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Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Ersponnenes und Reales: zurückkehren und leben im Osten

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Der Osten, unendliche Weiten… – wirklich! Wenn ich bei meinen Eltern aus dem Fenster schaue, sehe ich eine große Wiese, darauf stehen mal Pferde, mal Kühe und grasen und wenn im Sommer das berühmte Festival im 15 km entfernten Städtchen stattfindet, hört man es bis zu den Eltern wummern, denn alles ist flach und weit. Meine Eltern zogen im Jahr 2002 da hin zurück, ein paar Käffer weiter, nur wenige Fahrradminuten von jenem Ort entfernt, von dem wir einst weggegangen waren – aus Gründen, wie man im Netz so schön sagt. Begrüßt wurden sie von der 2002er Elbflut, und erst einmal aus dem frisch gekauften Haus evakuiert. Im Dorf standen nicht wenige Wohnungen dermaßen unter Wasser, dass ganze Einrichtungen neu beschafft werden mussten. Meine Eltern bekamen eine neue Heizung, im Keller waren manche Kisten nass geworden, aber im Großen und Ganzen waren sie noch einmal glimpflich davongekommen. Bald werden es 13 Jahre, dass sie wieder dort sind. Und viele fragen sich, wie das so ist: Als Rückkehrer in einer Region, die wirtschaftlich nicht gerade wunderbar da steht, in der es ganz normal ist, wenn man auf Dorffesten Leute antrifft, die zu ihrem geschorenen Kopf einen Sweater mit der Aufschrift „White Pride“ oder eine Jacke der Marke „Thor Steinar“ tragen.

Unendliche Weiten. Kind und Oma radeln in das alte Heimatdorf der Autorin.Unendliche Weiten. Kind und Oma radeln in das alte Heimatdorf der Autorin.

Dass meine lieben Eltern wieder dort sind hat, da lehne ich mich glaube ich nicht zu sehr aus dem Fenster, wenn ich das hier so behaupte, auch zu einem Teil damit zu tun, dass sehr viele Erinnerungen und zwar jene von der schönen Sorte, an der Heimat, am wilden Osten und dem Lebensgefühl dort hängen. Und dann gab es eben diesen Job, den mein Vater bei der gleichen Firma nur eben von dort aus machen konnte. Das klang nach zwei Fliegen mit einer Klappe. Also nüscht wie raus in den Osten…!

Mir erging es ganz ähnlich. Dass ich seit bald 12 Jahren in Berlin Friedrichhain, immer irgendwie in der Nähe des OSTkreuzes wohne, das ist kein Zufall. Ich meine ich war 18 Jahre alt, als ich genau dort mit Rucksack, dafür ohne Plan angespült wurde, im A&O Hostel in der Boxhagener Straße und von dort begann diese große Stadt kennenzulernen. Von dort, wo es ostig war wie eh und je. Damals war die Gentrifizierungskaravane, wie mein Freund sie nennt, noch nicht durch den Kiez gezogen. Damals war alles grau in grau, sogar im Sommer (ich war im August dort). Lediglich das Magenta der Telefonzelle auf der dem A&O gegenüberliegenden Straßenseite war eine Abwechslung im Straßenbild. Ansonsten roch es sogar ein bisschen wie damals in Dessau und Leipzig, die beiden größeren Städte, an die ich noch Kindheitserinnerungen aus der DDR habe.

Der Wasserturm am S-Bahnhof OstkreuzDer Wasserturm am S-Bahnhof Ostkreuz

Heute findet sich im Kiez ein Café neben dem anderen, ein Restaurant mit 3,50-€-Cocktails reiht sich an das nächste, die Qualität des Italieners in der Sonntagstraße nimmt kontinuierlich ab, weil er seine Pizza auch mit weniger teuren Zutaten verkaufen kann und der Annemirl-Bauer-Platz ist im Sommer Hort eines nie enden wollenden Open Airs.

Dass es hier nun so zugeht hat viel mit dem Freiraum und der Unerschlossenheit des friedrichshainer Südkiezes zu tun. Das RAW-Gelände ist bei den Touristen legendär. Auch auf der anderen Seite des Ostkreuzes, Richtung Stralau und Rummelsburger Bucht, reiht sich ein Trendclub neben den anderen und der beste Club der Welt ist mit dem vom Wucher-Verleih geliehenen Fahrrad binnen zehn Minuten zu erreichen. Es ist dieses Bar25-Flair des Friedrichhains, dieses „aus nüscht einen Traum erschaffen“, das alle so fasziniert, auch mich jahrelang fasziniert hat und manchmal noch für eine kurze Zeit gefangen nehmen kann.

Und doch: Die Zeiten sind vorbei, in denen ich meinen Kiez und meine Stadt vorbehaltlos liebte, vor allem ihren Osten mit all seinen Szenen und all seinen schäbigen Ecken, in denen Kunst und Kultur graswurzeld entstanden. Nie besonders hochwertig, nie besonders alimentiert, aber man hatte was Eigenes und Liebe steckte auch drin. Ein bisschen war das so wie mit Muttertagsgeschenken von Kita-Kindern: Nicht schön, aber von Herzen. Jedenfalls: Die Zeiten ändern sich und Clubkultur ist irgendwann nicht mehr alles, wenn man Mäuler zu stopfen hat und wenn man Ü 30 geworden ist und sich langsam zu fragen beginnt, was man die nächsten 30 oder 40 Jahre, bis so etwas wie die Rente winkt, falls es das dann noch gibt, zu tun gedenkt. Und der liebe Freund vom Tegernsee immer wieder aufzeigt, wie gut es sich unten im Süden leben lässt, wo alles sauber ist, wo es Arbeit wie Heu gibt und wo man nie nie nie leben wollte, weil spießig und – ja, wenn man dann doch mal ehrlich ist: Zu sehr all das, wofür der Westen steht. All das, mit dem man in 13 Jahren Schulzeit nie so richtig warm geworden ist.

Typisch FriedrichshainTypisch Friedrichshain

Die Realität im Kiez sieht derzeit so aus: Die Schulen marodieren – das tun sie allerdings in ganz Berlin und das ist auch noch einmal einen eigenen Text wert. Die Klettergeräte der friedrichshainer Spielplätze sind in den vergangenen Sommern eines nach dem anderen morsch geworden und wurden abgebaut, der Drache auf dem Drachenspielplatz wurde durch eine Bürgerinitiative wieder aufgebaut, zwei weitere Plätze warten seit vielen Monaten auf Ersatz, aber der ist offenbar momentan für den Bezirk nicht bezahlbar. Während eine Baugruppe nach der anderen ihre Häuser entlang der S-Bahn hochzieht und die Mieten ins Unbezahlbare steigen – Gentrifizierung! – bleiben so Herzchen wie ich mit ganz realen Sorgen sitzen: Arbeit zu finden ist schwer. Kreativ sind alle. Und unglaublich vernetzt! Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute einer ganz bestimmten Netz-Filterblase allein in Friedrichshain hocken! Die Schulen sind… lassen wir das, dazu gesondert mehr. Der Wohnraum? – Man macht sich so seine Sorgen. Eine fünfköpfige Familie macht sich noch mehr Sorgen. Und letztendlich steht man, wenn es doof läuft, vor der Realität: Das Lebensgefühl mag schön sein, schön gewesen sein, aber es ernährt einen nicht, es gibt einem kein Dach überm Kopf und es ist nicht wirklich vereinbar mit Kindern. Und so ähnlich sieht es auch in der Region meiner Eltern aus.

Die Jobs sind rar, die Arbeitslosigkeit und der Niedriglohnsektor sind Alltag. Der Nährboden für solche Ansichten wie sie von Pegida vertreten werden ist prima. Und in Sachsen-Anhalt sind 27 Schulen von der kompletten Schließung bedroht, denn Kinder sind hier immer weniger. Genauso ergeht es vielen Standorten in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und wenn wir gerade von der Quantität sprechen – die Qualität ist im Osten ebenso unterdurchschnittlich. Nur Thüringen und Sachsen sind bei den PISA-E-Erhebungen nicht krachend durchgefallen. Berlin hat lieber gar nicht erst mitgemacht. Die Regionen im Osten sind auch 25 Jahre nach der Wende und bald 25 Jahre nach der Einheit strukturschwach. Und was das Traurige ist: Eine Idee, wie man das ganze wieder kitten könnte, scheint keiner so richtig zu haben.

unendliche Weiten und viel Romantik: Sachsen-Anhaltiner Idylleunendliche Weiten und viel Romantik: Sachsen-Anhaltiner Idylle

Da ist es nur logisch, dass Wowi damals mit seinem „Arm aber Sexy“-Spruch daherkam, denn mehr haben wir hier oft nicht. Im Osten liegt so vieles immer noch brach und alles, was uns hält und alles, was uns trägt ist: Das schöne Lebensgefühl von früher.

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6 Lesermeinungen

  1. Der Heimat-Quotient
    Mir gehts schon ähnlich wie im Beitrag.Ich wohne seit 10 Jahren im Westen und mein Weg dorthin führte sogar auch über Berlin ( auch wenns nur ein Jahr war ), aber Gefühlslagen aus meiner Kindheit, Jugend uns später sind an meine Heimat in Mecklenburg und die Menschen dort geknüpft.
    Was für ein Emo Kick, wenn ich mal wieder zu Hause bin.Und dann gehts wieder in den Westen, nach Oldenburg: arbeiten, vorwärtskommen, entspannen..Nein.Wirklich entspannt bin ich nur in der alten Heimat, auch wenn meine Eltern dort gar nicht mehr leben und meine alten Freunde auch alle irgendwo hin verschwunden sind. Aber wirklich 100 prozentig “ich” fühle ich mich auch nur dort. Schon seltsam. Aber der Home-Kick macht süchtig.
    Und mein Gitarrenlehrer lobt mich: Deine Technik, naja, aber bei Dir hört man echt was raus..! Dann sag ich immer: Danke, ich weiss, ich komm aus m Osten.

  2. Abschied
    Ich lese in Ihrem schön geschriebenen Beitrag so etwas wie den Abschied von der eigenen Jugend.
    Nicht mehr Kiez und Club sondern Schule, Beruf und soziale Sicherheit für die Familie.

  3. gundermann:
    Hier bin ich geborn
    wo die kühe mager sind wie das glück
    hier hab ich meine liebe verlorn
    und hier krieg ich sie wieder zurück…

    hier hab ich meine leichen im keller
    wir spielen mensch ärger dich nicht
    hier krieg ich immer nurn halbvollen teller
    an einem runden tisch…

    Noch 5523 Zeichen frei, aber mehr ist eigentlich gar nicht zu sagen. Vielleicht nur die Frage:Wo mag sie hingehen diese Reise, wenn der Teller halbvoll bleibt bzw. eines Tages nur noch viertelvoll ist?

  4. Die Intelligenten wohnen im Osten
    PISA-Ergebnisse 2012 in Mathe und Naturwissenschaften:

    1. Sachsen
    2. Thüringen
    3. Brandenburg
    4. Bayern
    9. Baden-Württemberg
    11. Hessen

  5. Back to the roots?
    Wahrnehmung der „Schöpfungsmelodien“ macht, hält, Geist gesund!?
    „Menschen-Melodien?-Lärm!?“ macht Geist wahrnehmungslos krank!?
    Gruß
    W.H.

    P.S. alternativlos

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