Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Die Zahnärzte des Grauens

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Warum das kapitalistische Zahnarztsystem auch nicht besser ist als das sozialistische, wie der Ausstieg gelang und warum Zahnmedizin sogar als Metapher für die IT-Giganten taugt: ein Leidensbericht.

Schmerz kann man sich nicht merken. Gefühlsecht gibt es ihn nur, während er stattfindet. Der Mensch entwickelt jedoch ein Gefühl für die Intensität des Schmerzes und ist dadurch in der Lage die Situationen zu vergleichen.

Nach meiner Einschulung in die „Zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule“ der DDR, fand die regelmäßige Prüfung meines Gesundheitszustands durch einen Arzt statt. Der junge sozialistische Körper sollte nicht nur ertüchtigt und mit einer Weltsicht befüllt werden, er sollte für das Kollektiv auch gebrauchsfähig sein und bleiben. Dies galt es in steter Regelmäßigkeit zu prüfen. Und so stellten sich die jeweiligen Klassen in Reih und Glied vor dem Arztzimmer auf und an. Einer nach dem anderen trat in den Behandlungsraum ein um sich prüfen zu lassen. Beim Jugendarzt und seiner allgemeinkörperlichen Untersuchung war das meistens nichts Bemerkenswertes. Im schlimmsten Fall gab es eine Impfung, sprich die Spritze.[1] Vor dieser hatte ich zwar fürchterliche Angst, aber der Zeitraum der Qual war kurz genug um sich zu überwinden, zumal Impfungen nicht so oft stattfanden.

Bundesarchiv Bild 183-57163-0001, V. SED-Parteitag, Rede Ulbricht

Siehe 8. Zu sehen sind die zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik von Walter Ulbricht 1958 formuliert. by Bundesarchiv, Bild 183-57163-0001 [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

Anders war das bei der Zahnprüfung. Hier war klar, dass ein Schmerzrisiko besteht. Zwar gab es auch in der DDR eine Art Betäubung, doch nicht für mich.[2] Solchen Luxus lernte ich erst im Westen kennen. Wenn im inneren meines Mundes etwas getan werden musste, dann war der Schmerz gebucht. Als Kind, das sehr auf seine körperliche und geistige Integrität bedacht war, war der Besuch beim Zahnarzt dadurch für mich die Hölle. Ich hatte schreckliche Angst davor und sie wurde bestätigt, als es plötzlich hieß, man müsse bohren und mir eine Füllung verpassen.

Man solle die Zähne zusammenbeißen, heißt es bei Schmerzen gerne, doch das half alles nichts. Ich habe es redlich versucht und dabei um mich geschlagen. Ich war chancenlos. Zwei stämmige Arzthelferinnen, damals noch „Schwester“ genannt, hielten mich ob meiner körperlichen Gegenwehr fest. Die eine den Kopf, die andere die Arme. Derweil stopfte mir der sogenannte Arzt Watte in den Mundraum und ein Eisenrohr zwischen die Zähne und über die Zunge hinweg. Es schaffte den Raum, um seinen dröhnenden Bohrer in meinen Zahn schlagen zu können. Tränen und Geschrei, mehr blieb mir nicht beizutragen. Ein Wunder, dass ich keine körperlichen Schäden davon trug.

Freilich habe ich seitdem immer eine Abneigung gegen den Gang zum Zahnarzt gehabt. Erst nach der Wende änderte sich das, denn der Umzug in den Westen, in das beschauliche Weinheim an der Bergstraße, brachte auch einen neuen Zahnarzt mit sich. Ein netter Herr mit Schnurrbart, dessen Sitz in einem Einkaufscenter war. Der Neue redete mir nicht nur gut zu, sondern verpasste mir auch Spritzen. Sie blähten (gefühlt) meine Wangen auf und ich spürte nie, wie er sich in meinem Munde austobte, in dem es scheinbar immer etwas zu tun gab.

Der Höhepunkt meiner jugendlichen Zahnkarriere war das Ziehen zweier Zähne (davon ein Weisheitszahn), als Vorbereitung auf eine Spange. Mein Gebiss könne man so jedenfalls nicht lassen. Wo kämen wir denn da hin? Was die Ausführung der Behandlung betrifft, kann ich mich nicht beschweren. So leicht wurden mir nie wieder Zähne gezogen. Das ging so gut, dass ich danach sogar Bedenken hatte, ob die restlichen Zähne denn überhaupt gut genug verankert seien.[3] Die anschließende Spangenphase war für mich als Teenager eher unangenehm. Das lag aber weniger an dem Zahnarzt als an meinen Mitmenschen. Ich bin mir nur bis heute nicht sicher, ob das alles notwendig gewesen, ist oder ob es sich dabei nicht vielmehr um eine Art von kosmetischen Eingriff gehandelt hat.

Nach meiner Zeit bei der Bundeswehr zog ich nach Düsseldorf. Die Stadt ist mir zwar ein Graus, aber der Zahnarzt war ok. Ihm fiel dann auch auf, dass ich des Nachts wohl mit meinen Zähnen knirsche. Eventuell bräuchte ich eine Schiene, man müsse das beobachten. Die Chance bekam er nicht, denn ich zog recht bald nach Oldenburg weiter. Wenn man sich in einer Stadt nicht auskennt, ist es sehr schwierig sich zu orientieren. Man muss sich in diesem Fall auf das noch recht beschränkte soziale Umfeld verlassen. Ärztin, Zahnarzt und Friseurin entspringen aus diesem Umfeld.

Karius und Baktus 03

Karius und Baktus by Bin im Garten (Own work (own picture)) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Der mir empfohlene „Zahnarzt“ kümmerte sich gar rührend um mich. Jährliche Röntgenaufnahmen und eine halbjährliche Zahnreinigung empfand er als Mindeststandard. Nur die höchsten Ansprüche sollten für den Patienten gerade gut genug sein. Zudem bot er auch diverse Produkte zur Pflege der Zähne und des Mundinnenraumes an, die besonders gut für den Patienten sein sollten. Jedenfalls viel besser als die Konkurrenzprodukte. Der Verkauf wurde von einer freundlichen Dame vorgenommen. Bevorzugt während sie die Zahnreinigung vollzog. Man lag da, konnte nur selten etwas sagen und lauschte derweil ihren Ausführungen über guten Whisky, das holde Landleben und der richtigen Zahnpflege. Eine Probepackung war natürlich selbstverständlich, wenn auch betont „unter der Hand“ nur „für den guten Kunden“.

Und wenn dann trotz allem in steter Regelmäßigkeit Probleme mit den wohlgepflegten Zähnen auftraten, dann sollte es schon Keramik sein, wenn nicht gar Gold. Die niemals preiswerten Handlungsempfehlungen wurden immer fein säuberlich in der Patientenakte vermerkt. Mir reichte es dann, als ich die Versicherung wechseln wollte und mich die neue nur exklusive zweier Zähne nehmen mochte, die der „Arzt“ besonders kostenintensiv behandeln wollte. Ich wechselte dann den Zahnklempner um festzustellen, dass die vorgeschlagene Behandlung, bei der ich selbst rund 600 Euro hätte beitragen müssen, auch für mich kostenfrei möglich war. Ohne Abstriche. Ferner hatte der um mein Wohl bekümmerte „Zahnarzt“ glatt übersehen, dass meine Zähne durch das nächtliche Knirschen immer flacher wurden. Gewiss ist nur, dass mit einer Schiene, die das verhindert hätte, der „Arzt“ kaum etwas verdient hätte.

Ich bekam also eine Schiene für die Nacht und eine kostenfreie Reparatur. Soweit so gut, dachte ich. Im späteren Verlauf stellte sich jedoch heraus, dass mein neuer „Zahnarzt“ ein Grobmotoriker war. Zweimal versemmelte er die Betäubung in der Art, dass er mit der Nadel einen Nerv traf und mir dabei zumindest zeitweise einen Teil meiner Geschmacksfähigkeit nahm. Auch sonst empfand ich sein Vorgehen als, gelinde gesagt, ruppig. Das Fass zum Überlaufen brachte der Spruch: „Na das kann doch gar nicht wehtun.“, nachdem er mir zum zweiten Mal irgendeinen Nerv wegschoß. Statt ihn wegen einer Wahrnehmungsstörung zum Psychologen zu schicken, wechselte ich erneut den Arzt und Sie werden nicht glauben was dann geschah.

© Marco HerackUnendliche Weiten der Ruhe und Entspannung.

Ich bekam einen Tipp von der Friseurin meines Vertrauens. Da, hier um die Ecke, soll einer sein, der sei ganz ok. Mit wenig Hoffnung betrat ich die Praxis. Ich war der einzige Patient. In den Folgenden zwei Jahren sollte ich auch nur einmal eine andere Patientin dort treffen. Der Arzt selbst ist ein älterer Mann, leicht tatterig, der in dem riesigen Haus nicht nur seine Praxis hat, sondern auch in ihm wohnt. In der Garage steht ein hässlicher Porsche Cayenne und es wird ständig gebaut.

Ich war auf das schlimmste gefasst, immerhin scheint der Mann etwas finanzieren zu müssen. Es kam jedoch anders. Gar exzellent sei mein Pflege. So gut, dass ich mir sogar die jährliche Reinigung sparen könne. Alle halbe Jahre den Zahnstein weg und fertig. Röntgen empfindet er als vollkommen drüber und so wie mein vorheriger Zahnarzt, spritze man schon seit 10 Jahren nicht mehr. Wenn was ist, dann möge ich doch bitte Bescheid sagen. Für ihn sieht das alles Bestens aus.

Da stand ich dann, mit offenem Munde und strotz nur so vor Verblüffung. Es verunsicherte mich sehr, dass es nichts zu tun gab, denn mein Leben lang bescheinigten mir Zahnärzte die Schuld an ihrem tun. Seit nun zwei Jahren wurde nichts mehr an meinen Zähnen repariert. Keine Röntgenaufnahmen. Kein bedenklicher Blick des Behandelnden. Einfach nichts. Und dennoch funktioniert alles wie es soll.

Man könnte natürlich vermuten, dass ich einer Spontanheilung meines Mundes unterlegen bin. Ich fürchte aber, dass ich durch die Gnade des richtigen Zahnarztes lediglich aus dem kapitalistischen Zahnarztsystem ausgestiegen bin. Einer gnadenlosen Geldmaschine, die der körperlichen Eingriffe bedarf um sich am Leben zu erhalten. Der es nicht um Heilung geht, sondern um eine Art von Zerstörung im Mundraum des Patienten, die dem Zwecke des einträglichen Wiederaufbaus dient. Wenn ich heute über Google oder „das Internet“ und seine Konzerne schreibe, dann muss ich auch immer an meine Zahnärzte denken. Wie sie in ihren geschlossenen Räumen, den Praxen, ihre Patienten umgarnen und versuchen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, um dieses anschließend in Geld zu verwandeln.

Zahnärzte sind ein guter Ausgangspunkt, um die Milliarden zu finden, die im Gesundheitssystem angeblich immer fehlen. Jede Zahnzusatzversicherung ist den Unmenschen geschuldet, die von überflüssigen Behandlungen profitieren. Für die in ihrer Geldgier auch der körperliche Eingriff keine Hürde ist. Ich finde das wesentlich abartiger als die rohe und grobe Behandlung in der DDR.

 

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[1] Die Nadeln der Spritzen waren damals bei Weitem nicht so dünn wie heute. Es waren eher solche Monstren.

[2] Die Berichte über diese „Betäubung“ lesen sich nicht gerade überzeugend.

[3] Mittlerweile können meine Bedenken als haltlos angesehen werden.

 

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5 Lesermeinungen

  1. Erinnerungen sind so individuell wie unterschiedlich
    „Der junge sozialistische Körper sollte … für das Kollektiv auch gebrauchsfähig sein und bleiben.“ So kann man es sehen. Oder ganz anders. Dieser Meinungsvielfalt spürt http://www.StimmederDDR.de hinterher. Das Blog vermittelt anhand der Antworten auf zehn immer gleiche Fragen ein buntes und authentisches Meinungsbild. Bestimmt auch interessant für die Wostkinder und ihre Leser. Neue Erinnerungen sind jederzeit willkommen.

  2. Synkretismus
    Die Frage „Gesundheit oder nur Portmonnaie?“ stellt sich sicher vielen Menschen. Wirklich ungewöhnlich sind die 10 Gebote. Ich habe die in einer Schule an der Ostsee (Ferienlager) tatsächlich auch mal an die Wand einer Aula gemalt gesehen. Damals habe ich noch kein Wort dafür gehabt*, aber ich war erstaunt, wie etwas ohne Bedenken so adaptiert werden konnte, obwohl ich die Gegnerschaft des Staates zu dem mir bekannten (älteren) Pendant für mich praktisch jeden Tag erlebbar war. Genauso verhielt es sich mit der Jugendweihe. Auch hier wurde ein Ritus kopiert und vereinnahmt, dessen Durchführung man eigentlich ablehnte.

    Dieses Spannungsfeld – Ideologie und die Gründe für deren emotionale Aufladung – wäre auch heute einen Betrachtung wert.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    * Hätte ich damals „Farm der Tiere“ schon gelesen gehabt, wäre ich wohl in ein dermaßen anhaltendes Gelächter ausgebrochen, dass ich gleich wieder nach Hause geschickt worden wäre.

    • ich fand
      die gebote insofern recht spannend, als dass es nicht nur im biblischen sinne 10 sind.. und auch noch so benannt waren. sondern vor allem ihre austauschbarkeit, finde ich höchst faszinierend. man muss nicht viele worte ändern um auch heutige oder weiter vergangene ideologien abzudecken.

      da war der link zum gesundheitssystem nicht weit, denn zweifelsohne ist mein artikel absolut ideologisch verbrämt.

      mfg
      mh

  3. Sehr guter Artikel
    Bin total Ihrer Meinung. Endlich sagt es mal einer. Nur fehlt mir noch ein kurzer Kommentar über faule Beamte, faschistoide Polizisten, gerechte Sozialarbeiter, wahrheitsliebende Journalisten und korrupte Anwälte.
    Und wie Sie es schaffen, durch Ihre persönlichen Erfahrungen den gesamten Berufsstand bloß zustellen, zeugt wirklich von ausgezeichnetem Journalismus.

    • Titel eingeben
      Mit „bloß zustellen“ formulieren Sie korrekt = Aufdeckung der Tatsachen.
      Mit „den gesamten Berufsstand bloß zustellen“ irren Sie: Autor Herack schildert die „Gnade des richtigen Zahnarztes“. E i n Arzt war unter den Zahnärzten dabei.
      http://www.zahnkaufmann.de

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