Home
Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Die Ostdeutschen: guter Sex und wenig Einfluss

| 20 Lesermeinungen

Der Westen inszeniert die Wiedervereinigung als konsumierbare Aneinanderreihung von Anekdoten. Im Osten ist eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Geschichte zu sehen. Es interessiert nur keinen

Die DDR wird ständig gefeiert. Im Oktober. Im November. Jedes Jahr. Und wenn es dann mal ein 5er oder ein 0er Jahr ist, legen die politischen Protagonisten dieses Landes ihr Geldköfferlein ausnahmsweise mal auf den Tisch und schwingen, gewohnt jovial, große Reden. Inhaltlich bewegt sich die Politikerin von Welt dabei in einem mittlerweile gewohnten Spektrum. Für Freiheit und eine entschlossene Überwachung. Für die Freiheit und gegen die Überwachung. Gegen den allumfassenden Unrechtsstaat. Für ein freies, sozialmarktwirtschaftliches Europa.

Wir befinden uns im Jahr 25 des innerdeutschen Mauerverfalls. Das heißt, die Gelder für die sonst üblichen Feiern zur deutschen Einheit am 3. Oktober werden gekürzt und die Gelder zur Feier des Mauerfalls am 9. November, werden aufgestockt. Traditionell finden die Feierlichkeiten zum Einheitstag in dem Bundesland statt, das gerade den Bundesratsvorsitz innehat. Momentan ist dies Niedersachsen, weswegen es Merkel und Gauck auf einem Gottesdienst nach Hannover verschlagen hat. Der Tag fand unter dem Motto „Einheit in Vielfalt“ statt. Wenige zehntausend Hannoveraner kamen zu diesem „Bürgerfest“, auf dem sich die 16 Bundesländer vorstellten. Ein Straßenfest mit Musik und Mitmachangeboten für die ganze Familie.

© Marco HerackBrandenburger Tor am 3.10.2014

Wer sich taggleich am Brandenburger Tor aufhielt, konnte auch hier die Massen bewundern. Viele Zehntausende pilgerten zu dem Ort, an dem Geschichte greifbar werden soll und landeten in einer privat organisierten Festmeile. Zwischen Los- und Würstchenbuden wurde gesoffen und flaniert. Ein Entertainer versuchte die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, erntete aber meist nur Ignoranz. Im Gegensatz zur Selbstfotografie, die sich einer großen Beliebtheit erfreute. Doch nach dem abfotografieren der eigenen Gesichter, mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund, verflüchtigte sich die Freude auf den Gesichtern nur allzu schnell. Es waren Drängeln und Durchkommen angesagt, man fuhr die Ellenbogen aus.

Das Brandenburger Tor, als unübersehbares Zeichen der Geschichte, thronte über diesem hedonistischen Treiben. Es fehlte komplett an geschichtlicher Einordnung und so wurde auch das Wahrzeichen zu einem reinen Eventobjekt des darum herum organisierten Kommerzes.

Diese Kulturkritik könnte man wegwischen und ignorieren, wenn in Deutschland nicht alle paar Monate eine Diskussion darüber stattfinden würde, wie geschichtsvergessen die Jugend im Speziellen und die Bürger der ehemaligen DDR im Besonderen seien. Manche sollen die vergangene DDR heute gar für einen guten Staat, mit Arbeitsplätzen für alle und einem annehmbarem Gesundheitssystem halten. Einem lebenswerten Raum. Empörend für die immer gleichen Gesichter dieses Diskurses. Sie mokieren sich dann lautstark darüber und stellen diverse Forderungen auf. Meist geht es um die verderbte Jugend, der man in den Schulen doch eintrichtern müsse, wie schlecht das Leben in Wahrheit gewesen sei. Denn eines ist ja klar, die DDR war ein „Unrechtsstaat“.[1]

Dabei müsste die Frage nur gestellt werden: Wie war die DDR?

Weder in Hannover noch am Brandenburger Tor fanden sich darauf Antworten. Partyspiele, Würstchenbuden und Dauerbesäufnis entsprechen jedenfalls nur bedingt dem dortigen Leben. Am Tag der Deutschen Einheit kann man durch Deutschland wandeln und entdeckt meist nur dieses eine einheitliche Bild. Es tröstet nicht, dass für den 9. November mehr Pomp zu erwarten ist. Mehr staatstragende Reden, mehr Symbolik und danach das kollektive Besäufnis ins Nichts hinein. Also mehr vom Gleichen mit zuvor inszenierter Zurückhaltung.

© Marco HerackVon Ost nach West durchs Tor hindurch, in die heile Welt der sinnlosen Unterhaltung

Wie kollektiv dieses Nicht-Erlebnis ist, lässt sich auch in der Berichterstattung der Medien erfühlen. Dort finden sich gerade Mauer-Anekdoten en masse. Sei es ein seinerzeit von der Mauer geteiltes 50-Seelen Dorf, Vorher-Nachher-Bilder von Mauerabschnitten oder wie jemand die Mauer zur Geschäftsidee machte. Solcherlei erfahren wir recht unkompliziert. Inspiriert von verschiedenen sehr erfolgreichen historischen Twitter-Accounts, wird mancherorts auch ein Blog mit Meldungen von vor 25 Jahren gefüllt. Die Überschriften sind reißerisch, die Inhalte können es nicht mehr sein. Dennoch kommen sie um 25 Jahre Live-verzögert. Dazwischen taucht immer wieder Bundespräsident Joachim Gauck auf und ruft: „Die DDR war ein Unrechtsstaat!“. Er wirkt wie ein Springkasper, den man nicht wirklich ernst nehmen kann und sei es nur wegen der Umgebung, in der er stattfindet.

So einseitig wie die hier geführte Darstellung bis zu diesem Punkt ist, ist die Realität natürlich nicht. Das Bild hat einen kleinen Schönheitsfehler. Es entstand aus der Beobachtung westlich geprägter Medienhäuser und Veranstaltungen. Die Betrachtung ist ebenso unvollständig wie dennoch kein Zerrbild.

Zum Verständnis dieser Funktionsweise hilft ein Blick in die Sexualforschung.

Bei einer Untersuchung der Wissenschaftler Kurt Starke und Ulrich Clement im Jahre 1988, gaben ostdeutsche Studentinnen an, mehr Orgasmen zu bekommen als ihre westdeutschen Pendants. Nachdem die Bildzeitung 1990 auf diese Erkenntnis stieß, machte sie daraus „Ostdeutsche Frauen bekommen öfter einen Orgasmus“ und begründete damit vermutlich die allgegenwärtige Annahme, dass die Ossis ein besseres Sexleben haben als die Wessis.[2] Helena Wittlich weiß dies noch mit der Google Suchfunktion zu kombinieren, die ihr Übriges zur Mythenbildung beiträgt.

Das heißt auch die Funktionsweisen die uns „das Internet“ zur Verfügung stellt, müssen als Verstärker für die Starken gedacht werden. Durch Verkürzung und selbstreferenzielle Aufmerksamkeitsschleifen bildet sich eine allgegenwärtige Annahme, die über Jahrzehnte in der Öffentlichkeit bestand hat, selbst wenn es ernsthaften wissenschaftlichen Widerspruch zu ihr gibt.

© Marco HerackMauerbau (Ausstellung 25 Jahre Mauerfall in den Potsdamer Platz Arkaden)

Im Osten nichts Neues

Ein Blick in die Medienlandschaft Ostdeutschlands offenbart ein sehr gegensätzliches Konzept des Umgangs mit der DDR. Zwei im Alltag wirkungsrelevante Protagonisten lassen sich erkennen. Zum einen der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und zum anderen die SUPERIllu.

Der MDR ist das ZDF des Ostens. Mit dem Unterschied, dass es eher weniger Reportagen und Dokumentationen über Hitler zu sehen gibt. Dafür jedoch ihre Entsprechungen in Bezug auf die DDR. Honecker und das Alltagsleben in der Deutschen Demokratischen Republik finden sich auf diesem Wege in einer Art Endlosschleife in den ostdeutschen Wohnzimmern ein. Aber der MDR beschäftigt sich auch mit den Menschen. Er berichtet nicht nur in Anekdoten. Er abstrahiert das reale Leben nicht ausschließlich zu etwas Konsumierbarem, mit dem sich der Zuschauer unterhält. Er fördert in seinen guten Momenten die zwischenmenschliche Auseinandersetzung.

Ein ähnliches Konzept findet sich in der SUPERIllu. Immer wieder eingestreute Reportagen über das Alltagsleben in der DDR stehen neben Gossip über (bevorzugt) Prominente aus den neuen Ländern. Es wird das „Mosaik“, ein real existierendes ex-DDR Comic-Magazin, auf einer eigenen Seite gepflegt und den Menschen werden Hilfestellungen für den Alltag geliefert. Das Boulevard-Magazin hat sich im Lauf der Jahre zu einer ostdeutschen Plattform entwickelt, auf der die Menschen stattfinden und die Raum für Zwischenmenschliches bietet. Ein Konzept, das finanziell betrachtet vor allem Offline funktioniert, denn die Internetseite hat offensichtlich wenig Interessantes zu bieten.

So groß der Einfluss dieser beiden Plattformen im Osten auch sein mag. Im Westen finden sie nur wenig statt. Rund drei Millionen Leser der SUPERIllu in Ostdeutschland sind kein Pfund, mit dem sich eine gesamtdeutsche Debatte inszenieren ließe. Es finden sich immer wieder Ansätze und auch ausschweifende Aufbereitungen verschiedener ostdeutscher Debatten. Sie erreichen nur keinen Resonanzraum. Denn die Hoheit über die gesamtdeutschen Debatten haben bis heute die westdeutschen Meinungsbilder inne. „Von ihnen aus wird gedacht, geredet, gehandelt und beurteilt.“[3] Da sprechen die Sieger und wundern sich über die Mauer in den Köpfen.

„Wie geht’s uns denn heute?“

Holger Klein fragt diese Frage am Ende jeder Folge der „Wrintheit“. Einem Podcasts mit Alexandra Tobor. Eine scheinbar banale Frage, deren Beantwortung nicht immer zu angenehmen Antworten führt. Doch die Frage stellt das Gegenüber in den Mittelpunkt. Sie weist ein Interesse auf, das über die Anekdoten des Lebens hinausgeht und sich mit den Befindlichkeiten beschäftigt. Es geht um den Menschen als Form des Seins und das gegenseitige Interesse an diesem Sein. Oder wie Bundestagspräsident Norbert Lammert es in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit formulierte:

Gelebtes Leben geht weder in Anekdoten auf noch in wie gut auch immer recherchierten Reportagen, es will erzählt werden, wenn es verstanden werden soll.

25 Jahre nach dem Mauerfall ist es überfällig, die kleinen Fragen an „die Ostdeutschen“ zu stellen. Wie geht es Euch? Was macht ihr? Was waren eure Erwartungen an die Einheit? Was davon hat sich erfüllt und was nicht? Warum?

Nicht „der Unrechtsstaat“ ist das Problem oder ein zu behandelndes Thema. Es ist nicht strittig, dass eine Diktatur Unrecht produziert. Dennoch lebten in dieser Diktatur Menschen ein Leben für das sie ebenso Anerkennung brauchen wie eine Plattform. Bis heute hat sich das nicht geändert, auch wenn man glaubt, dass die Ostdeutschen besseren Sex haben als die Westdeutschen.

 

—————————–

[1] Ein Unrechtsstaat ist ein Staat mit dem sich die Wostkinder nicht befassen, da er der politischen Theorie fremd ist. Der Begriff ist politische Propaganda und erfüllt sicher seinen Zweck. Allerdings nicht für jene, die „nur“ verstehen wollen und denen Dogmen egal sind.

[2] Dieser Absatz bezieht sich auf einen wundervollen Artikel von Helena Wittlich, der ans Herz gelegt sei.

[3] Befund des Soziologen Raj Kollmorgen. Rezitiert aus dem in der Fußnote zwei verlinkten Artikel.

 

Liebe Leserinnen,
Liebe Leser,

für alltägliches können Sie dem Autor auf Twitter folgen.

Die Wostkinder finden sie ebenfalls auf Twitter sowie auf App.net. Bleiben sie informiert, in dem sie uns auf Facebook liken oder in Google+ Ihren Kreisen hinzufügen. Alle Podcasts werden zudem auch auf unserem Youtube-Kanal veröffentlicht.

0

20 Lesermeinungen

  1. Brand eins 11/08 - Die Kraft der Versöhnung Horst-Eberhard Richter
    Das wäre ein Anfang. Warum vermeiden „wir“ den eigentlich so ausdauernd? Seit nunmehr 25 Jahren? Und eigentlich doch noch viel, viel länger?

    Ein Land mit 17 Mill. Einwohnern auf guten Sex, Unrechtsstaat und Stasi reduzieren? In solches Flachwasser möchte man dann doch nicht steigen. Manchen scheint es zu reichen. Aber die Folgen, die Folgen….

  2. Worüber müsste Deutschland denn etwas lernen aus dem DDR Alltag ?
    Ich finde:

    – Die Nähe der Bürger zueinander ( in seiner gesamten unnarzistischen Komplexität ) und deren
    positiver Einfluss auf die psychische Gesundheit ( ich weiss, das ist gewagt aber ich sehe es so )
    – Ein schärferer und kritischer Blick auf gegenwärtige politische und wirtschaftliche Vorgänge
    ( mehr durch den Wendeprozess und die gewollte, allerdings genauso notwendige neue Anpassung)
    – Ein unerschütterliches Wissen, das man in einer entschleunigteren Welt tatsächlich auch glücklich
    sein könnte
    – Frauen können emanzipiert sein, auch ohne das sie dazu administrative Macht ausüben müssen

    Mehr fällt mir spontan nicht ein -ist doch aber gar nicht so wenig..

  3. die diskreditierte historische Zunft in Ostdeutschland
    „Denn die Hoheit über die gesamtdeutschen Debatten haben bis heute die westdeutschen Meinungsbilder inne.“ Genau hier liegt das Problem. Die öffentliche Diskussion über die Geschichte der DDR wird entweder von Westdeutschen Medien dominiert oder von ostdeutschen Journalisten und Romanciers. Historiker fehlen in der öffentlichen Debatte fast völlig. Eigenartigerweise werden sie aber auch nicht gefragt. Vielleicht hängt das mit der völligen Diskreditierung der historischen Zunft in der DDR zusammen, die Geschichte auf ein Ideologie-Vehikel reduzierte und kritisches Denken nicht zuließ. Historisch-gesellschaftliches Denken wurde auch an der Schule nicht gelehrt, die materialistische Denkschule ließ keine facettenreiche Reflexion zu. Die Historiker, vom Staat bezahlt und gelenkt, erregten und erregen bis heute das Misstrauen der DDR-Bürger und finden als intellektuelle Analytiker der Zeitläufte kein Gehör. Auch während der Wende waren so gut wie keine Historiker anzutreffen (anders als etwa in Frankreich, wo Historiker in aktuellen Debatten gefragt werden). Da Geschichte nur ein weiteres Propaganda-Mittel war, ging und geht man heute häufig mit historischen Fragen in der DDR zynisch oder indifferent um. Dass heute westdeutsche Medien und Historiker à la Guido Knopp den Diskurs bestimmen und die symbolische und Geschichtspolitik im Osten sich einer westdeutschen Sichtweise angepasst hat, verstärkt das Misstrauen gegen die historische Zunft noch. Eine riesige Kluft klafft zwischen persönlicher Erinnerung und der Geschichtspolitik, in der diese sich nicht wiederfindet. Und solange der öffentliche Diskurs nur von Unrechtsstaat und Stasi handelt und Aspekte wie Leistung, Erfolge oder innere Entwicklungen dieses untergegangenen Staates und seiner gestrandeten Bewohner nicht zugelassen werden, werden die Abwehrreaktionen gegen die Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit, die man im Osten oft antrifft, wohl weiter bestehen.

    • Interessanter Aspekt
      Ihre Deutung ist nicht von der Hand zu weisen. Aber die Kompromitierung der DDR-stämmigen Historiker lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

      Die Lebensleistung der 1 1/2 Generationen, die ihr Leben in der DDR verbracht haben, wird nicht hinreichend gewürdigt, d’accord. Das wird sie vermutlich auch nie werden, auch wenn es zweifellos nennenswerte Anstrengungen und auch Erfolge gab. Das ist tragisch, aber ich sehe nicht, wie man das ändern könnte, denn sie sind aus heutiger Sicht schlicht irrelevant.

      Was können uns die 40 Jahre DDR lehren? Interessant fände ich beispielsweise eine Untersuchung der folgenden Fragen:

      * Warum ist die DDR nicht so stark in eine Feudalstruktur gerutscht, wie es andere sozialistische Staaten (in vergleichbarer Zeit) sind?

      * Welche Folgen hatte die Ausübung der Macht in nahezu allen Lebensbereichen durch eine einzige ideologiebasierte Funktionärsstruktur, die kein Gegengewicht hatte? Was kann man daraus für den Aufbau oder die Funktionsweise von Gesellschaften lernen?

      * Was hat der ständig steigende Widerspruch zwischen den ideologisch vorhergesagten Ergebnissen und der nüchternen Realität mit denen gemacht, die der Ideologie gefolgt sind?

      * Hat das Überstrapazieren des Antifaschismus zu einer übermäßigen Ignoranz gegenüber diesem Thema geführt und den Neofaschismus in den neuen Bundesländern befördert? Was folgt daraus für zeitgenössische Argumentationsgewohnheiten? (Hat Frau Rönicke schon mal angerissen.)

      * Was vermissen diejenigen, die der DDR hinterher trauern, eigentlich genau und warum ist das, was sie vermissen, heute nicht mehr darstellbar? (Hat Hr. Herack in Ansätzen behandelt, ließe sich aber ausbauen.)

    • Hat das Überstrapazieren des Antifaschismus zu einer übermäßigen..
      Vielleicht hat die, nennen wir sie direkt „diktatorische“ politische Erziehung in der DDR , die praktisch bedeutete dass es ausschliesslich „gute“ ( also sozialistische) und „schlechte“( also alle anderen, vor allem aber faschistische ) Regierungssysteme gibt, vor allem den Jugendlichen kaum eine andere Möglichkeit offen gelassen zu rebellieren, als das „böseste“ zu tun, was vorstellbar war, nämlich sich faschistisch zu geben, weil zusätzlich unter den Gesamtumständen der DDR Rebellion auch automatisch Rebellion gegen den Staat sein musste.

      Also: Wer schwarz/weiss erzogen wird und rebellieren will, kann nur das nehmen was ihm als Böse verkauft wurde – so habe ich als Ossi das immer empfunden.

  4. Der Determinismus des Systems
    Wenn ich Ihren Artikel lese, bekomme ich den Eindruck, Sie meinten, es gäbe schlechten Dünkel und guten Dünkel. Wie Sie auf das „gemeine Volk“ schauen, dass Ihrer Meinung nach, sich scheinbar nur vom Staatsapparat „bespielen“ lässt, das lässt eine gewisse Distanz durchscheinen. Und effektheischerische trivialisierte Überschriften sind ok, man braucht ja die Klicks, die Trivialisierungen der anderen aber nicht?

    Sie wollen Relevanz, Sie wollen Geschichen, die das Leben geschrieb anstelle von Platitüden und sinnentleerten Ritualen: Wohlan, Sie sind journalistisch tätig, unterhalten Sie sich mit dem Arbeiter, der Arbeiterin, dem Bauern oder der Näherin von nebenan (und am Besten nicht in Berlin sondern in der Peripherie), porträtieren Sie sie. Schreiben Sie etwas über das Schicksal des Betonkopfs aus dem DDR-Establishment, den die Konterrevolution krank und verbittert gemacht hat, schreiben Sie etwas über die Arztgehilfin, die jetzt zwei Mal im Jahr nach Malle fliegt und sich dabei wohl fühlt, suchen Sie interessante Leben und machen Sie sie öffentlich.

    Die sophistischen Überlegungen, ob man jetzt „Unrechtsstaat“ sagen könne oder ob es doch eher eine Funktionärswillkühr gewesen wäre oder eher dies oder eher das, all das hat etwas Kümmelspalterisches und bringt für mich keine neuen Aspekte (Sie haben es doch sonst nicht so mit dem Revanchismus und mit Funktionären): Fragen Sie die Leute, mit denen Sie sprechen, ob sie wieder dorthin zurückwollen – mit allen Konsequenzen: Der Geselligkeit, den Ritualen und Paraden aber auch dem Verfall, der Ohnmacht, der Lügerei, der Bevormundung durch die Funktionäre und dem Schwarzmarkt, ohne den gar nichts lief.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    P.S. Ich bin der altmodischen Meinung, es gäbe nur den Dünkel und er wäre immer schlecht.

    • Titel eingeben
      Aber Herr Werlauer,

      gerade Sie, als Leser der dieses Blog nicht ganz so selten besucht, haben doch sicher mitbekommen, dass wir diese Geschichten hier immer wieder mal bringen. Was eher weniger stattfindet, sind Meinungsbeiträge wie dieser hier, den es aber auch nur explizit wegen einer anstehenden 25 Jahrfeier gibt… die in den Medien ein bestimmtes Verhalten zu Tage fördert. Auch diese Beobachtungen sind wichtig, wenngleich die Kritik wie immer verhallen wird.

      Aber keine Sorge, auch die FAZ hat natürlich eine Sonderseite zum Mauerfall. Mit Vorher-Nachher-Bildern von der Mauer und kleineren Anekdoten. Wir werden also entsprechend ergänzt. ;)

      http://www.faz.net/aktuell/politik/25-jahre-mauerfall/

      mfg
      mh

    • Die Bloghistorie
      Ich meine mich an zwei Podcasts zu erinnern, einer von einer in D lebenden Polin (?), einer von einem Stasi-Mann(?). Die habe ich allerdings beide nicht gesehen, weil ich einfach nicht 45 Minuten lang vor einem Filmchen hängen will. Die Meinung eines normalen Menschen aus der untergegangenen DDR habe ich in diesem Blog zumindest noch nicht bis zum Überdruß gelesen.

      Im Gegensatz dazu muss ich gestehen, ich musste mich diesmal wirklich zwingen, den Artikel zu Ende zu lesen, denn diese mäkelige Meckerei bringt mir einfach nichts: Sie eröffnet mir keine neue Sicht, sie regt mich nicht zum Nachdenken an, sie ist noch nicht einmal lustig. Mein Eindruck: Hauptsache gegen das Establishment. Dieses sture „Dagegensein“ ist in meinen Augen einfach nutzlos, denn das Establishment interessiert sich überhaupt nicht für Sie. Besser fände ich, Sie wären für etwas und würden in diese Richtung arbeiten.

      Aber das ist und bleibt natürlich Ihre Entscheidung.

      Beste Grüße
      Günther Werlau

    • establishment?
      ich lese sicher nicht alles, aber auch nicht gerade sehr wenig. mir sind aber recht wenige artikel bekannt, die das thema der grenzverschiedenen berichterstattung über ost und west über ost aufgreifen. mit einem „hauptsache“ gegen das establishment hat das wenig zu tun.. denn es geht um eine real vorhandene beobachtung. die hätte ich zwar auch anspruchsvoll verbrämt formulieren können, dann hätte sie aber noch weniger effekt gehabt.

      der effekt soll ja auch nicht sein, dass man bei springer jetzt alles anders macht. sondern dass das thema als idee in die köpfe der leserinnen dringt. und das reicht im zweifelsfall auch, denn dort findet die auseinandersetzung statt.

      zu den podcasts: es sind mittlerweile 7 stück, mit sehr unterschiedlichen menschen. und zweifelsohne wird es noch mehr geben. unter jedem podcast stellen wir auch die Feeds für externe programme wie itunes oder andere zur verfügung, sodass sie beim hören nicht an einem ort gebunden sind. ansonsten gibt es immer nur 1 bild zu sehen. da geht es um die reine optik und es kann ggf. ignoriert werden. der hintergrund hierzu ist, dass man nicht über alles schreiben kann. manches braucht eines gespräches. das könnten wie zwar zurechtschneiden, aber nein… gerade der podcast mit dem herrn vom auslandsgeheimdienst hat ein sehr zwiespältiges echo hervorgerufen. er löste hadern bei den höererinnnen aus und zugegebenermaßen auch in mir selbst. die dinger sind wichtig und sie werden gar nicht mal so selten gehört.

      wir versuchen im rahmen unserer bescheidenen möglichkeiten kleinere reportagen unterzubringen. prag habe ich auf eigene kosten gemacht. das ist reines interesse gewesen und insofern auch ok, aber sie werden verstehen, dass solcherlei eher die ausnahme ist. vieles von dem, was wir recherchieren kommt nicht in reportageform vor sondern ist dann eher ein aufhänger als kleine geschichte um ein thema zu verhandeln. am ende geht es natürlich immer um budgets und was damit erreicht werden kann.

      ich sehe nicht, dass die geschichten zu kurz kommen. es sind aber auch diese anekdoten, die der sache nicht gerecht werden. sie können höchstens dazu dienen zugang zu einem thema zu verschaffen um es dann verhandeln zu können.

      dieses mal, wars ein klarer meinungsbeitrag. der auch darauf beruhte, dass ich den tag der deutschen einheit gezielt in berlin verbrachte und, wie sie gut erkannten, mich das treiben eher anwiderte als erfreute. auch das gehört zum blog.

      mfg
      mh

  5. Überraschung !!!
    „Im Osten ist eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Geschichte zu sehen. Es interessiert nur keinen“

    Und zwar völlig zu Recht… man muss ein eigenartiges Weltbild haben, wenn man zu sowas noch Fagen hat.

    Andererseits… man könnte natürlich drüber nachdenken, was etliche zig-Millionen Amerikaner in Städten wie Detroit oder den Südstaaten dafür geben würden die Lebensqualität eines Durchschnitts-Ossis von damals zu haben…

    Aber nein, sowas wäre natürlich politisch völlig inkorrekt, gell?

  6. Ein Konzept, das ... vor allem Offline funktioniert
    Wie unterschiedlich doch die Wahrnehmungen sein können:
    ich nehme den MDR eigentlich nur als eine einzige Ostalgie-Show wahr – d.h. im Gegensatz zum ZDF laufen hier nicht nur die Dokumentationen auf Entlosschleife, sondern auch das sonstige (Spielfilm-)programm scheint 1989 und bei der Ollsen-Bande stehengeblieben zu sein. Sorry, aber kein guter Einfluss und auch kein guter Moment … des Autoren. Satrie?

  7. Der Westen inszeniert die Wiedervereinigung...
    Sehen Sie das Weltgeschehen? Was erwarten Sie? Vernunfthandeln? Aus welcher „Denktiefe“ heraus?
    Ist das realistisch? Weihnachten, Ostern, Karfreitag…sind die besten Beispiele für „reale Denktiefe“
    und daraus folgendem „Vernunfthandeln, Feiern“!?…“Realbedeutungsverlust“ als Folge von „Lebensgeschwindigkeitüberforderung“?
    Ihr beklagtes „Wiedervereinigungserinnerungshandeln“ ist dagegen ein Klax.
    Beinhaltet ein denkbarer Vernunftreifegrad überhaupt noch „Feiertage in jetziger Form“?
    Die Zeitgeistreife ist wie sie ist…s. Weltgeschehen…“der lärmende Mensch“…auch journalistisch.
    Die „Alltagslebensgeschwindigkeit“ jedes Einzelnen ist viel zu hoch um die Realität wahrzunehmen,
    geschweige denn, dem Thema entsprechend, tief genug zu denken und dementsprechend einsichtig zu handeln.
    Das Weltgeschehen, aber auch das differenzierteste „Feiertaggeschehen“, ist hauptsächlich Überforderungsfolge…
    weil es keine Zeit mehr für das „goldene Schweigen“, „Zeit zum reifen(den) Denken“ läßt und
    somit auch kein vernunftreifes handeln folgt.

  8. Die Ostdeutschen
    werden seit 25 Jahren auf Mauer und Stasi reduziert. In der offiziellen Literatur ist sie Gegenstand der Verklärung. Empfohlen sei daher das Projekt Lebenswege, dass sich dem Thema DDR auf andere Weise nähert. Die bereits erschienen Romane Anna. Sehnsucht. und Karin. Glück ohne Ende. beschreiben Biografien abseits von Mauer und Stasi und schlagen einen Bogen vom Damals ins Heute – nicht uninteressant, wenn man wissen will, wie es für diejenigen nach der Wende weiterging, die nicht aus einem Pfarrhaus stammen.

    • Ja, das ist wahr, aber.....
      “ Die Ostdeutschen werden seit 25 Jahren auf Mauer und Stasi reduziert.“

      Ich kann mich ausser in 50ern an nichts erinnern, das auf tatsächlich riskanten Widerstand gegen solches Leben schliessen lässt?

      Warum sollte ich für sowas Respekt übrig haben? Weils die meisten tun?

  9. Ohne Zukunft keine Vergangenheit.
    Man interssiert sich für die Vergangenheit eines Landes nur, wenn man auch an seine Zukunft glaubt. Welche Zukunft will D haben? Wenn es in der EU „aufgehen“ – also untergehen – möchte, hat es als Staat keine Zukunft. Welchen Anreiz gibt es dann noch, sich intensiv mit der DDR zu beschäftigen? DDR – das war Kalter Krieg, diese Zeit ist heute so weit weg von uns wie die Erde von der Sonne.

  10. „Wie geht’s uns denn heute?“
    Die DDR ist 25 Jahre her. „Unrechtsstaat“ ist ein Kunstbegrif, der der politischen Theorie fremd ist. Der Begriff ist politische Propaganda und erfüllt sicher seinen Zweck. Die DDR kann man so nennen. Hier „… taucht (dann) immer wieder Bundespräsident Joachim Gauck auf und ruft: „Die DDR war ein Unrechtsstaat!“. Er wirkt wie ein Springkasper, den man nicht wirklich ernst nehmen kann und sei es nur wegen der Umgebung, in der er stattfindet. …“ Wie geht es uns heute? Was machen wir? Was waren unsere Erwartungen an die Einheit? Was und wieviel davon hat sich erfüllt und was nicht und warum nicht … ? Das sind doch die heutigen, aktuellen, wirklich wichtigen Fragen! Worin und wie stark unterscheidet sich ganz praktisch für mich ein „Unrechtsstaat“ in dem es zu großen Teilen auch nach Recht und Gesetz und gerecht zuging, von einen „Rechtsstaat“ in dem es zu großen Teilen auch
    ungerecht zugeht? Zeigt Herr Gauck haupsächlich mit einem langen Finger auf die ja längst gescheiterte DDR, um nicht über die „miserabelen Schüler“ von heute reden zu müssen, nach dem Motto: „Die waren viel schlimmer“ … ??!

Kommentare sind deaktiviert.