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Berliner Freiheit GmbH? Der Ausverkauf des öffentlichen Raums am Tempelhofer Feld

| 24 Lesermeinungen

In Berlin läuft gerade etwas gründlich schief. Aber ein Volksbegehren leistet Widerstand.

Berlin ist gerade ein Magnet für Millionen von Menschen aus der ganzen Welt. Warum eigentlich? Was hat diese Stadt, was andere nicht haben? Sie hat vor allem gewisse Dinge nicht: Hier gibt es kaum Industrie und noch weniger Finanzwirtschaft, was die Mieten bis vor kurzem moderat und die wirtschaftlichen Gegensätze gering hielt. Hier gibt es keine alt eingesessene Haute Bourgeoisie, deren Lebensstil und Wohlstand das kulturelle Zentrum der Stadt markiert. Hier kann man einfach herziehen, ohne sich etwas Vorgefundenem anpassen zu müssen. Wer nach Berlin kommt, ist sofort Berliner*in. Hier ist jede fremd, hier sind alle daheim. Hier kann man eine Nischenexistenz führen und doch – oder gerade deshalb? – in der Geschichte stehen, politisiert sein. Gibt es eine zweite Metropole auf der Welt, die das bietet?

Andreas Huyssen, Literaturwissenschaftler an der Columbia University in New York, spricht von den „Voids of Berlin“, den Lücken, Leerstellen und Brachen des Raumes, die durch die Brüche und Sprünge in den historischen Ablagerungen entstanden sind und immer neu entstehen: an der Mauer, in den Bombenlücken, auf den von den Nazis, den Kommunisten, den Alliierten erst besetzten und dann aufgegebenen Plätzen, in den zahllosen Zwischennutzungen und Provisorien. Diese „Voids“ waren bisher stärker als alle noch so gut oder schlecht gemeinten städtebaulichen und erinnerungspolitischen Konzepte. In ihnen wohnt, könnte man pathetisch sagen, die Berliner Freiheit: Anarchisch sperren sie sich gegen Deutungsfestlegungen und geben uns den Platz und die Unbeobachtetheit, um uns eigene Gedanken über uns und unsere Geschichte zu machen und mit ihnen zu experimentieren. Es sind historisch aufgeladene, aber herrschaftsfreie Räume: Nichts zu kaufen, nichts zu gewinnen, niemand zu beherrschen – da kommt man auf Ideen!

Seit allerdings auch die Immobilienanleger dieser Welt Berlin für sich entdeckt haben, beschleicht uns die Angst, dass die Tage der Freiheit gezählt sein könnten. Die Leerstellen und Lücken werden nun ohne langes Fackeln gestopft, die Plätze auf ihre billigsten Bedeutungen festgelegt.

Kennen Sie das Tempelhofer Feld? Das riesige Gelände des ehemaligen Flughafens, auf dem schon bevor der Flughafen dort stand die Menschen flanierten und den Horizont betrachteten, in den Pausen zwischen den militärischen Aufmärschen, für die das Feld eigentlich bestimmt war. Eine Fläche größer als der Central Park in New York, größer als Hampsted Heath in London, viel viel größer als der Tiergarten und so flach und weit wie das Meer. Die Leere par excellence. Am Ostrand lagern sich abends die Leute, um vom Hang in die untergehende Sonne und in den Horizont zu schauen. Irgendwo steht verloren eine „Allmende“, ein kunterbuntes Sammelsurium von Blumen- und Gemüseanbauten, erinnert an altmodische Bauerngärten und gibt eine Vision für die Zukunft. Hier darf jeder sein, es kostet nichts, kein Müll liegt herum (was von der „freien Natur“ oft nicht mehr zu erwarten ist). Die größte öffentliche Freiheits-Nische dieser Stadt und ein weltweit einmaliger Platz.

Und nun hat der Berliner Senat, unter dem enormen Druck des Immobilienmarktes und der Eitelkeit seines Regierenden Bürgermeisters, eine Agentur eingerichtet, deren Zweck darin besteht, diesen Ort symbolisch und materiell zu zerstören. Unter der an Niedertracht kaum zu überbietenden Handelsmarke „Tempelhofer Freiheit“ wird das Feld „erschlossen“, angeblich behutsam und im Interesse des Gemeinwohls: Auf dem Hang mit dem einmaligen Blick werden „Wohnquartiere“ entstehen, im Süden ein „Businesscenter“, und am Tempelhofer Damm ein „Bildungsquartier“ mit einer höchst umstrittenen Bibliothek als „Ankerinvestition“. Die Sprache, mit der die „Erschließung“ von den GmbH’s des Senats betrieben wird, ist nicht die Sprache der Verwaltung oder der Politik, sondern der Immobilien- und der Werbebranche. „Wenn Sie an Flächen auf der Tempelhofer Freiheit interessiert sind, kontaktieren Sie uns“, heißt es auf der Website. Die Bürger werden herzlich eingeladen, sich an dem angeblichen „Modellort der partizipativen Stadtentwicklung“ einzubringen, in einen „formalen Planungsprozess“, dessen Ergebnis längst beschlossene Sache ist. Dabei weiß man: „Die spontane, ungeplante Nutzung freier Flächen ist charakteristisch für Berlin“, und will daraus noch Marktwert schlagen, bevor man es kaputt macht. Wer auf dem um ein Drittel geschrumpften Rest-Feld etwas unternehmen will, darf sich als „Pionier“ registrieren lassen, ein „Pionierverfahren“ durchlaufen und sein „Pionierprojekt“ an ein „Pionierfeld“ anpassen. Klingt irgendwie nach DDR? Ist es aber nicht: nur ein bisschen Pionier-Yoga, zwischen Stadtquartier, Businesscenter und Eventlocation in urbaner Parklandschaft.

Bis zum 13. Januar läuft ein Volksbegehren, das zeigen will, was an „partizipativer Stadtentwicklung“ tatsächlich möglich ist: die Nutzung eines demokratischen Verfahrens, um ein Schutzgesetz durchzusetzen, damit Berlin inne hält und Luft gewinnt gegen den Ansturm auf seine Lücken und Leerstellen und auf seinen öffentlichen Raum: https://www.thf100.de.

Ist es wirklich nur ein lokalpolitisches Thema, dass der Senat nicht offen legt, was die „Erschließung“ des Tempelhofer Feldes die Berliner – und über den Länderfinanzausgleich ganz Deutschland– kosten soll? Hat es nicht eine Bedeutung weit über Berlin hinaus, wie die Politik auf einen völlig aus den Fugen geratenen Wohnungsmarkt reagiert, der mit der Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum keinesfalls zu erklären ist? Werden wirklich nur die Berliner hinters Licht geführt, mit einer plumpen und trügerischen Rechnung, die ihnen einen „langfristigen volkswirtschaftlichen Schaden von 298 Mio €“ weismacht, wenn das Feld nicht dem Masterplan entsprechend bebaut wird? Haben die Anwohner-Interessen, die auf die gewaltigen infrastrukturellen Probleme hinweisen, die die „Erschließung“ mit sich bringen wird, nicht im Interesse aller recht? Sollten wir uns nicht alle Sorgen machen über diese Regierung und diese Stadt, und vielleicht auch über den Zustand der vierten Gewalt, die es nicht nötig findet, all dies zu recherchieren? Und wie stehen wir dazu, dass ein Volksbegehren, Instrument unserer Demokratie, von vielen immer noch nicht ernst genommen wird, während die Prestige-Projekte eines Bürgermeisters, der das Debakel des Flughafens Schönefeld mitzuverantworten hat, immer noch behaupten, sie dienten dem Gemeinwohl?

Wenn wir nicht aufpassen, wird eines Tages die Berliner Freiheit verspielt sein und die Magnetwirkung dieser Stadt sich verflüchtigen. Hässlich und arm ist es auch anderswo.


24 Lesermeinungen

  1. Millesvaches2013 sagt:

    Meinungsbildung
    Im Rahmen unseres partizipativen Kunstprojekts “Die Take- Off- Phase/ Wie zusammen leben?” haben Berliner SchülerInnen im September 2013 ExpertInnen zur Bebauung des Tempelhofer Felds befragt.
    VertreterInnen der Senatsverwaltung, der Bürgerinitiative 100 % THF, PolitikerInnen, EntwicklerInnen und ArchitektInnen haben im Laufe der Gespräche ihre kontroversen Positionen dargestellt und begründet. Als Beitrag zur weiteren Diskussion sind Auszüge in einem Video unter
    https://www.niwo-archiv.info/takeOff/dokumentiert.

  2. […] Marion Detjen hat zum Thema Tempelhofer Feld gründlich recherchiert und ihre Ergebnisse in diesem Artikel zusammen gefasst: blogs.faz.net/10vor8/2014/01/03/berliner-freiheit-gmbh-tempelhofer-feld-droht-der-ausverkauf-des-oef… […]

  3. […] 3. Januar schrieb Marion Detjen auf dem Online-Blog der Frankfurter Allgemeiner Zeitung den Beitrag Berliner Freiheit GmbH? Der Ausverkauf des öffentlichen Raums am Tempelhofer Feld . Sie beschreibt z. B. die Faszination der Leerstellen in Berlin, die herrschaftsfreien Räume, die […]

  4. lus1 sagt:

    völlig richtig!
    ganz hervorragender Artikel von Frau Detjen, den ich in jeder Hinsicht unterschreiben kann!!! Auch ihre Kommentare auf Lesermeinungen. Glücklicherweise scheinen viele Berliner Bürger das genauso zu sehen. Und an die AGB geht die Frage: Was spricht denn gegen eine AGB IM Flughafengebäude. “Eignet sich nicht” ist da ein bisschen mager.

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