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Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Das Ende der Wostkinder

| 4 Lesermeinungen

Wann genau die Wostkinder eingestellt werden, weiß ich zwar auch nicht. Aber demnächst. Und zumindest für mich ist am 31.12.2014 Schluss. Also mit diesem Text. Im Sinne des Kalten Krieges könnte man nun „cui bono?“ fragen, doch scheinen mir meine letzten Zeilen mit dem Versuch eines Fazits sinnvoller verbracht.

In meinem ersten persönlichen Gespräch mit Frank Schirrmacher, bei dem auch die Planung dieses Blogs eine Rolle spielte, sagte er einen zentralen Satz, der für die gesamte Zeit unserer Zusammenarbeit gelten sollte:

Nutzen Sie diese Plattform als intellektuelle Spielwiese!

Dieser Satz findet sich in abgewandelter Form auch in dem Buch „Gesichter der Macht“ wieder. Nur wesentlich früher und in Bezug auf das gesamte Feuilleton dieser Zeitung. Diesem Denken kann somit eine gewisse Konstanz zugesprochen werden.

Wie wichtig der Satz war, zeigte sich recht schnell nach dem Start der Wostkinder. Die ursprüngliche Idee sah vor, verschiedene Menschen zu Wort kommen zu lassen und diese Geschichten aneinander zu reihen. Aus diesen Geschichten ein Bild entstehen zu lassen. Unter dem Dach der FAZ wandelte sich diese Grundidee hin zu einer Betrachtung unserer eigenen Vergangenheit in Ost wie in West. Die Geschichten anderer sollten vor allem durch die Podcasts in das Blog geholt werden. Doch auch hier stellten wir recht schnell fest, dass es dies allein nicht sein kann. Die Vergangenheit in Ost wie auch West mag unterhaltsam sein. Die Anekdoten der gegenseitigen Missverständnisse und Leiden haben für sich gesehen jedoch keinen Wert. Sie bedurften einer aktuellen gesellschaftlichen Perspektive. Damit dreht sich die Art der Inhalte um. Es war nun die Perspektive selbst, die sich aus dem Erfahren von Ost und West ergab, die im Mittelpunkt des Blogs stand. Eine Merkwürdigkeit, die es so als Blog noch nie gegeben hat, denn die Vergangenheit diente dadurch vor allem dem Abgleich mit der Gegenwart um einen Blick in die Zukunft wagen zu können. Aus einer Perspektive heraus, die bis heute medial kaum sichtbar ist. Das Blog selbst wurde zu einer Art Feuilleton. Es wurde ein „Politisches Feuilleton.

Spätestens mit den Enthüllungen von Edward Snowden über die unfassliche Präsenz des US-Staates als Form eines Überwachers des Internets, erfuhr das Blog nicht nur eine starke Politisierung, sondern auch ein Überthema. Sie war folgerichtig. Als die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt. Zu stark war mir schon damals bewusst, was Überwachung ist. Sei es, dass ich bestimmte Dinge nicht außerhalb der Wohnung sagen durfte. Oder auch vermeintlich Positives, wie das regelmäßige Lob, demnach ich einer sei, der seine Klappe halten kann. Der Einzug diverser Schulhefte und Fragerunden der Lehrer, ließen mir das Leben eines Überwachten nicht fremd sein. Vor allem aber hatte ich ein Gespür für die Folgen entwickelt. Wie umfangreich die Überwachung im Ostblock sein konnte, lässt sich auf eindrucksvolle Weise in dem Buch „Volksfeinde“ von Kati Marton[1] erfahren. Ein harmlos anmutendes Beispiel soll an dieser Stelle genügen.

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Das sind alles Informationen, die Internetnutzer heute mehr oder weniger freiwillig an Konzerne übermitteln, die mit diesen Informationen Geld verdienen. Wir erkannten sehr früh, wie hier die „Errungenschaften des Sozialismus“ mit den „Errungenschaften des Kapitalismus“ verschmolzen. Wie sie gangbar wurden und sich gesellschaftliche Akzeptanz unter dem Banner des Geldes erzeugte.

Das Thema Überwachung durchzog meine Texte aufgrund seiner Wichtigkeit ziemlich genau ein Jahr lang, bis zum plötzlichen Tode von Frank Schirrmacher. Das heißt dieses Blog nahm aktiv an dem geführten Diskurs zur „Überwachung“ wie auch der „Digital Debatte“ teil und fungierte bei sich bietender Gelegenheit als Korrektiv. Martin Schulz veröffentlichte beispielsweise einen Artikel unter dem Überbegriff „Technologischer Totalitarismus“. Ein Unwort, wenn man sich jemals mit Totalitarismus beschäftigt hat. Ich widerlegte in den Wostkindern die Sinnhaftigkeit dieses Begriffgebrauches. Es war anschließend Shoshana Zuboff, die den Absolutismus als bessere Wortwahl in den Ring warf. Die Intensität des Diskurses ist mittlerweile gespenstisch abgeflaut. Es wird dem akademischen Bereich überlassen ihn weiterzuführen.

Doch blieben wir nicht auf diesem Themenbereich sitzen. So erkannte Katrin Rönicke frühzeitig, dass der Blick unserer westlichen Gesellschaft sich vermehrt nach Osteuropa und nach Russland richten muss. Wir müssen aktiv verstehen lernen, was dort passiert und was daraus folgt.

Derweil ergab sich bei mir das Gefühl, nicht unbedingt in einem souveränen Staat zu leben, zumindest ließ mich das Handeln der Bundesregierung daran zweifeln. Kombiniert mit der Beobachtung, dass Online-Journalismus zur Entwirklichung unserer Kommunikation führt und die Wahlkampfthemen „der Bürger“ ganz andere waren als die der Parteien. Eines von mehreren Fazits dieser kombinierten Beobachtungen gab es 6. April 2014 zu lesen.

Die Krim-Krise offenbart eine Kluft zwischen Journalisten und Lesern. Ein Gefühl der unterdrückten Meinungen und manipulierten Massen greift um sich.

Erst im November 2014 sollte das Thema auch in der Breite verhandelt werden.

Diese kleine Aufzählung, der sicher noch einiges mehr hinzugefügt werden könnte, scheint mir insofern notwendig, als das Blog trotz allem oftmals nur im Sinne seines Ursprungsthemas gesehen wurde. Doch mit dem vollzogenen Wandel, zur Betrachtung aus der Perspektive heraus, schloss sich ein Kreis.

Als ich zum ersten Mal mit Frank Schirrmacher aufeinander stieß, war das kein sonderlich freundlicher Akt. Ich erklärte ihm die Unsinnigkeit des Feuilletons und dann herrschte zunächst Funkstille. Es dauerte eine Weile, ehe wir zueinander fanden und in diesem Sinne ist mein Fazit aus zwei Jahren Arbeit auch als Reminiszenz an ihn zu sehen:

Das Blog mit dem sonderbaren Namen „Wostkinder“ wurde zu dem, was ich einst ablehnte. Ein „Politisches Feuilleton“, das sich von thematischen Grenzen nicht einsperren ließ. Dem man zugleich aber nur dann vorwerfen kann rumzumäandern, wenn man bereit ist die Kernthemen des Blogs zu ignorieren. Während dieser Phase der Wandlungg habe ich das, was ich tat, lieben gelernt. Denn der uns eigene Blick ermöglichte es, die Zukunft zu verhandeln. Die Grundvoraussetzung dafür war Zeit. Nicht jeder Beitrag war zum Gelesen werden da. Mancher galt nur dem Sichtbarmachen des Denkens. Ein Zwischenschritt. Frank Schirrmacher gewährte nicht nur diese Zeit, er gewährte auch seine Zeit.

 

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk sagte einmal sinngemäß, dass Schreiben jemanden wütend machen müsse. Ich kann abschließend versichern, dass ich dieses Ziel in steter Regelmäßigkeit auf vielen Ebenen erreicht habe. Meine Texte waren und sind immer auch ein Spiegel, der gegen sein Umfeld gebürstet ist. Es waren oft genug diejenigen wütend und es mögen genau jene Menschen meine Texte nicht, die das Ziel ihrer Anklage waren. Mein zufriedenes Lächeln ist ihnen gewiss.

P.S.: Einer meiner liebsten Artikel fand kurz vor dem Ende eine gedankliche Erweiterung. Ich danke Hannah Arendt für die vielen Diskussionen.

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[1] Ich kann dieses Buch nur sehr empfehlen. Es ist auf sehr vielen Ebenen erkenntnisreich. Vor allem aber schlägt es gen Ende hin den Vergleich zwischen FBI und AVO um zu zeigen, dass die Denkweisen so unterschiedlich nicht sind. In der Debatte um geheimdienstliches Treiben ein sehr wichtiger, wenn nicht gar entscheidender Punkt.

 

Marco Herack twittert als @mh120480.

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4 Lesermeinungen

  1. Alles Gute
    Sehr geehrter Herr Herack,

    wir waren (und sind) vermutlich oft nicht einer Meinung. Dennoch haben Sie mit Ihrer oft eigenwilligen Sicht auf die Dinge Perspektiven aufgezeigt, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Dafür vielen Dank.

    Alles Gute
    Günther Werlau

  2. Sehr geehrter Herr Herack (... Frau Rönicke),
    vielen Dank für Ihren zusammenfassenden Abschieds-Beitrag. Sie und Frau Rönicke wollten also ihren Beiträgen eine Perspektive geben. Leider erschloß sich mir diese – bei allen Anregungen im Detail, vielen Dank – nie. Aber, gesamtgesellschaftliche Perspektiven sind nicht einfach. Diese benötigen Annahmen zur Komplexitätsreduktion: die Unterstellung von lebensklug-oppurtinistischen Weisheiten durch „altes Geld“ bei ihrem Gegenblog von Don Alphonso oder Privateigentum beim M/L bis hin zum Ruhm der Oktoberrevolution gegen das Privateigentum oder Geschlechtsteile zum Gendern oder für manche – “DDR-Bürgerrechtler”, mir geht der unhistorische Schwachsinn dieser Begriffsbildung, wie bei “Kirche im Sozialismus” schon vor dem Fall des Realsozialismus, erst heute auf – reicht bereits die Annahme von Dummheit und Häßlichkeit in Dresden zur Brechmittel-Perspektivenbildung aus. Gegen dieses Ostkinder-Nichtschwimmerbecken waren sie tatsächlich eine “intellektuelle Spielwiese”. Vielleicht ergeben sich durch das Aufgeben von “Wostkinder” auch neue Perspektiven für sie beide. Von der längerfristig auch der Leser Gewinn hat. Alles Gute für Sie! MfG Baldur Jahn

  3. Titel eingeben
    Madame,

    irgendwie habe ich den Eindruck, dass Sie nicht wirklich meinen, was Sie schreiben.
    Schirrmacher fehlt nicht!
    Eine Art Nachruf oder Würdigung seines Lebenswerkes zeichnete sich durch so viel Geschichtsbezogenheit und Philosophiebemühungen in der F.A.Z. aus, dass mir schwindlig ward und ich mich gefragt habe: Wer war Schirrmacher? Wie jeder Sterbliche gehört er einfach nur in seine Zeit. Vertrauen Sie den jungen Leuten!
    Die Gegenwart verstehen, indem man die Vergangenheit kennt, um die Zukunft zu gestalten, ist ein bewährtes philosophisches Prinzip, nicht nur bei den Machern der Whostkinder. So setzt bei mir die Dollarsonne eben mit der Erinnerung an die Verbrechen im Koreakrieg ein. Was danach die Fratze des Verbrechens aus der Dollarsonne machte, verblasst wohl in der geschichtlichen Erinnerung immer mehr.
    Sie stolpern nicht über die Manipulierung in Ihrem Leben. Es ist die Realität in unserer Gesellschaft, der nun der Kontrapunkt fehlt und durch das schwarze Rechts bedient wird. Der schön gestaltete Trubel zum Jahrestag des Mauerfalls mit dem Gedenken der bedauernswerten Maueropfer und Stasiverfolgten beinhaltet eine Botschaft: ‚‚Das Ding mit der roten Fahne und dem ‚‚Kommunistischen Manifest‘‘ macht ihr mir nie wieder! Ihr seht doch, wo es hingeführt hat!
    Und dazu gesellt sich die zweite Botschaft aus unserer selbstgefälligen und übersatten Gesellschaft: Veränderungsbemühungen sind zwecklos. Wir kennen keine bessere Ordnung, als unsere.
    Die Verfeindungen in Richtung Osten haben sich immer als schwerwiegende historische Fehler erwiesen. Das wussten Wissenschaftler, Entdecker und Fürstenhäuser der Vergangenheit. Eine Missachtung dieser Erkenntnisse bereitet uns die schwierige Gegenwart mit. Wer gibt uns den Schlüssel für die Zukunft?
    Bernard del Monaco.

  4. Schirrmacher fehlt!
    Was soll ich sagen, es ist unglaublich wie ein einzelner Mensch, wie Frank Schirrmacher, in so einer Zeitung fehlen kann. Jetzt wird also auch diese Experimentierwiese eingestellt, dabei wäre sie so wichtig. Mithilfe der Vergangenheit eine neue Perspektive erarbeiten und mit dieser neu sehen lernen, das wäre es schon.
    Ich konnte immer nur zustimmend mit dem Kopf nicken beim Lesen dieses Beitrags.
    Denn auch bei mir kam, obwohl nicht im Osten aufgewachsen und eine Generation älter als der Autor nach der NSA-Affäre das Gefühl auf, nicht unbedingt in einem souveränen Staat zu leben und ich fragte mich, was ich da wohl (obwohl politisch interessiert), die ganzen Jahre übersehen hatte. Ich kam mir ganz schön an der Nase herumgeführt vor!
    Ein Jahr später dann die seltsam einseitige Kommunikation hinsichtlich des „Qualitätsjournalismus“ im Rahmen Krimkrise. Nun ja,mda war es wieder das Gefühl manipuliert zu werden. Und wenn ich dann noch die Gedanken hinzunehme, die Polanyi schon 1944 zusammenfaßte hinsichtlich des selbstregulierten Marktsystems, dann kann ich nur noch den leuchtenden Stern des Dollars am Himmel als internationale Leitwährung sehen und uns als Knechte, die anbeten und Geschenke bringen mit ihre Exportüberschuß.
    Je tiefer man in die Materie gedanklich eindringt umso deutlicher wird es: ‚Wir sind manipuliert‘ und auch noch gespenstisch gut.

    Nicht nur die Enthüllungen von Edward Snowden über die unfassliche Präsenz des US-Staates lassen keinen anderen Schluß zu.

    Auch Katrin Rönicke hat recht: ‚Der Blick unserer westlichen Gesellschaft sollte sich vermehrt nach Osteuropa und nach Russland richten. Wir müssen aktiv verstehen lernen, was dort passiert und was daraus folgt.“

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