Ich. Heute. 10 vor 8.

Der Bürger im liegenden Kaktus

Einige der hippen Nichtwähler argumentierten jüngst, wenn es keine Partei gebe, die ihnen wirklich entspreche, sei es moralisch besser, ihr Kreuz gar nicht als irgendwo zu machen. Die Selbst- und Weltwahrnehmung, von der diese Haltung zeugt, bleibt aber nicht den Nichtwählern vorbehalten, sondern prägt unsere Gesellschaft. Wer nicht mit sich im Reinen ist, so der Glaube, kann sich auch gesellschaftlich nicht engagieren. Nach dieser unbewussten Maxime handeln all jene, die eher in den liegenden Kaktus (Yoga-Stellung, Hände hoch) als auf die Straße gehen, um sich als verantwortliche Bürger zu fühlen.

Selbstverrat und Verrat an der Gesellschaft werden miteinander kurzgeschlossen, damit auch ja das Ich schuld ist, falls Ich und Gesellschaft aneinander rumpeln. Deswegen überprüfen Millionen Egos pflichtbewusst ihre Schuldfähigkeit und vergessen dabei die Verantwortlichkeit gegenüber der Gesellschaft. Das hält die Menschen beschäftigt, die Coachs bei Laune und die Verkehrsachsen frei von Demonstrationen.

Schuld daran ist die Bewusstseinsindustrie. Also jener pastellfarbene Strauß an Therapieangeboten, die uns glauben lassen, wir kümmerten uns um uns selbst, während wir uns gleichzeitig wirtschaftsliberale Denkmuster einmassieren. So nehmen wir nicht nur uns selbst, sondern auch die Gesellschaft durch eine therapeutische Matrix wahr. Gesellschaftliche Probleme gehen wir nur an, wenn sie eine Aufgabe für das Ich bereithalten, Potential für inneres Wachstum bieten und so individuell sind, dass das Ego darin seinen eigenen Wettbewerbsvorteil erkennt.

In der Diskussion zur NSA-Affäre hieß es: Das tangiert mich nicht. Warum soll ich mich darüber aufregen, dass die alle meine Daten haben? Ich habe nichts zu verbergen, sagen die einen; an Geständnisse aller Art bin ich gewöhnt, sagen die anderen. Und, ja: das Geständnis ist ein uralter Teil unserer Kultur, das bisher immer Erlösung und Absolution versprochen hat – vom Beichtstuhl über die protestantische Gewissenserforschung bis zur Freudschen Couch.
Nichts gegen die Praktiken von Yoga, Couch und Coach, aber sie sind auch Spielwiesen der Bewusstseinsindustrie. Sie formen uns zu Menschen, die sich um ihr Seelenheil und nicht um die massenhafte Verletzung ihrer Bürgerrechte sorgen.

Man kann die vielen Bürgerrechts-Apathiker also nur dann verstehen, wenn man beleuchtet, wie sich die Bewusstseinsindustrie auf das gegenwärtige Selbstverständnis auswirkt. Historisiert man die therapeutische Perspektive (wie die Soziologin Eva Illouz), wird deutlich, warum Frauen heute die Schuld bei sich suchen, sobald sich ihr Wunsch nach einer Partnerschaft nicht erfüllt, während sie das zu Jane Austens Zeiten noch den gesellschaftlichen Strukturen zugeschrieben haben; warum Männer glauben, ihre Bindungsangst sei der Preis der Freiheit und habe mit verinnerlichten Wettbewerbsmustern nichts zu tun; und woher das gesellschaftliche Wachkoma kommt, in dem wir gerade vor uns hindämmern. All das sind Symptome von niedrigschwellig wirkenden Denkmustern unseres ökonomischen Systems.

Die Probleme, die viele von uns teilen, sind also gerade nicht individueller, sondern gesellschaftlicher Natur. Wenn man sich von den Einflüsterungen der Bewusstseinsindustrie emanzipieren würde, dann könnte man nach dem Yoga tiefenentspannt seine Matte zusammenrollen und für seine Bürgerrechte auf die Straße gehen.

Die mobile Version verlassen