Ich. Heute. 10 vor 8.

Denkfehler Netzutopie

Vor nicht allzu langer Zeit – circa um die Jahrtausendwende – hatte ich in meinem Studium der Kulturinformatik im beschaulichen Lüneburg gelernt, dass das Internet uns alle befreien würde: von staatlicher Kontrolle und Repression, von unseren Körpern und Diskriminierung. In diesem utopischen Raum würden wir uns als Cyborgs jenseits der Geschlechtergrenzen bewegen. Es würde einfach niemanden mehr interessieren, ob wir in der „realen Welt“ ein Mann oder eine Frau sind. Und würde es diese „reale Welt“, wie wir sie kennen, überhaupt noch geben? Würde die im Netz neu geknüpften Beziehungen nicht unser Denken auch dort verändern? Unsere Weltgemeinschaft hierarchiefreier, gleichberechtigter, demokratischer, weniger kapitalistisch machen?

2013 wurde endgültig klar, dass das Gegenteil eingetreten ist: Der Cyberspace spiegelt nur die Machtverhältnisse der realen Welt, ist vielleicht sogar seine hässliche Fratze. Der NSA-Skandal hat gezeigt, wie demokratische Staaten noch nicht mal ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn sie heimlich unseren kompletten Datenverkehr überwachen. Und während 1987 in der BRD noch Menschen auf die Straßen gingen, um gegen eine Volkszählung zu protestieren, wird der NSA- Skandal auf breiter Linie entweder mit einem seufzenden Man-kann-ja-eh-nichts-machen oder Ist-mir-doch-egal-ich-hab-mir-nicht-zuschulden-kommen-lassen quittiert.

Die großen Netzgewinnler, egal ob Amazon, Apple, Google oder Facebook, sind genauso kapitalistisch, ausbeuterisch, großkotzig wie es Großkonzerne schon immer waren. Und der tägliche Sexismus? Zeigt sich, das wissen wir nicht erst seit der Twitter-Kampagne #Aufschrei, im Netz von seiner übelsten Seite. Beleidigungen, Mord- und Gewaltdrohungen sind für viele Frauen, die sich außerhalb von Koch- und Mütterwebseiten bewegen, an der Tagesordnung. Vor allem, wenn sie sich für Frauenrechte einsetzen.

Laurie Penny, Jahrgang 1986, Digital Native und Geek, erklärt in ihrem Essay „Cybersexism – Sex, Gender, and Power on the Internet“, wie es dazu kommen konnte – und verteidigt gleichzeitig den Freiheitsgedanken des Netzes.

Die feministische und die digitale Revolution sind miteinander groß geworden – und beide unvollständig geblieben, so lautet Pennys zentrale These. Beide Bewegungen stellen fundamentale Fragen an die Natur und die Organisation der menschlichen Gesellschaft. Fragen, die die Machthaber verängstigen. Und der Backlash ist in beiden Fällen in vollem Gange.

Schon bei der Formulierung der Netzutopien habe es einen entscheidenden Denkfehler gegeben. Wir vergaßen, dass wir nur dann im Netz frei von Sexismus, Homophobie und Rassismus sein können, wenn wir es schaffen, als weiße, heterosexuelle, christliche Mittelschichtsmänner durchzugehen. Was dazu führte, dass die Gesellschaft begann, Mädchen davor zu warnen, online zu gehen. Zuviel Pornographie, zuviel Pädophile, zuviel Bilder von magersüchtigen Mädchen auf Pro-Ana-Webseiten. Schlechte Einflüsse, die Mädchen daran hindern, gesunde wohlerzogene Frauen zu werden. Nimm keinen Lolli vom „schwarzen Mann“, sagte man früher. Trau niemandem im Chat, heißt es heute.

Doch im Netz wie auch in der realen Welt ist es nur eine Minderheit der Männer, die Frauen belästigen. Viele, die es tun, haben ein Problem damit, wenn Frauen in der Öffentlichkeit ihre Meinung äußern. Frauen sollen sich anschauen lassen, nicht gehört werden. Der Minirock des Internets ist die öffentliche Meinung der Frau, hat Penny schon 2011 gesagt. Und der größte Fehler, den Politiker machen können, ist, das Netz als Raum darzustellen, der für Frauen und Kinder nicht geeignet ist. Weil sie damit genau dieser Minderheit in die Hände spielen. Nicht Internet-Pornographie ist die Wurzel allen Übels, sondern Sexismus.

Das Internet wird mehr und mehr zu dem Raum, in dem wir sozial interagieren, uns organisieren, politisieren, in der Gewalt reale Gewalt ist. Überall finden sich Kommentare, die Frauen als hysterische, überreagierende Schlampen bezeichnen, wenn sie sich politisch oder feministisch äußern. Und die als zensierende Nazis bezeichnet werden, als Angreiferinnen der Redefreiheit, wenn sie es wagen, sich dagegen zu Wehr zu setzen. Penny plädiert dafür, das Netz endlich als Teil des öffentlichen Raums wahrzunehmen, nicht als irgendeine Sonderzone, in der Beleidigungen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen weniger schlimm sind.

Spätestens das Jahr 2013 hat gezeigt, dass der Kampf um die Freiheit im Internet ein realer Kampf ist, bei dem Menschen ihre Heimat verlassen müssen, verfolgt werden, Jahrzehnte im Gefängnis riskieren. Für Penny ist es auch eine Beleidigung dieser Aktivisten, wenn Frauen, die im Netz über Feminismus sprechen, als Angriff auf die Freiheit im Internet beschrieben werden. Misogynie – online und offline – handelt von Macht, Ablehnung und Frustration, nicht von Keuschheit oder Sitte.

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