Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Deutschland einig Fahnenland

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Ballsport macht das Leben in der Stadt unerträglich. Laut und hemmungslos brüllen die Massen ihre Parolen. Warum tun diese Menschen das und wie national ist der Deutsche in diesen düsteren Zeiten?

Alle vier Jahre verwandelt ein nicht näher bezeichnetes Sportereignis, aus der Gattung der Ballsportarten, das ansonsten dörfliche Berlin in einen Ort, an dem man nicht sein will. Da wird geböllert bis der Krach vor lauter Lärm nicht mehr zu hören ist und der Himmel erstrahlt in leuchteten Raketenfarben. Nachts um Eins, mitten in der Woche. Vom Geschrei und Gejaule der Vielzahl der Menschen wird das alles nicht besser. Heute Abend ist damit endlich Schluss. Lediglich den großen Abschlussknall muss der brave Bürger noch über sich ergehen lassen. Momentan ist nicht absehbar, ob die Stadt derweil dem Erdboden gleich gemacht wird oder weiterhin bewohnbar bleibt.

Die Menschen, die in Deutschland diesem Großereignis frönen, haben meist etwas gemeinsam. Sie kleiden sich in Schwarz-Rot-Gold. Wer einer Horde dieser Spezies begegnet, kann sich nur wundern. Nebst Gegröle und Gepöbel, passt sich der Ballsportfreund in Berlin auf frappierende Weise dem Zustand der Straße an, auf der er wandelt. Da Berlin alles, nur nicht sauber ist, ergibt sich daraus eine gewisse Unerträglichkeit, über die auch ein preußisch pikierter Blick nicht hinweghilft. Erst besoffen erträgt der fröhliche Fernsportler sich selbst und sein Sein. Allen anderen bleibt nur die Flucht. Ob nun in die Berge oder das beschauliche Oldenburg. Weg sein ist gut.

Dieses Großereignis hat zum Glück auch einen Aspekt, der es für seine Verächter interessant macht. So ist es seit dem Jahre 2006 bei der zu betrachtenden Gattung gang und gäbe, zum gegebenen Anlass das eigene Auto, Haus oder auch den Vorgarten mit den Landesfarben zu verzieren und mit Deutschlandfahnen zu schmücken. Seinerzeit war das eine Revolution, weil wirklich jeder, der die Deutschlandfahne auch nur fröhlich anschaute, in den Verdacht geriet, ein Nazi zu sein. Und auch im Jahre 2014 wurde über das Thema der ein oder andere Leitartikel verfasst. Ganz abwegig scheint es nicht. Denn wie könnte einem nicht mulmig werden, wenn solch Gestalten, wie sie sich momentan in den Straßen tummeln, die Nation beschwören.

Doch ist es wirklich die Nation, die sie da beschwören?

Auf Regierungsebene ist die Sache eindeutig. Kanzlerin Angela Merkel repräsentiert dieses Land und freut sich recht offenherzig und schamlos über jedes Tor. Andere Regierungschefinnen mögen da zurückhaltender sein, doch Merkel sucht über den Sport offenkundig die Verbindung zu dem Volk, das sich von ihr regieren lässt. Gleichwohl wurde sie noch nicht im Trikot der Nationalmannschaft oder in Schwarz-Rot-Gold bekleidet gesichtet. Zur WM 2006 verkündete sie hierzu: „Ich feiere auch ohne Schal mit„. In ihrem Auftreten grenzt sie sich also auch wieder ab und bewahrt so die grundlegende Erhabenheit, die einer Regierungschefin abverlangt wird.[1] Merkel verkörpert dadurch nicht die Nation als solche, sondern repräsentiert den am Ballsport interessierten Teil des Volkes, um ein Teil von ihm zu werden. Allen anderen erspart sie sich.

Ein Blick in die Schwarz-Rot-Gold geschmückten Straßen, zu denen, die da repräsentiert werden, zeichnet ein anderes Bild. Fahnen, Autorückspiegelschützer, Wimpel, Trikots, Hüte, Klatschpappen und sonstiges zieren das Bild. Wenn Sie nicht wissen, was eine Klatschpappe ist, dann hilft Ihnen Frank Nestler weiter.

Jeder, der dem Ball nachschaut, scheint sich auf die eine oder andere Art ausdrücken zu wollen. Mit jedem Sieg wird das Ritual etwas exzessiver gepflegt. Der Rauschzustand der Betroffenen lässt sich also anhand der Intensität der Zurschaustellung erahnen. Als Verstärker dieses Vorgehens kann das sogenannte „Public Viewing“, meint das Rudelgucken, bezeichnet werden. Erst hier schöpft das Individuum die Kraft und Selbstversicherung, um sich anschließend auch der Restgesellschaft ungefragt und hemmungslos zu offenbaren.

Die Nation spielt dabei nur insofern eine Rolle, als dass sie den Rahmen bildet. Die Nationalmannschaft spielt das Spiel gegen andere Länder. Für den Fan selbst setzt sich an diesem Punkt nur das fort, was er ohnehin jedes Wochenende beim Anbeten seines persönlichen „Ballsportvereins“ an Verhaltensweisen einstudiert hat. Es bietet ihm einen größeren Rahmen, eine Verbindung zur Welt, die er umso extravertierter zelebriert.

Im Jahr der Weltmeisterschaft 2010 wagte es der Handyverkäufer Ibrahim Bassal, im Berliner Stadtteil Neukölln eine riesige Deutschlandfahne an der Fassade des Hauses herunterhängen zu lassen, in dem er sein Geschäft betrieb. Unterstützt wurde er unter anderem von Cengiz Kaan Kocyigit, einem Bewohner des Hauses, über dessen Balkon die Fahne hing. In nächtlichen Aktionen wurde ihnen die Fahne abgerupft. Eine Ersatzfahne versuchte man zu verbrennen. Zusammen mit seinem Cousin Youssef kaufte Ibrahim sodann eine neue Fahne und organisierte einen Nachbarschaftsschutz. Geplagt wurden die Deutschlandfans vermutlich von Antideutschen, dem „Kommando Kevin-Prince-Boateng Berlin-Ost“.[2]

Seitdem sind vier Jahre vergangen. Das seltsame Kommando hat sich aufgelöst und wer Deutschlandfahnen sucht, findet sie heute in jedem chinesischen Schnellimbiss oder Friseur. Es ist nahezu absurd, wo überall diese Fahnen hängen. Sie sind zu einer Art anlassbezogenem Alltag geworden, der nichts weiter als Gruppenzusammengehörigkeit symbolisiert und zugleich der Werbung dient. Ein riesengroßer Haufen an Markenartikeln, der Marke Deutschland, die dort zur Schau getragen und gestellt werden. Gleichberechtigt stehend, neben den Marken diverser Sportartikelhersteller und Limonadenverkäufer. Das absurdeste Stück Fanartikel fand sich an einem Autorückspiegel. Es war ein in Schwarz-Rot-Gold gehalter Rückspiegelschutz auf dem prominent für die spanische Santander Bank geworben wurde.

Auch wenn das Fahnenmeer im Speziellen und der Ballsport im Besonderen auf diese Art dem Kapitalismus einverleibt wird, kann dem sportlichen Akt eine gewisse Ersatzhandlung nicht abgesprochen werden. In einer Gesellschaft, der nachgesagt wird sich in einem postheroischen Zustand zu befinden, finden auf dem Sportplatz die Kämpfe statt, die der Mensch, als in diese Gesellschaft hineingeworfener Teil, für und mit der Gesellschaft schon lange nicht mehr führt. In diesem Sinne ist auch das „Public Viewing“ zu verstehen, zu dem die Massen sich trunken versammeln und gemeinsam die Helden ihrer Mannschaft anfeuern. Es scheint einsichtig, wird zumindest aber sichtbar, dass der Heroismus unserer Vorfahren, in diesen innergesellschaftlich friedlichen Zeiten, eine andere Projektionsfläche sucht.[3]

© Marco HerackFärben Sie sich doch mal wieder ihren Friseur.

Die Angst, dass unsere Gesellschaft wieder beginnen könnte die Nation zu beschwören, ist nicht ganz falsch. Es haben sich jedoch die Vorzeichen geändert, unter denen das möglich wird. Denn es ist ja mitnichten „mehr Land“ nach dem es uns strebt. Auch die Unterdrückung und Ausbeutung ferner Länder ist keines der Ziele, nach denen diese Gesellschaft trachtet. Vielmehr sind es die Menschenrechte, wie Joachim Gauck es ausdrückt, die uns heute noch zu den Waffen greifen lassen sollen. Oder, folgt man einem seiner Vorgänger im Amt, Horst Köhler, die Handelswege und Absatzmärkte.

Ein Krieg wird seitens des Volkes erst dann wieder möglich, wenn die Wertgemeinschaft der westlich-globalen Wirtschaftsordnung infrage steht. Wenn also ein Opfergefühl der Konsumenten über die verschiedenen Markengruppen hinweg entsteht.

Bis es soweit ist, bietet sich „hemmungsloses Böllern“ als kleineres Übel an.    

 

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[1] Es wäre wohl ein Bild für Götter, wenn Merkel, ganz im Stile Gerhard Schröders, „Hör ma. Hol mir mal ne Flasche Bier“ grölen würde, ehe sie sich volltrunken in den Sportrausch stürzt.

[2] Diese eigentümliche Art und Weise der Freizeitgestaltung kann in einem Blog nachvollzogen werden.

[3] Die Parallelen zwischen der Einwebung römischer Gladiatorenkämpfe in den Kaiserkult und der Annexion des Ballsports durch die FIFA, also die Einhegung des Spieles in den Kapitalismus, scheinen mir offensichtlich.


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4 Lesermeinungen

  1. Pingback: A Week in Pictures 28/2014 | André Herrmann - How about nö?

  2. Warum tun diese Menschen das ?!
    Hallo Herr Herack,
    keinen Aufklärungsunterricht gehabt?:=)

    Zyklus(alle 4 Jahre, Eisprung), Pille(Ball), Emotion(Liebe), aufgestauter Trieb(Massen-Erektion),…
    kollektiver Samenrausch, Orgasmen(sch)…Kampf der ir(r-N)ationalen Samenfädchen…
    und nur einer kann das „(goldene Sport-) Ei“ befruchten…
    und wird Fußball-(Befruchtungs-)WM…leider keine WM-Nachkommen, da „Pille“.
    Ja….was noch…ach ja…manche schreien beim Orgasmus, manche weinen,…
    die komplette Emotionen-Palette eben…auch Aggression bei nicht gewolltem Koitus-Interruptus…
    Ausscheiden…ein bischen Kama Sutra mäßig das Ganze, alle Sex-Möglichkeiten dabei.

    Ist doch menschlich, oder?….Orgasmusgeschreie mag ich persönlich allerdings auch nicht:=)

    Aufgestaute Trieb-Druck-Emotion weg, mündiger Bürger wieder brav und zugänglich für weniger
    Erfreuliches im Alltag…und das Wichtigste, emotional nicht aggressiv, leichter
    zu „nüchterner(emotionsloser)“ Hinnahme seines „Bürgerloses“…
    (das Los der A(rbeits)meise), mündig bereit…obwohl, Brasilien, Interruptus…au au au.

    Gruß
    W.H.

    • eigenwillig
      das ist ja eine sehr eigenwillige herangehensweise, aber sicher kann man das auch so sehen. und ich habe auch nichts dagegen, dass menschen sich ab und an austoben. die tür habe ich in diesem ja auch offen gelassen und eine handreichung formuliert… wobei das die kritik am generellen nicht ersparen kann.

      in jedem fall sollten die opfer dieses druckablassens nicht gänzlich unberücksichtigt bleiben… man könnte auch nach ostdeutschland fahren und auf den vielen freiflächen gröhlen und saufen.

    • Das kann ich 100% mitfühlen...nur "Abstand" hilft, das stimmt, der kommt nicht von...
      rücksichtsloser, euphorischer…Menschenmasse.
      Beim „nächsten“ mal lade ich Sie zu mir ein, nach Ganderkesee…nicht weit von Oldenburg.
      Schön ruhig hier und wir können ungestört philosophieren…würde ich wirklich gerne mal mit
      Ihnen. Ihre Denkansätze und Kommentare zu „Vielem“ gefallen mir.

      Gruß
      W.H.

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