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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Denken Sie noch in Ossis und Wessis?

| 10 Lesermeinungen

Am 07.11. war ich zu Gast beim rbb Kulturradio, um im „Hörerstreit“ zu der Frage, ob man sich noch als „Ossis“ und „Wessis“ sehe, eine Art „Expertinnenmeinung“ einzubringen. Schon als die Anfrage dafür bei mir reinflatterte, bekam ich ein bisschen Schiss. Man möchte nichts Falsches sagen, die Frage ist brisant. Sagt man „Ja, ich sehe mich als Ossi“, dann impliziert man eine alte Grenze – die sogenannte Mauer im Kopf – und zeigt, wie sehr man in der Vergangenheit hängengeblieben ist. Beantwortet man die Frage mit „nein, ich empfinde mich als Deutsche/Europäerin oder gar Weltbürgerin! Alles andere ist doch Blödsinn!“, dann zeigt man eine gewisse Ignoranz, auch Arroganz gegenüber der Geschichte und fast schon eine Art kapitalistischen Opportunismus, zumindest, wenn man als Ostdeutsche so antwortet und so denkt. Oder nicht?

Immer, wenn der 03.10 oder 09.11. naht, kommt wieder diese alte deutsche Frage: Denken wir immer noch in Ost und West, oder haben wir es endlich einmal geschafft, uns von dieser alten Dichotomie zu lösen? Es gibt da zwei neue Fronten: Nach dem Ende des Kalten Krieges teilen sich die Menschen in jene, die unbedingt und ganz viel daran ermahnen wollen, dass „der Osten“ und „der Westen“ unterschiedlicher nicht sein könnten und dass noch längst nicht alles gut sei und dass es Lohngefälle und wirtschaftliche Benachteiligungen gibt. Und dann gibt es auf der anderen Seite jene, die sich erhaben fühlen, indem sie postulieren, dass man nach vorne zu blicken habe, dass es nichts nütze, den Jammer-Ossi oder –Wessi zu mimen, dass man nun endlich davon loszukommen habe, in den alten Mustern zu denken und sie immer wieder aufzurufen. Zwischen beiden Seiten liegen oft Gräben. Verständnis ist selten. Verachtung, Lächerlichmachen und Abgrenzen sind die Methoden, die anderen zu betrachten. Außer bei Jubiläen, da muss man nett lächeln.

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Dabei ist die Frage auf welcher Seite man steht, eine ganz individuelle Geschichte. Es ist eine Frage der Überwindung und der Überwindungsfähigkeit: Konnte man in den vergangenen 25 Jahren einen Weg finden, das eigene Leben zu leben, sich selbst zu verwirklichen? Oder hängen einem die Erfahrungen und die eigene Geschichte so sehr an, dass sie behindernd wirken, dass sie einfach nicht zulassen, weiterzumachen und zu leben, als sei nie etwas gewesen? Da gibt es den ehemaligen Stasi-IM oder –OIBE, der heute stigmatisiert lebt und nur hoffen kann, dass niemand in seiner Vergangenheit wühlen wird. Oder schlimmer: Der aufgrund von Offenlegung der eigenen Geschichte längst am Rande der Gesellschaft steht und dessen Hoffnung auf Integration, so vielbenutzt das Wort heutzutage auch sein mag, gegen Null gehen. Und auf der anderen Seite steht der junge dynamische und anpassungsfähige Ossi, dessen Stern seit 1990 im Steigen begriffen ist, dem es so gut geht, wie niemals zuvor und der enorm davon profitiert, dass im neuen System mehr Wohlstand möglich ist.

So banal die Erkenntnis klingen mag: Manchen geht es gut mit der Wende und manchen geht es schlecht. Manche haben gewonnen und manche haben verloren. Und der Grad, wie sehr man an der alten Dichotomie festhält, hängt nicht selten davon ab, auf welcher Seite man nun steht. Jene, die sich bis heute als „Ossis“ sehen, halten daran fest, dass es eine Welt gab, in der zwar alle irgendwie wenig hatten, dafür aber gefühlt niemand zu wenig, um würdevoll zu leben. Halten fest an der Idee, dass nicht nur jeder seines eigenen Schicksals Schmied ist, sondern dass Gemeinschaft und Solidarität auch Werte an sich sind. Denen mag das ständige Gerede vom „Kollektiv“ auch auf den Keks gegangen sein, aber noch beunruhigender finden sie fast das ständige Gerede vom „Individuum“, denn sie fühlen sich allein. Allein gelassen und wenig wert in dieser neuen Gesellschaft.

Und weil sie das dann auch sagen, ernten sie Abwehr. Oder Häme. Man nennt sie undankbar und realitätsfern. Vor zehn Jahren, im Jahr 2004, irgendwann im Sommer, da brachte einer endlich mal auf den Punkt, was viele immer dachten und denken: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit“, sagte der damalige Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns, Harald Ringstorff. Seiner Meinung nach antworteten Ostdeutsche auf die Frage: „Wollt ihr, dass alle Menschen nur trockenes Brot bekommen, oder wollt ihr, dass alle Brot mit Margarine bekommen und einige sich zusätzlich Kaviar draufschmieren können?“: Trockenbrot bitte. Für alle. Ringstorff diagnostizierte: „Viele sehnen sich nach der Sicherheit zurück, die es in der DDR gab.“ Kristina Schröder griff diesen Satz gleich zu Beginn ihrer Dissertation über Gleichheit und Gerechtigkeit auf. In der sie dafür plädiert, den Gerechtigkeitsbegriff, den etwa der Philosoph John Rawls vertrete, abzulegen. Sie hält ihn nicht für hilfreich oder gar erstrebenswert., sie plädiert für Kaviar und dafür, dass sich die Menschen in einer Gesellschaft immer damit abzufinden hätten, dass es den nun einmal nicht für alle geben kann.

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Diese Herangehensweise würden viele „Ossis“ vermutlich als „typisch Wessis“ empfinden. Dabei hat die Frage nach der Spannung zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit zunächst mit dem Denken in Ost und West wenig zu tun. Sicher: Im Osten stand das mit der Gleichheit viel stärker im Vordergrund und ja es gab ein niedriges Niveau an Luxus, das dafür aber einigermaßen stabil für alle schien. Nur gab gab es das durch den Sozialstaat im Westen lange Zeit auch. Daniela Dahn hat einmal die These vertreten, dass der Wegfall der Sowjetunion und vorher das Ende der DDR auch den Wegfall eines Konkurrenzsystems bedeutet habe: Stets stand nebenan ein Nachbar, der dem kapitalistischem Westen zeigte, dass man die Gesellschaft auch anders denken kann, also musste man zeigen, dass „sozial“ auch im Kapitalismus geht.

„Kollektiv“ und „Solidarität“ mögen in der Polit-Sprache der DDR leere Worthülsen gewesen sein. Dennoch war „Zusammenhalt“ ein weit verbreitetes Phänomen im Osten. Eines, dessen Intensität bis heute nachgefühlt und dessen Verlust bis heute betrauert wird. Hans Joachim Maaz sagt in „Der Osten ist ein Gefühl“, einer Geschichtensammlung von Anja Goerz: „In der DDR konnte man gut bis sehr gut leben, wenn man Freunde und eine Familie hatte, man ist im Umgang miteinander viel offener und ehrlicher gewesen, an äußerer Fassade war man nicht so sehr interessiert. Man besprach miteinander Probleme, es ging aber meistens nicht um Reisen oder ein neues Auto.“ Ersteres „typisch Ost“ und letzteres „typisch West“. Ist sie das? Die Mauer in den Köpfen? Was ist nun also dran an solchen Erzählungen?

Als „Wostkind“ habe ich beide Welten kennen gelernt. Die „Ossis“ und die „Wessis“ waren meine Sandkastenfreunde, waren Kindergärtnerin, Onkels und Tanten, Lehrerinnen und Chefs. Und alle von ihnen haben manche Stereotype erfüllt und andere nicht. In meinem Freundeskreis gibt es zwei Ostfrauen, beide so alt wie ich, die unisono finden, ein West-Mann könne es für sie nicht werden. Zu konsumorientiert, zu wenig offen für das Soziale, für das Miteinander, das Spontane, das Improvisierte, das Bescheidene und so weiter. Es gibt eine Menge Implikationen mit „West-Mann“, auf jeden Fall aber, davon gehen viele aus, strebt er nach Kaviar. Das nervt. Diese Frauen sind keineswegs solche, die der DDR nachheulen. Auch ist es für sie keine Frage, dass der Staat damals eine Diktatur war, die Menschen gegeneinander ausspielte und ausspionierte, ihre Leben in einem Maße bestimmte, das übergriffig und falsch war, sie einsperrte und ihnen Angst machte. Und dennoch gibt es etwas, dass sie mitnehmen und mit hinüberretten wollen. Das ist kein „Gefühl“, sondern eine Erfahrung. Eine, die ihnen wichtig ist, ein Teil ihres Wertegerüsts, das sie nicht aufgeben wollen und das sie auch in einer kapitalistischen Welt für lebenswert und zentral halten. Sie lehnen in Wahrheit nicht den „Wessi“ ab, sondern die Ellenbogenmentalität, das Konsumverhalten und das Profitstreben, für das er steht.

Nur: Genau das lehnen auch viele viele „Wessis“, Europäerinnen und Weltbürgerinnen ab.

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10 Lesermeinungen

  1. Nachwehen der Wende
    Sehr geehrte Frau Rönicke,

    meinen Glückwunsch zu diesem Artikel. Er wird auch dadurch nicht geschmälert, dass Sie an einigen Stellen nicht wirklich bis zur letzten Kategorie gelangen. Das können Sie wahrscheinlich auch schon nicht mehr, denn die Geschichte und die Zeiten gehen ihren Weg. Große Anerkennung der FAZ, die diesem Thema so viel Raum einräumt, achtungsvoll auch bei den Diskussionsbeiträgen.
    Der amerikanische Botschafter in der Wendezeit sagte zum Zusammenwachsen des deutschen Volkes, dass es für diesen Vorgang vierzig Jahre benötigen würde. Wie die Generationenentwicklung und die Denkweisen zeigen, wird er mit dieser Voraussage wohl richtig gelegen haben. Vielleicht wäre es für die FAZ ein hochzuschätzendes Anliegen, auf einem speziellen Blog dieses Thema permanent zu betreiben. Sowohl der Artikel selbst, wie auch die interessanten Meinungen dazu zeigen, dass die gelebten Erbauer des Sozialismus offenbar anfangen, rar zu werden.
    Die Berichte über das Leben und die Selbstdarstellung der offiziellen DDR sind nur schwer zu ertragen. Der labernde Herr Pastor, die jubelnden Menschen auf der Mauer und die beklagenswerten Opfer der Gewaltherrschaft sind nicht 16 Millionen und nicht 80 Millionen. Vieles habe ich, wie andere Menschen auch, so nicht wahrgenommen, und ich frage mich, in welcher DDR ich gelebt habe. Die uneingeschränkte Negativdarstellung dieser Zeit gerade anlässlich der Jubiläen verfolgt dann auch die unübersehbare Botschaft an die Alten, aber vor allem an die junge Generation für alle Zukunft:
    ‚‚ Das Ding mit der roten Fahne und dem Kommunistischen Manifest fasst ihr mir nie wieder an, nicht heute, nicht morgen, nie mehr! Ihr seht doch, wo es hinführt!‘‘
    Diese Botschaft ist nun permanent bei Tarifverhandlungen unterschwellig zugegen, übt Druck auf die Jobsuchenden und Arbeitslosen aus, und bei der Ausgestaltung der sozialen Sicherheit muss bei weiteren eingeforderten Verbesserungen die Wettbewerbsfähigkeit sich verschlechtern. Und die Diskrepanz zwischen Arm und Reich kann hemmungslos wachsen.
    So gesehen gab es wahrscheinlich schon Wertereflexionen aus den damaligen sozialistischen Ländern in die ganze Welt. Davon habe ich mich in einem Jahrzehnt Weltreisen überzeugen können. Im Vergleich mit vielen Ländern der kapitalistischen Wirtschaft erscheint die DDR selbst im Nachhinein als kleines soziales Paradies. Wirklich real ist aber nur ein Vergleich mit den Nachbarn.

    Mit freundlichen Grüßen!
    Ein WOSTopa

  2. Pingback: Nichtschenken wie die Profis | Stützen der Gesellschaft

  3. Sozialstandards
    Die These, Sozialstandards in westlichen Gesellschaften entwickelten sich aus Konkurrenzdenken gegenüber sozialistischen Systemen, überhöht massiv die Bedeutung der ehem. COMECON Staaten. Tatsächlich interessierte das Leben in den Staaten des Warschauer Pakts aus westlicher Perspektive die wenigsten Menschen. Sozialstandards in west-europäischen Staaten entwickelten sich entlang der nationalen Auseinandersetzungen gegensätzlicher Interessengruppen und ihrer Artikulationsmöglichkeiten. Das Ausland spielte dabei kaum eine Rolle und das sozialistische Ausland noch weniger. Ein gefühlter „Sozialabbau“ der Nachwendezeit in Deutschland hängt m.E. eher mit der zeitgleichen Globalisierung ökonomischer Strukturen zusammen als mit dem Zusammenbruch sozialistischer Systeme. Heute konkurriert ein Facharbeiter in der Produktion nicht nur mit einem Schweißroboter sondern auch mit seinem offshore Kollegen. Selbst innerhalb der EU haben wir Einkommensdifferenzen von 600 %. Solange globale Wohlstandsgefälle nicht ausgeglichen sind werden wir uns auf einige Jahrzehnte erhöhten Wettbewerbsdruck einstellen müssen.

    • Es gibt tatsächlich noch Leute, die ebenso rational wie nüchtern argumentieren.
      Manchmal vergisst man das in dem Heissluftbeschleuniger namens (soziale) Medien. Ich bedanke mich deshalb gerne für diesen Kommentar.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  4. Natürlich
    Natürlich denke ich immer noch im Muster Ossi/Wessi.
    Man kann damit so wunderbar Vorurteile diskussionslos begründen!

    Aber mal ehrlich, Polen und Tschechen tun es auch.
    Zuletzt gehört, sollen die ja Benzin mit Wasser verdünnen und mindestens die halbe Bevölkerung soll zum „Autoklau“ in Deutschland sein.

    Ich habe sogar nachts meinen Deutschen Schäferhund an mein angekettetes Fahrrad gebunden.
    Man weis ja nie.

    Als er neulich ein Hosenbein im Maul hatte, war mir klar, der Nachbarossi
    wollte klauen.
    Es war jedoch die Hose vom Postboten, aber der war Ossi.
    Im nahen Krankenhaus arbeiten einige Polinnen als Krankenschwestern.
    Seit dem mir das bekannt ist, bin ich nicht mehr krank, da ich nur einen Schlafanzug habe.

    Wenn das keine Vorurteile sind, habe ich keine.

  5. Trauer über die eigene Kurzsichtigkeit
    Ich glaube Herrn Nicolas Berggruen, dass er Weltbürger ist und sich so versteht. Es gibt eine kleine Gruppe (sehr reicher) Menschen, deren Leben sich nicht zentriert um einen Landstrich abspielt, sondern zentriert in einer Gruppe Menschen.

    Der Rest, mag er noch soviel durch die Gegend gescheucht werden, kann dieses Lösgelöstsein der eigenen Existenz nicht wirklich nachvollziehen. Zumal der (nicht unermesslich reiche) „Weltbürger“ in der Welt keine Heimat findet – überall, wo er aufschlägt, wird er als „der Andere“ wahrgenommen. Nur die Wertschätzung die „dem Anderen“ entgegengebracht wird schwankt von Ort zu Ort.

    Die Ostdeutschen sind keine DDR-Bürger mehr und den Preis, den sie dafür zahlen mussten, der Verlust an menschlicher Nähe und erfahrbarer mitmenschlicher Unterstützung, bedingt sich meiner Meinung nach nicht primär durch den Untergang eines menschenverachtenden Systems, sondern durch den Wohlstand und die Heterogenität mit der die Gesellschaft heute lebensfähig bleiben muss. Wenn Sie Deutschland in Richtung eines Landes verlassen, dessen Bevölkerung sich auf dem Lebensniveau der früheren DDR befindet, so werden sie feststellen, diese Menschen helfen sich gegenseitig – völlig losgelöst, ob das System in dem sie leben feudalistisch, kapitalistisch oder kommunistisch organisiert ist. Und wenn sich Menschen gegenseitig helfen, dann müssen sie sich auch öffnen. Umgedreht muss niemand auf den anderen zugehen, wenn er (scheinbar) unabhängig von ihm existieren kann. Das haben die Leute damals nicht erkannt und vermutlich ist es auch heute nicht klar.

    Die Unterteilung in Ossis und Wessis gibt ist meines Erachtens nur noch dort sehr streng, wo es keinen direkten Kontakt zwischen Menschen aus Ost und West gegeben hat. Jeder, der Menschen aus verschiedenen Teilen unseres Landes kennengelernt hat, wird eine breite Palette von Grautönen bestätigen und keine Schwarz-Weiss-Unterscheidung.

    Zur Partnerwahl: Eine Kollegin von mir hat in etwa Ihr Alter und ist klar ostdeutsch sozialisiert. Sie beschwert sich immer lautstark über die Unterschiedlichkeit der Ansichten (Ernährung, Erziehung, Partnerschaft, …) zwischen ihr und den „West“-Männern … und hat trotzdem einen geheiratet. Es gibt sicher zwischen Ost- und Westgeborenen derselben Generation Unterschiede im Lebensgefühl. Das liegt meiner Meinung daran, dass wir in der Individualisierung ungefähr eine Generation hinten dran sind. (Antiautoritäre Erziehung gab es in der DDR nur in dissidentischen Kleinstgruppen.) Spätestens mit der Jahrtausendgeneration erübrigt sich das. Interessant wäre es, zu erfahren, was die Ostmänner in Ihrem Bekanntenkreis sagen. Können die sich eine Westfrau als Partnerin vorstellen? Und wenn ja, warum?

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    Nachklapp: In der DDR wurden die Zugeständnisse an die arbeitende Bevölkerung immer erst gemacht, nachdem sie in der BRD durchgesetzt worden waren (Samstag arbeitsfrei, 40 Stundenwoche, …) Da wollte sich der Staat der Arbeiter und Bauern nicht vorführen lassen vom ausbeuterischen Klassenfeind. Die Kämpfe im Westen wurden nach meinem Dafürhalten nicht nur symbolisch sondern sehr ernsthaft geführt. Und der Aufstand ’53 in der DDR hatte seinen Ursprung in der erhöhten Normvorgabe für die Arbeitsleistung. Die Meinung, der Kapitalismus hätte bis zum Untergang des Ostblocks brav sein müssen, weil der Kommunismus sonst so attraktiv geworden wäre, scheint mir doch eher eine Dolchstoß-Legende derjenigen zu sein, die die Macht ’89 verloren haben.

  6. Die jungen Leute
    Es ist ja so schick zu schreiben, wir seien alle Deutsche etc. Die jungen Leute verstehen sich, weil sie angepast erscheinen wollen, es ist ja ach so modern, Europäer zu sein etc…
    Wenn sie denn eines Tages einmal in die Rente kommen, werden sie sehen, dass sie immer noch Ossis sind. Denn nach der Rentenlüge 2009 der Kanzlerin, bis 2013 die Angleichung von Ost und West zu bewerkstelligen, wird es wohl das erst geben, wenn der letzte im Osten geborene ausgestorben ist. Und der damalige Komilitone, der im Westen geboren wurde, besser leben kann als er.
    Na dann … Schreibt weiter Euer Zeug! Klingt ja wirklich schön!

    • Titel eingeben
      Warum so verbittert, Herr Schutz? Wenn Sie in Manhatten leben und Arbeiten empfinden Sie sich schnell als Europäer, weil Deutschland dann ganz schnell keine große Rolle mehr spielt. Das hat nichts mit Anpassung sondern mit geografischer Perspektive zu tun. Warum vergleichen Sie sich mit Ihrem west-deutschen Kommilitonen der 60/70er Jahre? Was denkt wohl Ihr polnischer Kommilitone? Glauben Sie wirklich eine höhere Rente beeinflusst nachhaltig Ihr Lebensglück?

  7. Ich stimme Ihnen zu Fr. Rönicke.
    Der humangeistige Mangel zieht sich wie ein roter Faden durch
    alle Gesellschaftssysteme. Er richtet offensichtliche, weniger offensichtliche und versteckte Schäden an, alles sehr graduiert, in und an Alle/n/m.
    Sehnsüchtige Erinnerung an humane(n) Einzelerlebnis(se)(-Mehrwert), trotz eines Lebens in inhumanerer Gesellschaft als heute, ist ein
    Seelenbedürfnis das nicht mit mathematischen und auch nicht mit
    „Humangehalt…“besser“, „gerechter“, „humaner“ als…einer Gesellschaft“ einfach wegargumentiert werden kann.
    Die Seele weiß genau was gut (gesund) für sie war und was nicht (mehr) gut (gesund) für sie ist. „Seele-Heilender“ Dialog zum Zweck der
    Seelengesundheit ist alternativlos. Es gibt aber nicht nur den öffentlichen Gesellschaft-Dialog…sondern auch den „intern-direkt-seelischen“, privaten…Selbsterkenntnis und Einsicht führen zur Klarheit…Humanität…Qualität-Leben.
    Wer seinen Seelenfrieden allein vom Gesellschaftsgeschehen
    und vom gelingenden Dialog mit der Gesellschaft „abhängig“ macht, vergibt die Chance der Selbstheilung mittels Selbsterk….
    Genau das haben Sie zu DDR-Zeiten nicht gemacht, Seelenglück
    allein abhängig vom DDR-Ideologie-Gesellschaft-Glück.
    Einzel-Glück(e) funktioniert auch heute, wenn auch unter „anderen inhumaneren“ Bedingungen der Demokratie.
    Der Traum vom absolut humanen, gerechten, Westen allerdings,
    aus DDR Zeit, der sollte langsam dem „Wachsein“, in der Realität
    angekommen sein, weichen. Die Erwartungshaltung(en) vieler war zu groß, zu unrealistisch.

    …auf jeden Fall verstehe ich Sie nicht nur, sondern begreife.

    Gruß
    W.H.

  8. Lehnen "viele" Wessis, Europäerinnen und Weltbürger Profitstreben ab?
    Probe aufs Exempel – wäre dem so, würde eine kommunistische Partei Wahlergebnisse im mehrfach zweistelligen Prozentbereich einfahren. Da sie das nicht tut (im Westen der Republik), stimmt das „viele“ nicht.

    Die vielen wissen nämlich ganz genau, dass ihr Wohlstand an diesem ekelhaften Profitstreben anderer hängt. Das reicht dann für ein paar Sonntagsreden und für die Empörung über als Exzess angesehene Auswüchse. Zur aktiven Ablehnung reicht es nicht. Und das ist auch gut so.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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