eine Pay-Wall, oder gar durch eine Art Gebühr finanziert, es findet dort keinen nennenswerten Abnehmer mehr. Keine Gläubigen seiner Ideologie mehr. Wenn die Ökonomie einer Gesellschaft in die Krise gerät, verliert die Ideologie ihre Bindungskraft. Und wo eine Ausbeuterklasse darüber diskutiert, wie sie nennenswerte Teile der ausgebeuteten Massen im Jahr X mit Mindestlohn abzuspeisen gedenkt, und dabei dennoch befürchten müsse, wie dieser Mindestlohn ihre Ökonomie gefährde, dort scheint es Zeit abzudanken, für diese herrschende Klasse. Die einzige Botschaft vielleicht noch, die im Volk Gehör finden dürfte.

  2. Etablierte haben die Transformation nicht erfolgreich vollzogen
    Das Internet und die damit verbundene Senkung der Transaktionskosten (hier Publikationskosten und Reichweite) hat die Spielregeln des Marktes verändert. Nicht für die TAZ, die hat schon Bettelbriefe geschrieben, als ich noch zur Uni ging und „google“ nur wenige kannten, aber für diejenigen, deren Geschäftsmodell funktionierte.

    Es ist erstaunlich, wie schlecht sich die Etablierten auf die neuen Regeln einstellen können. Beispiel aus einer anderen Richtung: Der Versandhandel hat schon Jahrzehnte die Art von Geschäften betrieben, die Amazon heute erfolgreich abwickelt. Aber kein Versandhandel hat nennenswert vom Trend, hin zu mehr Versandhandel profitieren können. Warum nicht? Weil die Transformation der eigenen Weltsicht auf die neuen Gegebenheiten nicht so schnell vollzogen wurde, wie es die jungen Wilden vermochten.

    So ähnlich ist es meiner Meinung nach auch mit dem Journalismus. Gerade in der heutigen Flut von Belanglosigkeiten wäre eine ordnende Hand, die große Linien herausarbeitet und in einen Kontext hebt, der ein allgemeineres Verständnis ermöglicht, sehr wünschenswert. Allerdings gibt es dieses Bedürfnis nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung. Dieser Teil der Bevölkerung würde auch ohne Probleme für eine solche Dienstleistung zahlen. Nur – und hier liegt das Problem – dieser Teil der Bevölkerung ist nicht homogen. Damit sich das Ganze auch in Zeiten des Internets tragen kann, muss eigentlich entweder ein Monopolist sponsern (also sich einen Hofnarr oder ein Haustier halten) oder müssen durch den Skaleneffekt die Fixkosten hübsch verteilt werden. Letzeres geht bei der skizzierten möglichen Zielgruppe für eine Berichterstattung im oben genannten Sinne nur schlecht. Wir werden sehen, wo das endet.

    Eine Gebührenfinanzierung halte ich für problematisch. Da werden nur neue Abhängigkeiten und Apparatschiks geschaffen, aber die Qualität nicht langfristig erhalten. Denn die Möglichkeiten der Meinungsmanipulation wird zu verlockend sein, als dass diejenigen, die die Pfründe „treuhänderisch“ verwalten, nicht in ihrem Sinne Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen versuchen würden. Fremdes Geld für den eigenen persönlichen Nutzen ausgeben, was könnte schönere Rendite erwirtschaften?

    In der Tendenz steuern wir auch im Journalismus meiner Meinung nach auf eine Monopolisierung bei gleichzeitiger Atomarisierung aller andern zu. Analog zu allen anderen Wirtschaftszweigen auch. Schön finde ich das nicht. Nur Ideen, dem zu begegnen habe ich zur Zeit keine.

    • ...
      Die Konzentration muss nicht schlecht sein, wenn sie Pluralität bündelt, analog zu den Händlern im Onlinehandel eine Art Shop-in-Shop bietet. Da haben beide etwas davon, indem sie eine höhere Reichweite erzielen und der Kleine vom Großen die Logistik nutzen kann usw.
      Aber nochmal zu den Bezahlinhalten: Im Vergleich zu anderen Medien steckt das Web noch in den Kinderschuhen und ich bin zuversichtlich, dass sich in Zukunft vieles nicht nur zum Schlechteren verändern wird. Ein Überdruß an schlechter Berichterstattung ist jetzt schon zu verzeichnen, man kann das sehr deutlich an den Kommentaren auf diversen Seiten erkennen.
      Ich denke, dass die Bereitschaft für eine Art Pay-Web in Zukunft zunehmen wird. Auch da kann eine Bündelung des Angebots stattfinden. Special-Interest-Publikationen bieten zwar ein Werbeumfeld mit geringen Streuverlusten, aber es gibt auch eine Zielgruppe, die das sehr genau erkennt und daher der Sache den Rücken kehrt. Die Zielgruppe der rahmengenähten Schuhe, um diese etwas krude Analogie zu bemühen, der Anschaulichkeit halber.

    • PS
      Kurz zur Erklärung, warum mich das Thema so umtreibt und ich mich hinsichtlich der Anzahl der Kommentare so reinknie: Ein guter Freund hat diesen Pay-Content erfolgreich praktiziert; ich will kein Product Placement machen, daher kein Wort über diese Seite.
      Es ist eine Seite, die Kunst zum Gegenstand hat. Kein Crowdfunding im eigentlichen Sinne, denn er hat es aus eigener Tasche finanziert. Die Kosten haben sich mittlerweile amortisiert und das Ding ernährt 5 Menschen.

  3. Premium muss sich lohnen
    Premiuminhalte durch Bezahl-Content, darin liegt m. E. die Zukunft für Autoren mit hohem Niveau, die frei von Einfluß und ohne Rücksichtnahme auf einen breiten Publikumsgeschmack einen Platz im Web haben möchten. Die Gefahr eines Zweiklassen-Webs sehe dabei ich nicht. Zumal das Web ohnehin nicht in der Lage ist, eine klassenlose, universal gebildete Gesellschaft zu kreieren. Dieser Illusion sollte man sich nicht hingeben.
    Anspruchsvolles muss unabhängig sein, um anspruchsvoll zu sein. Ich würde, z. B., für Wostkinder bezahlen, hätten die beiden Autoren nicht auf der FAZ einen Platz gefunden, der mir ermöglicht, es kostenlos zu lesen. Nicht alle haben dieses Glück.
    Wie es selbstverständlich ist, dass man ein gutes Buch käuflich erwirbt, sollte es selbstverständlich sein, für Inhalte zu bezahlen, die Arbeit machen, hohes Können erfordern und, ja, auch elitär sind.

    • danke
      ich denke auch: es sollte eigentlich eine selbstverständlichkeit sein, in etwa so selbstverständlich, wie wir auch Steuern zahlen, damit die gesellschaftlichen Infrastrukturen aufrecht erhalten werden können. Es ist nämlich auch wichtig, dass kulturelle und diskursive Infrastruktur existiert.
      Es geht also vor allem um ein *wie*.

    • Gerne
      Anstatt das Schnochelset bei amazon zu bestellen (*grins*), bestand als fleißiger Leser Ihrer Arbeit (auch auf anderen Domains) mein Dank u. a. darin, Ihnen diese Anerkennung zukommen zu lassen.
      Ähnliches ließe sich auch für Ihre Kolleginnen von 10 vor 8 sagen, dessen Blog ich ebenfalls hervorragend finden.
      Dass etwas gut ist, mache ich nicht daran fest, dass es immer meine Meinung widerspiegelt, sondern am anregenden Gedankenaustausch, an der Erweiterung, oft auch Korrektur meines Selbst.
      Diese Umsonstkultur, das Abgreifen von Kulturgut „für lau“ hat für Kulturschaffende eine verherrende Wirkung, schlicht deshalb, weil sie von ihrer Arbeit nicht leben können. Die Kulturlandschaft wird also ärmer, beschränkt sich eventuell irgendwann nur noch auf werbefinanzierte Schreihälse oder auf in Redaktionen eingebundene Lohnschreiber, die sich im Sinne von artikulieren müssen.
      „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, damit alleine ist es nicht getan, man muss auch davon leben können.
      Kurzum: Bezahlmodelle können ein Ausweg aus der Misere sein und guten Leuten eine Perspektive bieten. Vor allem, weil Geisteswissenschaftler, Kunst- und Kulturschaffende etc. am Arbeitsmarkt eine eher prekäre Situation vorfinden. Was nicht unbedingt für ein Kulturland spricht.

  4. Kostenlosmentalität existiert nicht! Immer und immer wieder lese ich solchen Unfug - was soll diese
    Blödsinn?

    Bevor ich im Netz überhaupt etwas machen kann, muss ich erst einmal erheblich in Vorleistung treten und die laufenden Kosten sind enorm.

    Das war zu Bloßpapierzeiten anders: Ich habe dem Verkäufer ein paar Groschen für das Blatt gegeben, die Reklame in dem neben dem Kassentisch aufgestellten großen Korb geschüttelt und das war’s dann auch schon. Lesen kostete nichts extra.

    Das miese örtliche Käseblatt lag im Zeitungshaus etwa einen Monat lang aus, ältere Exemplare hält die Pflichtexemplarbibliothek vorrätig – und damit fängt nicht das Be-, sondern das ZUzahlen an: Ich muss(te) nämlich zusätzlich mit Zeit, wovon ich jeden Tag leistungslos vierundzwanzig Stunden erhalte, zahlen – Wegezeit, Wartezeit, … davon machte ich also sowenig wie möglich Gebrauch, eben weil’s nicht kostenlos war.

    Und heute? Heute bekomme ich mit dem teuren Rechner Programme, Spiele et al. ohne zusätzliche Berechnung – ich zahle mit Zeit zu, bis ich verstehe, wie die Maschine funktioniert.

    Und mit dem teuer bezahlten Netzzugang erwerbe ich selbstverständlich Anspruch auf nicht zusätzlich berechnete Inhalte – sonst brauchte ich ja gar keinen Netzzugang. Lesen, Suchen et al. kostet als Zuzahlung wiederum Zeit.

    Ich meine, es reicht jetzt mal so langsam mit der Abzockerei – ich zahle schon genug, mehr ist Wucher!

    • Blödsinn?
      Liebe Frauke Amgelin,

      natürlich muss man zur Nutzung des Netzes ein Gerät haben, mit dem man es nutzen kann. Aber ich sehe das ein bisschen so, wie mit Straßen: Sie sind da, aber um sie zu nutzen, braucht man ein Auto – mindestens aber ein Fahrrad. Das kostet Geld und gerade bei einem Auto sind die laufenden Kosten hoch. (deswegen habe ich zum Beispiel keines)
      Man kann auch öffentliche Angebote nutzen, um weiterzukommen, oder eben das Fahrrad. So ähnlich funktioniert das auch im Netz. Wenn man in Bibliotheken geht, kann man dort Rechner benutzen. Oder man kauft sich nicht das supertollste neueste Modell, sondern ein gebrauchtes. Es werden ohnehin zu viele Rechner nach kurzer Zeit wieder aussortiert – es ist eine ökologische Dummheit, aber wenn nicht der neueste, schnellste und schickste Typ auf dem Schreibtisch steht, soll es angeblich nicht gehen. Es ist mittlerweile eine ganze Branche darum entstanden, die solche Rechner, nur wenige Monate oder Jahre alt, wieder refurbished, also generalüberholt und erneut verkauft.
      Die Gebühren für das Netz an sich, also DSL oder Mobilfunk kommen noch einmal hinzu. Aber auch hier fällt auf, dass sie nur unwesentlich über dem liegen, was man bislang für einen Telefonanschluss plus Kabel plus GEZ etwa bezahlen musste.
      Von Wucher kann ich daher nicht so recht ausgehen, tut mir leid.
      Aber am meisten wundert mich, warum Sie sich das alles überhaupt antun. Ich kenne viele Menschen, die verbringen so gut wie keine Zeit im Netz, informieren sich über das Radio, eine Tageszeitung und gehen in Bibliotheken, ohne das Gefühl zu haben, abgehängt zu sein.

      Um all das geht aber in obigem text nicht. Wenn Sie einen Computer von Apple kaufen, was genau bekommt dann die FAZ vom Kaufpreis ab, damit sie ihr journalistisches Angebot aufrecht erhalten kann?

    • Naja, liebe Katrin Rönicke, zur Benutzung der Straßen braucht man nichts Rollfähiges, Füße reic
      – Anleitung dazu gibt die Straßenverkehrsordnung.

      Mein Missbehagen über die potemkinsche Fassade „Kostenlosmentalität“ ist es, was mich reagieren lässt: Sie propagieren Mehr-als-bisher-zahlen oder Zuzahlen, d. h. ich müsste Ihrer Ansicht nach für dasselbe mehr Geld als bisher ausgeben. Nein, definitiv nein, mach‘ ich nicht. Wenn überhaupt, setze ich mein eigenes Zahlungsmittel ein: Bibliotheksbenutzung bezahle ich mit Zeit. Funksteuer, mit der ebenso verfassungswidrig wie mit anderen „Beiträge“ genannten Steuern lediglich die Steuerfreiheit des Existenzminimums beseitigt wird, zahle ich nicht (Fernsehempfangs- und -wiedergabegerät hatte ich noch nie, Festnetzanschluss, Plauderknochen, Wischbrettchen: dito; Radio log mir nach 1990 zu oft, also: abgeschafft.) Zeitung: Zeitung? Da gibt’s doch schon lange bloß noch (mehr oder weniger ungeschickt) gekürzte Presseagenturmeldungen als Tagessammlung – und für sowas soll ich mehr zahlen?

      Zu Ihrer abschließenden Frage: In den Institutskellern waren vor Äonen mal von Xerox diese Riesenmaschinen aufgestellt worden: Vorm Ablichten kam der Gang zum Pedell, Zählwerkschlüssel abholen. Abgerechnet wurde einmal im Jahr; Preis pro DIN-A4-Blatt: Nullkommanullsieben Pfennig. Öffentlich zugängliche Geräte „fraßen“ zwanzig Pfennig dafür.

  5. Was mir bei der berechtigten Sorge um die Opfer der Kostenlosmentalität ein wenig fehlt,
    ist eine Betrachtung der Gründe, die – auch – eine Rolle spielen könnten, warum Menschen für Medieninhalte nicht zahlen wollen: Weil sie sich ohnehin nicht informiert sehen, sondern eher indoktriniert.

    Dazu eine Beobachtung aus meiner Zeit als Pressereferent des Aachener Allgemeinen Studentenausschusses (Ende achtziger): Alle Pressemittilungen generierte ich druckfertig, sie waren also in kurze Absätze abnehmender Bedeutung gegliedert, der Inhalt bestand aus den berühmten Siebenwort-Hauptsätzen, keine Headline, da die Überschriften in Zeitungen nach Platz generiert werden. Die nahezu unveränderte Abdruckquote in Aachener Lokalzeitungen lag bei mehr als 66% …

    Warum soll ich für eine Sammlung von dpa Nachrichten und Presseverlautbarungen von Organisationen und Verbänden zahlen? Der Hauptgrund für den Bezug von Lokalzeitungen in meiner Bekanntschaft war (und ist) die Ankündigung lokaler „Events“ (Märkte, Feiern, Konzerte, Aufführungen), er entfällt durch entsprechende lokale Sammelportale zunehmend. Die politische Information der meisten mir bekannten Lokalzeitungen war und ist so dünn, dass sie ein Abo schon in der Vergangenheit nicht rechtfertigte.

    Ich glaube, bestätigt durch den anhaltenden Erfolg etwa des britischen economist, es gibt eine Zahlungsbereitschaft auch deutscher Medienkonsaumenten. Für echte, nicht überall erhältliche und widergekäute, Information. Und dafür reicht eine reine Ankündigung wie bei den Krautreportern eher nicht, weil deren Hauptakteure in der Vergangenheit eher nicht durch besonders kenntnis- oder detailreiche Informationsbeiträge bekannt wurden.

    Es gibt durchaus Grund, sich um die systematisch verrückte Medienlandschaft Deutschlands im besonderen, westlicher Staaten im allgemeinen, Sorgen zu machen. Die Gründe dafür treten durch die Kostenlos-Angebote des Netzes nur stärker hervor, sind aber nicht in ihnen begründet.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Titel eingeben
      Sie unterstreichen ein Problem, das auch Boris Palmer ansprach. Es ist nicht mehr genug Qualität in den Produkten, also konsumiert man nicht mehr. Aber das ist vielleicht auch wieder nur ein Symptom der gleichen Ursache: Es gibt eben immer weniger Geld, Lokalredaktionen verkleinern sich seit Jahrzehnten in zunehmendem Maße und das, was sie füllen müssen, wird nicht unbedingt kleiner. Ich habe selbst ein Praktikum in einer Lokalredaktion gemacht, direkt nach dem Abitur, und das war gleichzeitig lehrreich, aber auch ein wenig ernüchternd. Auch da ging es ein bisschen viel um Unterhaltung, schöne Bilder und seichtere Themen (es war auch damals Fußball-WM und ich zog los, die Leute auf der Straße zu fragen, ob sie denn für die Spiele Deutschlands vom Arbeitgeber frei bekämen…. )

      Sicher: Teilweise ist das ein mangelndes Engagement der betreffenden Lokalredaktionen. Aber nicht nur – es gibt oft nicht die Kapazitäten und auch nicht das Know-How, die Berichterstattung, gerade in Sachen Lokalpolitik, gründlich und informierend einzuordnen. Welche helle Polit-Journalist legt schon wert darauf, in einem Käseblatt zu arbeiten? Die wollen ja dann lieber alle politbloggen, weil es größere Aufmerksamkeit gibt, mehr Fame.

      Es muss sicher grundsätzlich ein Umdenken her. Von allen Seiten. Lokaljournalisten müssen mehr investigatives Tagesgeschäft üben und bringen, aber sie brauchen eben auch die entsprechende Basis an Ausstattung und Geld. Und die Leser_innen müssen die Lokalblätter wieder ernster nehmen. Das alles gelingt wohl nur über einen irgendwie gearteten Neustart, denn momentan führt ja eher eins zum anderen.

    • Ich weiss einfach nicht, ob es in der Vergangenheit jemals wirklich besser war.
      Nach meinen anekdotischen Erfahrungen eher nicht, also ist das Käse- und Regionalblattsterben nur für die einschlägig ausgebildeten Arbeitnehmer ein Verlust – für die Journalisten. Deshalb wird nahezu ständig über das Thema berichtet.

      Das heisst nicht, es könnte nicht besser werden, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber besteht darauf eine halbwegs realistische Chance auf Realisierung? Solange eine sehr klare Menschheitsmehrheit die Emotion dem Argument, das Persönliche dem Politischen, das Schrille dem Stillen, das Showbusiness der Wissenschaft, den Fussballer dem Firmengründer, den Comedian dem Politiker vorzieht? Deutlich?

      Ich glaube eher nicht, dass der Journalismus schlechter geworden ist, er hatte früher bestenfalls den Anschein grösserer Seriosität. Ich habe allerdings genausowenig Hoffnung, dass er deutlich besser werden kann, dafür fehlen ihm ebenso Anbieter wie Nachfrager in ausreichend grosser Zahl.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Das finde ich interessant
      Diffus „gefühlt“ empfinde ich schon, dass alles immer blöder wird.
      Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich immer klüger wurde. Nein, Scherz beiseite, es ist deutlich zu sehen, wie Kultur immer weiter nach unten nivelliert wurde. Ich weiß nicht, ob das einem Trivialsozialismus oder einem aus den Fugen geratenem Turbokapitalismus geschuldet ist. Vermutlich einen Mix aus beidem. Das Elitäre, Anstrengende, Anspruchsvolle gilt nicht viel. Wird als abgehoben, akademisch, zu wenig volksnah etc. betrachtet. Gut, dann bleibt halt konsequent zu Ende gedacht nur die Folklore übrig.
      Ich halte das für eine Fehlentwicklung der Demokratie. Dieses Schielen darauf, ein möglichst große Masse für alles zu begeistern, so etwas führt zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Pluralität, Vielfalt auf hohem Niveau ist etwas anderes.
      Da besteht eine Wechselbeziehung aus Angebot und Nachfrage. Wenn ich auf einer Einkaufsmeile einer durchschnittlichen deutschen Stadt einkaufen gehe, bekomme ich fast nur noch das Sortiment der Massenanbieter.
      Das liegt nicht daran, dass mein Geschmack so sehr Mainstream ist, nein, es gibt fast nicht anderes.
      Im Kulturbereich hat sich Angebot nicht an der Nachfrage zu orientieren. Das Angebot hat, wie auch im Konsumgüterbereich, eine erzieherische Dimension. Oder anders: Woher soll man wissen, wie etwas schmeckt, wenn man es nicht kennt, man unbedarft ist, sich nicht damit auseinandersetzen kann etc.

    • Ja. So geht es mir auch. Man muss im Grunde ein richtiges menschliches Trüffelschwein werden, um Produkte zu erhalten, wie sie in ihrer Qualität beispielsweise beim Schlachten und Verwerten eines Tieres auf dem Hof meines Opas in meinen Kindertagen absolut üblich war. In ärmlichen, sozialistischen Verhältnissen. Es wird zurückblickend oft darüber gelächelt, wie schlecht der Kaffee in der DDR teilweise war, dass er teilweise Bestandteile beinhaltete, die mit Kaffee wirklich nichts zu tun hatten. Die nur der Streckung dienten. Aber wie ist es, genau besehen, heute mit der Massenware im Supermarkt? Oh ja – ein super Thema. Ich glaube; ich weiß, was ich mir bis in zwei Wochen einmal genauer anschauen werde …

    • Ja,
      das Thema wäre es wert. Es tangiert vieles.
      Frau Rönecke, wir sind nicht nur der selben Partei verbunden, unsere Ansichten ähneln sich darüber hinaus sehr häufig.
      Bin ein Fra-D-Kind und daher auch ein wenig zwischen den Kulturen, was ich aber positiv finde. Mein „Kulturschock“ war nicht systembedingt, aber wenn „der Feind“ durch einen selbst hindurch geht, ist das auch nicht immer einfach.
      Sie sind mir sehr sympathisch.

    • Verzeihung,
      ich muss an Nachnamenlegasthenie leiden und kann mir Namen schlecht merken. Jetzt habe ich Herrn Hennigs Namen falsch geschrieben und jetzt auch noch Ihren. Bitte entschuldigen Sie, es ist mir sehr unangenehm. Entschuldigung, Frau Rönicke und Herr Hennig!

  6. Zitat
    Bescheidene Reife darf nicht mit reifer Bescheidenheit verwechselt werden, ein wichtiges Merkmal
    der Vernunft einer Gesellschaft, ihren Bürgern und vor allem ihren Lenkern.
    Wolfgang Hennig

    …der Weg ist das Ziel, auch der Freiheit, auch der Freiheit Meinungsäußerung, auch der Freiheit
    Netzwerke, auch der Freiheit der Inhalte, auch der Freiheit…zur reifen Bescheidenheit zu gelangen,
    auf dem Weg der Vernunft…der Menschen.

    Nur unreife Vernunft „schrei(b)t“ nach Recht auf…Bezahlung???
    Reife Vernunft nutzt sie, die vernunftreife Bescheidenheit, in unbezahlbarer Freiheit.

    Medien…im Jammertal auf dem Weg, dem Ziel.

    …jammere nicht über die Dunkelheit, zünde ein Licht an.

    „Tiefdenken“ können ist die notwendige Basis-Bildung, sein Leben souverän, vernünftig, lenken zu können.
    Lesen, schreiben und rechnen können, reichen nur, um sich bedenken-, gedankenlos „ausrichten“ zu lassen.
    Wolfgang Hennig

    • ...=)
      Da Sie mir so nett antworteten, Herr Henning aka …=), ein kleines Fast-OT an Sie: Der Probierraum, erinnern Sie sich (?), der Probierraum ist kein Raum, in dem das Können erlernt wird, er ist der Raum, wo das Können gelebt wird. A room between the rooms. Ich denke, Sie sind ein Bewohner von dort.
      Liebe Grüße!

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