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	<title>Wostkinder</title>
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	<description>Wir waren noch Kinder. Im Osten Deutschlands geboren, verbrachten wir einen Teil unserer Kindheit in der DDR.</description>
	<lastBuildDate>Sat, 18 May 2013 07:10:38 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
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		<title>Mythos und Witz</title>
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		<pubDate>Sat, 18 May 2013 07:10:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin-roenicke</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Aus der DDR wird kein Mythos über einen besonderen Staatsmann übrig bleiben – das nicht. Aber wir können den Mythos von der friedlichen Revolution schaffen, die ohne Humor nicht denkbar gewesen wäre. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/05/18/mythos-und-witz-276/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Walter Ulbricht ist auf Staatsbesuch in China. Nach dem Staatsakt unterhält man sich in gelöster, privater Atmosphäre.<br />
Ulbricht: &#8220;Nusachemal Mao, wie viel Gegner hast Du&#8217;n eischentlich?&#8221;<br />
Mao: &#8220;Na so ungefähr 1,3%.&#8221;<br />
Ulbricht:: &#8220;Mmh, &#8230;.&#8221;<br />
Einige Bedenkminuten später.<br />
Ulbricht: &#8220;Nusachemal Mao wie viele sind denn das?&#8221;<br />
Mao: &#8220;Ja so etwa 17 Millionen.&#8221;<br />
Ulbricht: &#8220;Ja, mehr hab ich auch nicht.&#8221;</em></p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1f/Bundesarchiv_Bild_183-J1231-1002-002_Walter_Ulbricht%2C_Neujahrsansprache.jpg/557px-Bundesarchiv_Bild_183-J1231-1002-002_Walter_Ulbricht%2C_Neujahrsansprache.jpg" width="557" height="599" /></div><span class="Bildunterschrift">Walter Ulbricht; Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J1231-1002-002 / Spremberg, Joachim / CC-BY-SA</span></div>
<p>Walter Ulbricht war vor meiner Zeit. Dass es in der DDR eine Fülle an Witzen über ihn gab, davon erfuhr ich erst als Erwachsene, mehr als 20 Jahre nach der Wende. Mit Ulbricht verbinde ich keine Erfahrung, keine persönliche Geschichte. Dennoch muss ich mit ihm anfangen, denn mit ihm begann eine heimliche, wirkmächtige Tradition unter vielen DDR-Bürger_innen: Der politische Witz. Man machte sich nicht zu knapp über diese Typen da oben lustig. Hinter vorgehaltener Hand. <em>Vor</em> meiner Zeit war es Ulbricht, (der <em>Eulenspiegel</em> hat jüngst ein ganzes Buch voller Ulbricht-Witze herausgegeben: &#8220;Gute Nacht Lotte&#8221;). <em>Zu</em> meiner Zeit war es Honecker. Dass dieser Honecker sagen wir mal nicht gerade eine Respektsperson war, das war irgendwie sogar bei mir angekommen. So klein und dumm ich auch noch war. Aber was war da eigentlich schief gelaufen, dass es der DDR nicht gelungen war, politische Persönlichkeiten hervorzubringen, wie wir sie aus der Bundesrepublik kennen, in Person von Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl? Man mag von den genannten ja politisch halten, was man will – sie sind im kollektiven Gedächtnis der Republik als Respektspersonen verankert und daran gibt es auch nichts zu rütteln (mit Ausnahme von vielleicht Kohl). Ulbricht und Honecker waren… ein Witz.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/75/Bundesarchiv_Bild_183-1986-0421-044%2C_Berlin%2C_XI._SED-Parteitag%2C_Erich_Honecker.jpg/519px-Bundesarchiv_Bild_183-1986-0421-044%2C_Berlin%2C_XI._SED-Parteitag%2C_Erich_Honecker.jpg" width="519" height="600" /></div><span class="Bildunterschrift">Erich Honecker. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1986-0421-044 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA</span></div>
<p><strong>Der missglückte Mythos</strong></p>
<p>Der Ideenhistoriker Herfried Münkler betrachtet in seinem Buch „Die Deutschen und ihre Mythen“ die Entwicklungen der beiden deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Er schreibt: „Den Gepflogenheiten kommunistischer Regime entsprechend, entwickelte sich um Ulbricht und Honecker ein Personenkult, dessen Wirkung durch das dürftige Charisma der beiden freilich Grenzen gezogen waren.“ Hinzu kam, dass der Gründungsmythos der DDR, der laut Münkler darin bestand, den antifaschistischen Widerstand auszurufen (vgl. Beitrag vom 06.03. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/06/lechts-und-rinks-in-west-und-ost-71/" target="_blank">„Lechts und Rinks in West und Ost“</a>), auf sehr wackeligen Beinen stand. Es mangelte an Vertrauen in diesen Mythos, er wirkte unehrlich. Auch die Rituale, die sich um ihn rankten, wirkten zu bemüht oder gar lächerlich. Was unterschied denn die durchaus sehr militaristische DDR-Rhetorik, oder die Praxis der Zensur, der Verfolgung von angeblichen Staatsfeinden oder die Verbote von Kunst und Literatur, die als „staatsgefährdend“ eingestuft wurden, <em>wirklich</em> noch von den Mitteln,  derer sich der Hitler-Faschismus bedient hatte? Wurde nicht auch in der DDR ein imaginäres Feindbild konstruiert, um die Leute beisammen zu halten? Fand nicht auch hier eine Sakralisierung der Politik statt? Viele viele Menschen verstanden, dass die auf dem Gründungsmythos beruhenden Inszenierungen eine Fassade waren. Eine Art Pappkulisse.</p>
<p>Sabine Rennefanz vergleicht diese Kulisse in ihrem Buch „Eisenkinder“ mit einem Indianerspiel, das alle mitspielen. Es gibt verschiedene Rollen, die werden zugewiesen und die hat man darzustellen. Man verstellt sich dabei aber auch nicht wenig und man ist sich vor allem irgendwie darüber im Klaren, dass diese ganze Rolle und das Zusammenwirken mit anderen nicht ganz real, irgendwie gespielt sind. Aber man muss es halt so machen, sonst fällt man auf. Also spielt man mit – dann hat man seine Ruhe.</p>
<p><strong>Strukturelle Humorlosigkeit</strong></p>
<p>Es war also vielen immer klar: Hier läuft einiges schief. Sicherlich glaubten auch nicht wenige an den Gründungsmythos, doch die Bürger_innen der DDR waren sehr politisch. Sie stellten viele Fragen – zumindest wenn sie sich sicher sein konnten, dass sie dafür nicht Schwierigkeiten bekamen. In den Anfangsjahren der DDR war das noch gefährlich, wie verschiedene Autor_innen im Nachgang beschreiben. Politischer Widerstand wurde hart bestraft, gerade auch das Witzemachen, so berichtet Eckart Schörle in<a rel="nofollow" href="http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2010/heft-69/" target="_blank"> „Horch und Guck“, Heft 69 (3/2010)</a>. 1949 seien elf Angestellte eines volkseigenen Betriebs in Oberschöneweide wegen des Verfassens eines Spottgedichts über Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl ins Gefängnis gekommen. Auch nach 1953, als am 17. Juni ein politischer Aufstand gewaltvoll niedergeschlagen worden war, entspannte sich die Lage überhaupt nicht, im Gegenteil: Schörle zufolge habe der Anteil witziger Beiträge in der DDR-Presse daraufhin abgenommen. Es sei eine Art Humor-Vakuum entstanden, das zumindest in Teilen durch die Gründung des offiziellen Satiremagazins <em>Eulenspiegel</em> im Jahre 1954 aufgefangen worden sei. Etwa zu dieser Zeit gab es außerdem in West-Berlin das Satiremagzin <em>Tarantel – Monatsschrift der Sowjetzone</em>, das illegal in die DDR gebracht und dort verbreitet wurde.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/91/Bundesarchiv_Bild_183-19000-3301%2C_Berlin%2C_DDR-Gr%C3%BCndung%2C_Wahl_Pieck%2C_Grotewohl.jpg" width="800" height="562" /></div><span class="Bildunterschrift">Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-19000-3301 / Zühlsdorf / CC-BY-SA</span></div>
<p>Beißender und zynischer wurde der Humor und wurden auch die Karikaturen, als es die ersten Toten an der Mauer gab. Ein Beispiel sind die <a rel="nofollow" href="http://www.aloiskuhn.eu/DDR/ddr.html" target="_blank">Karikaturen des Zeichners Alois Kuhn</a>.</p>
<p>Aus den Stasi-Unterlagen Kuhns geht unfreiwillig ironischer Weise hervor, dass die Stasi mit dessen Botschaften zumindest zu Beginn nicht so recht umzugehen wusste (später, so Kuhn, hat die DDR ihn an den Westen „verkauft“). In den Unterlagen der Stasi heißt es über Kuhns konspiratives Treiben:</p>
<blockquote><p>„<strong>Seine Arbeiten sind von einer unklaren politischen Aussage-kraft gekennzeichnet.</strong><br />
So stellt das Bild <a rel="nofollow" href="http://www.aloiskuhn.eu/DDR/ddr_25_totalerKrieg.html" target="_blank">&#8220;Wir bringen den totalen Frieden&#8221;</a> [hinter dem Link verbirgt sich das betreffende Kunstwerk] eine Gruppe von Soldaten (mit NVA-Stahlhelm) dar, die auf eine andere Gruppe von Menschen loswalzt und hinter sich eine glattgestampfte Ebene hinterläßt.<br />
[...]<br />
Die Berichte sind nicht offiziell auswertbar.“</p></blockquote>
<p>Kuhn stellt hier explizit eine Parallele zwischen Hitler-Faschismus und DDR-Regime her – doch die Stasi empfindet dies als eine „unklare politische Aussagekraft“. Finden Sie das nicht auch ein bisschen witzig?</p>
<p><strong>Komik und Realsatire</strong></p>
<p>An der DDR war vieles unfreiwillig komisch. Satire und Groteske blühten im Stillen, es wurden viele Steilvorlagen geliefert. Im Band „Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR“, (herausgegeben von Uwe Kolbe et. al bei Luchterhand), kommt die Groteske in nicht wenigen Geschichten hervor. Dort, wo es nicht zensiert werden konnte, war sie häufige Begleiterin der Literatur. Komik und Realsatire war eine feste Konstante in der DDR. Anhand von Witzen konnte Zusammenhalt generiert werden, wie es auch in einer Szene in der Fernsehverfilmung des Tellkamp-Romans „Der Turm“ zu sehen war. Der politische Witz konnte, vorsichtig eingesetzt, dazu dienen, die Haltung des Gegenüber zu testen. Und wenn es glückte, dann konnte das gemeinsame Lachen (ein spontanes Lachen ist schwer wieder zurückzunehmen, es steht für sich) unter Kollegen Vertrauen schaffen – in „Der Turm“ wird dies deutlich gemacht, hier schafft ein Witz ein Band, eine Verbindung zwischen Ärzten.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e6/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1007-402%2C_Berlin%2C_40._Jahrestag_DDR-Gr%C3%BCndung%2C_Ehreng%C3%A4ste.jpg" width="794" height="504" /></div><span class="Bildunterschrift">Berlin: 40. Jahrestag DDR/ Parade/ Eine Ehrenparade der Nationalen Volksarmee leitete die Feierlichkeiten am 7.Oktober ein. Auf der Ehrentribüne in der Karl-Marx-Allee wurden herzlich begrüßt der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, und weitere Mitglieder der Partei- und Staatsführung der DDR sowie der Generalsekretär des ZK der KPdSU und Vorsitzende des Obersten Sowjets der UdSSR, Michail Gorbatschow (7.v.l.), und weitere Repräsentanten aus dem Ausland. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA</span></div>
<p>Doch die Realsatire war nur bedingt lustig, blieb ambivaltent. Sie war gleichzeitig auch gruselig, denn die meinten das ja ernst. Ja – die – die da oben. Die Sache mit den Wahlen, die Inszenierung Ulbrichts oder Honeckers, der seltsame sozialistische Pathos – die meinten das ernst und wer nicht aufpasste, konnte schnell in nicht mehr lustige Konflikte geraten. Ist es überhaupt erlaubt, angesichts von Toten an der Grenze noch über das ganze System zu lachen? Wäre es nicht angebrachter gewesen, in Trauer und Erstarrung zu verfallen – oder in Widerstand und Revolte etwas zu tun? Wer aber kann es sich anmaßen, angesichts der Geschehnisse vom 17. Juni 1953 so etwas einfordern zu wollen? Außerdem sollte die Wirkung von Lachen nicht unterschätzt werden. „Lachen konnte gewissermaßen eine erste Atemübung für eine andere Sicht auf die Dinge sein und ein Mittel gegen lähmende Ängste und Lethargie bilden.“ erklärt Schörle in „Horch und Guck“.<br />
Auch Ulrike Häußer, Herausgeberin des Bandes „Vergnügen in der DDR“ warnt vor Schnellschüssen und Verallgemeinerungen. Das Buch ist daher bewusst divers gehalten, mit sehr vielen, sehr unterschiedlichen Eindrücken des DDR-Alltags, teils von Wissenschaftler_innen verfasst, teils von Künstler_innen, teils werden sehr subjektive und autobiografische Zugänge zu Themen und Texten gewählt. Häußler bemerkt im Vorwort, dass das Leben in der DDR sich nur verstehen lasse, „wenn in einer Gesamtschau die Ambivalenzen, die Grenzziehungen und die Geschlossenheit der ostdeutschen Gesellschaft“ betrachtet werde.</p>
<p>Vielleicht gelingt es, den Ostdeutschen jetzt einen Mythos zu geben, eine Geschichte, auf die sie stolz sein können: Sie haben eine friedliche Revolution erwirkt und man sollte ihnen dieses Wort gönnen. <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ehrhart_Neubert">Erhart Neubert</a> ist einer der ersten gewesen, die es ganz selbstverständlich für das verwendeten, was 1989/1990 geschah. Es war eine Revolution. Und auch Neubert ist überzeugt:  Witz und Humor haben als Sand im Getriebe ihren Teil zu dieser Revolution beigetragen. Aus der DDR wird kein Mythos über einen besonderen Staatsmann übrig bleiben – das nicht. Aber wir könnten mit Fug und Recht den Mythos vom vergnügten Volk schaffen, das sich seinen Humor nicht nehmen ließ.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ein Schulleben lang</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/05/12/ein-schulleben-lang-263/</link>
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		<pubDate>Sun, 12 May 2013 18:18:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marco-herack</dc:creator>
				<category><![CDATA[ddr]]></category>
		<category><![CDATA[klassenkeile]]></category>
		<category><![CDATA[schule]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Das Leben in der Schule kann ebenso grausam sein wie der Lerneffekt prägend: Wie es war, in der DDR nicht nur den Unterricht, sondern gleich das Kollektiv zu stören. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/05/12/ein-schulleben-lang-263/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Eine tiefe Skepsis gegenüber Menschen, Gruppen und Institutionen liegt meinem Blick auf die Welt zu Grunde. Im Lauf der Jahre habe ich eine sehr feine Sensorik dafür entwickelt, ob und wie Menschen sich verändern. Besonders dann, wenn sie nicht mehr nur sie selbst sind, sondern dem Einfluss anderer unterliegen zu Führungspersonen werden oder für Institutionen sprechen. Dieser Einfluss und die Entwicklung kann positiv wie auch negativ sein. Meist scheint er jedoch negativ. Es ist aber nicht nur diese Skepsis, die mich immer etwas weit weg von den Menschen sein lässt. Meine Disposition spielt ebenfalls eine Rolle. Sie wurde durch mein Erleben der Schule in der DDR zusätzlich geprägt.</p>
<p><b>Disposition</b></p>
<p>Nachdem ich 1980 in die Welt geworfen wurde, stellte meine Uroma Anna sehr schnell fest: &#8220;Der Junge kann nicht ruhig liegen.&#8221; Das sollte sich bis heute nicht ändern und war bis zu meiner Einschulung im Jahr 1986 auch kein Problem. Der Kindergarten bot Auslauf genug und lediglich in den Mittagsstunden, in denen alle Kinderlein schlafen sollten, wurde ich auffallend oft ermahnt, doch nun bitte endlich still zu sein und noch ruhiger zu liegen. Mit der Einschulung wurde dieses zappelige zu einem Problem. Statt still und ruhig dem Unterricht zu lauschen, drehte ich mich ständig um, saß nicht still und redete mit meinen Schulbank-Genossen. Bevorzugt mit denen, die hinter mir saßen.</p>
<p>Heute ist die Reaktion auf diese Erzählung meist dahingehend, dass man vermutet ich habe <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/aufmerksamkeitsdefizit-/hyperaktivit%25c3%25a4tsst%25c3%25b6rung">ADHS</a>. Die Aussicht auf Medikamente ist entsprechend. Das wäre falsch, denn nach allem was ich mittlerweile weiß, betrifft mich das <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/asperger-syndrom">Asperger-Syndrom</a>. Ich habe dafür bisher noch keine gute Erläuterung finden können, da die Ausprägungen sich in jedem einzelnen Fall sehr unterschiedlich darstellen und Forscher sich hauptsächlich mit Kindern beschäftigen. Kurz gefasst, befinde ich mich in einem Kokon, den ich ständig und für alles bewusst durchdringen muss um in der Welt sein. Nicht bei den Menschen zu sein, ist mein Naturzustand. Ich bin sehr ungeschickt und Verhaltensweisen sind bei mir bewusst antrainiert. Sie kommen nicht aus mir selbst heraus. Symmetrie ist wichtig, mir vor allem bei Verhaltensweisen anderer Menschen. Die Diagnose „Asperger“ geht in Richtung Autismus. Menschen mit dieser Diagnose wurden in der DDR in die Sonderschule gesteckt.</p>
<p>Aufgrund fehlender Diagnose blieb mir die Sonderschule erspart. Ich galt damals einfach nur als unangepasst. Man muss dazu sagen, dass ich in einem sehr liberalen Elternhaus groß geworden bin. Generell herrschte in unserer Familie eine offene Atmosphäre. Es wurde über Dinge gesprochen und der Zwang des Systems herrschte nicht vor. Auch herrschte in Berlin generell eine liberalere Atmosphäre als im Rest der vermeintlichen Republik. Für die Schule in Marzahn kann man das nicht behaupten. Als ob die Lehrer dieses grundsätzlich Liberale der Umgebung kompensieren wollten, herrschte der totale Frontalunterricht. Die Kinder hatten still zu sein, sich nicht zu bewegen und wer etwas sagen wollte, musste sich melden. Es gab keinen Spielraum für die Kinder und Strafen, die auf der Beschämung des Kindes beruhten. Bei meiner Klassenlehrerin Frau Vogel war ich dank meiner Wuseligkeit entsprechend beliebt. Mahnungen, Verwarnungen und Bestrafungen prägten in dieser Zeit mein Schulleben.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><a title="Schulanfang in der DDR (1980)" rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:SchulanfangDDR1980.JPG" target="_blank"><img class="         " alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/77/SchulanfangDDR1980.JPG" width="919" height="612" /></a></div><span class="Bildunterschrift">Schulanfang in der DDR (1980) von <a title="User:Vwpolonia75" rel="nofollow" href="http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Vwpolonia75">Vwpolonia75</a> (Jens K. Müller, Hamburg)<br /><a title="w:de:Creative Commons" rel="nofollow" href="http://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons">Creative Commons</a>-Lizenz <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" rel="nofollow">Namensnennung 3.0 Unported (CC BY 3.0)</a></span></div>
<p><b>Disziplinierungsmaßnahmen</b></p>
<p>Anfänglich war der Eintrag in das Hausaufgabenbuch besonders beliebt. Mit drohend roter Farbe wurde darin vermerkt, wenn der Junge mal wieder störte. Dieser hatte das Hausaufgabenheft dann seinen Eltern zu geben, die den Eintrag zur Kenntnis nehmen sollten. Damit sie das auch wirklich taten, mussten sie diese Kenntnisnahme per Unterschrift bekunden.</p>
<p>Meine Eltern mussten täglich unterschreiben. Dabei war meine Lehrerin so pedantisch, dass sie ihre Vermerke für jede aufgelistete Stunde in diesem Hausaufgabenheft hinterließ. Das ging zwei Wochen lang so, dann schrieb meine Mutter die Frage zurück, ob sie denn in die Schule kommen solle, um ihrem Sohn den Kopf zu halten. Das Heft sahen wir danach nie wieder. Frau Vogel zog es ein und die Vermutung liegt wohl nahe, dass sie es an die Stasi weiterreichte und das Heft der Akte meiner Mutter beigelegt wurde.</p>
<p>Einträge in das Hausaufgabenheft gab es danach nicht mehr. Frau Vogel gab diesbezüglich auf. Stattdessen, begann sie mich zu stigmatisieren und diverse Zwangsmaßnahmen einzuleiten. Zum Beispiel musste ich mich immer wieder mal mit dem Kopf zur Wand in eine Ecke stellen. Je nach Lust und Laune mal vor der Klasse oder hinter der Klasse. Generell versuchte sie mich als Kollektivstörer darzustellen, was gegenüber Kindern nicht schwer war. So wurde ich erst mit 6 Monaten Verspätung in die Jungpioniere (blaues Halstuch) aufgenommen. Ich wurde also von den Gruppenaktivitäten ausgeschlossen. Gerade die Jungpioniere waren damals sehr wichtig. Sie erzeugten den ersten sichtlichen Stolz kleiner Kinder. Diese fühlten sich geehrt, frönten der Gruppe und ihren Aktivitäten. Wer nicht dabei war, war ein Außenseiter. Ich wurde ein Kind, das man mied. Später hieß es, dass man mich in den Thälmann-Pionieren (rotes Halstuch) erst gar nicht sehen wolle, geschweige denn in der FDJ. Das bedeutete, dass ich auch bei guter Leistung keine Erweiterte Oberschule (EOS) hätte besuchen können. Diesem Ausschlussvorgang kam die Wende dazwischen.</p>
<p>Freunde fand ich trotzdem. Besonders prägend war Sascha. Es stellte sich schnell heraus, dass Sascha vor allem deswegen mein Freund war, damit er mich beklauen konnte. Er stahl mir unbemerkt verschiedene Dinge. Ich hatte keinen Blick für so etwas. Ich war froh einen Freund zu haben. Erst meine Mutter deckte dieses Treiben auf und natürlich mochte ich es zunächst nicht so recht glauben. Sascha beklaute nicht nur mich. Er trieb überall sein Unwesen, was die Schule mit einschloss. Dort klaute er eines Tages ein Stiftmäppchen. Der oder diejenige, der das Mäppchen entwendet wurde, merkte das Fehlen recht schnell und es begann die Suche danach. Sascha erwähnte dabei, dass er gesehen habe, wie jemand das Mäppchen genommen habe. Der Täter sollte ich gewesen sein. Die Beschuldigung verschaffte mir sehr schnell die Aufmerksamkeit des Kollektivs, das beim Durchwühlen meiner Sachen jedoch kein Mäppchen finden konnte. Damit war die Angelegenheit für mich erledigt.</p>
<p>Nach Beendigung des Unterrichts war ich noch etwas länger im Klassenraum. Als ich dann ging, war niemand da. Es war still und auch vor der Schultüre konnte ich niemandem entdecken. Das änderte sich, nachdem ich den Schulhof verlassen hatte und plötzlich von einer Horde KlassenkameradInnen umringt war. Wie ich zu hören bekam, hatte mein Freund Sascha die gesamte Klasse davon überzeugt, dass ich der Dieb des Stiftmäppchens bin. Nun müsse man mir eine Lektion erteilen. Der wütende Mob, wie ich ihn heute nennen würde, ließ sich das nicht zweimal sagen. Mir wurde eine kräftige körperliche Abreibung verpasst, die sich &#8220;Klassenkeile&#8221; nannte.</p>
<p><b>Gerechtigkeit</b></p>
<p>Die Einzelheiten dieses Vorgangs habe ich zum Glück verdrängt und irgendwann schritt eine Lehrerin ein. Ihr Handeln erstaunte mich, denn es war mir gegenüber fair. Sie erkundigte sich nach dem Geschehen und ließ dann alle Schränke und Schubladen durchsuchen. Man fand das Mäppchen bei Sascha. Die Stimmung drehte sich schlagartig. Sobald die Lehrerin wieder weg war, wollte der Kindermob sich diesem Sascha und einem weiteren Rädelsführer widmen. Beide entkamen, es passierte ihnen nichts. Und wenn mir von diesem Geschehen irgendwas geblieben ist, dann die Tatsache, dass die Angelegenheit vergessen war. Es gab nicht mal ein Verzeihen oder ein ähnliches Ritual. Sascha konnte einfach so in die Schule kommen. Alles war erledigt und wie zuvor. Natürlich war ich auch weiterhin der Außenseiter und das Kollektiv sucht die Schuld nicht bei sich selbst.</p>
<p>Als Kind in der DDR unterlag ich immer einer Mischung aus Schuldgefühl und Rebellion. Ich wusste, dass das nicht richtig ist und nicht richtig sein darf. Also rebellierte ich unbewusst dagegen und zugleich wurde mir vielfach vermittelt, dass der Fehler bei mir liegt. Ich befand mich also in einer Lage, in der mir meine Umwelt keine klare Richtung vorgeben konnte. Es gab keine Möglichkeit einer richtigen Handlung. Und so war der Konflikt nur fortführbar, aber nicht lösbar.</p>
<p>Niemand sollte nun glauben, dass es im Westen besser war. All das hätte mir dort genauso gut passieren können. Viele Lehrer, auf die ich nach der Wende in Baden-Württemberg stieß, waren keine Deut besser. Es ging ihnen darum, den funktionierenden Schüler zu erzwingen. Der Unterschied zu meiner Schulzeit im Osten war, dass ich bessere Freunde fand und daher meine Ruhe hatte. Auch war nicht jeder Lehrer so wie eingangs beschrieben. Es gab Lichtblicke, die halfen. Gerade diese Lichtblicke zeigen mir heute, wie wichtig auch der Umgang der Lehrer mit den Schülern ist. In dieser Hinsicht bleibt Gesamtdeutschland ein ewiges Entwicklungsland.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Post für dich!</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/05/04/post-fur-dich-250/</link>
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		<pubDate>Sat, 04 May 2013 07:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin-roenicke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biene Maja]]></category>
		<category><![CDATA[ddr]]></category>
		<category><![CDATA[Dissidenten]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturtransfer]]></category>
		<category><![CDATA[Westpaket]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Westpakete, Westbesuche und Westfernsehen – es gab deutsch-deutschen Kulturtransfer. So wurde in der DDR das andere Land, das so unerreichbar und ambivalent wirkte, wenigstens ein bisschen erfahrbar. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/05/04/post-fur-dich-250/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Meine Familie setzt sich aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands kommend zusammen. Da sind zum einen eher bäuerliche Einschläge aus der Region, die heute Sachsen-Anhalt ist. Dort wuchs auch ich die ersten Jahre auf. Zum anderen ist dort der Teil, der aus dem lieblichen Taubertal kommt – wo ich den zweiten Teil meiner Kindheit verbrachte. Und dann gibt es noch einen weiteren Teil: Meine Oma väterlicherseits lebte in Berlin, wuchs dort auf; eine Großtante (ihre Schwester) und ein Großonkel lebten in Travemünde.</p>
<p><b>Familienbande in Süd, Ost und Nord</b></p>
<p>Mein Opa mütterlicherseits kam eigentlich aus besagtem Taubertal. Im Krieg wurde er von den Russen gefangen genommen. Eine Zeit, von der er nie sprach und ich war bislang nicht reif genug, ihn danach zu fragen. Jetzt, wo ich mich dem gewachsen fühle, ist es zu spät. Erst 1949 entließ man ihn aus der Kriegsgefangenschaft und schickte ihn in den neuen deutschen Staat DDR. Sozialismus aufbauen statt Heimat und Familie. Er heiratete in den Fünfzigern meine Oma und relativ spät, meine Großeltern waren über 30 Jahre, kam 1958 meine Mutter auf die Welt. Mein aus dem lieblichen Taubertal stammender Opa wurde der Familienlegende nach auch deshalb ein DDR-Bürger, weil meine Oma angesichts zu großer Sehnsucht in jener Zeit, als die Grenzen noch nicht komplett dicht waren, als noch keine Mauer stand, nicht bereit war ihre eigene Heimat für ein Leben im Westen hinter sich zu lassen. Aber da war es ja auch nicht absehbar, dass die DDR ihre Bürger_innen bald einsperren würde. Jedenfalls war meine Familie zwar grundbodenständig und die meisten Zweige eher bäuerlicher Art, dennoch hatten wir nicht gerade wenig West-Verwandtschaft.  Und so bekamen wir Besuche aus dem Westen und auch Westpakete aus Travemünde und aus dem Taubertal.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-large wp-image-253" alt="" src="http://blogs.faz.net/wost/files/2013/05/IMG_6078-1024x1024.jpg" width="584" height="584" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Katrin Rönicke</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Meine Mutter hatte im Westen fünf Cousins. Das waren die fünf Söhne der Schwester meines Opas. Allesamt sehr fröhliche und offene Menschen, zu den meisten von ihnen besteht noch heute ein guter, wenngleich sporadischer, so aber doch nie abreißender Kontakt. Und der bestand auch schon vor der Wende. Mein erstes West-Paket erhielt ich von einem dieser Cousins, eine eigene Erinnerung daran habe ich nicht, denn es war ein Geschenk zu meiner Geburt. Vielleicht war es auch ein Mitbringsel. Jedenfalls erhielt ich einen kleinen Plüschhund, der über viele Jahre hinweg mein unverzichtbarer treuer Begleiter sein sollte. Wie ein kleines Museums-Stück lebt er noch heute bei mir, wird aber tunlichst geschont, denn auf seine alten Tage kann er nur noch wenig vertragen. Es sind ihm schon mehrfach Ohren, Nase, Auge und Augenbraue oder Schwanz angenäht worden. Sein Fell war schon einmal wesentlich dichter und er selbst um einiges pummeliger. Man sieht ihm an, dass er wichtig war und benutzt wurde. Er wich tatsächlich in meinen Kindertagen nie von meiner Seite. Wir Pädagogen nennen solche Plüschtiere „Übergangsobjekte“, die vor allem dann unentbehrlich werden, wenn Kinder irgendwo ohne ihre Eltern bleiben. Was ich nicht selten tat.</p>
<p>Geschenke und Pakete aus dem Westen begleiteten meine Kindheit also von Anfang an. Ein anderer der Cousins meiner Mutter hatte Zwillinge, die waren ein paar Jahre älter als ich. Sie schickten Pakete mit ausgetragenen, zu klein gewordenen Anziehsachen, die ich auftrug. Oder sie brachten sie vorbei, wenn sie zu Besuch waren. Die Pakete und die Besuche waren stets etwas Besonderes. Sie hellten  mir den Alltag erheblich auf.</p>
<p><b>Die Dissidentin Maja</b></p>
<p>Ansonsten erinnere ich mich nur noch an ein paar Highlights: Da waren zum Beispiel jene Bücher, die meine frühe Kindheit prägten. Pinocchio, Bambi und die Biene Maja. Heute lese ich die Biene Maja meinen eigenen Kindern vor und muss oft schmunzeln. Diese kleine Biene, die aus ihrem durchorganisierten, klar strukturierten Staat ausbricht. Einem plötzlichen Freiheitsdrang folgend. „Ich will mehr, als nur arbeiten!“ ist ihr Credo und so stellt sie sich mit ihrer Verweigerung gegen die anderen Bienen, die stets fleißig arbeiten. Jede einzelne Biene wurde gebraucht, den Staat, die Versorgung (mit Honig) und die Gemeinschaft aufrecht zu erhalten. Keine der Bienen hinterfragte diese Ordnung – jede hatte das Gefühl, es sei nötig und davon profitierten schließlich alle Bienen. Die anderen Bienen fühlten sich dem großen Ganzen verpflichtet, das viel mehr war, als die Summe seiner Teile – nur Maja nicht. Sie wollte mehr, wollte Freiheit, wollte neugierig die Welt erforschen. Was für eine Geschichte, um sie einem Kind in der DDR vorzulesen!</p>
<p>Maja haut ab. Fliegt in die Freiheit. Auf ihren Reisen lernt sie andere Insekten und sogar die Spinne Thekla kennen. Sie ist so neugierig und weltenbummlerisch, dass es ihr gar nichts ausmacht, dafür Sicherheit und Ordnung aufzugeben. Dieses Buch liest sich für mich heute wie ein erster großer, verschriftlichter Widerspruch zum Leben in der DDR. Ich bekam es 1986 aus Travemünde geschenkt – 1987 sollte mein Vati zur Biene Maja werden.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-large wp-image-254" alt="" src="http://blogs.faz.net/wost/files/2013/05/IMG_6080-1024x1024.jpg" width="584" height="584" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Katrin Rönicke</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Mit dem Weggang meines Vaters bekam das Westpaket auch eine ganz neue Bedeutung für mich. 1987 feierte mein Großonkels Willi im Taubertal einen runden Geburtstag, zu dem mein Vater reisen durfte. Er blieb und das war auch so geplant gewesen, mit meiner Mutter Abgesprochen. Mit mir aber nicht. Natürlich nicht. Ich war gerade vier Jahre alt. Ich durfte nicht wissen, dass die ganze Sache von meinen Eltern zusammen geplant worden war. Kinder plappern, vor allem wenn sie noch so klein sind. Und mein argloses Plappern hätte meine Mutter in ernste Gefahr bringen können (heute denke ich – jetzt wo ich viel mehr über die „Politik“ und den Umgang mit solchen Dissidenten-Familien weiß, als noch vor zehn Jahren &#8211; dass wir wirklich <i>richtig</i> Glück gehabt haben, dass alles so glimpflich ablief!). Meine Mutter <i>musste</i> so tun, als hätte mein Vater auch sie mit seinem Dortbleiben total überrumpelt und sie durfte auch zu mir nicht ehrlicher sein, denn sonst hätte ich vielleicht nicht mitgespielt. Sie musste die Ahnungslose spielen, die trauernde Frau (gut, das fiel ihr nicht so schwer, denn es war eine traurige Zeit ohne ihn). Vati war weg, aber über die Gründe wusste ich nichts.</p>
<p><b>Post aus Vatis neuem Land</b></p>
<p>Doch er schickte Pakete. Mit Essen (ich erinnere mich daran, dass es häufig <i>Hanuta</i> zum Frühstück gab. Es ist in meiner Erinnerung so präsent, als habe es das jeden Morgen gegeben – aber dem war vermutlich nicht so). <i>Kaba</i>-Kakao-Pulver und auch Spielzeug. Natürlich schickte er liebevolle Worte – nicht zu knapp. All das war Liebe und tat sehr gut. Die Konversation meiner Eltern in dieser Zeit füllt heute ein eigenes, etwas seltsames und graues Familienalbum. Und einiges dürfte auch Bestandteil ihrer Stasi-Akten sein, denn natürlich wurde der Postverkehr des Dissidenten mit seiner Familie geöffnet. Meine Eltern hatten auch eine Art „Geheimsprache“ – ein Aspekt, den ich nach der Wende, als man mir so langsam begann zu erzählen, was da eigentlich alles passiert war, unglaublich spannend fand. Es war ein bisschen wie bei James Bond, fand ich.</p>
<p>Mit den Westpaketen erlebte ich erstmals, dass Konsumgüter mehr werden können, als nur reine Gebrauchsgegenstände. Sie werden zu Kulturgütern (vgl. dazu<a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/04/18/kaufen-und-haben-201/"> meinen Beitrag zu Konsum</a>). Die <i>Hanutas</i> und der <i>Kaba</i>, die Kuscheltiere und die Bücher – all das wurde zu einem Teil meines Lebens. Ein Teil, den ich nur sehr eingeschränkt wirklich verstand und nur sehr wenig einordnen konnte. Weswegen meine Phantasie ihr Übriges tat: Die Konsumgüter wurden Bestandteile von kleinen Fiktionen, die um sie herum entstanden. Durch all diese Gegenstände und Alltags-Erfahrungen wurde das andere Land, das so unerreichbar und ambivalent auf mich wirkte, wenigstens ein bisschen erfahrbar. Doch nicht nur um diese Produkte spann sich meine Phantasie, nein: Der ganze Westen war eine einzige Fiktion, Kinderidee und Phantasie für mich. Es basierte auf den Mosaikteilen, die ich davon zu sehen bekam: Bücher, Zeichentrickserien im geliebten Westfernsehen, Westpakete und West-Fernsehwerbung. Und natürlich die Geschichten der West-Verwandten, die uns besuchten. Kein Wunder, dass ich im Jahr 1989, dem Jahr, in dem unsere Ausreise endlich genehmigt wurde, von der Realität dann etwas erschlagen und überfordert war. Ein Phänomen, dass einige meiner Generation, der sogenannten dritten Generation Ost, beschreiben: Der Westen war irgendwie total fremd, ganz anders, als ausgemalt und irgendwie in nicht wenigen Dingen geradezu enttäuschend. Das beschreibt auch Sabine Rennefanz („Eisenkinder“), die bei einem Blick aus dem Berliner Fernsehturm kaum glauben konnte, dass der Westen Berlins ja genauso, oder zumindest frappierend ähnlich aussah, wie der Osten der Stadt.</p>
<p><b>Ein bisschen Nähe</b></p>
<p>Rückblickend betrachtet hat das Westpaket, als einer der „Boten aus dem Westen“, derer es ja mehrere gab, eine zwiespältige Rolle gehabt. Auf mich wirkte es spätestens seit dem Weggang meines Vaters seltsam beruhigend. Es vermittelte Nähe zu etwas, das  gleichzeitig unerreichbar war. Und wenn ein Elternteil für ein Kind unerreichbar ist, hat das immer etwas Verletzendes. Dieses Gefühl der Nähe, das sehr beruhigend war, wirkte für mich als Kind stärker, als die Sehnsucht, die es nach dem Westen weckte. Und bevor mein Vater weg war, und für all die anderen Empfänger_innen von Westpaketen (ich kenne erstaunlich viele Menschen, die auch in den Genuss dieser Alltagsaufheller kamen), brachte das Westpaket die Möglichkeit, an einer Fiktion teilzuhaben, die Phantasie ein bisschen zu beflügeln, etwas außergewöhnliches zu erhalten, ohne gleich das „Gesamtpaket Kapitalismus“ kaufen zu müssen – mit all seinen Risiken und Nebenwirkungen. Das hatte sicherlich ebenso stabilisierende Wirkung, wie das aus diesem Grund tolerierte Westfernsehen. Ein kleines bisschen Horizont im Ameisennest – oder sollte ich sagen Bienenstock? –  in dem ansonsten alles an seinem Platz war. Organisiert und manchmal trostlos. Auf eine seltsame Art Halt gebend und verbindend. Einen Zusammenhalt herstellend, der heute im Osten vielen sehr schmerzhaft zu fehlen scheint. Eine Lücke, die einen komischen Phantomschmerz hinterlassen hat. Über die Generationen hinweg.</p>
<p>(Übrigens: Heute hat das Westpaket einen eigenen <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Westpaket">Wikipedia-Eintrag</a>).</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Rückkehr in die Kindheit</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/04/26/ruckkehr-in-die-kindheit-226/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/wost/2013/04/26/ruckkehr-in-die-kindheit-226/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 09:30:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marco-herack</dc:creator>
				<category><![CDATA[berlin-marzahn]]></category>
		<category><![CDATA[ddr]]></category>
		<category><![CDATA[mühle]]></category>
		<category><![CDATA[vergangenheit]]></category>
		<category><![CDATA[wostkinder]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die eigenartigsten Momente im Leben sind jene, in denen wir auf unsere Vergangenheit treffen. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/04/26/ruckkehr-in-die-kindheit-226/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer weiß schon, wie er als Kind war? Ich. Ein wenig. Nicht viel. Ich bin jetzt 33 Jahre alt und denke ich an meine Kindheit zurück, so ist da wenig Sichtbares. Das macht mir dieses kleine Projekt unter dem Dach einer großen Zeitung etwas beschwerlich. Allem voran geht eine Form von Wissenserlangung, die sich aus Lesen, Diskussionen, Recherchen, Filmen, Podcasts oder Befragungen ergibt. Meist bleibt das behandelte Thema dabei abstrakt, selbst wenn Menschen davon berichten. Es gibt sehr selten eine Möglichkeit, Dinge aus dem eigenen Erleben heraus neu zu erfahren und zu behandeln. Erlebe ich dann jedoch einen dieser seltenen Momente, dann ist er umso befremdlicher. Klar wird dadurch vor allem, wie wichtig das Erinnern ist.</p>
<p><b>Damals</b></p>
<p>Im Jahre 1980 wurde ich im Berliner Stadtteil Friedrichshain in die Welt geworfen. Zu dieser Zeit war es bei Weitem nicht so „hip“ wie heute, dort zu wohnen. Die Häuser waren stark verfallen. Kohle diente als Heizmittel. Auf Sanierungen brauchte niemand hoffen. Von Dämmung und energieeffizienter Gestaltung ganz zu schweigen. So schön Friedrichshain heute auch ist, damals war es anders schön. In der DDR konnte man sich aber auch nicht alles aussuchen, schon gar nicht den Wohnraum. Wenn man dann doch mal die Wahl hatte, war die Alternative mitnichten eine Luxuswohnung.</p>
<p>Wir wohnten in einem Altbau, in der Scharnweberstraße. Von dort aus kam und kommt man schnell überall hin, es ist recht zentral gelegen. Die Gegend war schon damals sehr schön und für meine Eltern war ein Vorteil, dass gleich um die Ecke eine Krippe und eine Kita lagen. Zumindest war das theoretisch gut. In der Praxis sagte die Krippe, als meine Eltern mich dorthin geben wollten, dass sie nur noch Platz für Arbeiterkinder haben. Nicht direkt, eher indirekt. Jedenfalls hatte ich, als Akademikerkind, da schlechte Karten. Um mich dennoch in der Krippe unterzubringen, handelte meine Mutter aus, dass sie selbst zwei Jahre lang im Kindergarten nebenan als Kindergärtnerhelferin arbeitet und ich dafür einen Krippenplatz bekomme.<a title="" rel="nofollow" href="#_edn1">[i]</a></p>
<p>Derweil überlegte sich mein Vater, wie wir eine neue Wohnung erlangen konnten, denn das Haus, in dem wir wohnten, sollte abgerissen werden. Auch wäre eine Drei-Zimmerwohnung schöner gewesen. Das war leichter gewünscht als umgesetzt, denn in DDR wurden verheiratete Paare mit zwei Kindern bei der Wohnungszuteilung bevorzugt behandelt. Ohnehin gab es wundersame Kräfte, die der Hälfte der Bevölkerung durch die Stadt eine Wohnung zuteilte. Der anderen Bevölkerungshälfte wurden alternative Wege der Wohnungsbeschaffung aufgebürdet. Der Weg meines Vaters war dann, sich über den Betrieb darum zu kümmern, in welche Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) er eintreten musste, was er dann auch tat. Dieser etwas unfreie Akt führte uns in eine AWG, die Wohnungen in Marzahn zu vergeben hatte. Das war seinerzeit nichts Schlechtes, denn es gab dort keine verfallenen Gebäude. Im Gegenteil, es gab eine Zentralheizung und hochmoderne, schicke Plattenbauten. Meine Eltern hatten also nichts gegen Berlin-Marzahn, den sozialistisch hippen Stadtteil mit ein paar Annehmlichkeiten.</p>
<p>Der Beitritt zur AWG kostete 2-4.000 Mark. Wesentlich frappierender war, dass nebst dieser finanziellen Leistung noch eine Arbeitsleistung benötigt wurde. So gab es ein auf Stunden basiertes Arbeitskontingent, das mein Vater abarbeiten musste. Sein Einsatzort war im Tiefbau. Er schaufelte nahezu jedes Wochenende, am Samstag, Kabeltunnel. Um schneller voranzukommen, nahm er sich einmal Urlaub und schaufelte diesen fleißig durch. Gedauert hat es dennoch. Dieser vorbildhaften Arbeiterleistung hatte meine Familie es zu verdanken, dass wir 1984 von Friedrichshain nach Marzahn ziehen durften. Danke Papa.</p>
<p>Während er so schaufelte, wurde derweil in Marzahn das Gebäude hochgezogen. Nach der Fertigstellung trafen sich alle künftigen Mieter bei der Genossenschaft. Auf dem Tisch stand ein großer Topf mit Losen. Über diese wurde ausgelost, wer welche Wohnung bekam. Wir hatten Glück und bekamen eine der wenigen Wohnungen, die über eine Küche mit Fenstern verfügte. Auch über die Lage im zweiten Stock konnten wir nicht klagen.</p>
<p>Allem Glück zum Trotze, lange <a title="" rel="nofollow" href="#_edn2">[ii]</a> blieben wir nicht. Schon 1991, Wende sei Dank, verließen wir diesen Ort gen Westen. Seitdem bin ich nicht mehr in Marzahn gewesen. 22 Jahre ist das her.</p>
<p><b>Heute</b></p>
<p>Es wurde also höchste Zeit, und dieses Blog ist auch Anlass genug, zusammen mit Katrin Rönicke eine S-Bahn zu nehmen und die 13 Minuten von Friedrichshain nach Marzahn zu fahren. Um genau zu sein, handelte es sich um Marzahn 1. Es existieren insgesamt drei davon, in denen per Stand 1987 rund 170.000 Menschen wohnten.</p>
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	<div class="pic">
<a href="http://blogs.faz.net/wost/wp-content/blogs.dir/2/files/marzahn/01-marzahn_sbahn.jpg" title="Willkommen in Marzahn!" class="thickbox" rel="marzahn">
	<img alt="Katrin Rönicke" src="http://blogs.faz.net/wost/wp-content/blogs.dir/2/files/marzahn/01-marzahn_sbahn.jpg"/>
</a>
</div>
		<div class="Bildnachweis">&copy; Katrin Rönicke</div>
		<span class="Bildunterschrift">Willkommen in Marzahn!</span>

</div>	


<p>Es war ein fünfstündiger Spaziergang durch Marzahn, der mich sehr bewegt hat. Ich erinnerte mich nicht mehr daran, wie bedrückend diese Gegend ist. Die hohen, eng gebauten Gebäude, die einem die Luft zum Atmen nehmen und zugleich das eigene Ich ins ganz Kleine rücken, erzeugten sofort Abstoßung in mir. Besonders auffällig war, dass obwohl es der erste richtige Sonnentag in diesem Jahr war, die Straßen vor allem durch die Abwesenheit von Menschen glänzten. Natürlich liefen in Marzahn Menschen rum, aber bei Weitem nicht so viele, wie es in Relation zur Einwohnerzahl sein müssten. Wir entdeckten auch nur ein Café, was aus Friedrichshain kommend der größte Kulturschock war. Aber woher sollen die Cafés auch kommen, wenn keine Menschen die Straßen zu einem öffentlichen Raum machen?</p>
<p>Meine Mutter erzählte mir später, dass sie in Marzahn seinerzeit fast verrückt geworden ist. Aus genau diesen Gründen. Und auch zu DDR-Zeiten seien kaum Menschen auf der Straße gewesen sind. Meine Eltern haben sich daher kurz vor der Wende ein Grundstück am Müggelsee gekauft. Sie wollten einen Fleck Erde haben, der nicht Marzahn ist, der sie von Marzahn befreit. Die Wendewirren verhinderten das in Perfektion. Nachdem über ein Familienmitglied ein Bagger besorgt worden war, der die Baugrube aushob, traten irgendwelche Menschen mit irgendwelchen Altansprüchen auf den Plan und holten sich das Grundstück „zurück“. Lassen wir das Wegnehmen des Grundstückes in einem Sinne von Wertediebstahl außen vor, so wurde meinen Eltern damals vor allem eine Fluchtmöglichkeit vor Marzahn genommen. Bei der Flucht vor der Enge handelt(e) es sich um ein allgemeines Phänomen. Die Menschen wollten und wollen nicht in dieser Enge sein.</p>
<p>Ob dieser bedrückenden Atmosphäre in Marzahn waren wir beide sehr überrascht, plötzlich eine Mühle auf der anderen Straßenseite zu entdecken. Von der Neugier gepackt überquerten wir diese recht breite Straße und fanden uns plötzlich im Dorf Marzahn wieder.<a title="" rel="nofollow" href="#_edn3">[iii]</a> Die Atmosphäre veränderte sich mit dem Betreten des Dorfes Marzahn schlagartig. Die kleinen, historisch anmutenden Häuser schufen Ruhe und Frieden, ein Gefühl von Geborgenheit. Und während um uns herum die Plattenbauten emporragten, konnte der Geist sich vollständig von ihrer Wirkung abkapseln. Dieser Dreierkontrast „Friedrichshain – Marzahn – Alt-Marzahn“ führte sehr stark vor Augen, was Architektur und Wohnumgebung mit Menschen machen kann. An den Bildern ist sichtbar, dass man sich bemühte den Gebäuden die schlimmste Wirkung zu nehmen. An ihrer grundsätzlichen Bauweise ändert dies jedoch nichts. Damit stellt sich ganz intensiv die Frage, wie nach dem Niedergang der DDR mit ihrem architektonischen Vermächtnis umgegangen wird vor allem aber, wie damit richtigerweise umgegangen werden müsste.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" rel="nofollow" href="#_ednref1">[i]</a> Katrin Rönicke hat das Thema <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/21/emanzipation-durch-krippe-oder-so-126/">Kinderbetreuung in der DDR</a> bereits angeschnitten. Bei meiner Mutter war es so, dass sie explizit als Helferin angestellt wurde. Zudem gab es eine hauptamtliche Betreuerin für die Kinder. Zu zweit kümmerten sie sich dann um ca. 15 Kinder. Dies jedoch nur ein paar Wochen, da die Haupterzieherin krank wurde und sich meine Mutter dann die vollen zwei Jahre allein um die ganze Gruppe kümmern musste. Der Betreuungsschlüssel dürfte aus heutiger Sicht als katastrophal gelten.</p>
<p><a title="" rel="nofollow" href="#_ednref2">[ii]</a> „Lange“ ist diesbezüglich ein sehr relativer Begriff. Auf mein Kindesalter bezogen war der Aufenthalt in Marzahn durchaus sehr lange. In der Retrospektive betrachtet, ist die Verweildauer eher als kurz anzusehen.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" rel="nofollow" href="#_ednref3">[iii]</a> Die <a rel="nofollow" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marzahner_Bockwindm%C3%BChle">Besichtigung der Mühle</a> bescherte uns einen kleinen geschichtlichen Exkurs durch den Vater des Müllers und die Erkenntnis, dass die erste stromerzeugende Windkraftanlage Europas in Marzahn erbaut wurde. Zugegebenermaßen hat der betreffende Landwirt sich das Konzept in den USA abgeschaut.</p>
</div>
</div>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Kaufen und Haben</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/04/18/kaufen-und-haben-201/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/wost/2013/04/18/kaufen-und-haben-201/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 18 Apr 2013 13:19:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin-roenicke</dc:creator>
				<category><![CDATA[ddr]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>
		<category><![CDATA[Marx]]></category>
		<category><![CDATA[No Shopping]]></category>
		<category><![CDATA[Warenfetisch]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/wost/?p=201</guid>
		<description><![CDATA[<p>Irgendwo zwischen Marxscher Kritik am Warenfetisch und neuer Freude am erworbenen Kulturgut muss doch eine Antwort auf die Konsumfrage zu finden sein. Oder?  <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/04/18/kaufen-und-haben-201/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich habe keine feste Haltung oder Meinung zum Thema Konsum. Ich habe dazu nur ein Bauchgefühl. Wie ich bereits <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/04/04/der-habitus-der-an-dir-klebt-167/">in meinem letzten Beitrag berichtete</a>, wurde mir als Wostkind die Bedeutung von Konsum auf eine manchmal schwierige Art nähergebracht: In Form von Distinktion, bei der Sich-Auskennen, Geschmackswissen und Abgrenzung gegen Geschmackloses zentral sind. So nahm ich eine eher abstoßende Seite von Konsum mehr wahr, als viele andere Menschen. Was natürlich nicht heißt, dass ich selbst nicht gerne und viel konsumiert hätte. In meinem Kinderzimmer waren Gameboy, Barbie und viele andere Konsumgüter vertreten.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/52/Bundesarchiv_Bild_183-73999-0002%2C_Kruckow%2C_Blick_auf_den_Konsum.jpg" width="784" height="528" /></div><span class="Bildunterschrift">Bundesarchiv, Bild 183-73999-0002 / Weigelt / CC-BY-SA</span></div>
<p><strong>Grün-linke Konsumkritik</strong></p>
<p>Die frühe Bekanntschaft mit der Distinktion hat meine Einstellung zu Konsum  lange, im Grunde bis heute, beeinflusst. Mit 18 Jahren wurde ich Mitglied der <i>Grünen Jugend</i>, wo Konsumkritik bis heute gehegt und mit politischen Forderungen ausgestattet wird. Anfang der Nuller Jahre war ich Mitglied des Bundesvorstandes der <i> Grünen Jugend</i> und in dieser Zeit starteten wir eine bundesweite Kampagne mit dem Titel <a rel="nofollow" href="http://www.gruene-jugend.de/node/16168">„Project Lifestyle &#8211; selbst:bewusst leben“</a> – ich selbst war begeisterte Multiplikatorin für diese Kampagne und stand voll und ganz dahinter.  Ich liebte diese Kampagne. Wenn du lebst, so war meine grün-linke Überzeugung, hinterlässt du auf dieser Welt einen Fußabdruck – der kann <a rel="nofollow" href="http://www.footprint-deutschland.de/">ökologischer</a>, sozialer und heute würde ich ergänzen: politischer Art sein. So war ich also<a rel="nofollow" href="http://www.kritischer-konsum.de/startseite/"> kritische Konsumentin</a> (und Vegetarierin). Ich erinnere mich an ein Gespräch aus den Anfängen meines grünen Engagements, das ich mit einem damaligen Freund geführt habe und das in etwa so verlaufen war:</p>
<p><strong>Freund:</strong> <em>Ökoessen und Bio-Kleidung kann man sich halt einfach net leisten.</em></p>
<p><strong>Ich:</strong> Was haben denn deine <i>Nike-</i>Schuhe da gekostet? Oder dein <i>Adidas</i>-Shirt…?</p>
<p><strong>Freund:</strong> <em>Ja, aber das ist halt Qualität…</em></p>
<p><strong>Ich:</strong> … die du auch gebraucht bekommen könntest. Dann hättest du mehr Geld für Bio-Essen und Ökokleidung übrig.  Wenn man Second Hand kauft, lebt man ressourcenschonend und außerdem…</p>
<p><strong>Freund:</strong> <em>Ist ja gut! Ich hab auch mal so gedacht, wie du… wird mal älter, dann merkste… dass net alles immer so einfach ist.</em></p>
<p>Das war vermessen, denn er war 22 und ich 19 Jahre alt. Außerdem war ich mit 22 Jahren noch genauso missionarisch.</p>
<p>Die Haltung meines Freundes war damals typisch: Er hatte stets den neuesten heißen Scheiß in Sachen Elektronik, Software und Hardware, immer coole Sport-Marken wie <i>Adidas</i> und <i>Nike</i> an, ein eigenes Auto, regelmäßige Kinobesuche und Abstecher in Fast-Food-Restaurants. In meinen Augen war er ein völlig unreflektierter Konsument, und zwar aus Faulheit und Bequemlichkeit. Solche Leute gab es damals zuhauf. Während sie aber als „cool“ galten, war ich eben ein „Freak“, „Öko“ und so weiter. Und darauf war ich stolz. Denn damit konnte ich mich besser und überlegen fühlen, ich war verantwortungsbewusst und vernünftig im Gegensatz zu den anderen. Ich war aus heutiger Sicht eine Art „Avantgarde“, denn heute ist verantwortungsbewusstes Konsumieren längst ein Trend.</p>
<p><strong>Alles ethisch im Flacon</strong></p>
<p>Heute wissen gewiefte Produktdesigner, dass ich kein Einzelfall bin. War ich damals noch ein Weirdo, ist mein Konsumverhalten heute schick. Wie der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich berichtet<a title="" rel="nofollow" href="#_ftn1">[1]</a>, hat der Parfum-Hersteller <i>DKNY</i> mit seinem Duft „<i>pureDKNY“ </i>die Ware Verantwortung in einen Flacon abgefüllt. <i>pureDKNY</i> sei aus Pflanzen hergestellt, die „von Frauen aus Togo angebaut“ wurden, deren Zukunft man „in finanzieller Hinsicht“ verbessern wolle. Der Flacon sei zu 100% aus recyclebarem Material, die Umverpackung aus Papier „aus zertifizierter Waldbewirtschaftung“, bedruckt mit einer Tinte, „die einen niedrigen Gehalt an flüchtig-organischen Verbindungen aufweist und in Fabriken produziert wird, die mit Windkraft arbeiten“. Die Folie außenrum sei aus „<i>Nature-Flex ™“ </i>– aus erneuerbarem Holzschliff aus kontrolliertem Anbau… spätestens bei der Tinte fing ich an, es lächerlich zu finden. Ich! Die Öko-Tante! Scheinbar bin ich nun so weit, wie mein damaliger Freund mir prophezeite. Oder finde ich es einfach lächerlich, weil ich es falsch finde, aus ethischen Ansprüchen einen neuen Warenfetisch zu konstruieren?</p>
<p><strong>Die Ware als Fetisch</strong></p>
<p>Wenn jetzt auch noch unser ethisches Gewissen monetarisiert wird, man mit unserem Verantwortungsgefühl spielt, um uns ein teures Parfum anzudrehen (mal ganz abgesehen von der generellen Überflüssigkeit von Parfums – oder?) – ist es dann nicht besser, es mit den Rainer Langhans‘ und Öff-Öffs zu halten, die sich aus dem Konsumirrsinn einfach komplett rausziehen?</p>
<p>Diese Idee ist alles andere als neu und kommt immer wieder auf. Der Philosoph Wolfgang Fritz Haug knüpft an eine gute alte marxistische und <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChsozialismus">frühsozialistische </a>Denktradition an. In seinem 1971 veröffentlichten Werk <a rel="nofollow" href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/haugs-aktualisierte-kritik-der-warenaesthetik-das-sein-ist-nicht-im-angebot-1803209.html">„Kritik der Warenästhetik“</a> stellt er fest, dass Produktinszenierungen manipulativ seien, Täuschung und Lüge darstellten und damit ein moralisches Problem seien. Haug ist mit seinen Ansichten in <a rel="nofollow" href="http://audioarchiv.blogsport.de/2010/06/03/zur-kritik-der-warenaesthetik/">einem Vortrag nachzuhören</a>, der recht deutlich macht, welche Ideologie da zugrunde liegt. Es ist Antikapitalismus, der suggeriert, alle Menschen, die mitmachten, seien Verblendete, Entmündigte und von sich selbst Entfremdete.</p>
<p><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/85/Marx-Engels-Forum01.jpg" /></p>
<p>Ein bisschen differenzierter war Karl Marx, der in seiner <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Warenfetisch">Theorie vom Warenfetisch</a> auch das Phänomen unter die Lupe nahm, dass Konsumgüter mehr als Gebrauchsgüter wurden und an sie quasi-fetischistische Erwartungen und Gefühle gehängt wurden. Nun waren Marx und Engels gerade in der DDR vielerorts Pflichtlektüre, ihnen war kaum zu entkommen. Sie konnten ja auch für so manche ideologische Begründung eingespannt werden: Sie begründeten den Sozialismus und seine Überlegenheit, da sie zu den klügsten Kritikern des Kapitalismus‘ gehörten (und gehören), und es war wirklich ein Glück, in einer ständigen <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mangelwirtschaft">Mangelwirtschaft</a> jemanden zu haben, der einem erklären konnte, warum es politisch, philosophisch, moralisch und aus emanzipatorischer Perspektive viel besser sei, frei vom kapitalistischem Warenfetisch zu sein, als ein sportliches Auto zu fahren oder Südfrüchte verspeisen zu können. Die Erfahrung der Entbehrung war sicherlich nicht die schlechteste Erfahrung für uns DDR-Bürger, davon bin auch ich heute überzeugt. Aber es ist wohl nicht abzustreiten, dass sie eine beschleunigende Wirkung auf das Ende der Stabilität des Sozialismus‘ hatte – Entbehrung ist also zu begrenzen.</p>
<p>Entbehrung wird heute mancherorts aufwendig arrangiert und inszeniert: Etwa wenn ausgebrannte Manager ins buddhistische Kloster gehen oder moderne Kindertagesstätten <a rel="nofollow" href="http://www.freitag.de/autoren/katrin/arrangierte-entbehrung">spielzeugfreie Zeiten</a> anberaumen.</p>
<p><strong>„No Shopping“</strong></p>
<p>Lernen aus der Erfahrung der Entbehrung – das war wohl auch eines der Anliegen von Judith Levine, die ein Jahr lang nichts kaufte, was über „das Nötigste“ hinausging. Sie dokumentierte diese Erfahrung in „No Shopping“<a title="" rel="nofollow" href="#_ftn2">[2]</a>, einem hochphilosophischen Buch, weit mehr als nur die Dokumentation eines kleinen Selbstversuches: Levine reflektiert angeregt durch ihre eigene Entbehrung über das Wirtschafts- und Sozialsystem der USA, über die massive Schere zwischen Arm und Reich. Mit ihren größeren und kleineren Problemchen und Gedanken zeigt sie eindrücklich, dass Konsum mehr als nur eine schöne, das Leben bereichernde Nebensache ist. Sie zeigt die ideologischen Facetten, die verschleiernden Effekte – ohne gleich in eine Totalverdammung zu geraten, wie Haug sie seinerzeit betrieb. Konsum hat Folgen, im eigenen Land und über die Ländergrenzen hinweg – das ist ihre Botschaft. Entbehrung wird damit politisch – weltpolitisch! Doch wer Konsumverzicht als Lösung präsentieren will, plädiert auch für einen Kulturverzicht.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class=" " alt="" src="http://farm9.staticflickr.com/8042/7979222612_51843a655b_z.jpg" width="640" height="480" /></div><span class="Bildunterschrift">CC BY-SA 2.0 von Daniel Stark <a rel="nofollow" href="http://www.flickr.com/photos/web-stark/7979222612/sizes/z/in/photostream/"> via Flickr. com</a></span></div>
<p>Das wird in Levines Buch am Abend des 04. August deutlich. „Ich werde mehr Wein brauchen“ sagt ihr Partner Paul, als ein befreundetes Pärchen zum Abendessen zu Besuch ist und Paul gerade die letzte Flasche Wein aus dem Keller holt. Wein, so ist recht intuitiv einzusehen, ist nicht „unbedingt nötig“, es darf deshalb in Levines Selbstversuch kein Wein eingekauft werden. Aber dieser eine Abend stellt all das infrage: „Ich bin Italiener“, sagt Paul, „Wein ist für mich wie Wasser.“</p>
<p><strong>Konsum ist Kultur</strong></p>
<p>Wolfgang Ullrich findet, dass Konsumieren eine Kulturtechnik wie Lesen sei<a title="" rel="nofollow" href="#_ftn3">[3]</a>. Längst seien Konsumgüter mehr als Gebrauchsgegenstände mit engem Sinn und Zweck. Fiktionen seien längst ein wichtiger Bestandteil – Produkte sollen dazu beitragen, unsere Phantasie zu beflügeln. Sie sollen Geschichten erzählen, Gefühle erzeugen, uns in andere Welten mitnehmen. Der Badezusatz namens Cleopatra, so Ullrich, bewirke bei Anwenderinnen das Gefühl einer kleinen Reise nach Ägypten – worüber in schwärmenden Produktbewertungen, derer es im Internet unzählige gibt, zu lesen sei. Die heimische Badewanne, die vielleicht alles andere als ein Tempel sei, könnte durch das richtige Badesalz zu einer Wellness-Oase werden. Konsum, so Ullrich, ist damit mehr als nur Distinktion. Kritik sei ja wichtig, Reflektion ohnehin, aber man solle es auch nicht, wie Haug, gleich so übertreiben. Ihn erinnert das alles an die frühe Kritik an Romanen. Auch Romanautoren habe man vorgeworfen, bloß manipulieren zu wollen. Calvinistische Theologen traten auf den Plan und beschimpften Romane als „Gauckelyen“ und sahen darin nichts als Lügen, die einzig dazu dienten die Menschen zu manipulieren und sie in ein „Schwitzbad der Passionen“ zu setzen.<a title="" rel="nofollow" href="#_ftn4">[4]</a> Konsumieren ist das neue Lesen – soll es wirklich so einfach sein?</p>
<p>Natürlich nicht, das muss auch Ullrich zugeben. Was Marx als Warenfetisch zu denken begonnen hat, nennt Ullrich in seiner zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Situationsfaschismus“. Dieser trete zutage, wenn Menschen in verschiedenen Situationen nur allein deswegen als Sieger oder als Verlierer hervorgingen, weil sie ein bestimmtes angesagtes Ding teuer erworben hatten oder es ihnen eben fehlte und sie deswegen einem Gefühl der Mangelhaftigkeit ausgesetzt sind. Als PC-Benutzerin ist mir dieses Gefühl aus Mac-lastigen Runden bekannt. Dann versuche ich mit Selbstberuhigung drüberzustehen und sage mir: „Konsum ist nicht alles.“ Und erhebe mich, so wie damals mit 18, ein bisschen indem ich meine Entbehrung als ein kleines Märtyrertum empfinde und den anderen in guter Marxscher Tradition einen <i>Apple</i>-Warenfetisch andichte (den sie ganz offensichtlich auch haben!). Wie gesagt: Zum Thema Konsum habe ich auch nach so vielen Jahren und so viel Lektüre weniger eine feste Haltung, als vielmehr ein Bauchgefühl.</p>
<div>
<p>&nbsp;</p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" rel="nofollow" href="#_ftnref1">[1]</a> Ullrich, Wolfgang: Alles nur Konsum. Kritik der Warenästhetischen Erziehung. Erschienen bei Wagenbach 2013.</p>
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<p><a title="" rel="nofollow" href="#_ftnref2">[2]</a> Levine, Judith: No Shopping! Ein Selbstversuch. Erschienen bei Kiepenheuer in der 2. Aufl. 2008.</p>
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<div>
<p><a title="" rel="nofollow" href="#_ftnref3">[3]</a> Ullrich S. 24</p>
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<p><a title="" rel="nofollow" href="#_ftnref4">[4]</a> Diese Zitate sind dem calvinistischen Theologen Gotthard Heidegger zuzuschreiben. Er schrieb dergleichen in Zürich 1698 nieder.</p>
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<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Gauck: Der bessere Wessi</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/04/11/gauck-der-bessere-wessi-2-187/</link>
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		<pubDate>Thu, 11 Apr 2013 07:21:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marco-herack</dc:creator>
				<category><![CDATA[bundespräsident]]></category>
		<category><![CDATA[distanz]]></category>
		<category><![CDATA[joachim gauck]]></category>
		<category><![CDATA[wostkinder]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Das Verhältnis zwischen Joachim Gauck und den Bürgern im Osten Deutschlands ist distanziert. Ihn kümmert das wenig, Europa dafür umso mehr. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/04/11/gauck-der-bessere-wessi-2-187/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Er ist eher still und es ist daher nicht jedem bewusst: Wir haben einen Bundespräsidenten. Der Mann heißt Joachim Gauck (73) und wurde am 24. Januar 1940 in Rostock in die Welt geworfen. Er ist der 11. Bundespräsident dieses Landes. Befördert von Philipp Röslers Gnaden, dem er aus diesem Grunde ein „Danke“ zugeraunt haben soll. Auf den ersten Blick passt das wunderbar zusammen. Eine liberale Partei setzt sich gegen die als konservativ geltende Union durch und beruft einen ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, der sich dem Thema „Freiheit“ verschrieben hat, zum Bundespräsidenten.</p>
<p>Anlässlich Gaucks Wahl in dieses Amt bestellte ich mir seinerzeit zwei seiner Bücher. „Freiheit – Ein Plädoyer“ und „Winter im Sommer &#8211; Frühling im Herbst: Erinnerungen“. Ich bestellte diese Bücher um zu erfahren, wer dieser Bundespräsident ist. Für mich war Gauck ein Fremder. Sicher, ich hatte von dem Kerl gehört, aber warum er plötzlich als Heilsbringer galt, war mir nicht verständlich. Die Kapriolen um seine Amtsgewinnung taugten nicht, ihn zu beurteilen. Die Antworten wollte ich von ihm. Aus dem heraus was er aufschrieb.</p>
<p>Geliefert hat er nicht. Das Büchlein „Freiheit“ ist eine auf sechzig Seiten gestreckte Rede, die den Begriff Freiheit benutzt, aber nicht ausfüllt. Man weiß, worum es geht, erlangt jedoch keine brauchbaren Informationen. Und so beschränkt sich die Kernaussage dann auch darauf mitzuteilen, dass Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet und man es sich mit der Freiheit nicht einfach machen dürfe.</p>
<p><strong>Abgrenzung, die ich meine</strong></p>
<p>Kürzlich hielt Gauck eine Rede zu Europa. Sie sollte sein großer Wurf werden und wurde entsprechend vorbereitet. An ihrem Ende standen die Zuhörer mit dem Vorschlag eines „europäischen Arte“, der europäischen Amtssprache Englisch und einem kurzen Abriss über die europäische Geschichte da. Das ist alles nicht neu und einen Ruck erzeugte die Rede auch nicht. Ein großer Wurf sieht anders aus. Dennoch sind nach einem Jahr Amtszeit nicht wenige mit diesem Bundespräsidenten zufrieden. Nach Horst Köhler (Krieg zur Sicherstellung der Handelsrouten) und Christian Wulff (Philosophie über die Angemessenheit freundschaftlicher Zuwendungen) überwiegt bei den Kommentatoren das Bedürfnis nach Ruhe im Amt.</p>
<p>In diesem Punkt unterscheiden sich die Medien sehr stark von dem, was sich über Alltags-Gespräche und gezieltes Nachfragen herleiten lässt. Gauck ist gerade im Osten der Republik keiner, der beliebt ist. Das Verhältnis zu diesem Bundespräsidenten ist bestenfalls distanziert. Franziska Augstein, die diese Beobachtung ebenfalls machte und thematisierte, fand damit kein weiteres Gehör. Dabei ist augenfällig, dass auch die aus dem Osten stammende Kanzlerin diesem, damals noch Bundespräsidentschaftskandidaten, sehr skeptisch gegenüberstand. Sie begründete ihre Haltung galant ausweichend mit Realpolitik.</p>
<p>Es muss nicht Angela Merkel sein. Fällt der Name Gauck, vernimmt man oftmals einen Seufzer oder ein Aufstöhnen. Das Gesprächsklima wird umgehend kühler, schroffer oder abweisender. Der Gegenüber winkt ab. Nach dem Grunde befragt, wird das Pastorale an ihm angeführt. Es gibt dabei einen Unterschied zwischen Ost und West. Im Osten ist die Ablehnung vehementer und direkter. In der Begründung etwas diffus. Während im Westen die Fürsprache wesentlich größer ist. Mehr, aber bei weitem nicht ganz, dem medialen Engagement im Vorfeld seiner Wahl entspricht. Woher kommt im Osten die Skepsis gegenüber Joachim Gauck?</p>
<p>Gaucks Werk liefert auf diese Frage verschiedene Hinweise, die sich durchziehen. In seiner viel beachten Rede zu Europa gibt er beispielsweise einen geschichtlichen Abriss zur Entstehung Europas. Er hebt dabei die Rolle „Westdeutschlands“ hervor und betont die Rehabilitierung, die es durch das Mitwirken an der Entstehung der heutigen europäischen Union, innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft, erreichen konnte. Zum Ende seiner Rede hebt er die Solidarität und Hilfe der westlichen Siegermächte hervor. Zwischendrin erscheint kurz der Osten Europas, der sich durch den Umbruch im Jahre 1989 mit einem „Ja zu dem freien, demokratischen, wohlhabenden Europa“ äußerte.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><a title="Bundesarchiv, Bild 183-1990-0928-019 / Grimm, Peer / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons" rel="nofollow" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABundesarchiv_Bild_183-1990-0928-019%2C_Berlin%2C_37._Volkskammertagung%2C_Diestel%2C_Gauck.jpg"><img alt="Bundesarchiv Bild 183-1990-0928-019, Berlin, 37. Volkskammertagung, Diestel, Gauck" src="//upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f2/Bundesarchiv_Bild_183-1990-0928-019%2C_Berlin%2C_37._Volkskammertagung%2C_Diestel%2C_Gauck.jpg" width="512" /></a><br />
<span style="font-size: xx-small;">Bundesarchiv, Bild 183-1990-0928-019 / Grimm, Peer / CC-BY-SA [<a rel="nofollow" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">CC-BY-SA-3.0-de</a>], <a rel="nofollow" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABundesarchiv_Bild_183-1990-0928-019%2C_Berlin%2C_37._Volkskammertagung%2C_Diestel%2C_Gauck.jpg">via Wikimedia Commons</a></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Diese Äußerungen haben zwei Dimensionen. Zum einen wird klar zugewiesen wer Sieger und wer Verlierer ist. Der Westen hat gewonnen und der Osten hat verloren. Gauck übergeht damit, dass für die meisten Menschen der Kampf nicht gegen den Westen ging. Sie also keine Verlierer in diesem Sinne sein können. Der Kampf, besonders der Intellektuellen, ging auch nicht gegen die DDR als solche. Sie empörte das, was geschah und sie wehrten sich gegen die Institutionen. Ein „Nein!“ zum System hatte nicht automatisch ein „Ja!“ zum Westen bedeutet. Das wurmt Gauck scheinbar bis heute, denn er selbst hat zur Wendezeit seine Meinung radikal geändert und plötzlich für eine Wiedervereinigung plädiert. Er rief „Ja!“, während andere noch kurz innehalten und nachdenken wollten.</p>
<p>Die andere Ebene ist dieses unterschwellige: „Der Verlierer darf nun mit den Siegern spielen und hat gefälligst glücklich zu sein“. Ohnehin haben die Menschen es ja auch so gewollt. Nehmt es (kritiklos) hin. Was auch heute noch viele Ostdeutsche als gebrochenes Wiedervereinigungsversprechen ansehen, die blühenden Landschaften, sieht Gauck als erfüllt an. Für ihn blühen diese Landschaften. Dabei sollte man die Floskel nicht darüber definieren, ob die Menschen Geld haben oder nicht. Vielfach geht es mehr darum, dass Menschen zu Untätigen wurden und damit keinen Wert für die Gesellschaft besitzen. Sie werden verwaltet und sehen sich dadurch nicht mehr in der Lage in sich selbst einen Wert zu finden. Hierzu gibt es eine alte Floskel aus der DDR, die das grundsätzliche Denken und die Wichtigkeit des Arbeitslebens in halb ironischerweise herausstreicht: „Mein Arbeitsplatz, Mein Kampfplatz für den Frieden.“ Darauf bezogen ist „Hauptsache Arbeit“ nicht nur ein wundervolles Theaterstück von Sibylle Berg (in Weimar geboren), sondern auch die Darstellung, wie weit Menschen gehen, um einfach nur Arbeiten zu dürfen. Wie sie ohne Arbeit im Osten zerbrachen, zeigte zuletzt auch Sabine Rennefanz in ihrem Buch „Eisenkinder“, am Beispiel ihres Vaters, auf.</p>
<p><strong>In nur meinem Sinne</strong></p>
<p>„Freiheit, die ich meine“ heißt die viel zitierte Kapitelüberschrift der Biografie Gaucks, die er selbst lieber als Erinnerung wahrnimmt. Das Kapitel beginnt mit einem Bild, das vermessener kaum sein könnte. Er, Gauck, bringt den freiheitsgewöhnten Westlern den freiheitlichen Glanz in die Augen zurück. Sie brauchten den Osten zur Selbstversicherung und Gauck um es ihnen zu erklären. Da bricht der Prediger im studierten Theologen so richtig durch und es folgt die endgültige Abgrenzung gegenüber den „Kleinmütigen und Zweiflern“. Diese stehen entgegen jenen, die Verantwortung übernehmen und das Leben in Freiheit als „ständige Wandlung“ begreifen. Es ist eine Schuldzuweisung an alle, die es nicht geschafft haben. Und in aller Klarheit steht da: Der Fehler liegt bei euch. Ihr seid falsch.</p>
<p>Das ist Grund genug zu schauen, wie Gauck es geschafft hat erfolgreich zu sein und in Freiheit zu leben. Nebst einigem Lesematerial liefert die Zusammenfassung seiner politischen Positionen auf Wikipedia interessante Anhaltspunkte. Man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass unser jetziger Bundespräsident nahe am Puls der Zeit ist. Voraus ist er ihr nicht. In der DDR hatte er noch gute Worte für den Sozialismus übrig. Als sich die Wende anbot, war es dann die „Soziale Marktwirtschaft“. Mit Gerhard Schröder war er plötzlich vom Neoliberalismus überzeugt. In Zeiten der Krise darf es nun wieder mehr Sozialstaat sein. Da treibt der Zeitgeist [1] die Meinung und dieses Zeitgeistige lässt sich auch in der Forderung nach einer europäischen Öffentlichkeit finden. Dieser Diskurs besteht erheblich länger als Gauck im Amt verweilt.</p>
<p>Dass Gauck dem Zeitgeist das Wort redet, machte ihn im Westen erfolgreich. Dabei diente ihm seine Herkunft zur Markenbildung. Er hat sein altes Leben komplett auf das neue System umgestellt. Und zwar in jeder nur erdenklichen Lage. Ein Assimilierter, der das Versagen der anderen thematisiert und damit zur gelebten Siegerpose und einem Maskottchen des Umbruchs wurde.</p>
<p><strong>Das zweite Gesicht</strong></p>
<p>Man muss das nicht so sehen. Joachim Gauck ist vielleicht auch nur überbemüht. Auch er weiß es eben nicht besser und versucht nur mitzuhalten. Sich zu integrieren, ganz so wie es gewünscht wird. Seine Methode erzeugt nur mehr gesellschaftlichen Erfolg als die der Zweifler, die sich fragen was richtig und was falsch ist. Die sich darüber Gedanken machen, ob sie so leben wollen, wie sie leben. Darin kann ein Zwiespalt der Wiedervereinigung entdeckt werden, den die Angepassten wie auch die nicht Angepassten leben. Würde Gauck diesen auch ihm innewohnenden Zwiespalt erkennen und beginnen aufzulösen, könnte er als Bundespräsident einen sehr wichtigen Beitrag zur Einheit Deutschlands leisten. Stattdessen wendete er sich erneut dem Zeitgeist zu und beackert das Thema Europa in einer eher uninspirierten Art und Weise. Mit altbekannten Phrasen früherer Zeiten.</p>
<p>Dabei können wir für den deutschen Werdegang innerhalb Europas sehr viel aus der Einheit lernen. Es vereinten sich zwei Länder, bei denen das eine wirtschaftlich stark und das andere wirtschaftlich schwach war. Menschen wanderten zwischen den Grenzen, meist von Ost nach West. Die Themen Integration, Migration und Inklusion drängen sich förmlich auf, wenn man das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland betrachtet. Es gab nach der Wende den Anspruch des Westens nach Assimilation des Ostens. Es brauchte rund 20 Jahre, ehe im Osten eine spürbare Bewegung entstand, die „Stopp!“ sagte. Die nun versucht herauszufinden, was an eigener Kultur es Wert ist, über den grünen Pfeil hinaus, zu bewahren. Die Konsequenz daraus ist ein Prozess der Verhandlung zwischen den Kulturen. Ihr Zusammenwachsen und ihre Ausdifferenzierung.</p>
<p>Europa besteht das noch bevor. Der Prozess hat jedoch nicht begonnen, denn momentan werden zunächst die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen neuverhandelt. Erst danach beginnt das Zusammenwachsen. In vielleicht 20 Jahren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: small;">[1] In meiner Gedankenwelt ist der Zeitgeist das Diktum der Gegenwart. Aus ihm entsteigt die Tyrannei der Mehrheit und lässt gegensätzliche Stimmen verstummen, in der Masse untergehen oder unterdrückt sie direkt. Diese Bewegung der Massen ist ein undemokratischer Moment, in dem der Glaube (an etwas) regiert und einen zweifelnden Diskurs nicht wirken lässt. Das heißt: Es existiert im Zeitgeist keine Pluralität. Dabei ermöglicht erst die Pluralität das Politische zwischen den in die Welt geworfenen Menschen.</span></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Habitus, der an dir klebt</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/04/04/der-habitus-der-an-dir-klebt-167/</link>
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		<pubDate>Thu, 04 Apr 2013 06:30:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin-roenicke</dc:creator>
				<category><![CDATA[ddr]]></category>
		<category><![CDATA[Distinktion]]></category>
		<category><![CDATA[Geschmack]]></category>
		<category><![CDATA[Habitus]]></category>
		<category><![CDATA[Mode]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Bourdieu]]></category>
		<category><![CDATA[Taubertal]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Rückblende in die Neunziger: Wie der eigene Habitus und Klischeedenken feine Unterschiede schaffen, die dazu führen, dass Inklusion von Ost nach West nicht gelingt.  <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/04/04/der-habitus-der-an-dir-klebt-167/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Erst vor einigen Jahren habe ich Worte für das gefunden, was mich eine lange Zeit in meiner Kindheit traurig gemacht hat. Doch ich hatte keine Bezeichnung für das, was geschah. Und es geschah auch nicht sehr viel – zumindest oberflächlich betrachtet. Was geschah, war fast nicht sichtbar – nur spürbar. Beinahe 20 Jahre lang fehlten mir Begriffe, bis ich in meinem Studium vor einigen Jahren Pierre Bourdieu begegnete. In einem Seminar las ich Textstellen aus „Die feinen Unterschiede“ (1). Darin hatte Bourdieu beschrieben, wie so etwas Subtiles wie <i>Geschmack</i> über soziale <a rel="nofollow" href="http://www.youtube.com/watch?v=D0GtxClZlwQ" target="_blank">Inklusion</a> oder Ausgrenzung entscheiden kann. Erst nach und nach begriff ich seitdem, dass ich einen <i>ostdeutschen Habitus</i> hatte. Wahrscheinlich bis heute habe.</p>
<p>Ich war sieben Jahre alt und die Leute sagen von kleinen Kindern, dass sie sehr flexibel und anpassungsfähig sind. Sicher. Aber vieles sitzt in diesem Alter auch schon fest, ist verinnerlicht ohne, dass man sich dessen unbedingt bewusst ist. Ein Teil unseres Wesens ist fertig, er entsteht durch die Kultur, die uns umgibt, durch die Sprache und die Musik, die wir hören, die Bilder, die wir sehen, das Essen, das wir essen und vieles mehr. All das, was uns vertraut ist, unsere Normalität, prägt wie wir „ticken“. Dies ist der sogenannte <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_%28Soziologie%29">Habitus</a>.</p>
<p><b>Kulturkonsum macht Leute</b></p>
<p>Bourdieu hat in „Die feinen Unterschiede“ das Soziologische und das Ökonomische im Raster der Kultur zusammengebracht. Er sagt (es ist sein erster Satz und er gibt die Richtung des Buches vielsagend vor):</p>
<blockquote><p>„Auch kulturelle Güter unterliegen einer Ökonomie, doch verfügt diese über eine eigene Logik.“</p></blockquote>
<p>Der Rest des Buches untersucht mit wissenschaftlichen Werkzeugen, was das für eine Logik ist. Die Bedingungen, die sich als eine Art unsichtbarer Spielregeln beschreiben lassen, können auch „<a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Distinktion">Distinktion</a>“ genannt werden. Sie besteht aus dem Schaffen von Unterschieden und die zugehörige Praxis ist ständige Abgrenzung. Distinktion gab es immer schon, sie scheint nahezu zum Menschen zu gehören, einprogrammiert zu sein in dessen Nervenbahnen. Sie trennt Klassen und Kulturen auf eine mal mehr, mal weniger subtile Art. So war französisch früher eine Adelssprache und wer gelehrt war, konnte noch bis in das 20. Jahrhundert hinein Latein – es verschwindet erst seit kurzem (und selbst das werden manche noch bestreiten). Manche Unterschiede sind weniger offensichtlich, eben <i>feiner</i>.</p>
<p><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/84/Bundesarchiv_Bild_183-1983-1015-029%2C_Interessengemeinschaft_V%C3%B6lkerschlacht.jpg" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So fällt an der Frau im karierten Mantel in der U-Bahn auf den ersten Blick vielleicht niemandem der Wohlstand auf. Doch: Denjenigen, die einen Blick für die feinen Unterschiede haben, die Codes kennen, denen fällt er auf und sie werden sich vielleicht ein kleines bisschen mehr gemein mit der Frau machen, als mit jeder anderen. Denn wenngleich der Mantel auf den ersten Blick von der geschmähten „Stange“ einer schwedischen Klamottenkette sein könnte, bei genauerer Betrachtung schließen an den zusammengenähten Stellen die Karos auf eine stilvolle Art miteinander ab. Hier hat jemand nicht nur wahllos Stoff zerschnitten und im Akkord in <a rel="nofollow" href="http://about.hm.com/AboutSection/de/About/Sustainability/Reporting-and-Resources/Case-Studies/bangladeshplan.html">Bangladesch</a> aneinandergenäht. Nein, es wurde auf ein für Leute wie mich unsichtbares Detail geachtet – bei diesem Mantel gab es mehr Verschnitt. Dafür ist das Muster perfekt.</p>
<p><b>Destinktion unter Kindern</b></p>
<p>Wenn ich heute mit meiner Mutter über meine Kindheit und dieses Gefühl des Ausgegrenzt-seins spreche, dann ist sie verwundert und denkt an ein (aus ihren Augen) ganz normales Mädchen, das mal kurz Probleme hatte, weil es gehänselt wurde. Die feinen Unterschiede sind für uns wohl tatsächlich sehr schwer zu greifen, über Generationen hinweg kaum zu verstehen, aber als Kind habe ich sie gespürt, ohne einen Begriff dafür zu haben. Im Detail gab es viele kleine Unterschiede. Das fängt an bei Frisur, Kleidung und Schuhe. Mein Plüschtier-Bataillon sah anders aus, ostiger und daran konnte auch meine kleine ALF-Klemmfigur nichts ändern, die ich heiß und innig liebte (da ich ALF heiß und innig liebte, vielleicht, weil ich mich manchmal ähnlich deplatziert fühlte). Als es „in“ war, Stickeralben zu bestücken und die Sticker untereinander zu tauschen, hatte ich zwar welche. Aber aufgrund der preislichen Unterschiede (die dann gar nicht mehr so fein waren), waren darunter weniger Plüschige und weniger Glitzernde als bei anderen Kindern. Mit mir wollte man nicht so gerne tauschen.</p>
<p>Klar: Meine Eltern hatten auch einfach nicht so irre viel Geld – aber andere Eltern auch nicht. Viel mehr, denke ich, spielte hier eine Rolle, dass meinen Eltern nicht so ganz aufging, dass sich schon Kinder soziale Anerkennung über Statussymbole erkauften. Heute bin ich ihnen dankbar, dass sie da nicht mitgemacht haben. Wenngleich ich mich damals sicher manches Mal beschwerte und gern mehr gehabt hätte. Mehr Sticker, mehr Barbies und Anziehsachen für sie, mehr Spiele für den Gameboy (und vielleicht nicht nur den Gameboy, sondern NES oder Supernintendo wie andere Kinder… die Möglichkeiten waren ja schier unendlich und ich war alles andere als darin geübt, mit der riesigen Auswahl an Konsumgütern auf eine angemessene Weise umzugehen). In der Schule hatten alle Kinder einen Pelikan Tuschkasten, nur ich nicht, ich hatte einen Noname-Kasten. Erst, als im Gymnasium mein Kunstlehrer darauf bestand, dass es der von Pelikan sein müsse, besorgte man mir eben diesen. Erst, als mein Gymnasial-Musiklehrer mir in der Sechsten einen Vogel zeigte, als ich nach dem Kontakt zu einem Keyboard-Lehrer fragte, bekam ich ein Klavier. Und Klavierunterricht, den andere schon seit ihrem fünften Lebensjahr gehabt hatten. Was anderen völlig Selbstverständlich war (etwa die Mitgliedschaft im Sportverein), wurde bei mir häufig erst von außen angeregt.</p>
<p><b>Gewollt und nicht gekonnt</b></p>
<p>Bis ich etwa 14 Jahre alt war, hatte ich das dumpfe Gefühl, dass mit meiner Kleidung (verglichen mit der Kleidung der anderen) etwas nicht in Ordnung war. Erst mit 14 fand ich meinen Stil, wurde langsam sicherer in der Auswahl meiner Klamotten. Ich begann, aus der „Not“ eine Tugend zu machen und ausgetragene Klamotten (aus dem Second Hand oder von meinem Vater) anzuziehen. Denn jetzt war ich eben „alternativ“ und machte das zum persönlichen Stil und fühlte mich damit ganz wohl. Auch setzte ich in diesem Alter bewusst auf den Besitz einer <i>Levis</i> Jeans und eines <i>Levis</i> Sweatshirts (die ich beide solange trug, bis sie auseinanderfielen), um wenigstens ein kleines bisschen an die anderen anschließen zu können. Doch der eigentliche „Trick“ lag darin, es mit der Assimilation insgesamt eher aufzugeben. Mir wurde es zum ersten Mal egal, was andere über mich dachten und als ich in der Abizeitung den Titel „die mit den freakigsten Klamotten“ abstaubte, war ich stolz darauf. Ich war ich. Wie ich sein wollte und konnte. Die ersten sieben Jahre war ich nur gewollt, nicht gekonnt gewesen.</p>
<p><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/Bundesarchiv_Bild_183-1988-0315-009%2C_VEB_Eichsfelder_Bekleidungswerke_Heiligenstadt%2C_Kinderoberbekleidung.jpg" /></p>
<p>Aus der Distanz betrachtet wundert es mich heute nicht. Über die Mode in der DDR gibt es eine <a rel="nofollow" href="http://www.staatsbuergerkunde-podcast.de/2012/05/26/sbk004-kleidung-und-mode/">eigene Episode</a> des Podcasts <a rel="nofollow" href="http://www.staatsbuergerkunde-podcast.de/2012/05/26/sbk004-kleidung-und-mode/">„Staatsbürgerkunde“</a>. Und ich spare mir darauf verweisend einmal die Ausführlichkeit. Fest steht aber, dass die Mode der DDR <i>anders</i> war und auch vom Westen nicht selten belächelt. Die Kleidung war, wenn sie nicht gerade aus dem <a rel="nofollow" href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Exquisit">„Exquisit“</a> kam, wenig vielfältig oder gar glamourös. Nicht jede_r war so stilvoll wie Katharina Thalbach, als sie 1974 von Sibylle Bergemann fotografiert wurde (zu sehen in einem <a rel="nofollow" href="http://www.youtube.com/watch?v=3sDVjjIeBw8">Youtube-Video</a>). Aber: Dass wir im Vergleich mit dem Westen eher … unmodisch aussahen, das war gerade uns Kindern bewusst.</p>
<p>Vor der Wende, in meinem Fall vor unserer Ausreise, sah das noch anders aus: Unsere Mutti fanden wir hübsch (und das war sie natürlich auch!) und unsere Kleidung gefiel uns gut, so wie sie war (wenn sie nicht gerade kratzte oder juckte, wie so manche Strumpfhose – aber das dürfte ein sehr internationales Problem sein). Das, was ich als „normal“ kennengelernt hatte, war nun aber nicht gerade deckungsgleich mit westlichem Geschmack. Und so merkte ich nach dem Umzug in den Westen unterbewusst schon recht früh, dass ich nicht so ganz „reinpasste“. Dieses Gefühl wurde in den Anfangsjahren nach der Wende nur bestärkt: Jeder Besuch im Osten, bei den Verwandten, den Cousinen, den Freunden, machte es schlimmer. Wie „schlecht“ dort alle angezogen waren. Zumindest fand ich das plötzlich. Es war mir schrecklich peinlich. Dennoch hatte ich nie gelernt, wie das „richtig“ ging, wie man sich im Taubertal eigentlich anzuziehen hatte. Alle taten es ja, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt (alle Einheimischen zumindest). Bourdieu bringt das Problem mit dem Begriff Habitus auf den Punkt:</p>
<blockquote><p>„Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist.“</p></blockquote>
<p><b>Die Rönicke aus der DDR</b></p>
<p>So wie ich war, wollte ich viele Jahre lang nicht sein. Doch das lag nicht nur am Habitus. Hinzu kamen die Klischees und Stereotype über Ossis. Allen voran das legendäre Titelbild des Satiremagazins <i>Titanic</i> um die Wende, das mit der <a rel="nofollow" href="http://www.google.de/imgres?hl=de&amp;client=firefox-a&amp;hs=MKW&amp;sa=X&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;biw=1920&amp;bih=956&amp;tbm=isch&amp;tbnid=Y6LnqC5cAkSpEM:&amp;imgrefurl=https://www.titanic-magazin.de/shop/index.php%3Faction%3Dshowdetails%26from%3Dsearch%26pageNr%3D1%26product">„Zonen-Gaby“</a>. Vielleicht war dieses Titelbild gar nicht mehr nötig, um den Wessis einen Freifahrtsschein zum Lustig-machen über Ossis zu geben. Jedenfalls wurden Sprache, Klamotten, (fehlender) Geschmack, Filme und Serien, Musik und vieles mehr sehr ausgiebig durch den Kakao gezogen. Ossi zu sein war peinlich. Und es wurde von einigen Mitschülern geradezu zelebriert, sich darüber lustig zu machen. In der ersten Klasse wie auch nach dem Wechsel aufs Gymnasium in der fünften Klasse, fanden sich immer ein paar Kinder, die sich der kursierenden Witze dankend annahmen. „Die Rönicke aus der DDR“ – mehr musste man gar nicht sagen. Allein das reichte schon, um abzuqualifizieren.</p>
<p>Über wen ein solches Bild, stereotyp und voller Klischees, gezeichnet wird, der ist nur schwer ein freier Mensch. Immer wieder wird er auf solche Klischees zurückgeworfen sein, sich in Schubladen wiederfinden und dagegen angehen müssen. Angeheizt wurden die Klischees nicht zu knapp auch von Politikern. Zum Beispiel Harald Ringstorff, der von Kristina Schröder sogar lobpreisend und für die konservative Seele stehend zitiert wird: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit.“ Weshalb die Ostdeutschen, nach Ringstorff, lieber alle trockenes Brot äßen, anstatt hinzunehmen, dass alle Brot mit Margarine bekämen und einige wenige sich noch Kaviar drauf schmieren könnten. Schublade auf, Ossis rein, Schublade zu. Die Emanzipation der Ostdeutschen aus all diesen Schubladen ist, so scheint mir, noch lange nicht geschafft. Die Inklusion in ein gemeinsames Deutschland ist genauso misslungen, wie sich Deutschland mit der Inklusion diverser Kulturen immer schwer tut. Und gefühlt sind ja immer <em>die anderen</em> das Problem: Ihr Habitus klebt an ihnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: x-small;">(1) Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp 2012 (22. Aufl.)</span></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Hinterbliebene des Chaos</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/03/28/hinterbliebene-des-chaos-158/</link>
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		<pubDate>Thu, 28 Mar 2013 10:19:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marco-herack</dc:creator>
				<category><![CDATA[ddr-aufarbeitung]]></category>
		<category><![CDATA[eisenhüttenstadt]]></category>
		<category><![CDATA[eisenkinder]]></category>
		<category><![CDATA[Nazis]]></category>
		<category><![CDATA[wostkinder]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Sabine Rennefanzs „Eisenkinder“ ermöglicht einen anderen Blick auf den Westen Deutschlands, indem es von den Fehlern Ostdeutschlands berichtet. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/28/hinterbliebene-des-chaos-158/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Am 12. März 2013 erhielten die Wostkinder <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/06/lechts-und-rinks-in-west-und-ost-71/comment-page-2/#comment-157" target="_blank">eine Warnung</a></span>:</p>
<p>„Die Sache mit dem „Märchen“ oder „Mythos“ vom Antifaschismus in der DDR ist eine von vielen Lügen, so auch von der maroden Wirtschaft oder angeblichen Pleite, welche über die DDR durch die Westmedien und auch einige konservativen Politiker mit recht großem Erfolg verbreitet werden, um in kinkelscher Manier die DDR im Nachhinein zu delegitimieren. Bitte fallt nicht darauf herein!“</p>
<p>Die Warnung bezog sich auf einen <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/06/lechts-und-rinks-in-west-und-ost-71/comment-page-2/" target="_blank">Beitrag von Katrin Rönicke</a></span>, in dem sie sich mit der nicht vorhandenen Aufarbeitung der Naziverbrechen in der DDR auseinandersetzte. Abgrenzung und Verdammung sei keine Aufarbeitung. Der Warnende verwies auf eine „viel sagende“ Rezension zu einem Buch. Besagtes Buch lag zu diesem Zeitpunkt vor mir. Es nennt sich „Eisenkinder“ [1] und wurde von Sabine Rennefanz verfasst. 1974 in Beeskow geboren, war sie zum Fall der Mauer 15 Jahre alt. Den Mauerfall selbst nimmt sie als Ereignis zunächst nicht wahr. Sie sieht den Vorgang als solchen im Fernsehen, begreift es aber nicht so recht und schaltet aus. Zu diesem Zeitpunkt sitzt sie hinter den Mauern eines Elite-Internats der DDR in Eisenhüttenstadt. Der DDR-Vorzeigestadt. Die erste sozialistische Planstadt, die auch heute noch die jüngste Stadt Deutschlands ist und sich mit der Wende zu einem Ort der Trostlosigkeit wandelte.</p>
<p><strong>Im Flow chaotischer Zustände</strong></p>
<p>Eisenkinder ist der Versuch die Dinge zu betrachten ohne eine Wertung vorzunehmen. Es obliegt dem Leser, die Schlüsse aus dem Beschriebenen zu ziehen. Er muss es regelrecht. Zu stark ist der Sog, den der Werdegang von Sabine Rennefanz entfaltet. Aus den gesicherten Verhältnissen der DDR heraus, in denen sie wusste, wie sie zu sprechen und zu lügen hatte, wird sie durch die Wende in ein Chaos geworfen. Sie schaut zu, wie aus überzeugten Sozialisten über Nacht andere Menschen werden. Marktwirtschaft und Freiheit sind die neuen Parolen. Ein Glaubenswechsel, der gänzlich ohne Erklärung stattfindet, wodurch niemand wissen konnte, wie genau der neue Glaube zu Leben ist. Wie man sich als Westler zu verhalten hat, wie die neuen Regeln lauten oder wie sehr sich eine Umgebung über den Dress Code definiert. Ohne jedwede Betriebsanleitung ward jeder urplötzlich auf sich allein gestellt und kämpfte um das wirtschaftliche Überleben. In diesem sich ausbreitenden Chaos befindet sich Rennefanz merklich allein und man hat streckenweise den Eindruck, sie versucht sich in diesem Chaos vor der ihr drohenden Welt zu verstecken.</p>
<p>Das Leben rauscht in dieser Zeit unverstanden an ihr vorbei. Was soll sie auch verstehen, wenn alles was sie tut, von heute auf morgen vollkommen belanglos und falsch sein kann? Täglich ein neuer Glaube droht. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ hört man Adorno im Hintergrund poltern. Die Freiheit des Westens war keine Freiheit, wie sie von einem gefestigten Boden aus verstanden werden kann. Die Freiheit fühlte sich an wie Anarchie. Die DDR war weg und keiner wusste sich zu verhalten. Viele trauten sich gar nicht erst das Wort zu erheben, wenn etwas gefühlt schräg lief. Denn das ist geblieben: der Reflex des Mundlosmachens all jener, die dem vermeintlichen System oder der Annahme darüber widersprachen, die gerade en vogue war. Wie verworren diese Zeit war, zeichnet Rennefanz am Beispiel eines ihrer Lehrer nach, der innerhalb kürzester Zeit die neue Ideologie übernahm und vollkommen für sich adaptierte. Er verschwand eines Tages, weil er sich zu schnell anpasste und dadurch untragbar oder unerträglich wurde.</p>
<p>Das Gebaren westlicher Lebensart wurde versucht zu übernehmen und dabei in teilweise überspitzter Weise ausgelebt. Jeder durfte alles, alle waren überfordert, aber dagegen sein durfte niemand. Der Jugend wurden Bomberjacken gekauft, denn die waren haltbar und recht praktisch. Ebenjene Jugend beschäftigte sich nach der Wende mit den Symbolen und Gebräuchen, die in der DDR besonders stark abgelehnt wurden. <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/06/lechts-und-rinks-in-west-und-ost-71/" target="_blank">Die Saat des Rechtsradikalismus</a></span> konnte sich auf diese Weise sehr leicht ausbreiten. Es widersprach niemand, nicht einmal in den wenigen verbliebenen Jugendclubs. An dieser Stelle des Buches bringt Rennefanz etwas ganz bemerkenswertes zur Sprache, was bei der Diskussion des Themas gerne vergessen wird: Diese Kultur der Abgrenzung und des Frustes stieß auf eine bundesdeutsche Debatte, die ihr absolut nichts entgegensetze. Im Gegenteil: <span style="text-decoration: underline;"><a rel="nofollow" href="https://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-streitfall-auslaenderkriminalitaet_aid_144971.html" target="_blank">Manfred Kanther</a></span> aber auch <span style="text-decoration: underline;"><a rel="nofollow" href="https://de.wikipedia.org/wiki/roland_koch#Kabinett_Koch_I" target="_blank">Roland Koch</a></span> seien hier beispielhaft benannt, als jene, die das lodernde Feuer nur schürten und Ressentiments zu bedienen wussten. Schaurig lesen sich in der Retrospektive die Aussagen diverser Politiker. Und so mag sich bei einigen Menschen der Eindruck verfestigt haben, dass die Überwindung des „Antifaschistischen Schutzwalles“ nun auch ein Leben im Faschismus bedeutet.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-159" alt="" src="http://blogs.faz.net/wost/files/2013/03/hampelmann.gif" width="505" height="505" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Marco Herack</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Sabine Rennefanz geht einen anderen Weg. Sie tritt einer Freikirche bei und wird zur fundamentalistischen Christin, die Bibeln verteilt, in Russland zumindest kurzzeitig zu missionieren versucht und erst durch die Liebe aus ihrem Wahn gerissen wird. Einen Wahn, der sich leicht darauf marginalisieren lässt, dass sie sich von leichten Antworten auf sehr komplexe Fragen verführen lässt. Im Gegenzug werden zwischenmenschlicher Halt und Glaubensfreundschaft geboten. Man gehört zusammen. Der wichtigste Satz des Buches steht auf Seite 219: „Die Welt hinter der Mauer bot ein Gefühl der Geborgenheit.“ Gemeint ist die Mauer einer Freikirche, der Rennefanz sich anschloss. Dieser Punkt erst lässt die Parallelen zu Uwe Mundlos und Co., dem NSU, entstehen. Man ahnt, wie ähnlich die grundsätzliche Problematik sein kann, die dann in den Irrweg führt, der je nach Glück oder Pech mal radikaler oder sanfter verläuft: feste Strukturen, starke Führung, das Gefühl wichtig zu sein und einem höheren Zweck zu dienen.</p>
<p>Dieser Weg ist kein Einzelfall. Geschichten wie diese werden selten erzählt, lassen sich aber oftmals an der schemenhaften Darstellung der Vergangenheit im Freundes- und Bekanntenkreis erahnen. Bei mir persönlich war es beispielsweise so, dass das Thema Drittes Reich für mich einfach nicht zugänglich war. Ich wusste, was da passiert ist, dass man so etwas nicht macht und dass ich es nicht gut finde. Nur fehlte das Verständnis für die sich daraus ergebende Konsequenz. Die Feier- und Trauertage haben mich immer genervt. Wozu das alles und was hat das mit mir zu tun? Das Problem ist und bleibt: Theorie. Es gibt kein Nacherleben und Empfinden. Der Blick von uns Nachfolgenden wird immer abstrakt bleiben. Das Dokumentieren hilft nur insofern, als dass die Informationen bewahrt bleiben. Die Verantwortung für die früheren Taten unserer Gesellschaft zu übernehmen, das müssen die Mütter und die Väter ihre Kinder lehren. Rituale sind nützlich, Blaupausen gibt es jedoch nicht.</p>
<p>Der Grund, warum das Thema für mich schwer zugänglich war, ist bedauernswert einfach. In der DDR waren die Erzählungen Propaganda, die mir in der Schule eingetrichtert werden sollten. Davon kann man sich nur abgrenzen, wenn man es, wie in meinem Fall, bewusst erlebte oder in der Retrospektive erkennt und dann die Dinge in einer neuen Welt neu zusammensetzen muss. Es nagt das Wissen um die Flexibilität des Glaubens an der vor einem liegenden Wahrheit. Befördert wurde dies durch meine Westschulen, in denen es ein leidiges Pflichtprogramm war. Man musste das halt besprechen. Man musste halt dieses KZ besuchen, auch wenn die Krankenquote der Klasse an diesen Tagen bemerkenswert hoch war. Man litt an der Verpflichtung, keinesfalls an dem was Geschah. Und wenn ich das schreibe, dann sind damit weniger die unbedarften Schüler gemeint. Gemeint ist das, was die Lehrer diesen Schülern vermittelten.</p>
<p>Für mich brauchte es erst Hannah Arendts Bericht über den Eichmann Prozess in Jerusalem [2], um den Zugang zu finden. Denn das war eine Ansprache, die ich verstehen konnte. Ohne mahnenden Zeigefinger, ohne Zusprechung einer Schuld oder sich echauffierende Abgrenzungsrhetorik. Hannah Arendt ging es um das Verstehen und dadurch konnte ich verstehen. Und zwar auch, dass nach der Wende niemand für den Osten da war, um den Menschen verstehen zu helfen. Bis heute nicht, denn der einzige Dialog der zwischen West und Ost möglich scheint, ist die verordnete und mit 100 Millionen Euro jährlich geförderte Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. So wichtig das sein mag, es ist kein Dialog auf Augenhöhe.</p>
<p>„Eisenkinder“ ist eines der wichtigeren Bücher. Es ermöglicht das Verstehen, wenn man in der Lage ist, sich darauf einzulassen und den Dialog mit sich selbst zu führen. Ein Anfang, der das Potenzial für mehr bietet. Der es ermöglicht, durch die Sicht auf die Fehler des Ostens die Verfehlungen des Westens zu erkennen und dadurch eine wechselseitige Verantwortung schafft. Eine real existierende Gemeinsamkeit.</p>
<p>Sabine Rennefanz: „<a rel="nofollow" href="http://www.randomhouse.de/paperback/eisenkinder-die-stille-wut-der-wendegeneration/sabine-rennefanz/e417171.rhd" target="_blank">Eisenkinder</a>“. Erschienen im Luchterhand Literaturverlag. 256 Seiten. 16,99 Euro.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hinweis: Melanie Mühl im Gespräch mit Sabine Rennefanz: <span style="text-decoration: underline;"><a rel="nofollow" href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/sabine-rennefanz-im-gespraech-die-generation-der-tickenden-zeitbomben-12110627.html" target="_blank">Die Generation der tickenden Zeitbomben</a></span></p>
<p>[1] Mir ist erst gen Ende des Buches in den Sinn gekommen, dass die Begrifflichkeit „Eisen“ wohl mit Eisenhüttenstadt zusammenhängt. In einem <a rel="nofollow" href="http://www.mdr.de/buchmesse/audios-und-videos/video112056.html" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Interview mit dem MDR</span></a> erläutert Sabine Rennefanz dies noch weiter. Interessanterweise spielt der „Eiserne Vorhang“ dabei keine Rolle.</p>
<p>[2] Gemeint ist „Hannah Arendt &#8211; Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Man mag inhaltlich darüber streiten können, aber Arendt hat einen wesentlichen Beitrag zur Ausdifferenzierung des Themas geleistet. Was allerdings bis heute versäumt wurde, ist die weitere Ausarbeitung des „Verwaltungstäters“ unabhängig von Eichmann. In Zeiten der Supranationalisierung, in der „das Recht, Rechte zu haben“ eines der Wichtigsten wird, trifft man in den von staatlicher Kontrolle losgelösten Institutionen vermehrt auf diese Täterform.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Emanzipation durch Krippe?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/03/21/emanzipation-durch-krippe-oder-so-126/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Mar 2013 14:12:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin-roenicke</dc:creator>
				<category><![CDATA[ddr]]></category>
		<category><![CDATA[Jesper Juul]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderkrippen]]></category>
		<category><![CDATA[Kita]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Als Wostkind habe ich immer geglaubt: Früh Kinder bekommen ist prima! Doch als Wostkind kann ich auch nur warnen: Bei der Kinderbetreuung ist "Masse statt Klasse" sicher eine ganz schlechte Idee. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/21/emanzipation-durch-krippe-oder-so-126/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Für die meisten Menschen, die ich kenne, ist es außergewöhnlich, schon mit Anfang Zwanzig Kinder zu bekommen. Und nicht wenige Menschen verspüren Hemmungen, ihre Kinder bereits vor dem ersten Geburtstag in eine „Fremdbetreuung“, aka Kita zu geben. Ich habe das beides nie als wirkliches Problem angesehen. Weil ich immer fand, dass das Ideal sein muss, so jung wie man möchte mit Kindern leben zu können. Und weil ich zweitens immer fand, dass das Leben eines Menschen nie wirklich lange und dauerhaft nur daraus bestehen könne, sich um diese Kinder und den Haushalt zu kümmern und sonst nichts. Vielleicht hatte das auch etwas mit meiner Ost-West-Sozialisation zu tun.</p>
<p>Mit meinen eigenen Anfang Zwanzig habe ich immer so gelebt, als entspräche die Welt bereits meinen Idealen. Unabhängig von der Realität.  Ich dachte immer, dass man die Probleme ja auch einfach dann angehen könnte, wenn sie tatsächlich kommen. Dass man sich aber niemals von seinen Vorbehalten leiten lassen sollte.</p>
<p><b>Das Ideal junge Mutter</b></p>
<div class="ArtikelBild aligncenter"><div class="MediaLink"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/57/Bundesarchiv_Bild_183-Z0515-029%2C_Kaltensundheim%2C_essende_Krippenkinder.jpg" width="550" /></div><span class="Bildunterschrift">Essende Krippenkinder in Kaltensundheim 1976. Quelle: Bundesarchiv. CC-BY-SA.</span></div>
<p>Dieses Ideal also selbst lebend (mit 24 Jahren Mutter geworden, das Kind nach sieben Monaten in eine Kita gegeben) kamen natürlich sehr bald die ersten Einschränkungen. Und ich fing an, die Welt realistischer zu sehen. Zum Beispiel musste ich lernen, dass Studieren mit Kindern Menschen in eine prekäre Lage bringt.<br />
Sie bekommen ein Kind? Kein Problem: Nehmen Sie sich bitte ein oder mehrere Urlaubssemester von Ihrem Studium, dann bekommen sie von uns Geld, nämlich Hartz IV. Ansonsten können wir Ihnen leider nur das Elterngeld (Mindestsatz) von 300 Euro anbieten &#8211; aber nur für 12 Monate. Und natürlich das Kindergeld.</p>
<p>Klingt alles ganz toll. Aber seien wir mal ehrlich: Man hat es <i>vor</i> dem Kind gerade so geschafft, mit einem Job als Studentische Hilfskraft 400 Euro zusätzlich zu verdienen und damit klarzukommen. Gerade so. Auf Kante und mit Dispo. Irgendwie halt. Und <i>nach</i> dem Kind soll man dann mit 464 Euro klarkommen? Aha.</p>
<p>Aber das muss man ja nicht: Man kann ja stattdessen das Studieren sein lassen – <i>dann</i> bekommt man auch Hartz IV und das wurde damals noch zu den 300 € Elterngeld dazu addiert (dieser &#8220;Fehler&#8221; wurde beglichen, heute gibt es das für Hartz-IV-Empfangende nicht mehr). <i>Davon</i> konnte man dann auch ganz okay leben. Aber eben nicht weiter studieren. Denn der Bezug von Hartz IV und Studieren schließen sich gegenseitig aus. Mein ernst gemeinter Rat an alle Menschen, die mit dem Gedanken spielen, während des Studiums ein Kind zu bekommen: Macht es  nur, wenn auf euch mindestens eine der folgenden drei Bedingungen zutrifft: Eure Eltern haben Kohle und geben sie euch auch; euer Partner hat Kohle und teilt sie mit euch oder ihr bekommt die Kohle durch ein Stipendium.</p>
<p><b>Das Ideal Krippenbetreuung</b></p>
<p>Seit einigen Monaten würde ich mich auch sehr vehement von meinem zweiten Ideal distanzieren, das Ideal der frühen Betreuung. Nicht etwa, weil ich in den Chor der alleswissenden „Kinderversteher“ einstimmen möchte, die stets und fröhlich erklären, welche Schäden alle Kinder kriegen, die vor einem Jahr in eine Kita gegeben werden. Das ist absoluter Humbug – wenn ein Kind eine gute und sichere Beziehung in dieser Kita aufbauen kann, dann kommt es auch unter einem Jahr schon prima klar. Nein – mir machen Entwicklungen Sorgen, die zu einem Verlust an Qualität führen können oder auch schon führen.</p>
<div class="ArtikelBild aligncenter"><div class="MediaLink"><img alt="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/14/Bundesarchiv_Bild_183-W0902-0020%2C_Oppburg%2C_Blick_in_den_Kindergarten.jpg" width="550" /></div><span class="Bildunterschrift">Ein Kindergarten in Oppburg, 1980. Quelle: Bundearchiv. CC-BY-SA.</span></div>
<p>Ursula von der Leyen hat einen rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz für unter-Dreijährige durchgesetzt. Auch ich habe damals applaudiert. Aber so langsam bleibt mir der Jubel darüber im Halse stecken. Der Paradigmenwechsel, den von der Leyen damit losgetreten hat, ist gravierend. Vor allem, für eine konservative Partei wie die CDU. Vom Paradigma „das Beste für das Kind ist die Mutter“ wechseln wir zu „das Beste für die Mutter ist eine Kita“. Oder so ähnlich. Denn die arbeitende Frau wird, <a rel="nofollow" href="http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/recht-und-gehalt/erwerbstaetigkeit-in-partnerschaften-der-maennliche-alleinverdiener-ist-ein-auslaufmodell-12121571.html">wie jüngst zu lesen ist</a>, der Normalfall. Und irgendwohin muss in der Zeit ja das Kind. Okay – das ist grundsätzlich eine Entwicklung, die aus feministischer Perspektive zu begrüßen ist. Wo aber bleiben die pädagogischen Ansprüche? Nur ein paar Fakten:</p>
<ul>
<li>Das Gehalt von Erzieher_innen liegt nicht selten in etwa auf der Höhe des Gehaltes einer Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft (umgangssprachlich: Müllmann)</li>
<li>Die Ausbildung von Erzieher_innen erfolgt nur im Ausnahmefall an einer Hochschule.  Das hat einerseits Auswirkungen auf die theoretische Basis in Erziehungseinrichtungen und andererseits auch auf das Gehalt.</li>
<li>Das Betreuungsverhältnis, das seit Jahren vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte eingefordert wird, kann eigentlich nirgends geboten werden, nicht einmal in Kinderläden, in denen die Eltern selber putzen und noch monatliche Zusatzbeiträge leisten. Es läge eigentlich für Säuglinge zwischen neun und zwölf Monaten bei  1:2, für Kleinkinder von 12 bis 24 Monaten bei  1:3 und von 24 bis 36 Monaten bei  1:4. Hingegen sind Schlüssel von 1:7 bis 1:12 immer wieder an der Tagesordnung.</li>
<li>Nachrichten über die Insolvenz von Kitas werden immer häufiger. Der Bedarf steigt zwar, doch die Kosten werden nicht in dem Umfang gedeckt, der eine qualitativ gute Betreuung ermöglicht. Manche von Elternvereinen getragene Kita muss einen Kredit aufnehmen, um eine Umgebung zu ermöglichen, die kindgerecht ist.</li>
</ul>
<p><b>Wem gehören unsere Kinder?</b></p>
<p>Der dänische Familientherapeut <a rel="nofollow" href="http://www.zeit.de/2012/47/Jesper-Juul-Kinderbetreuung-Krippenplatz">Jesper Juul klagte</a> in seinem zuletzt bei BELTZ erschienenem Essay „Wem gehören unsere Kinder“ hart an, dass es um kindgerechte Betreuung häufig gar nicht mehr ginge, sondern lediglich um Betreuung, damit die Eltern eben arbeiten können. Das würde in Skandinavien schon seit Jahrzehnten gelebt &#8211; Krippenplätze sind dort vorhanden. Aber glücklich macht das Herrn Juul nicht unbedingt und er würde Deutschland gerne warnen, den gleichen Weg zu gehen. Es mag apokalyptisch klingen, wenn er sagt:</p>
<blockquote><p>„Ich halte das für das größte soziale Experiment des vergangenen Jahrhunderts.“</p></blockquote>
<p>Und damit meint er das in Dänemark seit 30 Jahren praktizierte Paradigma der Betreuung außerhalb des Elternhauses. Die Einwände von Juul rufen momentan viel Ärger hervor – und zwar auf allen Seiten. Eigentlich will das gerade niemand so richtig hören. Die Stimmung in Deutschland ist im Moment, dass man auf einer Kristina Schröder herumhacken möchte, die es nicht geschafft hat, die Kita-Platz-Garantie ihrer Vorgängerin umzusetzen. Man fragt nicht nach dem „warum“. Man will einfach nur die Plätze. Man fragt auch nicht, wie gut die dann sind. Währenddessen denkt die Bundesagentur für Arbeit darüber nach, Arbeitslose in Kitas einzusetzen, um den Erzieher_innen-Mangel aufzufangen.</p>
<p>Und ein altes DDR-Ideal erlebt sein kapitalistisches Revival: „Emanzipation durch Arbeit“ – gekoppelt an ein von den Männern vorgelebtes Vollzeit-Dogma. Viele Eltern können es sich zudem gar nicht leisten, ihre Kinder zuhause zu betreuen, sie sind auf zwei Einkommen angewiesen.</p>
<p><b>Lernen von der DDR</b></p>
<p>In der DDR gab es alles das, was heute, fast 25 Jahre nach der Wende, in ganz Deutschland herbeigesehnt wird: Die Infrastruktur in Sachen Kinderbetreuung war quasi lückenlos; es gab genügend Einrichtungen für alle und die Mütter konnten schnell wieder arbeiten gehen. Die Frauen wurden als emanzipiert empfunden, und gaben an, dass ihnen Arbeit und Familie gleich wichtig seien. Die Kinder erlebten, wie Mutti und Vati in Sachen Berufstätigkeit auf Augenhöhe waren.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img src="http://blogs.faz.net/wost/files/2013/03/Kindergarten_Kadda-1024x723.jpg" alt="" width="550" class="size-large wp-image-138" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Katrin Rönicke</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Aber über die Qualität spricht man eigentlich nie. Was für einen Betreuungsschlüssel hatten sie denn in den DDR-Krippen? Welche kinderzentrierten, auf Individualität gerichteten pädagogischen Konzepte gab es denn? Die Geschichte zeigt uns, dass es in der DDR keine Phase gab, in der einmal „anti-autoritäre“ Erziehung „in“ gewesen wäre. Kinder sollten stattdessen funktionieren. Ein häufig genanntes Beispiel dafür ist die Sauberkeitserziehung, die in der DDR sehr früh begann. Wer DDR-Verwandte hat, die vor 1965 geboren wurden, wird um ihren „Töpfchen-Fetisch“ wissen, der häufig noch vor dem vollendeten ersten Lebensjahr eines Babys zum Vorschein kommt. Mir selbst wurde geraten, mein krabbelndes Kind auf einen Topf zu setzen. Dass er erst mit zweieinhalb Jahren trocken war, wurde mit bedauernder Miene wahrgenommen. Sowas gab es in der DDR nicht! Funktionieren und sich in eine Gruppe integrieren – das waren zwei wichtige Eigenschaften, die Kinder haben sollten. Und gab es Probleme, so suchte man natürlich auch nur beim Kind.</p>
<p>Die erste Kita meines Sohnes war eine ehemalige DDR-Kita, die Leiterin war noch die selbe. Und die Herangehensweise an Kinder glaube ich auch. Wir haben aus verschiedenen Gründen gewechselt. In eine sich damals gründende kleine Kita eines privaten Trägers. Mein Sohn war zum Wechsel ein Jahr und drei Monate alt. Ich fasse mir heute noch an den Kopf, dass die Ex-DDR-Kita damals wirklich noch versuchen wollte, bei diesem nicht mal laufendem Kind mit der „Sauberkeitserziehung“ anzufangen.</p>
<p>Eine Verwandte von mir ist Lehrerin an einer reformpädagogischen Schule in Halle. Bei einem Familientreffen im letzten Jahr zeigte sie ein Video von dieser Schule: Wie Kinder dort lernen, wie Lehrer_innen dort denken und wie der Unterricht abläuft. Meine restlichen Verwandten (also jene, die vor 1965 geboren sind) guckten wie Autos und hatten sehr viele Fragen und Einwände. Es wollte ihnen nicht in den Kopf, wie so etwas funktionieren soll. Für sie war irgendwie klar, dass man so natürlich nichts lernen könne – ein Denken, <a rel="nofollow" href="http://www.zeit.de/2011/48/Martenstein">das sich auch bei Harald Martenstein finden lässt</a>, der in jener Runde auch Anklang fand.</p>
<p><b>Es war nicht alles schlecht, aber…</b></p>
<p>Na klar: Diese Einstellung findet sich deutschlandweit. Sie ist in West wie Ost populär. Genauso wie die Krippenplätze für alle, das Vollzeit-Dogma, und die Verknüpfung von Arbeit als Ausdruck von Emanzipation.</p>
<p>Als Wostkind habe ich <i>immer</i> geglaubt und auch ganz bewusst gelebt: Früh Kinder bekommen ist prima! Und Kitas sind auch unter einem Jahr kein Problem und prima! Heute würde ich hinzufügen: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Denn als Wostkind kann ich auch dennoch nur warnen: Bei der Kinderbetreuung ist Masse statt Klasse eventuell eine ganz schlechte Idee. Meine Mutter hat mich vielleicht nicht umsonst die ersten drei Jahre selbst betreut. Und auch wenn es mehr Spaß macht, auf Kristina Schröder herumzuhacken, sollten die Einwände von Jesper Juul nicht ungehört verhallen.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/katrin-roenicke/">katrin-roenicke</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Unsoziale Marktwirtschaft</title>
		<link>http://blogs.faz.net/wost/2013/03/15/unsoziale-marktwirtschaft-100/</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Mar 2013 10:20:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marco-herack</dc:creator>
				<category><![CDATA[einheit]]></category>
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		<category><![CDATA[gerhard schröder]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Ist der Markt sozial oder bedarf es eines Sozialsystems um den Zustand des Sozialen in der Marktwirtschaft zu gewährleisten? Für Ludwig Erhard war der Markt ausreichend sozial. Seine Ideologie setzt sich mit Gerhard Schröder durch. <a href="http://blogs.faz.net/wost/2013/03/15/unsoziale-marktwirtschaft-100/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>1989 stand im chinesischen Horoskop im Zeichen der Schlange. Ebenso das Jahr 2001 (die Anschläge vom 11. September) und nun auch 2013, von dem wir noch nicht wissen, was es uns nebst eines neuen Papstes bringen wird. Gefühlt befinden wir uns gerade wieder in einer größeren Umbruchphase. Bezeichnenderweise steht die Schlange genau dafür. Wenige Menschen würde es wohl wundern, wenn im Angesicht der vielen uns bedrohenden Krisen (bekannt aus Büchern, Fernsehen und dem Feuilleton) ein einschneidendes Ereignis geschähe. Meinen Gedanken möchte ich jedoch gen Vergangenheit wandeln lassen.</p>
<p>Dazu ein Blick aus der Vogelperspektive: Mit dem Fall der Mauer 1989 wurde das Ende des „Ost-West-Konfliktes“ (Kalter Krieg) eingeläutet, der 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sein endgültiges Ende fand. Ein wesentlicher Teil dieses Konfliktes war der Rüstungswettlauf zwischen den Blöcken (Ost und West), von dem man dachte, er wäre nun endlich beendet. Und tatsächlich sanken die Militärausgaben der USA bis zum nächsten Jahr der Schlange. Schon 2001 begannen die Ausgaben wieder zu steigen und erreichten 2004 <a rel="nofollow" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Streitkr%C3%A4fte_der_Vereinigten_Staaten#Budget">neue Höchststände</a>. Im Jahr 2011 betrug der Anteil an den weltweiten Militärausgaben <a rel="nofollow" href="http://de.statista.com/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten-militaerausgaben/">rund 41 %.</a> Der zweitgrößte Investor dieser Art, China, schaffte es immerhin auf ca. 8 %. Ein nicht unwesentlicher Teil der Militärbudgets fließt auch heute noch in die Erforschung neuer Technologien, die im späteren Verlauf nicht selten zu Produkten des Massenmarktes werden. Zum Beispiel das Internet oder Miniaturdrohnen für den Hausgebrauch.</p>
<p>Während dieses Konfliktes waren die Rüstungsausgaben ein Mittel der wirtschaftlichen Kriegsführung. Jener Block, der die Ausgaben als Erstes nicht mehr finanzieren konnte, verlor das Spiel. Dabei zeichneten sich die beiden Blöcke des Ost-West-Konfliktes u. a. durch unterschiedliche Wirtschaftssysteme aus. Der Kapitalismus auf der westlichen und die Planwirtschaft auf der östlichen Seite.</p>
<p>Der Wechsel in die deutsche Perspektive zeigt, dass in der BRD nicht mit dem Kampfbegriff Kapitalismus agiert wurde, sondern mit der Bezeichnung „Soziale Marktwirtschaft“. Das klingt zunächst anheimelnd, doch ergibt sich die Gespaltenheit des Begriffes durch die Frage, ob der Markt bereits sozial sei. Ludwig Erhard, der als Schöpfer der Sozialen Marktwirtschaft gilt, beantwortet diese Frage seinerzeit mit einem klaren „Ja“. Und so waren es dann Konrad Adenauer und Alfred Müller-Armack [1], die für das Soziale in der Marktwirtschaft sorgen mussten. Es ist etwas umstritten, sicher aber nicht zu verwegen, anzunehmen, dass der soziale Faktor in der bundesdeutschen Marktwirtschaft auch dem Dasein der DDR geschuldet war. Für die BRD gab es nicht nur den geostrategischen Kampf gegen einen entfernten Feind, wie für die USA, sondern eine räumlich bedingte Auseinandersetzung mit dem konkurrierenden System innerhalb des eigenen Kulturkreises. Darauf musste auch gesellschaftlich reagiert werden. Diese Auseinandersetzung gewann 1989 <i>der Kapitalismus</i>.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-101  " alt="" src="http://blogs.faz.net/wost/files/2013/03/reisstand.jpg" width="500" height="190" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Marco Herack</span><span class="Bildunterschrift">Reisstand auf dem Fusion Festival 2012.</span></div>
<p>Mit dem Fall der Mauer und einhergehend der Einheit, galt die Soziale Marktwirtschaft für die meisten Menschen in der DDR als ein Versprechen. Im westlichen Deutschland hingegen war es der Kohl’sche Optimismus und der Glaube an die D-Mark, der die ökonomischen Grundlagen für die politische Möglichkeit der Einheit schuf. Aus der Retrospektive heraus können wir leicht sagen, dass die zur Einheit getätigten Versprechen nicht eingehalten wurden. Doch der unbedingte Glaube an die Stärke der D-Mark, die Soziale Marktwirtschaft (Reichtum) für alle bringt, war real. Man glaubte daran. Das System war zu diesem Zeitpunkt bereits zur Ideologie gereift.</p>
<p>Folgerichtig wurde die Soziale Marktwirtschaft <a rel="nofollow" href="http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/DieDeutscheEinheit_vertragWaehrungsWirtschaftsSozialunion/index.html">im Staatsvertrag von 1990</a> zwischen der Bundesrepublik und der DDR als gemeinsame Wirtschaftsordnung für die <a title="Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion" rel="nofollow" href="https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungs-,_Wirtschafts-_und_Sozialunion">Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion</a> vereinbart [2]. Dieser schriftlichen Vergewisserung zum Trotze, wollte es aber nicht so recht funktionieren. Ein kurzer Boom, gewiss, doch keine blühenden Landschaften. Dieser ausbleibende dauerhafte Boom stellt für die meisten Menschen im Osten das gebrochene Versprechen dar. Es gab nicht nur nicht den Platz an der Sonne. Es wurde vielfach nicht mal irgendwie gut. Wenden wir uns gen Westen, stellte der ausbleibende Boom vor allem ein kalkulatorisches Problem dar. Die Einheit verschlang mehr finanzielle Ressourcen als geplant, damit musste ein geeintes Deutschland umgehen. Tat es aber nicht. Stattdessen wurde der Osten problematisiert und der Westen zu etwas davon Abgegrenztem stilisiert. Dieser Vorgang kanalisierte sich in Begriffen wie dem „Besserwessi“ oder „Jammerossi“ in seiner negativ besetzten Konnotation. Die strukturellen Probleme des Westens konnten sich in dieser Phase der Schuldsuche unverändert ausbreiten. Es fehlte der Blick für die Sache.</p>
<p><b>Schröder schafft uns ab</b></p>
<p>Es ist an dieser Stelle verlockend, den Bogen zu Schröder und seiner Agenda 2010 zu schlagen, die sich gestern <a rel="nofollow" href="http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/03/14/dlf_20130314_1840_b1fa9cd4.mp3">zum zehnten Male jährte</a> (mp3-dradio). Doch liegt darin nicht der Anfang allen Übels, sondern nur seine stärkste Ausprägung. Der Prozess an sich begann unmittelbar mit der Einheit und der Schaffung der Sonderwirtschaftszone Ostdeutschland. Offiziell wurde sie <a rel="nofollow" href="http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/demografischer-wandel/70916/angst-vor-der-spritze">nie eingeführt</a>, doch reichte die Schaffung verschiedener Rahmenbedingungen innerhalb Deutschlands aus, um sie inoffiziell entstehen zu lassen. Niedrigere Löhne und Subventionen nach dem Gießkannen-Prinzip prägten das Bild im Osten.</p>
<p>Eine Innerdeutsche Lohndifferenz, die zur Lohnkonkurrenz führte. Begleitet von Fördergeldern lohnte sich der Fabrikbau im Osten. Es ist kein Zufall, dass Mitte der 90iger die ersten Anzeichen der empirisch nicht sonderlich gut ausgearbeiteten „Generation Praktikum“ zu vermerken sind. Ich lass sie als gesetzt gelten, denn mir geht es um den dahinterstehenden Faktor der Elterngeneration, die auf den Lohndruck reagierten. Die Eltern (West) nahmen ihre im Boom aufgebauten Vermögen in die Hand und transferierten dieses Geld zu ihren Kindern, die sich damit zunächst ein Leben in der vermeintlichen Freiheit leisten konnten. Die Vorboten dessen, was wir heute Dienstleistungsgesellschaft nennen. Arbeiter in Selbstorganisation, ohne Festanstellung und ob des fehlenden gewerkschaftlichen Druckes in ihrer Position nicht gefestigt.</p>
<p>Mit diesem Akt der Quersubventionierung reagierte der Westen auf den Lohndruck aus dem Osten und reproduzierte diesen Druck in den Arbeitsmarkt hinein. Der Prozess verstärkte sich dann durch die Supranationalisierung der Konzerne, die lernten, dass sie mittlerweile an nahezu jedem Ort der Welt produzieren und liefern können. Gehen wir an dieser Stelle wieder in die Vogelperspektive, dann griffen die Mechanismen der Marktwirtschaft zu Ungunsten der Arbeitnehmer. Sie trieben ihren eigenen Preis nach unten. Besiegelt wurde dieser Vorgang durch die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder und der Agenda-Politik. Das bereits bestehende Verhalten der Gesellschaft wurde gesetzlich verankert und durch den Staat über 1-Euro-Jobs, Leiharbeit, Lohn-Aufstocker, Finanzmarktderegulierung u. Ä. nicht nur bestätigt, sondern dynamisiert. Das war der Moment, in dem der Markt als sozial definiert wurde. Oder anders formuliert: Das Siegersystem „Kapitalismus“ hat sich in Gänze ausgebreitet.</p>
<p><b>Und jetzt?</b></p>
<p>Mittlerweile leben viele Menschen, die das (was sie mit sich selbst tun) Arbeit nennen, von diesen innerfamiliären Transfergeldern. Die Entwicklung zwischen der Hoffnung, die in den 90igern aufkeimte, und dem erbitterten Ende im Heute lässt sich anhand des Werkes von Katja Kullmann nachvollziehen. Wer nicht auf diese Transferleistung zurückgreifen kann, muss sich im Zweifelfall an den Staat wenden. Bei all dem beschäftigt sich unsere gesamtdeutsche Gesellschaft heute wieder nur mit Schuldigen. Die Griechen. Die Italiener. Die Spanier. Die Portugiesen. Zeitweise auch die Engländer und die Franzosen. Das Schöne ist, für unsere <a rel="nofollow" href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wege-des-geldes-dispokratie-12106343.html">diffuse Angst</a> findet sich immer ein Schuldiger. Und ist Angela nicht willig, so gründet sich eine Partei und ist <a rel="nofollow" href="http://www.roland-klaus.de/allgemein/euro-ausstieg-hoffnungsschimmer-fur-die-deutsche-politik/">dagegen</a>.</p>
<p>Auch Staaten unterliegen der Supranationalisierung. Dieser Prozess ist nicht mehr aufzuhalten. Die Folge ist, dass Schröder wohl der letzte Kanzler war, der selbstbestimmt gestalten konnte. Dabei unterwarf er sich freiwillig den Gegebenheiten, statt Weichen zu stellen. Ich kann da nicht klatschen. Es half im kurzfristigen Wettbewerb, doch was hat es uns, nicht nur an Sozialausgaben erspart, sondern an Sozialem gekostet? Seit Schröder reden wir nur noch über Geld. Auch die Einnahmen des aktuellen SPD-Kanzlerkandidaten. Selbst die Reden zur deutschen Einheit beschäftigten sich letztes Jahr ausschließlich mit der Thematik Geld. Sie nannten es Europa.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: small;">[1] Müller-Armack war bei Weitem kein Heiliger. Er kritisierte an der liberalen Wirtschaftspolitik u. a., dass sie dazu führe, dass die Wirtschaft nicht kriegsfähig sei. Ihm wäre es lieber gewesen, die Wirtschaft hätte ein paar Schwächen könnte dafür aber jederzeit auf die Produktion von kriegswichtigem Gerät umstellen. Nebst Ingenieurskunst wäre es sicher interessant zu hinterfragen, ob der heute noch hohe Anteil der Waffenhersteller an der deutschen Wirtschaft auch dieser Ideologie zu verdanken ist.</span></p>
<p><span style="font-size: small;">[2] Deutschland setzte die Soziale Marktwirtschaft auch in der EU durch. Ungeklärt bleibt bis heute jedoch die Antwort auf die Frage, was genau sozial ist. Ist der Markt sozial oder bedarf es eines Sozialsystems um den Zustand des Sozialen in der Marktwirtschaft zu gewährleisten? Die Existenz eines Sozialsystems hingegen sichert noch lange nicht die Existenz des Bürgers, wie aktuell in Griechenland gesehen werden kann. Die Ausgestaltung scheint so flexibel, dass die Begrifflichkeit „Soziale Marktwirtschaft“ nur noch eine leere Hülse ist. Eine Phrase ohne Wert, die sich schnell daher sagen lässt.</span></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/wost/author/marco-herack/">marco-herack</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/wost">Wostkinder</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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