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Prostitution: die große Debatte über Menschenwürde und das kleine Projekt einer Gesetzesänderung

Die Debatte zwischen den Missies und den Emmas über den Appell gegen Prostitution dreht sich im Kern um die Frage, was es bedeutet, wenn Prostituierte sagen, sie arbeiteten freiwillig als Sexarbeiterinnen. Stefanie Lohaus plädiert dafür, diese Aussage ernst zu nehmen, um die Frauen nicht zu entmündigen. Alice Schwarzer schreibt, dass das System Prostitution die Menschenwürde der „sogenannt ,freiwilligenʻ Prostituierten“ verletze und diese Frauen geschützt werden müssten. Die Missies verweisen darauf, dass es gerade aus feministischer Sicht problematisch sei, besser als die betroffenen Frauen selbst wissen zu wollen, was gut für sie ist.

Damit verweist die Debatte auf zwei unterschiedliche Arten, Menschenwürde zu definieren: Dem liberalen Verständnis zufolge markiert Menschenwürde einen Bereich der Unverfügbarkeit für staatliche Gewalt. Der Einzelne soll vor allzu weit gehenden Übergriffen des Staates geschützt werden, innerhalb dieses Rahmens aber selbstbestimmt agieren dürfen. Dem christlichen Verständnis zufolge bezeichnet Menschenwürde darüber hinaus auch eine aus der Gottebenbildlichkeit folgende Unverfügbarkeit der Würde für den Einzelnen. Er oder sie muss folglich vor sittlicher Selbsterniedrigung geschützt werden. Nun berufen sich die Emmas nicht auf die Gottebenbildlichkeit, um den Schutz vor Selbsterniedrigung zu begründen. Doch wie genau ist ihre Position zu rechtfertigen? In welchen Fällen dürfen wir Frauen vor Selbsterniedrigung schützen? Und welche Handlungen fallen unter Selbsterniedrigung? Darüber wird erstaunlich wenig geschrieben.

Diese großen moralischen Fragen verlangen große Antworten. Die Frage, ob man das Prostitutionsgesetz revidieren muss, beziehungsweise wenn ja, wie, lässt sich jedoch bereits – wie ein anderes Beispiel zeigt – anhand von „kleineren“ moralischen Fragen, die auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt sind, sinnvoll diskutieren. 1993 hatten sich auch jene Verfassungsrichter, die sich einer christlichen Tradition verpflichtet sahen, für die Straffreiheit von Abtreibungen in den ersten zwölf Wochen und nach Beratung ausgesprochen. Zum einen, weil sie wussten, dass Strafverfolgung Abtreibungen nicht abgeschafft, sondern in die Illegalität gedrängt hatte (mit allen damit verbundenen Konsequenzen für die betroffenen Frauen). Zum anderen, weil nur ein Bruchteil der Abtreibungen entdeckt und bestraft wurde, was unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten problematisch ist. Auch Prostitution wird sich vermutlich kaum durch Strafverfolgung der Freier abschaffen lassen; auch bei Prostitution wird man vermutlich nur eine sehr kleine Zahl tatsächlich strafrechtlich belangen (können); auch bei Prostitution wird man davon ausgehen müssen, dass die Konsequenzen der Strafverfolgung von Freiern die Lage der Prostituierten deutlich verschlechtern. Sofern diese Annahmen zutreffen, müssten eigentlich beide, Emmas und Missies, zum gleichen Schluss kommen: Prostitution ist ein Übel, Prostitution in der Illegalität ist ein noch größeres Übel.

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