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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Verteidigung gegen die dunklen Künste für Nullcheckerbunnys?

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Den Vortrag von Joscha Bach, zu dem wir pünktlich wieder auf den Beinen und in Saal 2 erschienen waren, werde ich mir sicher noch zwei weitere Male ansehen, denn ich habe großes Interesse, ihn wirklich zu verstehen. Worum ging es? Wie schon im vergangenen Jahr erzählte Joscha über seine Forschung zu künstlicher Intelligenz, nur zog er zwischenzeitlich dafür in die USA, arbeitet nun zwischen Harvard und MIT und man merkt, dass er seit dem letzten Mal viel gelernt hat, viel verstanden und vieles auch noch besser erklären kann. Sein Vortrag verknüpft die Felder Neurowissenschaft, Computertechnologie und Philosophie miteinander. Angelehnt an die vier kantischen Fragen fragt er:

  • Was ist die Natur der Realität?
  • Was können wir wissen?
  • Wer sind wir?
  • Was sollen wir tun?

Er begrüßt die Menschen im Saal mit den Worten „Good morning dear fellow conscious beings“ und es ist eine Freude, ihm dabei zuzuhören, wie er zeigt, dass man den Begriff des „Sinns“, der „Bedeutung“ ersetzen sollte und kann, durch einen neuen Begriff: Suitable Encoding, angemessene Kodierung. Was ist es, das wir Fellow Conscious Beings von den angemessenen Kodierungen erhalten, die wir benutzen, anstelle alles mit den bedeutungsschwangeren und althergebrachten Begriffen „Sinn“ und „Wahrheit“ zu belegen? Es ist schlussendlich eine Form der Orientierung und Einordnung der Welt, die wir wahrnehmen. Aber Joscha hat das natürlich besser erklärt:

Den Tag mit Joschas Vortrag zu beginnen war eine gute Wahl. Es ist einer dieser Vorträge, bei denen man nicht alles versteht, aber es macht Lust auf mehr, man will verstehen, man will ihn sich noch einmal und noch einmal ansehen und dann will man gemeinsam darüber philosophieren, wie man die Entropie bekämpfen, die Liebe stärken und schlussendlich Künstliche Intelligenz erschaffen kann.

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Vorträge, bei denen man nicht mit der Erwartung ankommen sollte, alles zu verstehen, gibt es hier sehr viele. Vielbesucht ist später der Vortrag „Krypto für die Zukunft“ von Rüdiger Weis. „Kryptographie kann das garantieren, was uns die Regierungen nicht mehr bieten: Nämlich Privatsphäre“, beginnt er. Auch hier wird ein Thema aufgegriffen, das auf den vergangenen Congressen immer wieder in Vorträgen behandelt wurde. Leider war dieser Vortrag etwas voll und auch etwas unverständlich, denn Weis hatte für seine Erklärungen nur eine halbe Stunde Zeit und setzte viel Vorwissen voraus, Vorwissen, das man sich durch das Ansehen seines Vortrags vom 30C3 draufschaffen kann. Was am Ende kleben bleibt, wenn man sich durch die Mathematik der Verschlüsselung und durch die Vor- und Nachteilte der Eliptischen Kurven (doch in der Formel sollte a bitteschön nicht null sein! Und wenn sich ein Wert wiederholt, dann knallt’s ganz gewaltig!) gequält hat: Kümmert euch um eine ordentliche Verschlüsselung, schaut genau hin, was ihr nutzt und informiert euch regelmäßig bei Experten wie Rüdiger Weis, welche Verfahren gerade sicher sind und welche nicht, um wenigstens ein kleines bisschen Privatsphäre zu erhalten, denn wie gesagt: Eure Regierungen garantieren sie längst nicht mehr.

Ganz ehrlich: Man muss das nicht alles verstehen und dass hier viele überhaupt nicht mitkommen, nicht einmal Menschen, die Mathematik als Leistungskurs hatten und vielleicht ein naturwissenschaftliches Fach an der Uni studierten, ist vielleicht eines der Hauptprobleme von Krypto. Wie soll man dafür sorgen, dass die Menschen ihr Recht auf Privatsphäre wahrnehmen, das ihnen die Regierungen nicht mehr bieten, wenn die Hürde, sich zu verschlüsseln, zu verstehen, was man tun muss, so hoch ist? Wie erklärt man es den Leuten, mit denen man Silvester feiern wird? Mit denen man sich per Whatsapp verabredet, die auf Facebook ihre Familienfotos teilen und die keinen blassen Schimmer davon haben, was Perfect Forward Secrecy ist und somit auch nicht ihren Mailprovider danach aussuchen werden, ob er diese anbietet. Eine Nachricht des 31C3 an „die Menschen da draußen“ lautet: Benutzt PGP-Verschlüsselung, sonst könnt ihr gleich Postkarten schreiben. Aber: Wie geht denn nun PGP-Verschlüsselung? Man muss sich einen Nachmittag frei nehmen, um sich einigermaßen darin einzuarbeiten und dann muss man in regelmäßigen Abständen weitere Zeit investieren, um sich zu informieren, was gerade noch sicher ist und dann dafür zu sorgen, dass das eigene System auf dem neuesten Stand ist.

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Das ist ein bisschen so wie damals in der DDR, als potentiell alle ausgespäht werden konnten, aber nur diejenigen wirklich dafür sorgten, dass Dinge sicher und geheim abliefen, die wirklich um ihre Sicherheit zu fürchten hatten. Das unterscheidet die Machenschaften der Stasi vielleicht am stärksten von den Auswirkungen der heutigen Massenüberwachung: Die Bedrohung ist nicht greifbar genug für die Bürger_innen, ihre Rechte einzuklagen fällt ihnen nicht unmittelbar ein, denn noch werden die meisten Daten nicht spürbar gegen sie verwendet, wie Constanze Kurz und Frank Rieger auch schon im Podcast mit den Wostkindern erklärten. Zu vermitteln, warum man seine E-Mails trotzdem mit PGP verschlüsseln sollte, auch wenn das Aufwand bedeutet, das ist die Herausforderung, vor der die Community rund um den CCC derzeit steht. Es geht um nichts weniger, als all jene Vorträge, in denen wir „n00bs“, wir „Nullcheckerbunnys“ und Anfänger_innen rein gar nichts verstehen, runterzubrechen. Im Umfeld des CCC beginnen Projekte zu wachsen, die als Schnittstelle zwischen der Avantgarde und der breiten Masse fungieren. Sei es der Podcast „n00bcore“, der die Welt der Computer für Normalsterbliche herunterbricht, das Projekt „Looking into Black Boxes“ und Buchprojekte wie „Arbeitsfrei“ erklären komplizierte Dinge auf Einsteigerniveau und sind nur eine kleine Auswahl (die darauf basiert, dass ich sie selbst verfolge/gelesen habe und daher guten Gewissens empfehlen kann). Gleichzeitig muss man schlicht aber auch dazu ermuntern, sich Dinge anzuschauen, bei denen man nicht sofort alles versteht. Und wie Erdgeist und Geraldine de Bastion in der Opening Session mahnten: Die Hacker müssen aufpassen, dass sie vor lauter Verstehen nicht arrogant werden und vor Wissen nur so triefend nicht selbst die Bullys werden, unter denen sie früher selbst einmal litten.

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9 Lesermeinungen

  1. Push back entropy?
    Ich weiß nicht, wieso … aber aufs „wieso“ scheints ja in der Tat nicht mehr anzukommen … aber mir scheint, das Motto soll zum Klassenkampf gegen den bösen Energieerhaltungssatz aufrufen? Oder nicht? Na, wenns denn genug andere Welten gibt, so zum Ausweichen, ist ja alles dufte. Die Welt der smartphones, in der die digital natives essen, schlafen und überhaupt: sein können. Ich hab bestimmt nichts dagegen, wenn sie das dort dann auch tun, während die Nullcheckerbunnys Heil und Zuflucht in der Postkartenidylle suchen.

  2. Warum künstliche Intelligenz
    Hat Herr Bach begründet, warum wir künstliche Intelligenz brauchen? Die Menschen sind nicht in der Lage, sich auf Dauer selbst vernünftig (im Sinne von nachhaltig) zu verhalten, aber es gibt ein paar, die wollen künstlich Bewustsein erschaffen. Warum? Und warum sollte das von uns geschaffene künstliche Bewustsein besser sein als das schon existierende Bewustsein? Und wenn es besser sein sollte, welche Probleme des bereits existierenden Bewustseins würden dadurch gelöst? Hätten wir dann wieder einen „Führer“, dem es hinterher zu dackeln gälte?

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    • Ist das "Warum" an dieser Stelle überhaupt wichtig? Wir werden es versuchen, weil wir
      annehmen, wir können es schaffen. Diese Art von Streben ist dem Menschen angeboren.

      Und auch wenn ich eine kurzfristige Verwirklichung für extrem unwahrscheinlich halte (kurzfristig: die nächsten 25 Jahre). – langfristig macht es natürlich Sinn, künstliche Intelligenzen verschiedener Kompetenzstufen zu entwickeln. Sie können irgendwann einen alten Menschheitstraum erfüllen, eine Welt, in der niemand mehr arbeiten MUSS.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Lieber Herr Werlau,
      so weit ich das verstanden habe, geht es vor allem darum, zu verstehen, was Bewusstsein eigentlich ist und was die menschliche intelligenz ausmacht. es geht, wenn ich das nicht falsch verstanden habe, weniger darum etwas zu erschaffen, das „besser“ ist, als das menschliche Bewusstsein, sondern ein Modell zu erschaffen, anhand dessen man besser verstehen kann, was menschliches Bewusstsein ausmacht.
      Beste Grüße

    • keine Arbeit und Simulation
      Zu nächst einmal ein „Frohes neues Jahr!“ in die Runde.

      Erkenntnisgewinn durch Simulation: Das fände ich ich schön und gerade im aktuell laufenden Umstrukturierungsprozess der Gesellschaft, in dem fröhlich freihändig gesteuert wird, würde ich mir ein computersimuliertes Gegenprüfen der mitunter sportlichen Thesen, die unsere jungen Demiurgen so in den Raum schmettern und auf deren Basis sie die Gesellschaft verbessern wollen, manchmal sehnlichst wünschen. Ich hoffe – als alter Bedenkenträger – allerdings dennoch, die heutigen jungen Nerds besitzen mehr Geschichtsbewusstsein, als die, unter denen ich aufgewachsen bin.

      Befreiung von Arbeit: Ich verstehe, was Sie sagen wollen, Herr Haupts, halte diesen Traum aber mittlerweile für einen Irrweg. Nur durch die Arbeit wurde der Mensch überhaupt das, was er ist. Wenn deren Notwendigkeit wegfällt, fürchte ich, steigt die Gefahr der Degeneration des Menschen zum reinen Triebwesen noch weiter an.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

    • :-) Herr Werlau, der Grossteil der heutigen Zivilisation, also der Sublimierung,
      Öffentlichen Negierung und Disziplinierung des Triebwesens, hat sich über viele Jahrhunderte in einer Schicht entwickelt, deren einziges sicheres gemeinsames Merkmal die Tatsache war, dass man arbeiten durfte, aber nicht musste. Sofern man das hochrangigste Hobby des männlichen Teils dieser Schicht – Kriegführen – nicht als „Arbeit“ bezeichnet.

      Unabhängig davon wird dieser Traum als Bestandteil des grossen universalen Menschheitstraums immer erhalten bleiben: Gott sein.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  3. Wandlungen
    „Mutti is watching You“ ist ein genauso geniales Foto wie das vom Trabbi-VWBus-Hybriden in einem anderen Wost-Blog.

    Der Versuch des Aufsetzenwollen einer neuen Weltvorstellung auf die
    Realitaet wird mit zunehmenden Alter von ganz alleine nachlassen, denn Mr.Parasit und Mrs.Virus „programmieren“ oder steuern seit Jahrmillionen ihre Wirte und werden auch weiterhin die Evolution bestimmen.
    Die moeglichen Versuche, diese wahren Herrscher der Erde in den Griff
    bekommen zu wollen, duerften weitere „hinterhaeltige“ und unheimliche
    Mutationen bei unseren Gegenspielern ausloesen.
    Die Begeisterung der Nerds ist einer natuerlichen Schoepfungsphase
    geschuldet, die sich frueher gerade im Schreiben, Dichten, Malen, etc
    ausdrueckte.
    Leider unmoeglich ist natuerlich, die Erde in Gaenze in einen
    nichtvirtuellen Zustand zurueckzuversetzen, wo sich der Mensch noch im
    Einklang mit der Natur…oder anders ausgedrueckt, als integriertes Teil der allmaechtigen Natur verstand.
    Mich wuerde eine Untersuchung interessieren, in der die Zunahme des Atheismus waehrend sich entwickelnder Technologie beleuchtet wird, oder eine Liste, wieviel Theoretik-Physiker an einen Punkt
    gelangt sind, wo sie anfingen, wieder an einen Gott zu glauben.

    PS:
    openmind in Kassel vom 23.09.2012

    „Algorithmen werden nicht den Weltfrieden bringen – Gero Nagel“
    https://www.youtube.com/watch?v=-L2aohi-168

    Ein teilweise holpriger Vortrag, aber mit vielen Perlen.
    Auszug (ab 28:00): „…wir fangen an, viele Sachen auf Algorithmen herunterzubrechen. Wir fangen an, uns selber als Algorithmus zu verstehen und die ganze Welt als Algorithmus zu sehen, und dann fangen wir an, jegliche Irrationalitaet beiseite zu schieben…“

    • Ich vermutete es...
      https://twitter.com/the_necrosis/status/549400589806088192
      Viren und andere anpassungsfaehige Kleinstlebensformen sind unser aller Schicksal.
      Leider war es mir nicht vergoennt, als stiller Zuhoerer bei den Vortraegen der 31C3 dabeizusein.

      Der Schlusssatz des Blog-Beitrages hat es in sich: die Kluft zwischen jenen Vortragenden zur „Basis“ wird immer breiter und die Transparenz duerfte immer geringer werden.
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      Claude Levy-Strauss – Verblüffende Kritik an der Moderne:
      „Die Welt hat ohne den Menschen begonnen, und sie wird ohne ihn enden.“
      Und:
      „Wenn der Regenbogen der menschlichen Kulturen endlich im Abgrund unserer Wut versunken sein wird, dann wird – solange wir bestehen und solange es eine Welt gibt – jener feine Bogen bleiben, der uns mit dem Unzugänglichen verbindet, und uns den Weg zeigen, der aus der Sklaverei herausführt und dessen Betrachtung dem Menschen, auch wenn er ihn nicht einschlägt, die einzige Gnade verschafft, der er würdig zu werden vermag: nämlich den Marsch zu unterbrechen, den Impuls zu zügeln, der ihn dazu drängt, die klaffenden Risse in der Mauer der Notwendigkeit einen nach dem anderen zuzustopfen und damit sein Werk in demselben Augenblick zu vollenden, da er sein Gefängnis zuschließt; jene Gnade, nach der jede Gesellschaft begehrt, wie immer ihre religiösen Vorstellungen, ihr politisches System und ihr kulturelles Niveau beschaffen sein mögen; jene Gnade, in die sie ihre Muße, ihr Vergnügen, ihre Ruhe und ihre Freiheit setzt; jene lebenswichtige Chance, sich zu entspannen, loszulösen, das heißt die Chance, die darin besteht – lebt wohl, Wilde! lebt wohl, Reisen! –, in den kurzen Augenblicken, in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft:
      > zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist als alle unsere Werke;
      > im Duft einer Lilie, der weiser ist als unsere Bücher;
      > oder in dem Blick – schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen –, den ein unwillkürliches Einverständnis zuweilen auszutauschen gestattet mit einer Katze.“

      Das ist nun einer der staerksten Texte, die ich jemals gelesen habe.
      Wer jemals wochenlang einsam in der Natur die Ereignisse auf sich wirken lassen konnte, weiss vielleicht, was ich versuche, auszudruecken.

      Ich empfinde Nerds als verfangen in ihrem bieneneifrigen Drang und staendigen Wollen; sie haben an der wirklich schoenen Seite der Natur, aus der sie ja selber stammen, abslut keine Erinnerung mehr. Abgenabelt…

  4. DeM
    Danke für den interessanten Bericht, den ich thematisch eher im Nachbarblog als hier verortet hätte.

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