Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Die Ostdeutschen: guter Sex und wenig Einfluss

| 20 Lesermeinungen

Der Westen inszeniert die Wiedervereinigung als konsumierbare Aneinanderreihung von Anekdoten. Im Osten ist eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Geschichte zu sehen. Es interessiert nur keinen

Die DDR wird ständig gefeiert. Im Oktober. Im November. Jedes Jahr. Und wenn es dann mal ein 5er oder ein 0er Jahr ist, legen die politischen Protagonisten dieses Landes ihr Geldköfferlein ausnahmsweise mal auf den Tisch und schwingen, gewohnt jovial, große Reden. Inhaltlich bewegt sich die Politikerin von Welt dabei in einem mittlerweile gewohnten Spektrum. Für Freiheit und eine entschlossene Überwachung. Für die Freiheit und gegen die Überwachung. Gegen den allumfassenden Unrechtsstaat. Für ein freies, sozialmarktwirtschaftliches Europa.

Wir befinden uns im Jahr 25 des innerdeutschen Mauerverfalls. Das heißt, die Gelder für die sonst üblichen Feiern zur deutschen Einheit am 3. Oktober werden gekürzt und die Gelder zur Feier des Mauerfalls am 9. November, werden aufgestockt. Traditionell finden die Feierlichkeiten zum Einheitstag in dem Bundesland statt, das gerade den Bundesratsvorsitz innehat. Momentan ist dies Niedersachsen, weswegen es Merkel und Gauck auf einem Gottesdienst nach Hannover verschlagen hat. Der Tag fand unter dem Motto „Einheit in Vielfalt“ statt. Wenige zehntausend Hannoveraner kamen zu diesem „Bürgerfest“, auf dem sich die 16 Bundesländer vorstellten. Ein Straßenfest mit Musik und Mitmachangeboten für die ganze Familie.

© Marco HerackBrandenburger Tor am 3.10.2014

Wer sich taggleich am Brandenburger Tor aufhielt, konnte auch hier die Massen bewundern. Viele Zehntausende pilgerten zu dem Ort, an dem Geschichte greifbar werden soll und landeten in einer privat organisierten Festmeile. Zwischen Los- und Würstchenbuden wurde gesoffen und flaniert. Ein Entertainer versuchte die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, erntete aber meist nur Ignoranz. Im Gegensatz zur Selbstfotografie, die sich einer großen Beliebtheit erfreute. Doch nach dem abfotografieren der eigenen Gesichter, mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund, verflüchtigte sich die Freude auf den Gesichtern nur allzu schnell. Es waren Drängeln und Durchkommen angesagt, man fuhr die Ellenbogen aus.

Das Brandenburger Tor, als unübersehbares Zeichen der Geschichte, thronte über diesem hedonistischen Treiben. Es fehlte komplett an geschichtlicher Einordnung und so wurde auch das Wahrzeichen zu einem reinen Eventobjekt des darum herum organisierten Kommerzes.

Diese Kulturkritik könnte man wegwischen und ignorieren, wenn in Deutschland nicht alle paar Monate eine Diskussion darüber stattfinden würde, wie geschichtsvergessen die Jugend im Speziellen und die Bürger der ehemaligen DDR im Besonderen seien. Manche sollen die vergangene DDR heute gar für einen guten Staat, mit Arbeitsplätzen für alle und einem annehmbarem Gesundheitssystem halten. Einem lebenswerten Raum. Empörend für die immer gleichen Gesichter dieses Diskurses. Sie mokieren sich dann lautstark darüber und stellen diverse Forderungen auf. Meist geht es um die verderbte Jugend, der man in den Schulen doch eintrichtern müsse, wie schlecht das Leben in Wahrheit gewesen sei. Denn eines ist ja klar, die DDR war ein „Unrechtsstaat“.[1]

Dabei müsste die Frage nur gestellt werden: Wie war die DDR?

Weder in Hannover noch am Brandenburger Tor fanden sich darauf Antworten. Partyspiele, Würstchenbuden und Dauerbesäufnis entsprechen jedenfalls nur bedingt dem dortigen Leben. Am Tag der Deutschen Einheit kann man durch Deutschland wandeln und entdeckt meist nur dieses eine einheitliche Bild. Es tröstet nicht, dass für den 9. November mehr Pomp zu erwarten ist. Mehr staatstragende Reden, mehr Symbolik und danach das kollektive Besäufnis ins Nichts hinein. Also mehr vom Gleichen mit zuvor inszenierter Zurückhaltung.

© Marco HerackVon Ost nach West durchs Tor hindurch, in die heile Welt der sinnlosen Unterhaltung

Wie kollektiv dieses Nicht-Erlebnis ist, lässt sich auch in der Berichterstattung der Medien erfühlen. Dort finden sich gerade Mauer-Anekdoten en masse. Sei es ein seinerzeit von der Mauer geteiltes 50-Seelen Dorf, Vorher-Nachher-Bilder von Mauerabschnitten oder wie jemand die Mauer zur Geschäftsidee machte. Solcherlei erfahren wir recht unkompliziert. Inspiriert von verschiedenen sehr erfolgreichen historischen Twitter-Accounts, wird mancherorts auch ein Blog mit Meldungen von vor 25 Jahren gefüllt. Die Überschriften sind reißerisch, die Inhalte können es nicht mehr sein. Dennoch kommen sie um 25 Jahre Live-verzögert. Dazwischen taucht immer wieder Bundespräsident Joachim Gauck auf und ruft: „Die DDR war ein Unrechtsstaat!“. Er wirkt wie ein Springkasper, den man nicht wirklich ernst nehmen kann und sei es nur wegen der Umgebung, in der er stattfindet.

So einseitig wie die hier geführte Darstellung bis zu diesem Punkt ist, ist die Realität natürlich nicht. Das Bild hat einen kleinen Schönheitsfehler. Es entstand aus der Beobachtung westlich geprägter Medienhäuser und Veranstaltungen. Die Betrachtung ist ebenso unvollständig wie dennoch kein Zerrbild.

Zum Verständnis dieser Funktionsweise hilft ein Blick in die Sexualforschung.

Bei einer Untersuchung der Wissenschaftler Kurt Starke und Ulrich Clement im Jahre 1988, gaben ostdeutsche Studentinnen an, mehr Orgasmen zu bekommen als ihre westdeutschen Pendants. Nachdem die Bildzeitung 1990 auf diese Erkenntnis stieß, machte sie daraus „Ostdeutsche Frauen bekommen öfter einen Orgasmus“ und begründete damit vermutlich die allgegenwärtige Annahme, dass die Ossis ein besseres Sexleben haben als die Wessis.[2] Helena Wittlich weiß dies noch mit der Google Suchfunktion zu kombinieren, die ihr Übriges zur Mythenbildung beiträgt.

Das heißt auch die Funktionsweisen die uns „das Internet“ zur Verfügung stellt, müssen als Verstärker für die Starken gedacht werden. Durch Verkürzung und selbstreferenzielle Aufmerksamkeitsschleifen bildet sich eine allgegenwärtige Annahme, die über Jahrzehnte in der Öffentlichkeit bestand hat, selbst wenn es ernsthaften wissenschaftlichen Widerspruch zu ihr gibt.

© Marco HerackMauerbau (Ausstellung 25 Jahre Mauerfall in den Potsdamer Platz Arkaden)

Im Osten nichts Neues

Ein Blick in die Medienlandschaft Ostdeutschlands offenbart ein sehr gegensätzliches Konzept des Umgangs mit der DDR. Zwei im Alltag wirkungsrelevante Protagonisten lassen sich erkennen. Zum einen der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und zum anderen die SUPERIllu.

Der MDR ist das ZDF des Ostens. Mit dem Unterschied, dass es eher weniger Reportagen und Dokumentationen über Hitler zu sehen gibt. Dafür jedoch ihre Entsprechungen in Bezug auf die DDR. Honecker und das Alltagsleben in der Deutschen Demokratischen Republik finden sich auf diesem Wege in einer Art Endlosschleife in den ostdeutschen Wohnzimmern ein. Aber der MDR beschäftigt sich auch mit den Menschen. Er berichtet nicht nur in Anekdoten. Er abstrahiert das reale Leben nicht ausschließlich zu etwas Konsumierbarem, mit dem sich der Zuschauer unterhält. Er fördert in seinen guten Momenten die zwischenmenschliche Auseinandersetzung.

Ein ähnliches Konzept findet sich in der SUPERIllu. Immer wieder eingestreute Reportagen über das Alltagsleben in der DDR stehen neben Gossip über (bevorzugt) Prominente aus den neuen Ländern. Es wird das „Mosaik“, ein real existierendes ex-DDR Comic-Magazin, auf einer eigenen Seite gepflegt und den Menschen werden Hilfestellungen für den Alltag geliefert. Das Boulevard-Magazin hat sich im Lauf der Jahre zu einer ostdeutschen Plattform entwickelt, auf der die Menschen stattfinden und die Raum für Zwischenmenschliches bietet. Ein Konzept, das finanziell betrachtet vor allem Offline funktioniert, denn die Internetseite hat offensichtlich wenig Interessantes zu bieten.

So groß der Einfluss dieser beiden Plattformen im Osten auch sein mag. Im Westen finden sie nur wenig statt. Rund drei Millionen Leser der SUPERIllu in Ostdeutschland sind kein Pfund, mit dem sich eine gesamtdeutsche Debatte inszenieren ließe. Es finden sich immer wieder Ansätze und auch ausschweifende Aufbereitungen verschiedener ostdeutscher Debatten. Sie erreichen nur keinen Resonanzraum. Denn die Hoheit über die gesamtdeutschen Debatten haben bis heute die westdeutschen Meinungsbilder inne. „Von ihnen aus wird gedacht, geredet, gehandelt und beurteilt.“[3] Da sprechen die Sieger und wundern sich über die Mauer in den Köpfen.

„Wie geht’s uns denn heute?“

Holger Klein fragt diese Frage am Ende jeder Folge der „Wrintheit“. Einem Podcasts mit Alexandra Tobor. Eine scheinbar banale Frage, deren Beantwortung nicht immer zu angenehmen Antworten führt. Doch die Frage stellt das Gegenüber in den Mittelpunkt. Sie weist ein Interesse auf, das über die Anekdoten des Lebens hinausgeht und sich mit den Befindlichkeiten beschäftigt. Es geht um den Menschen als Form des Seins und das gegenseitige Interesse an diesem Sein. Oder wie Bundestagspräsident Norbert Lammert es in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit formulierte:

Gelebtes Leben geht weder in Anekdoten auf noch in wie gut auch immer recherchierten Reportagen, es will erzählt werden, wenn es verstanden werden soll.

25 Jahre nach dem Mauerfall ist es überfällig, die kleinen Fragen an „die Ostdeutschen“ zu stellen. Wie geht es Euch? Was macht ihr? Was waren eure Erwartungen an die Einheit? Was davon hat sich erfüllt und was nicht? Warum?

Nicht „der Unrechtsstaat“ ist das Problem oder ein zu behandelndes Thema. Es ist nicht strittig, dass eine Diktatur Unrecht produziert. Dennoch lebten in dieser Diktatur Menschen ein Leben für das sie ebenso Anerkennung brauchen wie eine Plattform. Bis heute hat sich das nicht geändert, auch wenn man glaubt, dass die Ostdeutschen besseren Sex haben als die Westdeutschen.

 

—————————–

[1] Ein Unrechtsstaat ist ein Staat mit dem sich die Wostkinder nicht befassen, da er der politischen Theorie fremd ist. Der Begriff ist politische Propaganda und erfüllt sicher seinen Zweck. Allerdings nicht für jene, die „nur“ verstehen wollen und denen Dogmen egal sind.

[2] Dieser Absatz bezieht sich auf einen wundervollen Artikel von Helena Wittlich, der ans Herz gelegt sei.

[3] Befund des Soziologen Raj Kollmorgen. Rezitiert aus dem in der Fußnote zwei verlinkten Artikel.

 

Liebe Leserinnen,
Liebe Leser,

für alltägliches können Sie dem Autor auf Twitter folgen.

Die Wostkinder finden sie ebenfalls auf Twitter sowie auf App.net. Bleiben sie informiert, in dem sie uns auf Facebook liken oder in Google+ Ihren Kreisen hinzufügen. Alle Podcasts werden zudem auch auf unserem Youtube-Kanal veröffentlicht.

0