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Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Viel „fuck“ und wenig guter Sex

| 23 Lesermeinungen

Cailtlin Morans „How to build a girl“ erzählt die hoffnungslos-schmutzige Geschichte eines Mädchens, dessen Horizont aus TV und Stadtbücherei stammt und das nun in die Welt der Stars geworfen wird.

Mädchensein, Erwachsenwerden, Körperveränderungen – das alles könnte schwer genug sein und viele Mädchen straucheln in ihren Coming of Age-Jahren. Aber was, wenn man dann auch noch in Armut aufwächst, im Arbeitermilieu ohne Arbeit?

Caitlin Moran, Autorin des viel besprochenen Bestsellers How to be a woman, hat nachgelegt. How to build a girl heißt ihr Roman, der jetzt schon in Großbritannien dafür sorgt, die Ansichten zu spalten. Ist es eine bloße One-Woman-Show, eine, bei der vor allem Moran selbst im Vordergrund steht und sich selbst feiert – ganz im Stile der Me-me-me-Generation? Oder gibt es da eine zweite Ebene, neben und hinter der lauten, aufdringlichen und scheinbar ein wenig selbstverliebten Attitüde Johanna Morrigan’s, der Heldin dieser Geschichte? Eine, die voller Tragik ist, auch wenn man beim Lesen ständig laut lacht?

Natürlich gibt es eine zweite Ebene – sie ist unaufdringlicher, als die vielen schrillen Sex- und Drogen-Elemente, aber sie ist nicht wegzudenken. Hinter sehr viel Masturbation (YEAH!) und einigen Fucks and Fags liegt die stille Ebene der Workingclass Perspektivenlosigkeit: Eine Mutter, die nach drei Kindern ungewollt noch einmal mit Zwillingen schwanger wird und durch diese zusätzliche Last fast vollständig aus sich selbst entschwindet. Ein Vater, der sich als Rockstar sieht – was nur gelingen kann, weil es im gesamten Haus keinen Spiegel gibt, denn verlorener und gebrochener können Menschen fast nicht sein. Er ist behindert, depressiv, nimmt diverse Tabletten, um klar zu kommen und dennoch sieht er seine große Chance für den lang ersehnten und klar verdienten Ruhm in seiner Tochter, die trotz aller Widrigkeiten anfängt, für ein bekanntes und weithin beachtetes Musik-Magazin zu schreiben.

Johanna Morrigan ist nicht Caitlin Moran, sie ist Fiktion, aber sie lebt durch Moran, erblickt das Licht der Welt und wer sein Herz zu öffnen bereit ist, der wird sich einer Eroberung nicht widersetzen können. Natürlich ist sie narzisstisch und egozentrisch – sie ist 14 Jahre alt, als die Geschichte beginnt! Wir alle sind narzisstisch und egozentrisch, wenn wir 14 sind. Pffff

Teenager in den 90ern – Leben am Limit

Oh Gott, wie war das, als ich 14 Jahre alt war? Es war schlimm und alles drehte sich nur darum, irgendwie mit dem ganzen Scheiß klarzukommen, der auf junge Mädchen einprasselte. Die 90er Jahre waren die Hölle, was das angeht. Es verging kein Nachmittag, an dem nicht in irgend einer Talkshow eine dicke Frau gegen fünf dünne Fitnessluder antrat und sich und ihre Fülle gegen den Tenor zu verteidigen versuchte, dass dicke Menschen im Bikini am Strand nichts zu suchen hätten. Es gab kein fatkini-Hashtag, es gab kein twitter, es gab auch keine Website, die mit den peinlichsten und gespenstischsten Photoshop-Fails darauf aufmerksam machte, dass Magazin-Dünne oft gar nicht vom Planeten Erde stammen konnten. Es gab Talkshows nach der Schule und Beverly Hills 90210 im Abendprogramm. Es wurden permanent Bilder in den eigenen Kopf hinein gepumpt, die klare Botschaften sendeten: „So!“ – wenn gerade Brandon und Branda in einem heißen Cabriolet durch LA brausten, oder die GIRL! einer erklärte, wie man ordentlich Petting praktizierte und „So nicht!“, wenn Hulda aus Fulda in Vera am Mittag auftrat, oder wie auch immer die drölfzigste Fremdschäm-Sendung eigentlich hieß.

© roeGIRL! von 1994 (oben) und von 2014 (unten)

Warum tat man das? Warum gestaltete ich meine Nachmittage mit Schrott, Schund und irrwitzigen Prämissen unterliegenden Sendungen, die darauf basierten, andere maximal zu beschämen?

Harald Schmidt verhalf einmal dem Begriff des Unterschichten-Fernsehens zu Bekanntheit und auch wenn ich nicht behaupten möchte, dass meine Familie damals zur Unterschicht gehörte, so war ich bestimmt eine ganze Weile lang ein klassisches Arbeiterkind. Zwar spielte ich ab dem 12. Lebensjahr Klavier. Dennoch hat es in meiner Jugend keine Haushälterin gegeben, die mich hätte disziplinieren und vom Fernseher wegbringen können, wie es bei meiner Freundin Elisabeth der Fall war, deren Eltern beide Ärzte waren und die niemals auch nur eine Folge Hans Meiser gesehen haben dürfte. Meine Eltern arbeiteten und fanden nichts dabei, ein selbstständiges Kind im Heranwachsen mit einer Welt alleine zu lassen, die sie nicht als gefährlich einstuften. Niemand stufte das Unterschichtenfernsehen mit seinen Botschaften als gefährlich ein – sonst hätte man es wohl kaum in Dauerschleife laufen lassen, während man davon ausgehen konnte, dass es in manchen Haushalten Non-Stop lief. Es gibt Leute, bei denen läuft der Kasten den ganzen Tag, wie anderswo das Radio.

Und genau über diese Herkunft schreibt Caitlin Moran. Es wird sichtbar, als ihnen der Fernseher gepfändet wird, als ihn zwei Männer einfach wegnehmen.

 „The children line the route from the front room to the front door like it’s a funeral – weeping as it leaves the house.“

Fake it `till you make it

 Über Johanna Morrigan schwebt ein Damoklesschwert. Sie hat keine Freundinnen, denn sie ist dick und hat keine Mittel, Altersgenossinnen dazu zu bestechen, sich trotzdem mit ihr abzugeben. Ihre einzige Freundin ist eine alte Witwe, so eine Art Eleanor Abernathy. Dieser beichtet sie alle möglichen und unmöglichen Dinge, dafür hört sie sich endlose Nachrufe auf deren verstorbenen Mann an. Ein Deal unter Loserinnen. Dummerweise verrät sie in einem dieser Gespräche, wie ihr Vater trickst, um die Sozialhilfe zu erhöhen, von der die ganze Familie ernährt wird – doch die beste Freundin findet das gar nicht witzig, sie ist empört und droht, die Lüge publik zu machen. Die Angst kriecht in Johannas Leben, das freudlos zu nennen wäre, gäbe es da nicht die Masturbation und das versinken in Büchern, die eine andere Welt eröffnen können. Und doch schlägt sie immer wieder hart auf dem Boden der Realität auf, etwa als sie denkt, dass man sie in eine öffentliche Show eingeladen habe, weil sie ein schönes Gedicht geschrieben habe – und nicht, um sie, wie in Reality TV nun einmal üblich, zu demütigen.

© public licence - gemeinfreies WerkZilles Arbeitermillieu 1913

Johanna ist eine Nerdette, die lieber in die Bücherei geht, als Pyjama-Partys mit Nägellackieren zu veranstalten. Und dort lernt sie alles, was sie zum Leben und Kommunizieren später einsetzen können wird. Johanna lebt ein Leben in zwei Welten: Sie entstammt dem Personenkreis, den Deutsche sich auf RTL II wie im Zoo anschauen können, wenn bei Frauentausch die Fetzen fliegen: Jene Arbeiterfamilien, die nicht wissen (können), dass man sich in besseren Kreisen nicht gerade dadurch auszeichnet, „einfach man selbst zu sein“ und unkontrolliert auch die Schattenseiten des eigenen Daseins in eine Kamera zu halten. Doch Johanna bekommt die Möglichkeit, in eine andere Rolle zu schlüpfen, hautnah mit den Stars zu chatten und dem Damoklesschwert der Kürzung der Sozialhilfe – die leider tatsächlich Realität wird – ein eigenes Einkommen entgegen zu setzen. Und den gepfändeten Fernseher durch einen von ihrem ersten Gehalt gekauften neuen, größeren zu ersetzen. Sie bekommt Macht, sie erhält Möglichkeiten, von denen andere aus ihrem „Milljöh“ und Gleichaltrige Mädchen nicht einmal zu träumen wagen würden, weil es eigentlich sinnlos wäre, weil es sicherlich die unrealistischste Option von allen ist. Und gerade deswegen benimmt sich Johanna auch völlig bizarr: Sie ist ein Teenie, sie sehnt sich nach Sex, sie versteht die Welt der Besserlebenden nicht und hangelt sich entlang des einfachen Grundsatzes „fake it `till you make it“ hin zu einer Reputation als Musikjournalistin.

Mit der Prusselise beim Kaffekränzchen

Johanna ist keine One-Woman-Show, sie ist kein narzisstisch-überdrehtes Selbstdarstellungsmittel einer Caitlin Moran, sie ist ein Arbeitermädchen, das alle Chancen bekommt und alle Denkfehler macht, die man sich eben ausdenken kann. Ihr fehlt jeglicher Habitus der Welt der Stars – an ihr klebt der Wolverhampton-Arbeitergeruch durch und durch. Und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie ihre Fehler nicht versteht – nicht verstehen kann, denn niemand hat ihr je gesagt, wie man sich in besseren Kreisen benimmt. Sie ist wie Pippi Langstrumpf, die man zum Kaffeekränzchen von Annikas Mutter und Tante Prusselliese eingeladen hat – sie weiß nicht, wie man sich da benimmt. Selbst als sie beschließt, ein Gothik-Mädchen zu werden, kriegt sie das nur mäßig hin – denn beschließen jemand anderes zu werden, ist die eine Sache. Es zu werden, eine andere.

 “The people who are in charge of us at the moment have absolutely no experience about the terror, the fear, that you are reliant on mercy that could be withdrawn at any moment. You’re two weeks away from being fucked. If our benefits were stopped, we would have been on the streets. And now people’s humanity is being crushed even more. The poor are being made to feel like they’re servants again.” Caitlin Moran

© roeoriginal Arbeiterkinder-Boots – never changed since 1994

Caitlin Moran steht mit ihrem Roman in einer guten Tradition mit Heinrich Zille und Matt Groening: Sie macht auf eine Art und Weise das Leben der Arbeiterklasse sichtbar, die nicht jammern will, sondern zum Lachen bringen. Sie zeigt all die Irrtümer, die Menschen widerfahren, welche nicht im Bildungsbürgertum aufgewachsen sind, sondern mit den spärlichen Mitteln, die TV und Stadtbibliothek bieten, einen eigenen Horizont erschaffen müssen. Sie hat mein Herz gefangen, weil zu vieles davon auch ich kenne. Ich könnte hier kein kritisches Wort schreiben, selbst wenn ich wollte. Johanna Morrigan ist eine gebrochene Figur, die sich nicht hat brechen lassen. Sie wirkt nur von außen schmutzig und böse; ihrem Mund entfleucht das Wort „fuck“ häufiger, als einem Priester das Wort „Amen“, dabei sehnt sie sich nur nach gutem Sex, den sie aber nicht bekommt. Ihre Innenwahrnehmung ist es, die einem Kapitel für Kapitel das Herz bricht.

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23 Lesermeinungen

  1. In der Überschrift konzentriert sich Grundsätzliches.
    Alles weitere wäre dazu nur beispielhaft. Aber: Literatur soll ja noch viel mehr sein. Für den Einen und Anderen ist sie das auch – jedoch nicht immer deckungsgleich, denn alles kann und will man nicht lesen.

  2. Marktkonforme Kindheit heute multimediale Challenge
    Sofern ich Katrin Rönickes Rezension überhaupt richtig interpretiere, so geht es in Cailtlin Moran’s Buch um die Themenbereiche Chancengerechtigkeit, Wohlstandsungleichheit, Bildung, Medienkritik, Erwachsenwerden. Möglicherweise noch um weitere, sicher sogar. Feminismus ist stets eine Option.

    Ein solches Themenkonglomerat bietet Lesern natürlich unzählige Deutungen eines Einzelschicksals wie das der fiktiven Heldin Johanna Morrigan. Steht es stellvertretend für viele? Katrin Rönicke bejaht dies insofern, als dass Johanna aus klassenkämpferischer Perspektive in den Betroffenheitsformaten des Boulevard grundsätzlich chancenlos sein musste. Geradezu prädestiniertes Opfer des Boulevard. Zwar als erwählte Poetin-Akteurin ein ungewöhnlich privilegiertes Opfer, doch damit zugleich Beleg für unzählige passive Konsumopfer im entmenschlichten Reality-TV, das unsere dunkelste Seite besucht. Talkshows am Nachmittag und Castingshows am Abend bescherten uns Ungefühle wie Fremdscham.

    Doch ist das wirklich ein soziales Phänomen? Gibt es überhaupt ein Unterschichten-TV bzw. Gnade vor Akademikern wie Bohlen? Geht es nicht eher um Ohnmachtsgleichheit vor einer Jury der Willkür? Arbeiterfreunde ließen sich kaufen, aber studierte Juroren und Moderatoren mit Millionärshintergrund? Jedes noch so perverse Format, auch Prolltalk am Nachmittag, ist doch nur deswegen so erfolgreich, weil es abstrakte Forschung zum neoliberalen Marktmodell anschaulich für Konsumentenmassen zu vergegenständlichen vermag. Neben Ökonomen kommen insbesondere Sozialwissenschaftler auf ihre Kosten. Nicht wenige Studenten sind profunde Kenner schlimmer Shows, zum chillen, wie sie sagen.

    Die TV-Formate der 90er haben Social Media erst möglich gemacht. Digital Natives glauben es kaum, aber Big Brother wurde anfangs wirklich unter ethischen Gesichtspunkten diskutiert. Wer übernimmt eine psychologische Nachbetreuung, falls gnadenlose Selbstentblößung späteres Mobbing bedingte? Heißt heute Shitstorm. Big Brother war die mediale Erbsünde, privates Paradies danach Geschichte.

    In der neuen Wirklichkeit ist jeder Heranwachsende gleichermaßen Opfer. Und Klassendenken ist ihm fremd, Herkunft oder Geld sind egal. Tatsächlich kann unsere Ethik nicht mehr Schritt halten mit dem medialen Fortschritt. Deshalb können auch Erwachsene Kindern nicht die erhoffte Orientierung bieten. Es begann wirklich harmlos mit Privatfernsehen ohne Bildungsauftrag, dann folgte das Internet für alle. Der Markt wird es schon richten. Sind Informationen heute nicht viel chancengleicher verteilt als zuvor? Jeder hat schließlich das gleiche Recht auf den Konsum menschlicher Abgründe, nicht nur eine Elite.

    Doch bis zur Etablierung einer neuen Ethik für das dörfliche Globalisierungsidyll werden Eliten einfach besser sein in der Vermittlung marktrelevanter Softskills an ihren Nachwuchs. Gleiches gilt für soziale Intelligenz, das alte Schlagwort für mediale Selbstbehauptung im real-existierenden Big-Brotherismus. Und, um an die Ärzteehepaar-Anekdote aus Katrin Rönickes Kindheit anzuknüpfen, Eliten haben auch Geld, um Erzieherinnenzeit zu kaufen. Für Freundin Elisabeth reichte damals noch eine Haushälterin aus der Arbeiterklasse als Medien-Erzieherin, doch heute sollte frau mindestens IT-Fachmännin sein, Herkunft scheißegal, Hauptsache sie kann programmieren, geht es doch auch um mediale Hardskills.

  3. Rezension lesenswerter moralischer Appell
    Resonanz in der Unterschicht: Ey, fuck ey, voll krass die Alte in FAZ, die blickt’s echt, die tickt wir wir, geht mega unter die Haut, darauf brauch‘ ich jetzt ’ne Tüte, sonst heul‘ ich hier voll ‚rum, ey, echt fuck!

    Resonanz in der Oberschicht: Eine bewegende Rezension, wenngleich die talentierte Autorin, nun ja, gewiss etwas milieubedingt, stellenweise allzusehr dazu neigt, unkontrolliert auch die Schattenseiten ihres eigenen Daseins in diese empathische Textanalyse miteinfließen zu lassen. Ich denke, auf den Schreck hin sollte ich mir nun ein Gläschen Chardonnay gönnen, das wird helfen gegen Authentizität!

    Ohne das Buch oder Cailtlin Moran bisher gelesen zu haben, werde ich es mir womöglich kaufen, weil diese gute Rezension neugierig macht! Die erziehungswissenschaftliche Klasseninterpretation von Katrin Rönicke halte ich für richtig und falsch zugleich. Richtig ist sicher, dass der soziale Stand Einfluss auf Art und Weise sowie den Grad freiwilliger Selbstentblößung hat, angesichts Social Media übrigens ein hochaktuelles Thema. Je entrückter der soziale Status, desto subtiler quittieren relevante Peergroups Entgleisung, die gröbere Unterschicht vergisst rascher – tolerante Empathie ist überall die Ausnahme!

    In der Oberschicht wird sog. gutes Benehmen früh trainiert, was einen gewissen Immunisierungseffekt und ein stabileres Selbstbewusstsein zur Folge haben dürfte, weil man vermeintlich weiß, wer man ist. Anfeindungen lächelt man weg, die Selbstkontrolle gegenüber maßgeblichen Peergroups ist hoch. Das sind im Ergebnis bessere Voraussetzungen für schadlosen Erfolg im artifiziellen Boulevard, in dem fast alles zynischer Fake ist, was ironischerweise typischen Arbeiteridealen wie Authentizität zuwiderläuft, obgleich gerade deren Lebenswirklichkeit beleuchtet werden soll.

    Kurz gesagt, das Böse an der Welt der Sternchen, die Johanna Morrigan kennenlernt, ist die Branche, nicht ihre Herkunft. Die Probleme 14-Jähriger, in der Medienbrandung diffuser Informationsfluten eine stabile Identität zu entwickeln, dürften sowohl in den 90ern wie heute schichtübergreifend sehr komplex, aber untereinander ähnlich sein. Besorgniserregend ist eher, dass schichtübergreifend allen Jugendlichen ständig mehr Kompetenzen abverlangt werden, für die Erwachsene kaum Orientierung bieten können. Klassische Medienkompetenz, Social-Media-Kompetenz, überhaupt Internet-Kompetenz, womöglich Porno- und Drogenkompetenz, eben vielerlei wichtige Kompetenzen in unserer Zeit der Globalisierung.

    Mit Geld schlittert man ebenso leicht in Probleme, doch Geld hilft aus jedem Schlamassel auch leichter wieder hinaus. Und Geld als Problemlöser scheint herkunftsunabhängig im geschilderten Jugendschicksal eine zentrale Rolle zu spielen. Dann ginge es aber weniger um Arbeiterklasse vs. Bildungsbürgertum, eher um Ressourcen im weitesten Sinn, die die jeweilige Schicht ihrem Nachwuchs bietet. Falls das Resümee dann aber lautet, dass Johanna trotz Geld im neuen Umfeld kaum klarkommt, wäre das traurig!

  4. "... das Beschämen der Unterschicht zu beenden ..."
    Hallo Frau Rönicke,

    sind Sie wirklich der Meinung, jemand erfindet all diese Formate, um die „Unterschicht“ zu beschämen? Fernsehen ist – wenn Sie so wollen – ein „Unterschichtenmedium“. Die besseren Kreise sehen doch in der Regel gar nicht fern (und werden dort auch gar nicht per Werbung angesprochen – sieht man mal von einem zu Eliten Kontakt vermittelnden Portal ab).

    Und da die von Ihnen geschilderten Formate vorwiegend auf privatwirtschaftlich geführten Kanälen entwickelt wurden, ist der Grund für deren Entstehung doch wohl eher in dem zu suchen, was heute euphemistisch „Aufmerksamkeitsökonomie“ genannt wird. Das Gegeifere in den sozialen Medien hat in meinen Augen den gleichen Ursprung, wie die Fernsehformate, in denen vorwiegend Menschen vorgeführt und lächerlich gemacht werden. Insofern hat Ihre Forderung, das Beschämen der Unterschicht zu beenden, seinen Schwachpunkt im Operationalen: Wie wollen Sie diese Forderung umsetzen? Medienmaulkörbe? Konsumverbot? Konsumsteuern?

    In einem Land, in dem den Vertretern der Institution Schule sukzessive alle Authorität entzogen wird und zunehmend sogar die Noten per Anwalt verhandelt werden, finde ich, Ihre Ausführungen zu Respekt und Selbsterfahrung mögen durchaus wünschenswerte Ansätze für die armen unerzogenen Kleinen enthalten, sind aber soweit weg von realexistierenden Trend, dass ich nicht auf eine rasche Umsetzung setzen würde.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    • Rein realistisch betrachtet
      Haben Sie sicherlich Recht.
      Aber manchmal blickt man voller Idealismus in die Zukunft und mag das Hoffen nicht aufgeben. So auch hier.
      Ich kann und will keine Sendungen verbieten. Zensur wäre sinnlos angesichts Youtube etc… Es ist also eine Frage gesellschaftlicher Werte und diese müssen sich entwickeln. Man kann sie den Menschen nicht überstülpen.
      Darüber zu sinnieren kann mir dennoch niemand niemand nehmen. Und im persönlichen umfeld kann ich jeden Tag handeln.
      So I do

    • Zuschauerschaft
      Guten Morgen Herr Werlau,

      leider liegen Ihrer Ansicht einige falsche Annahmen zugrunde. Zum einen zur Zuschauerschaft – es mag nicht die Masse sein, aber es gibt durchaus relevante Anteile von Hochschulbesuchern und -absolventen, die sich durch den Blick in die Elendsglaskugel eskapistisch unterhalten lassen. Auch wenn es chic ist beim Chardonnay was anderes zu behaupten – auch die „besseren Kreise“ (die Frage ist ja auch, wie diese definiert werden – Bildungsstand? Einkommen? Korreliert ja nicht immer zwingend.)

      Zum anderen überschätzen Sie die Konflikte zwischen Eltern und Schule zahlenmäßig. Diese haben in Ihrer Wahrnehmung zugenommen, diese Wahrnehmung ist allerdings nur richtig, wenn Sie in Bayern leben. In allen anderen Bundesländern gibt es diese Zunahme nicht, im Gegenteil, vielerorts ist sogar ein Rückgang der Klagen registriert worden. Und selbst wenn bessere Noten durch den Anwalt eingetrieben würden – was hat das mit der Unterschicht zu tun ? Die kann sich den Anwalt ja gar nicht leisten, außerdem klagen eh fast ausschließlich Bildungsbürger… Also können auch nur deren Umgangsformen darunter leiden. In Bayern.

      Im Übrigen ist die Unart, jegliche Vermittlung von Anstand, Werten und Benehmen der Schule zuzuschreiben ein klassenloses Problem. Es wäre schön, wenn ein paar soziale Kompetenzen noch zu Hause vermittelt würden. Und nein – ich bin keine Lehrerin.

      Dass sich jeder Erwachsene im öffentlichen Raum immer so freundlich, zuvorkommend und respektvoll benimmt, wie es von „der Jugend“ erwartet wird, kann ich leider auch nicht bestätigen – nicht mal offenbar als Mitglied der „besseren Kreise“ erkennbare. Der Höfliche ist heute für viele der Dumme – würde jeder mal zu allererst an der eigenen Performance arbeiten, würde die Erlebenswelt junger Menschen schon bald von mehr Respekt und Freundlichkeit geprägt – davon bin ich überzeugt. ;-)

      Trotzdem einen schönen Tag – bei allem Schatten, es ist nicht so dunkel da draußen, wie es sich bei Ihnen liest.

      Herzlichen Gruß,
      Andrea Hansen

    • @Andrea Hansen: Wider dem Skeptizismus
      Sehr geehrte Frau Hansen,

      ich danke für Ihre Belehrungen. Insbesondere meine unzulässige Verallgemeinerung der anwaltlich begleiteten Konflikte zwischen Schule und Eltern, die sich tatsächlich primär auf Informationen aus Bayern bezogen, war mir nicht bewusst.

      Mir selbst fällt das Schichtendenken, ehrlich gesagt, eher schwer. In meiner Kinderstube galt: Jeder Mensch hat den gleichen Wert und die gleiche Würde. Eine Betrachtung der Menschenwelt als Ansammlung sozialer Schichtungen war mir lange Zeit fremd. (Ich trug sogar lange Zeit ähnliches Schuhwerk, wie uns Frau Rönicke in den obigen Bildern als Klassenmerkmal zeigt.)

      Aber hin wie her: Da Sie meine Annahmen für falsch erachten und Sie sich bemüßig fühlen mich zu korrigieren, sind Sie auch der Meinung, meine Darstellung der Ursachen für die „Beschämung der Unterschicht“, wie Frau Rönicke es nannte, ist falsch? Würde sie Ihrer Ansicht nach gesteuert werden von einer Macht, deren Ziel die Beschämung insbesondere der „Unterschicht“ selbst ist – gleichsam als Unterdrückungsinstrument? Das Problem, auf das ich hinweisen wollte, ist, wenn diese Macht fehlt, dann gibt es auch niemanden der das beenden kann außer dem Konsumenten.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

      P.S.: Bitte setzen Sie nicht einen Zwanzigzeilenbeitrag mit einer vollständigen Beschreibung meines Weltbildes gleich. Es enthält, nach meiner Einschätzung, doch deutlich mehr Licht, als Sie befürchten.

    • @Katrin Rönicke: These und Antithese
      Es bleibt Ihnen unbenommen, zu sinnieren und zu handeln. Ich begrüße das sogar.

      Meine Fragen beziehen sich primär auf die Schlussfolgerungen, die Sie ziehen. Wenn Sie Ihre Thesen nicht gegen Einwände und Antithesen prüfen, könnten Ihre Schlussfolgerungen unvollständig bleiben. Ihren Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit werden die Fragen nicht gefährden, weshalb ich auch wenig Skrupel habe, sie zu äußern.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

  5. "... das Beschämen der Unterschicht zu beenden ..." Ernsthaft?
    Sie meinen, man müsste jenen letzten schwachen Abklatsch des Bewusstseins besseren Benehmens schnell beerdigen, damit jede/r aus der besagten Schicht wirklich glaubt, mit dem möglichst häufigen Benutzen des Wortes „Fuck“ sei man gesellschaftlich satisfaktionsfähig und besonders berufsgeeignet? Nicht wirklich, oder?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  6. Hat die Autorin vom Don das Setzen von Klickfängern im Titel gelernt :-)?
    Aber das nur nebenbei.

    Sie macht auf eine Art und Weise das Leben der Arbeiterklasse sichtbar Welcher Klasse? Wie könnte man die in Deutschland noch seriös definieren, bitte?

    Und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie ihre Fehler nicht versteht – nicht verstehen kann, denn niemand hat ihr je gesagt, wie man sich in besseren Kreisen benimmt.

    Ich teile die Einschätzung, dass es heute wieder mehr Menschen gibt, denen das so gehen könnte. Was auch daran liegt, dass der öffentliche Raum (samt Fernsehen) vom Pöbel übernommen wurde, es also weder im Strassenalltag noch durch Zuschauen die Erinnerung daran gibt, dass man sich anders benehmen könnte, anders reden, anders seine Freizeit nutzen.

    Ich wüsste nur nicht, wie man das ändern sollte, ohne den Bildungseinrichtungen jenen Erziehungsauftrag zurückzugeben, den sie nach den Erfahrungen der NS Diktatur (oder jüngst der SED Diktatur) genau nicht mehr haben sollten, explizit und ausdrücklich politisch so gewünscht? Oder ohne den in den sechzigern noch vorhandenen sozialen Druck im öffentlichen Raum, der klarmachte, was an ungeschriebenen Spielregeln galt und was nicht. Wovon man sich durch die 68er ausdrücklich und explizit so erwünscht verabschiedet hat, wegen autoritärer Charactere oder so.

    Ich jeden falls kann da gar nichts tun, nicht einmal theoretisch. Wie sollte ich einem/r Jugendlichen als ökonomisches Mittelschichtkind erklären, wie und warum ich wann was mache (einmal vorausgesetzt, es bestünde überhaupt die Bereitschaft zum Zuhören und die Gelegenheit zur gemeinsamen Begegnung ausserhalb der Supermarktkasse)?

    Wenn die Eltern den Drang und Wunsch verloren haben, es möge ihren Kindern einmal besser gehen, dann kann die Gesellschaft da nur eingreifen, indem sie (aus meiner Sicht unerträglich stark) in wesentliche Grundrechte eingreift. Aller Bürger, da man Eingriffe gesetzlich unmöglich auf den Bildungs-, Herkunfts- oder ökonomischen Status der Eltern abstellen kann.

    Was also machen wir mit der Erkenntnis, dass es geborene Gesellschaftsverlierer gibt? Ausser, sich das Herz brechen zu lassen? Irgendeine realistische Idee?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Ja, jetzt wo die Clicks so unverhüllt zu sehen sind, muss man zu entsprechenden Mitteln greifen – aber das nur am Rande ;)

      Das Buch ist aber wirklich randvoll mit dem Wort „fuck“ und Sex spielt eine wichtige Rolle – bis zur letzten Seite allerdings, ich hoffe, das ist nicht schon ein Spoiler, kein guter. Auch das nur am Rande.

      Die Bildungsinstitutionen sind ein wichtiger Schlüssel – ohne Frage. Die Ansicht, man müsse die Methoden der NS-Zeit benutzen, Sie meinen vermutlich Reformpädagogik?, kann ich so nicht ganz teilen.

      Es gibt im Kleinen viele gute Ansätze und dennoch scheitern auch die motiviertesten Lehrerinnen immer wieder vor allem daran, dass Kindern keine Hoffnung zu geben ist, wenn das Elternhaus entsprechend wirkt.

      Was man neben Schule und Kita tun könnte/müsste, ist eben Kultur möglichst weit zu öffnen und gezielt breite Angebote wie Theater, Kunstprojekte, Musik, pder von mir aus Breakdance oder Skateboarden an „Brennpunktschulen“ zu bringen. Das wichtigste für jedes Kind, jeden Jugendlichen aus dem „Milljöh“ ist in meinen Augen der Kontakt, das Etablieren einer Beziehung, Respekt erfahren. Ein Selbstgefühl entwickeln können – eigene Kompetenz entwickeln. Das Entscheidende ist die Beziehung, die Empathie, ein geschützter Raum, in dem Vertrauen wachsen kann. Klingt vielleicht zu sehr nach rosa Brille – aber denken Sie an Ulla Hahn.

      Für die Gesellschaft bedeutet das, die scharfe Abgrenzung nach Unten, wie von Bourdieu beschrieben, zu reflektieren und das Beschämen der Unterschicht zu beenden – zuallererst im Fernsehen, aber auch im Netz, in den Boulevard-Zeitungen und nicht zuletzt im Real Life. Als erster Schritt.

      Es braucht also eine allumfassende gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Respekt ist aber im Zweifel immer ein erster guter Schritt. Und Empathie.

      Beste Grüße

    • Ich sehe keine Möglichkeit, jemanden zu respektieren, der die aus meiner Sicht grundlegenden
      Bedingungen westeuropäischer Umgangsformen nicht einmal ansatzweise praktiziert, auch wenn er/sie das nicht praktizieren kann. Die erforderliche Investition von Zeit und Mühe, herauszufinden, ob sie/er sich möglicherweise nur aus reiner Unkenntnis so benimmt, ist mir zu aufwendig und kostet (meine) Lebensqualität.

      Mein aufrichtiger Respekt jenen – sehr wenigen, Maulmoralisten abgezogen – Menschen, die sich täglich dieser Mühsal unterziehen. Sie sind bessere Menschen als ich.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Respekt ist immer eine Zweibahnstraße, Herr Haupts.

    • Aber ja doch. Nur keine Lösung des beschriebenen Problems, sich seine Lebenskenntnisse und
      -einstellungen aus RTL 2 Sendungen und der öffentlichen Stadtbücherei zusammensuchen zu müssen, weil man im geneteischen Würfelspiel mit Eltern aufwuchs, die Bildung für eine exotische Krankheit halten.

      Da nutzt auch noch soviel Respekt gar nichts. Ich wollte zusätzlich nur auf eine Haltung hinweisen, mit der ich kaum alleine sein dürfte.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  7. WOST
    Pardon,
    aber ich finde im Beitrag den Bezug zum BLOG-Thema Ost-West nicht.

    • es hat was mit der westlichen Klassengesellschaft zu tun.

    • Klassen gab es nur in der DDR
      In der DDR gab es die Nomenklatura, ohne die richtige Weltanschauung, die entsprechende sozialistische Überzeugung und Zuverlässig ging nichts. Das war eine richtige Klassengesellschaft. Als überzeugter Diversant und Renegat hätte ich da nicht einmal Abitur machen können und wäre vermutlich in Bautzen gelandet. Wir müssen die Durchlässigkeit verbessern, aber hier sind immer viele Leute über den zweiten oder dritten Bildungsweg zu akademischen Ehren gekommen. Das hier war bis vor einiger Zeit eine Meritokratie, jetzt zählen nur noch Beziehungen und die politische Korrektheit. Das wenigstens halbwegs funktionierende Bildungssystem wird auch erfolgreich abgeschafft. Dafür haben wir jetzt neue Klassen zumindest im «Westen» durch die Bildung von Parallelgesellschaften. Insbesondere Frauen können aus denen nur sehr schwierig, oft unter Lebensgefahr entfliehen. Darüber zu sprechen ist aber nicht opportun, sonst macht man den Sarazzin. Wer die Wahrheit ausspricht, braucht ein schnelles Pferd.

  8. Ein klassisches Arbeiterkind...
    … spielt mit 12 Klavier? Na, die Arbeiterkinder, mit denen ich aufwuchs (ich war kein Arbeiterkind sondern echte Unterschicht), waren dann wohl nicht sehr klassisch. Die konnten sich weder Klavierunterricht noch ein Klavier leisten.

    • ich schrub ja, das das nicht gerade typisch ist. aber meine Eltern ermöglichten es mir – mit einem gebrauchten KLavier, zwar.
      und meine Eltern haben sich hochgearbeitet. „schaffe schaffe Häusle baue“.

  9. [Aus] besseren Kreisen
    stammen also „unsere“ Stars? Soso.

    • wo lesen Sie das?
      es ist der Verkürzung des Artikels vielleicht zum Opfer gefallen: Sie lernt viele Stars kennen, wegen ihrer Arbeit für das Musik-Magazin, aber auch bessere Kreise in Form von Kollegen, die aus diesen stammen.
      klarer?

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