Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Die Rückkehr der deutschen Ideologie

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Die Fehler der deutschen Einheit sind mannigfaltig. Einer heißt Helmut Kohl, ein anderer Europa und auch das ist nur die halbe Wahrheit.

Die mediale Inszenierung des 25jährigen Jubiläums des Mauerfalls bleibt stinklangweilig. Wer Zeitungen, ob nun Online oder Print, nicht erst seit gestern liest, kann gar nicht anders, als im Vornherein zu wissen, was als nächstes Folgt. Das Schema F wird abgespult. Erst werden die Mauerkinder des Ostens in die Öffentlichkeit gezerrt um ihre Ansprüche und Forderungen zu präsentieren, dann zerredet ein Mauerkind aus dem Westen das Thema. Nebenher wird die geneigte Leserin mit ein paar historischen Allerweltsdaten gefüttert, mit Theorien des Bundespräsidenten belästigt und am Ende fühlen sich alle in ihrem Weltbild bestätigt. Eine gute Methode, um in fünf, zehn und fünfzehn Jahren das gleiche Spiel wiederholen zu können. Über die sonstige Einfallslosigkeit habe ich mich bereits ausgelassen. Es bleibt schrecklich, denn es fehlt bei all dem die Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem Spiegelbild.

Das Land war nie genug

Im Berliner Buchladenkinderwunderland Dussmann gibt es seit längerem eine DDR-Ecke. Zu Jubiläen wird diese vermehrt mit Neuerscheinungen befüllt, ansonsten herrscht ein seltsamer Stillstand. Dabei zeigen die Titel, deren Veröffentlichung das Mauerjubiläum ermöglichte, dass ein Gesprächsbedarf vorhanden ist, der über das Autobiographische hinausgeht. Seien es die ehemaligen Unternehmenslenker in der DDR, die darüber philosophieren, dass die Wirtschaft keineswegs am Ende war. Das Bauchpinseltum über den Osten als Gefühl oder die immerwährenden Fragen nach dem dritten Weg. Was nicht neu klingt, lässt eine ganze Generation nicht los. In dem Wissen, den Lauf der Geschichte nicht mehr ändern zu können, will sie die Optionen wenigstens für die Nachwelt archiviert wissen.

Nicht der schlechteste Weg, wenn die Archive denn bemüht würden. Im Feuilleton dieser Zeitung fand von 1988 bis 1990 beispielsweise eine sehr lebendige Debatte darüber statt, wie es mit der BRD, der DDR oder auch dem gesamten Deutschland weitergehen solle. Herausgegeben von Frank Schirrmacher, wurden die wichtigsten Artikel in ein Buch gepresst, das unter dem schönen Titel „Im Osten erwacht die Geschichte“ zu finden ist[1]. Schon damals herrschte die Weitsicht, dass der Osten nicht nur der Osten Deutschlands ist. Der Diskurs über den Osten Europas bekam mit rund 80 von 235 Seiten einen nicht unerheblichen Raum. Das ist insofern bemerkenswert, als dass dieser Raum heute als so selbstverständlich zu Europa gehörig gilt, dass sich lange Zeit niemand so richtig um ihn zu bemühen wusste. Wie in einer Ehe, lebte man nebeneinander her.

Bundesarchiv Bild 183-1990-1003-400, Berlin, deutsche Vereinigung, vor dem ReichstagBundesarchiv, Bild 183-1990-1003-400 / Grimm, Peer / CC-BY-SA-3.0-de, via Wikimedia Commons
Vielleicht sollte ich das Griechenland nicht unterstellen. Die Aussage gilt aber zumindest für Deutschland, das sich mit der deutschen Einheit der Vereinigung Europas gewidmet hat. Eine ebenso sonderbare wie auch bequeme Methode, für nichts die Verantwortung zu übernehmen. Man regelte die innerdeutschen Angelegenheiten einfach mit Geld und widmete sich ansonsten dem geostrategischen Ganzen. Das soll nun nicht die vom Westen erbrachte finanzielle Leistung hinter der Wiedervereinigung schmälern, doch scheint das Kalkül nie dergestalt gewesen zu sein, dass die deutsche Frage als deutsche Frage geklärt wird. Vielmehr nahm man sie als Hebel um die europäische Frage zu stellen und deren Ausbreitung voranzutreiben.

In diesem Vorgehen sind viele Probleme veranlagt, die dem nun als EU zusammengeschlossenen Europa mittlerweile auf die Füße gefallen sind. Zuvorderst die deutsche Frage selbst, denn das Streben nach Vereinigung, einhergehend mit einer Hinwendung nach Europa, führte in Bezug auf die neuen Bundesländer zu einem reinen Verwaltungsakt. Die DDR wurde ebenso abgewickelt wie die Neubürger assimiliert oder noch nicht nett formuliert, integriert. Die Menschen wurden als Westdeutsche behandelt und gewertet ohne jemals eine Form von innerdeutscher Bindung oder gar Selbstfindung stattfinden zu lassen. Für Diskussionen um eine deutsche Leitkultur reichte es den Konservativen immer, doch niemals für die Frage, ob das wiedervereinigte Deutschland nicht ein ganz anderes ist, als es die ehemalige BRD jemals war.

Es ist nicht zu leugnen, dass diese Frage aus der Angst der westdeutschen Bündnispartner weggewischt wurde, denn sie hätte zu einem (noch) stärkeren Deutschland führen können. Die Implikation für Europa war dadurch aber auch ein Europa um Europas Willen. Das heißt, ein stark expandierendes, supranationales Gebilde, das sich um seine Konstituierung und Vergrößerung kümmert, nicht aber um sein Zusammenwachsen. Wenn Helmut Kohl sich heute hinstellt und darüber schimpft, dass die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder die Aufnahme Griechenlands in den Euro zuließ, dann ist dieser „Fehler“ in seinem vorherigen Handeln bereits veranlagt gewesen. Eine Großmannssucht, für die der Nationalstaat nur eine unnötige Hürde darstellte.

© Katrin RönickeDer Deutsche und seine friedliche Revolution.

Wer bist du?

Durch die Artikel dieses Blogs zieht sich die Beobachtung eines politischen Handelns, das die Bürger nicht mit auf den Weg nimmt. Zuviel in der Politik wird in größeren Rahmen gedacht und diese nach unten hin nur noch als Handlungszwänge verkauft. Als pragmatische Politik, die sich an dem Machbaren orientiert. Nur ergibt sich dieses Machbare seit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ überwiegend aus politischen und nicht mehr ideologischen Zwängen, die aus rein wirtschaftlicher Konkurrenz zu anderen Staaten entsteht. Denn mit diesen Staaten wähnte man sich so sehr in einer Systemkongruenz, dass die ideologischen Fragen keine Rolle mehr spielten. Der Erfolg oder das Versagen eines Landes definierte sich in den politischen Köpfen allein durch die richtige ökonomische Positionierung des Nationalstaates.

Es greift in diesem Sinne zu kurz, seitens der Linken aller Farben, den Neoliberalismus zu brandmarken, denn dieser ist nur der umgesetzte Ausdruck einer weitreichenderen Fehlannahme (Systemkongruenz). Momentan befinden wir uns in einer Phase, in der sichtbar wird, wie stark die Unterschiede wirklich sind und wie sie sich verfestigen. Sei es die gelenkte Demokratie von Putin, die immer mehr zur Diktatur umgebaut wird, sei es der kapitalistische Sozialismus in China oder das Scheitern der Demokratisierungsversuche in Ägypten. Es kehrt zurück was war, neudeutsch Backlash. Und die Aufgabe ist nicht einmal, das zu verhindern, denn es ist eine normale Korrektur menschlicher Progression. Vielmehr geht es darum die eigene Ideologie neu zu entdecken, zu finden, und als Abgrenzung gegenüber dem zu formulieren, was man nicht möchte.

Ein Ding der Unmöglichkeit für ein Deutschland[2], das sich nicht um seine Menschen kümmerte und stattdessen in Europa erschöpfte. Es kennt sich selbst in beiden Sphären nicht, handelt aber in ihnen.

 

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[1] Es ist nicht uninteressant, sich die einstige Debatte vor Augen zu führen. Eine Randbeobachtung: Der damaligen „friedlichen Revolution“ wurde zugeschrieben, dass sie ohne das Fernsehen niemals hätte stattfinden können. Erst die von Fernsehkameras geschaffene Weltöffentlichkeit soll den panoptisch befriedeten Raum geschaffen haben, in dem die DDR-Bürger dann hineinhandelten und Geschichte schrieben. Vom Fernsehen will heute niemand mehr etwas wissen. Stattdessen wird die Facebook- und Twitterrevolution beschworen, die der momentane Zeitgeist als treibende Kraft hinter jedem Volksaufstand vermutet. Die Diskussionsschleife sucht sich neue Worte und simuliert dabei eine Art von Evolution. Dass Handeln der Ursprung allen Tuns ist, vergisst sie bis heute.

[2] Zweifelsohne ist Angela Merkel die passende Kanzlerin für dieses Land. Sie lebt die Problematik mit jeder Faser ihres politischen Wirkens.

 

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3 Lesermeinungen

  1. Das Handeln ist Ursprung des Tuns
    Die Dotter im Eiweiß des Huhns

  2. Kennen Sie "Desiderata"?
    Der letzte Abschnitt:
    Und ob es Dir nun bewusst ist oder nicht;
    zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen.
    Darum lebe in Frieden mit Gott, 
    was für eine Vorstellung Du auch von ihm hast
    und was immer Dein Mühen und Sehnen ist.

    In der lärmenden Wirrnis des Lebens 
    erhalte Dir den Frieden Deiner Seele.
    Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen
    ist diese Welt doch wunderschön.

    Strebe behutsam danach, glücklich zu sein.

    …den Frieden der Seele erhalten und behutsam streben…
    mein Lebensleitfaden…die gesamte Desiderata. Eine DIN-A4 Seite reicht für’s ganze Leben.
    Der „richtige“ Abstand zur Gesellschaft ist der Seelenfrieden erhaltende.
    Das „richtige“ Streben ist das behutsame Streben, sich bemühend wahrnehmen.
    Die „richtige“ Lebensgeschwindigkeit ergibt sich aus Beachtung des Ganzen.

    …das Universum entfaltet sich wie vorgesehen…benötigt keine Ideologien und Helden.
    Auch die Wiedervereinigung war vorgesehen und ihre integrative Synthese braucht Reifezeit.
    Wer dem Reifeweg Zeit gibt, muß nicht ständig alles ausdiskutieren bis zum Exzess.
    Die Seele dankt den behutsamen Umgang mit ihr, mit „selbstgefundenem“ Frieden.

    Warum schreibe ich Ihnen das alles. Weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann,
    daß Sie Ihren Seelenfrieden ausschließlich vom Gesellschaftsgeschehen „abhängig“ machen.
    Ich kann mich auch täuschen, denn ich kenne nur Ihre Beiträge…dann „löschen“:=)

    • es ist vielmehr
      ein verhandeln zwischen mir und der welt. ein statusupdate, ohne ergebnis. aber die basis wurde gelegt.

      mfg
      mh

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