Ich. Heute. 10 vor 8.

Opfer oder Femme Fatale?

Um vorab eines klarzustellen: Ich finde es schlimm, in einer Welt zu leben, in der Versicherungsangestellte auf Kosten der Firma in ein Bordell fahren, als ob es ein Freizeitpark wäre.  Ich finde es ekelhaft, wenn sich einflussreiche Männer nach einer Konferenz Prostituierte in ihre Suite holen, um sich gegenseitig ihre Männlichkeit zu beweisen. Widerlich, weil der Sexismus unserer Gesellschaft sich in diesen Situationen besonders offenbart. Und trotzdem kann ich die von Alice Schwarzer lancierte Kampagne zur „Abschaffung der Prostitution“ nicht unterschreiben. Ein Grund ist, weil diese Kampagne vehement ein geschlossenes Weltbild vertritt, das sich den vielen Realitäten der Prostitution – oder nennen wir sie Sexarbeit – verweigert.
In den Medien haben sich in den letzten Jahren zwei  Bilder von Prostitution verfestigt: Auf der einen Seite die Zwangs- oder Armutsprostituierte, die aus den armen EU-Ländern wie Rumänien oder Bulgarien mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt wurde, hier nun im Elend lebt, Gewalt erfährt und immense Summen ihres kargen Lohns an ihren Zuhälter und Schleuser bezahlt. Den Gegenpol bildet die „selbstbestimmte Sexarbeiterin“, sie ist in der Erzählung entweder Domina, Escortlady oder Stripperin und gerne eine sich prostituierende „Studentin“, also eine, die das freiwillig macht. In der aktuellen Debatte wird sie als herzlose Profiteurinnen des Prostitutionsgesetzes von 2002 diffamiert, die ohne Rücksicht auf die viel größere Gruppe der Zwangsprostituierten der Politik eingeflüstert hätte, die Sittenwidrigkeit der Prostitution abzuschaffen. Hört sich diese Zweiteilung zynisch an? Soll es auch. Denn sie liest sich wie ein steinzeitlich-patriarchal geprägtes Passepartout von Weiblichkeit zwischen Opfer und Femme Fatale. Und genau deswegen bin ich vorsichtig.
Denn wo die Wahrheit liegt, das weiß ich auch nicht. Nur wäre es endlich mal an der Zeit zuzugeben, dass kaum jemand von uns das weiß. Denn Prostituierte sind in unserer Gesellschaft die ultimative Subalterne, eine Gruppe, zu der die Mehrheitsgesellschaft keinen Zugang hat – und andersherum. Wir bekommen nur Schlaglichter – wie die oben genannten – von dem mit, was wirklich passiert, und das durch die Brille von Reportern, Polizisten und Sozialarbeitern, die uns berichten. Sie alle bringen Moralvorstellungen mit, aber niemand von ihnen hat je als Prostituierte gearbeitet oder in einem anderen Land in absoluter Armut gelebt. Vielleicht fühlt es sich aus der Perspektive einer Romafrau, die im Elend lebt und rassistisch verfolgt wird tatsächlich selbstbestimmt an, in Deutschland als Sexarbeiterin zu arbeiten? Auch das hört sich für unsere Ohren zynisch an, aber  ist es nicht auch zynisch, ein T-Shirt für 3,99 € zu kaufen, das von Frauen in sklavenähnlichen Zuständen in Bangladesch genäht wurde? An all diese Fragen können wir uns nur herantasten, wenn wir diese Frauen nicht verurteilen, sondern ihnen als mündige Menschen begegnen – und mit ihnen vorurteilsfrei sowohl über die Bedingungen ihrer Berufswahl, als auch über die Probleme derselben sprechen.
Deswegen ist es meine feministische Pflicht, eigene Moralvorstellungen hintenanzustellen, um die konkrete Lage der Frauen, die in einer viel prekäreren Situation sind als ich, zu verbessern. Da hat die Politik 2002 durchaus richtig gehandelt. Was die Politiker aber auch nicht wissen konnten, war, wie schwierig es sein würde, das Gesetz zur Anwendung zu bringen und welche Fallstricke im Hinblick auf das Thema Menschenhandel sich dahinter verbergen würden. Ein Gesetz braucht immer Strategien zu seiner nachhaltigen Anwendung, von selbst ändert sich nichts.
Auch deswegen gehen Sozial-  und Sexarbeiterinnen von Organisationen wie der Verein Hydra oder die Deutsche Aidshilfe in Bordells, um konkret die Arbeitsbedingungen der Frauen zu verbessern und Gesundheitsaufklärung zu leisten. Sie warnen vehement vor dem von Schwarzer propagierten schwedischen Modell der Illegalisierung, denn es würde ihre Aufklärungsarbeit verunmöglichen: Wer illegal lebt, hat gar keine Rechte mehr.

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