Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

„Social Freezing“ in Osteuropa

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In Bulgarien sind Kinder ein Luxusgut geworden, in Silicon Valley lässt man ihre Entstehung für 10.000 Dollar einfrieren. Ein Paradebeispiel für Ost-West-Disparitäten.

Social Freezing ist der neue heiße, oder besser kalte Scheiß aus Silicon Valley. Soziale Probleme mit Technik lösen war ja schon immer eine besonders tolle Idee. Ich erinnere mich nur an die App „iSchatz“, die uns dabei hilft, unsere Beziehung zu managen. Bei Social Freezing nun geht es darum, Dilemmata der westlichen Frau zu lösen: Gerade dann, wenn ihre Karriere so richtig in Fahrt kommen sollte, gerade dann, wenn Studium und Praktika hinter ihr liegen und das erste Unternehmen sie angestellt hat, wäre eigentlich die beste Zeit, um Kinder zu bekommen. Doch Kinder stören. Immer. Sie sind etwa ein Jahr lang völlig unbeholfen, da sie nicht einmal laufen können. In diesem ersten Jahr wachen sie auch sehr gerne mitten in der Nacht auf, schreien, lassen sich zwischen 3 und 5 Uhr nicht mehr beruhigen. Wenn sie das nicht tun, ist ihre morgendliche Aufwachzeit 5 Uhr und sie werden lauthals dafür sorgen, dass es die Zeit *aller* Familienmitglieder wird, um den Tag zu beginnen. In den darauffolgenden zwei Jahren, also zwischen ein und drei Jahren, wird man sie vielleicht schon in eine Kita geben. Aber die gesündeste Zeit eines Menschen sind die Jahre zwischen dem dritten und dem neunten Geburtstag, rein statistisch gesehen. Vor dem Dritten wird das Immunsystem ausgebildet, mit allen Keimen, die eine Kita zur Verfügung stellt. Es ist die Zeit, in der auch Eltern oft ihre Immunsysteme neu justieren. Kurz: Nennen wir die ersten drei Jahre im Leben eines Kindes diejenigen, die nicht am geeignetsten sind, um sich 100-prozentig für den geilen heißen Job im Silicon Valley aufzuopfern. Und auch anderswo wird es schwierig. Eltern haben einfach als Humankapital einen Kratzer – rein kapitalistisch betrachtet.

© Eugene Ermolovich (CRMI) CC-BY-SA 3.0 

Je älter aber eine Frau wird, desto wahrscheinlicher werden Probleme und Krankheiten bei einer Schwangerschaft, desto größer das Risiko für das Kind. Die Eizellen sind ja schon seit Beginn ihres Lebens im Bauch einer Frau. Ich will jetzt nicht von faulen Eiern anfangen, aber es gibt einen Interessenskonflikt zwischen Natur und wirtschaftlicher Einsatzbereitschaft der Frau. Und Social Freezing soll es richten: Facebook und Apple kündigten einem Bericht des Wall Street Journal zufolge an, mit bis zu 10.000 Dollar zu unterstützen, wenn die Eizellen ihrer Mitarbeiterinnen eingefroren werden. Mit bis zu 20.000 Dollar gar, wenn eine Leihmutterschaft mit allem Drum und Dran organisiert werden müsse! Die Idee: So lange die Eizellen noch frisch und duftend sind, einfrieren und konservieren und dann später, wenn die Frau nicht mehr frisch und duftend ist, befruchten, einpflanzen und sie zur Mutter machen. Somit ließe sich Mutterschaft locker auf jenseits der Vierzig verschieben und endlich hätten die Firmen im Silicon Valley einen höheren Frauenanteil, denn die jungen Mütter würden nicht immer für Jahre ausfallen – das passiert nun eben erst in zehn Jahren.

So sehen sie aus: Die Probleme und Hindernisse rund um das Kinderkriegen im Westen. In Deutschland wurde die Idee mit einiger Empörung aufgenommen. Doch die dahinterstehenden Probleme der Frauen sind, wie Antonia Baum in der heutigen FAS darlegt, die gleichen.

© Vesco Valev CC BY 2.5Das ist nicht die Festung Europa, sondern die Festung in Schumen.

Am vergangenen Wochenende war ich zu Gast in der Theaterperformance „Wir sind der Müll aus Osteuropa“ im Studio R des Maxim-Gorki-Theaters. Boryana Peneva, Ina Georgiva, Milko Yovchev, Irina Andreeva, Blagoi Boychev, Toni Karabashev und Ivailo Dragiev haben eine der persönlichsten Stücke aufgeführt, die ich je gesehen habe, so intim, dass ich mich frage, ob das Wort “Stück” überhaupt angemessen ist, ebenso wie das Wort “aufgeführt”. Zu Beginn werden die Zuschauer auf eine Reise ins Dunkel mitgenommen: Man schließt auf Anordnung die Augen und wird von den Schauspielerinnen in den Studio-Raum geführt. Dort drin sitzt man so nah an der Wand, vor der die Künstlerinnen ihre Geschichten erzählen, dass man den steifen Nacken schon antizipiert. Alles ist auf maximale Nähe ausgelegt und dann legt Boryana Peneva los: Sie zeigt den Inhalt ihres Kühlschrankes, erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Schumen, von Träumen und Realitäten und von Zukunftsängsten. Ihr Mann Milko sitzt hinter dem Publikum, manchmal unterbricht er sie und ergänzt. Die beiden haben zusammen ein Kind, ein kleines Mädchen, Ida, anderthalb Jahre alt. Es betritt die Bühne, die Eltern erklären, es hätte immer so viel Spaß auf der Bühne, das Publikum ist irritiert. Wir sind ohnehin alle so oft so irritiert und hilflos angesichts dieser distanzlosen Eindrücke, dass manche auf ihren Sitzen zappelig werden, andere lachen laut, wenn es komplett unangemessen ist. Lachen laut, wenn im zweiten Teil der Show, nach einer neuerlichen Reise, diesmal sind wir als bulgarische Exilanten in Westeuropa, die Familie zusammen mit dem Töchterchen eine live-Skype-Anruf in der Heimat macht, bei den Großeltern der Kleinen. Alle sind außer sich, die Großeltern sagen immer wieder „Ida! Ida“ und winken und man fühlt sich voyeuristisch und weiß nicht, ob man hingucken, weggucken oder was man überhaupt tun soll. Als die Skype-Verbindung am Ende von vielen Emotionen getrennt wird, bricht Ida in Tränen aus und schreit ihr Entsetzen in den Saal, so dass sie rausgebracht werden muss.

© Public Domain 

Ivailo Dragiev erzählt von seinem nicht geborenen Kind. Er hätte gerne eines, am liebsten eine Tochter. Doch die Zustände erlauben es ihm nicht: Er arbeitet an mehreren Theatern, sein Einkommen als Schauspieler reicht kaum, um ihn selbst zu ernähren. Er würde gerne ein Kind in diese Welt setzen, aber nicht in dieses Bulgarien. Wo er Angst hat, dass es an der Schule mit Drogendealern, Spritzen und betrunkenen Bettlern konfrontiert wird. Wo er Angst hat, dass er ihm nicht einmal einen ordentlichen Anorak für den Winter kaufen kann. Wo er Angst hat, ihm keine Zukunft bieten zu können, nur Angst kann er bieten. Also versagt er sich ein Kind, er friert den Wunsch danach in seinem Herzen ein. Denn es geht nicht, es funktioniert nicht, er kann es nicht unterhalten, kann es nicht anziehen, kann es nicht vor dem Elend schützen, das um ihn herum ist. In Sofia ernähren sich nicht wenige Menschen von dem Müll, den sie auf den Straßen finden. Social Freezing braucht in Bulgarien keine 10.000 Dollar teure Technik. Social Freezing bedeutet für viele im Osten, ihre Familienpläne zu beerdigen, weil die soziale Sicherheit nicht existiert. 10.000 Dollar in ihren Händen würden bedeuten, dass sie sofort mit Leben anfangen könnten, keiner würde auf die Idee kommen, den Wunsch auch nur ein Jahr nach hinten zu schieben.

„Das ist sehr invasiv“, befand Marco, mit dem ich das Stück ansah, in der Pause. Er war geschlaucht davon. Ungefragt hatten wir intimste Details präsentiert bekommen: Familienfotos aus Bulgarien, eine Musikperformance auf einem Instrument, das von einer vermutlich bettelarmen Frau aus Müll selbst gebaut worden war, intime Geschichten eines Bettlers aus Bulgarien, den Inhalt einer Babywindel. All das sollte „Müll“ symbolisieren. Müll, den man in Westeuropa wegignoriert, wie das Schlachtfeld aus Likörflaschen und Essenspappen rund um den S-Bahnhof Ostkreuz am Sonntagmorgen. Wird schon jemand wegräumen, wird sich schon jemand drum kümmern. Wir leben doch in einem ordentlichen Staat, hier gibt es Bürokratie, Gesetze, Regeln und irgendjemand wird sich dann auch um den Müll aus Osteuropa kümmern. Hauptsache nicht wir.

© Keith Evans CC BY SA 2.0 

Bulgarien ist in der EU. In der DDR war das Land ein beliebtes Urlaubsziel. Bevor ich auf die Welt kam, hatten meine Eltern einen romantischen Urlaub verbracht. Heute lesen wir davon in der Zeitung nur, weil gewisse Bayern Angst davor haben, von den Einwanderern aus diesem Land überrannt und ausgebeutet zu werden. Auch im Studio R des Gorki lief in der Pause Camerons Rede in Dauerschleife, in der er sagte:

“Ending the ‘something for nothing’ culture is something that needs to apply in the immigration system as well as in the welfare system. So, by the end of this year and before the controls on Bulgarians and Romanians are lifted, we are going to strengthen the test that determines which migrants can access benefits.”

Etwas für nichts. Für nichts! So denken westliche Europäer: Eine jüngere Studie zeigte, dass die Briten es zu 52 Prozent wichtig und richtig finden, dass sie überall in der EU leben und arbeiten können sollten. Aber 46 Prozent halten es für falsch, dass andere EU-Bürger in Großbritannien leben und arbeiten dürfen sollen. ¯\_(ツ)_/¯ Sie merken es selbst nicht. Klar: Wer wöllte schon in Bulgarien leben und arbeiten? Irina Andreeva wollte. Sie ist eine sehr talentierte Schauspielerin. Sie hatte Angebote aus Italien, hätte dort leben und arbeiten können und dafür sprachen nicht nur das gute italienische Essen und die Musik. Ihr Herz entschied sich, in Sofia zu bleiben, doch als Schauspielerin kann sie dort nicht leben. Sie putzte nebenher in einem Fitnessstudio, was sie im Studio R erzählt, während sie einen in Seifenwasser getränkten Wischmop herumschwingt. Warum hat sie das getan? Warum dort bleiben? Aus dem gleichen Grund, aus dem auch Ivailo Dragiev seinen Kinderwunsch nur verschieben, nicht komplett aufgeben will: Sie alle wollen ein anderes Bulgarien, sie wollen es verändern, sie wollen nicht aufgeben. Wer nicht kämpft hat schon verloren. Doch sie werden es schwer haben, denn die Stimmung gegenüber ihrer Heimat und gegenüber Menschen wie ihnen ist im Westen nicht gerade heiter.

Europa ist eben keine Solidargemeinschaft, sondern ein pragmatischer Zusammenschluss von egoistischen Playern. Was interessiert uns Bulgarien? Oder Rumnänien? Nun: Immerhin gibt es dort ein großes Repertoire an Leihmüttern.

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6 Lesermeinungen

  1. Pingback: Social Freezing – sowohl als auch – Katrin Roenicke

  2. Danke für den Artikel
    Der letzte Satz hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Was daran liegen mag, dass ich selbst schwanger bin, da ist man ja etwas näher am Wasser gebaut.
    Und natürlich fallen einem auch die gelegentlich im dlf gesendeten Berichte ein über die Mütter, die ihre Kinder in Rumänien zurücklassen (bei der Oma, oder, wenns keine hat, eben allein), um hier genug Geld zu verdienen, das sie dann heimschicken. An unsere Pflegemisere, die wir mit osteuropäischen Pflegefachkräften lindern, die 14 Tage rund um die Uhr unsere alten Verwandten betreuen und die nächsten 10 Tage dann ihre eigenen jungen Verwandten sehen können. Das geht nur, solang die billig bleiben.
    Lieber Herr Haupts: ich kenne die bulgarische und rumänische Geschichte nicht besonders gut, schon gar nicht deren Teil vor 1945. Aber selbst als Nicht-Occupy-Anhängerin und Profiteurin der bestehenden Verhältnisse sehe ich eines ganz klar: Das größte Interesse an der Aufrechterhaltung des West-Ost-Gefälles haben nicht die Bulgaren, nicht die Rumänen, sondern der Westen.

    Der Kaffee ist jetzt billig, denn das afrikanische Land gehört Investoren. Das wäre also erledigt.
    Leihmütter und Altenpfleger aus Osteuropa, die zur Herstellung und Betreuung der Langsamen und Nicht-Leister der Leistungsgesellschaft herangezogen werden: Das ist Kolonialismus 21.

  3. Kinderwunsch
    Kinder sind in Bulgarien kein Luxus geworden. Ich lebe seit Jahren in Bulgarien und meine Freundin ist Pädagogin in einem Kindergarten. Die Vorstellungen der Verfasserin vom Einklang von Beruf und Kinder wunsch hätten in der DDR eine schöne Heimat gehabt. Warum ist sie nicht damit zu recht gekommen?
    Kinder gibt es überall auf der Erde, wo Menschen leben. Soziale Sicherheit allerdings nicht. Vielleicht ist das ein spezifischer Luxus in der BRD?

  4. Es ist die andere Hälfte
    „Eine jüngere Studie zeigte, dass die Briten es zu 52 Prozent wichtig und richtig finden, dass sie überall in der EU leben und arbeiten können sollten. Aber 46 Prozent halten es für falsch, dass andere EU-Bürger in Großbritannien leben und arbeiten dürfen sollen.“

    Das wären dann sechs Prozent der Befragten die sich ihrer Schizophrenie hergeben, was, wenn man eine mögliche Ungenauigkeit von 3%-5% in Betracht zieht, sehr wenige sind.

    Der Artikel hat mich aber neugierig auf das Theaterstück gemacht, Danke dafür.

  5. Kann sein dass wir alle kaltherzige Egoisten sind. Und Europa ein Zweckbündnis.
    Immerhin – solte es in Bulgarien oder Rumänien das erste Mal in deren Nationalgeschichte so etwas geben, wie rechtsstaatliche Verhältnisse, dann verdanken deren Bürger das diesem kaltherzigen Europa. Mit dessen eiskaltem Beharren auf Regeln, die für alle gelten. Vielleicht wäre das auch mit Warmherzigkeit zu schaffen. Es ist nur nach einem Blick in die Geschichtsbücher sehr, sehr unwahrscheinlich.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Jammern und beschweren ist halt leichter...
      Es gibt in diesem Land viel zu viele, die dem Rest vorschreiben wollen was richtig ist und was falsch. Und zwar stets ex-Kathedra….

      Wer hinschaut und zur Kenntnis nimmt, wie ein Grossteil des Nachwuchses in DE aufwachsen muss und „erzogen“ wird, der kann kein Problem mit 45 jährigen Gebährenden haben, die dabei dann wenigstens keine materielle Probleme haben. Möglicherweise, ich seh es ja selber so, nicht ideal für die Kleinen, aber immer noch besser als im rumänischen oder bulgarischen „Rechtsstaat“ bei junger Mutter aufwachsen zu müssen.

      Nur… letzteres ist halt politisch korrekter….

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